39. Kapitel.

In welchem alte Bekannte auftreten und Fagin und Monks die Köpfe

zusammenstecken.

An dem Abende, der auf die im vorigen Kapitel erzählte Unterredung der

drei wackeren Leute folgte, erwachte Sikes aus seinem Schlummer und

fragte schlaftrunken, welche Zeit es wäre. Das Zimmer, in welchem er

sich befand, war keins von denen, die er vor der Chertseyer Expedition

bewohnt hatte, obgleich es sich in einem Hause nicht weit von seiner

früheren Wohnung befand. Es war allem Anschein ein weit schlechteres

Gemach und erhielt nur durch ein einziges Dachfenster Licht, das auf

eine enge und schmutzige Gasse hinausging. Auch fehlte es nicht an

mannigfachen anderen Anzeichen, daß Mr. Sikes zur äußersten Dürftigkeit

herabgesunken war, was auch durch sein bleiches und abgemagertes

Aussehen bestätigt wurde.

Der Einbrecher lag auf seinem Bett, in einen großen weißen Mantel

gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine leichenhafte Blässe und

einen mindestens eine Woche alten, stachligen, schwarzen Bart nichts

weniger als verschönt war. Sein Hund saß neben dem Bett, bald seinen

Herrn mit ernsten Augen anblickend, bald die Ohren spitzend und ein

dumpfes Knurren ausstoßend, sobald ein Geräusch auf der Straße oder in

dem unteren Teile des Hauses seine Aufmerksamkeit erregte.

An dem Fenster mit Ausbesserung eines dem Einbrecher gehörenden alten

Kleidungsstückes beschäftigt, saß Nancy, welche gleichfalls so blaß und

erschöpft von Hunger und Wachen aussah, daß man sie kaum anders als

an der Stimme erkannt haben würde, als sie Sikes' Frage beantwortete.

«Noch nicht lange sieben vorüber», sagte sie. «Wie befindet Ihr Euch

heute abend, Bill?»

«So schwach wie Wasser», erwiderte er mit einem seiner gewöhnlichen

Flüche. «Komm her, reich' mir die Hand und hilf mir von dem verdammten

Bette.»

Sikes' Laune war durch seine Krankheit nicht freundlicher geworden,

denn während ihn Nancy emporhob und nach einem Stuhle leitete, murmelte

er Flüche über ihr Ungeschick und schlug sie.

«Plärrst du?» sagte er. «Laß das Winseln bleiben! Wenn du nichts

Besseres weißt, so troll' dich lieber. Hörst du?»

«Freilich hör' ich», antwortete das Mädchen, das Gesicht abwendend und

sich zu einem Lachen zwingend. «Was fällt Euch denn jetzt wieder ein,

Bill?»

«Hast dich 'nes Bessern besonnen?» sagte Sikes finster, die in ihrem

Auge zitternde Träne gewahrend. «Um so besser für dich.»

«Oh, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill»,

versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.

«Warum nicht?» fuhr er sie an.

«Wie viele, viele Nächte,» sagte sie mit einer Regung von

Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse

Weichheit gab, -- «wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch

gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen

wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben

tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein

Wort -- sagt nein.»

«Nun ja, ich hätt's nicht getan», sagte Sikes. «Aber Gott verdamm'

mich, die Dirne winselt schon wieder!»

«'s ist nichts», seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. «Kümmert

Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.»

«Was wird vorüber sein?» fragte Sikes zornig. «Was hast du jetzt wieder

für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit

deinen Weiberpossen zu Haus!»

Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem

sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein

Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die

Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen

Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine

Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte,

denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm

daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe,

als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.

«Was gibt es, mein Lieber?» fragte der Jude hereinblickend.

«Kannst der Dirne nicht beispringen?» rief ihm Sikes ungeduldig zu.

«Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!»

Fagin eilte mit einem Ausrufe der Verwunderung, Nancy Beistand zu

leisten, während Mr. John Dawkins (sonst genannt der gepfefferte

Baldowerer), der seinem ehrwürdigen Freunde in das Zimmer gefolgt

war, hastig ein Bündel niederlegte, Master Charley Bates, der dicht

hinter ihm war, eine Flasche aus der Hand riß, sie im Nu mit den Zähnen

entkorkte und der Patientin einige Tropfen daraus eingoß, jedoch erst,

nachdem er selbst gekostet, um einen etwaigen Irrtum zu verhüten.

