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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr verwendete Schreibweisen sowie regional gefärbte Ausdrücke
bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe
wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen
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gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Quickborn-Bücher / 2. Band
Das Speicherbuch
Für den „Quickborn“ in Hamburg
herausgegeben von
Johs. E. Rabe
Dritte, überarbeitete Auflage (6.-10. Tausend)
des Buches „Von alten hamburgischen Speichern
und ihren Leuten“.
[Illustration] Quickborn-Verlag in Hamburg [Illustration]
Umschlagzeichnung von Hans Förster, Bilder
im Buche von Carl Schildt, Christian Förster
und W. Lühring in Hamburg. Bildstöcke
von Carl Griese in Hamburg. Druck von
J. J. Augustin in Glückstadt und Hamburg.
[Illustration: Hamburger Fleet
Zeichnung von C. Schildt.]
Seit dem Eintritt Hamburgs in das deutsche Zollgebiet wird der größte
Teil unserer überseeischen Einfuhr im neugeschaffenen Freihafenviertel
gelagert, während für unsere alten Speicher nur noch geringer Bedarf
verbleibt. Sie sind daher vielfach schon abgerissen worden, um
neuartigen Geschäftshäusern Platz zu machen, die durch zahlreiche
behagliche Schreibstuben und helle, weite Lagerräume für deutsche oder
zollfreie Waren, sowie durch ausgedehnte Werkstätten Aussicht auf gute
Verwertung bieten. Die wenigen, die nach Wiederkehr besserer Zeiten
noch eine Weile ihr Dasein fristen mögen, haben im Innern meistens
so durchgreifende Umwälzungen erfahren, daß man den früheren Zustand
kaum noch zu ahnen vermag. Aber auch andere Veränderungen machen sich
im Hamburger Geschäftsviertel bemerkbar. Der Betrieb spielt sich
durch neue Hülfsmittel und Erleichterungen nicht mehr in derselben
schwerfälligen und mühseligen Weise ab wie früher und schon dadurch
wird auch der Menschenschlag ein anderer, den wir bei der Arbeit
treffen, ganz abgesehen von sonstigen neuzeitlichen Verhältnissen
und Ansprüchen. Endlich aber ist erklärlicher Weise eine ganze
Reihe niederdeutscher Bezeichnungen, Redewendungen und Ausdrücke im
Verschwinden begriffen, weil sie in die Jetztzeit nicht mehr so recht
hineinpassen wollen. Hiervon mitzuteilen, so viel ihm aus seinen
Hamburger Erfahrungen noch gegenwärtig war, hat Herr Walter Redslob in
Temuco (Chile) im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche
Sprachforschung 32 S. 55 f. unternommen, was dann zu gegenwärtiger
Arbeit für den „Quickborn“ den ersten Anstoß gab.
Ich habe versucht, das Bild des Lebens und Treibens in unseren alten
Speichern vor Eintritt der großen Umwälzung hier wenigstens in einigen
Hauptzügen festzuhalten, durchweg auf Grund eigener Erinnerungen und
Forschungen, aber mit Unterstützung zahlreicher Freunde, denen ich auch
bei dieser dritten Auflage wieder vielfach zu Dank verpflichtet bin.
Hamburg, im Dezember 1916 Johs. E. Rabe
Erklärung der Abkürzungen
+Amsinck+: Die Hamburger Zuckerbäcker. In: Aus Hamburgs Vergangenheit
1. Folge
+Beneke+: Hamburgische Geschichten und Sagen, 2. Aufl. 1854
+Borcherdt+: Das lustige alte Hamburg, zweite Hälfte 1891
+Bröcker+: Der Hamburger, 1910-11
+Doornkaat+: Doornkaat-Koolmanns Wörterbuch der ostfriesischen Sprache
+Ehrenberg+: Hamburger Handel und Handelspolitik. In: Aus Hamburgs
Vergangenheit
+Gaedechens+: Historische Topographie von Hamburg
+Gaedertz+: Die plattdeutsche Komödie in Hamburg im 19. Jahrhundert
+Goedel+: Quickbornbuch 9: Klar Deck überall!
+Heckscher+: Chr. Suhrs Hamburgische Trachten
+Hertz+: Paul Hertz: Unser Elternhaus. Hamb. Liebhaberbibliothek 1895
+von Heß+: Hamburg topographisch, historisch und politisch
beschrieben, 2. Aufl.
+Jünger+: J. E. Rathmann & Sohn, Hamb. Roman von Nathanael Jünger
+Kopal+: Aus dem Hamburg der sechziger Jahre
+Koppmann+: Kämmereirechnungen der Stadt Hamburg
+Korr. Bl.+: Korrespondenzbl. des Ver. für Niederdeutsche
Sprachforschung
+Lappenberg+: Hamburger niederdeutsche Chroniken
+Lauffer+: Stätten der Kultur: Hamburg
+Lichtwark+: Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde
+Melhop+: Althamburgische Bauweise
+Mitt.+: Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte
+Mus.+: Bericht d. Museums f. Hamb. Geschichte 1909
+Nirrnheim+: Handlungsbuch des Vicko von Geldersen
+Patriot+: Hamburgische Wochenschrift, erschienen 1724-26
+Richey+: Idiotikon Hamburgense 1755
+Rynesberch+: Geschichtsquellen des Erzstifts und der Stadt Bremen,
herausgegeben von J. M. Lappenberg
+Schlüter+: Traktat von unbeweglichen Gütern 1709
+Schrader+: Hamburg vor 200 Jahren
+Schütze+: Holsteinisches Idiotikon 1800-1804
+Steinhausen+: Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, Bd. 2:
Der Kaufmann
+Sternhagen+: Ut Vadders Tiden, 4. Aufl. 1909
+Tratziger+: Chronik der Stadt Hamburg, herausg. von J. M. Lappenberg
+Zacharias+: Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde 1899
+Zeitschr.+: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte
Etwa siebenhundert Jahre sind verflossen, seit die ersten Speicher
in Hamburg errichtet wurden, d. h. Gebäude, die ausschließlich
zur Lagerung von Waren bestimmt sind. Ihre Vorgänger, die alten
Kaufmannshäuser, in denen sich Wohnung und Warenvorräte unterm
nämlichen Dach befanden, haben wir uns mit Melhop (2 f.) in ihren
Anfängen einfach als in die Stadt gerückte altsächsische Bauernhäuser
zu denken, nur daß diese sich hier, innerhalb der engen Umwallung, auf
sehr beschränktem Raum einzurichten hatten und statt in die Breite sich
in die Höhe entwickeln mußten. Auf die große Diele mit dem offenen
Herd verzichtete man nicht, aber die Wohnräume mußte man dafür schon
in ein oberes Stockwerk verlegen; darüber lagerten sich dann die
Warengelasse. Noch im 13. Jahrhundert waren die Häuser durchweg aus
Holzständern mit Lehmgeflecht dazwischen hergestellt, vielfach auch mit
Stroh gedeckt. Selbst Rauchfänge aus Holz waren häufig zu finden. Kein
Wunder, daß im Jahre 1284 eine verheerende Feuersbrunst fast die ganze
Stadt vernichtete. (Tratziger 63.) Beim Wiederaufbau hielt man sich
wohl an solideres Material, aber von der altgewohnten Einrichtung wich
man weder damals noch später ab. Trotz nachträglicher Einbauten können
wir das noch heute in manchen alten Kaufmannshäusern erkennen. Vor
allem blieb die große Diele, durch zwei Stockwerke gehend und genügend
Tageslicht durch hohe Fenster vom Hof empfangend. Daran, mit breiten
Holzgeländern an beiden Seiten, eine mächtige Doppeltreppe, die auf
eine Galerie des ersten Stockwerks führte. In der Mitte der Decke fand
sich ein durch eine aufklappbare Luke geschlossener Ausschnitt, das
+Winn’lock+, das sich durch alle Stockwerke bis an die Haspelwinde des
Spitzbodens fortsetzte und das Auf- und Abwinden von Waren mittels der
endlosen Windetaue, der +Löpers+, ermöglichte. An anderer Stelle hing
die Wagschale, die +Bummelschal+, von der Decke herab. Es war noch im
19. Jahrhundert das Vorrecht des „Großbürgers“, mit der „großen Schale“
zu wägen, wie auch nur dieser ein eigenes Konto bei der Girobank halten
und Waren „auf Transitozettel deklarieren“, d. h. für fremde Rechnung
ein- und ausführen durfte. -- Küche und offener Herd hatten gleichfalls
ihren Platz an der Diele. Neben ihrem Hauptzweck, der Warenbewegung
zu dienen, bildete diese in vielen Fällen einen wahren Prunkraum,
dessen vergoldete Karosse und blendender Reichtum an Küchengeschirr
bereits von der Straße aus bestaunt werden konnte. Hier hing im Herbst
zur Zeit des „+richtigen Ossenslachterwedders+“ (Sturm und Regen) der
schön geschmückte Ochse (Beneke 359 f.), hier wurden vornehme Gäste
empfangen, hier war auch der Tummelplatz der Kinder (Hertz 36 f.)
