43. Kapitel.

In welchem berichtet wird, wie sich der gepfefferte Baldowerer in

Verlegenheiten benahm.

«Also Ihr selber waret Euer Freund -- nicht wahr?» fragte Mr. Bolter,

sonst Claypole, als er, nach zwischen ihm und Fagin besiegeltem

Vertrage, in des Juden Wohnung geführt worden war. «Dummkopf, der ich

bin -- ich hätt's mir doch gestern abend schon denken können!»

«Jedermann ist sein eigener Freund», erwiderte Fagin. «Es gibt

Tausendkünstler, die da sagen, Nummer Drei wäre die Zauberzahl, und

andere sagen Nummer Sieben. Aber es ist nicht wahr, mein Freund. Nummer

Eins ist's!»

«Ha, ha, ha! Nummer Eins für immer!»

«In einer kleinen Genossenschaft, wie die unsrige ist,» sagte der Jude,

der eine Erklärung für nötig hielt, «haben wir eine allgemeine Nummer

Eins; das will sagen, Ihr könnt Euch nicht betrachten als Nummer Eins,

ohne mich und all die anderen jungen Leute als dieselbe zu betrachten

zugleich.»

«Das wär' der Teufel!»

«Ihr seht wohl,» fuhr der Jude fort, sich anstellend, als ob er die

Unterbrechung nicht beachtete, «unser Nutzen und Schaden ist eins so

ganz, daß es nicht sein kann anders. Zum Beispiel, es ist Euer Zweck

und Absicht, zu sorgen für Nummer Eins -- das heißt für Euch selbst.»

«Ganz recht, ganz recht.»

«Sehr wohl -- Ihr könnt aber nicht sorgen für Euch selber, Nummer Eins,

ohne zugleich zu sorgen für mich, Nummer Eins.»

«Nummer Zwei wollt Ihr sagen», fiel Mr. Bolter ein, der die Tugend der

Selbstliebe im allerhöchsten Maße besaß.

«Nein, nein!» entgegnete der Jude. «Ich bin von derselben Wichtigkeit

für Euch, wie Ihr es seid selbst.»

«Hört,» unterbrach Mr. Bolter, «Ihr seid ein sehr netter Mann, und ich

halte sehr viel von Euch; aber so dicke Freunde, wie Ihr mit dem allen

meint, sind wir doch noch nicht.»

«Bedenkt doch, bedenkt doch nur!» sagte der Jude achselzuckend und die

Hände ausstreckend. «Ihr habt getan, was sehr hübsch war, und ich ehre

und liebe Euch deshalb; aber 's ist auch derart, daß es Euch zugleich

einbringen kann die Krawatte, die so leicht ist einzuknüpfen und so

schwer wieder aufzubinden -- den Strick nämlich!»

Mr. Bolter legte die Hand an sein Halstuch, als wenn es ihm unbequem

eng säße, und murmelte eine Art von Beistimmung.

«Der Galgen,» fuhr Fagin fort, «der Galgen, mein Lieber, ist ein

häßlicher Wegweiser, der zeigt um eine sehr scharfe Ecke und hat

gemacht ein Ende der Weiterreise vieler mutvoller, wackerer Leute auf

der großen Heerstraße. Euch zu halten auf der bequemen Straße und zu

bleiben dem Galgen fern, muß sein Euer Nummer Eins, mein Lieber.»

«Natürlich», fiel Mr. Bolter ein; «aber wozu redet Ihr von solchen

Dingen?»

«Bloß um Euch zu zeigen meine Meinung deutlich», erwiderte Fagin, die

Augenbrauen emporziehend. «Ihr könnt das nicht allein, sondern hängt

dabei ab von mir, und ich hänge ab von Euch, wenn mein kleines Geschäft

soll haben guten Fortgang. Das erste ist Eure Nummer Eins, das zweite

ist meine Nummer Eins. Je mehr Euch liegt am Herzen Eure Nummer Eins,

desto mehr müßt Ihr sein besorgt für meine; und so kommen wir endlich

wieder zurück auf das, was ich Euch sagte gleich anfangs -- daß Sorge

für Nummer Eins kommt uns allen zugut, und lassen wir's fehlen daran,

gehen wir zugrunde miteinander alle.»

«Das ist wohl wahr», bemerkte Bolter gedankenvoll. «Ihr seid, meiner

Treu, ein geriebener alter Gesell!»