«Blase ihr 'n Bissel frische Luft mit dem Blasebalge zu, Charley,»

sagte er, «und Ihr, Fagin, klapst ihr die Hände, während Bill ihr die

Kleider lockert.»

Da alle sehr eifrig waren, besonders Master Bates, dem seine Rolle

der köstlichste Spaß zu sein schien, so kam Nancy nach kurzer Zeit

allmählich wieder zu sich selbst, wankte nach einem Stuhle am Bett,

verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Sikes, ohne alle

Einmischung von ihrer Seite, den Neuangekommenen seine Meinung über sie

und ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.

«Welcher böse Wind hat Euch denn hierher geblasen?» fragte er Fagin.

«Gar kein böser Wind, mein Lieber,» antwortete der Jude; «denn ein

böser Wind bläst zu niemandem Gutes, und ich habe mitgebracht etwas

Gutes, das Ihr Euch werdet freuen zu schaun. Baldowerer, mein Lieber,

öffne das Bündel und gib Bill, wofür wir haben ausgegeben all unser

Geld.»

Der Gepfefferte band das Bündel auf, und Charley Bates leerte es unter

Lobsprüchen des Inhalts.

«Schaut nur, Bill,» sagte der junge Herr, «solch 'ne Kaninchenpastete,

von so zarten Tierchen, daß einem sogar die Knochen auf der Zunge

zerschmelzen; -- und hier den prächt'gen Tee -- und den Zucker -- und

das Brot -- und die frische Butter -- den Gloucesterkäs -- und vor

allen Dingen, was sagt Ihr hierzu?»

Er stellte bei diesen Worten eine wohlverkorkte Weinflasche auf

den Tisch, während Dawkins aus der Flasche, die er vorhin Charley

entrissen, dem Patienten ein Glas Branntwein einschenkte, das von

demselben sogleich auf einen Zug geleert wurde.

«Das wird Euch bekommen, wird Euch bekommen, Bill», sagte der Jude,

sich vergnügt die Hände reibend.

«Bekommen?» rief Sikes aus. «Ich hätte zwanzigmal umkommen können, eh'

du 'nen Finger für mich gerührt hättest. Was soll das bedeuten, du

falscher Schuft, daß du einen in 'nem solchen Zustande länger als drei

Wochen im Stich lässest?»

«Hört, Kinder, hört ihn nur!» sagte der Jude achselzuckend; «hört, was

er sagt, da wir kommen eben und ihm bringen alle die prächtigen Sachen.»

«Die Sachen sind in ihrer Art ganz gut», bemerkte Sikes, durch einen

Blick nach dem wohlbesetzten Tische ein wenig besänftigt; «aber womit

kannst du dich entschuldigen, daß du mich hier krank, ohne Geld und

entblößt von allem hast liegen lassen und dich die ganze Zeit nicht

mehr um mich bekümmert hast, als wenn ich nicht besser wär' wie der

Hund da?»

«Ich bin gewesen aus London, mein Lieber, länger als eine Woche»,

erwiderte der Jude.

«Und wo warst du die anderen vierzehn Tage,» fragte Sikes, «wo du mich

hast hier liegen lassen wie 'ne Ratt' in ihrem Loche?»

«Konnt's nicht ändern, Bill», antwortete Fagin; «kann mich nicht

einlassen auf die Gründe vor so vielen Ohren; aber, auf meine Ehre, ich

konnt's nicht ändern.»

«Worauf?» schnaubte ihn Sikes mit der äußersten Verachtung an. «Jungen,

schneid' mir einer von euch ein Stück Pastete ab, daß ich den Geschmack

von seiner Ehr' aus dem Munde los werde, oder ich ekle mich daran zu

Tode.»

«Seid nur nicht unwirsch, mein Lieber», erwiderte der Jude sehr

unterwürfig. «Ich hab' Euch vergessen nicht, Bill; niemals, Bill.»

«Oh, ich will selbst darauf schwören», fiel Sikes mit dem bittersten

Lächeln ein. «Du gehst deinen Geschäften nach, während ich hier im

Fieber liege. Ich hab' bald dies, bald das für dich tun müssen, solang

ich gesund und auf'n Beinen war, und hab's spottwohlfeil getan und bin

arm dabei geblieben und hätte sterben und verderben müssen, wär' die

Dirn' nicht gewesen.»

