Liebes Fräulein Marion Kaulitz, ich habe gestern in der Wiener
Werkstätte, erster Bezirk, Graben 15, die Puppenausstellung besichtigt.
Ich war ganz gerührt. Wie schrecklich sind doch diese Puppengespenster
gewesen aus der Kindheit unsrer geliebten Schwestern und Cousinen! Wie
starrten sie uns blöde herzlos an, erwiderten alle Liebe und Sorge mit
einem nichtssagenden kretinartigen Grinsen, das unsre kleinen Herzen
hätte lieblos machen müssen, wenn wir damals nicht so viel an
selbstloser Liebe aufgespeichert hätten zu adeliger Verschwendung!
Aber nun schufen Sie, Fräulein, Puppen, die wie edle, zarte
Menschenkinder blicken, träumerisch lächelnde, und solche, die sich
anschicken zu weinen und es dennoch unterdrücken! Kleine, zarte Kindchen
schufen Sie, nicht Puppen!
»Das Beste ist für unsre Kinder gerade noch gut genug«, sei der
Wahlspruch von verständnisvollen Eltern. Eine meiner kleinen
zartfühlenden Freundinnen, zwölfjährig, hat am Lande im Garten einen
Zentralkäfig aus spinnwebdünnem Stacheldraht. Innerhalb ein kleiner
ovaler Teich von Quellwasser, und blühende kleine Gesträuche. Dieser
Käfig ist bewohnt von siebzig herrlichen Vogelarten. Hier genießt sie
die Märchen der mysteriösen Natur aus allererster Hand, hat einen
kleinen bequemen Fauteuil davor gerückt, sitzt stundenlang, beglückt und
entrückt — — —.
Geradeso könnte man mit Ihren Püppchen sitzen, stundenlang, Fräulein
Marion Kaulitz! Ich denke mir kinderlose zarte Damen, die dieselben
sanft an ihr Herz drückten. Im Schlafzimmer sollten sie in Sofaecken
kauern, wie kleine zarte Lebewesen! Es gibt einige darunter, die man
direkt lieb gewinnt. Ich kann es mir vorstellen, daß eine alte Jungfer
solche fünfzig ankaufte und so in ihrem Zimmer eine Welt erblühen ließe,
die ihr im realen Leben versagt geblieben ist. Eine Welt von Poesie und
ohne die Enttäuschungen. Eine ist darunter, dreißig Kronen, von der man
es sich vorstellen muß, daß sie unbedingt eine weltentrückte Dichterin
werden würde. Ich sagte zu der wunderbar schönen bleichen Verkäuferin
mit den aschblonden Haaren und der sanftmütigen Stimme: »Melden Sie es
mir seinerzeit, welche Dame diese scheinbar unscheinbare Puppe erstanden
habe! Es wird jedenfalls eine ›innerlich Adelige‹ sein — — —.« Die
bleiche Verkäuferin errötete und sagte: »Ein fremder Herr hat sie heute
bereits von selbst für mich erstanden — — —.«