Eine seltsame Zusammenkunft, die eine Folge von den im vorigen
Kapitel erzählten Ereignissen ist.
Nancy hatte ihr ganzes Leben in den Straßen und den ekelhaftesten
Höhlen des Lasters der Hauptstadt zugebracht, dabei aber immer noch
sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt; und als sie die
leichten, der Tür sich nähernden Schritte vernahm und des weiten
Abstandes der Personen gedachte, die das Gemach im nächsten Augenblick
einschließen würde, fühlte sie sich durch die Last ihrer tiefen Schmach
gänzlich zu Boden gedrückt und fuhr in sich zusammen, wie wenn sie
die Gegenwart der Dame kaum zu ertragen vermöchte, bei welcher sie
vorgelassen zu werden gebeten hatte.
Allein gegen die besseren Gefühle kämpfte der Stolz an -- die Sünde
der Niedrigsten und Verworfensten wie der Höchststehenden und im
Guten befestigt sich Dünkenden. Die elende Genossin von Dieben und
Bösewichtern aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten
Schlupfwinkel, die Genossin der Auswürflinge der Gefängnisse und der
Galeeren, die selbst im Galgenbereiche Lebende -- selbst diese mit
Schmach und Schande Beladene empfand zu viel Stolz, um auch nur einen
schwachen Schimmer des weiblichen Gefühls zu verraten, welches ihr als
Schwäche erschien, während es noch das einzige Band war zwischen ihr
und der besseren Menschheit, deren äußere Spuren und Kennzeichen alle
ihr wüstes Leben bei ihr vertilgt hatte.
Sie erhob die Augen zur Genüge, um zu gewahren, daß die Gestalt, welche
jetzt erschien, die eines zartgebauten, holden Mädchens war; sie senkte
die Blicke nieder und sagte, den Kopf mit angenommener Gleichgültigkeit
emporwerfend: «Es hat schwer gehalten, zu Ihnen gelassen zu werden,
Lady. Wär' ich empfindlich gewesen und fortgegangen, wie es viele getan
haben würden, Sie möchten es dereinst bereut haben, und nicht ohne
Grund.»
«Es tut mir leid, wenn man Sie unartig behandelt hat», erwiderte Rose.
«Denken Sie nicht mehr daran und sagen Sie mir, weshalb Sie mich zu
sprechen wünschen.»
Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende
Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie gar keinen Hochmut,
kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen
Tränenstrom ausbrach.
«O Lady, Lady!» rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich
ringend, «wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger
meinesgleichen sein -- gewiß -- gewiß!»
«Setzen Sie sich», sagte Rose; «Ihre Worte gehen mir in der Tat an das
Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde
ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen --
glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.»
«Lassen Sie mich nur stehen, Lady,» sagte das Mädchen, noch immer
Tränen vergießend, «und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie
mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist -- ist -- jene Tür
verschlossen?»
«Ja», erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im
Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. «Weshalb aber?»
«Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre
Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin,
dem alten Juden, an jenem Abend wieder zurückschleppte, als er das Haus
in Pentonville verließ.»
«Sie!» sagte Rose Maylie.
«Ja, ich, Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel
gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! solange
ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte,
als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur
immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach
meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die
ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die
dichtgedrängten Straßen gehe.»
«Wie schrecklich!» sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch
weiter entfernend.
«Danken Sie auf Ihren Knien dem Himmel, geehrte Lady,» rief die
Unglückliche aus, «daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend
bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals wie ich seit der frühesten
Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit und -- und
von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen
sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine
Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.»
«Ich bemitleide Sie!» sagte Rose mit bebender Stimme. «Es ist ja
herzzerreißend, Sie anzuhören.»
«Gottes Segen über Sie und Ihre Güte!» erwiderte das Mädchen. «Wenn
Sie wüßten, wie es mir bisweilen zumute ist, Sie würden mich bedauern,
glauben Sie mir. Doch ich habe mich fortgeschlichen von Leuten, die
mich sicherlich ermorden würden, wüßten sie, daß ich hier gewesen
bin, um Sie von Dingen, die ich ihnen abgehorcht habe, in Kenntnis zu
setzen. Ist Ihnen ein Mensch namens Monks bekannt?» Rose verneinte.
«Er kennt Sie», fuhr das Mädchen fort, «und wußte, daß Sie hier
wohnten, denn nur dadurch, daß er es einem anderen sagte, ward es mir
möglich, Sie aufzufinden.»
«Ich habe den Namen niemals nennen hören», sagte Rose.
«Nun, so führt er unter uns einen anderen, was ich wohl schon früher
vermutet habe. Vor einiger Zeit und bald nachdem Oliver in der Nacht
des beabsichtigten Raubes in Ihr Haus gehoben wurde, behorchte ich
diesen Menschen, auf welchen ich Verdacht geworfen, als er mit Fagin
eine Unterredung hatte. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß Monks --
der Mann, nach welchem ich Sie vorhin fragte --»
«Wohl, ich verstehe schon», sagte Rose.
«Daß Monks den Knaben an eben dem Tage, als wir ihn verloren, mit zwei
von unseren Knaben zufällig erblickte und sogleich in ihm das Kind
erkannt hatte, welchem er auflauerte, wiewohl ich mir nicht erklären
konnte, weshalb. Er wurde mit Fagin darüber einig, daß der Jude,
falls Oliver wieder zurückgebracht würde, eine gewisse Summe und noch
mehr erhalten solle, wenn er einen Dieb aus ihm machte, was Monks zu
irgendeinem Zweck wünschte.»