«Ganz recht, Bill,» sagte der Jude, Sikes' letzte Äußerung begierig

auffassend, «wär' nicht gewesen die Dirne! Wer aber hat sie erzogen als

der arme, alte Fagin, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?»

«Er hat ganz recht», rief Nancy aus, hastig näherkommend. «Laßt ihn

zufrieden.»

Nancys Erscheinen gab dem Gespräch eine andere Wendung, denn die Jungen

begannen auf einen Wink des schlauen alten Juden hin ihr Branntwein

einzuschenken, während Fagin mit Aufbietung all seines Witzes Sikes

endlich in eine bessere Laune brachte, indem er sich stellte, als

betrachtete er seine Drohungen als kleine, harmlose Scherze und

außerdem von Herzen über ein paar rohe Späße lachte, zu denen sich der

andere, nachdem er wiederholt der Branntweinflasche zugesprochen hatte,

herabließ.

«Das ist alles ganz gut,» sagte Sikes endlich, «aber ich muß heute

abend noch Geld von dir haben.»

«Ich habe nichts, habe gar nichts bei mir, Bill», wandte der Jude ein.

«Dann hast du desto mehr zu Hause,» sagte Sikes, «und ich muß darum was

haben.»

«Desto mehr!» rief Fagin, die Hände emporhebend, aus. «Ich habe nicht

soviel, um nur --»

«Ich weiß nicht, wieviel du hast,» unterbrach ihn Sikes, «und du magst

es selbst wohl nicht wissen, denn es wird 'ne gute Zeit dazu gehören,

es zu zählen; aber gleichviel, ich muß und muß noch heut' abend Geld

haben.»

«Nun gut, schon gut», entgegnete Fagin seufzend; «so will ich den

Baldowerer schicken.»

«Das sollst du bleiben lassen», sagte Sikes. «Der Gepfefferte ist ein

gut Teil zu gepfeffert und würd' das Herkommen vergessen oder sich

vom Wege verlieren oder die Schuker[AP] baldowerten ihn, so daß er

verhindert wär', oder was er sonst für Ausflüchte ersänne. Nancy soll

mitgehen und 's holen, und ich will mich unterdes hinlegen und dormen.»

[AP] Polizeidiener.

Nach vielem Markten und Feilschen kam endlich die Abrede zustande, daß

Sikes drei Pfund und vier Schillinge erhalten solle, worauf der Jude

mit seinen Zöglingen ging und Sikes sich niederlegte, um die Zeit bis

zu Nancys Rückkehr zu verschlafen. In der Wohnung des Juden saßen

Toby Crackit und Mr. Chitling beim fünfzehnten Spiele Cribbage, das

der letztere natürlich samt seinem fünfzehnten und letzten Sixpence

verlor. Mr. Crackit schien sich ein wenig zu schämen, mit einem jungen

Herrn sich eingelassen zu haben, der hinsichtlich seiner Stellung und

Geistesgaben so weit unter ihm war, gähnte, fragte nach Sikes und griff

zu seinem Hute.

«Niemand hier gewesen, Toby?» fragte der Jude.

«Kein lebendiges Bein», antwortete Mr. Crackit, an seinem Hemdkragen

zupfend. «Ihr müßtet eigentlich ein tüchtiges Stück Geld zahlen,

um mich dafür zu belohnen, daß ich Eu'r Haus solange gehütet. Gott

verdamm' mich, ich bin so dämlich wie ein Geschworener und wäre so

fest eingeschlafen wie in Newgate, wenn mich meine Gutmütigkeit nicht

bewogen hätte, mich mit dem jungen Menschen abzugeben. 's ist hier

schauderhaft langweilig gewesen.»

Er steckte bei diesen Worten seinen Gewinn mit einer Miene in die

Westentasche, als wenn es im Grunde tief unter seiner Würde wäre,

so kleine Münzen an sich zu nehmen, und entfernte sich mit seinem

gewöhnlichen renommistisch-gentilen Wesen. Tom Chitling sandte ihm

bewundernde Blicke nach und erklärte, daß er seinen Verlust um einer

solchen Bekanntschaft willen für nichts achte. Master Bates verspottete

ihn, worauf er Fagin zur Entscheidung aufforderte. Der Jude gab Dawkins

und Charley einen Wink und versicherte Tom, daß er ein sehr gescheiter

junger Mensch wäre.