und bei Todesfällen fand hier die feierliche Aufbahrung des Sarges
statt (Zacharias 29 f.). -- Lichtwark (1897, 61 f.) schreibt: „Wie
einheitlich und behaglich wirkt der Raum, wie reich und vornehm! ..
Was ihn so lebendig macht, lebendiger als die stolzen Treppenhäuser
der Barockpaläste, das ist seine Lauschigkeit, die das tägliche Leben
ahnen läßt. ... Jetzt stehen noch ein halbes Dutzend im alten Zustande,
aber da die Häuser nicht mehr bewohnt werden und nur als Speicher und
Kontore dienen, sind sie unfrisch oder verkommen. Die Künstler, die
in Hamburg lebten, haben uns von der traulichen Poesie dieser Räume
kein Bild erhalten, den Dilettanten aber, die uns einen Blick in die
dem Untergang geweihte Herrlichkeit festhielten, wird man nicht nur in
Hamburg ein dankbares Andenken bewahren. ... Hätte es solche Schönheit
in der Privatarchitektur Münchens, Berlins oder Düsseldorfs gegeben,
so würden Generationen von Malern in unserem (neunzehnten) Jahrhundert
sie verherrlicht haben. Aus tausend Bildern und Hunderttausenden von
Photographien, Holzschnitten und Stichen danach würde das deutsche Volk
diese Dielen kennen.“ (Abbildungen solcher Dielen bei Lichtwark, Bröer,
Melhop. Vergl. auch Melhop 278 f., Jünger 5, Schrader 42 f., Lauffer
70 f. -- Im neuen Museum für hamburgische Geschichte wird die genaue
Nachbildung einer althamburger Diele einen Glanzpunkt bilden.) Es sei
übrigens beiläufig erwähnt, daß der Hamburger Patrizier sein Stadthaus
nur im Winter bewohnte. Am 17. April pflegte die Familie vors Tor zu
ziehen und kehrte am 18. Oktober in die Stadt zurück.
Wir dürfen die Entwicklung unseres Geschäftsviertels des Großhandels
so annehmen, daß anfangs die Uferfläche, die +Kaje+, durchweg unbebaut
liegen blieb, wie noch jetzt bei den Vorsetzen zu sehen, bis zum
Zollanschluß auch z. B. beim Kehrwieder. So war es ursprünglich in der
Deichstraße, im Cremon, in der Catharinenstraße, wie bei den Mühren,
im Grimm usw. Hinter den Häusern, die sich also nur an einer Seite
der Straße entlang zogen, erstreckten sich tiefe, schmale Gärten bis
an andere +Fleete+, zuweilen auch bis an den Stadtwall oder an offene
Abflußgräben, die später zu Fleeten erweitert und vertieft wurden
(Gaedechens 41). Als die Böden des Wohnhauses dem sich ausdehnenden
Geschäftsbetriebe nicht mehr genügten, begann man dann, an diesen
Hinterfleeten Speicher zu errichten; später folgten schmälere
Verbindungsbauten zwischen Wohnhaus und Speicher und endlich blieben
statt der ehemaligen freien Stücke nur dumpfige, geschlossene Hofplätze
nach. Die Lagerböden fügten sich meistens vom Vorderhause durch den
Mittelbau an die Böden des Speichers in gleicher Höhe an.
Mit der Zeit erstarkten Handel und Gewerbe immer mehr, zum Teil
sprungweise, und erforderten weite große Räumlichkeiten. Ich erinnere
nur an die Bierbrauerei. Schon 1270 war das Hamburger Bier berühmt
(Rynesberch 118 Anm. 100) und im Jahre 1307 wird berichtet, daß es
das Bremer überflügelt habe (Rynesberch 85, Mitt. I. 44). Lauffer 34
gibt an, die Herstellung Hamburger Bieres im 15. Jahrhundert habe
durchschnittlich 100000 Tonnen, gleich 250000 Hektoliter, im Jahre
betragen. Im 16. Jahrhundert gab es hier dann die stattliche Zahl
von 531 Brauhäusern (Lappenberg 14), die in rascher Folge errichtet
waren. Da man sie am liebsten an den Fleeten anlegte, um das Wasser
sowie Gelegenheit zur Verschiffung bequem zur Verfügung zu haben,
so wurde allmählich das ~litus~, die Uferfläche, zum Bebauen in
Angriff genommen. Bis dahin gehörte dieses ~litus~ durchweg den
gegenüberliegenden Häusern und pflegte u. a. von den Brauern benutzt
zu werden, um ihr Brennholz aufzustapeln (Schlüter 21). Schon im
Stadterbebuche von 1248 bis 1274 wird wiederholt der Verkauf solcher
Uferplätze vermerkt (Zeitschrift I. 452 Anm. 5, Gaedechens 50). Es
kam hinzu, daß die Hülfsgewerbe, hier besonders die Faßbinder, viel
Raum beanspruchten. Zwischen 1370 und 1387 waren neununddreißig vom
Hundert sämtlicher Amtsmeister Küper (Koppmann Bd. 3, XX.). Nach und
nach wurden auf diese Weise die ursprünglich frei liegenden Kajen
an den Fleeten vollständig bebaut, teilweise mit Brauhäusern und
Betriebswerkstätten, teils aber auch mit Speichern, die jetzt also
nicht mehr mit dem Sitz des Kaufmanns in unmittelbarer Verbindung
standen. In welchen Zwischenräumen diese Ausfüllung der freien
Uferplätze stattfand, läßt sich oftmals nachweisen. So wurden
beispielsweise die beiden Grundstücke an der Fleetseite der Deichstraße
neben der Hohenbrücke wahrscheinlich zuerst ums Jahr 1322 bebaut, das
im Norden angrenzende als eines der letzten freigebliebenen dieser
Gasse erst zwischen 1397 und 1401 (Mus. 270). Abgesehen hiervon
entstand am Ufer auch nach vollständiger Bebauung keine ununterbrochene
Straßenreihe, sondern zwischen je etwa zwei bis vier Häusern blieb ein
„Fleetgang“ frei, der dann einem der gegenüberliegenden Grundstücke
oder mehreren gemeinschaftlich als Eigentum gehörte. Der Zweck war,
für den Wasserverkehr eine gute Verbindung zu behalten. Gewöhnlich
fand sich dort alsdann am Ufer auch eine „holländische Winde“ unter
gewölbtem, schwarz geteertem Holzdach. Schon im ersten Hamburger
Grundbuch wird wiederholt ein Haus mit dem Recht auf einen Weg ans
Ufer oder einen Anteil daran übertragen (Zeitsch. I. 447 Anm. 2,
3, 4). Man sieht noch heute solche Fleetgänge, z. B. Deichstraße,
Katharinenstraße, Grimm. -- Ich will nicht unterlassen zu erwähnen,
daß Neddermeyer (Hamb. Topographie 221, 238) meint, im Cremon und im
Grimm sei die Wasserseite zuerst bebaut worden. Die Stellen, die er
hierfür anführt (Staphorst, Hamb. Kirchengeschichte I. 2, 102 und 104)
bieten indessen keinen Beleg dafür und die Sache ist auch durchaus
unwahrscheinlich (Vergl. Gaedechens 14, 49, Schlüter 21 und Mitt. IV.
