40. Kapitel.

Eine seltsame Zusammenkunft, die eine Folge von den im vorigen

Kapitel erzählten Ereignissen ist.

Nancy hatte ihr ganzes Leben in den Straßen und den ekelhaftesten

Höhlen des Lasters der Hauptstadt zugebracht, dabei aber immer noch

sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt; und als sie die

leichten, der Tür sich nähernden Schritte vernahm und des weiten

Abstandes der Personen gedachte, die das Gemach im nächsten Augenblick

einschließen würde, fühlte sie sich durch die Last ihrer tiefen Schmach

gänzlich zu Boden gedrückt und fuhr in sich zusammen, wie wenn sie

die Gegenwart der Dame kaum zu ertragen vermöchte, bei welcher sie

vorgelassen zu werden gebeten hatte.

Allein gegen die besseren Gefühle kämpfte der Stolz an -- die Sünde

der Niedrigsten und Verworfensten wie der Höchststehenden und im

Guten befestigt sich Dünkenden. Die elende Genossin von Dieben und

Bösewichtern aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten

Schlupfwinkel, die Genossin der Auswürflinge der Gefängnisse und der

Galeeren, die selbst im Galgenbereiche Lebende -- selbst diese mit

Schmach und Schande Beladene empfand zu viel Stolz, um auch nur einen

schwachen Schimmer des weiblichen Gefühls zu verraten, welches ihr als

Schwäche erschien, während es noch das einzige Band war zwischen ihr

und der besseren Menschheit, deren äußere Spuren und Kennzeichen alle

ihr wüstes Leben bei ihr vertilgt hatte.

Sie erhob die Augen zur Genüge, um zu gewahren, daß die Gestalt, welche

jetzt erschien, die eines zartgebauten, holden Mädchens war; sie senkte

die Blicke nieder und sagte, den Kopf mit angenommener Gleichgültigkeit

emporwerfend: «Es hat schwer gehalten, zu Ihnen gelassen zu werden,

Lady. Wär' ich empfindlich gewesen und fortgegangen, wie es viele getan

haben würden, Sie möchten es dereinst bereut haben, und nicht ohne

Grund.»

«Es tut mir leid, wenn man Sie unartig behandelt hat», erwiderte Rose.

«Denken Sie nicht mehr daran und sagen Sie mir, weshalb Sie mich zu

sprechen wünschen.»

Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende

Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie gar keinen Hochmut,

kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen

Tränenstrom ausbrach.

«O Lady, Lady!» rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich

ringend, «wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger

meinesgleichen sein -- gewiß -- gewiß!»

«Setzen Sie sich», sagte Rose; «Ihre Worte gehen mir in der Tat an das

Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde

ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen --

glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.»

«Lassen Sie mich nur stehen, Lady,» sagte das Mädchen, noch immer

Tränen vergießend, «und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie

mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist -- ist -- jene Tür

verschlossen?»

«Ja», erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im

Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. «Weshalb aber?»

«Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre

Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin,

dem alten Juden, an jenem Abend wieder zurückschleppte, als er das Haus

in Pentonville verließ.»

«Sie!» sagte Rose Maylie.

«Ja, ich, Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel

gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! solange

ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte,

als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur

immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach

meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die

ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die

dichtgedrängten Straßen gehe.»

«Wie schrecklich!» sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch

weiter entfernend.

«Danken Sie auf Ihren Knien dem Himmel, geehrte Lady,» rief die

Unglückliche aus, «daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend

bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals wie ich seit der frühesten

Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit und -- und

von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen

sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine

Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.»

«Ich bemitleide Sie!» sagte Rose mit bebender Stimme. «Es ist ja

herzzerreißend, Sie anzuhören.»

«Gottes Segen über Sie und Ihre Güte!» erwiderte das Mädchen. «Wenn

Sie wüßten, wie es mir bisweilen zumute ist, Sie würden mich bedauern,

glauben Sie mir. Doch ich habe mich fortgeschlichen von Leuten, die

mich sicherlich ermorden würden, wüßten sie, daß ich hier gewesen

bin, um Sie von Dingen, die ich ihnen abgehorcht habe, in Kenntnis zu

setzen. Ist Ihnen ein Mensch namens Monks bekannt?» Rose verneinte.

«Er kennt Sie», fuhr das Mädchen fort, «und wußte, daß Sie hier

wohnten, denn nur dadurch, daß er es einem anderen sagte, ward es mir

möglich, Sie aufzufinden.»

«Ich habe den Namen niemals nennen hören», sagte Rose.

