Sikes' Flucht.
In der ganzen großen Hauptstadt war an diesem Morgen sicher keine so
greuliche, ruchlose Tat geschehen. Die Sonne -- die helle Sonne, die
nicht bloß Licht, sondern neues Leben, Hoffnung und rüstige Frische den
Menschen zurückbringt -- ging strahlend auf über der menschenerfüllten
Stadt und ergoß ihren Glanz durch kostbar bemalte Scheiben wie durch
papierverklebte Fenster und hinein in den himmelanstrebenden Dom wie
in die schlechteste, niedrigste Hütte. Sie erhellte auch das Gemach,
in welchem die ermordete Nancy lag. Sikes bemühte sich, dem Eindringen
ihres Lichtes zu wehren, jedoch vergeblich, und hatte das Mädchen beim
ungewissen Dämmerscheine des Morgens einen fürchterlichen Anblick
dargeboten, so war ihre blutige Gestalt bei voller Tageshelle noch
zehnmal unheimlicher und schauerlicher anzuschauen.
Sikes war aus Furcht nicht von der Stelle gewichen. Er hatte ein leises
Ächzen der jammervoll Daliegenden vernommen, ein Zucken ihrer Hand
gewahrt und aber- und abermals geschlagen, denn Schrecken und Angst
waren bei ihm zu der Erbitterung des Hasses hinzugekommen. Er warf eine
Decke über sie; doch es war noch fürchterlicher, im Geiste ihre Augen
zu schauen, nach ihm sich wenden und dann emporstarren zu sehen, als
wenn sie des Himmels Rache herabriefen. Er entfernte die Decke wieder,
und da lag der schreckliche Leichnam, aus dessen Wunden das Blut noch
langsam hervorquoll.
Er zündete Feuer an und steckte den Knotenstock hinein, an welchem
Haare der Ermordeten klebten, die er, trotz seiner Eisenfestigkeit,
mit Zagen von den Flammen ergreifen sah, und ließ ihn darin, bis er
zerbrach und zu Asche verbrannte. Er wusch sich und rieb seine Kleider
ab. Sie hatten Flecke, die nicht ausgehen wollten, und er schnitt die
Stücke heraus und verbrannte sie. Das ganze Gemach war blutbefleckt --
sogar die Füße des Hundes waren blutig.
Er hatte während dieser ganzen Zeit nicht nach der Leiche
zurückgesehen, nicht ein einziges Mal, und ging, den Hund mit sich
fortziehend, ohne hinzublicken nach der Tür, verschloß sie und verließ
das Haus. -- Er schritt quer über die Straße und schaute nach dem
Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen
wäre. Das Fenster war durch den Vorhang verhüllt, den sie aufziehen
wollte, um dem Lichte freien Zugang zu verschaffen, das sie aber nie
wiedersehen sollte. Ihre Leiche lag ganz in der Nähe -- er wußte es --
und wie hell die Sonne das Fenster erleuchtete!
Es war ihm jedoch Erleichterung, das Zimmer verlassen zu haben; er
pfiff dem Hunde und entfernte sich eiligen Schrittes. Er ging durch
Islington und über Highgate-Hill, ungewiß, wohin er sich wenden sollte,
hatte endlich Hampstead hinter sich gelassen, befand sich im Freien,
legte sich hinter eine Hecke, schlief ein, erwachte jedoch bald wieder
und irrte von neuem umher, bald eilend, bald zögernd, rastlos selbst,
wenn er bisweilen rastete. In Hendon gedachte er irgendwo einzukehren,
allein sogar die Kinder vor den Türen schienen ihn argwöhnisch
anzublicken, der Mut fehlte ihm, einen Trunk oder einen Bissen Brot
zu fordern, und er suchte das Freie wieder auf, obwohl ihn die
vielstündige Wanderung, die ihn immer und immer wieder auf denselben
Fleck zurückführte, fast gänzlich erschöpft hatte.
Um neun Uhr abends wagte er sich endlich in ein kleines Gasthaus in
Hatfield hinein. Im Schenkstübchen am Feuer saßen einige ländliche
Arbeiter. Sie machten Platz für den unbekannten Gast, allein er setzte
sich in den fernsten Winkel und aß und trank allein, seinem ermüdeten
Hund von Zeit zu Zeit ein Stück zuwerfend. Die Arbeiter unterhielten
sich von ganz gewöhnlichen Dingen, und er schlummerte schon ein, als
lärmend ein Mann eintrat, der halb Hausierer, halb Marktschreier zu
sein schien und sogleich anfing, seine Waren ruhmrederisch und unter
mannigfachen Scherzen, wie sie zu dem Orte sich schicken mochten,
anzupreisen.
«Diese Kügelchen hier», sagte er in Erwiderung auf eine Frage eines der
Arbeiter, «sind ein untrügliches und unfehlbares Mittel, aus allerlei
Art Zeug alle Arten von Flecken auszutilgen. Hat eine Dame ihre Ehre
befleckt, so braucht sie nur ein solches Kügelchen zu genießen. Will
ein Herr seine Ehre beweisen, kann er's ebensogut mit 'nem solchen
Kügelchen tun als mit 'ner Pistolenkugel und noch besser, denn der
Geschmack ist viel schlechter. Wer kauft? Das Stück 'nen Penny --
oder auch zwei Halbpence oder vier Heller -- mir ist's ganz gleich.
