Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen,
gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.
Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das
lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen,
das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das
Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben
gesprochen, in sie, als ein junges, argloses Mädchen, gesetzt hatte.
Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und
ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der
ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu
erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.
Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen
und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Ort an der Seeküste
abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage.
Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden
entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne
Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?
Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte, auch noch die
beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme
Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl und dachte sich im voraus zu
deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruch seiner Entrüstung
auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es
zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen
zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen.
Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre
Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen,
da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem
würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben
Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu
wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte.
Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu
nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm
wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu
ziehen, da es ihm -- und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen
in die Augen -- jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf
eine andere Art glücklich zu sein.
Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für
diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend,
brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte,
nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den
verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu
ziehen.
«Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie
peinlich wird es für mich sein!» dachte sie sinnend. «Doch vielleicht
kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch
kommen und mich ängstlich zu meiden suchen -- wie damals, als er
fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide
besser -- viel besser»; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte
sich hinweg, gleichsam, als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch
nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer
Tränen wäre.
Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie
ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten
Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe
niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer
Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und
lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu
fürchten wäre.
«Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?» fragte Rose, ihm
entgegentretend. «Rede, mein Kind!»
«Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte», erwiderte
der Knabe. «Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich
überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!»
«Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast,
mein Liebling», versetzte Rose besänftigend. «Doch was bedeutet dies
alles -- von wem ist die Rede?»
«Ich habe den Herrn gesehen,» erwiderte der Knabe, «den Herrn, der so
gütig gegen mich war -- Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen
haben.»
«Wo?» fragte Rose.
«Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus», erwiderte Oliver,
indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. «Ich redete ihn
nicht an -- ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte
so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte
sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte ja. Sehen Sie,» fuhr er
fort, ein Stück Papier entfaltend, «hier steht es; da wohnt er -- ich
will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können,
wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!»
Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen
der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen,
>Craven Street, Strand<; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers
Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.
«Schnell!» sagte sie, «gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen,
und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen
Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante
sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen; ich werde ebenso rasch
fertig sein wie du selbst.»
Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf
Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße.
Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten
Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus
und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr.
Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der
Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen.
Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in
einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen
unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm
erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und
Gamaschen, der nicht besonders wohlwollend aussah und dasaß, die Hände
auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf
demselben ruhend lassend.
«Ah!» sagte der Herr im grünen Rocke, eilfertig und mit Zuvorkommenheit
aufspringend, «ah, entschuldigen Sie, mein gnädiges Fräulein -- ich
glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die -- Sie werden mich
gütigst entschuldigen. Bitte, nehmen Sie Platz!»
«Mr. Brownlow, wenn ich nicht irre, Sir?» sagte Rose, nachdem sie auf
den andern Herrn einen Blick geworfen hatte.
«So ist mein Name, ja», erwiderte der alte Herr. «Dies ist mein Freund,
Mr. Grimwig. Grimwig, Sie haben wohl die Gefälligkeit und verlassen uns
auf einige Minuten.»
«Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, den Herrn zu bemühen»,
bemerkte Rose. «Wenn ich nicht irre, so ist ihm die Angelegenheit, in
welcher ich Sie zu sprechen wünsche, nicht fremd.»
Brownlow gab seine Einwilligung durch eine leichte Kopfneigung zu
erkennen, und Grimwig, der eine sehr steife Verbeugung gemacht hatte
und aufgestanden war, machte eine zweite sehr steife Verbeugung und
nahm wieder Platz.
«Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Sie ohne Zweifel sehr
überraschen», begann Rose etwas verlegen. «Sie erwiesen einst einem
mir sehr teuern jungen Freunde viel Wohlwollen und Güte, und ich bin
überzeugt, daß es Sie freuen wird, wieder von ihm zu hören.»
«Einem jungen Freunde!» sagte Mr. Brownlow. «Darf ich seinen Namen
wissen?»
«Oliver Twist!» erwiderte Rose.
Kaum waren die Worte ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der sich
gestellt hatte, als ob ihn der Inhalt eines auf dem Tisch liegenden
großen Buches lebhaft interessierte, dasselbe mit großem Geräusche
zuschlug, sich zurücklehnte, wobei sein Antlitz den Ausdruck des
äußersten Erstaunens annahm, und lange mit großen, stieren Augen dasaß,
worauf er, als ob er sich schämte, so viel innere Bewegung an den
Tag gelegt zu haben, sich in seine vorige Stellung gleichsam wieder
zurückschnellte und, indem er gerade vor sich hinstarrte, einen langen,
pfeifenden Ton erschallen ließ, der nicht in der leeren Luft, sondern
in den innersten Höhlen seines Magens zu ersterben schien.
Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wiewohl sein Erstaunen sich
auf eine weit minder seltsame Art kundgab. Er rückte seinen Stuhl näher
zu Rose heran und sagte: «Erzeigen Sie mir den Gefallen, mein liebes,
gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von welchem Sie reden,
und wovon, Sie ausgenommen, niemand weiß, gänzlich außer Frage zu
lassen; und wenn Sie irgend Beweise herbeizubringen vermögen, welche
geeignet sind, mir die üble Meinung zu benehmen, die ich vormals von
dem genannten unglücklichen Kinde zu hegen mich bewogen fand, so teilen
Sie sie mir mit -- ich bitte dringend darum.»
«Ein böser Bube -- ich will meinen Kopf aufessen, wenn er es nicht
ist», brummte Grimwig in sich hinein wie ein Bauchredner und ohne einen
Gesichtsmuskel in Bewegung zu setzen.
«Der Knabe besitzt einen reinen Sinn und ein warmes Herz», sagte Rose,
vor Unmut errötend; «und die Allmacht, der es gefallen, ihm Prüfungen,
die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seiner Brust
Gefühle und Gesinnungen keimen lassen, welche unzähligen Ehre machen
würden, die seine Jahre sechsfach zählen.»
«Ich bin erst einundsechzig,» bemerkte Grimwig mit derselben starren
Unbeweglichkeit, «und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser
Oliver nicht wenigstens zwölf Jahr alt ist, so sehe ich das Zutreffende
der Bemerkung nicht ein.»
«Achten Sie nicht auf meinen Freund, Miß Maylie», sagte Brownlow; «er
meint es doch nicht so.»
«Das tut er allerdings», brummte Grimwig vor sich hin.
«Nein, er tut es nicht», beharrte Brownlow, der offenbar immer
erzürnter wurde.
«Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht tut», beteuerte Grimwig.
«Er verdiente, ihn zu verlieren, wenn er es täte», entgegnete Brownlow.
«Und er möchte denjenigen sehen, der es zu versuchen wagte, ihm den
Kopf zu nehmen», erwiderte Grimwig, seinen Stock mit Heftigkeit gegen
den Fußboden stoßend.
Nachdem die alten Herren soweit gediehen waren, nahmen beide eine
Prise Schnupftabak und drückten darauf, gemäß ihrer unabänderlichen
Gewohnheit, einander die Hände.
«Und nun, Miß Maylie,» begann Brownlow, sich wieder zu Rose wendend,
«lassen Sie uns zu dem Gegenstande zurückkehren, an welchem Ihre
Menschenliebe einen so großen Anteil nimmt. Darf ich wissen, welche
Kunde Sie von dem armen Knaben besitzen? Erlauben Sie mir, Ihnen vorher
mitzuteilen, daß ich, um ihn ausfindig zu machen, alle mir zu Gebote
stehenden Mittel erschöpft habe, und daß seit meiner Reise außer Landes
meine erste Meinung, daß er mich belogen und durch seine ehemaligen
Genossen beredet gewesen, mich zu bestehlen, bedeutend erschüttert
worden ist.»
Rose, welcher diese Rede Zeit gelassen hatte, ihre Gedanken zu sammeln,
berichtete nun Brownlow alles, was sich mit Oliver zugetragen, seit er
das Haus desselben verlassen, und verschwieg ihm einstweilen nur Nancys
unter vier Augen ihm anzuvertrauende Mitteilungen. Sie schloß mit
der Versicherung, daß der einzige Kummer, den der Knabe seit einigen
Monaten empfunden, dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er seinen
ehemaligen Wohltäter und Freund nirgends habe finden können.
«Gott sei Dank!» rief der alte Herr. «Diese Nachricht macht mich
glücklich, sehr glücklich. Doch Sie haben mir nicht gesagt, wo er sich
gegenwärtig befindet, Miß Maylie. Verzeihen Sie mir -- doch weshalb
haben Sie ihn nicht mitgebracht?»
«Er wartet im Wagen vor der Tür», erwiderte Rose.
«Vor meiner Tür?» rief der alte Herr freudig überrascht aus, eilte,
ohne ein Wort zu sagen, hinaus, die Treppe hinunter, sprang auf den
Wagentritt und in den Wagen hinein.
Sobald er fort war, hob Grimwig den Kopf empor, balancierte seinen
Stuhl auf einem Hinterbeine und beschrieb, ohne aufzustehen und mit
Hilfe seines Stockes und des Tisches, drei ganze Kreise. Nachdem er die
Evolution glücklich ausgeführt hatte, sprang er auf und humpelte nach
besten Kräften zum wenigsten ein dutzendmal im Zimmer auf und ab, blieb
plötzlich vor Rose stehen und küßte sie ohne alle weitere Einleitung.