«Und ist nicht Mr. Crackit eine grandige Sinze[AQ], Fagin?» fragte Tom.

[AQ] Großer Herr, Gentleman.

«Freilich, freilich, mein Lieber.»

«Und ist's einem nicht 'ne Ehre, mit ihm Bekanntschaft zu haben?»

«Allerdings, mein Lieber. Die beiden sind nur eifersüchtig, weil er sie

nicht gönnt ihnen.»

«Seht ihr wohl?» rief Tom triumphierend. «Er hat mich ausgezogen, ich

kann aber hingehen und wieder was verdienen und noch mehr, sobald ich

nur will -- nicht wahr, Fagin?»

«Ja, ja, Tom,» erwiderte der Jude, «und je eher es geschieht, desto

besser. Also verloren mehr keine Zeit! Baldowerer, Charley, 's ist Zeit

für euch, auszugehen auf Massematten[AR] -- 's ist schon fast zehn und

noch nichts geschafft.»

[AR] Geschäft, Unternehmen.

Der Baldowerer und Charley sagten Nancy gute Nacht und entfernten sich

unter mannigfachen Witzen auf Tom Chitlings Kosten, dessen Benehmen

jedoch ganz und gar nicht besonders auffällig oder ungewöhnlich gewesen

war; denn wie viele vortrefflich junge Gentlemen gibt es nicht, die

einen noch weit höheren Preis bezahlen als er, um in guter Gesellschaft

gesehen zu werden; und wie groß ist die Anzahl der die besagte gute

Gesellschaft bildenden feinen und vornehmen Herren, die ihren Ruf so

ziemlich auf dieselbe Weise begründen, wie der elegante Toby Crackit!

«Nun will ich dir holen das Geld, Nancy», sagte der Jude, als sie

fort waren. «Das ist nur der Schlüssel zu einem kleinen Schranke, wo

ich aufbewahre allerhand Schnurrpfeifereien, welche gebracht haben

die Jungens. Ich verschließe nie mein Geld, weil ich keins habe zu

verschließen. Das Geschäft geht schlecht, Nancy, und ich habe keinen

Dank davon, aber ich freue mich, das junge Volk zu sehen um mich --

pst!» unterbrach er sich, den Schlüssel hastig wegsteckend, «was war

das? -- horch!»

Nancy saß mit untergeschlagenen Armen am Tisch, und es schien ihr

vollkommen gleichgültig zu sein, ob jemand käme oder ginge und wer das

wäre, bis das Gemurmel einer Männerstimme ihr Ohr traf. Sobald sie die

Laute vernahm, legte sie mit Blitzesschnelle ihren Hut und Schal ab und

warf beides unter den Tisch. Gleich darauf drehte der Jude sich um, und

sie klagte mit matter Stimme, deren Ton gar sehr gegen ihre eben erst

bewiesene, von Fagin jedoch nicht bemerkte Hast und Heftigkeit abstach,

über Hitze.

«'s ist der Mann, den ich erwartete», sagte der Jude flüsternd und

offenbar verdrießlich über die Unterbrechung. «Er kommt jetzt herunter

die Treppe. Kein Wort von dem Gelde, Kind, in seiner Gegenwart. Er

bleibt nicht lange hier -- keine zehn Minuten, liebes Kind.» Er hielt

den knöchernen Zeigefinger auf die Lippen, ging mit dem Licht nach

der Tür und legte in dem Augenblick die Hand auf den Griff, als der

Besucher hastig eintrat. -- Es war Monks.

«Nur eine von meinen jungen Schülerinnen», sagte Fagin, als Monks, eine

Unbekannte erblickend, zurücktrat.

Nancy sah gleichgültig nach Monks hin und wandte die Blicke darauf von

ihm ab; als er die seinigen aber auf den Juden richtete, schaute sie

ihn abermals verstohlen, aber so scharf und forschend an, als wenn sie

plötzlich eine ganz andere geworden wäre.

«Neuigkeiten?» fragte der Jude.

«Große.»

«Und -- und -- gute?» fragte der Jude stockend weiter, als ob er

fürchtete, Monks dadurch zu reizen, daß er sich zu hoffnungsfroh zeigte.

«Zum wenigsten keine schlechten», erwiderte Monks lächelnd. «Ich bin

diesmal tätig genug gewesen. Laßt uns ein paar Worte allein reden.»

