42. Kapitel.

Ein alter Bekannter von Oliver läßt entschiedene Geniespuren

blicken und wird ein öffentlicher Charakter in der Hauptstadt.

Gerade an dem Abende, an welchem Nancy ihre selbstauferlegte Mission

bei Rose Maylie erfüllte, wanderten auf der großen, nach Norden

führenden Heerstraße zwei Personen nach London, denen wir einige

Aufmerksamkeit widmen müssen. Die eine derselben, eine Mannsperson,

gehörte zu den langen, knöchernen Gestalten, die als Knaben wie

verkümmerte Männer, und wenn sie fast Männer sind, wie zu früh groß

gewordene Knaben aussehen. Die zweite, ein Frauenzimmer, war jung, aber

derb und kräftig, was sie auch sein mußte, um unter der schweren Bürde

auf ihrem Rücken nicht zu erliegen. Ihr Begleiter trug nur weniges und

leichtes Gepäck an einem Stocke über der Schulter und konnte daher um

so leichter, zumal da ihm auch die Länge seiner Beine zustatten kam,

stets einige Schritte weit voran sein, woran er es auch ebensowenig

fehlen ließ wie an häufigen Vorwürfen, die er seiner Gefährtin wegen

ihrer Langsamkeit machte. Sie hatten Highgate hinter sich, als er

stillstand und ihr ungeduldig zurief: «Kannst du nicht geschwinder

gehen? Was schleichst du immer so faul von weitem nach, Charlotte?»

«'s ist 'ne schwere Tracht, das kannst du nur glauben», erwiderte sie,

fast atemlos herankommend.

«Schwer? Was ist das für Schwätzen -- wozu hab' ich dich?» fuhr Noah

Claypole (denn er war es) fort und legte sein kleines Bündel auf die

andere Schulter. «Und nun stehst du schon wieder still? Bei dir muß

auch der Beste die Geduld verlieren.»

«Ist es noch weit?» fragte Charlotte, indem ihr die Schweißtropfen über

das Gesicht herabströmten.

«Noch weit? Wir sind schon so gut wie da. Sieh hin -- dort sind die

Lichter von London.»

«Dann sind wir wenigstens noch zwei gute Meilen davon entfernt», sagte

Charlotte verzweiflungsvoll.

«Zwei Meilen oder zwanzig ist auch einerlei; steh auf und mach fort,

oder du bekommst Fußtritte», warnte Noah mit vor Zorn noch mehr als

gewöhnlich geröteter Nase, und Charlotte stand auf und schritt wieder

neben ihm her.

«Wo denkst du für diese Nacht einzukehren, Noah?» fragte sie nach

einiger Zeit.

«Was weiß ich's?» antwortete Mr. Claypole, den das lange Gehen

verdrießlich gemacht hatte.

«Doch in der Nähe?»

«Nein, nicht in der Nähe.»

«Warum denn nicht?»

«Wenn ich dir sage, daß ich das will oder nicht will, so ist's genug,

ohne daß du zu fragen brauchst, warum oder weshalb», entgegnete Noah

mit Würde.

«Ich frage ja nur -- brauchst ja nicht so böse darüber zu werden.»

«Das wär' mir wohl ein recht kluger Streich, im ersten besten

Wirtshause vor der Stadt einzukehren, daß Sowerberry, wenn er uns

etwa nachsetzte, seine alte Nase hereinsteckte und uns gleich wieder

fest hätte und mit Handschellen zurückbrächte! Nein, ich werde in

die engsten Straßen einlenken, die ich finden kann, und nicht eher

haltmachen, als bis wir das entlegenste Gasthaus gefunden haben. Du

kannst deinem Schöpfer danken, daß ich Pfiffigkeit für dich mit habe;

denn wenn wir nicht auf meinen Rat erst den entgegengesetzten Weg

eingeschlagen hätten, so wärst du schon vor acht Tagen eingesperrt, und

dir wäre recht geschehen als 'ner dummen Gans.»

«Ich weiß es, daß ich nicht so klug bin wie du; aber wirf nur nicht

alle Schuld auf mich allein. Wär' ich eingesperrt, würdest du es doch

auch sein.»

«Du weißt doch wohl, daß du das Geld aus dem Ladentische nahmst?»

«O ja, lieber Noah, aber ich nahm es für dich.»

«Nahm ich's hin und trug's bei mir?»

«Nein; du vertrautest mir und ließest 's mich tragen, und das war doch

gut von dir», sagte Charlotte, ihn unter das Kinn klopfend und ihren

Arm in den seinigen legend.