Fagin erkannte mit innigstem Vergnügen, daß dies keine bloße

Schmeichelei war, sondern daß er seinem Rekruten eine bedeutende

Vorstellung von seiner Verschlagenheit und Gewalt beigebracht hatte,

was beim Beginn ihrer beiderseitigen Bekanntschaft von großer

Wichtigkeit war. Um den Eindruck, den er auf den jungen Menschen

gemacht hatte, noch zu verstärken, ließ er ihn einige Blicke in

die Großartigkeit und den Umfang seiner Operationen tun, wobei er,

seinem Zwecke gemäß, Wahrheit und Dichtung so geschickt miteinander

vermischte, daß Mr. Bolters Hochachtung gegen ihn sichtlich zunahm und

er zugleich eine Zutat heilsamer Furcht erhielt, welche bei ihm zu

erwecken äußerst wünschenswert war.

«Dies gegenseitige Vertrauen ist es,» sagte der Jude, «was mich tröstet

wegen schwerer Verluste. Erst gestern morgen verlor ich meinen besten

Gehilfen.»

«Ist er Euch davongegangen?» fragte Mr. Bolter.

«Ganz wider seinen Willen», antwortete Fagin. «Er war beschuldigt des

Versuchs eines Taschendiebstahls, und sie fanden bei ihm eine silberne

Schnupftabaksdose. Es war seine eigene, mein Lieber, seine eigene, denn

er schnupfte selbst, und die Dose war ihm sehr wert. Er ward wieder

vorbeschieden auf heute, denn sie meinten herbeischaffen zu können den

Eigentümer. Oh, er war wert fünfzig silberne Dosen, und ich würde sie

darum geben, wenn ich ihn hätte wieder. Ihr solltet gekannt haben den

Baldowerer, mein Lieber; solltet gekannt haben den Gepfefferten!»

«Ich hoffe ihn noch kennen zu lernen -- meint Ihr nicht, Fagin?»

«Ich muß es bezweifeln», erwiderte der Jude seufzend. «Wenn vorgebracht

wird kein neues Zeugnis gegen ihn, so werden wir ihn freilich haben

wieder nach ein sechs oder acht Wochen; sonst aber wird er gerumpelt,

und auf lebenslang, sicher auf lebenslang; denn sie wissen's, welch ein

gescheiter Bursch ist der Baldowerer.»

«Was wollt Ihr damit sagen, daß er gerumpelt würde?» fragte Mr. Bolter.

«Warum sprecht Ihr in solchen Ausdrücken zu mir, da Ihr doch wißt, daß

ich sie nicht verstehen kann?»

Fagin war im Begriff, ihm zu sagen, daß Rumpeln soviel als Deportieren

bedeute, allein in demselben Augenblicke trat Master Bates mit den

Händen in den Beinkleidertaschen und einem halbkomisch-trübseligen

Gesichte herein.

«'s ist vorbei mit ihm, Fagin», sagte er, nachdem er seinem neuen

Kameraden gebührend vorgestellt worden war.

«Was willst du sagen damit?» fragte der Jude mit bebenden Lippen.

«Sie haben den Herrn ausgespürt, dem die Dose gehörte, und noch mehrere

Anklagen vorgebracht -- der Gepfefferte erhält freie Überfahrt»,

antwortete Master Bates. «Ich muß ä vollständ'gen Traueranzug haben,

Fagin, und ä Hutband, ihn zu besuchen, eh' er seine Reise antritt.

's is doch die Möglichkeit! -- Jack Dawkins -- der große Jack Dawkins

-- der Baldowerer -- der gepfefferte Baldowerer -- und wird gerumpelt

wegen 'ner lumpigen Schnupftabaksdose! -- wegen 'ner erbärmlichen

Dorfdruckerei[AS]. Ich hätt's nimmermehr geglaubt, daß er's unter 'ner

goldenen Uhr mit Kette und Petschaften zum mind'sten getan haben würde.

Nein, wenn er noch 'nem reichen alten Herrn seine ganze Massumme[AT]

und alles geganft[AU] hätte, so daß er doch abreiste wie ä Gentleman!

-- aber so -- wie ä gemeiner Dorfdrucker! -- ohne Ruhm, ohne Ehre!»

[AS] Taschendiebstahl.

[AT] Geld.

[AU] geraubt.

Also seine Gefühle für den unglücklichen Freund ausdrückend, nahm

Master Bates entrüstet und niedergeschlagen auf dem ersten besten

Stuhle Platz.

«Was schwätzest du, daß er hätte weder Ruhm noch Ehre!» rief Fagin,

seinem Zöglinge einen zornigen Blick zuwerfend, aus. «Ist er nicht

immer gegangen über euch allen -- hat's einer von euch ihm tun können

gleich -- nur von fern tun können gleich -- wie?»