Nancy rückte näher an den Tisch heran, machte aber keine Miene, das

Zimmer zu verlassen, obwohl sie sah, daß Monks nach ihr hindeutete.

Der Jude, der vielleicht fürchtete, daß sie etwas von dem Gelde sagen

möchte, wenn er ihr befehle, hinauszugehen, wies stumm nach oben und

ging mit Monks hinaus.

«Nicht wieder in das höllische Loch, wo wir damals waren», hörte Nancy

den letzteren sagen, während beide die Treppe hinaufstiegen. Der Jude

lachte und erwiderte etwas, was sie nicht verstand. Dem Schalle der

Fußtritte nach schienen sie in das zweite Stockwerk hinaufzugehen.

Sie zog rasch die Schuhe aus, horchte in der größten Spannung an der

Tür und schlich, sobald sie keinen Laut mehr vernahm, vollkommen

geräuschlos nach. Es mochte eine Viertelstunde verflossen sein, als sie

ebenso leise in das Zimmer zurückkehrte, und gleich darauf kamen auch

die beiden Männer wieder die Treppe herunter. Monks entfernte sich aus

dem Hause, und als der Jude nach einiger Zeit mit dem Gelde hereintrat,

setzte das Mädchen eben den Hut auf, wie um sich zum Fortgehen

anzuschicken.

«In aller Welt, Nancy, wie blaß bist du!» rief Fagin erschreckend aus.

«Was hast du angefangen?»

«Nichts, das ich wüßte, ausgenommen, daß ich hier wer weiß wie lange

in dem engen Zimmer gesessen habe», antwortete sie im gleichgültigsten

Tone. «Gebt mir endlich das Geld und laßt mich fort.»

Fagin zählte es ihr seufzend in die Hand, sagte ihr gute Nacht, und

sie ging. Sobald sie sich auf der offenen Straße befand, setzte sie

sich auf die Stufen vor einer Haustür und schien, ganz betäubt und

erschöpft, außerstande zu sein, ihren Weg fortzusetzen. Plötzlich

sprang sie indes wieder auf, eilte nach einer ganz anderen Richtung

fort, als nach der, wo Sikes Wohnung lag, beschleunigte ihre Schritte

und lief endlich, so schnell ihre Füße sie tragen konnten. Sie mußte

nach einer Weile stillstehen, um Atem zu schöpfen, schien auf einmal

wieder zur Besinnung zu kommen und rang die Hände und brach in Tränen

aus, als ob sie sich bewußt geworden wäre, etwas nicht tun zu können,

was zu tun sie auf das sehnlichste wünschte.

Sei es, daß die Tränen ihr Erleichterung verschafften, oder daß sie

erkannte, wie gänzlich hoffnungslos ihre Lage war: genug, sie kehrte

wieder zurück und eilte fast ebenso schnell nach Sikes' Wohnung, sowohl

um die verlorene Zeit wieder einzubringen, als um gleichsam mit ihren

stürmisch-drängenden Gedanken Schritt zu halten.

Wenn sie noch Erregtheit verriet, als sie sich dem Diebe zeigte, so

gewahrte er dieselbe doch nicht, sondern schlummerte wieder ein,

nachdem er gefragt, ob sie das Geld mitgebracht habe, und eine

bejahende Antwort erhalten hatte.

Es war ein glücklicher Umstand für das Mädchen, daß Sikes Geld erhalten

hatte und daher am folgenden Tage durch Essen und Trinken fast

fortwährend beschäftigt wurde, was eine so wohltätige Wirkung auf seine

Stimmung äußerte, daß er weder Zeit noch Neigung hatte, sich um sie

und ihr Benehmen sonderlich zu bekümmern. Seinem luchsäugigen Freunde,

dem Juden, würde es nicht entgangen sein, daß sie mit der Ausführung

irgendeines verzweifelten Entschlusses umging; allein Sikes besaß

Fagins scharfe Beobachtungsgabe nicht, so daß Nancys ungewöhnliche

Erregtheit und Unruhe keinen Verdacht bei ihm erweckte.

