Verfolgung und Entkommen.
Unweit der Stelle des Themseufers, wo die Kirche von Rotherhithe steht
und die Gebäude am erbärmlichsten und die Fahrzeuge auf dem Strome
am schwärzesten aussehen vom Kohlenstaube und dem Rauche der eng
aneinander gebauten niedrigen Häuser, befindet sich heutigestags die
schmutzigste, widerwärtigste und unheimlichste der vielen in London
versteckten und der großen Mehrzahl der Bewohner der Hauptstadt selbst
dem Namen nach unbekannten Örtlichkeiten.
Um zu ihr zu gelangen, muß man sich durch ein Labyrinth von kotigen
und engen Straßen hindurchwinden, die von den rohesten und ärmsten
Uferbewohnern erfüllt und ihrem Verkehre gewidmet sind. In den Läden
schaut man die wohlfeilsten und uneinladendsten Nahrungsmittel, an
den Fenstern und Türen der Altkleiderhändler die verschiedenartigsten
Lumpen. Man arbeitet und stößt sich mühsam weiter durch das
Gedränge unbeschäftigter Menschen der niedrigsten Klasse, Last- und
Kohlenträger, frecher Weiber, zerlumpter Kinder, des recht eigentlichen
Themseabschaums, indem ekelhafte Gegenstände und Düfte in allen
Richtungen das Auge und den Geruchsinn beleidigen und das Ohr durch
verwirrtes Geräusch aller Art betäubt wird. Gelangt man endlich in die
noch entlegneren, minder besuchten Winkelgassen, so scheinen wankende
Häuser zu beiden Seiten mit augenscheinlichem Einsturze zu drohen,
und man sieht, wohin man blickt, halb eingefallene Schornsteine,
erblindete oder zerschlagene Fenster und was nur sonst an Armut und
Vernachlässigung erinnern mag.
In einer solchen Umgebung, jenseits Dockhead im Borough Southwark,
befindet sich die Jakobsinsel, umgeben von einem Sumpfgraben von sechs
bis acht Fuß Tiefe und fünfzehn bis zwanzig Fuß Breite zur Flutzeit,
vormals der Mühlgraben genannt, jetzt bekannt unter dem Namen Folly
Ditch. Sie ist eine Art Strombucht und kann bei hohem Wasser durch
Öffnung der Schleusen bei den Leadmühlen, von welchen sie ihre alte
Benennung hat, ganz unter Wasser gesetzt werden. Steht man, wenn dies
geschieht, auf einer der hölzernen Brücken, die bei der Mühlengasse
über sie hinüberführen, so kann man sehen, wie die Bewohner der Häuser
zu beiden Seiten an den Hintertüren und Fenstern Eimer und Küchengerät
aller Art herunterlassen, um Wasser zu schöpfen, und erblickt hölzerne
Galerien, welche ein halbes Dutzend Hinterhäuser verbinden, mit
Löchern, aus denen sich auf die Lache hinunterschauen läßt; verklebte
und verstopfte Fenster, aus welchen Stangen hervorstehen zum Trocknen
von Wäsche, die nicht vorhanden ist; die denkbar engsten, dumpfigsten,
finstersten Gemächer; halbversunkene, mißfarbige Wände und zahllose
ähnliche Anzeichen des Verfalls und Elends.
Die Warenhäuser der Jakobsinsel stehen leer und haben weder Dächer
noch Fenster noch Türen. Dem lebhaften Verkehre, der hier vor einigen
Jahrzehnten stattfand, ist Verödung gefolgt. Die Häuser haben keine
Eigentümer, stehen unbewohnt oder werden erbrochen und bewohnt von
Leuten, die den Mut dazu und sonst keine Wohnstätte haben, bei welchen
entweder starke Beweggründe obwalten, in tiefer Verborgenheit zu
leben, oder die sich in der allerbedürftigsten und jammervollsten Lage
befinden.
In einem oberen Gemache eines dieser Häuser, das etwas abgesondert
stand, in anderen Beziehungen zu den verfallensten gehörte, aber stark
befestigte Türen und Fenster hatte, von welchen die hinteren auf das
beschriebene sumpfige Gewässer hinausgingen, saßen drei Männer in
tiefem düsteren Stillschweigen, einander von Zeit zu Zeit Blicke der
Bangigkeit und angstvollen Erwartung zuwerfend. Es waren Toby Crackit,
Tom Chitling und ein Raubgeselle von etwa fünfzig Jahren, dem einst die
Nase fast plattgeschlagen worden, und dessen Gesicht eine grauenvolle
Narbe hatte, ohne Zweifel gleichfalls infolge einer Schlägerei. Er war
ein zurückgekehrter Deportierter und hieß Kags.
