Die endlich stattfindende Unterredung zwischen Monks und Mr.
Brownlow.
Es wurde dunkel, als Mr. Brownlow mit zwei Männern aus einem Mietswagen
stieg, der vor seinem Hause hielt; die letzteren halfen einem dritten
Manne heraus und drängten ihn rasch durch die geöffnete Tür hinein. Der
Mann war Monks.
Brownlow ging ihnen schweigend in ein hinteres Zimmer voran. Vor
der Tür desselben stand Monks widerstrebend still, und die beiden
handfesten Männer sahen Brownlow fragend an.
«Entweder oder», sagte Brownlow. «Die Folgen des einen wie des andern
sind ihm bekannt. Weigert er sich, hineinzugehen, so führt ihn aus dem
Hause, ruft die Polizei zu Hilfe und klagt ihn in meinem Namen als
Kapitalverbrecher an.»
«Wie können Sie sich unterstehen, mich so zu nennen?» fuhr Monks auf.
«Wie können Sie es wagen, mich zu einer Anklage gegen Sie zu drängen,
junger Mensch?» entgegnete Brownlow, ihn sehr bestimmt anblickend.
«Werden Sie unsinnig genug sein, mein Haus zu verlassen? Laßt ihn los!
So, Sir. Sie können jetzt gehen -- und wir können Ihnen nachfolgen.
Aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, sobald Sie den Fuß vor die Tür
setzen, sind Sie auch schon wegen Betruges und Raubes verhaftet. Ich
bin fest entschlossen. Sind Sie es auch -- nun wohl! -- aber Ihr Blut
kommt auf Ihr eigenes Haupt.»
«Aus wessen Macht bin ich auf offener Straße aufgegriffen und von
diesen Schuften hierher gebracht worden?»
«Ich verantworte, was die Leute getan haben. Beklagen Sie sich über
Freiheitsberaubung -- es stand in Ihrer Gewalt, ihr auf dem Wege
hierher ein Ende zu machen; Sie erachteten es aber selbst für rätlich,
sich ruhig zu verhalten. Wollen Sie die Gesetze anrufen -- tun Sie's;
allein ich werde es gleichfalls tun und Ihnen keine Milde mehr zeigen,
mich nicht bemühen, Sie zu retten, wenn die Sachen erst einmal vor den
Richter gekommen sind.»
Monks war offenbar unentschlossen geworden.
«Entschließen Sie sich rasch», fuhr Brownlow mit ruhiger Festigkeit
fort. «Wollen Sie, daß ich Anklagen gegen Sie vorbringe, deren Ausgang
ich schaudernd vorhersehe, so wissen Sie, was Sie zu tun haben;
wünschen Sie Nachsicht und Vergebung von mir und den von Ihnen schwer
Gekränkten, so treten Sie hinein und nehmen Sie, ohne ein Wort zu
sagen, dort auf jenem Stuhle Platz, der schon zwei Tage auf Sie
gewartet hat.»
Monks zögerte noch einige Augenblicke, ging indes endlich hinein und
setzte sich. Brownlow befahl den beiden Männern, die Tür zu verriegeln
und wieder zur Stelle zu sein, wenn er klingelte.
«Eine saubere Behandlung, die ich von dem ältesten Freunde meines
Vaters erfahre», sagte Monks, Hut und Mantel ablegend.
«Gerade weil ich Ihres Vaters ältester Freund bin, junger Mann,»
erwiderte Brownlow, «weil einst die Hoffnungen und Wünsche meiner
glücklichen Jugendzeit an ihn sich anknüpften und an ein holdes Wesen
von seinem Blute, das in seinen jungen Jahren zu Gott zurückkehrte und
mich einsam und allein hier zurückließ; -- weil er, noch ein Knabe,
mit mir an seiner einzigen Schwester Sterbebette kniete, an dem Morgen
kniete, der sie, wenn es der Himmel nicht anders gewollt hätte, zu
meinem Weibe gemacht haben würde: -- weil mein wundes Herz von der
Zeit an bis zu seinem Tode bei all seinen Prüfungen und Irrtümern an
ihm hing; -- weil alle teure Erinnerungen an ihn mein Herz erfüllen
und selbst durch Ihren Anblick erneuert werden; -- das alles ist es,
weshalb ich Sie jetzt nachsichtig behandle -- ja, Eduard Leeford, sogar
jetzt -- Sie, der Sie erröten müssen, dieses Namens so unwürdig zu
sein.»
