Unglückliche Folgen.
Es war fast zwei Stunden vor Tagesanbruch -- die rechte Nachtzeit im
Herbste, da, indem sogar der Schall zu schlummern scheint, die Straßen
schweigend und verlassen und die Schlemmer und Schwelger nach Hause
getaumelt sind, um zu träumen -- als der Jude wachend in seiner alten
Höhle mit einem so bleichen und verzerrten Gesichte und so roten und
blutunterlaufenen Augen dasaß, daß er weniger einem Menschen als einem
greulichen, vom Grabe feuchten und von einem bösen Geiste gepeinigten
Gespenste glich.
Er kauerte, in eine zerlumpte Bettdecke gehüllt, an einem kalten Herde
und hatte die Blicke auf ein dem Erlöschen nahes Licht gerichtet,
das auf einem Tische neben ihm stand. Die rechte Hand hielt er, wie
in Gedanken verloren, an die Lippen und kaute an seinen langen,
schwarzen Fingernägeln, so daß man in dem sonst zahnlosen Munde
einige Vorderzähne erblickte, die einem Hunde oder einer Ratte hätten
angehören können.
Auf einer Matratze am Boden ausgestreckt lag Noah Claypole in festem
Schlafe. Zwischen ihm und dem Lichte schweiften die zerstreuten
Blicke des alten Mannes bisweilen hin und wieder, in dessen Innerem,
einander drängend, unruhige Gedanken und stürmische Leidenschaften
wogten und wühlten -- bitterer Verdruß über das Mißlingen seines
gewinnverheißenden Planes, tödlicher Haß gegen das Mädchen, das
hinterlistig mit Fremden zu verkehren gewagt hatte, gänzliches
Mißtrauen in die Aufrichtigkeit ihrer Weigerung, ihn zu verraten,
Ingrimm darüber, sich an Sikes nicht rächen zu können, Furcht vor
Entdeckung, Verurteilung und Tod, die wildeste, durch das alles
entzündete Wut und neue Pläne der Arglist und schwärzesten Bosheit. Er
saß da, ohne auch nur im mindesten seine Stellung zu verändern oder
anscheinend die Zeit zu beachten, bis der Schall von Fußtritten auf der
Straße bei seinem feinen Gehör seine Aufmerksamkeit zu erregen schien.
«Endlich,» murmelte er, über die trocknen, fieberheißen Lippen mit der
Hand hinfahrend, «endlich!»
Die Glocke ertönte leise, er ging hinaus und kehrte bald darauf mit
einem Manne zurück, der bis an das Kinn vermummt war und ein Bündel
unter dem Arme trug. Es war Sikes.
«Da», sagte der verwegene Raubgesell, das Bündel auf den Tisch werfend.
«Mach draus, was du kannst. Es hat mir Mühe genug gekostet; ich meinte
schon vor drei Stunden hier sein zu können.»
Fagin verschloß das Bündel, setzte sich wieder, blieb stumm, blickte
jedoch nach Sikes scharf hinüber, und seine Lippen zitterten so heftig,
und sein Gesicht war infolge der in ihm wühlenden Leidenschaften
so verändert, daß der Dieb unwillkürlich sich zurücklehnte und ihn
bestürzt ansah.
«Was gibt's?» fuhr er auf. «Zu allen Teufeln, was siehst du mich so an?»
Der Jude hob die rechte Hand empor und schüttelte den bebenden
Zeigefinger; allein seine Bewegung war so heftig, daß er kein Wort
hervorzubringen imstande war.
«Gott verdamm' mich!» rief Sikes, in seine Brusttasche greifend, aus.
«Er ist verrückt geworden. Ich muß auf meiner Hut gegen ihn sein.»
«Nein, o nein», brachte Fagin endlich hervor. «Ihr -- Ihr seid's nicht,
Bill. Gegen Euch hab' ich nichts -- gar nichts, Bill.»
«Hm, 's ist auch ein Glück für einen von uns -- gleichviel für wen»,
sagte Sikes, ein Pistol absichtlich hervorziehend und in eine andere
Tasche steckend.
«Ich hab' Euch zu sagen was, Bill,» fuhr der Jude näher rückend fort,
«was Euch noch mehr wird erzürnen als mich.»
«So?!» entgegnete Sikes mit einer ungläubigen Miene. «Wenn's aber wahr
ist, so tu's Maul auf und mach' g'schwind, oder Nancy wird glauben, daß
ich verloren wär'.»
«Das hat sie schon ausgemacht bei sich selbst bestimmt genug!»
Sikes blickte ihn ungewiß an, streckte die mächtige Faust nach ihm
aus, schüttelte ihn und forderte ihn barsch und polternd auf, sich
deutlicher zu erklären.