Je näher der Abend kam, desto größer wurde ihre Unruhe, und als sie

in gespannter Erwartung neben ihm saß und darauf wartete, daß er sich

in den Schlaf tränke, wurden ihre Wangen so blaß, und es blitzte ein

so ungewöhnliches Feuer aus ihren Augen, daß Sikes endlich aufmerksam

darauf werden mußte. Er war matt vom Fieber, trank heißes Wasser zu

seinem Branntwein, um jenes minder entzündlich zu machen, und hatte

Nancy das Glas gereicht, um es zum dritten oder vierten Male von ihr

füllen zu lassen, als ihm ihre Blässe und das Feuer in ihren Augen

zuerst auffielen. Er starrte sie an, stützte sich auf den Ellbogen,

murmelte einen Fluch und sagte: «Du siehst ja wie eine Leiche aus, die

wieder zum Leben erwacht ist. Was hast du?»

«Was ich habe?» erwiderte sie. «Nichts. Warum seht Ihr mich so scharf

an?»

«Was ist das wieder für eine Albernheit?» fragte er, die Hand auf ihre

Schultern legend und sie unsanft schüttelnd. «Was ist das? Was soll das

bedeuten? Woran denkst du, Mädchen?»

«An vielerlei, Bill», erwiderte sie schaudernd und die Hände auf die

Augen drückend. «Aber was tut's?»

Der Ton der erzwungenen Heiterkeit, in welchem sie die letzteren Worte

gesprochen hatte, schien auf Sikes einen stärkeren Eindruck zu machen

als ihr wilder und starrer Blick vorher.

«Ich will dir was sagen», fuhr er verdrießlich fort. «Wenn du nicht

vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst bekommst, so ist etwas

mehr als Gewöhnliches im Winde und obendrein was Gefährliches. Du

willst doch nicht hingehen und -- nein, Gott verdamm'! das kannst du

nimmermehr!»

«Was kann ich nimmermehr?» fragte das Mädchen.

«Es gibt,» murmelte Sikes, die Blicke auf sie heftend, «es gibt keine

zuverlässigere, treuere Dirne in der Welt als sie, oder ich würde ihr

vor drei Monaten die Kehle abgeschnitten haben. Sie kriegt das Fieber

-- das ist das ganze.»

Er leerte das Glas und forderte darauf seine Arznei. Nancy sprang rasch

auf, bereitete sie, den Rücken ihm zukehrend, und gab sie ihm ein.

«Jetzt setze dich hier an mein Bett», sagte er, «und nimm dein eigenes

Gesicht vor, oder ich ändere es so, daß du es selbst nicht wieder

erkennst, wenn du es brauchst.»

Sie tat nach seinem Geheiß, er faßte ihre Hand, sank auf das Kissen und

heftete die Augen auf ihr Gesicht. Sie fielen ihm zu, er öffnete sie

wieder, blickte starr umher und verfiel endlich in einen tiefen und

schweren Schlummer. Der Griff seiner Hand löste sich, der ausgestreckte

Arm fiel schlaff nieder, und Sikes lag da wie in dumpfer Betäubung.

«Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt», murmelte sie; «doch vielleicht

ist es schon zu spät.»

Sie kleidete sich hastig an, blickte furchtsam umher, als wenn sie

trotz des Schlaftrunks jeden Augenblick erwartete, den Druck von Sikes'

schwerer Hand auf ihrer Schulter zu fühlen, beugte sich über das Bett,

küßte den Mund des Räubers, öffnete und verschloß geräuschlos die

Tür und eilte aus dem Hause. Ein Wächter rief halb zehn Uhr, und sie

fragte ihn, ob es schon lange nach halb zehn wäre. Er erwiderte, eine

Viertelstunde; sie murmelte: «und ich kann erst in einer Stunde dort

sein», und eilte rasch weiter.

Sie schlug die Richtung von Spitalfields nach Westend ein. Viele der

Läden in den engen Seitengassen, durch die sie ihr Weg führte, waren

schon geschlossen. Als es zehn schlug, wuchs ihre Unruhe, zumal da

sie vielfach durch das Gedränge in den belebteren Straßen aufgehalten

wurde. Sie eilte so ungestüm und rücksichtslos auf Gefahr jeder

Art weiter, daß sie von den Fußgängern für eine Verrückte gehalten

wurde. Als sie sich Westend näherte, nahm das Gedränge ab, und sie

beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Endlich erreichte sie ihren

Bestimmungsort: ein schönes Haus in einer Straße nicht weit vom

Hydepark. Es schlug eben elf. Sie trat in den Hausflur. Der Sitz des

Türstehers war leer; sie blickte ungewiß umher und näherte sich der

Treppe.

