In welchem berichtet wird, wie sich der gepfefferte Baldowerer in
Verlegenheiten benahm.
«Also Ihr selber waret Euer Freund -- nicht wahr?» fragte Mr. Bolter,
sonst Claypole, als er, nach zwischen ihm und Fagin besiegeltem
Vertrage, in des Juden Wohnung geführt worden war. «Dummkopf, der ich
bin -- ich hätt's mir doch gestern abend schon denken können!»
«Jedermann ist sein eigener Freund», erwiderte Fagin. «Es gibt
Tausendkünstler, die da sagen, Nummer Drei wäre die Zauberzahl, und
andere sagen Nummer Sieben. Aber es ist nicht wahr, mein Freund. Nummer
Eins ist's!»
«Ha, ha, ha! Nummer Eins für immer!»
«In einer kleinen Genossenschaft, wie die unsrige ist,» sagte der Jude,
der eine Erklärung für nötig hielt, «haben wir eine allgemeine Nummer
Eins; das will sagen, Ihr könnt Euch nicht betrachten als Nummer Eins,
ohne mich und all die anderen jungen Leute als dieselbe zu betrachten
zugleich.»
«Das wär' der Teufel!»
«Ihr seht wohl,» fuhr der Jude fort, sich anstellend, als ob er die
Unterbrechung nicht beachtete, «unser Nutzen und Schaden ist eins so
ganz, daß es nicht sein kann anders. Zum Beispiel, es ist Euer Zweck
und Absicht, zu sorgen für Nummer Eins -- das heißt für Euch selbst.»
«Ganz recht, ganz recht.»
«Sehr wohl -- Ihr könnt aber nicht sorgen für Euch selber, Nummer Eins,
ohne zugleich zu sorgen für mich, Nummer Eins.»
«Nummer Zwei wollt Ihr sagen», fiel Mr. Bolter ein, der die Tugend der
Selbstliebe im allerhöchsten Maße besaß.
«Nein, nein!» entgegnete der Jude. «Ich bin von derselben Wichtigkeit
für Euch, wie Ihr es seid selbst.»
«Hört,» unterbrach Mr. Bolter, «Ihr seid ein sehr netter Mann, und ich
halte sehr viel von Euch; aber so dicke Freunde, wie Ihr mit dem allen
meint, sind wir doch noch nicht.»
«Bedenkt doch, bedenkt doch nur!» sagte der Jude achselzuckend und die
Hände ausstreckend. «Ihr habt getan, was sehr hübsch war, und ich ehre
und liebe Euch deshalb; aber 's ist auch derart, daß es Euch zugleich
einbringen kann die Krawatte, die so leicht ist einzuknüpfen und so
schwer wieder aufzubinden -- den Strick nämlich!»
Mr. Bolter legte die Hand an sein Halstuch, als wenn es ihm unbequem
eng säße, und murmelte eine Art von Beistimmung.
«Der Galgen,» fuhr Fagin fort, «der Galgen, mein Lieber, ist ein
häßlicher Wegweiser, der zeigt um eine sehr scharfe Ecke und hat
gemacht ein Ende der Weiterreise vieler mutvoller, wackerer Leute auf
der großen Heerstraße. Euch zu halten auf der bequemen Straße und zu
bleiben dem Galgen fern, muß sein Euer Nummer Eins, mein Lieber.»
«Natürlich», fiel Mr. Bolter ein; «aber wozu redet Ihr von solchen
Dingen?»
«Bloß um Euch zu zeigen meine Meinung deutlich», erwiderte Fagin, die
Augenbrauen emporziehend. «Ihr könnt das nicht allein, sondern hängt
dabei ab von mir, und ich hänge ab von Euch, wenn mein kleines Geschäft
soll haben guten Fortgang. Das erste ist Eure Nummer Eins, das zweite
ist meine Nummer Eins. Je mehr Euch liegt am Herzen Eure Nummer Eins,
desto mehr müßt Ihr sein besorgt für meine; und so kommen wir endlich
wieder zurück auf das, was ich Euch sagte gleich anfangs -- daß Sorge
für Nummer Eins kommt uns allen zugut, und lassen wir's fehlen daran,
gehen wir zugrunde miteinander alle.»
«Das ist wohl wahr», bemerkte Bolter gedankenvoll. «Ihr seid, meiner
Treu, ein geriebener alter Gesell!»
