ÄSTHETEN

Ich habe zwei Ästheten erster Güte kennen gelernt, einen jungen Mann und

seine junge Gattin. Sie schaut aus, wie man sich den siebzehnjährigen

Dante vorstellt. Sie trägt arabischen und indischen Schmuck. Sie leben

im Tessin, am Lago Maggiore, in einem alten Steinhaus inmitten eines

Edelkastanienurwäldchens. Jeder Satz, den sie äußert, ist ganz tief aus

dem Geiste der Menschheit herausgeschöpft. Was sind eigentlich Ästheten,

die uns brutaleren, zynischeren Naturen doch gänzlich ferne liegen?! Es

sind Organisationen, bei denen sich die Urinstinkte völlig in

Betrachtung und Genießen der zahllosen wertvollen Dinge der Welt

aufgelöst, ja verflüchtigt haben. Alle Gemeinheiten, denen wir noch wie

böse Tiere hie und da unterworfen sind, sind nicht mehr in ihnen. Der

Friede ist in sie eingezogen, durch den ewigen Anblick von Gottes

Weltenschönheiten, Weltenmerkwürdigkeiten. Solche Frauen blicken

verklärter als alle anderen, denn ihr Reich ist, trotz allen Anscheins,

nicht hienieden. Sie werden erlöst von der Sünde in jeglicher Beziehung;

deshalb blicken sie mystisch, in kommende Welten hinein — — —. Jeder

Mensch kann sich aus eigener Macht zu einem geistig-seelischen

Organismus hinaufgestalten; und er und seine Umgebung hätten den Vorteil

davon. Aber nur wenige unternehmen es. Ästheten sind, für brutale

Organisationen betrachtet, wie gebrechliche Spielzeuge des Lebens, in

linden Lüften und linden Düften dahinschaukelnd, tödlich verwundet von

jedem rauhen Wort sogar. Es gibt Dinge, die man in ihrer Gegenwart nie

auszusprechen wagte. Man muß durch sie von selbst ein feinfühligerer

Mensch werden im Augenblick, obzwar man sich natürlich dadurch beengt

fühlt. Aber mit Jeanne d’Arc hätte man ja auch nicht ungezogen oder

sexuell sein können. Um gewisse Organisationen lagert eben die

Atmosphäre Gottes, und da erlischt dann allmählich in den Augen des

Lebenszynikers sein satanisch-ironisches Lächeln! Heil ihnen! Sie haben

mehr gesegneten Frieden als wir anderen, wir Barbarischen — — —. Sie

sind »Naturmenschen« einer erhöhteren, erst anbrechenden Kultur, die

dann nach langer Zeit zu einer zweiten Natur werden wird! Ästheten sind

übertriebene Vorläufer einer gottgefälligeren Seelenentwicklung!

Neues Altes · 第 59 / 126 题