«Was hat der mit der Sache zu schaffen?» fragte Monks, der verstockt
und stumm-verwundert die Bewegung des alten Herrn gewahrt hatte. «Was
gibt mir der Name?»
«Freilich gilt er Ihnen nichts», versetzte Brownlow. «Er war aber
der Ihrige, und noch glüht und erhebt mir altem Manne in so weiter
Zeitenferne das Herz wie sonst, wenn ich ihn nur von fremden Lippen
nennen höre. Ich bin sehr, sehr erfreut, daß Sie ihn mit einem anderen
vertauscht haben.»
«Das klingt alles gar prächtig», sagte Monks nach einem langen
Stillschweigen, während dessen er sich trotzig hin und her gewiegt und
Brownlow, die Augen mit der Hand bedeckend, dagesessen hatte. «Aber was
wollen Sie von mir?»
«Sie haben einen Bruder, dessen Name, in Ihr Ohr geflüstert, als ich
auf der Straße hinter Ihnen ging, fast allein schon genügte, Sie zu
veranlassen, erstaunt und erschreckt mich hierher zu begleiten.»
«Ich habe keinen Bruder. Sie wissen, daß ich das einzige Kind war,
wissen es ebensogut wie ich selbst.»
«Hören Sie, was ich weiß, und Sie werden schon anders reden, schon
aufmerken auf das, was ich Ihnen sage. Ich weiß allerdings, daß Sie der
einzige und höchst unnatürliche Sprößling aus der unseligen Verbindung
waren, zu welcher elender Familienstolz Ihren unglücklichen Vater fast
noch als Knaben nötigte.»
«Es gilt mir gleich, wie harte Ausdrücke Sie wählen mögen», unterbrach
ihn Monks mit einem höhnischen Lachen. «Sie sind mit der Sache bekannt,
und das ist mir genug.»
«Mir sind aber auch das Elend und die langen Qualen bekannt,» fuhr
Brownlow fort, «welche der unpassenden Verbindung folgten. Ich weiß,
unter welcher Pein das unglückliche Paar seine Kette durch die ihm
vergällte Welt nachschleppte; weiß, daß auf förmliche Gleichgültigkeit
Beleidigungen, Widerwille, Haß und Abscheu folgten, bis sie sich
endlich trennten, um fern voneinander zu leben und in anderen Kreisen
die lange Quälerei zu vergessen. Und Ihre Mutter vergaß sie bald, Ihren
Vater aber drückte sie noch jahrelang zu Boden.»
«Was weiter, als sie sich voneinander getrennt hatten?»
«Die zehn Jahre ältere Gattin vergaß unter Zerstreuungen auf dem
Festlande den jugendlichen Gatten, der daheim sein geknicktes Leben
vertrauerte, bis er eine Verbindung mit neuen Freunden anknüpfte -- und
zum wenigsten dieser Umstand ist zu Ihrer Kenntnis gelangt.»
«Nein», sagte Monks, die Blicke wegwendend und auf den Boden stampfend,
wie jemand, der alles abzuleugnen entschlossen ist. «Nein!»
«Ihr Benehmen und Ihre Handlungen überzeugen mich, daß Sie ihn nie
vergessen, nie aufgehört haben, mit Bitterkeit daran zurückzudenken.