«Nun, so führt er unter uns einen anderen, was ich wohl schon früher

vermutet habe. Vor einiger Zeit und bald nachdem Oliver in der Nacht

des beabsichtigten Raubes in Ihr Haus gehoben wurde, behorchte ich

diesen Menschen, auf welchen ich Verdacht geworfen, als er mit Fagin

eine Unterredung hatte. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß Monks --

der Mann, nach welchem ich Sie vorhin fragte --»

«Wohl, ich verstehe schon», sagte Rose.

«Daß Monks den Knaben an eben dem Tage, als wir ihn verloren, mit zwei

von unseren Knaben zufällig erblickte und sogleich in ihm das Kind

erkannt hatte, welchem er auflauerte, wiewohl ich mir nicht erklären

konnte, weshalb. Er wurde mit Fagin darüber einig, daß der Jude,

falls Oliver wieder zurückgebracht würde, eine gewisse Summe und noch

mehr erhalten solle, wenn er einen Dieb aus ihm machte, was Monks zu

irgendeinem Zweck wünschte.»

«Zu welchem Zwecke?» fragte Rose.

«Als ich horchte, um es zu erlauschen, erblickte er meinen Schatten an

der Wand,» fuhr das Mädchen fort, «und es gibt außer mir nicht sehr

viele Menschen, die, um der Entdeckung zu entgehen, zeitig genug sich

aus dem Hause gefunden hätten. Mir gelang es indes, und ich sah ihn

erst am gestrigen Abende wieder.»

«Und was trug sich da zu?»

«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie

gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so

ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals

an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese:

>So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf

dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter

erhielt, verfault in ihrem Sarge.< Sie lachten und sprachen von der

glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von

dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen

Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf

andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das

prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen,

daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn

dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin

leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem

Vorteile benutzt haben würde.»

«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.

«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte

das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr

gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen

müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen

eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das

Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch

überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und

Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug

zufügen. >Kurzum, Fagin,< sagte er, >Jude, der du bist, du hast noch

nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders

legen werde.<»

«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.

«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie

es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte

ihr beständig vor der Seele.

«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte

er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver

in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge

ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund

würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr

zweibeiniger Schoßhund wäre.»

«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war»,

sagte Rose erblassend.

«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen

Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und

auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist.

Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle

lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören.

Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht

den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier

gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»

«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne

Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können

Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen

Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn,

welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so

können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht

werden.»

«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß

zurückkehren, weil -- ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame,

wie Sie sind, über solche Dinge reden? -- weil unter den Männern, von

welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste

von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein -- und wenn ich auch

dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte,

das ich jetzt führe!»

«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben;

daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie

gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer

Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles

berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg

gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die

Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort,

«hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts,

der ersten -- gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids

und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie

auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein

erretten!»

«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure,

engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte,

wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen,

so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen

können; doch es ist zu spät -- zu spät.»

«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.

«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze

Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen -- ich

vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»

«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.

«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen

erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung

veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von

allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»

«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe

jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die

Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»

«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur,

daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die

ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es

der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe,

weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten

Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch

dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch

seine Hand sterben müßte.»

«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht

fortlassen.»

«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein

Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und

Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»

«Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?» beharrte Rose. «Dies Geheimnis

muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu

dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir

anvertraut haben?»

«Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es

mitteilen können, und der Ihnen Rat erteilen wird», erwiderte Nancy.

«Doch, wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?» fragte Rose.

«Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein,

wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?»

«Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt

werden soll, und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen,

dem Sie es anvertrauen wollen, und daß man mir weder auflauere noch

nachfolge?»

«Ich verspreche es feierlichst», erwiderte Rose.

«Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn

ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf und nieder gehen»,

verhieß Nancy unbedenklich.

«Warten Sie noch einen Augenblick», sagte Rose, Nancy, die schon nach

der Tür eilte, zurückhaltend. «Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und

die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen.

Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen

Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene Ansprüche

auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem

schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten

kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen

und der Gottlosigkeit und dem Elend preiszugeben vermag? Ach, befindet

sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte

-- regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen

könnte?»

«Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre

Herzen verschenken,» versetzte das Mädchen mit fester Stimme, «so

macht die Liebe sie zu allem fähig -- selbst Ihresgleichen, die Sie

eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben,

was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen wie ich, die wir kein Dach

als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die

Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes

Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den

Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde, oder die unser

ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist:

wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady -- bemitleiden

Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist, und daß

dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost

und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und

Mißhandlungen wird.»

«Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,» sagte Rose nach

einer Pause, «die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben

-- wenigstens bis wir uns wiedersehen?»

«Keinen Heller», erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.

«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen

Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich

wünsche Ihnen nützlich zu sein.»

«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem

Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn

der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein

schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es

würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt

habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel

Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen

habe!»

Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die

Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete

Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit

ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre

verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.

Oliver Twist(#56586) · 第 48 / 67 题