«Pst!» sagte er, als Rose, über dieses ungewöhnliche Verfahren ein
wenig erschreckt, aufstand; «seien Sie ohne Furcht. Ich bin alt genug,
um Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein wackeres, ein sehr gutes
Mädchen -- ich habe Sie lieb. Da kommen sie!»
Bei diesen Worten warf er sich mit einer geschickten Wendung auf seinen
Sitz, und in demselben Augenblick trat Brownlow mit Oliver herein, den
Grimwig sehr gnädig begrüßte. Ach, wenn die Freude dieses Augenblicks
Roses einzige Belohnung gewesen wäre für alle ihre Sorge und Angst um
Oliver, sie würde sich hinlänglich belohnt gefühlt haben.
«Es ist aber noch jemand, den wir nicht vergessen dürfen», sagte
Brownlow, nach der Klingelschnur greifend.
«Sage Mrs. Bedwin, sie möchte einmal heraufkommen», befahl er dem
hereintretenden Diener.
Die bejahrte Haushälterin erschien sogleich, machte ihren Knicks und
blieb, des Befehls des Herrn gewärtig, an der Tür stehen.
«Mein Gott, Sie werden ja alle Tage blinder», sagte Brownlow ein wenig
verdrießlich.
«Mag wohl sein, Sir», erwiderte die gute Alte. «In meinen Jahren
pflegen die Augen nicht schärfer zu werden, Sir.»
«Das hätte ich Ihnen auch sagen können», entgegnete Brownlow. «Doch
setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst
entdecken können, weshalb ich Sie habe heraufkommen lassen.»
Die alte Frau begann sogleich in ihren Taschen zu wühlen; aber Olivers
Geduld hielt die Probe nicht aus, er überließ sich dem Drange seiner
Gefühle und warf sich in ihre Arme.
«Gott sei mir gnädig! -- es ist mein unschuldiger Knabe!» rief sie aus,
indem sie ihn zärtlich in die Arme drückte.
«Meine liebe alte Pflegemutter!» rief Oliver.
«Gott, ich wußte es wohl, daß er zurückkehren würde! Wie gesund und
blühend er aussieht, und er ist obendrein wie 'nes Edelmannes Sohn
gekleidet! Wo bist du so lange, so lange gewesen! Ach! es ist dasselbe
süße Gesichtchen, aber nicht so blaß; dasselbe sanfte Auge, aber nicht
so trübe. Sie sind mir gar nicht aus dem Sinn gekommen und ihr stilles
Lächeln auch nicht; ich habe sie Tag für Tag neben meinen lieben
Kindern gesehen, die, seit ich ein glückliches junges Weib war, tot und
dahingegangen sind.»
Sich so ihrer Redseligkeit überlassend und Oliver bald von sich
haltend, um ihn genauer ansehen zu können, und ihn bald zärtlich an die
Brust drückend und ihm die Locken aus dem Gesichte streichend, weinte
und lachte die gute alte Seele in einem Atem.
Brownlow überließ beide dem Austausch ihrer Gefühle und führte Rose
in ein anderes Zimmer, wo sie ihm einen ausführlichen Bericht über
die Unterredung mit Nancy erstattete, die ihn nicht wenig überraschte
und in Verwirrung und Unruhe setzte. Rose teilte ihm auch ihre Gründe
mit, weshalb sie nicht ihren Freund Losberne zunächst zum Vertrauten
gemacht hätte. Der alte Herr äußerte, sie habe daran sehr klug getan,
und erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor selbst in Beratung zu
treten. Um ihm hierzu eine baldige Gelegenheit zu verschaffen, wurde
verabredet, daß er noch an demselben Abend in der Villa vorsprechen
und daß mittlerweile Mrs. Maylie von allem, was vorgefallen war,
vorsichtig in Kenntnis gesetzt werden sollte. Sobald diese vorläufigen
Bestimmungen getroffen waren, kehrten Rose und Oliver wieder nach Hause
zurück.
Rose hatte das Maß der Entrüstung des trefflichen Doktors keineswegs
überschätzt; denn kaum war ihm Nancys Erzählung mitgeteilt worden,
als er seinen Zorn in einem Strome von Verwünschungen und Drohungen
ergoß, sie zum ersten Schlachtopfer des vereinten Scharfsinnes
der Herrn Blathers und Duff zu machen gelobte und sogar den Hut
aufsetzte, in der Absicht, fortzueilen und den Beistand der genannten
Ehrenmänner in Anspruch zu nehmen. Und er würde im ersten Losstürmen
sein Vorhaben, ohne die Folgen des allergeringsten Nachdenkens zu
würdigen, ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn er nicht zurückgehalten
worden wäre, teils durch das ebenso große Ungestüm Brownlows, der
selbst ein reizbares Temperament besaß, und teils durch die Gründe und
Gegenvorstellungen, die man für die zweckdienlichsten erachtete, ihn
von seinem unbesonnenen Verfahren zurückzubringen.