Fagin erkannte mit innigstem Vergnügen, daß dies keine bloße
Schmeichelei war, sondern daß er seinem Rekruten eine bedeutende
Vorstellung von seiner Verschlagenheit und Gewalt beigebracht hatte,
was beim Beginn ihrer beiderseitigen Bekanntschaft von großer
Wichtigkeit war. Um den Eindruck, den er auf den jungen Menschen
gemacht hatte, noch zu verstärken, ließ er ihn einige Blicke in
die Großartigkeit und den Umfang seiner Operationen tun, wobei er,
seinem Zwecke gemäß, Wahrheit und Dichtung so geschickt miteinander
vermischte, daß Mr. Bolters Hochachtung gegen ihn sichtlich zunahm und
er zugleich eine Zutat heilsamer Furcht erhielt, welche bei ihm zu
erwecken äußerst wünschenswert war.
«Dies gegenseitige Vertrauen ist es,» sagte der Jude, «was mich tröstet
wegen schwerer Verluste. Erst gestern morgen verlor ich meinen besten
Gehilfen.»
«Ist er Euch davongegangen?» fragte Mr. Bolter.
«Ganz wider seinen Willen», antwortete Fagin. «Er war beschuldigt des
Versuchs eines Taschendiebstahls, und sie fanden bei ihm eine silberne
Schnupftabaksdose. Es war seine eigene, mein Lieber, seine eigene, denn
er schnupfte selbst, und die Dose war ihm sehr wert. Er ward wieder
vorbeschieden auf heute, denn sie meinten herbeischaffen zu können den
Eigentümer. Oh, er war wert fünfzig silberne Dosen, und ich würde sie
darum geben, wenn ich ihn hätte wieder. Ihr solltet gekannt haben den
Baldowerer, mein Lieber; solltet gekannt haben den Gepfefferten!»
«Ich hoffe ihn noch kennen zu lernen -- meint Ihr nicht, Fagin?»
«Ich muß es bezweifeln», erwiderte der Jude seufzend. «Wenn vorgebracht
wird kein neues Zeugnis gegen ihn, so werden wir ihn freilich haben
wieder nach ein sechs oder acht Wochen; sonst aber wird er gerumpelt,
und auf lebenslang, sicher auf lebenslang; denn sie wissen's, welch ein
gescheiter Bursch ist der Baldowerer.»
«Was wollt Ihr damit sagen, daß er gerumpelt würde?» fragte Mr. Bolter.
«Warum sprecht Ihr in solchen Ausdrücken zu mir, da Ihr doch wißt, daß
ich sie nicht verstehen kann?»
Fagin war im Begriff, ihm zu sagen, daß Rumpeln soviel als Deportieren
bedeute, allein in demselben Augenblicke trat Master Bates mit den
Händen in den Beinkleidertaschen und einem halbkomisch-trübseligen
Gesichte herein.
«'s ist vorbei mit ihm, Fagin», sagte er, nachdem er seinem neuen
Kameraden gebührend vorgestellt worden war.
«Was willst du sagen damit?» fragte der Jude mit bebenden Lippen.
«Sie haben den Herrn ausgespürt, dem die Dose gehörte, und noch mehrere
Anklagen vorgebracht -- der Gepfefferte erhält freie Überfahrt»,
antwortete Master Bates. «Ich muß ä vollständ'gen Traueranzug haben,
Fagin, und ä Hutband, ihn zu besuchen, eh' er seine Reise antritt.
's is doch die Möglichkeit! -- Jack Dawkins -- der große Jack Dawkins
-- der Baldowerer -- der gepfefferte Baldowerer -- und wird gerumpelt
wegen 'ner lumpigen Schnupftabaksdose! -- wegen 'ner erbärmlichen
Dorfdruckerei[AS]. Ich hätt's nimmermehr geglaubt, daß er's unter 'ner
goldenen Uhr mit Kette und Petschaften zum mind'sten getan haben würde.
Nein, wenn er noch 'nem reichen alten Herrn seine ganze Massumme[AT]
und alles geganft[AU] hätte, so daß er doch abreiste wie ä Gentleman!
-- aber so -- wie ä gemeiner Dorfdrucker! -- ohne Ruhm, ohne Ehre!»
[AS] Taschendiebstahl.
[AT] Geld.
[AU] geraubt.
Also seine Gefühle für den unglücklichen Freund ausdrückend, nahm
Master Bates entrüstet und niedergeschlagen auf dem ersten besten
Stuhle Platz.
«Was schwätzest du, daß er hätte weder Ruhm noch Ehre!» rief Fagin,
seinem Zöglinge einen zornigen Blick zuwerfend, aus. «Ist er nicht
immer gegangen über euch allen -- hat's einer von euch ihm tun können
gleich -- nur von fern tun können gleich -- wie?»
