bei den elektrischen oder hydraulischen Winden der Neuzeit fort und
wird durch Handbewegungen ersetzt. Erwähnt mag bei dieser Gelegenheit
noch werden, daß schon um 1865 der Versuch gemacht wurde, die mühselige
Handarbeit beim Aufwinden der Kaufmannsgüter durch eine Dampfwinde
zu ersetzen, die man in der Schute aufstellte. Es erhob sich aber so
lebhafter Widerspruch seitens der Arbeiter gegen eine solche Neuerung,
die ihnen das Brot nehmen würde, daß man bald hiervon zurückkam.
Nach beendeter Arbeit wurde der Dreger bis an den +Utlegger+
aufgewunden, eine am Giebel angebrachte Vorrichtung mit einer Rolle
aus Pockholz oder Eisen, später aus Gelbmetall, die +Schiev+, über die
der Dreger lief. Geschützt war der Utlegger durch den +Winn’kasten+,
auch +Galgen+ genannt, einen unten offenen Holzkasten. An den Haken
war zuvor ein dünnes Tau geschlungen, die +Fanglien+, die neben der
untersten Luke befestigt war und sein Herabziehen zu neuer Benutzung
ermöglichte. Zuweilen war noch am äußersten Ende des Winn’kastens ein
Haken angebracht, an den man +Schiev un Tau+ hängen konnte, um leere
Kisten, Körbe oder Säcke aufzunehmen, wozu es dann nur eines Mannes
bedurfte.
Beiläufig wäre noch zu bemerken, daß die Löcher im Fußboden, durch
die die Löpers glitten, mit Porzellanringen ausgesetzt waren, um die
Reibung zu vermindern, und daß man die +Winn’löcker+ zustopfte oder
mit Holzringen umgab, wenn Waren gestürzt werden sollten, damit das
Durchlaufen in die unteren Böden vermieden wurde. Für dies +Störten+,
das Ausleeren sämtlicher Packungen einer Partie, um gleichmäßige
Mischung herzustellen, gehörte das +Störtlaken+, eine mächtige
Leinewand, zum Bestand.
Ein hergebrachter Ausruf bei der Arbeit war der Zählgesang bei
Ablieferung bestimmter Waren, besonders von Häuten und Fellen. Bröcker
I. 58 f. veröffentlichte (mit Notenbegleitung) eine Version, die hier
unter Beibehaltung der Schreibweise wiedergegeben sein möge:
„Nu hebbt wi +een+ op’t Neet -- +Terriwe+ kumpleet --
Hebbt wi en +Diarree+ -- dat +veerte+ Mol --
Scheun sünd de groten to +fiif+ -- en +halbes Dutz+ davon in’n Liew --
+Söben+ is de Galgentool -- goht wie de ganze +Nacht+ opp dol --
+Negen+ is de Rummelee -- +Tein!+ tein is tein --
Mein Hamburg an der +Elbe+ Strand -- wie liegst du tief im Tal --
du bist nicht mehr dasselbe Land -- wie Anno dazumal --
Wie hat man dich entrissen -- aus Altertümlichkeit --
du mußt noch vieles missen -- aus deiner goldnen Zeit --
denn so wie du, vallera -- so bin auch ich, vallera.
+Een un de twintig -- terriwe un de twintig --
diarree un de twintig -- veer un de twintig --
fief un de twintig -- soß un de twintig --
söben un twintig -- alle acht un de twintig --
negen un twintig -- nu hebbt wi dottig mol.+“
Auf S. 67 desselben Heftes wird für die Ziffer 5 und 6 die drastischere
Lesart „Scheun is min Wief -- se hett er dickes Lief“ mitgeteilt und
für 11 bis 20 die Version:
„Mein Hamburg an der +Elbe+ -- da geht’s bis nachts um +zwölfe+ --
mok de +Dör to Hein+ -- in de Diekstroot +veertein+ --
bi +foftein+ is ’t en Drinker -- an de +soßtein+ geit nix flinker --
+söben un de tein+ -- denn gode +Nacht min Hein+ --
nu sloop man fein -- so ’n +twintig+ Mool.“ --
Zu 30 heißt es dann noch: „Siehst du woll -- nu hebbt wi +Talje vull+,
vallera!“
Hierzu wäre zu bemerken, daß „Talje“ mit dem engl. ~tally~, Kerbholz,
Zählstrich zusammenhängt. -- „De Groten to fiif“ sind Schnäpse zu 5 Pf.