«Ich wollte,» nahm endlich Toby, zu Chitling sich wendend, das Wort,
«daß Ihr Euch ein anderes Bayes ausgesucht hättet, als Euch die beiden
alten zu warm wurden, und nicht hierher gekommen wäret.»
«Freilich», stimmte Kags bei; «warum tat'st das nicht, Dummkopf?»
«Ich glaubte, Ihr würdet etwas vergnügter gewesen sein, mich zu sehen»,
antwortete Chitling mit trübseliger Miene.
«Ja seht, junger Herr,» sagte Toby, «wenn sich einer so exklusiv hält,
wie ich's getan habe, und somit in 'nem gemütlichen Hause sitzt,
da niemand reinguckt und das niemand umschnüffelt, so ist's ein
verfluchtes Ding, die Ehre 'nes Besuchs von 'nem jungen Gentleman in
Eurer Lage zu haben, so respektabel und angenehm es sonst sein mag,
nach Umständen Karten mit ihm zu spielen.»
«Besonders,» fügte Kags hinzu, «wenn der exklusive junge Gentleman
'nen Freund bei sich hat, der aus fremden Ländern eher zurückgekehrt
ist, als er erwartet wurde, und zu viel Bescheidenheit besitzt, um zu
wünschen, nach seiner Heimkehr den Richtern vorgestellt zu werden.»
Toby Crackit schwieg eine Zeitlang und fragte darauf Chitling, doch
nicht mehr in seinem leichtfertig renommistischen Tone, wann Fagin
ergriffen worden wäre.
«Heute nachmittag um zwei Uhr», erwiderte Tom. «Charley und ich
entkamen durch den Waschhausschornstein, und Bolter plumpste mit dem
Kopfe zuerst in 'ne leere Wassertonne hinein; aber seine langen Beine
standen heraus, und er wurde auch gefaßt.»
«Und Bet?»
«Sie ging, um die Leiche anzusehen, und fing an zu toben und zu rasen
bei dem Anblicke und wollte sich den Kopf einrennen. Sie legten ihr
drum 'ne Zwangsjacke an und brachten sie ins Tollhaus, wo sie noch ist.»
«Was ist denn aus dem Bates geworden?» fragte Kags.
«Er wird hier sein, sobald es dunkel geworden ist, und treibt sich
solange herum, wo er kann. Die aus 'n Krüppel sitzen alle, und die
ganze Schenkstube ist voll von Polizei; ich hab's mit meinen eigenen
Augen gesehen.»
«Da wird noch manch einer mit hineinverwickelt werden», bemerkte Toby,
sich auf die Lippen beißend.
«'s ist Schwurgerichtssaison,» sagte Kags, «und wenn Bolter gegen Fagin
aussagt, was er ohne Zweifel tun wird, so baumelt der Jude bei Gott
nach sechs Tagen.»
«Ihr hättet nur die Leute toben hören sollen», fuhr Chitling fort.
«Hätten die Schuker nicht wie Teufel gefochten, so wär ihnen Fagin vom
Volk entrissen. Er sah aus wie durch Kot und Blut gezogen, denn einmal
war er schon niedergeschlagen und hing sich an die Schuker, als wenn
sie seine teuersten Freunde gewesen wären. Sie mußten ihn in die Mitte
nehmen, und der andrängende wütende Haufen war wie 'ne Herde reißender,
nach seinem Blute lechzender Wölfe und lärmte wie besessen, und die
Weiber schrien, daß sie ihm das Herz aus'm Leibe reißen wollten.»
Alle drei saßen einige Minuten entsetzt und schweigend da, als
plötzlich auf der Treppe ein Geräusch ertönte und unmittelbar darauf
Sikes' Hund hereinsprang. Sie liefen an das Fenster; er mußte durch
irgendeine Öffnung hereingekommen sein; sein Herr war jedoch nicht zu
sehen.
«Was ist dies?» sagte Toby, nachdem sie vom Fenster zurückgetreten
waren. «Ich will doch hoffen, daß er nicht hierher kommt?»
«Wenn er das gewollt hätte, würd' er mit dem Hunde gekommen sein, der
gerade so aussieht, als wenn er weit hergelaufen wäre», meinte Kags.