Ich rede von der Zeit vor fünfzehn Jahren, wo Sie erst elf Jahre alt
waren, und Ihr Vater nur einunddreißig zählte, -- denn, wie gesagt, er
war fast noch ein Knabe, als ihn sein Vater zu heiraten zwang. Muß ich
Dinge erwähnen, die einen Schatten auf das Andenken Ihres Erzeugers
werfen, oder wollen Sie es mir ersparen und mir die Wahrheit enthüllen?»
«Ich habe nichts zu enthüllen!» erwiderte Monks in offenbarer
Verwirrung. «Reden Sie weiter, wenn Sie es nicht lassen können.»
«Nun wohl», sagte Brownlow. «Die neuen Freunde waren zunächst ein
Flottenoffizier, der sich aus dem aktiven Dienste zurückgezogen, und
dessen Frau vor einem halben Jahre gestorben war. Sie hatten mehrere
Kinder gehabt, von denen nur zwei die Mutter überlebten, beide Töchter,
die eine schön und neunzehn, die andere ein Kind, zwei bis drei Jahre
alt.»
«Was geht das mich an?» fragte Monks.
«Sie wohnten», fuhr Brownlow, anscheinend ohne die Unterbrechung zu
beachten, fort, «in einer Grafschaft, in welche Ihren Vater seine
Streifereien geführt, und wo auch er seinen Wohnsitz aufgeschlagen
hatte. Bekanntschaft, vertraulicher Umgang und Freundschaft folgten
schnell aufeinander. Ihr Vater war begabt, wie es wenige Männer sind
-- er hatte seiner Schwester Züge und Seele. In dem Maße, wie der alte
Offizier ihn kennen lernte, begann er, ihn wahrhaft zu lieben. Daß es
dabei geblieben wäre! Doch seine Tochter tat dasselbe.»
Der alte Herr hielt inne, sprach aber bald weiter, da er sah, daß sich
Monks in die Lippen biß und die Blicke an den Boden heftete.
«Sie war am Schlusse des Jahres mit Ihrem Vater verlobt, feierlich
verlobt, Ihr Vater der Gegenstand der ersten, treuinnigen, glühenden,
einzigen Liebe eines arglosen, unerfahrenen Mädchens.»
«Ihre Erzählung wird lang», bemerkte Monks, unruhig hin und her rückend.
«Sie ist eine wahre und traurige,» versetzte Brownlow, «und Geschichten
dieser Art pflegen lang zu sein; wenn sie von ungetrübtem Glücke
handelte, so wäre sie ohne Zweifel sehr kurz. -- Endlich starb einer
der reichen Verwandten, dessen Einfluß zu verstärken Ihr Vater
von Ihrem Großvater geopfert worden war, und hinterließ ihm seine
Panazee für alles Wehe -- Geld. Er mußte nach Rom eilen, wo der
Erblasser gestorben war und seine Angelegenheiten in großer Verwirrung
hinterlassen hatte, erkrankte selbst am Tage nach seiner Ankunft und
starb nach einiger Zeit, ohne für eine letztwillige Verfügung Sorge
getragen zu haben, so daß sein ganzes Vermögen Ihrer Mutter und Ihnen
zufiel, die mit Ihnen nach Rom eilte, sobald sie in Paris die Kunde
seines Todes erhalten.»
Monks hielt hier den Atem an und hörte Brownlow in großer Spannung zu,
obgleich er die Blicke nicht nach ihm hinwandte. Als Brownlow schwieg,
veränderte er seine Stellung, wie wenn er sich plötzlich erleichtert
fühlte, und fuhr mit dem Tuch über sein glühendes Antlitz. Brownlow
sprach langsam und die Blicke fest auf ihn heftend, weiter: «Bevor er
außer Landes ging und als er London berührte, kam er zu mir.»
«Davon habe ich nie gehört», unterbrach Monks in einem Tone,
der Unglauben ausdrücken sollte, doch mehr auf eine unangenehme
Überraschung hindeutete.