115 f.).
Für Nichthamburger seien einige Bezeichnungen erklärt. +Fleet+
hängt mit Fluß und fließen zusammen. Es ist der Ausdruck für durch
die Stadt strömende natürliche oder künstlich angelegte Flußarme
und findet sich schon im 14. Jahrhundert (Nirrnheim II. 18). Die
Kanäle der Außenalster und im Hammerbrook, die durch Schleusen mit
der Elbe verbunden sind, könnte man also nicht wohl Fleete nennen,
dagegen aber wäre der Name +Zollfleet+ statt Zollkanal für den großen
Wasserzug zwischen Freihafen und Zollstadt angebracht gewesen. --
+Kaje+ kommt aus dem Romanischen und hat ursprünglich die Bedeutung
Klippe und Sandbank, während es, wie Lübben im mittelniederdeutschen
Wörterbuch angibt, im Niederdeutschen ausschließlich Ufereinfassung
ist. -- Es war zu bedauern, daß im Freihafen anfangs die Bezeichnung
Quai, gesprochen Kwai, eingeführt wurde, wo wir doch schon die gut
niederdeutschen Straßennamen +Binnenkajen+ und +Butenkajen+ seit
altersher kannten. Brooktorkaje, Hübnerkaje usw. hätte wirklich sehr
gut geklungen. Glücklicherweise ist man jetzt durchweg zur Schreibweise
Kai übergegangen. -- Speicher, +Spiker+, wird in Grimms Wörterbuch
aus dem spätlateinischen ~spicarium~ erklärt und dies aus ~spica~,
Gedreideähre. Also ursprünglich Kornspeicher. Ich fand den Spiker, als
selbständiges Gebäude verkauft, schon im ältesten Stadterbebuch erwähnt
(Zeitschr. I. 449 Anm. 9) sowie bei Nirrnheim (I. 733, 736).
Im Gegensatz zu der feststehenden Zimmereinteilung der unteren
Stockwerke des Kaufmannshauses und des Mittelbaues bot der
althamburgische Speicher, der sich hinten anfügte oder später
selbständig für sich errichtet wurde, ungetrennte Lagerräume. Er
bestand also eigentlich nur aus den vier Wänden und den Böden, die
durch starke Ständer und Balken aus Eichenholz getragen wurden. Als
man bei Gelegenheit des Zollanschlusses die neuen Freihafenspeicher
errichtete, glaubte man es recht gut zu machen, wenn man ausschließlich
Eisenkonstruktion anwendete. Es fand sich aber bei einem Brande, daß
das Eisen sich derartig dehnte und reckte, daß die Mauern ernstlich
litten. Das war bei der altmodischen Verwendung von Holz niemals
vorgekommen, meistens kohlte solches nur so leicht an, daß es für den
Neubau wieder gebraucht werden konnte. Die Stockwerke hießen +Böhns+
oder +Spiekerböhns+, das oberste der +Spitzböhn+. Ausnahmsweise finden
wir hierfür noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Namen die
+Flier+ bei der Verkaufsanzeige eines Grundstückes am kleinen Fleet,
das früher zur Herstellung von Brodenzucker gedient hatte. Flier ist
außer in Ostfriesland nur in Holland gebräuchlich (Mitt. X. 60). Die
Niederländer, die die Zuckerraffinerie im 16. Jahrhundert bei uns
einführten (Amsinck 209 f.), werden diese Bezeichnung mitgebracht
haben, ebenso wie die Berechnung der Ware in Grote, die noch zu Anfang
des 19. Jahrhunderts hier im Großhandel üblich war. -- Richey erwähnt
als Name des alleröbersten Bodens „+Oken+“. Solcher ist noch jetzt für
die Winkel bekannt, wo das schräge Dach den Fußboden berührt.
Heizvorrichtungen fehlten im Speicher, ebenso zuweilen Aborte. Wo
man diese nicht entbehren wollte, fügte man sie im Erdgeschoß, nach
der Fleetseite, als Ausbau an, mit einer viereckigen Holzröhre, die
mehr oder weniger weit hinunter ins Fleet reichte, immerhin nicht
tief genug, daß sich nicht bei niedrigem Wasserstand eine Schute noch
gerade darunter schieben konnte. Bis das Schwemmsystem unserer „Siele“
allgemein durchgeführt war, gab es noch um die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts auch für die Wohnhäuser an den Fleeten ausschließlich
diese Form von Aborten. Die gefrorenen Exkremente bildeten im Winter
einen recht unerfreulichen Anblick. Im Sommer, wenn anhaltender Ostwind
die Fleete leerlaufen ließ, kamen Gerüche hinzu, die nicht selten
jede Lüftung der Zimmer verhinderten. Ein Bild aus jener guten alten
Zeit: „Hallo, wat ’s dat for’n Waar“, ruft der Ewerführer aus seiner
Schute ins Erdgeschoß hinauf. „Frachtbreef kummt gliek na!“ schallt es
zurück. -- Solche Straßen, denen kein Fleet als bequemer Abzugsgraben
diente, hatten Eimerabfuhr. Die Eimer, sehr zartfühlend +Goldammers+
getauft, standen dann in den engen Gassen reihenweise bereit, bis der
Ruf „+Dreckwaag+!“ (verkürzt aus Dreckwagen) die bevorstehende Leerung
ankündete. Ähnliche und zum Teil schlimmere Zustände herrschten damals
natürlich auch in anderen Großstädten Europas. Den meisten ist Hamburg
mit Einführung gemauerter Abzugskänale vorangegangen.