«Aber woher kann er gekommen sein?» fuhr Toby fort. «Hm! er hat Fremde
in den andern Häusern gefunden, und hier ist er schon öfter gewesen.
Aber warum kommt er ohne ihn?»
«Er» (keiner nannte den Mörder bei seinem Namen), «er ist sicher übers
Wasser,» sagte Kags, «und er hat den Hund zurückgelassen, der sonst
nicht so ruhig daliegen würde.»
Als es dunkel geworden war, verschlossen sie den Fensterladen und
zündeten Licht an. Die schrecklichen Ereignisse der beiden letzten Tage
hatten sie mit Furcht und Entsetzen erfüllt. Sie schreckten bei jedem
Laute zusammen und flüsterten nur von Zeit zu Zeit ein paar Worte, als
wenn das Gespenst der Ermordeten im Hause umginge. Plötzlich wurde laut
an die Haustür geklopft. Crackit sah aus dem Fenster und erblaßte.
Sie berieten, und das Ergebnis war, daß er eingelassen werden müsse.
Crackit ging und kehrte bald darauf mit einem Manne zurück, der mehr
wie des Mörders fürchterlicher Geist als wie Sikes selber aussah, mit
seinen erdfahlen, eingefallenen Wangen, erloschenen, tiefliegenden
Augen und langgewachsenem Barte. Er wollte sich auf einen Stuhl am
Tische niederlassen, schauderte aber und schob den Stuhl dicht an die
Wand.
Kein Wort war noch gesprochen worden. Seine Blicke schweiften von
dem einen zum andern. Ward ein Auge aufgeschlagen und begegnete dem
seinigen, so wurde es augenblicklich wieder gesenkt. Als er endlich
das Stillschweigen brach, schreckten alle drei bei dem nie vernommenen
hohlen Tone seiner Stimme zusammen.
«Wie kam der Hund hier ins Haus?» fragte er.
«Allein. Vor drei Stunden.»
«Es heißt, daß Fagin eingezogen wäre. Ist's wahr oder gelogen?»
«Vollkommen wahr.»
Es trat ein abermaliges Schweigen ein.
«Geht alle zur Hölle!» hub Sikes endlich, mit der Hand über die Stirn
fahrend, wieder an. «Habt ihr mir nichts zu sagen?»
Es erfolgte eine unruhige Bewegung unter ihnen, aber niemand sprach.
«Ihr, der Ihr hier Herr im Hause spielt,» fuhr Sikes zu Crackit
gewandt, fort, «denkt Ihr mich zu verkaufen oder mich hier unterducken
zu lassen, bis die Hetze vorbei ist?»
«Ihr könnt bleiben, wenn Ihr Euch hier für sicher haltet», antwortete
Toby zögernd.
Sikes blickte oder machte vielmehr nur den Versuch, hinter sich an der
Wand hinaufzublicken, und sagte: «Ist -- ist sie -- ist die Leiche schon
beigesetzt?»
Das Kleeblatt schüttelte die Köpfe.
«Warum nicht?» fuhr er, ebenso hinter sich blickend, fort. «Warum
lassen sie ein so häßliches Ding über der Erde? -- Wer klopft da?»
Toby erwiderte, es wäre nichts zu fürchten, ging hinaus und trat mit
Charley Bates wieder herein. Sikes saß der Tür gegenüber, so daß die
Blicke des Knaben sogleich auf seine Gestalt fielen.
«Toby,» sagte Charley, «warum habt Ihr mir das unten nicht gesagt?»
Sikes sah die drei zusammenschrecken und hielt dem Knaben die Hand
zutunlich schmeichelnd entgegen, denn es bemächtigte sich seiner ein
unnennbares Entsetzen.
«Laß mich in ein anderes Zimmer gehen», sagte Charley, sich
zurückziehend.
«Charley», sagte Sikes, aufstehend und ein paar Schritte vortretend:
«wie -- kennst du mich nicht?»
«Kommt mir nicht näher!» rief der Knabe, noch weiter zurückweichend und
schaudernd dem Mörder in das Angesicht blickend. «Ihr Ungeheuer -- Ihr
Unmensch!»
Sikes stand auf halbem Wege still, und beide blickten einander an; aber
dann senkte der Mörder allmählich die Augen zu Boden.