«Er kam zu mir und ließ unter anderen Gegenständen ein von ihm selbst
gemaltes Bild des unglücklichen Mädchens, seiner Verlobten, zurück,
das er in anderen Händen nicht zu lassen wünschte, auf seiner eiligen
Reise aber nicht wohl mitnehmen konnte. Er war fast zu einem Schatten
zusammengeschwunden, sprach verstört von begangenem Ehrenraube und
Verderben, das er angerichtet, und kündigte mir an, daß er entschlossen
wäre, sein ganzes Vermögen, ob auch mit großem Verluste, in bares
Geld umzuwandeln, Ihrer Mutter und Ihnen einen Teil seiner neu zu
erwerbenden Erbschaft auszusetzen, und das Land zu verlassen -- ich
wußte nur zu wohl, daß er nicht allein gehen würde --, um es nie
wiederzusehen. Mehr bekannte er sogar mir, seinem alten Jugendfreunde,
nicht, dessen starke Zuneigung in der Erde wurzelte, die sie bedeckte,
die beiden so teuer gewesen war. Er versprach mir, zu schreiben und
mir alles zu sagen, und mich dann noch ein -- das letztemal hienieden,
wiederzusehen. Ach, es war schon das letztemal. Ich bekam keinen Brief
und sah ihn nicht wieder. Als ich vernahm, daß er tot war, begab
ich mich nach dem Schauplatz seiner -- wie die Welt es nennen würde
-- sündlichen Liebe, um, wenn ich meine Befürchtungen wahr geworden
fände, dem verirrten Mädchen ein mitleidiges Herz und eine Zuflucht
anzubieten. Allein die Familie hatte vor einer kurzen Zeit die
Angelegenheiten geordnet und war bei Nacht abgereist, niemand wußte
wohin.»
Monks atmete freier und blickte mit einem triumphierenden Lächeln
umher. Brownlow rückte seinen Stuhl näher zu ihm und sagte: «Als Ihr
Bruder -- ein verlorener, schwacher, in Lumpen gehüllter Knabe -- nicht
durch Zufall, sondern durch eine höhere Fügung in meinen Weg geworfen
und von mir gerettet wurde --»
«Wie?!» rief Monks in heftiger Spannung aus.
«Von mir», wiederholte Brownlow. «Ich sagte es Ihnen, daß Sie schon
aufmerken würden auf das, was ich Ihnen zu sagen gedächte. Ja, von
mir -- ich sehe, Ihr schlauer Verbündeter hat Ihnen meinen Namen
verschwiegen, obwohl er nicht annehmen konnte, daß Ihnen derselbe
bekannt wäre. Während sich Ihr Bruder als Kranker und Wiedergenesener
in meinem Hause befand, erkannte ich zu meinem lebhaften Erstaunen
seine große Ähnlichkeit mit dem erwähnten Bilde. Schon im ersten
Augenblicke, als ich ihn sah, erinnerten mich seine Züge an einen
alten Freund, nur daß mir alles unbestimmt blieb, wie wenn ich mir
Traumbilder vergeblich deutlich und klar vor die Seele zurückzurufen
suchte. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er mir entführt wurde,
ehe ich seine Geschichte kennen lernte --»
«Warum nicht?» fragte Monks hastig.
«Sie wissen es sehr gut.»
«Ich?»
«Sie leugnen vergeblich und sollen bald sehen, daß ich noch mehr weiß.»
«Sie -- Sie können nichts gegen mich beweisen», stotterte Monks. «Tun
Sie's, wenn Sie's imstande sind.»