Es verhielt sich in der Tat so; allein es war Mr. Claypoles Weise

nicht, in irgend jemand ein blindes und törichtes Vertrauen zu setzen,

und wir lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken,

daß er Charlotten lediglich deshalb so sehr vertraut hatte, damit das

Geld, wenn sie verfolgt würden, bei ihr gefunden werden möchte. Er ließ

sich jedoch bei dieser Gelegenheit natürlich auf keine Darlegung seiner

Beweggründe ein, und beide wanderten im zärtlichsten Einvernehmen

miteinander weiter.

Seinem vorsichtigen Plane zufolge schritt Mr. Claypole, ohne

anzuhalten, bis nach dem Engel von Islington weiter, wo er aus dem

beginnenden Gedränge der Fußgänger und Fuhrwerke sehr scharfsinnig

schloß, daß London nunmehr ernstlich anfinge. Er schaute nun einen

Augenblick umher, welche Straßen die belebtesten und also am meisten zu

meidenden schienen, lenkte in St. Johns Road ein und befand sich bald

tief in dem Gewirr obskurer und schmutziger Straßen und Gassen zwischen

Grays Inn Lane und Smithfield, einem Stadtteile mitten in London, der

trotz der allgemeinen Fortschritte und ungemeiner Verschönerungen

abscheulich geblieben ist.

Noah schaute fortwährend nach einem Gasthause aus, wie er es sich bei

seinen Zwecken und seiner Lage wünschenswert dachte, stand endlich vor

dem elendesten still, das er bis dahin gesehen hatte, und erklärte,

hier für die Nacht einkehren zu wollen.

«Gib mir nun das Bündel,» sagte er, es seiner Begleiterin abnehmend,

«und sprich nicht, außer wenn du angeredet wirst. Wie nennt sich das

Haus? Was steht da -- d-r-e-i --?»

«Krüppel», fiel Charlotte ein.

«Drei Krüppel -- ein sehr guter Name,» bemerkte Noah. «Halt dich dicht

hinter mir -- vorwärts!»

Er stieß die gebrechliche Tür mit den Schultern auf, und beide gingen

hinein. Im Schenkstübchen war niemand, als ein junger Mensch, ein Jude,

der in einem schmutzigen Zeitungsblatte las. Er starrte Noah und Noah

starrte ihn an.

«Sind dies die drei Krüppel?» fragte Noah.

«So nennt sich das Haus.»

«Wir trafen 'nen Gentleman, der uns hierher rekommandiert hat», fuhr

Noah, Charlotte anstoßend, fort, vielleicht, um sie aufmerksam auf

seine List zu machen, sich Achtung zu verschaffen, oder vielleicht um

sie zu erinnern, ihn nicht zu verraten. «Wir möchten hier übernachten.»

«Ich weiß nicht, ob es geht an,» erwiderte Barney -- denn er war der

dienende Geist dieses Hauses -- «will aber anfragen.»

«Bringt uns unterdes in die Gaststube und gebt uns 'nen Mund voll

kaltes Fleisch und 'nen Schluck Bier», sagte Noah.

Barney führte die müden Reisenden in ein Hinterzimmer, brachte ihnen

die geforderten Erfrischungen, teilte ihnen zugleich mit, daß sie über

Nacht bleiben könnten, und ließ das liebenswürdige Pärchen allein. --

Das Zimmer, in welches er sie geführt hatte, befand sich unmittelbar

hinter dem Schenkstübchen und lag einige Fuß niedriger, so daß man aus

jenem, wenn man von einem Diminutivfensterchen etwas hoch in der Wand

einen Vorhang zurückschob, ohne bemerkt zu werden, genau sehen und

hören konnte, was die Gäste darin vornahmen oder sprachen. Noah und

Charlotte hatten sich kaum zu ihrem Imbisse niedergesetzt, als Fagin im

Schenkstübchen erschien, um nach einem seiner jungen Zöglinge zu fragen.

«Pst!» sagte Barney; «es sind nebenan Fremde.»

«Fremde?» wiederholte Fagin flüsternd.

«Ja -- nicht aus der Stadt, kurioses Volk; und ich müßte irren sehr,

wenn sie nicht was wären für Euch.»

Fagin stieg sogleich auf einen Stuhl und sah durch das kleine Fenster,

wie Noah tapfer schmauste und Charlotte von Zeit zu Zeit homöopathische

Dosen zuteilte.