das Glas. -- Bei 8 pflegt es auch zu heißen: „Gaht wie +alle Nacht+
op un dal.“ -- „De ganze Rummelee“ statt „alle negen“ ist Ausruf beim
Kegeln; „+twe Veerlanner Been+“, wie zuweilen für 11 gebraucht wird,
stammt ebenfalls daher. Zu 12 singt man auch wohl: „in +Horborg is’t
datselbe+.“ -- Bei der „halben Talje“ wird gern ein Schluck genommen,
daher: „bi foftein is’t en Drinker.“ (Vergl. Mitt. a. d. Quickborn IV.
91). Zu 16 hörte ich die Variante: „+an de soßtein geit dat flinker+“:
man arbeitete nun frisch gestärkt weiter.
Der verstorbene C. Rud. Schnitger regte beiläufig die Frage an, ob das
„foftein maken“ vielleicht mit der Berechnung von Häuten und Fellen
nach Zimmer zu 4 Decher zu 15 Stück zusammenhängen könne.
Was sich der Speicher erzählt
[Illustration]
+Hein+: Uns’ Ol hett mi ’n Mark in de Hand drückt un seggt, ik sall uns
dafor Brod un Snaps mitbringn.
+Kodl+: Na, un wat hest du brocht?
+Hein+: För fifunnegntig Penn Köhm un Greun un for fif Penn Brod.
+Alle zusammen+: Harrijeh! Wat süllt wi denn mit all’ dat Brod
opstelln?!
Das nebenstehende Bild (aus der „Reform“, 1877) gibt eine gute Gruppe
von Speicherarbeitern wieder, während der Raum, in dem sie sich
aufhalten, zum Zweck der Belichtung stark idealisiert ist (vergl. Kopal
50 f. und Jünger 10 f.).
Eines eigentümlichen Speicherausdruckes muß ich hier noch gedenken, des
„+Tómann’n+“. Er wurde angewendet für das Weiterreichen kleiner Kolli
von Hand zu Hand, außerdem auch, wenn man z. B. Säcke vom Raum auf
einen höheren Boden zu schaffen hatte und aus irgend einem Grunde die
Winde nicht benutzen wollte oder konnte. Einer der Arbeiter trug die
Säcke dann bis zum ersten Boden, wo ein anderer sie ihm abnahm, um sie
wieder eine Treppe höher zu bringen, und dann so weiter.
Außer dem Hausküper und seinen Leuten fand sich auf dem Speicher
gelegentlich der jüngste Lehrling ein, um eine Bestellung zu machen,
denn den Fernsprecher kannte man noch nicht. In solchen Fällen, wo
Kontor und Lagerräume auf demselben Grundstück vereinigt waren, kamen
auch wohl einige Lehrlinge während ihrer Mußestunden zum Besuch,
die an den Waren, besonders den eßbaren, wissenschaftliche Studien
machten und daneben allerhand Mutwillen trieben (Kopal 47 f.). Da
wurden vielleicht dem alten Herrn, der im Hause jenseits des Fleets
über seinen Büchern brütete, durch ein Brennglas die Sonnenstrahlen
auf die Hand geworfen oder einem Nachbarn mittels Pusterohrs Erbsen
oder Kittkugeln ins Fenster geschossen. Oder man überredete den
„Jüngsten“, sich auf dem Haken stehend nach unten befördern zu
lassen, und weidete sich an seinem Zorn, wenn man die lustige Fahrt
unterbrach und ihn eine Weile zwischen Himmel und Erde zappeln ließ.