Fenster waren im Speicher nicht allzu reichlich vorhanden und die
kleinen Scheiben waren trübe. Sie wurden vermutlich nur sehr selten
geputzt: eine Hausfrau verstieg sich nicht hierher. Brauchte man für
die Arbeit Tageslicht, so öffnete man die +Luken+, doppelte breite und
hohe Holztüren, neben denen eiserne Griffe in die Mauer eingelassen
waren, damit man sich beim Ausgucken festhalten konnte. Für Erleuchtung
bei Dunkelwerden diente die ölgespeiste +Kugellamp+ aus sehr dickem
Glas in Art der Schiffslaternen, mit Blechuntersatz und einem Henkel.
-- Für Schreibarbeit benutzte man eine Ecke am Fenster, meistens durch
Holzverschalung in eine Art von Zimmer, das +Kabuff+, verwandelt. Hier,
wie auch wohl an anderen Stellen, pflegten die Wände mit Holzschnitten
aus der „Reform“ geschmückt zu sein, zuweilen auch mit launigen kurzen
Inschriften und Zeichnungen, mittels Pinsels aus dem +Markputt+
hingeworfen, einem kleinen, nach oben etwas verjüngt zulaufenden
Holzeimer, gefüllt mit einer Mischung von Kienruß und Leckbranntwein
zum Zeichnen (Marken) der Packungen. Den +Leck+ lieferte der
+Köhmkaaker+ umsonst, es war der Schnaps, der beim Vollschenken oder
Reinigen der Gläser abtropfte. -- Den Markputt pflegte der „Hausküper“
auf der +Snibank+ selbst herzustellen. Sonst diente diese (auch
+Snibock+ genannt) hauptsächlich dazu, Holzböden, Faßstäbe (+Staff+)
usw. zuzuschneiden. Man saß darauf rittlings, vor sich eine Einrichtung
zum Festklemmen des Holzes, und benutzte nach Bedarf ein +Tochmeß+ oder
ein +Krummeß+, beide aus breiter Schneide mit Holzgriffen an den Enden
bestehend. -- Das Marken wurde mit großer Schnelligkeit in meistens
schräg liegenden lateinischen Buchstaben sowie arabischen Ziffern von
schlanker, besonders deutlicher Form vorgenommen. Schablonen wurden
früher wenig benutzt, während die Frachtführer jetzt meistens darauf
bestehen.
Schmale, steile Holztreppen, die möglichst wenig Raum wegnehmen
durften und nicht massiv eingefaßt, sondern nur mit Lattenverschlag
versehen waren, verbanden die Böden. Sie waren ausschließlich für
Personenverkehr geeignet. An ihnen fand sich häufig ein vom Boden aus
zugängliches Nebengelaß oder ein Bort, der +Bislag+, angebracht. Sonst
war an geeigneter Stelle noch ein Aufbewahrungsort für Packmaterial,
das +Strohlock+, vorhanden, sowie ein Gerüst für leere Kisten, der
+Hangeböhn+, auch wohl +Galgen+ genannt. Der gesamte übrige Raum diente
für das Aufstapeln von Waren, wobei man sich an keine Belastungsgrenze
kehrte, wie solche in den neuen Freihafenspeichern überall
vorgeschrieben ist. Bei Eisenkonstruktion brechen eben die Nietenbolzen
bei Überlastung, während hölzerne Tragbalken federnd nachgeben, also
keine besondere Vorsicht erheischen. Wohl kam es vor, daß die Mauer
sich etwas schief zog und, wo sie nach dem Fleetgang frei lag, durch
Stützen gegen das Nachbarhaus gehalten werden mußte. Das war z. B. in
dem Hause Deichstraße 45 der Fall, in dem ich meine Jugend verlebte,
und kostete natürlich eine jährliche Vergütung. -- Einen eigentümlichen
Speicherbau, wie es deren vielleicht noch mehrere gegeben hat, findet
man Steckelhörn 5. Hier steht die gesamte Holzkonstruktion frei für
sich, ohne irgendwelche Berührung mit der Hausmauer; das hat den großen
Vorteil, daß die Tragbalken nicht unter Feuchtigkeit der Mauer leiden
können. Man vergleiche hierzu, was Linde (Die Niederelbe, 4te Aufl. S.
55) über das Marschenhaus sagt.
Von losem Inventar fand sich in den alten Speichern zunächst die
+Schaal+ oder +Bummelschaal+, die hängende Wagschale. Sie bestand aus
dem eisernen Wagebalken, der mittels Ringes über einem ~S~-förmigen
Haken der Decke hing, sowie zwei Wagschalen aus starken Holzbohlen mit
kräftigen Tauen an den vier Ecken, die oben über Eisenringe gespleißt
(+spleeßt+) waren und an diesen auf die Haken gehängt wurden, die der
Wagebalken an jedem Ende trug. (Spleißen heißt die innige Vereinigung
der aufgefaserten Tauenden durch Flechten und Durchstecken.) Auf eine
der Schalen häufte man die Ware, auf die andere die Gewichtstücke,
deren eine große Auswahl zur Seite bereit stand, hauptsächlich
Hundertpfundstücke. Man sagte: „+Da mutt noch en Hunnert rop+“ oder
„+en Hunnertpundsloot+“, und für wägen +punnen+: „+Hebbt ji de
Ballen all punn’d?+“ Auf Jost Ammans Holzschnitt aus dem sechzehnten
Jahrhundert „Allegorie des Handels“ stehen bereits gegossene
Gewichte in gleichmäßiger Glockenform mit kleinem Henkel neben einer
Hängeschale, die der obigen Beschreibung gleicht (Steinhausen 56,
Beilage 6). -- Zuweilen wurde bei Ablieferung von Waren die Bedingung
„+Geld bi de Schaal+“ vorgeschrieben, in Fällen, wo man dem Käufer
nicht traute. (Es herrschte sonst der Gebrauch, daß am Tage nach
Empfang Zahlung durch die Bank erfolgen mußte.) Die Rechnung wurde
in solchem Falle gleich ausgestellt und war zu begleichen, bevor die
Gewichtstücke heruntergenommen waren, bei hängender Schale. -- Wurden
die Schalen nicht gebraucht und waren sie für die Arbeit im Wege, so
hakte man sie los und stellte sie beiseite, ebenso wenn man besonders
große Kolli ohne Schale wog, indem man sie an Ketten direkt an den
Wagebalken hängte. Jetzt sieht man diese Wägevorrichtung fast gar nicht
mehr, da meistens Dezimalwagen angewendet werden, die sich leicht
überallhin versetzen lassen. Nur in einzelnen Betrieben, wo es auf
besonders genaues Gewicht ankommt, z. B. beim Butterhandel, findet man
noch die Bummelschale.
Zum Weiterbewegen von Waren innerhalb des Lagers benutzte man die
+Kaar+ oder +Spikerkaar+, bestehend aus zwei miteinander verbundenen
langen Hebelarmen mit löffelförmigem Eisen am unteren Ende, woran
zwei kleine Eisenräder befestigt waren. Mit ihrer Hülfe schaffte man
auch Kolli über die +Brügg+ auf den Wagen; das war eine breite Planke
aus Holzbohlen mit einer Klammer, die auf dessen Bordwand paßte.
