Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwandt.
Der alte Mann stand am anderen Morgen beizeiten auf und erwartete
ungeduldig seinen neuen Verbündeten, der sich erst nach einem endlos
scheinenden Ausbleiben zeigte und sogleich mit Gier über das Frühstück
herfiel.
«Bolter», sagte der Jude, sich ihm gegenüber setzend.
«Was gibt's?» erwiderte Noah. «Fordert nichts von mir, bis ich mit'm
Essen fertig bin. Das ist der große Fehler hier. Es wird einem niemals
Zeit genug bei den Mahlzeiten gelassen.»
«Ei, Ihr könnt doch sprechen beim Essen», sagte der Jude, vom Grunde
seines Herzens des jungen Freundes Eßgier verwünschend.
«Und es geht obendrein noch besser, wenn ich spreche», versetzte
Bolter, ein ungeheures Stück Brot abschneidend. «Wo steckt denn
Charlotte?»
«Ich habe sie ausgeschickt heute morgen mit dem anderen jungen
Frauenzimmer, weil ich wünschte zu sein allein.»
«Wollte nur, daß Ihr der Dirne erst gesagt hättet, sie sollte
Brotschnitte mit Butter rösten. Nun schwatzt aber nur zu -- werde mich
nicht stören lassen», sagte Noah, und es schien in der Tat wenig auf
sich zu haben mit der Besorgnis, daß er sich stören lassen dürfte, denn
er war offenbar entschlossen, wacker fortzuarbeiten.
«Ihr habt gestern gemacht Eure Sachen gut», sagte der Jude; «sehr
schön. Sechs Schillinge, neun Pence und 'nen halben Penny am
allerersten Tage! Das Schratzchen wird Euch machen reich.»
«Vergeßt nicht die drei Bierkannen und den Milchtopf», erwiderte Bolter.
«Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren große Geniebeweise, der
Milchtopf aber war ein vollkommenes Meisterstück.»
«Ging wohl an für 'nen Anfänger», bemerkte Mr. Bolter selbstgefällig.
«Die Bierkannen nahm ich von 'nem Sout'raingitter 'runter, und der
Milchtopf stand draußen vor 'nem Gasthofe; ich dachte also, er möchte
rostig werden durch den Regen oder sich erkälten, wißt Ihr. Ha, ha, ha!»
Der Jude stimmte in Mr. Bolters Gelächter, der seine Beschäftigung
rüstig weiter fortsetzte, des Scheines halber herzlich ein und sagte,
sich über den Tisch hinüberlehnend: «Ihr müßt mir ausrichten etwas,
mein Lieber, das erfordert große Sorgfalt und Vorsicht.»
«Fagin,» entgegnete Noah, «Ihr dürft aber nichts Gefährliches von mir
verlangen und mich nicht wieder in Polizeigerichte schicken; denn ein
für allemal, das gefällt mir nicht, und ich will's nicht.»
«'s ist dabei nicht die geringste Gefahr -- Ihr sollt bloß baldowern
ein Frauenzimmer.»
«Ein altes?»
«Ein junges.»
«Nun, darauf versteh' ich mich gut genug -- trieb's schon mit Glück,
als ich noch in die Schule ging. Was soll ich denn auskundschaften von
der jungen Person?»
«Wohin sie geht, mit wem sie verkehrt, und womöglich, was sie sagt;
Euch merken die Straße, wenn's eine Straße, oder das Haus, wenn's ist
ein Haus, und mir bringen so viel Kunde, wie Ihr nur vermögt.»
«Was gebt Ihr mir dafür?» fragte Noah begierig.
«Wenn Ihr's gut ausrichtet, ein Pfund, mein Lieber -- ja, ja, ein
Pfund», erwiderte Fagin, der ihn so sehr wie möglich für die Sache zu
interessieren wünschte; «und das ist so viel, als ich noch nie habe
gegeben für ein Stück Arbeit, wobei nicht war viel zu gewinnen.»
«Wer ist denn das Frauenzimmer?»
«Eine der Unsern.»
