48. Kapitel.

Sikes' Flucht.

In der ganzen großen Hauptstadt war an diesem Morgen sicher keine so

greuliche, ruchlose Tat geschehen. Die Sonne -- die helle Sonne, die

nicht bloß Licht, sondern neues Leben, Hoffnung und rüstige Frische den

Menschen zurückbringt -- ging strahlend auf über der menschenerfüllten

Stadt und ergoß ihren Glanz durch kostbar bemalte Scheiben wie durch

papierverklebte Fenster und hinein in den himmelanstrebenden Dom wie

in die schlechteste, niedrigste Hütte. Sie erhellte auch das Gemach,

in welchem die ermordete Nancy lag. Sikes bemühte sich, dem Eindringen

ihres Lichtes zu wehren, jedoch vergeblich, und hatte das Mädchen beim

ungewissen Dämmerscheine des Morgens einen fürchterlichen Anblick

dargeboten, so war ihre blutige Gestalt bei voller Tageshelle noch

zehnmal unheimlicher und schauerlicher anzuschauen.

Sikes war aus Furcht nicht von der Stelle gewichen. Er hatte ein leises

Ächzen der jammervoll Daliegenden vernommen, ein Zucken ihrer Hand

gewahrt und aber- und abermals geschlagen, denn Schrecken und Angst

waren bei ihm zu der Erbitterung des Hasses hinzugekommen. Er warf eine

Decke über sie; doch es war noch fürchterlicher, im Geiste ihre Augen

zu schauen, nach ihm sich wenden und dann emporstarren zu sehen, als

wenn sie des Himmels Rache herabriefen. Er entfernte die Decke wieder,

und da lag der schreckliche Leichnam, aus dessen Wunden das Blut noch

langsam hervorquoll.

Er zündete Feuer an und steckte den Knotenstock hinein, an welchem

Haare der Ermordeten klebten, die er, trotz seiner Eisenfestigkeit,

mit Zagen von den Flammen ergreifen sah, und ließ ihn darin, bis er

zerbrach und zu Asche verbrannte. Er wusch sich und rieb seine Kleider

ab. Sie hatten Flecke, die nicht ausgehen wollten, und er schnitt die

Stücke heraus und verbrannte sie. Das ganze Gemach war blutbefleckt --

sogar die Füße des Hundes waren blutig.

Er hatte während dieser ganzen Zeit nicht nach der Leiche

zurückgesehen, nicht ein einziges Mal, und ging, den Hund mit sich

fortziehend, ohne hinzublicken nach der Tür, verschloß sie und verließ

das Haus. -- Er schritt quer über die Straße und schaute nach dem

Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen

wäre. Das Fenster war durch den Vorhang verhüllt, den sie aufziehen

wollte, um dem Lichte freien Zugang zu verschaffen, das sie aber nie

wiedersehen sollte. Ihre Leiche lag ganz in der Nähe -- er wußte es --

und wie hell die Sonne das Fenster erleuchtete!

Es war ihm jedoch Erleichterung, das Zimmer verlassen zu haben; er

pfiff dem Hunde und entfernte sich eiligen Schrittes. Er ging durch

Islington und über Highgate-Hill, ungewiß, wohin er sich wenden sollte,

hatte endlich Hampstead hinter sich gelassen, befand sich im Freien,

legte sich hinter eine Hecke, schlief ein, erwachte jedoch bald wieder

und irrte von neuem umher, bald eilend, bald zögernd, rastlos selbst,

wenn er bisweilen rastete. In Hendon gedachte er irgendwo einzukehren,

allein sogar die Kinder vor den Türen schienen ihn argwöhnisch

anzublicken, der Mut fehlte ihm, einen Trunk oder einen Bissen Brot

zu fordern, und er suchte das Freie wieder auf, obwohl ihn die

vielstündige Wanderung, die ihn immer und immer wieder auf denselben

Fleck zurückführte, fast gänzlich erschöpft hatte.

Um neun Uhr abends wagte er sich endlich in ein kleines Gasthaus in

Hatfield hinein. Im Schenkstübchen am Feuer saßen einige ländliche

Arbeiter. Sie machten Platz für den unbekannten Gast, allein er setzte

sich in den fernsten Winkel und aß und trank allein, seinem ermüdeten

Hund von Zeit zu Zeit ein Stück zuwerfend. Die Arbeiter unterhielten

sich von ganz gewöhnlichen Dingen, und er schlummerte schon ein, als

lärmend ein Mann eintrat, der halb Hausierer, halb Marktschreier zu

sein schien und sogleich anfing, seine Waren ruhmrederisch und unter

mannigfachen Scherzen, wie sie zu dem Orte sich schicken mochten,

anzupreisen.

«Diese Kügelchen hier», sagte er in Erwiderung auf eine Frage eines der

Arbeiter, «sind ein untrügliches und unfehlbares Mittel, aus allerlei

Art Zeug alle Arten von Flecken auszutilgen. Hat eine Dame ihre Ehre

befleckt, so braucht sie nur ein solches Kügelchen zu genießen. Will

ein Herr seine Ehre beweisen, kann er's ebensogut mit 'nem solchen

Kügelchen tun als mit 'ner Pistolenkugel und noch besser, denn der

Geschmack ist viel schlechter. Wer kauft? Das Stück 'nen Penny --

oder auch zwei Halbpence oder vier Heller -- mir ist's ganz gleich.