Fässer rollte man auf der +Striekledder+ hinüber (zuweilen, aber
seltener, auch +Schroodledder+ genannt), einer Leiter ohne Sprossen,
bestehend aus zwei Bäumen, die oben und unten durch Klammern aus
Holz oder Eisen zusammengehalten wurden. Sie diente auch, um Fässer
über Treppenstufen zu befördern. -- Galt es besonders schwere Kolli
von der Stelle zu rücken, so benutzte man den +Kohfoot+, eine dicke
meterlange Eisenstange, vorn umgebogen und gespalten. Mußten gewichtige
Kisten behufs Weiterbewegung angepackt werden, so diente dazu der
+Handhaken+, für dicke Säcke der kleinere +Griper+. An sonstigem Gerät
fand sich zunächst der +Snitzer+, ein kantig geschliffenes Messer,
womit man in Holzbänder, die dabei in der linken Hand und unterm Arm
ruhten, länglich viereckige Ausschnitte, +Schränke+ oder +Slott+,
kerbte. Wurden diese dann ineinander gehakt, so war der feste Reifen
gebildet, den man mittels des +Drivholts+ oder +Fuustholts+, eines
hölzernen Treibkeils, und des +Deessels+ auf das Faß trieb. (Früher
hieß es die Deessel, jetzt hört man durchweg +der+ Deessel.) Man
benutzte dieses beilförmige Werkzeug auch zum Ausdeesseln von Fässern
und beim Verspunden derselben, um das überflüssige Holz des Spundes
und die Spundlappen zu entfernen, sowie den +Häringsdeessel+, von
länglicher Form, um Häringstonnen zu öffnen. -- Galt es, +isern Bann+
(Eisenreifen) auf Fässern zu treiben, so diente das +Drievisen+ oder
die +Setz+, ein eiserner Treibkeil, und der +Setzhamer+. -- Ein kurzes
Brecheisen, de +Resiensnadel+, vorn umgebogen und gespalten, wurde
angewendet, um fest gepackte Waren aus ihrer Verbindung zu lockern,
Fässer zu öffnen, Deckel der Kisten zu lösen, Nägel zu ziehen und die
+Inbann+ loszubrechen, Holzbänder, die zur Sicherung der Böden in die
Krösen der Fässer genagelt waren.
Zur Entnahme trockener Proben hatte man den +Löper+, eine an beiden
Seiten offene Metallhülse, deren spitzer zulaufendes Ende man in
den Sack stieß, um aus dem anderen die Probe schlank in einen
untergehaltenen Beutel laufen zu sehen. Es gab deren verschiedene
Arten. Solche mit ganz spitz zulaufender Öffnung dienten für Zucker,
Reis, Saaten usw. Man konnte dann das entstandene kleine Loch durch
Zusammenziehen der Fäden wieder dichten. Für Kaffee mußte die Öffnung
natürlich weiter sein, wieder andere benutzte man bei mehlförmigen
Waren. Für Flüssigkeiten diente der +Steker+, +Provensteker+, auch
+Suger+ genannt, ein Stechheber, der angesogen und, wenn gefüllt,
durch den Daumen oben geschlossen wurde. Butterproben zog man mittels
des +Botterisens+, einer eisernen Hülse, deren eine Seite offen war.
-- Um alte Marken wegzukratzen, nahm man die +Schaav+ zur Hand, für
Kisten ein gebogenes Schabeisen mit zwei Holzgriffen, für Fässer ein
dreieckiges flaches Eisen, in dessen Mitte ein Holzstiel eingelassen
war. -- Als Behälter für +allerhand Smeerkram+ fand sich in irgend
einer Ecke die +Sappskeek+ (Sapp ist Saft, mit der Nebenbedeutung
schmierig). -- Waren Säcke auszubessern, so diente dazu das +Neihgaarn+
oder +Drahtneihgaarn+ (starker Bindfaden, +Dreedraht+ oder +Veerdraht+,
je nach der Zusammensetzung) sowie eine dreikantige +Nadel+, meistens
aber, besonders für dicke +Rappertsakken+ (engl. ~wrapper~), die
+Sninadel+ mit scharfer Schneide, die besser durchging und womit
der Faden gleich abgeschnitten werden konnte. -- Die meisten dieser
Gebrauchsgegenstände werden, beiläufig bemerkt, noch heute angewendet,
indessen benutzt man auch vielfach schon Werkzeug nach amerikanischer
Art, das gleichzeitig verschiedenen Zwecken dient.
Über die vorkommenden Packungen der Waren, wie sie die Fremde
liefert (Seronen, Gonjes usw.), ist wenig von Interesse zu melden.
Im Fruchthandel gibt es +Siffen+, Körbe für etwa 23 Pfund Äpfel,
und +Hamper+ für 120 Pfund. +Kreet+ oder +Kreets+ (zuweilen in der
Mehrzahl +Kreetsen+ genannt), ist eine lattenförmige Umhüllung für
Glaswaren und manche andere Gegenstände. Sie wird auch wohl aus Hasel-,
Weiden- oder knorrigem Eichenholz geflochten und genagelt. Solche
Kreets sind zum großen Leidwesen der Speicherarbeiter nach der Leerung
nicht einmal als Feuerungsholz zu verwenden. Laut Doornkaat wird mit
Kreet auch der Wagenkorb aus Latten und Sparren bezeichnet, der zum
Heufahren früher allgemein gebräuchlich war. Die zylinderförmigen
leinenumhüllten Kanehlpacken heißen +Fardehl+ (span. ~fardillo~). Eine
der zahlreichen stehenden Redewendungen lautet: „+Ick sall bi di en
fideles Kameel empfangen+“ (statt ein Fardehl Kanehl).
Im Speicher waren Mäuse häufige Gäste. Es wurden daher immer
Katzen gehalten oder vielmehr Kater. Ein Loch unten in der Tür
des Erdgeschosses gestattete ihnen den Weg ins Freie, um etwa auf
dem Hofe einen Spatzen zu belauern oder zur richtigen Stunde bei
einer gutherzigen Fischfrau das Leibgericht zu erbetteln. Selbst
auf solchen Speichern, wo ausschließlich Waren lagerten, die für
Nager kein Interesse boten, pflegte ein Kater niemals zu fehlen;
der gehörte einmal dazu. Man bewahrte die guten Tiere schonend
vor jeder Leidenschaft. Hin und wieder nagelte man auch wohl an
irgendeinem Balken fest, was sie zu diesem Zweck eingebüßt hatten und
glaubte sie dadurch ihr lebelang an den Speicher zu fesseln. -- Auch
Ratten verirrten sich häufig auf die Lagerböden. Man behauptet mit
Bestimmtheit, daß sie an den Mauern emporgeklommen seien, wenn sie
besondere Leckerbissen, z. B. Walnüsse, witterten. War das +Fallreep+
hängen geblieben, ein Strick, an dem der Ewerführer nach beendeter
Arbeit in den Speicher kletterte, so diente es auch oft den Ratten für
ihre Besuche. Zum Wegfangen ihrer Jungen stellte man die +Rottenheck+
auf, ein Gerüst mit Zellen, worin sie ihre Brut ablegten.