«Hm -- so! Ihr setzt Mißtrauen in sie?»
«Sie hat sich gewandt zu neuen Liebhabern, und ich muß wissen, wer die
mögen sein.»
«Verstehe schon -- um das Vergnügen zu haben, sie kennen zu lernen,
wenn es respektable Leute sind -- wie? Ha, ha, ha! Verlaßt Euch auf
mich.»
«Wußte wohl, daß ich's würde können.»
«Natürlich, natürlich! Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann geh'
ich los?»
«Ihr sollt das alles hören von mir, mein Lieber, zu seiner Zeit. Haltet
Euch bereit nur und überlaßt das übrige mir.»
Sechs Abende saß der Kundschafter gestiefelt und in seinem
Kärrneranzuge da, bereit, auf einen Wink von Fagin zu beginnen, und
Abend für Abend kehrte der Jude verdrießlich nach Hause zurück und
sagte, daß es noch nicht Zeit wäre. Am siebenten -- einem Sonntagabend
-- trat er mit einem Vergnügen ein, das er nicht zu verbergen imstande
war.
«Sie geht aus heute abend,» sagte er, «und ich bin gewiß, daß sie geht
hin da, wo ist zu erforschen, was ich wünsche zu wissen; denn sie
hat allein gesessen den ganzen Tag, und der Mann, vor dem sie sich
fürchtet, wird erst zurückkehren gegen Tagesanbruch. Kommt, kommt!
Folgt mir geschwind!»
Des Juden Erregtheit steckte auch Noah an, der sogleich aufsprang. Sie
verließen das Haus, eilten durch ein Straßen- und Gassenlabyrinth und
langten endlich vor einem Gasthause an, in welchem Noah die Krüppel
erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Tür verschlossen; sie öffnete
sich aber auf ein leises Pfeifen des Juden und schloß sich wieder, als
sie geräuschlos hineingegangen waren. Fagin flüsterte kaum, sondern
besprach sich mit dem jüdischen Jünglinge durch stumme Zeichen, wies
darauf nach dem kleinen Fenster hin und bedeutete Noah, auf einen
Stuhl zu steigen und sich die im anstoßenden Zimmer befindliche Person
anzusehen.
«Ist das das Frauenzimmer?» flüsterte Noah. «Sie sieht vor sich nieder,
und das Licht steht hinter ihr. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.»
«Bleibt ruhig stehen», flüsterte Fagin und gab Barney ein Zeichen, der
sogleich hinausging, nach ein paar Augenblicken in dem anstoßenden
Zimmer erschien, das Licht, unter dem Vorwande, es zu schneuzen, vor
das Frauenzimmer -- Nancy -- hinstellte, sie anredete und dadurch
veranlaßte, den Kopf emporzuheben.
«Jetzt seh' ich sie», flüsterte Noah.
«Deutlich?»
«Würde sie unter Tausenden wiedererkennen.»
Nancy stand auf und schickte sich zum Fortgehen an. Er stieg eilig von
dem Stuhle herunter und trat sacht mit Fagin hinter einen Vorhang;
gleich darauf ging Nancy durch das Zimmer und aus dem Hause hinaus.
«Pst!» rief Barney, der ihr die Haustür geöffnet, «jetzt.»
Noah wechselte einen Blick mit Fagin und schlüpfte hinaus.
«Links», flüsterte Barney; «haltet Euch linker Hand und auf der anderen
Seite.»
Noah sah Nancy beim Laternenscheine schon in einiger Entfernung. Er
eilte ihr nach, folgte ihr so nahe, wie es ihm rätlich erschien, und
hielt sich auf der anderen Seite, um sie desto besser beobachten zu
können. Sie sah sich ängstlich ein paarmal um und stand einmal still,
um einige ihr dicht nachfolgende Männer vorüberzulassen. Sie schien im
Weitergehen Mut zu gewinnen und einen sicheren und festeren Schritt
anzunehmen. Der Kundschafter hielt sich in gemessener Entfernung hinter
ihr und ließ sie nicht aus den Augen.