«Ich nehm' euch drei zu Zeugen,» rief der Knabe, die geballte Faust
schüttelnd und im Fortreden einen immer heftigeren Ton annehmend,
«ich nehm' euch drei zu Zeugen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte,
und wird er hier gesucht, so zeig' ich ihn selbst an. Ich sag's euch
rund heraus, er kann mich totschlagen, wenn's ihm beliebt, oder wenn
er's wagt, aber bin ich hier, so zeig' ich ihn selbst an, würd' ihn
anzeigen, und wenn er lebendig geröstet werden sollte. Hilfe! Mörder!
Wenn ihr nicht alle drei elende Memmen seid, so steht ihr mir bei.
Hilfe! Mörder! Nieder mit ihm!»
Er warf sich bei diesen Worten allein auf den riesenstarken Mann, und
zwar so wütend und plötzlich, daß beide zu Boden stürzten. Die drei
Zuschauer waren wie betäubt, machten nicht einmal Miene, sich in das
Mittel zu legen, und der Knabe und der Mann wälzten sich um und um,
indem jener der auf ihn herabregnenden Streiche nicht achtete, die
Kleider des Mörders immer fester vor der Brust desselben faßte, und
nicht aufhörte, aus aller Macht nach Hilfe zu rufen.
Der Kampf war jedoch zu ungleich, um lange währen zu können. Sikes
hatte seinen Gegner unter sich gebracht und setzte ihm das Knie auf
die Kehle, als ihn Crackit mit bestürzter Miene emporriß und nach dem
Fenster hinwies. Es schimmerten Lichter auf der Straße unten, eifrige
Stimmen ertönten, von der nächsten Brücke her wurde der unaufhörliche
Schall von Fußtritten vernommen, wie wenn eine zahllose Menschenmenge
herüberkäme, unter welcher sich ein Berittener zu befinden schien,
denn man hörte deutlich das Geräusch von Rossehufen auf dem unebenen
Steinpflaster. Es wurde immer heller, der Nahenden Anzahl immer größer,
und endlich wurde laut an die Haustür geklopft, während ein heiseres
Gemurmel unzähliger zorniger Stimmen auch wohl den Beherztesten mit
Beben erfüllte.
«Hilfe, zu Hilfe!» schrie der Knabe im durchdringendsten Tone. «Hier
ist er, hier ist er! Brecht die Tür auf!»
«In des Königs Namen!» wurde draußen gerufen und wiederum erhob sich,
nur lauter, das zornige Gemurmel.
«Schlagt die Tür ein!» schrie Charley. «Sie öffnen sie nimmermehr.
Schlagt die Tür ein und dann herauf, wo das Licht ist!»
Ein lautes Hussa ertönte, und es war, als wenn mit hundert und abermals
hundert Knütteln und Stangen gegen die Fensterläden gehämmert würde.
«Macht mir das Loch da auf, daß ich diesen verfluchten kleinen
schreienden Galgenstrick einschließen kann», rief Sikes wütend,
schleuderte den Knaben in ein Gemach hinein, das Toby öffnete, und
verschloß es. «Ist die Tür unten gut verwahrt?»
«Verschlossen und doppelt und dreifach verriegelt», erwiderte Crackit,
der gleich den andern beiden kaum einen deutlichen Gedanken fassen zu
können schien.
«Wie ist's mit den Wänden und Fenstern?» fragte Sikes weiter.
«Verwahrt wie ein Gefängnis.»
Jetzt öffnete Sikes das Fenster und rief trotzig hinunter: «Seid alle
verdammt! Macht eure Sachen, so gut ihr könnt, ihr bekommt mich doch
nicht!»
Erschütterndes Geschrei der wütenden Menge erfüllte die Luft. Einige
riefen, man möge das Haus anzünden, andere, die Polizeidiener möchten
den Mörder totschießen, und niemand zeigte eine solche unsinnige
Wut wie der Reiter, der aus dem Sattel sprang, sich durch die Menge
hindurchdrängte, als wenn er nur Wasser teilte, und dicht vor dem
Hause mit einer den gräßlichen Lärm übertönenden Stimme rief: «Zwanzig
Guineen, wer eine Leiter bringt.»
Und nunmehr riefen Hunderte nach Leitern und Schmiedehämmern, andere
rannten mit Fackeln hin und her, und noch andere stießen Flüche und
Verwünschungen aus, drängten wie rasend gegen die Tür oder versuchten
an dem Hause emporzuklimmen.