Alleinherrscher im alten Kaufmannsspeicher war der +Huusküper+,
meistens wirklich ein gelernter Küper (Böttcher). In älterer Zeit
kannte man als Packungen für die Waren, neben geschnürten Ballen,
vorzugsweise Fässer oder Tonnen (Nirrnheim LXXIX., Steinhausen:
Abbildungen 53, 54 und Beilage 6 und 11), wie auch in einem Lehrbuche
des angehenden Kaufmanns vom Jahre 1715 (Steinhausen 105) die
Überwachung des Zeichnens von Ballen und Fässern dem Lehrling als eine
seiner Arbeiten vorgeschrieben wird. Von Kisten ist nie, von Säcken
nur selten die Rede. Alles mögliche wurde in den Fässern zusammen
verpackt, z. B. um 1380 dreizehn Schinken, eine Hoyke (Mantel) und
zwei Stücke „Schlagdokes“, wollene Decken, die zum Einwickeln von Tuch
gedient hatten (Nirrnheim I. 652 und LXIV.). Es war somit notwendig,
daß der Hausküper mit der Herstellung sowie dem Packen und Auspacken
von Fässern genau vertraut war. Im allgemeinen war nur das Lager sein
Bereich, aber in kleineren Betrieben besorgte er auch wohl allerlei
Arbeiten für den Haushalt, klopfte Zeug und wichste Stiefel, schöpfte
Wasser zum Scheuern und Waschen aus dem Fleet, besorgte Wege fürs
Kontor, fütterte die Katzen mit +Panzen+ (Magen) und war ein großer
Freund der Kinder vom Hause. Durchweg trug er ledernes Schurzfell mit
Leibriemen, an dem vorn eine kleine Messingtonne als Schild prangte.
Im Winter sah man ihn vielfach in pelzbesetzter Mütze mit Quaste, als
Zeichen seines Amtes, wie er zu sagen pflegte. (Vgl. Hertz 33 f.)
Der Hausküper hörte es gern, wenn man ihn „+Koptein+“ anredete,
indessen bestreiten ihm die „Quartiersleute“ das Recht auf diesen
Titel: ausschließlich ihnen gebühre solcher, da sie unabhängig
daständen, während der Hausküper nur ein auf Kündigung Angestellter
sei. Im Besitz der Schlüssel war dieser für alles verantwortlich, auch
für die +Arbeidslüd’+, die gegen festen Wochenlohn unter ihm tätig
waren, wie für Gelegenheitshülfe, die er im Tagelohn annahm. Solch’
vorübergehende Arbeit hieß eine +Hüür+ im Gegensatz zu +Bahntje+ für
feste Anstellung. Der Hausküper sorgte für das Aufbringen, Einwägen
und zweckmäßige Wegstauen der Waren, für Marken und Ummarken
der Kolli sowie für ihre Ablieferung, weiter für rechtzeitiges
Umstapeln von Sachen, die dem Verderb unterlagen, kurz für alles,
was der Lagerbetrieb erheischen mochte. Nebenbei entwickelte er
eine staunenerregende Warenkenntnis bei Empfang und Ablieferung. --
War es erforderlich, so erschien er wohl gelegentlich bei seinem
Geschäftsherrn an der Börse, sonst jedenfalls abends regelmäßig
am Kontor, um dort Rechenschaft abzulegen und neue Vorschriften
entgegenzunehmen. Das +Gewichtbook+, das er dabei überbrachte, war in
großen Betrieben in verschiedenfarbigen Einbänden vorhanden, etwa in
gelb für eingehende und in blau für abgelieferte Partien. Von jedem
hatte man zwei Exemplare, wovon eins bis zum nächsten Abend am Kontor
verblieb, um danach Rechnungen auszustellen oder einlaufende zu prüfen,
das andere inzwischen zur Benutzung auf dem Speicher.
Gab es Arbeit, die der Hausküper nicht mit den eigenen Leuten
bewältigen konnte, so holte er sich weitere Kräfte von +de Lüd’
von de Eck+. Das waren nicht etwa Gelegenheitsarbeiter in Art der
berühmten „+Löwen von’n Hoppenmark+“, die nur gelegentlich Obstkörbe
aus den Ewern auf den Markt schleppten und sich hauptsächlich von
Schnaps ernährten, sondern sie mußten ehrbare Hamburger Bürger sein
und entsprechend dem Vertrauen, das man in sie setzte, streng auf
Standesehre halten. Keineswegs konnte sich jeder beliebig zu ihnen
gesellen. Er mußte guten Leumund besitzen und in aller Form um seine
Aufnahme ersuchen. War solche zugestanden, so wurde er ins Buch
eingetragen, das jede „Ecke“ führte, nachdem er „+en Daler oder
twe as Inspringelgeld+“ erlegt hatte. Der Hausküper war, um solche
+Spikerarbeiders+ oder +Spikerlüd’+ anzuwerben, je nach der Lage seines
Speichers auf eine bestimmte Ecke angewiesen; erst wenn hier niemand
zu finden war, durfte er sich weiter umsehen. Die „Ecken“ hatten
ihre festen Bezeichnungen: +de Englännereck+ (Katharinenstraße), +de
Wandrahmseck+, +de Pickeck+ (Rödingsmarkt-Steintwiete) usw. und standen
in Verbindung mit einer +Köhminsel+, einer bestimmten Destillation
(Schnaps- und Bierausschank), wo der Hausküper zunächst einzukehren
hatte, wenn er an der Ecke keine Leute antraf. Bei diesem +Kröger+ war
den Lüd’ von de Eck’ das Recht eingeräumt, statt einzelner Schnäpse
zum Sechsling (3¾ Pf.) das Glas, eine Flasche für drei Schilling (22½
Pf.) zu erstehen und in einem Hinterzimmer zu vertilgen. Traf der
Hausküper sie gerade bei einer frischen Pulle an oder wurde eine solche
auf dem Speicher „ausgegeben“, so gebührte ihm der erste Schluck.
„+Een’n utgeven+“ kam auf dem Lager nicht selten vor, sei es daß der
Geschäftsherr sich blicken ließ oder daß Makler, Agenten oder Käufer
dort zu tun hatten. Als zarter +Wink mit’n Lüchtenpahl+ diente dann
wohl: „Is mal +dröge Luft+“ oder „+dat stöft hier bannig+“. War sonst
niemand da, den man um Getränk ansprechen konnte, so meinte wohl einer
der Arbeiter: „+Wöhlt wi nich en Lütten passen?+“ d. h. es sollte
zusammengeschossen werden, um Alkohol anzuschaffen. Kam dann gerade
ein junger Mann vom Kontor darüber zu, so erwartete man, daß er sich
in hervorragender Weise beteiligte. Dafür durfte er den ersten Schluck
aus dem Glase tun, das nachher die Reihe herum ging. -- Es wurde früher
recht häufig getrunken, wenn auch nicht viel zur Zeit. Bei Ablieferung
von Waren hatte der empfangende Hausküper oder Quartiersmann, wenn es
sich nicht um ganz kleine Partien handelte, den Arbeitern gleichfalls
einen auszugeben, und zwar wurde dies +op de halven+ beansprucht, d.
h. wenn die Hälfte der Partie abgeliefert war. Morgens vor 8 Uhr wurde
„+en Sweizer+“ für das Geld geholt, nach 8 Uhr Kümmel und Flaschenbier.
