SOMMERABEND IN GMUNDEN

Wir, die nicht genug haben an den Taten des Alltages, wir Ungenügsamen

der Seele, wir wollen unseren rastlosen, enttäuschten und irrenden Blick

richten auf die Wellensymphonien des Sees, auf den Frieden überhängender

Weidenbäume und die aus düsterem Grunde steil stehenden Wasserpflanzen!

Auf die Menschen wollen wir unsern impassiblen Blick richten, mit ihren

winzigen Tragödien und ihren riesigen Lächerlichkeiten; mit düsterer

Verachtung wollen wir nichts zu tun haben, und mildes Lächeln soll der

Panzer sein gegen ihre Armseligkeiten!

Dem Gehen edler anmutiger Menschen wollen wir nachblicken, dem Spiele

adeliger Gebärden und der Noblesse ihrer Ruhe! Ein Arm auf einer

Sessellehne, eine Hand an einem Schirmgriff, das Halten des Kleides bei

Regenwetter, süßes kindliches Bacchantentum bei einem Quadrillefinale,

wortloses Erbleichen und wortloses Erröten, stummer Haß und stummes

Lieben, und alles Auf und Ab der eingeschüchterten und zagen

Menschenseele — — das, das alles wollen wir Stunde um Stunde in uns

hineintrinken und daran wachsen!

Rastlos aber, vom Satan Gejagten gleich, stürmen die Anderen

enttäuschungsschwangeren Zwecken entgegen, und ihre Seele bleibt

ungenützt, verdirbt, schrumpft ein, stirbt ab!

Jeder Tag bringt einen Abend, und in der Bucht beim Toscana-Garten steht

Schilf, und Weiden, und Haselstauden hängen über, ein Vogel flüchtet,

und alte Steinstufen führen zu weiten Wiesen. Nebel zieht herüber, du

lässest die Ruder sinken, und niemand, niemand stört dich!

Neues Altes · 第 58 / 126 题