Bei einer Firma im Grimm herrschte die hergebrachte Gewohnheit, daß dem
jüngsten Lehrling am Tage seines Eintritts das Gesicht mit Zinnober
eingerieben wurde, worauf man ihn in einen Korb packte und an der
Außenseite des Kaufmannshauses bis an das Fenster aufwand, hinter dem
der Geschäftsherr saß. Pantomimische Entrüstung an der einen Seite,
ebensolche Beteuerung: „Ich kann’s nicht helfen!“ von der anderen
waren regelmäßig die Folge. -- Auch das Klettern am hängenden Dreger
und sonstige Turnerkünste wurden geübt. -- Zuweilen ließ sich übrigens
auch der +Lagerdeener+ sehen, ein Angestellter, der am Kontor alles
unter Händen hatte, was das Lager anging. Der Name Lagerdiener ist
jetzt nicht mehr gebräuchlich. Es mag eben niemand mehr „dienen“,
außer wo es sein muß, nämlich im Heer. Sogar die Köchin, die sich
für Stellung meldet, fragt man heutzutage: „Wo war Ihre letzte
Stelle?“ Für Lagerdiener ist die verfeinerte Bezeichnung „Lagerist“
eingeführt, für Handlungsdiener, wie früher alle gegen Gehalt am
Kontor Angestellte sich nannten, „Kommis“. Noch heute ist übrigens die
„Handlungsdiener-Witwenkasse von 1841“ in Betrieb. -- In alter Zeit
hießen die Angestellten +Scholer+ und +Knechte+ oder +Diener+. Die
Scholer dürften ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt gewesen
sein. Sie wurden, da sie mithin des Lesens und Schreibens kundig waren,
in erster Linie mit Buchführung und ähnlichen schriftlichen Arbeiten
betraut. Außerdem erfüllten sie wohl dieselben Obliegenheiten wie die
Knechte, also Empfangnahme, Beaufsichtigung und Ablieferung von Waren,
Einziehung von Schulden am Platz und auswärts und ähnliches (Nirrnheim
XXVIII.). Scholer und Knechte, besonders die ersteren, mochten bei
ernstem Willen und tüchtigen Leistungen hin und wieder grade so gut
eine selbständige Stellung erlangen, wie heutzutage. Gelegenheit,
ein erspartes Kapital zu vermehren, hatten sie häufig, denn der
Geschäftsherr beteiligte sein Personal bis hinab zur Dienstmagd gern
an kleinen Unternehmungen (Nirrnheim XLIV. f.). In recht vielen
Hamburger Firmen herrscht übrigens noch heute ein außerordentlich
patriarchalisches Verhältnis zwischen Geschäftsherrn und Angestellten.
Alte Handlungsgehülfen und Arbeiter werden oftmals „durchgefüttert“,
wenn sie auch nur wenig mehr leisten können oder beziehen aus freien
Stücken auskömmliches Gehalt auf ihre alten Tage. Andererseits sind
mir Fälle bekannt, wo der Geschäftsherr durch seine ehemaligen
Untergebenen fortlaufend freiwillig Unterstützung erhielt, wenn er im
Lauf der Jahre zurückgekommen war.
Wem es nicht paßte, seinen eigenen Hausküper zu halten, der benutzte
+Quarteerslüd+, Arbeitsübernehmer, die sich ursprünglich immer zu
Vieren (dem „Quartier“) zusammengetan hatten und für eine Reihe von
Firmen die erforderlichen Arbeiten zu vereinbarten Sätzen für das
Kollo oder den Zentner ausführten. Mit diesen Verbindungen müssen
wir uns eingehender beschäftigen. Sie verdienen durchaus eine
besondere Beachtung und höchste Achtung, denn ohne Innungszwang und
ohne staatliche Anerkennung oder Beaufsichtigung haben sich diese
Verbrüderungen einfacher Arbeiter durch Jahrhunderte hindurch das
unbegrenzte Vertrauen der Kaufmannschaft zu wahren gewußt und Güter
von höchsten Werten blindlings zur Verwaltung übertragen erhalten.
Schon längst hätte mal einer aus ihrer Mitte sich daran machen müssen,
Zuverlässiges und Erschöpfendes über seinen Stand zusammenzustellen,
sowie gleichzeitig Klarheit zu schaffen über die Unterschiede zwischen
Huusküper, Quarteerslüd, Spikerarbeiter, Lüd von de Eck und sonstigen
Gelegenheitsarbeitern, die häufig von Zeichnern und Schriftstellern
sämtlich in einen Topf geworfen wurden. Sehen wir uns in dieser
Beziehung einmal an, was über den Gegenstand zu finden ist. Viel
kommt dabei freilich nicht heraus; dagegen entdeckt man fast überall
Ungenauigkeiten oder Falsches.