Der Verwalter des Getränks wurde +Buddelör+ genannt. Das gewöhnliche
Schnapsgemisch war +Köhm un Grön+ d. i. Kümmel und Wermut. Beim Sweizer
kam noch Pfeffermünz hinzu. „+Lat uns mal en lüttje Sweizerreis’
maken!+“ hieß es wohl. Besonders geschätzt war das Helmerssche
Erzeugnis; daher: „+Hal mal een von Helmers sien!+“ oder „+Dat ’s woll
Helmers sien?+“ (mit Anklang an Hennessy). Die Höhe des betreffenden
Trinkgeldes, das zuweilen auch je zur Hälfte vom Ablieferer und
Empfänger getragen wurde, richtete sich ungefähr nach der Größe der
abgelieferten Partie. Man rechnete z. B. bei 50 Sack Kaffee vier
Schilling (30 Pf.), bei 100 Sack das Doppelte. -- Wollte man Köhm un
Beer in einer Wirtschaft genießen, so forderte man „+Lütt un lütt+“, d.
h. en lütt Glas Köhm un en lütt Glas Beer. Das kostete zusammen einen
Schilling (7½ Pf.). Es gibt noch heute viele Wirtschaften, wo je 2
Glas Lütt un Lütt für 15 Pf. geliefert werden. War man dann gemütlich
im Schnacken, so hieß es bald: „+Op een Been kann man nich stahn!+“
Solcher Redensarten, die sich natürlich nicht auf die Speicherarbeiter
beschränken, ließen sich noch manche sammeln. „+Eenmal vergebens
un denn mit alle Mann+“ rief man bei einer Arbeit, wo alle Kräfte
anzuspannen waren. Wollte man eine Arbeit aufgeben, so hieß es: „+Lat
uns man in’n Sack hauen!+“ Stand einer müßig herum, so sagte man wohl:
„+Breek di man nich de Hann’ in de Tasch af+“ oder man fragte: „+Na,
puulst in’e Nees?+“ und erhielt vielleicht zur Antwort: „+Djä, ick
kann mi mit’n lütt Stück Arbeit lang behelpen+“. Ein dritter meinte
dann dazu: „+Worto hett man denn de Been, as um de Arbeit ut’n Weg to
gahn.+“ Allerhand Ökelnamen für andere Beschäftigungen gibt es auch.
+Rümdriewer+ heißt der Böttcher, weil er beim Antreiben der Bänder ums
Faß eilt. Daher auch: „+He löppt as so’n Fattbinner+“ (Korr. Bl. 23,57
u. 33,43). Die Zollbeamten nennt man +Tollmus’kanten+, +Grashüpper+
und +Grönröck+, die Kontoristen +Fedderveeh+ und +Kantorknüppel+, den
jungen Kommis, der Muster entnahm, +Provenrieder+ usw.
Solange sie unbeschäftigt waren, trugen die Lüd’ von de Eck sauberen
dunklen Anzug, Schurzfell und schwarzen Zylinder. Waren sie für
Arbeit angenommen, so legten sie hohen Hut, Jacke und Schurzfell ab
und zogen zum Schutz gegen Staub eine wollene oder baumwollene Mütze,
die „Mudder“ aus alten Stoffresten angefertigt hatte, die +Klottje+,
Über den Schädel, sowie ein +Busseruuntje+, eine Art Bluse, als
Arbeitsgewand über den Oberkörper. (Klottje aus dem französischen
~calotte~, gleich Käppchen.) Zu Busseruuntje erklärt Schütze, daß
diese Bezeichnung aus dem Holländischen stamme und gleichbedeutend mit
+Schanslöper+ sei. (Vergl. Goedel 57.) Vorn über den Leib kam außerdem
die Hälfte eines alten Kaffeesackes, die durch Bänder auf dem Rücken
befestigt war. Der Hausküper war vornehmer, er trug bei der Arbeit die
Hälfte eines weißen Saatsackes ohne Naht, der dann jeden Sonnabend in
die Wäsche kam.
[Illustration]
Die obige, etwas flüchtig hingeworfene Skizze aus meiner Sammlung
entstammt den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und zeigt
einige Lüd’ von de Eck in der damaligen Tracht. Der Zeichner, +W.
Lühring+, war damals bei der hiesigen Häutefirma George Maltz u. Co.
als Handlungsdiener tätig. -- Man beachte, daß der Schuster sowohl
wie die Person im hohen Hut (vielleicht ein Quartiersmann) kurze
Kalkpfeifen rauchen, deren man 8 Stück für einen Schilling erhielt.
In ähnlicher Weise wie bisher berichtet ging im Speicherbetrieb alles
streng nach genauer Ordnung vor sich. Beim Aufwinden von Waren galt
z. B. der feste Satz von 80 Pfund Leistung auf den Mann, wenn sie
den ganzen Tag zu arbeiten hatten; sonst konnten sie es auch bis zu
300 Pfund bringen. Ebenso behielt jeder mit seinen Händen den Platz
am Windetau, den +Löpers+, den er zu Anfang eingenommen hatte. Diese
Löpers, zwei starke Taue ohne Ende, liefen durch Löcher im Fußboden
durch alle Stockwerke des Speichers und dienten dazu, eine Holzrolle
auf dem Spitzböhn in Umschwung zu bringen, auf der sich das starke
Tragetau, der +Dreger+, auf- oder abwickelte. Zu solchem Zwecke hatte
diese Welle, der +Winnbohm+ oder +Wellbohm+, an beiden Enden +Rööd+,
Wellräder, deren Kranz mit Doppelzacken versehen war, in die die
Löpers sich klemmten. Das Ende des Dregers war über den außen hohlen
Rand der +Kausch+ gespleißt, ein Eisenring, in dem der eiserne +Haken+
hing. (Kausch heißt auf der Elbinsel Finkenwärder das Segelöhr.)
Über den Haken hinweg wallte das aufgerebbelte Ende des Dregers, der
+P’rükenkopp+, der dazu diente, die Feuchtigkeit ablaufen zu lassen.
Außerdem ermittelte man gelegentlich, ob dies äußerste Stück des
Dregers noch haltbar sei, indem man einzelne Strähne des P’rükenkopps
auf ihre Widerstandsfähigkeit prüfte. Zeigten sie sich mürbe, so wurde
ein Stück des Dregers weggeschnitten und das neue Ende wieder Über die
Kausch gespleißt.
Als Zurufe bei der Arbeit des Auf- und Abwindens herrschten
hergebrachte Ausdrücke. Der Hausküper, oder, wenn er sich vertreten
ließ, der +Lukenvice+, rief den an den Löpers angestellten Arbeitern
von der Luke aus seine Anordnungen zu. War unten in der Schute die
Ware am Haken befestigt (+anslahn+), so hieß es: „+Sso, winn’ op!+“
oder „+Hüüs’ op!+“ (vergl. hissen, heißen, z. B. der Flagge), auch
wohl „+Hiev op!+“ (an Schiffsbord: „Anker hieven“). Hatte die Last
seine Luke erreicht, so rief er „+Haaah+“ (helles a wie in Rabe),
worauf die Löpers über den +Knaggen+ geworfen werden mußten, damit
infolge vergrößerter Reibung je ein Mann die Last schwebend erhalten
konnte, während die übrigen sich mit an die Luke begaben, um sie
hereinzuziehen. Der Knaggen, auch +Achtersmiter+ oder +Hemmhaken+
genannt, war ein am Pfeiler neben den Löpers befestigtes starkes
Brett, meistens Buchsbaumholz, woraus man ein länglich rundes Stück
weggeschnitten hatte. In die entstandene Höhlung paßten die Löpers.
