Nancy wird verhindert, ihr Rose Maylie gegebenes Versprechen zu
erfüllen.
Wie vollkommen eingeweiht Nancy in alle Verstellungskünste auch war,
vermochte sie doch die Gemütsbewegungen nicht gänzlich zu verbergen,
die das Bewußtsein ihres Schrittes bei ihr hervorbrachte. Sie erinnerte
sich, daß sowohl der listige Jude wie der brutale Sikes sie in das
Geheimnis von Anschlägen, die sie vor allen anderen verborgen hielten,
eingeweiht hatten, und zwar im vollkommensten Vertrauen auf ihre Treue
und über allen Verdacht erhabene Zuverlässigkeit; und so schändlich
jene Anschläge, so ruchlos die Urheber derselben sein mochten, so
erbittert sie selbst gegen den Juden war, der sie Schritt für Schritt
tiefer und immer tiefer in einen Abgrund von Verbrechen und Elend
geführt hatte, aus welchem kein Entrinnen möglich war: es gab doch
Augenblicke, wo bei ihr eine mildere Stimmung gegen ihn vorherrschte
und der Gedanke ihr Unruhe verursachte, daß ihn endlich infolge der
von ihr gemachten Enthüllung sein lange vermiedenes, aber freilich
vollkommen verdientes Schicksal ereilen möchte.
Doch waren dies nur vorübergehende Gedanken und Gefühle bei ihr, deren
sie sich aus Macht der Gewohnheit nicht gänzlich zu erwehren imstande
war; denn ihr Entschluß stand fest, und ihr Charakter war derart,
daß sie sich durch keinerlei Rücksichten bewegen ließ, einen einmal
gefaßten Entschluß wieder aufzugeben. Ihre Besorgnis für Sikes würde
ein noch stärkerer Beweggrund gewesen sein, zurückzutreten, solange es
noch Zeit war; allein sie hatte es sich ausbedungen, daß ihr Geheimnis
streng bewahrt werden sollte -- hatte keinen Faden an die Hand gegeben,
der zu seiner Entdeckung führen konnte -- hatte um seinetwillen sogar
das Anerbieten einer Zuflucht vor allem sie umgebenden Laster und
Elend zurückgewiesen -- und was konnte sie mehr tun? Sie war und blieb
entschlossen.
Obgleich aber alle ihre inneren Kämpfe so endeten, erneuerten sie sich
doch fortwährend und ließen auch ihre Spuren zurück. Nach wenigen
Tagen sah sie blaß und abgezehrt aus. Bisweilen beachtete sie gar
nicht, was um sie her vorging, und nahm an Gesprächen keinen Teil, bei
welchen sie sonst die Lebhafteste und Lauteste gewesen sein würde; und
bisweilen lachte sie wieder ohne Heiterkeit und lärmte ohne Zweck und
Veranlassung. Zu anderen Zeiten -- und oft einen Augenblick darauf --
saß sie schweigend, niedergeschlagen, hinbrütend, den Kopf auf die
Hände gestützt, da, während gerade die Anstrengung, womit sie sich dann
wieder aufraffte, noch stärker verkündete, daß sie Unruhe empfand und
daß ihre Gedanken mit ganz anderen Dingen als denen beschäftigt waren,
die von ihren Gesellschaftern besprochen wurden.
Der Sonntagabend war gekommen, und die Glocke der nächsten Kirche
schlug elf. Sikes und der Jude unterbrachen ihr Gespräch und horchten
-- und aufblickend und noch gespannter horchte Nancy.
«'ne Stunde vor Mitternacht», sagte Sikes, das Fenster öffnend und nach
seinem Stuhle zurückkehrend; «auch ist's neblig und finster -- 'ne gute
Geschäftsnacht.»
«Ah, ja,» sagte Fagin, «'s ist sehr schade, Bill, daß es eben nichts
gibt zu tun.»
«Da hast du mal recht», entgegnete Sikes barsch. «'s ist um so mehr
schade, da ich obendrein recht in der Laune dazu bin.»
Der Jude schüttelte seufzend den Kopf.
«Wir müssen die verlorene Zeit wieder einzubringen suchen, wenn wieder
was Gutes eingefädelt ist», fuhr Sikes fort.
«So ist's recht, mein Lieber», erwiderte Fagin, sich erdreistend, ihn
auf die Schulter zu klopfen. «Es freut mich herzinnig, Euch reden zu
hören so.»
«Freut Euch herzinnig -- so! Meinetwegen», sagte Sikes.