«Aha!» flüsterte Fagin, zu Barney sich umdrehend, «die Miene des

Burschen könnte gefallen mir. Er würde uns sein können nützlich, denn

er versteht's schon, zu kirren die Dirne. Sei stiller als eine Maus,

mein Lieber, daß ich sie höre sprechen.»

Er schaute abermals durch das kleine Fenster, und zwar mit einem

Gesichte, das einem alten Gespenst angehört haben könnte.

«Ich denke also von jetzt ab ein Gentleman zu sein,» sagte Noah,

die Beine ausstreckend und ein Gespräch fortsetzend, dessen Anfang

dem Juden entgangen war. «Nichts mehr von Särgen und Aufwarten bei

Herrschaften, Charlotte, sondern nunmehr wie ein Gentleman gelebt; und

wenn du willst, sollst du 'ne Dame werden.»

«Ei, das möcht' ich freilich wohl, lieber Noah», antwortete Charlotte;

«aber es gibt nicht alle Tage Ladenkassen zu leeren und so, daß man

nachher gut davonkommt.»

«Hol' der Geier alle Ladenkassen!» rief Noah aus, «es gibt noch mehr

Dinge, die geleert werden können.»

«Was meinst du denn?» fragte Charlotte.

«Taschen, Strickbeutel, Häuser, Postkutschen, Banken», erwiderte Mr.

Claypole, dem der Mut wuchs, indem ihm der Porter zu Kopfe stieg.

«Du kannst das aber nicht alles, lieber Noah», sagte Charlotte.

«Ich werde mich nach Genossen umsehen, die es vermögen», versetzte

Noah. «Sie werden uns auf die eine oder andere Weise gebrauchen können.

Du bist selbst soviel wie fünfzig Weibsbilder wert; denn ich hab' nie

eins gekannt, das so voll List und Trug steckte wie du, wenn ich dir

freie Hand lasse.»

«Jemine, wie du flattieren kannst!» rief Charlotte aus und drückte ihm

einen Kuß auf den häßlichen Mund.

«Laß gut sein», sagte Noah mit großer Würde, sich von ihr losmachend;

«sei ja nicht zu zärtlich, wenn ich böse mit dir bin. Ich wollte, daß

ich Hauptmann 'ner Bande wär', hätte sie unter der Zucht und folgte

ihnen allerwärts nach, ohn' daß sie's selber wüßten. Das wär' so

was für mich, wenn's guten Profit abwürfe; und hör', wenn's uns nur

glückte, daß uns einige Gentlemen von dieser Sorte in den Wurf kämen,

es wär' uns soviel wert wie unsere Zwanzigpfundnote -- besonders da wir

eigentlich nicht wissen, wie wir sie loswerden sollen.»

Mr. Claypole blickte bei diesen Worten mit äußerst weiser Miene in den

Porterkrug hinein, trank, nickte Charlotte herablassend zu und stand

im Begriff, einen zweiten Zug zu tun, als die Tür sich auftat und die

Erscheinung eines Unbekannten ihn unterbrach. Der Unbekannte war Mr.

Fagin. Er hatte seine einnehmendste Miene angenommen, näherte sich mit

einer sehr tiefen Verbeugung, nahm an einem Tische dicht neben dem, an

welchem das Pärchen saß, Platz und rief dem grinsenden Barney zu, ihm

einen Trunk zu bringen.

«Ein angenehmer Abend, Sir, nur kühl für die Jahreszeit», hub er

händereibend an. «Sie kommen vom Lande herein, wie ich sehe, Sir?»

«Woran sehen Sie denn das?» fragte Noah Claypole.

«Wir haben nicht in London soviel Staub, wie Sie mitbringen», erwiderte

der Jude, nach Noahs und Charlottes Schuhen und den Bündeln hinzeigend.

«Sie sind mir ein pfiffiger Gesell», versetzte Noah mit Lachen. «Hör'

nur an, was er sagt, Charlotte.»

«Ei nun, mein Lieber, man muß wohl sein pfiffig in dieser Stadt»,

fuhr der Jude, vertraulich flüsternd, mit dem Finger an die Nase

schlagend, fort, -- eine Geste, die Noah sogleich nachahmte, doch

nicht mit vollständigem Gelingen, da seine Nase nicht groß genug dazu

war. Fagin schien jedoch den Versuch so auszulegen, als wenn ihm Noah

vollkommen hätte beipflichten wollen, und schob dem letzteren sehr

freundschaftlich den soeben von Barney kredenzten Krug zu.

«Gutes Getränk», entgegnete Fagin. «Wer es will immer trinken, muß

immer leeren etwas, eine Ladenkasse, eine Tasche, einen Strickbeutel,

ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.»