«Denkt Euch,» sagte der Jude mit vor Wut fast erstickter Stimme,
«der Bursch da schliche nachts hinaus auf die Straßen, knüpfte
an Einverständnisse mit unsern schlimmsten Feinden, gäbe ihnen
Beschreibungen von uns und unsern verborgensten Schlupfwinkeln,
verriete unsere geheimsten Pläne und Taten, setzte auch hinzu noch viel
Lügen -- was dann, was dann?»
Sikes erklärte unter einer furchtbaren Verwünschung, er würde ihm
in einem solchen Falle den Schädel unter den eisernen Nägeln seiner
Stiefel zermalmen.
«Aber wie, wenn ich's täte!» schrie der Jude fast, «ich, der ich weiß
so viel und so viele kann bringen an den Galgen.»
«Weiß nicht,» erwiderte Sikes, bei dem bloßen Gedanken die Zähne
zusammenbeißend und erblassend. «Aber ich würd' im Kerker was tun, daß
sie mich in Eisen schlagen müßten, und stellten sie mich mit dir vor
Gericht, würd' ich dir vor den Richtern und allen den Kopf einschlagen.
Ich würd' ne solche Kraft haben,» murmelte er, den sehnigen Arm auf und
nieder schwingend, «daß ich ihn dir zu Brei schlagen könnte, als wenn
ein belad'ner Frachtwagen drüberhingegangen wär'.»
«Würdet Ihr tun das wirklich?»
«Ob ich's wohl tun würd'! Stell mich auf die Probe.»
«Wenn's aber getan hätte Charley oder der Baldowerer oder Bet oder --»
«Ist mir gleichviel wer», unterbrach Sikes ungeduldig. «Ich würd' ihn
bezahlen, möcht's sein, wer wollte.»
Fagin blickte ihn abermals scharf an, winkte ihm, zu schweigen,
beugte sich über den Schläfer und schüttelte denselben, während Sikes
verwundert und erwartungsvoll, die Hände auf die Knie stemmend, dasaß.
«Bolter, Bolter! Der arme Junge», sagte Fagin, mit einer Miene
emporblickend, in welcher die Vorahnung einer teuflischen Freude sich
ausdrückte. «Er wird müd' -- müde davon, daß er hat müssen wach sein
ihretwegen so lange -- ihr hat nachschleichen müssen noch so spät,
Bill.»
«Was willst du damit sagen?» fragte Sikes, sich zurücklehnend.
Der Jude antwortete nicht, setzte seine Bemühungen, Noah zu wecken,
fort, und es war ihm endlich einigermaßen gelungen.
«Erzähl' noch einmal -- daß der es hört auch», sagte er, nach Sikes
hinzeigend.
«Was soll ich erzählen?» fragte Noah, noch halb im Schlafe.
«Das von -- Nancy», antwortete der Jude, Sikes fest am Arme fassend,
wie um ihn zu verhindern, fortzueilen, bevor er genug gehört hätte, und
fragte darauf dem schlaftrunkenen Noah mit einer Wut, deren er nur mit
Mühe Herr zu bleiben vermochte, alles ab, was der Lauscher erhorcht
hatte.
«Und was sagte sie,» fragte er endlich mit wutschäumenden Lippen, «was
sagte sie vom vorigen Sonntage?»
«Der Herr fragte sie, warum sie nicht am vorigen Sonntage gekommen
wäre,» antwortete Noah, in welchem eine Ahnung davon auftauchte, wer
Sikes sein möchte; «und sie sagte, weil sie gewaltsam zurückgehalten
worden wäre von Bill, dem Manne, von dem sie ihnen schon gesagt hätte.»
«Was weiter von ihm?» rief der Jude. «Was sagte sie von ihm weiter?
Sag' ihm das, sag' ihm das!»
«Es wäre nicht leicht für sie,» fuhr Noah fort, «aus dem Hause zu
kommen, ohn' daß er wüßte, wohin sie ginge, und sie hätt' ihm daher,
als sie das erstemal zu der Dame gekommen wäre, 'nen Schlaftrunk
eingeben müssen -- ha, ha, ha.»
«Höll' und Teufel!» schrie Sikes, von dem Juden sich losreißend. «Laß
mich!»
Er stürzte wütend hinaus, Fagin rief und eilte ihm nach, würde ihn
jedoch nicht zurückgehalten haben, wenn die Haustür nicht verschlossen
gewesen wäre.
«Laß mich 'naus,» tobte er, «oder nimm dich in acht! Laß mich 'naus --
hörst du?»
«Ein Wort, Bill -- bloß ein einziges Wort», versetzte der Jude, die
Hand auf das Türschloß legend und mit verstellter Besorglichkeit: «Ihr
-- Ihr wollt doch nicht tun etwas zu -- zu Gewaltsames, Bill?»
Der Tag brach an, es war hell genug, als sie einander in das Gesicht
schauten, um deutlich sehen zu können, und in ihren Augen blitzte ein
Feuer, dessen Bedeutung nicht mißzuverstehen war.