«Was ist aber zum Geier zu tun?» sagte der hitzige Doktor, als sie in
das Zimmer zu den beiden Damen getreten waren. «Wir sollen doch nicht
all das männliche und weibliche Gesindel unseres Dankes versichern und
es bitten, hundert oder ein paar hundert Pfund als ein geringes Zeichen
unserer Achtung und als einen kleinen Beweis unserer Erkenntlichkeit
für ihre Güte gegen Oliver anzunehmen?»
«Das eben nicht», erwiderte Brownlow mit Lachen; «allein wir müssen
besonnen und mit großer Vorsicht handeln.»
«Besonnen und vorsichtig!» rief der Doktor aus. «Ich würde die Halunken
samt und sonders zum --»
«Es ist einerlei, zu wem Sie sie schicken würden», unterbrach ihn
Brownlow. «Doch fragen Sie sich selbst, ob wir, wir mögen sie schicken,
wohin wir wollen, eine Hoffnung haben, dadurch zum Ziele zu gelangen.»
«Zu welchem Ziele?» fragte der Doktor.
«Dem einfachen Ziele, zu erforschen, wer Olivers Eltern gewesen sind,
und ihm seine Erbschaft wieder zuzuwenden, um welche er, sofern alle
vorliegenden Angaben begründet sind, schändlich betrogen worden ist.»
«Ah!» sagte Losberne, sich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehend, «das
hätte ich bald vergessen.»
«Sie begreifen also», fuhr Brownlow fort. «Was würden wir denn Gutes
stiften, wenn wir, angenommen, es wäre ausführbar, ohne die Sicherheit
des armen Mädchens zu gefährden, die Bösewichter dem Arme der
Gerechtigkeit überlieferten?»
«Das Gute, daß einige von ihnen baumelten und die übrigen deportiert
würden», meinte der Doktor.
«Sehr wohl», erwiderte Brownlow lächelnd; «allein sie werden dafür
seinerzeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen
vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quichotterie
begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist,
gerade zuwiderhandeln.»
«Wieso denn?» fragte der Doktor.
«Ist es nicht klar genug,» erwiderte Brownlow, «daß es uns äußerst
schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir
nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur
durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben
nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß
er aufgegriffen würde -- wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat
(soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an
keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht
freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß
er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als
Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer
so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten,
wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.»
«Ich frage Sie abermals,» sagte der Doktor heftig, «ob Sie das dem
Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten --
ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben
ist, aber wirklich --»
«Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges
Fräulein», sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; «das Versprechen soll
gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unseren Schritten auch
nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte
Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können,
müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie
uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu
werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu
beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder
wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag
abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß
wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver
geheimhalten.»
Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig
zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im
Augenblick keinen besseren Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs.
Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich
allerseits gebilligt.
«Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch»,
sagte Brownlow. «Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr
viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist
Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber,
daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde,
dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine
Empfehlung ist oder nicht.»
«Ich habe nichts dawider, daß Sie Ihren Freund zuziehen, wenn ich auch
den meinigen zuziehen darf,» sagte Losberne und erwiderte auf Brownlows
Frage, wer derselbe wäre: «Der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses -- sehr
alter Freund.»
Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung
gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch
jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry
Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.
«Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,» sagte Mrs. Maylie, «wie
noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen
mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr
interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern
hierbleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen
können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.»
«Gut», versetzte Brownlow; «und da ich auf Ihren Gesichtern lese, daß
Sie mich fragen wollen, wie es zugegangen ist, daß ich nicht zur Stelle
war, Olivers Erzählung zu bestätigen, und daß ich das Land so plötzlich
verlassen, so erlauben Sie mir, die Forderung zu stellen, daß mir nicht
eher Fragen vorgelegt werden, als bis ich es für geeignet erachte,
denselben durch meine Geschichte zuvorzukommen. Glauben Sie mir, meine
Forderung hat ihren guten Grund; denn wenn ich von ihr abginge, könnte
ich vielleicht Hoffnungen erwecken, welche nie verwirklicht würden und
nur alle schon hinlänglich zahlreichen Schwierigkeiten und Täuschungen
noch vermehrten. -- Meine Herrschaften, wir sind zum Abendessen
gerufen, und Oliver, der einsam im anstoßenden Zimmer weilt, wird am
Ende glauben, daß wir seiner müde geworden wären und einen finsteren
Anschlag ausdächten, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.»
Mit diesen Worten reichte der alte Herr Mrs. Maylie die Hand und führte
sie in das Speisezimmer; Losberne folgte mit Rose, und die Beratung
hatte damit ein Ende.