Mr. Claypole sank rückwärts auf seinen Stuhl und wandte sein kreideweiß

gewordenes und grenzenlos bestürztes Gesicht vom Juden nach Charlotten.

«Seien Sie ohne Sorgen meinetwegen, mein Lieber», sagte Fagin, näher

rückend. «Ha, ha, ha! -- es war ein Glück, daß niemand Sie hörte, als

ich zufällig -- es war ein großes Glück für Sie.»

«Ich nahm's nicht heraus», stotterte Noah, die Füße nicht mehr wie ein

unabhängiger Gentleman ausstreckend, sondern so tief unter den Stuhl

ziehend, als er konnte. «Sie hat's ganz allein getan, und du hast's

Charlotte; du weißt, daß du's hast.»

«Es ist gleichviel, mein Lieber, wer es hat oder wer es tat», fiel der

Jude ein, doch nichtsdestoweniger mit Falkenaugen nach dem Mädchen und

den beiden Bündeln hinblickend. «'s ist mein Geschäft auch, und Sie

gefallen deswegen mir.»

«Was ist Ihr Geschäft?» fragte Noah, sich einigermaßen wieder fassend.

«Nun, dasselbe, das angefangen haben Sie,» antwortete Fagin, «und die

Wirtsleute hier treiben es auch. Sie sind eingegangen zur rechten Tür

und sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß. Es gibt kein sichereres

Haus in der Stadt als die Krüppel; das heißt, wenn ich's will, und ich

habe gefaßt eine Neigung zu Ihnen und dem jungen Frauenzimmer. Sie

wissen nun Bescheid und können sich beruhigen vollkommen.»

Noah blickte ihn trotz dieser Versicherung noch immer furchtsam und

argwöhnisch an und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Fagin

nickte Charlotte freundlich zu, sprach ihr leise Mut zu und fuhr fort:

«Ich will Ihnen sagen noch mehr. Ich hab' einen Freund, der Ihren

Herzenswunsch, glaub' ich, kann befriedigen und Ihnen Gelegenheit

geben, zu arbeiten vorerst in dem Geschäftszweige, der Ihnen gefällt am

besten, und Sie lehren alle anderen.»

«Sie sprechen, als wenn es Ihr Ernst wäre,» bemerkte Noah.

«Wenn ich nicht spräche im Ernst, welchen Nutzen könnt' ich haben

davon?» versetzte der Jude achselzuckend. «Kommen Sie -- lassen Sie

mich reden mit Ihnen ein Wörtchen draußen!»

«Es tut nicht not, daß wir uns die Mühe geben, hinauszugehen», sagte

Noah, die Beine allmählich wieder unter dem Stuhle hervorziehend. «Sie

kann unterdes das Reisegepäck in unsere Kammer tragen. Charlotte,

bring' die Bündel hinauf!»

Charlotte gehorchte dem mit großer Würde gegebenen Befehle ohne die

mindeste Zögerung, hob die beiden Bündel auf und ging hinaus.

«Hab' ich sie nicht ganz gut in der Zucht?» fragte Noah im Tone eines

Wärters, der ein wildes Tier gezähmt hat.

«Oh, vortrefflich», erwiderte Fagin, ihn auf die Schulter schlagend.

«Sie sind ein Genie, mein Lieber.»

«Würde schwerlich hier sein, wenn ich's nicht wäre», versetzte Noah.

«Doch verlieren Sie keine Zeit, denn sie wird bald wieder da sein.»

«Sehr wohl! Was meinen Sie -- wenn Ihnen gefiele mein Freund, was

könnten Sie tun Besseres, als zu treten mit ihm in Verbindung?» sagte

Fagin.

«Es kommt darauf an, ob er gute Geschäfte macht», entgegnete Noah, dem

Juden mit dem einen seiner kleinen Augen pfiffig zublinzelnd.

«Er beschäftigt eine Menge Leute und hat die beste Gesellschaft von

allen, die treiben das Geschäft.»

«Echte Stadtbursche?»

«'s ist kein Nicht-Lond'ner drunter, und er würde Sie nicht einmal

annehmen, selbst auf meine Empfehlung nicht, wenn es ihm nicht fehlte

eben jetzt an Gehilfen.»

«Würd' ich 'rausrücken müssen?» fragte Noah, an seine

Beinkleidertaschen schlagend.

«Ohne zwanzig Pfund ging's an unmöglich», erwiderte Fagin auf das

bestimmteste.

«Aber zwanzig Pfund -- 's ist ein Haufen Geld!»

«Eine Kleinigkeit, wenn Sie nicht können los werden die Banknote.»