«Freilich, freilich! Aber sollt's einen denn nicht jammern,» entgegnete
Charley, «sollte man nicht des Teufels werden vor Verdruß, daß nichts
davon vor Gericht verlautet, daß niemand nur zur Hälfte erfährt,
wer und was er gewesen ist? Welch 'nen elenden Titel wird er im
Newgatekalender bekommen -- kommt vielleicht nicht mal 'nein! O weh, o
weh, was es für ä Jammer ist!»
«Ah! wenn du's so meinst,» sagte der Jude mit vergnügtem Kichern und
ihm die Hand reichend, «wenn du's so meinst, das ist ein andres.
Schaut, mein Lieber,» fuhr er, zu Bolter sich wendend, fort, «schaut,
wie stolz sie sind auf ihren Stand und Beruf! Ist es nicht zu sehen
eine Lust?»
Mr. Bolter nickte Beistimmung, und der Jude trat mit freudigem Stolze
zu Charley, klopfte ihm auf die Schulter und sagte tröstend: «Sei nur
ohne Sorgen, Charley; es wird schon kommen an den Tag, und er wird's
selbst schon zeigen, was er ist gewesen, und wird keine Schande bringen
über seine alten Kameraden und Lehrer. Bedenkt auch nur, wie jung er
noch ist! Ist's nicht schon eine große Auszeichnung, bei seinen Jahren
gerumpelt zu werden auf lebenslang?»
«Ja freilich -- daran hatt' ich nicht gedacht -- 's ist freilich
ehrenvoll genug!» erwiderte Charley, einigermaßen getröstet.
«Er wird haben alles, was er braucht», fuhr der Jude fort; «wird in
Doves[AV] gehalten werden wie ein Gentleman, alle Tage haben sein Bier
und Geld in der Tasche, zu spielen Bild oder Schrift, wenn er's nicht
kann ausgeben.»
[AV] Gefängnis.
«Wahr und wahrhaftig?» rief Charley aus.
«Ganz gewiß, ganz gewiß!» sagte Fagin. «Und wir werden ihm schaffen
'nen Advokaten -- den zungenfertigsten, der wird sein zu finden -- zu
führen seine Verteid'gung; und wenn er will, kann er auch halten eine
Rede selbst, und wir werden's lesen alles in den Blättern. Was sagst
du, Charley?»
«Prächtig, prächtig!» rief Master Bates aus. «Oh, es ist mir, als
wenn ich ihn vor mir sähe, wie er die alten Perücken bei der Nase
herumzieht, wie sie sich abstrap'zieren, wichtig und feierlich
aussehen, und er so vertraulich und gemütlich zu ihnen spricht, als
wenn er des Richters eigener Sohn wäre und 'ne Rede bei Tisch hielte --
ha, ha, ha!»
«Aber Charley,» sagte der Jude, «wir müssen ersinnen, ein Mittel in
Erfahrung zu bringen, wie er sich macht heute und was ihm passiert.»
«Soll ich hingehen?» entgegnete Charley eifrig, denn er versprach sich
jetzt den köstlichsten Genuß von einem Schauspiele, bei welchem der
Baldowerer, den er noch vor kurzem als einen Gegenstand des Mitleides
und Verdrusses betrachtet, in der ersten glänzenden Rolle auftreten
sollte.
«Nicht um alles in der Welt», antwortete Fagin.
«So schickt den da -- den Neuangeworbenen hin», riet Charley; «den
kennt niemand.»
«Kein schlechter Rat», sagte der Jude. «Was meint Ihr, mein Lieber?»
«Nein, nein», erwiderte Mr. Bolter kopfschüttelnd; «nichts davon, 's
ist mein Fach nicht.»
«Was habt Ihr ihm denn für ä Fach zugeteilt, Fagin?» fragte Charley
Bates, Noahs schlottrige Gestalt mit großem Widerwillen betrachtend.
«Sich den Rücken zu decken, wenn was zu riskieren ist, und alles
aufzuessen, wenn wir in guter Ruhe zu Haus sitzen?»
«Geht dich nichts an», fiel Mr. Bolter ein; «und nimm dir keine
Freiheiten heraus gegen Leute, die über dir sind, Knirps, oder du wirst
erfahren, daß du vor die unrechte Schmiede gekommen bist.»
Master Bates belachte die prahlerische Drohung so ausgelassen, daß es
einige Zeit währte, bevor Fagin vermitteln und Mr. Bolter vorstellen
konnte, daß er bei einem Besuche des Polizeiamts durchaus keine Gefahr
liefe; denn von seiner kleinen Affäre würde noch ebensowenig Kunde nach
der Hauptstadt, wo man ihn am wenigsten vermute, gelangt sein, wie
ein Steckbrief; und sollte es das Unglück gewollt haben, so würde er
sich, gut verkleidet, nirgends in ganz London mit größerer Sicherheit
aufhalten können, als eben auf der Polizei, wo er ohne Zweifel am
letzten gesucht werden dürfte.
