WESEN DER FREUNDSCHAFT

Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind,

mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde,

sage, geben allen Dingen die _wohlwollendste_ Auslegung. Sie sind ganz

ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle,

_überhören_ eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom

geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige

Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz,

daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns

nach unseren _in uns verborgen liegenden_ Idealen, nicht nach unseren

allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere

_seltenen_ Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind

noble Ausleger, Ausdeuter unseres _wirklichen Wesens_. Sie _begreifen_

unsere Schwächen, sie _achten_ unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie

man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen

ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches.

Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese

wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt:

_Freundschaft_. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »_ewige

Gutmütigkeit_« ist von _Gottes Gnaden_! Man hat sie zumeist erst mit

Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte,

dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns

nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende

Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als

wir selbst!

Neues Altes · 第 6 / 126 题