Fand man einen kräftigen Baumast, der sich für den Zweck eignete, so
nahm man ihn noch lieber. Innerhalb der mit Haspelwinde versehenen
alten Kaufmannshäuser vertraten häufig zwei eiserne +Wandhaken+
nebeneinander die Stelle des Knaggens. War nur ein einziger vorhanden,
so wurden die Löpers zweimal hinübergeworfen, weil sonst an den glatten
Eisen nicht genügend Reibung entstanden wäre. Dies brachte indessen
starke Abnutzung des Windetaues mit sich. -- Beim Rufe „+Striek wat!+“
wurde das Hereinziehen der Last durch Nachgeben der Löpers ermöglicht,
bei „+Los!+“ ließ man diese fahren. (Strieken ist ein altes Wort mit
großer Zahl von Bedeutungen; hier „nachlassen“, „nachgeben“. Wenn die
hochdeutsche Sprache sich mehr um ihre ebenbürtige niederdeutsche
Schwester bekümmern wollte, hätten wir statt des Streiks den „Striek“
gehabt, also ein gut deutsches Wort.) -- War der Haken befreit, so
mußten die Löpers auf „+Sla los!+“ oder „+Smiet los!+“ vom Knaggen
herabgehoben werden, um den Dreger in kräftigen Zügen wieder nach unten
zu befördern. Die +Läng’+ oder +Längde+ wurde zu neuer Verwendung
hinterhergeworfen, nachdem der Mann in der Schute gewarnt worden
war, sich nicht vom Platz zu rühren, durch „+Fast dar nerrn!+“ oder
„+Waarscho!+“ oder „+Ünnerruut!+“ und geantwortet hatte: „+Smiet!+“
(Nerrn, früher nedden -- unten, Waarscho = Acht geben. Wenn Goedel im
Quickbornbuch 9 S. 19 meldet, dies Wort sei in Kiel von der Marine
wieder in den Sprachschatz der Stadtbevölkerung übergegangen, so
kann ich dem gegenüber feststellen, daß es in Hamburg nie außer
Übung gekommen ist.) Inzwischen wurden Kisten oder Säcke aus dem
Wege geräumt, um für die nächste Ankunft Platz zu haben. Wurden sie
später aufgestapelt, so lautete das Kommando: „+Hoch op!+“, „+Höger
rop!+“ und „+Hoch!+“, je nachdem Knie- oder Ellbogenhöhe oder endlich
volle Höhe erreicht war. -- Zu Läng’ ist zu bemerken, daß dies ein
zusammengespleißtes Hanftau ohne Ende war, das man niederlegte, um
darauf eine Anzahl Säcke oder Kisten aufzubauen. Dann wurde die
Schlinge des längeren Endes durch die kürzere gezogen, diese fest
heruntergedrückt und die längere in den Haken gehängt. Hatte das
Aufwinden begonnen, so mußte das kurze Ende noch weiter niedergepreßt
werden, damit die Ware nicht herausschießen konnte. Ein Ewerführer,
der eine +Hieve+ Rosinen in Säcken vielleicht nicht fest genug
eingeschlagen hatte, sah sie herabstürzen, bevor sie die Luke erreicht
hatte, konnte aber noch rechtzeitig beiseite springen und rief dann in
gut gespielter Entrüstung hinauf: „+Hett jo gar keen Sinn, dat ick dat
inwickel, wenn ji dat wedder dalsmiet!+“ -- Für schwere Lasten benutzte
man eine kürzere und dickere Läng’, die +Stropp+, für Fässer +Hakens+,
an einer Kette ohne Ende hängende gekrümmte Eisen, für Kisten, die
es vertragen konnten, +Düvelsklauen+, je ein starkes gekrümmtes
Doppeleisen an den Enden einer Kette.
Die Ausrufe galten mehr der Aufmerksamkeit des Ewerführers, als den
Leuten an der Winde, wenn eine Ware hinabgelassen werden sollte. War
sie zunächst handbreit aufgewunden, so hieß es: „+Achter!+“ (Achtärr)
oder „+Maak fast!+“ oder „+Smiet achter!+“ damit die Löpers über den
Knaggen geworfen wurden. Die Ware wurde nun zur Luke hinausgeschoben
und schwebte frei. Auf „+Striek wat!+“ dann „+Lat reisen!+“ oder „+Los
lat fallen!+“ auch wohl „+Los lat strieken!+“ ließ man dann die Löpers
durch die Hände gleiten, die durch Sackleinen geschützt waren, während
der Knaggen durch die Reibung genügend hemmte, um die Last immer in der
Gewalt zu behalten. Schien sie nahe dem Ziel, so mußte auf „+Sinnig!+“
(+Sinniiich+) angehalten werden, bis der Ewerführer sie nah dem Punkte
hingezogen hatte, wo er sie aufzustapeln gedachte. Auf „+Striek!+“ oder
„+Los lat strieken!+“ oder „+Los lat scheeten!+“ mußten die Löpers
rasch nachgegeben werden, bei „+Achterruut!+“ waren sie vom Knaggen
abzuheben, um den Dreger wieder aufzuwinden. Wenn wir als Jungens beim
Winden helfen durften, machte die Betonung „Los lat scheetennnn!“
besonders starken Eindruck.
Die Löpers waren natürlich durch alle Böden hindurch von den Knaggen
freizuhalten, wenn gewunden werden sollte. Im Sommer dehnten sie
sich und schleiften dann im Raum, dem untersten Boden, während der
Windearbeit in tollen Kapriolen auf dem Fußboden hin und her. Paßte man
in der herrschenden Dunkelheit nicht auf, so hatte man die schönste
Gelegenheit, darin verstrickt und vielleicht gar stranguliert zu
werden. Die Finsternis in sämtlichen Räumen des Speichers pflegte
undurchdringlich zu sein, wenn die Luken geschlossen waren, denn
die aufgestapelten Waren nahmen das bißchen Tageslicht weg, das
durch die Fenster Einlaß fand. Dies um so mehr, als die Speicher
häufig schmal und sehr tief waren. Man hielt das der Erhaltung der
Waren zuträglicher, als wenn Licht und Luft Zutritt hatten, auch
konnte man häufig feststellen, daß die Partien das Gewicht, das sie
vielleicht während der Reise eingebüßt hatten, bei längerer Lagerung
wiedergewannen. Aus diesem Grunde schüttelte manch alter Praktiker den
Kopf, als er die größere Breite und viel geringere Tiefe sah, die man
den neuen Speichern im Freihafen gegeben hatte. -- Mußte man auf dem
Speicher eine Ware ansehen, so pflegte der führende Arbeiter, der auch
im Dunkeln Schritt und Tritt kannte, einem oftmals die Hand zu reichen,
damit man sich durchwinden konnte.