«Freilich, freilich! Aber sollt's einen denn nicht jammern,» entgegnete

Charley, «sollte man nicht des Teufels werden vor Verdruß, daß nichts

davon vor Gericht verlautet, daß niemand nur zur Hälfte erfährt,

wer und was er gewesen ist? Welch 'nen elenden Titel wird er im

Newgatekalender bekommen -- kommt vielleicht nicht mal 'nein! O weh, o

weh, was es für ä Jammer ist!»

«Ah! wenn du's so meinst,» sagte der Jude mit vergnügtem Kichern und

ihm die Hand reichend, «wenn du's so meinst, das ist ein andres.

Schaut, mein Lieber,» fuhr er, zu Bolter sich wendend, fort, «schaut,

wie stolz sie sind auf ihren Stand und Beruf! Ist es nicht zu sehen

eine Lust?»

Mr. Bolter nickte Beistimmung, und der Jude trat mit freudigem Stolze

zu Charley, klopfte ihm auf die Schulter und sagte tröstend: «Sei nur

ohne Sorgen, Charley; es wird schon kommen an den Tag, und er wird's

selbst schon zeigen, was er ist gewesen, und wird keine Schande bringen

über seine alten Kameraden und Lehrer. Bedenkt auch nur, wie jung er

noch ist! Ist's nicht schon eine große Auszeichnung, bei seinen Jahren

gerumpelt zu werden auf lebenslang?»

«Ja freilich -- daran hatt' ich nicht gedacht -- 's ist freilich

ehrenvoll genug!» erwiderte Charley, einigermaßen getröstet.

«Er wird haben alles, was er braucht», fuhr der Jude fort; «wird in

Doves[AV] gehalten werden wie ein Gentleman, alle Tage haben sein Bier

und Geld in der Tasche, zu spielen Bild oder Schrift, wenn er's nicht

kann ausgeben.»

[AV] Gefängnis.

«Wahr und wahrhaftig?» rief Charley aus.

«Ganz gewiß, ganz gewiß!» sagte Fagin. «Und wir werden ihm schaffen

'nen Advokaten -- den zungenfertigsten, der wird sein zu finden -- zu

führen seine Verteid'gung; und wenn er will, kann er auch halten eine

Rede selbst, und wir werden's lesen alles in den Blättern. Was sagst

du, Charley?»

«Prächtig, prächtig!» rief Master Bates aus. «Oh, es ist mir, als

wenn ich ihn vor mir sähe, wie er die alten Perücken bei der Nase

herumzieht, wie sie sich abstrap'zieren, wichtig und feierlich

aussehen, und er so vertraulich und gemütlich zu ihnen spricht, als

wenn er des Richters eigener Sohn wäre und 'ne Rede bei Tisch hielte --

ha, ha, ha!»

«Aber Charley,» sagte der Jude, «wir müssen ersinnen, ein Mittel in

Erfahrung zu bringen, wie er sich macht heute und was ihm passiert.»

«Soll ich hingehen?» entgegnete Charley eifrig, denn er versprach sich

jetzt den köstlichsten Genuß von einem Schauspiele, bei welchem der

Baldowerer, den er noch vor kurzem als einen Gegenstand des Mitleides

und Verdrusses betrachtet, in der ersten glänzenden Rolle auftreten

sollte.

«Nicht um alles in der Welt», antwortete Fagin.

«So schickt den da -- den Neuangeworbenen hin», riet Charley; «den

kennt niemand.»

«Kein schlechter Rat», sagte der Jude. «Was meint Ihr, mein Lieber?»

«Nein, nein», erwiderte Mr. Bolter kopfschüttelnd; «nichts davon, 's

ist mein Fach nicht.»

«Was habt Ihr ihm denn für ä Fach zugeteilt, Fagin?» fragte Charley

Bates, Noahs schlottrige Gestalt mit großem Widerwillen betrachtend.

«Sich den Rücken zu decken, wenn was zu riskieren ist, und alles

aufzuessen, wenn wir in guter Ruhe zu Haus sitzen?»

«Geht dich nichts an», fiel Mr. Bolter ein; «und nimm dir keine

Freiheiten heraus gegen Leute, die über dir sind, Knirps, oder du wirst

erfahren, daß du vor die unrechte Schmiede gekommen bist.»

Master Bates belachte die prahlerische Drohung so ausgelassen, daß es

einige Zeit währte, bevor Fagin vermitteln und Mr. Bolter vorstellen

konnte, daß er bei einem Besuche des Polizeiamts durchaus keine Gefahr

liefe; denn von seiner kleinen Affäre würde noch ebensowenig Kunde nach

der Hauptstadt, wo man ihn am wenigsten vermute, gelangt sein, wie

ein Steckbrief; und sollte es das Unglück gewollt haben, so würde er

sich, gut verkleidet, nirgends in ganz London mit größerer Sicherheit

aufhalten können, als eben auf der Polizei, wo er ohne Zweifel am

letzten gesucht werden dürfte.