«Zu wem wollen Sie, junges Frauenzimmer?» rief ihr ein wohlgekleidetes

Stubenmädchen, das eine Tür hinter ihr öffnete, nach.

«Zu einer Dame hier im Hause.»

«Einer Dame!» lautete die mit einem Blicke der Verachtung begleitete

Antwort. «Zu was für einer Dame?»

«Miß Maylie», sagte Nancy.

Das Mädchen, das jetzt Zeit gehabt hatte, die Fremde genauer anzusehen,

antwortete nur durch einen Blick tugendhafter Entrüstung und rief einen

Bedienten, dem Nancy ihre Bitte wiederholte. Er fragte nach ihrem Namen.

«Sie brauchen gar keinen zu nennen.»

«In was für 'ner Angelegenheit wollen Sie die Dame sprechen?»

«Ich muß sie sprechen -- das genügt.»

Der Bediente befahl ihr, sich aus dem Hause zu entfernen und schob sie

nach der Tür hin.

«Nehmen Sie sich in acht -- Sie werden mich nicht lebendig aus dem

Hause hinausschaffen!» rief sie. «Ist denn niemand hier, der einem

armen Mädchen den kleinen Dienst leistet, zu der Dame hinaufzugehen?»

Inzwischen hatte sich die Dienerschaft versammelt. Der gutmütige Koch

legte sich in das Mittel und forderte den Bedienten auf, das Mädchen

Miß Rose zu melden.

«Wozu denn aber?» antwortete der Bediente. «Sie werden doch nicht

glauben, daß die junge Dame eine solche Person vorlassen wird?»

Diese Anspielung auf Nancys verdächtigen Stand erregte ein gewaltiges

Maß tugendsamer Entrüstung bei vier Dienstmädchen, welche mit

großer Lebhaftigkeit erklärten, das Geschöpf sei eine Schande ihres

Geschlechts, und darauf bestanden, sie ohne Gnade auf die Straße zu

werfen.

«Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt,» sagte das Mädchen, zu den

Bedienten sich wendend, «nur tun Sie erst, was ich verlange; und ich

fordere Sie auf, meine Botschaft um Gottes willen auszurichten.»

Der weichherzige Koch trat jetzt vermittelnd dazwischen, und das Ende

war, daß der Mann, der zuerst zum Vorschein gekommen, die Meldung

übernahm.

«Was soll ich meiner Herrschaft sagen?» fragte er.

«Daß ein junges Mädchen Miß Maylie unter vier Augen zu sprechen

wünscht», erwiderte Nancy; «und -- daß die junge Dame, wenn sie nur

das erste Wort anhören will, sogleich erkennen wird, ob sie das, was

ich anzubringen habe, noch ferner anhören muß, oder mich als eine

Betrügerin vor die Tür werfen lassen soll.»

«Meiner Six!» erwiderte der Bediente. «Sie sind Ihrer Sache ja sehr

gewiß.»

«Bringen Sie nur mein Anliegen vor, und lassen Sie mich den Bescheid

wissen», entgegnete das Mädchen fest.

Der Bediente eilte hinauf, und Nancy stand bleich, fast atemlos und mit

zuckenden Lippen da, als die sehr hörbaren Ausdrücke von Verachtung ihr

Ohr trafen, mit welchen die tugendreichen Dienstmädchen sehr freigebig

waren. Ihre Blässe nahm zu, als der Bediente wieder herunterkam und ihr

sagte, daß sie hinaufgehen könne.

«Rechtlich sein hilft zu nichts in dieser Welt», bemerkte das erste

Dienstmädchen.

«Messing hat's besser als das Gold, das die Feuerprobe bestanden hat»,

sagte das zweite.

Das dritte begnügte sich damit, seine Verwunderung darüber

auszusprechen: «aus welchem besseren Stoffe die Damen wohl sein

möchten»; und das vierte übernahm die Sopranstimme im Quartett: «'s ist

'ne Schande», womit die vier Dianen schlossen.

Ohne auf dieses alles zu achten -- denn sie hatte wichtigere Dinge

auf dem Herzen -- folgte Nancy mit Beben dem Bedienten in ein kleines

Vorzimmer, das durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet

war, und in welchem ihr Führer sie allein ließ.

Oliver Twist(#56586) · 第 47 / 67 题