«Ha, ha, ha!» lachte der Jude, als wenn ihm schon dies sehr geringe
Zugeständnis Freude gewährte. «Ihr seid heute abend der echte,
wahrhaftige Bill -- wieder ganz Ihr selber, mein Lieber.»
«Mir ist's, als wär ich ein ganz anderer, wenn du mir die alte, welke
Tatze auf die Schulter legst -- runter damit!» rief Sikes, die Hand des
Juden zurückschleudernd.
«Wird Euch schlimm dabei, Bill -- erinnert's Euch ans Gefaßtwerden?»
fragte der Jude, entschlossen, keine Empfindlichkeit zu zeigen.
«Ja -- aber ans Gefaßtwerden vom Teufel, nicht von 'nem Häscher. Von
Adam her ist kein Mensch gewesen mit 'nem Gesicht wie das deinige,
müßte denn sein dein Vater, und dem wird wohl jetzund sein grauer Bart
versengt, sofern nicht Satan selber dein Vater ist, was mich eben nicht
wundern würde.»
Fagin erwiderte nichts auf diese Schmeichelei, sondern zupfte Sikes
am Ärmel und wies nach Nancy hin, die ganz in der Stille den Hut
aufgesetzt hatte und eben hinausgehen wollte.
«Heda, Nancy!» rief Sikes. «Wohin will die Dirne bei dieser
Nachtstunde?»
«Nicht weit.»
«Was ist das für 'ne Antwort! Wohin willst du?»
«Ich sage, nicht weit.»
«Und ich sage, wohin? Hast du gehört?»
«Ich weiß nicht, wohin.»
«Dann weiß ich's», sagte Sikes, mehr aus Eigensinn, als daß er einen
bestimmten Grund gehabt hätte, sich Nancys Ausgehen, wohin es ihr
beliebte, zu widersetzen. «Nirgend. Setz dich wieder hin.»
«Ich bin unwohl, wie ich Euch schon gesagt habe, und muß frische Luft
schöpfen.»
«Steck den Kopf aus 'm Fenster 'naus, das ist ebensogut.»
«Das ist's nicht; ich muß Bewegung haben.»
«So -- du sollst aber keine haben», entgegnete Sikes, stand auf,
verschloß die Tür, zog den Schlüssel aus, riß dem Mädchen den Hut vom
Kopfe und warf ihn auf einen alten Schrank. «Willst du jetzt ruhig
dableiben, wo du bist, oder nicht?»
«Ich kann auch ohne Hut gehen», sagte Nancy erblassend. «Was soll dies
bedeuten, Bill? Wißt Ihr auch, was Ihr tut?»
«Ob ich weiß, was -- Fagin, sie ist von Sinnen, denn sie würde sich's
sonst nicht herausnehmen, solche Worte zu mir zu sprechen!»
«Ihr macht's danach, daß ich etwas Verzweifeltes tue», murmelte Nancy,
beide Hände gegen die Brust pressend, als wenn sie einen heftigen
Ausbruch gewaltsam zurückdrängen wollte. «Laßt mich hinaus -- in dieser
Minute -- diesem Augenblick --»
«Nein!» schrie Sikes.
«Fagin, sagt ihm, daß er mich gehen läßt. Ich rat's ihm. Hört Ihr?»
rief Nancy, mit den Füßen stampfend.
«Ob ich dich höre? Ja», rief Sikes zurück; «und wenn ich dich noch
ein paar Augenblicke höre, so soll dich der Hund dermaßen an der Kehle
packen, daß er dir die kreischende Stimme herausreißt. Was fällt dir
ein, Weibsbild -- was steckt dir im Kopfe?»
«Laßt mich gehen», sagte Nancy flehend, setzte sich an die Tür auf den
Boden nieder und fuhr fort: «Bill, laßt mich gehen; Ihr wißt nicht, was
Ihr tut -- wißt's wahrlich nicht. Nur eine -- nur eine einzige Stunde.»
«Ich will mich vierteln lassen,» rief Sikes, sie sehr unsanft beim Arm
fassend, «wenn ich nicht glaube, daß die Dirne verrückt -- toll und
verrückt geworden ist. Steh auf!»
«Ich stehe nicht eher auf, als bis Ihr mich gehen laßt -- nicht eher!»
schrie Nancy.