«Wir werden sehen», sagte der alte Herr mit einem durchdringenden
Blicke. «Der Knabe wurde mir entführt, und meine Bemühungen, ihn
wieder aufzufinden, waren vergeblich. Da Ihre Mutter tot war, so
konnten Sie allein, wenn irgend jemand, das Geheimnis enthüllen, und
da Sie, wie ich gehört hatte, auf Ihrer Pflanzung in Westindien sich
aufhielten -- wohin Sie nach Ihrer Mutter Tode gegangen waren, um den
Folgen Ihres ruchlosen Lebenswandels hier in England zu entgehen --,
so reiste ich Ihnen nach. Sie hatten sich unterdes wieder entfernt,
und man glaubte, daß Sie sich in London befänden, doch vermochte
niemand genauere Nachweisungen zu geben. Ich kehrte zurück. Ihren
Geschäftsführern war Ihr Wohnort vollkommen unbekannt; sie sagten,
daß Sie ebenso geheimnisvoll kämen und gingen, wie Sie es immer getan
hätten, bisweilen wochen- und monatelang nicht erschienen und aller
Wahrscheinlichkeit nach mit den schandbaren Menschen sich umhertrieben,
denen Sie sich zugesellt, seit Sie ein trotziger, unlenksamer Knabe
waren. Ich hörte nicht auf, sie zu befragen, in Tätigkeit zu erhalten.
Ich durchwanderte die Straßen bei Nacht wie bei Tage, allein meine Mühe
war bis vor zwei Stunden fruchtlos, wo ich Ihrer endlich zum ersten
Male ansichtig wurde.»
«Und da Sie mich nun aufgefunden haben,» nahm Monks, sich dreist
erhebend, das Wort, «was mehr? Betrug und Raub sind volltönende Worte
-- und gerechtfertigt, wie Ihnen scheint, durch die eingebildete
Ähnlichkeit eines kleinen Landstreichers mit der Pinselei eines längst
Verstorbenen. Allein Sie wissen nicht einmal, ob aus der Verbindung des
letzteren mit dem erwähnten Mädchen ein Kind entsproß -- wissen das
nicht einmal!»
«Ich weiß es wirklich erst seit vierzehn Tagen», erwiderte Brownlow,
gleichfalls aufstehend. «Sie haben einen Bruder, wissen es und kennen
ihn. Es war ein Testament vorhanden, das Ihre Mutter vernichtete, die
Ihnen bei ihrem Tode das Geheimnis und den sündigen Gewinn hinterließ.
Das Testament nahm Bezug auf ein Kind, das Ihrem Vater noch geboren
werden möchte; es wurde geboren, Sie trafen mit ihm zusammen, und
seine Ähnlichkeit mit Ihrem Vater erweckte böse Ahnungen in Ihnen. Sie
suchten seinen Geburtsort auf, wo Beweise, lange unterdrückte Beweise
seiner Geburt und Herkunft vorhanden waren. Sie vernichteten sie, und,
wie Sie Ihrem jüdischen Schand- und Schuldgenossen sagten, sie liegen
jetzt auf dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie seiner
Mutter nahm, fault in ihrem Sarge. Unwürdiger Sohn, Lügner, Feigling,
der du nachts mit Räubern und Mördern in finsteren Gemächern verkehrst,
-- der du durch schändliche List an dem kläglichen Tode einer
Unglücklichen schuld bist, deren Wert Millionen von deinesgleichen
aufwog, -- der du von deiner Wiege an dem Herzen deines Vaters nur
Bitterkeit und Galle warst, -- du, in dessen angefaultem Innern die
schlechtesten Leidenschaften so lange eiterten, bis sie einen Ausbruch
in der scheußlichen Krankheit fanden, die dein Antlitz zu einem Spiegel
deiner teuflischen Seele gemacht hat, -- Eduard Leeford, setzt du mir
auch jetzt noch Trotz entgegen?»
«Nein, nein, nein!» stöhnte der durch so gehäufte Beschuldigungen
überwältigte Feigling.
«Jedes Wort,» rief Brownlow aus, «jedes Wort, das zwischen dir und dem
über alles schändlichen Bösewicht gewechselt worden, ist mir bekannt.