«Wann könnt' ich Ihren Freund sehen?»

«Morgen früh.»

«Wo?»

«Hier.»

«Hm! -- Wie hoch ist der Lohn?»

«Sie leben wie ein Gentleman -- haben Kost und Wohnung und Tabak und

Branntwein frei -- die Hälfte von allem, was Sie verdienen und was das

junge Frauenzimmer verdient.»

Es ist sehr zweifelhaft, ob Noah Claypole, so sehr bedeutend seine

Habgier auch war, auf diese glänzenden Bedingungen eingegangen sein

würde, wenn er hätte vollkommen frei handeln können; allein er

bedachte, daß es, wenn er nein sagte, in der Gewalt seines neuen

Bekannten stand, ihn augenblicklich den Händen der Gerechtigkeit zu

überliefern. Er erklärte daher, daß ihm der Vorschlag Fagins nicht ganz

unannehmbar erschiene.

«Aber sehen Sie,» setzte er hinzu, «da sie imstande ist, ein gutes

Stück Arbeit auszurichten, so möcht' ich etwas recht Leichtes zugeteilt

bekommen. Was würde jetzt wohl für mich passen? Es müßte so etwas sein,

wobei ich mich nicht eben anzustrengen brauche und wobei keine Gefahr

wäre.»

«Mein Freund braucht jemand, der was Rechtes leisten könnte im

Spionierfache -- was sagen Sie dazu?» entgegnete der Jude.

«Gefällt mir nicht ganz übel, und bisweilen möcht' ich wohl darin

arbeiten», sagte Noah zögernd; «aber es wirft nur für sich selber

nichts ab, wissen Sie.»

«Freilich», pflichtete Fagin ihm bei. «Was sagen Sie zu den alten

Damen? Ihnen nehmen die Strickbeutel und Pakete und dann laufen um die

Ecke -- damit wird gemacht viel Geld.»

«Schreien diese aber nicht fürchterlich, oder kratzen auch bisweilen?»

wandte Noah kopfschüttelnd ein. «Ich habe keine Lust dazu. Ist kein

anderes Fach offen?»

«Halt, ja!» sagte der Jude, die Hand auf Noahs Knie legend. «Das

Schratzchenbehandeln!»

«Was ist denn das?»

«Die Schratzchen sind die kleinen Kinder, die mit Sixpencen und

Schillingen ausgeschickt werden von ihren Müttern, um einzuholen

allerhand; und das Behandeln ist wegnehmen ihnen das Geld, das sie

immer haben in den Händen, und sie dann stoßen in die Straßenrinne und

ganz langsam davongehen, als wenn geschehen wäre nichts, als daß ein

Kind wäre gefallen und hätte sich Schaden getan ein wenig. Ha, ha, ha!»

«Ha, ha, ha!» stimmte Mr. Claypole ein und warf außer sich vor

Vergnügen die Füße hoch in die Luft. «Beim Deuker, ja, das ist das

Rechte!»

«Gewiß, gewiß», sagte Fagin; «Sie können haben prachtvolle Bezirke

in Camden-Town und Battle-Bridge und solchen Gegenden mehr, wo immer

ausgeschickt werden viele und zu jeder Tagesstunde niederwerfen so

manche Schrätzchen, wie Sie wollen nur.»

«Ich bin alles wohl zufrieden», sagte Noah, als er sich von seiner

Ekstase wieder erholt hatte und Charlotte zurückgekehrt war. «Welche

Zeit bestimmen wir auf morgen?»

«Nun, belieben Sie zehn Uhr?»

Noah nickte.

«Welchen Namen soll ich nennen meinem Freunde?»

«Mr. Bolter; Mr. Morris Bolter -- dies ist Mrs. Bolter.»

«Ich bin Mrs. Bolters gehorsamer Diener», sagte Fagin, sich mit

grotesker Galanterie verbeugend. «Ich hoffe, Sie recht bald noch besser

kennen zu lernen.»

«Hörst du, was der Herr sagt, Charlotte?» herrschte ihr Mr. Claypole zu.

«Ja, lieber Noah», antwortete Charlotte, die Hand ausstreckend.

Mr. Morris Bolter, sonst Claypole, wandte sich zu dem Juden und sagte:

«Noah ist der Schmeichelname, den sie mir gibt.»

«Oh, ich verstehe -- verstehe vollkommen», erwiderte Fagin, für diesmal

die Wahrheit redend. «Gute Nacht! Gute Nacht!»

Oliver Twist(#56586) · 第 50 / 67 题