Im allgemeinen richtig äußert sich Schütze: „Eine Vereinbarung der
Arbeitsleute, die ihren Namen nicht von Quartier oder Viertel, sondern
von der Zahl 4 haben. Vier Arbeitsleute vereinigen sich, um bei den
Kaufleuten Kundschaft zu suchen, und haben ihre eigenen Häuser, die
ihnen betrauen, doppelte Schlüssel zu den Packräumen, davon einen
der Quartiersmann hat. Sie haben eine eigene Firma unter sich und
Kasse, und sorgen, wenn bei Ausschiffungen, Verladungen mehrere
Leute nötig sind, für deren Anschaffung. Sie haben ihren eigenen Ort
der Zusammenkunft, werden aber nicht zu ihrer Quasi-Innung in Eid
und Pflicht genommen. Sie müssen rechnen und schreiben können und
übrigens starke Leute sein. Stirbt einer von ihnen, so wählen sie
und nehmen den tüchtigsten unter sich auf, oft nach einer Probezeit.
Es sind dergleichen mehrere Quartiere, Viermänner, in Hamburg in
den Kirchspielen.“ Einige Jahre vorher (1794) veröffentlichte Chr.
Gottfr. Morasch in seinen „Charakteristischen Kleidertrachten“ zwei
hübsche Abbildungen angeblicher Quartiersleute, und zwar Blatt 8 No.
4 Quartiersmann mit Zuckerproben, dazu die Anmerkung: „Gewöhnlich
bedienen sich ihrer die Zuckermakler, um Proben zu den Raffinerien
herumzuschicken“. (Anderweitig heißt es, diese Leute seien Hausknechte
der Makler gewesen. Das ist auch bestimmt anzunehmen.) Ferner
Blatt 9 Quartiersmann und Arbeitsleute: „Die Quartiersmänner haben
Korporationen unter sich und halten sich gewöhnlich zu vieren in
gewissen Bierkellern auf, wo man selbige zu seinem Bedarf gleich
herausrufen kann. Bei schweren Arbeiten bedienen sie sich der
Arbeitsleute. Die Derbheit ihrer Hände und die Muskeln ihres Rückens
sichern, ohne Kunst und Geschicklichkeit, einer großen Anzahl dieser
Menschen ihren Unterhalt zu. Sie stehen gruppenweise auf den Straßen
und Gegenden, wo der Handelsverkehr sie am meisten bedarf, sie
tragen, schleppen, ziehen, werfen, klettern, winden, schieben, alles
kunstlos und ohne Erfordernis von Genauigkeit. Sie haben Korporationen
unter sich und haben gemeiniglich einen Quartiersmann zum Anführer.“
Auch dieses Bild ist interessant, nur befremdet es, daß Morasch die
Leute auf offener Straße darstellt, und seine Erläuterungen lassen
es gleichfalls im Zweifel, ob er nicht Quartiersleute mit Lüd’ von
de Eck verwechselt hat, besonders da er von einem Bierkeller als
Versammlungsort spricht. -- Von Heß (III. 408) teilt diesen Irrtum:
„Das Institut der Quartiersleute ist von den Auf- und Abwindern der
Kaufmannsgüter erfunden, welche sich je 4 und 4 zusammengerottet
haben, und treu beieinander halten, um sich einer steten Tätigkeit
zu vergewissern und dem, der sie bedarf, die Mühe des Suchens zu
erleichtern. Diese Vierschaften haben ihre besonderen Bierkeller
zu Sammelplätzen, wo sie hervorgerufen werden, und sich, nach
Beschaffenheit der Umstände, verteilen oder in Gemeinschaft an die
Arbeit gehen.“ -- In den alten Kontrakten der Quartiersleute ist
allerdings zuweilen von einem Keller als ihrem Standorte die Rede,
indessen haben wir darunter unzweifelhaft keine Wirtskeller, sondern
ein gemietetes Lokal zu verstehen, wo sie anzutreffen waren oder
ihre Adresse hinterließen und wo sie Arbeitszeug sowie Gerätschaften
aufbewahrten. Sie verpflichteten sich in ihren Verträgen, die Kosten
für Gerät und +Miete+ gemeinsam zu tragen, um dann den Gewinn ebenfalls
gleichmäßig zu verteilen. -- Christoffer Suhr in „Hamburgische
Trachten“ (1838) zeichnet auf Blatt 18 vier „Quartiersleute“ vor einem
Karren mit niedrigen Rädern, worauf ein großes Faß. Wahrscheinlich
sind dies Lüd’ von de Eck, abgesehen davon, daß die Gesichter stark
an junge Mädchen erinnern, die sich einen Maskenscherz erlauben.
