Sie stand hoch über allen anderen Frauen, die »_wie in düsteren Nebeln_
dahintorkeln, _schicksalstrunken_ und irre!« Sie aber, die
Neunzehnjährige, ging dahin bereits im Lichte der Wahrhaftigkeiten und
hatte es gelernt, an ihren _bittersten Tränen_ mehr zu lernen, als an
den _flachen Freudigkeiten_! Ihr Arzt hatte ihr die »Eitelkeit«
_exstirpiert_, diesen »Krebs der Frauenseele«, der alles, alles Bessere
ihr _wegfrißt_. Bescheidenheit ist Göttlichkeit. Er hatte sie gelehrt,
ein getreuer edler Hund zu sein! Sie hätte bei einer berühmten
englischen »Schau«, um den berühmten »cup«, unbedingt den ersten Preis
erhalten für »getreueste Hundeseele«! Sie konnte blicken wie ein
»Leonberger«, abstammend vom ersten »Bary«, so ganz tieftraurig. Ihre
Intelligenz war licht, tief und einfach. Sie war weder häßlich noch
hübsch, aber manchesmal sah sie verklärt aus, entrückt, und ein Dichter
würde in solchen Momenten über ihren rotgoldenen Haaren einen
Heiligenschein erblickt haben! Jedenfalls fehlte wenig dazu.
Aber die Damen der Gesellschaft sagten über sie: »Schade um das junge
Geschöpf, sie hat gute Anlagen, aber sie gehört in eine ›feste Hand‹,
sie stellt sich das Leben noch anders vor, als es ist; wir leben nicht
in ›Wolkenkuckucksheim‹, sondern, bitte, auf der Erde!«
Über ihrem Bette, an einer wunderbaren japanischen Matte hingen in
schweren Mahagonirahmen die Photographien von Beethoven, Wagner,
Maeterlinck, Bismarck, diesem Deutschland gründenden _Realidealisten_.
Da blickte sie denn oft vor dem Einschlafen hinauf zu ihren Helden und
dankte ihnen herzinnigst für alles, was sie ihr mitgegeben hatten in die
strengen Tage des Lebens. Und daß sie gekämpft und gelitten hatten
eigentlich für sie!
Eines Tages erhielt sie Besuch von einer Dame. »Sind das Ihre Götter?!?«
sagte die Dame.
»Es sind meine Erzieher! Ich befinde mich hier in ›fester Hand‹, man
läßt mir nichts durchpassieren, was nicht menschlich ist!«
Die Dame dachte beim Weggehen: »Es ist schade um das junge Geschöpf, ich
wollte für meinen geliebten Sohn um ihre Hand anhalten, aber es gäbe
unter solchen Umständen nur ein Unglück — — —.«
So blieb sie denn allein! Allein?!? Mit allen Getreuen, den Denkern und
Idealisten, lebte sie in »_Gemeinschaft_«, und niemals, niemals während
ihres ganzen _wahrheitsvollen_ Lebens beneidete sie die, die doch nur
angeblich »glücklich und zufrieden« waren — — —.