«Ich meine», setzte Fagin hinzu, einsehend, daß Verstellung nicht
mehr möglich war, «nichts Gewaltsames, wodurch wir geraten könnten in
Gefahr. Fein listig, Bill, und seid nicht zu verwegen.»
Er hatte unterdes aufgeschlossen, Sikes antwortete nicht, riß die Tür
auf, stürzte hinaus und eilte, ohne rechts oder links zu schauen, ohne
eine Gesichtsmuskel zu bewegen oder ein zorniges Wort zu murmeln,
mit verbissenen Zähnen und trotzig-blutdürstiger Entschlossenheit
nach seiner Wohnung. Er ging mit leisen Schritten hinauf, öffnete und
verschloß die Tür seines Zimmers, stellte einen schweren Tisch gegen
sie und schob den Bettvorhang zurück.
Und da lag Nancy, halb angekleidet. Sie schreckte aus dem Schlaf empor.
«Steh auf», sagte er.
«Bist du es?» rief sie ihm, erfreut über seine Rückkehr, entgegen.
«Ja. Steh auf!»
Es brannte ein Licht -- er schleuderte es unter den Kaminrost. Sie
stand auf und ging nach dem Fenster, um den Vorhang aufzuziehen.
«Laß das», herrschte er ihr zu. «'s ist hell genug für das, was wir zu
tun haben.»
«Bill,» sagte sie bestürzt, «was seht Ihr mich so an?»
Er heftete eine kurze Weile schnaubend und mit wogender Brust die
Blicke auf sie, packte sie darauf beim Kopfe und der Kehle, zog sie in
die Mitte des Gemachs, warf einen einzigen Blick nach der Tür und legte
seine schwere Hand auf ihren Mund.
«Bill, Bill!» keuchte sie, in Todesangst unter seinem Griff sich
sträubend, «ich will nicht schreien -- nicht weinen -- hört mich --
sprecht doch nur -- sagt mir, was ich getan habe.»
«Weißt es selbst, du Satan in Dirnengestalt. Bist belauert gewesen
gestern abend; ich weiß jedes Wort, was du gesagt hast.»
«Oh, um der Liebe des Himmels willen,» rief sie, sich fest an ihn
anklammernd, «dann schont mein Leben, wie ich Eures geschont habe.
Bill, bester Bill, Ihr könnt mich ja nicht morden wollen. Bedenkt, was
ich gestern abend um Euretwillen aufgegeben habe. Ihr sollt Zeit haben,
es zu bedenken, Euch dies Verbrechen zu ersparen -- ich lasse Euch
nicht los, nimmermehr! Bill, Bill, um Gottes Barmherzigkeit, um Euret-
und um meinetwillen, besinnt Euch, eh' Ihr mein Blut vergießt. Bei
meiner sündigen Seele, ich bin Euch treu gewesen!»
Er suchte sich gewaltsam von ihr loszumachen, allein vergebens, sie
hielt mit der Kraft der Verzweiflung fest.
«Bill,» rief sie und bemühte sich, den Kopf auf seine Brust zu legen,
«der Herr und die liebe Dame boten mir einen Zufluchtsort außer Landes
an. Laßt mich noch einmal zu ihnen, daß ich sie auf den Knien anflehe,
Euch dieselbe Liebe und Güte zu erweisen, und dann laßt uns aus dieser
Höhle entfliehen und weit von hier ein besseres Leben anfangen und
unser voriges Leben, ausgenommen im Gebet, vergessen und uns nie
wiedersehen. Es ist zur Reue niemals zu spät. Sie sagten es mir -- ich
fühle es jetzt -- aber wir müssen Zeit -- ein wenig, ein wenig Zeit
haben!»
Er befreite einen seiner Arme und ergriff seine Pistole; doch so
wütend er war, der Gedanke, daß sogleich alles entdeckt werden würde,
wenn er Feuer gäbe, flog ihm durch den Sinn, und er schlug sie daher
mit aller Kraft, die er zu sammeln vermochte, zweimal auf das zu ihm
emporgehobene, das seinige fast berührende Gesicht.
Sie wankte und stürzte, fast erblindet von dem aus einer tiefen Wunde
in ihrer Stirn hervorströmenden Blute, zu Boden, richtete sich jedoch
mühsam wieder auf die Knie, zog ein weißes Tuch -- das ihr von Rose
geschenkte -- aus dem Busen und hielt es in den gefalteten Händen so
hoch, als es ihre schwachen Kräfte erlaubten, zum Himmel empor und
flehte um Erbarmen zu ihrem Schöpfer.
Sie war gräßlich anzuschauen. Der Mörder wankte zurück nach der Wand,
hielt die Hand vor die Augen, um sie nicht zu sehen, ergriff einen
schweren Knotenstock und schlug sie nieder.