Schatten an der Wand haben dein Geflüster vernommen und meinem Ohr
zugeführt; der Anblick des unschuldigen, verfolgten Kindes hat selbst
das Laster ergriffen und ihm den Mut und fast die Wesenheit der Tugend
verliehen. Ein Mord ist begangen, an welchem du mindestens moralisch
teilgenommen hast!»
«Nein, nein», unterbrach Monks. «Ich -- ich weiß nichts davon. Ich ging
eben, um zu erfahren, was Wahres an der Sache wäre, als Sie mich mit
sich fortführten. Die Veranlassung der Tat war mir unbekannt -- ich
glaubte, sie wäre nur durch einen gewöhnlichen Streit gegeben worden.»
«Sie war keine andere als die teilweise Enthüllung Ihrer Geheimnisse»,
sagte Brownlow. «Wollen Sie dieselben jetzt ganz offenbaren?»
«Ja, ich will's!»
«Alles vor Zeugen wiederholen und eine wahrhafte Aufzeichnung durch
Ihre Namensunterschrift beglaubigen?»
«Auch das verspreche ich.»
«Ruhig in meiner Wohnung verweilen, bis es geschehen ist, und sich
mit mir an den Ort begeben, den ich für den geeignetsten halte, dem
Dokumente die vollkommenste Gültigkeit zu verschaffen?»
«Wenn Sie darauf bestehen, will ich auch das tun.»
«Sie müssen noch mehr tun, dem guten, unschuldigen Kinde Ersatz
leisten. Sie haben die Verfügungen Ihres väterlichen Testaments nicht
vergessen. Bringen Sie dieselben, soweit sie Ihren Bruder betreffen,
zur Ausführung und gehen Sie dann, wohin es Ihnen beliebt. Sie dürfen
einander in dieser Welt nicht mehr begegnen.»
Während Monks auf und ab ging und der Aufforderung Brownlows und
listigen Ausflüchten, zwischen Furcht und Haß schwankend, nachsann,
wurde plötzlich die Tür aufgeschlossen und geöffnet, und herein trat in
heftiger Aufregung Mr. Losberne.
«Er wird ergriffen, wird heute abend ergriffen werden!» rief er.
«Der Mörder?» fragte Brownlow.
«Ja, ja. Sein Hund hat die Polizei auf die Spur geführt. Sein
Schlupfwinkel ist von allen Seiten umstellt, und die Behörden haben
hundert Pfund ausgesetzt.»
«Ich lege noch fünfzig zu und will es auf der Stelle mit meinen eigenen
Lippen verkünden. Wo ist Maylie?»
«Harry -- er warf sich, sobald er Sie mit dem jungen Menschen im
Mietswagen sah, zu Pferde und sprengte fort, um sich den Verfolgern des
Mörders anzuschließen.»
«Hörten Sie nichts von dem Juden?»
«Er wird in diesem Augenblick bereits festgenommen sein.»
«Haben Sie Ihren Entschluß gefaßt?» fragte Brownlow Monks leise.
«Ja. Sie -- Sie werden mich nicht ausliefern?»
«Nein. Aber Sie bleiben hier, bis ich zurückkehre. Ihre Sicherheit
hängt einzig davon ab.»
Brownlow und Losberne entfernten sich, und die Tür wurde wieder
verschlossen.
«Was haben Sie ausgerichtet?» fragte Losberne flüsternd.
«Soviel ich hoffen konnte und mehr. Veranstalten Sie auf übermorgen
abend die Zusammenkunft. Wir werden ein paar Stunden früher da sein,
aber Ruhe bedürfen, besonders die junge Dame, die vielleicht größerer
Festigkeit benötigt sein möchte, als Sie und ich jetzt voraussehen
können. Doch mir kocht das Blut in den Adern, das arme ermordete
Geschöpf zu rächen. Wohin muß ich meine Schritte richten?»
«Eilen Sie nur zuvörderst nach dem Polizeiamte; ich will hierbleiben.»
Die Herren nahmen hastigen Abschied voneinander, beide in einem
unbezähmbaren Fieber von Aufregung.