Mr. Bolter ließ sich endlich durch diese und ähnliche Vorstellungen,
noch mehr aber durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, freilich mit
der verdrießlichsten Miene, einzuwilligen, die Sendung zu übernehmen.
Fagin versah ihn sogleich mit einem Kärrnerkittel, manchesternen
Kniehosen, ledernen Beinlingen, einem Hut mit Weggeldzetteln und
einer Peitsche, und zweifelte um so weniger am Erfolge, da Mr. Bolter
obendrein die Ungelenkheit eines Kärrners im vollkommensten Maße besaß.
Der Baldowerer wurde ihm genau beschrieben, und Master Bates geleitete
ihn durch Nebengassen nach Bow-Street, wies ihn zurecht, erteilte ihm
jede sonst nötige Auskunft, forderte ihn zur Eile auf und versprach,
seine Rückkehr an der Stelle, wo er ihn verließ, zu erwarten.
Master Bates' Weisungen waren so genau gewesen, daß sich Noah Claypole
oder Morris Bolter, wie der Leser will, sehr leicht, und ohne fragen
zu müssen, zurechtfand. Er drängte sich durch einen hauptsächlich
aus Frauenzimmern bestehenden Haufen hinein in das düstere und
schmutzige Gerichtszimmer. Vor den Schranken standen ein paar Weiber,
die ihren bewundernden Angehörigen oder Bekannten zunickten, während
der Gerichtsschreiber zwei Polizisten und einem einfach gekleideten,
über den Tisch lehnenden Manne Zeugenaussagen vorlas und ein
Gefängniswärter lässig dastand und von Zeit zu Zeit Ruhe oder «das Kind
hinauszuschaffen» gebot, wenn ein ungebührliches Geflüster oder der
Aufschrei eines Säuglings eine Störung verursachte. Noah blickte scharf
umher nach dem Baldowerer, bemerkte Leute genug, welche Geschwister
oder Eltern des Gepfefferten hätten sein können, aber niemand, auf den
die Beschreibung gepaßt hätte, die ihm von Jack Dawkins selbst gegeben
worden war. Endlich waren die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer
abgeurteilt und entfernt, und nunmehr erschien ein Angeklagter, der
ohne Frage der Baldowerer war.
Jack ging vor dem Gefängniswärter, den Hut in der rechten Hand haltend
und die Linke in der Beinkleidertasche, keck genug einher und fragte,
sobald er auf der Anklagebank stand, sogleich mit hörbarer Stimme,
warum man ihn an die schimpfliche Stelle geführt habe.
«Willst du wohl den Mund halten?» rief ihm der Schließer zu.
«Bin ich kein Engländer?» rief der Baldowerer zurück. «Wo sind meine
Freiheiten?»
«Wirst sie bald genug bekommen», entgegnete der Schließer, «und zwar
mit Pfeffer dazu.»
«Je nun, wenn sie mir gekränkt werden, so wird sich's schon
finden, was der Staatssekretär für die inneren Angelegenheiten den
Oberschenkeln[AW] zu sagen hat», fuhr Jack Dawkins fort. «Jetzo aber --
holla, was gibt's hier? Wollen die Friedensrichter nicht so gut sein,
diese kleine Sache abzumachen und mich nicht aufzuhalten, indem sie die
Zeitungen lesen? Ich hab' 'nen Gentleman nach der City bestellt, bin
ein Mann von Wort und auch sehr pünktlich in Geschäften; er wird daher
fortgehen, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit da bin, und es könnte
'ne Klage auf Schadenersatz geben gegen die, die mich aufgehalten
haben. -- He, Binnfaden[AX], wie heißen die beiden Abrosche[AY] da
auf der Richterbank?» wandte er sich zu dem Gefängniswärter, was die
Nächststehenden dermaßen kitzelte, daß sie fast so herzlich lachten,
wie es Master Bates selbst getan haben würde, wenn er die spaßhafte
Frage gehört hätte.
[AW] Richtern.
[AX] Amtsdiener.
[AY] Spitzbuben.
«Ruhe da!» rief der Schließer.
Einer der Friedensrichter fragte nach der Ursache des Geräusches.
«Hier steht ein Taschendieb, Ihr Edlen.»
«Ist der Knabe schon hier gewesen?»