Heckscher (29) trifft in seinen ausführlichen Erläuterungen hierzu
durchweg das Richtige. Nur stimmt es nicht, daß auch Möbeltransporte,
Kohlenaufwinden usw. regelmäßig durch Quartiersleute besorgt zu
werden pflegten. Das gehörte nicht zu ihrem Arbeitsgebiet, wenn es
auch ausnahmsweise geschehen mochte. -- In „Hamburg wie es ist --
und -- sein könnte“ (Berendsohn 1839 S. 20 f.) unterhalten sich
„Quartiersleute beim Krahn“, während sie auf Arbeit warten, und
folgen zum Schluß einem Kommis, der sie anwirbt, um im Wandrahm
Indigo abzuliefern. Das können nur Lüd von de Eck gewesen sein, denn
Quartiersleute warteten niemals an offener Straße auf Beschäftigung. --
Durchweg zutreffend sind Bueks Erläuterungen zum „Album Hamburgischer
Kostüme“ (1847), nur ist es vollkommen verkehrt, wenn er sagt, das
Institut der Hausküper sei erst hoch gekommen, weil man die Spesen
der Quartiersleute zu teuer befunden habe. Die Jessensche Abbildung
dazu ist eine der besten, die wir besitzen, abgesehen von dem
bekannten Gruppenbilde des Schillerfestzuges von 1859. Ein Modell des
alten Rollwagens, den die Quartiersleute bei diesem Anlaß mit sich
führten und in berechtigter Vorsicht mit Eßwaren und Getränk beladen
hatten, befindet sich, beiläufig bemerkt, im Museum für Hamburgische
Geschichte. Dort entdeckte ich auch ein ungerahmtes Bild auf großer
Leinewand, vom Maler F. L. Heiser bei Anlaß eines Quartierjubiläums
angefertigt, mit Darstellung zweier Quartiersleute und der Unterschrift
1701-1869. Ich würde solches hier wiedergegeben haben, wenn die
angebliche Tracht von 1701 nicht in eine weit spätere Zeit gesetzt
werden müßte.
In neuerer Zeit lieferte Borcherdt (II. 286 f.) eine gute Studie
über den Gegenstand. Falsch ist darin, daß die Quartiersleute ihren
Kunden den Lohn der Hülfsarbeiter in Rechnung gestellt hätten. Der
ging immer aus ihrer eigenen Tasche, denn sie übernahmen ja die Arbeit
zu festen Sätzen. Das gute Bild eines Quartiersmanns in alter Tracht
erscheint auf dem Umschlag seines Buches. -- Sternhagen (7 f.) führte
in Gestalt des Peter Voß den Quartiersmann ein, „den Vertreter der
Hamburger Kaufmannschaft, der sich in ihrem Dienst zu allen Zeiten
zu Wohlhabenheit und zu besonderen Ehren erhoben habe“, läßt uns
aber von seinem Geschäftsbetrieb nichts erfahren. Nicht zutreffend
ist die Behauptung (28), mit „Koptein“ würden nur die „Konsorten“
angeredet. Dieser Titel kam sämtlichen Teilhabern des Quartiers zu. --
Rat ~Dr.~ Voigt (Mitt. V. 488 f.) hält es bei Besprechung eines alten
Kontraktes für möglich, und ~Dr.~ Obst (Hamburger Fremdenblatt 17.