Sikes blickte sie eine Weile an, ersah den rechten Augenblick, faßte
plötzlich ihre beiden Hände, zog die Sträubende in ein anstoßendes
Gemach, setzte sich auf eine Bank, warf sie auf einen Stuhl und hielt
sie gewaltsam nieder. Sie bat und suchte sich ihm abwechselnd mit
Gewalt zu entziehen, gab endlich, als es zwölf geschlagen hatte, ganz
erschöpft ihre Versuche auf, und Sikes verließ sie mit einer durch
mehrfache kräftige Beteuerungen unterstützten Warnung, um zu Fagin
zurückzukehren.
«Was für'n sonderbares Geschöpf die Dirne ist!» sagte er, sich den
Schweiß abwischend.
«Das mögt Ihr wohl sagen -- mögt Ihr wohl sagen, Bill», versetzte der
Jude nachdenklich.
«Was meinst du denn, was ihr im Kopfe gesteckt hat, noch so spät mit
Gewalt ausgehen zu wollen? Du mußt sie besser kennen als ich -- was
meinst du, Jude?»
«Eigensinn, glaub' ich -- Weibertrotz und Eigensinn, mein Lieber»,
antwortete Fagin achselzuckend.
«Glaub's auch. Ich dachte, daß ich sie zahm gemacht hätte, sie ist aber
so schlimm wie je.»
«Noch schlimmer, Bill. Ich habe so etwas erlebt noch niemals an ihr,
und um solch 'ner geringen Ursache.»
«Ich auch nicht. Es scheint, mein Fieber steckt ihr im Blut und will
nicht 'raus -- was?»
«Mag wohl sein, Bill.»
«Ich will ihr 'n bissel Blut abzapfen, ohn' den Doktor zu bemühn, wenn
sie's wieder so macht.»
Der Jude nickte beistimmend.
«Sie war Tag und Nacht um mich,» fuhr Sikes fort, «als ich auf der
Seite lag, während du wie 'n falscher Kujon, der du bist, dich fern
hältst. Wir hatten die ganze Zeit nichts zu beißen und zu brechen,
und ich glaub', es hat sie verdrießlich gemacht, und sie ist unruhig
geworden, weil sie so lang hat im Haus sitzen müssen -- he?»
«Ganz recht, mein Lieber», erwiderte Fagin flüsternd. «Pst!»
In diesem Augenblick trat Nancy wieder herein und setzte sich an ihren
gewohnten Platz. Ihre Augen waren rot und geschwollen: sie wiegte sich
hin und her, warf den Kopf empor und brach nach einiger Zeit in ein
Gelächter aus.
«Was ist denn dies nun wieder?» rief Sikes, erstaunt zu Fagin sich
wendend, aus.
Der Jude gab ihm einen Wink, sie für den Augenblick nicht weiter zu
beachten, und nach einigen Minuten saß sie wieder da wie vorhin. Er
flüsterte Sikes zu, sie würde von nun an ganz ruhig bleiben, nahm
seinen Hut und sagte ihm gute Nacht. An der Tür stand er still, drehte
sich noch einmal um und bat, daß ihm jemand auf der dunkeln Treppe
leuchten möchte.
«Leucht ihm 'nunter», sagte Sikes, der eben seine Pfeife füllte.
«'s wäre schade, wenn er hier selbst den Hals bräche und den
Hängezuschauern nichts zu gaffen gäbe.»
Nancy geleitete den alten Mann mit dem Lichte hinunter. Auf dem
Hausflur angelangt, legte er den Finger auf den Mund und flüsterte ihr
in das Ohr: «Was hattest du, liebes Kind?»
«Wieso?» erwiderte sie, gleichfalls flüsternd.
«Warum du ausgehen wolltest mit Gewalt. Wenn er,» sagte Fagin, mit dem
knöchernen Finger nach oben zeigend, «wenn er ist so barbarisch gegen
dich -- er ist ein Tier, Nancy, ein unvernünftiges, wildes Tier --
warum --»
«Nun?» fragte sie, als er, den Mund dicht an ihrem Ohre und die Augen
dicht vor den ihrigen, innehielt.
«Laß jetzt gut sein,» fuhr der Jude fort, «wollen ein andermal sprechen
davon. Du hast einen Freund an mir, Kind, einen treuen Freund. Ich
hab' auch die Mittel -- wenn du willst dich rächen an ihm, der
dich behandelt wie einen Hund -- schlimmer als einen Hund, dem er
schmeichelt bisweilen doch -- so komm zu mir; komm zu mir, was ich dir
sage. Er ist ein Tagesfreund; aber mich kennst du von alters her, Nancy
-- von alters her.»
«Ich kenne Euch sehr wohl», antwortete das Mädchen, ohne die mindeste
Bewegung zu zeigen. «Gute Nacht.»