Mr. Bolter ließ sich endlich durch diese und ähnliche Vorstellungen,

noch mehr aber durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, freilich mit

der verdrießlichsten Miene, einzuwilligen, die Sendung zu übernehmen.

Fagin versah ihn sogleich mit einem Kärrnerkittel, manchesternen

Kniehosen, ledernen Beinlingen, einem Hut mit Weggeldzetteln und

einer Peitsche, und zweifelte um so weniger am Erfolge, da Mr. Bolter

obendrein die Ungelenkheit eines Kärrners im vollkommensten Maße besaß.

Der Baldowerer wurde ihm genau beschrieben, und Master Bates geleitete

ihn durch Nebengassen nach Bow-Street, wies ihn zurecht, erteilte ihm

jede sonst nötige Auskunft, forderte ihn zur Eile auf und versprach,

seine Rückkehr an der Stelle, wo er ihn verließ, zu erwarten.

Master Bates' Weisungen waren so genau gewesen, daß sich Noah Claypole

oder Morris Bolter, wie der Leser will, sehr leicht, und ohne fragen

zu müssen, zurechtfand. Er drängte sich durch einen hauptsächlich

aus Frauenzimmern bestehenden Haufen hinein in das düstere und

schmutzige Gerichtszimmer. Vor den Schranken standen ein paar Weiber,

die ihren bewundernden Angehörigen oder Bekannten zunickten, während

der Gerichtsschreiber zwei Polizisten und einem einfach gekleideten,

über den Tisch lehnenden Manne Zeugenaussagen vorlas und ein

Gefängniswärter lässig dastand und von Zeit zu Zeit Ruhe oder «das Kind

hinauszuschaffen» gebot, wenn ein ungebührliches Geflüster oder der

Aufschrei eines Säuglings eine Störung verursachte. Noah blickte scharf

umher nach dem Baldowerer, bemerkte Leute genug, welche Geschwister

oder Eltern des Gepfefferten hätten sein können, aber niemand, auf den

die Beschreibung gepaßt hätte, die ihm von Jack Dawkins selbst gegeben

worden war. Endlich waren die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer

abgeurteilt und entfernt, und nunmehr erschien ein Angeklagter, der

ohne Frage der Baldowerer war.

Jack ging vor dem Gefängniswärter, den Hut in der rechten Hand haltend

und die Linke in der Beinkleidertasche, keck genug einher und fragte,

sobald er auf der Anklagebank stand, sogleich mit hörbarer Stimme,

warum man ihn an die schimpfliche Stelle geführt habe.

«Willst du wohl den Mund halten?» rief ihm der Schließer zu.

«Bin ich kein Engländer?» rief der Baldowerer zurück. «Wo sind meine

Freiheiten?»

«Wirst sie bald genug bekommen», entgegnete der Schließer, «und zwar

mit Pfeffer dazu.»

«Je nun, wenn sie mir gekränkt werden, so wird sich's schon

finden, was der Staatssekretär für die inneren Angelegenheiten den

Oberschenkeln[AW] zu sagen hat», fuhr Jack Dawkins fort. «Jetzo aber --

holla, was gibt's hier? Wollen die Friedensrichter nicht so gut sein,

diese kleine Sache abzumachen und mich nicht aufzuhalten, indem sie die

Zeitungen lesen? Ich hab' 'nen Gentleman nach der City bestellt, bin

ein Mann von Wort und auch sehr pünktlich in Geschäften; er wird daher

fortgehen, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit da bin, und es könnte

'ne Klage auf Schadenersatz geben gegen die, die mich aufgehalten

haben. -- He, Binnfaden[AX], wie heißen die beiden Abrosche[AY] da

auf der Richterbank?» wandte er sich zu dem Gefängniswärter, was die

Nächststehenden dermaßen kitzelte, daß sie fast so herzlich lachten,

wie es Master Bates selbst getan haben würde, wenn er die spaßhafte

Frage gehört hätte.

[AW] Richtern.

[AX] Amtsdiener.

[AY] Spitzbuben.

«Ruhe da!» rief der Schließer.

Einer der Friedensrichter fragte nach der Ursache des Geräusches.

«Hier steht ein Taschendieb, Ihr Edlen.»

«Ist der Knabe schon hier gewesen?»