Nov. 1905 und „Aus Hamburgs Lehrjahren“ 135 f.) scheint geneigt, sich
ihm anzuschließen, daß diese Vereinigungen aus den Knevelkarrenführern
hervorgegangen sein könnten. Mir ist dies höchst unwahrscheinlich,
denn zum Quartiersmannsberuf eigneten sich nur solche Leute, die mit
Behandlung von Waren, Packen usw. Bescheid wußten, also schon auf
Speichern gearbeitet hatten. So wenig wie etwa die Ewerführer konnten
die Kneveler für solche Beschäftigung gebraucht werden, denn sie hatten
nichts weiter gelernt, als ihre Karre zu beladen und zu ziehen. --
Jünger 12 f. und 22 f. bringt ausführliches über die Quartiersleute.
Ich sagte vorhin, es sei zu bedauern, daß keiner aus der Mitte der
Quartiersleute über seinen Stand geschrieben habe. Einer allerdings
hat eine Ausnahme gemacht, Herr J. D. J. Pingel senior, der im Jahre
1880 ein hübsches Folioblatt „Hamburger Quartiersleute“ herausgab, das
offenbar als Wandschmuck gedacht ist. Er liefert wenigstens einige
Andeutungen über ihr Verhältnis zur Kaufmannschaft und die Art ihrer
Beschäftigung und zählt zum Schluß etwa 80 Ökelnamen auf, die später
von ~Dr.~ Borcherdt und anderen wieder abgedruckt wurden. Da die
meisten, die in neuerer Zeit über den Gegenstand geschrieben haben,
aus diesem Blatte ihre Kenntnisse geschöpft haben dürften (wie ihre
Vorgänger aus Morasch und Schütze) und solches außerdem recht selten
geworden ist, bringe ich es vollständig am Schluß dieses Heftes.
Um nichts auszulassen von dem, was ich gefunden habe, sei noch erwähnt,
daß in zwei Volksstücken der Quartiersmann eine Rolle spielte. In
„Hamburger Pillen“ von Schindler und Brünner (1870) trat bei Karl
Schultze der 80jährige Quartiersmann Peter Bostelmann auf (Gaedertz II.
173 f.) und auf derselben Bühne im Jahre 1882 ein Quartiersmann Cords
in Schreyer und Hirschels „Hamburg an der Alster“ (Gaedertz II. 262).
Diese Nachrichten sind dürftig. Es mögen noch einige weitere zu
finden sein, irgendwie belangreiche aber schwerlich, es sei denn, daß
Privataufzeichnungen ans Licht kämen.
Wie und zu welcher Zeit haben wir uns nun das Entstehen des ersten
„Quartiers“ zu denken? Nach meiner Ansicht dürfen wir uns das ohne
irgendwelche Anknüpfung an eine schon vorhanden gewesene Organisation
vorstellen. Wie so manches im kaufmännischen Betriebe sich auf
leisen Anstoß entwickelt, wenn die Zeit dafür da ist, so auch hier.
Ein paar unternehmende tüchtige Arbeiter haben sich zunächst einmal
zusammengetan, um auf Empfehlungen gestützt und auf ihr ehrliches
Gesicht hin den Versuch zu machen, solche Kunden zu gewinnen, für die
sich die Anstellung eigener Hausküper und Speicherleute nicht lohnte.
Als sich gute Erfolge ergaben, haben sie allmählich Nachahmer gefunden.
Ähnlich so ging es im sechzehnten Jahrhundert mit der Einführung des
Maklergewerbes in Hamburg (Ehrenberg 313, 317) und in neuerer Zeit
beim Stande der Warenagenten. In den vierziger Jahren des neunzehnten
Jahrhunderts mußte man einen solchen mit der Laterne suchen. Und jetzt?
Wie Sand am Meer sind sie zu finden! Abgesehen davon, daß die Umsätze
früher weit kleiner waren, besaß jeder Kaufmann für Bezüge von auswärts
oder Abladungen dahin seine festen Verbindungen, mit denen auch häufig
für gemeinschaftliche Rechnung oder in Form von Aussendung auf eigene
Gefahr gearbeitet wurde. Eines Vermittlers bedurfte man also nicht.