Sie trat zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, sagte ihm aber
noch einmal mit fester Stimme gute Nacht, erwiderte den Blick, den er
ihr zum Abschiede zuwarf, mit einem hinlängliches Verstehen andeutenden
Zunicken und verschloß die Tür hinter ihm.
Fagin kehrte gedankenvoll nach seiner Wohnung zurück. Er war schon
seit einiger Zeit der Ansicht, in welcher ihn das soeben Vorgefallene
bestärkte, daß Nancy der schlechten Behandlung, welche sie von dem
brutalen Sikes erfuhr, müde geworden sei und eine Neigung zu einem
neuen Freunde gefaßt habe. Ihr verändertes Wesen, daß sie so häufig
allein ausging, ihre verhältnismäßige Gleichgültigkeit gegen den
Vorteil oder Schaden der Bande, für welche sie vormals so großen Eifer
bewiesen hatte, und dazu ihr so heftiges Verlangen, an diesem Abende
und gerade zu einer bestimmten Stunde das Haus noch verlassen zu
wollen: dieses alles unterstützte seine Annahme und überzeugte ihn fest
von der Richtigkeit derselben. Der Gegenstand dieser neuen Liebschaft
des Mädchens befand sich unter den Leuten seines Anhangs nicht. Er
mußte mit einer Alliierten wie Nancy eine schätzbare Erwerbung sein,
die es so bald wie möglich zu machen galt.
Auch war noch ein anderer und finsterer Zweck zu erreichen. Sikes
wußte zu viel, und seine plumpen, beleidigenden Reden hatten Fagin
darum nicht minder verletzt und gereizt, weil er es sich nicht merken
ließ. Nancy konnte es nicht entgehen, daß sie, sobald sie sich von
ihm trennte, vor seiner Wut nicht sicher war und daß er dieselbe ohne
allen Zweifel auch an ihrem neuen Liebhaber auslassen würde, so daß
die gesunden Gliedmaßen, ja das Leben desselben in offenbarer Gefahr
schwebten. Fagin glaubte, sie würde sich leicht bereden lassen, ihn zu
vergiften. «Weiber,» dachte er, «haben so etwas und noch Schlimmeres
wohl schon getan, um die Ziele zu erreichen, die das Mädchen jetzt
verfolgt. Tut sie es, so werde ich von dem gefährlichen Halunken,
dem Menschen, den ich hasse, befreit -- erhalte einen Ersatzmann für
ihn, und mein Einfluß über Nancy ist, bei meiner Kenntnis dieses
Verbrechens, fortan ganz unbegrenzt.»
Dies waren seine Gedanken gewesen, während ihn Sikes allein gelassen,
und er hatte deshalb beim Fortgehen das Mädchen auszuforschen gesucht.
Sie hatte keine Überraschung gezeigt, sich nicht angestellt, als ob sie
ihn nicht verstände, vielleicht bewies der Blick, mit welchem sie ihm
zum zweitenmal gute Nacht gesagt, klar, daß sie seine Meinung sehr wohl
verstanden hatte.
Aber sie weigerte sich vielleicht, in einen Anschlag auf Sikes Leben
einzugehen, worauf es hauptsächlich ankam. «Wie kann ich meinen Einfluß
bei ihr vergrößern?» dachte der Jude auf seinem Heimwege. «Welche neue
Gewalt über sie kann ich mir verschaffen?»
Ein Gehirn, wie das seinige, ist fruchtbar an Hilfsmitteln. Sollte er
sie nicht seinen Plänen fügsam machen können, wenn er sie, sofern kein
Geständnis von ihr zu erlangen war, von einem Kundschafter beobachten
ließ, den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und Sikes (vor
dem sie sich in hohem Maße fürchtete) alles zu enthüllen drohte, falls
sie nicht einwilligte, zu tun, was er von ihr verlangte.
«Es wird angehen», sagte er fast laut; «hab' ich nur erst ihr
Geheimnis, so darf sie mir's nicht abschlagen -- so gewiß ihr an ihrem
Leben liegt. Ich besitze die Mittel, Nancy, und nur Geduld, Sikes, ich
hab' euch, hab' euch beide!»
Er wandte sich mit einer drohenden Handbewegung um und warf einen
finsteren Blick nach der Straße zurück, wo er den verwegenen Bösewicht
verlassen, und senkte im Weitergehen die knöchernen Hände in die Falten
seines zerlumpten Mantels, die er zusammenpreßte, als wenn er einen
verhaßten Feind zwischen den spitzigen Fingern hätte.