Sie gehen so reißend ab, daß sie nur selten zu haben sind; vierzehn
Wassermühlen, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind
unaufhörlich in Arbeit und können nicht schnell genug fabrizieren, um
die Käufer zu befriedigen, obgleich die angestellten Arbeiter sich
totarbeiten und die Witwen mit zwanzig Pfund jährlich für jedes Kind
pensioniert werden und mit 'ner Prämie für Zwillinge. Alle Flecke gehn
davon aus, Fettflecke, Wein- und Farbe- und Wasser- und Blutflecke.
Schauen Sie hier! Da ist ein Fleck auf dem Hute 'nes Gentleman, den ich
'runterbringen werde, eh' er mir 'nen Krug Ale bringen lassen kann.»
«Wollt Ihr wohl meinen Hut liegen lassen!» rief Sikes emporschreckend.
«Sir,» fuhr der Hausierer, den Arbeitern zublinzelnd, fort, «ich werde
den Fleck 'runter haben, eh' Sie zu mir herkommen können. Gentlemen,
Sie bemerken den dunkeln Fleck auf dem Hute des Gentleman, nicht größer
als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Gleichviel, ob's
ein Fettfleck ist, oder ein Wein-, ein Farbe-, ein Wasser- oder ein
Blutfleck --»
Er kam nicht weiter, denn Sikes stieß mit einer schrecklichen
Verwünschung den Tisch um, entriß ihm den Hut, schritt wütend
aus dem Hause hinaus und wandte sich in derselben Verwirrung und
Unentschlossenheit, die ihn, ihm selber zum Trotze, den ganzen Tag
nicht hatte verlassen wollen, wieder nach der Stadt zurück. Vor dem
Posthause stand eine Londoner Diligence, und sorgfältig den Schein
ihrer Laternen meidend, näherte er sich ahnungsvoll, um zu horchen.
Er hatte eine Zeitlang dagestanden, als ein Wildwärter zu dem
Kondukteur trat, der am Fenster des Bureaus auf seine Abfertigung
wartete, und ihn fragte, ob es nichts Neues gäbe.
«Das Korn ist ein bissel gestiegen», lautete die Antwort. «Auch hörte
ich von 'ner Mordtat, begangen in der Gegend von Spitalsfield -- doch
wer weiß? Es wird entsetzlich gelogen.»
«Es ist vollkommen wahr», nahm ein Reisender das Wort. «Es ist eine
höchst schauderhafte Mordtat gewesen.»
«Ist sie denn an einem Manne oder an einer Frau begangen, Sir?»
«An einem Mädchen, und man sagte --»
Hier wurde der Kutscher ungeduldig und rief dem Kondukteur zu, daß er
sich beeilen möchte.
«Komme schon,» rief der Kondukteur heraustretend zurück, «wie auch die
reiche junge Dame schon kommt, die sich in mich verlieben wird, ich
weiß nur nicht, wann.»
Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.
Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich
wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.
Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der
einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung,
so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um
ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte
oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich
fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf
den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah
sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern
rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises
Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte
sie ihm auch -- nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung
gewesen sein würde -- sondern wie eine Leiche, begabt nur mit
mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam
daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden
Lufthauche.
Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um,
gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen
Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das
Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war
fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen --
jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand
eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie, in deutlichen
Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend, vor ihm stand.
Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten,
aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine
mit blutgeschriebener Inschrift.
Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die
Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen
Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.
Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die
Nacht darbot. Vor der Türe desselben standen drei hohe Pappelbäume, die
das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in
ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch
fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder -- um neuen
Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch
schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen
war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen
ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins
von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte
er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so
deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem
Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern
und starr wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und
eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den
Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die
Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.
Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von
Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und
Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine
wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut
kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte
sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren
Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter
wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben
in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der
Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis
achtend, und langte atemlos an.
Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die
Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war,
und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen,
in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald
auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte
jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und
empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die
kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.
Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit
zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens
zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier
und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der
Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke,
und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn
auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot
und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der
Mordtat zu sprechen. «Er ist nach Birmingham gegangen,» sagte einer
von ihnen, «aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre
Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im
ganzen Lande sein. >Wo ist der Mörder?<»
Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf
sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber
unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und
ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht,
seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten
Entschluß, nach London zurückzukehren.
«Kann doch wenigstens dort mit jemand sprechen,» dachte er, «und hab'
ein gutes Versteck. Sie suchen mich da am letzten. Ich halte mich
'ne Woche still, zwinge Fagin, zu blechen und schiffe 'nüber nach
Frankreich. Gott verdamm mich, ich wag's!»
Sein Plan war, nach Dunkelwerden auf Schleichwegen Fagins Wohnung zu
erreichen. Aber der mit ihm vermißte Hund konnte seine Entdeckung
und Verhaftung veranlassen. Er beschloß, ihn zu ersäufen, hob einen
schweren Stein auf und knüpfte denselben in sein Taschentuch. Ein
Gewässer war in der Nähe, er lockte den Hund, allein lange mit
vergeblicher Mühe; die Blicke seines brutalen Herrn mochten den
Instinkt des Tieres noch verschärft haben. Sikes schmeichelte und
drohte, der Hund kroch endlich zu ihm heran, sprang aber, als er sich
plötzlich gefaßt fühlte, zurück, lief davon, und Sikes mußte seine
Wanderung allein fortsetzen.