Als die ersten schüchternen Versuche gemacht wurden, sich solcher zu
bedienen, sahen die altbegründeten Firmen das beinahe als unlauteren
Wettbewerb an. Ähnlich so werden anfangs die großen Kaufherrn mit
eingeübtem Personal sich durchaus nicht angenehm berührt gefunden
haben, als kleine neue Häuser in den „Packern“ eine Stütze fanden und
ihnen nun oftmals durch Wettbewerb, wie sie ihn früher nicht gekannt
hatten, das Leben sauer machten.
Wann aber dürfen wir die Entstehung des ersten Quartiers annehmen? Ich
glaube der Antwort ziemlich nahe gekommen zu sein. In den Hamburger
Kämmereirechnungen vom Jahre 1508 heißt es (Koppmann V. 66), daß
für Erwerb des Bürgerrechts u. a. eingegangen seien 46 ℔ 6 ß ~de 39
packers~ (richtig müßte es lauten: 46 ℔ 16 ß, da der Satz 1 ℔ 4 ß der
Kopf war). Koppmann vermutet, wohl mit Recht, daß Packer bis dahin
überhaupt nicht Bürger zu werden brauchten, aber 1508 sämtlich auf
einmal hierzu veranlaßt wurden (VII. S. XLVI.). Da in einem Vertrage
von 1693 die Quartiersleute sich als „Compagnions-Packer“ bezeichnen,
so ist bestimmt anzunehmen, daß die „Packer“ von 1508 ihre Vorläufer
waren. Vielleicht legte man diesen den Zwang des Bürgerwerdens auf,
um unliebsame Elemente fernzuhalten, wie aus ähnlichem Grunde die
Hausküper und Quartiersleute später darauf bestanden haben, daß
die Lüd’ von de Eck Hamburger Bürger sein mußten. Außerdem erfuhr
möglicherweise das Institut der Packer grade um jene Zeit eine starke
Ausdehnung, da infolge eines Krieges zwischen Lübeck und Dänemark „der
Sunt geschlossen und die Ostsehe ganz unsicher war, daz die Hollender,
Brabanter und andere nationes mit iren gutern gen Hamburg kamen; und
hat auf das mal die stat an kaufmanschaft sich merklich gebessert und
vermeret“ (Tratziger 252, vergl auch Lappenberg 294).
Wenn wir annehmen dürfen, die einzelne Genossenschaft der Packer habe
schon 1508 aus vier Teilhabern bestanden, so wären damals bereits
zehn Quartiere vorhanden gewesen: bei dem Umfange der Unternehmungen
immerhin eine stattliche Zahl. Ohne Zweifel sind sie ganz allmählich
entstanden. Wir irren vielleicht nicht, wenn wir die erste Gründung
in das vierzehnte Jahrhundert setzen, wo infolge der großartig
entwickelten Bierausfuhr sich hier in immer steigender Anzahl solche
Geschäftsleute eingefunden haben mögen, die mit den rückkehrenden
Schiffen Waren aller Art bezogen, deren Vertrieb ihnen die Packer
ermöglichten. Die ursprüngliche Zusammensetzung der Quartiere können
wir uns dann etwa so denken, daß der „Baas“, der ihnen den Namen gab,
auch die Kontrakte entwarf und die Rechnung führte, ein „Scholer“ war,
während seine „Konsorten“ sich aus ehemaligen „Knechten“ des Kaufmanns
rekrutierten. In späterer Zeit mögen sich häufig Küper zu ihnen
gesellt haben, als dies Gewerbe infolge Sinkens des Brauereibetriebes
zurückging.
Übrigens sind auch Träger und Kohlenträger um die Wende des 16.
Jahrhunderts veranlaßt worden, sämtlich auf einmal das Bürgerrecht zu
erwerben (Koppmann IV. 343, 373), nur daß man diese zu ermäßigtem Satz
zuließ. Vermutlich war ihr Verdienst ein weit geringerer als der der
Packer (Koppmann VII. S. XLVI.).
In späteren Nachrichten ist, soviel mir bekannt, nichts über die
Packer zu finden. Nur werden unter den zwischen 1591 und 1602 in
Hamburg eingewanderten niederländischen Reformierten vier Packer,
~Paqueurs~, mit Namen aufgeführt, sowie fünf weitere ~Paqueurs~, die
sich gleichzeitig in Stade niederließen (Mitt. 6. Jahrgang 35, 38).