«Hätt's schon manchmal sein sollen, Ihr Edlen. Überall sonst ist er
schon lange genug gewesen. Ich kenne ihn sehr wohl, Ihr Edlen.»
«So! Ihr kennt mich also?» rief der Baldowerer, sich anstellend, als
wenn er die Angabe aufzeichnete. «Sehr wohl. Das setzt 'ne Klage wegen
Beschimpfung meines guten Namens.»
Es wurde abermals gelacht und abermals Ruhe geboten.
«Wo sind die Zeugen?» begann der Gerichtsschreiber.
«Ach, so ist's recht!» fiel Jack Dawkins ein. «Ja, wo sind die Zeugen?
Ich möchte doch das Pläsier haben, sie zu sehen!»
Sein Wunsch wurde augenblicklich erfüllt, denn es trat ein Polizist
vor, der gesehen hatte, daß der Angeklagte einem Herrn das Taschentuch
aus der Tasche gezogen, und da es ein sehr altes gewesen, nachdem er
Gebrauch davon gemacht, wieder hineingesteckt hatte. Er hatte deshalb
den Täter verhaftet und bei demselben eine silberne Schnupftabaksdose
mit dem Namen des Eigentümers auf dem Deckel gefunden. Der Eigentümer
der Dose war gleichfalls gegenwärtig, beschwor, daß die Dose die
seinige wäre, und daß er sie vermißt hätte, sobald er sich Bahn aus
dem Gedränge gemacht, in welchem (wie sich fand) der Angeklagte das
fragliche Taschentuch entwendet und zurückgegeben. Er hatte auch
bemerkt, daß sich ein junger Gentleman eiligst von ihm entfernt, und
der junge Gentleman war eben der Baldowerer.
«Hast du eine Frage an den Zeugen zu richten, Knabe?» fragte der
Friedensrichter.
«Ich mag mich nicht erniedrigen, mit ihm in Unterredung zu treten»,
entgegnete Jack Dawkins.
«Hast du überhaupt was zu sagen?»
«Hörst du die Frage Seiner Edlen nicht, ob du etwas zu sagen hättest?»
fiel der Schließer, den stummen Baldowerer mit dem Ellbogen anstoßend,
ein.
«Bitt' um Vergebung», sagte Jack, zerstreut aufblickend. «Redeten Sie
mich an?»
«Ihr Edlen,» bemerkte der Schließer, «ich hab' mein Lebtag noch keinen
solchen jungen Erzspitzbuben gesehen. Willst du was sagen, Bursch?»
«Nein,» entgegnete der Baldowerer, «hier nicht; dies ist nicht das
rechte Kaufhaus für die Gerechtigkeit, und außerdem frühstückt
mein Advokat heute morgen bei dem Vizepräsidenten des Hauses der
Gemeinen. Jedoch werden wir, ich und er und eine sehr reputierliche
Bekanntschaft, anderwärts sprechen, und zwar so, daß die
Richterperücken wünschen werden, daß sie niemals geboren oder daß sie
von ihren Bedienten aufgehängt sein möchten, statt mich hier heute
morgen zu prozessieren. Ich will --»
«Er ist vollständig überführt; ins Gefängnis mit ihm -- man bringe ihn
hinaus!» rief der Gerichtsschreiber.
«Komm her, Bursch», sagte der Schließer.
«Komme schon», sagte der Baldowerer, seinen Hut mit der flachen Hand
glättend, und wandte sich darauf nach der Richterbank: «Es hilft Ihnen
nichts, Gentlemen, und wenn Sie auch noch so bestürzt aussehen. Ich
werde kein Erbarmen mit Ihnen haben, für keinen Heller nicht. Sie
werden dafür büßen, und ich möchte um vieles nicht an Ihrer Stelle
sein. Ich würde die Freiheit nicht annehmen, und wenn Sie mich auf den
bloßen Knien darum anflehten. Binnfaden, führ mich ab ins Gefängnis!»
Der Schließer zog ihn beim Kragen heraus, Jack drohte, die Sache
vors Parlament zu bringen, und lächelte darauf den Schließer mit der
behaglichsten Selbstzufriedenheit an.
Sobald ihn Noah hatte fortschleppen sehen, eilte er zu Master Bates
zurück, der ihn in einem angemessenen Verstecke erwartet hatte und sich
zeigte, sobald er sich vergewissert, daß niemand seinem neuen Bekannten
nachfolgte. Sie gingen schleunigst miteinander nach Hause, um Fagin
die erfreuliche Kunde zu bringen, daß sich der Baldowerer vollkommen
ehrenhaft benommen und sich einen glänzenden Namen gemacht habe.