«Zu welchem Zwecke?» fragte Rose.
«Als ich horchte, um es zu erlauschen, erblickte er meinen Schatten an
der Wand,» fuhr das Mädchen fort, «und es gibt außer mir nicht sehr
viele Menschen, die, um der Entdeckung zu entgehen, zeitig genug sich
aus dem Hause gefunden hätten. Mir gelang es indes, und ich sah ihn
erst am gestrigen Abende wieder.»
«Und was trug sich da zu?»
«Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie
gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so
ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte, und horchte abermals
an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese:
>So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf
dem Grunde des Stromes, und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter
erhielt, verfault in ihrem Sarge.< Sie lachten und sprachen von der
glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von
dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen
Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf
andere Art erlangt haben; denn welch eine Lust würde es sein, das
prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen,
daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn
dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin
leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem
Vorteile benutzt haben würde.»
«Was ist das alles?» rief Rose entsetzt aus.
«Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt», versetzte
das Mädchen. «Dann sagte er unter Verwünschungen, die für mein Ohr
gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen
müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen
eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das
Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch
überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und
Lebensgeschichte des Knaben zunutze machte, ihm dennoch Schaden genug
zufügen. >Kurzum, Fagin,< sagte er, >Jude, der du bist, du hast noch
nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders
legen werde.<»
«Sein Bruder!» rief Rose bestürzt.
«Das waren seine Worte», sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie
es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte
ihr beständig vor der Seele.
«Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte
er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver
in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge
ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund
würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr
zweibeiniger Schoßhund wäre.»
«Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war»,
sagte Rose erblassend.
«Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen
Augenblicken», erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; «und
auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist.
Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle
lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören.
Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht
den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier
gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.»
«Doch, was kann ich tun?» fragte Rose. «Welchen Nutzen kann ich ohne
Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können
Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen
Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn,
welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so
können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht
werden.»
«Ich wünsche aber zurückzukehren», versetzte das Mädchen. «Ich muß
zurückkehren, weil -- ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame,
wie Sie sind, über solche Dinge reden? -- weil unter den Männern, von
welchen ich Ihnen erzählt habe, sich einer befindet, der Schrecklichste
von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein -- und wenn ich auch
dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte,
das ich jetzt führe!»
«Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben;
daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie
gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer
Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles
berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg
gebracht werden können. Oh», fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die
Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort,
«hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts,
der ersten -- gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids
und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie
auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein
erretten!»
«Lady,» versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, «teure,
engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte,
wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen,
so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen
können; doch es ist zu spät -- zu spät.»
«Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät», entgegnete Rose.
«Es ist dennoch zu spät!» rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze
Seelenqual verriet. «Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen -- ich
vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.»
«Und weshalb sollten Sie es?» fragte Rose.
«Nichts könnte ihn retten», jammerte das Mädchen. «Wenn ich anderen
erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung
veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von
allen, und hat so entsetzliche Dinge begangen!»
«Ist es möglich,» rief Rose, «daß Sie einem solchen Menschen zuliebe
jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die
Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.»
«Ich weiß nicht, was es ist,» versetzte das Mädchen, «ich weiß nur,
daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die
ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es
der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe,
weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten
Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch
dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch
seine Hand sterben müßte.»
«Was soll ich tun?» fragte Rose. «Ich müßte Sie eigentlich nicht
fortlassen.»
«Ja, ja, Lady, Sie werden es», entgegnete das Mädchen. «Sie werden mein
Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und
Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgerungen habe.»
«Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?» beharrte Rose. «Dies Geheimnis
muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu
dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir
anvertraut haben?»
«Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es
mitteilen können, und der Ihnen Rat erteilen wird», erwiderte Nancy.
«Doch, wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?» fragte Rose.
«Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein,
wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?»
«Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt
werden soll, und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen,
dem Sie es anvertrauen wollen, und daß man mir weder auflauere noch
nachfolge?»
«Ich verspreche es feierlichst», erwiderte Rose.
«Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn
ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf und nieder gehen»,
verhieß Nancy unbedenklich.
«Warten Sie noch einen Augenblick», sagte Rose, Nancy, die schon nach
der Tür eilte, zurückhaltend. «Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und
die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen.
Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen
Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene Ansprüche
auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem
schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten
kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen
und der Gottlosigkeit und dem Elend preiszugeben vermag? Ach, befindet
sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte
-- regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen
könnte?»
«Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre
Herzen verschenken,» versetzte das Mädchen mit fester Stimme, «so
macht die Liebe sie zu allem fähig -- selbst Ihresgleichen, die Sie
eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben,
was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen wie ich, die wir kein Dach
als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die
Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes
Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den
Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde, oder die unser
ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist:
wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady -- bemitleiden
Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist, und daß
dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost
und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und
Mißhandlungen wird.»
«Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,» sagte Rose nach
einer Pause, «die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben
-- wenigstens bis wir uns wiedersehen?»
«Keinen Heller», erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.
«Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen
Beistand zu leisten», sagte Rose, ihr näher tretend. «Gewiß, ich
wünsche Ihnen nützlich zu sein.»
«Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem
Male das Leben nehmen könnten», versetzte Nancy händeringend; «denn
der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein
schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es
würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt
habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel
Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen
habe!»
Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die
Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete
Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume als der Wirklichkeit
ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre
verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.