Sie gehen so reißend ab, daß sie nur selten zu haben sind; vierzehn

Wassermühlen, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind

unaufhörlich in Arbeit und können nicht schnell genug fabrizieren, um

die Käufer zu befriedigen, obgleich die angestellten Arbeiter sich

totarbeiten und die Witwen mit zwanzig Pfund jährlich für jedes Kind

pensioniert werden und mit 'ner Prämie für Zwillinge. Alle Flecke gehn

davon aus, Fettflecke, Wein- und Farbe- und Wasser- und Blutflecke.

Schauen Sie hier! Da ist ein Fleck auf dem Hute 'nes Gentleman, den ich

'runterbringen werde, eh' er mir 'nen Krug Ale bringen lassen kann.»

«Wollt Ihr wohl meinen Hut liegen lassen!» rief Sikes emporschreckend.

«Sir,» fuhr der Hausierer, den Arbeitern zublinzelnd, fort, «ich werde

den Fleck 'runter haben, eh' Sie zu mir herkommen können. Gentlemen,

Sie bemerken den dunkeln Fleck auf dem Hute des Gentleman, nicht größer

als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Gleichviel, ob's

ein Fettfleck ist, oder ein Wein-, ein Farbe-, ein Wasser- oder ein

Blutfleck --»

Er kam nicht weiter, denn Sikes stieß mit einer schrecklichen

Verwünschung den Tisch um, entriß ihm den Hut, schritt wütend

aus dem Hause hinaus und wandte sich in derselben Verwirrung und

Unentschlossenheit, die ihn, ihm selber zum Trotze, den ganzen Tag

nicht hatte verlassen wollen, wieder nach der Stadt zurück. Vor dem

Posthause stand eine Londoner Diligence, und sorgfältig den Schein

ihrer Laternen meidend, näherte er sich ahnungsvoll, um zu horchen.

Er hatte eine Zeitlang dagestanden, als ein Wildwärter zu dem

Kondukteur trat, der am Fenster des Bureaus auf seine Abfertigung

wartete, und ihn fragte, ob es nichts Neues gäbe.

«Das Korn ist ein bissel gestiegen», lautete die Antwort. «Auch hörte

ich von 'ner Mordtat, begangen in der Gegend von Spitalsfield -- doch

wer weiß? Es wird entsetzlich gelogen.»

«Es ist vollkommen wahr», nahm ein Reisender das Wort. «Es ist eine

höchst schauderhafte Mordtat gewesen.»

«Ist sie denn an einem Manne oder an einer Frau begangen, Sir?»

«An einem Mädchen, und man sagte --»

Hier wurde der Kutscher ungeduldig und rief dem Kondukteur zu, daß er

sich beeilen möchte.

«Komme schon,» rief der Kondukteur heraustretend zurück, «wie auch die

reiche junge Dame schon kommt, die sich in mich verlieben wird, ich

weiß nur nicht, wann.»

Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.

Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich

wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.

Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der

einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung,

so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um

ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte

oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich

fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf

den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah

sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern

rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises

Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte

sie ihm auch -- nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung

gewesen sein würde -- sondern wie eine Leiche, begabt nur mit

mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam

daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden

Lufthauche.

Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um,

gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen

Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das

Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war

fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen --

jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand

eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie, in deutlichen

Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend, vor ihm stand.

Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten,

aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine

mit blutgeschriebener Inschrift.

Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die

Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen

Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.

Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die

Nacht darbot. Vor der Türe desselben standen drei hohe Pappelbäume, die

das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in

ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch

fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder -- um neuen

Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch

schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen

war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen

ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins

von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte

er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so

deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem

Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern

und starr wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und

eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den

Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die

Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.

Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von

Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und

Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine

wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut

kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte

sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren

Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter

wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben

in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der

Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis

achtend, und langte atemlos an.

Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die

Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war,

und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen,

in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald

auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte

jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und

empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die

kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit

zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens

zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier

und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der

Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke,

und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn

auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot

und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der

Mordtat zu sprechen. «Er ist nach Birmingham gegangen,» sagte einer

von ihnen, «aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre

Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im

ganzen Lande sein. >Wo ist der Mörder?<»

Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf

sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber

unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und

ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht,

seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten

Entschluß, nach London zurückzukehren.

«Kann doch wenigstens dort mit jemand sprechen,» dachte er, «und hab'

ein gutes Versteck. Sie suchen mich da am letzten. Ich halte mich

'ne Woche still, zwinge Fagin, zu blechen und schiffe 'nüber nach

Frankreich. Gott verdamm mich, ich wag's!»

Sein Plan war, nach Dunkelwerden auf Schleichwegen Fagins Wohnung zu

erreichen. Aber der mit ihm vermißte Hund konnte seine Entdeckung

und Verhaftung veranlassen. Er beschloß, ihn zu ersäufen, hob einen

schweren Stein auf und knüpfte denselben in sein Taschentuch. Ein

Gewässer war in der Nähe, er lockte den Hund, allein lange mit

vergeblicher Mühe; die Blicke seines brutalen Herrn mochten den

Instinkt des Tieres noch verschärft haben. Sikes schmeichelte und

drohte, der Hund kroch endlich zu ihm heran, sprang aber, als er sich

plötzlich gefaßt fühlte, zurück, lief davon, und Sikes mußte seine

Wanderung allein fortsetzen.

Oliver Twist(#56586) · 第 56 / 67 题