«Es war Flutzeit, als ich kam», rief Sikes, das Fenster wieder
verschließend. «Gebt mir 'nen Strick. Sie sind alle vorn. Ich kann mich
hinten in den Graben 'nunterlassen und entkommen. 'nen Strick -- hurtig
-- oder ich tue noch drei Mordtaten und mache mir dann selber den
Garaus.»
Die drei von dem Schrecken Gelähmten wiesen nach einem Winkel hin, in
welchem Stricke lagen. Sikes wählte hastig den stärksten und längsten
aus, eilte hinauf und bestieg das Dach.
Der eingesperrte Knabe hatte unterdes nicht aufgehört zu schreien
und zu rufen, man möchte das Haus von allen Seiten bewachen. Als der
Mörder daher aus der Dachluke herausstieg, wurde er sogleich bemerkt,
da Hunderte bereits Wege gesucht hatten, um nach dem Hinterhause zu
gelangen. Die Ebbe war eingetreten, und er sah, daß der Graben nur mit
Schlamm gefüllt war. Die Fenster und Dächer aller Hinterhäuser umher
waren bereits lebendig, und von oben und unten und allen Seiten ertönte
Triumphgeschrei, daß er nicht entrinnen könne.
«Nun haben sie ihn, hurra!» schrie ein Mann auf der nächsten, unter der
Menschenwucht sich beugenden Brücke, und ein tausendfaches Hurra hallte
durch die Luft wider.
«Ich gelobe demjenigen fünfzig Pfund,» rief ein alter, gleichfalls
auf der Brücke stehender Herr, «der ihn lebendig greift. Ich will
hierbleiben und zahle die Summe auf der Stelle.»
Ein abermaliges allgemeines Geschrei ertönte, in das sich der Ruf
mischte, die Tür sei endlich erbrochen; der Menschenstrom flutete
nun wieder zu dieser zurück, denn jeder wollte den Mörder von den
Polizeibeamten herausbringen sehen. Es entstand das furchtbarste
Gedränge, und das Dach wurde für den Augenblick weniger beachtet.
Der Mörder, der, bereits verzweifelnd, unschlüssig dagesessen hatte,
faßte jetzt wieder Hoffnung und beschloß, den letzten Rettungsversuch
zu wagen und sich auf die Gefahr, im Schlamme zu ersticken, in den
Graben hinabzulassen, um womöglich mit Hilfe der Dunkelheit und
Verwirrung zu entfliehen. Die Hoffnung gab ihm neue Kraft, der sich
ihm nähernde Lärm im Hause stachelte ihn noch mehr an, er sprang auf,
erreichte in zwei Augenblicken den Schornstein, befestigte das eine
Ende seines Strickes an demselben und hatte im Nu an dem andern eine
starke Laufschlinge geknüpft. Er konnte sich mit dem Stricke fast bis
auf Manneslänge hinunterlassen und nahm sein Messer zur Hand, um ihn
zur rechten Zeit abzuschneiden und sich in den Graben zu werfen.
In demselben Augenblicke, als er die Schlinge über den Kopf warf, um
sie unter den Armen zu befestigen, und indem der erwähnte alte Herr
laut rief, der Mörder sei im Begriff, sich hinunterzulassen, blickte er
hinter sich, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und stieß einen
lauten Schrei des Entsetzens aus. «Die Augen -- da sind sie wieder!»
rief er mit hohler Grabesstimme, wankte, wie von einem Blitzstrahle
getroffen, verlor das Gleichgewicht und taumelte vom Dache herunter,
die Schlinge war an seinem Halse, und seine Schwere bewirkte, daß sie
straff wie eine Bogenschnur und schnell wie ein Pfeil hinauflief. Er
fiel fünfunddreißig Fuß -- ein plötzlicher Ruck -- ein krampfhaftes
Gliederzucken -- und da hing er mit dem offenen Messer in der
zusammengepreßten, steif werdenden Hand.
Der alte Schornstein bebte von der Erschütterung, hielt sie jedoch
aus. Der entseelte Mörder schwebte hin und wieder; Charley, dem er
die Aussicht versperrte, stieß ihn zur Seite und rief, daß man seiner
Gefangenschaft ein Ende machen möchte; der Hund lief mit schrecklichem
Geheul auf dem Dache hin und her und sprang endlich hinunter auf die
Schulter des Erhängten, vermochte sich aber nicht festzuhalten, stürzte
und lag gleichfalls darauf tot da, denn er war mit dem Kopfe gegen
einen spitzen Stein gefallen.