«Hätt's schon manchmal sein sollen, Ihr Edlen. Überall sonst ist er

schon lange genug gewesen. Ich kenne ihn sehr wohl, Ihr Edlen.»

«So! Ihr kennt mich also?» rief der Baldowerer, sich anstellend, als

wenn er die Angabe aufzeichnete. «Sehr wohl. Das setzt 'ne Klage wegen

Beschimpfung meines guten Namens.»

Es wurde abermals gelacht und abermals Ruhe geboten.

«Wo sind die Zeugen?» begann der Gerichtsschreiber.

«Ach, so ist's recht!» fiel Jack Dawkins ein. «Ja, wo sind die Zeugen?

Ich möchte doch das Pläsier haben, sie zu sehen!»

Sein Wunsch wurde augenblicklich erfüllt, denn es trat ein Polizist

vor, der gesehen hatte, daß der Angeklagte einem Herrn das Taschentuch

aus der Tasche gezogen, und da es ein sehr altes gewesen, nachdem er

Gebrauch davon gemacht, wieder hineingesteckt hatte. Er hatte deshalb

den Täter verhaftet und bei demselben eine silberne Schnupftabaksdose

mit dem Namen des Eigentümers auf dem Deckel gefunden. Der Eigentümer

der Dose war gleichfalls gegenwärtig, beschwor, daß die Dose die

seinige wäre, und daß er sie vermißt hätte, sobald er sich Bahn aus

dem Gedränge gemacht, in welchem (wie sich fand) der Angeklagte das

fragliche Taschentuch entwendet und zurückgegeben. Er hatte auch

bemerkt, daß sich ein junger Gentleman eiligst von ihm entfernt, und

der junge Gentleman war eben der Baldowerer.

«Hast du eine Frage an den Zeugen zu richten, Knabe?» fragte der

Friedensrichter.

«Ich mag mich nicht erniedrigen, mit ihm in Unterredung zu treten»,

entgegnete Jack Dawkins.

«Hast du überhaupt was zu sagen?»

«Hörst du die Frage Seiner Edlen nicht, ob du etwas zu sagen hättest?»

fiel der Schließer, den stummen Baldowerer mit dem Ellbogen anstoßend,

ein.

«Bitt' um Vergebung», sagte Jack, zerstreut aufblickend. «Redeten Sie

mich an?»

«Ihr Edlen,» bemerkte der Schließer, «ich hab' mein Lebtag noch keinen

solchen jungen Erzspitzbuben gesehen. Willst du was sagen, Bursch?»

«Nein,» entgegnete der Baldowerer, «hier nicht; dies ist nicht das

rechte Kaufhaus für die Gerechtigkeit, und außerdem frühstückt

mein Advokat heute morgen bei dem Vizepräsidenten des Hauses der

Gemeinen. Jedoch werden wir, ich und er und eine sehr reputierliche

Bekanntschaft, anderwärts sprechen, und zwar so, daß die

Richterperücken wünschen werden, daß sie niemals geboren oder daß sie

von ihren Bedienten aufgehängt sein möchten, statt mich hier heute

morgen zu prozessieren. Ich will --»

«Er ist vollständig überführt; ins Gefängnis mit ihm -- man bringe ihn

hinaus!» rief der Gerichtsschreiber.

«Komm her, Bursch», sagte der Schließer.

«Komme schon», sagte der Baldowerer, seinen Hut mit der flachen Hand

glättend, und wandte sich darauf nach der Richterbank: «Es hilft Ihnen

nichts, Gentlemen, und wenn Sie auch noch so bestürzt aussehen. Ich

werde kein Erbarmen mit Ihnen haben, für keinen Heller nicht. Sie

werden dafür büßen, und ich möchte um vieles nicht an Ihrer Stelle

sein. Ich würde die Freiheit nicht annehmen, und wenn Sie mich auf den

bloßen Knien darum anflehten. Binnfaden, führ mich ab ins Gefängnis!»

Der Schließer zog ihn beim Kragen heraus, Jack drohte, die Sache

vors Parlament zu bringen, und lächelte darauf den Schließer mit der

behaglichsten Selbstzufriedenheit an.

Sobald ihn Noah hatte fortschleppen sehen, eilte er zu Master Bates

zurück, der ihn in einem angemessenen Verstecke erwartet hatte und sich

zeigte, sobald er sich vergewissert, daß niemand seinem neuen Bekannten

nachfolgte. Sie gingen schleunigst miteinander nach Hause, um Fagin

die erfreuliche Kunde zu bringen, daß sich der Baldowerer vollkommen

ehrenhaft benommen und sich einen glänzenden Namen gemacht habe.

Oliver Twist(#56586) · 第 51 / 67 题