Was sich zwischen Mr. und Mrs. Bumble und Monks bei ihrer
nächtlichen Zusammenkunft begab.
Es war ein schwüler Sommerabend; die Wolken, welche den ganzen Tag
gedroht hatten, dehnten sich zu einer breiteren und dichteren Masse
aus, aus welcher schon dicke Regentropfen herabfielen, und schienen
ein heftiges Gewitter zu verkünden, als sich Mr. und Mrs. Bumble aus
einer der Hauptstraßen der Stadt nach einer kleinen Kolonie zerstreut
stehender und verfallener Häuser wandten, die etwa anderthalb Meilen
entfernt sein mochten, und in einer sumpfigen Niederung am Themseufer
erbaut waren. Sie hatten sich beide in schäbige Mäntel eingehüllt,
vielleicht sowohl um sich vor dem Regen zu schützen, wie um unbemerkt
zu bleiben. Mr. Bumble trug eine Laterne, in welcher jedoch kein Licht
brannte, und ging ein paar Schritte voran, als hätte er -- denn der Weg
war schmutzig -- seiner Frau den Vorteil verschaffen wollen, in seine
breiten Fußstapfen zu treten. Sie schritten in tiefem Stillschweigen
dahin, Mr. Bumble sah sich bisweilen um, als wenn er sich hätte
überzeugen wollen, ob Mrs. Bumble auch nachfolgte, worauf er ebensooft,
sie hinter sich gewahrend, seine Schritte wieder beschleunigte.
Ihr Bestimmungsort konnte keineswegs ein zweideutiger heißen, denn
er war längst als die Wohnung von verrufenem und verwegenem Gesindel
bekannt, das hauptsächlich von Diebstählen und Räubereien lebte. Es war
ein Haufen elender Baracken, in deren Mitte am Uferrande ein großes
Gebäude stand, das ehemals zu Fabrikzwecken der einen oder anderen Art
gedient und den Hüttenbewohnern umher wahrscheinlich Beschäftigung
gegeben hatte. Es war indes seit langer Zeit verfallen, und die Ratten,
die Würmer und die Feuchtigkeit hatten das Pfahlwerk morsch gemacht,
auf welchem es ruhte, so daß schon ein beträchtlicher Teil des Ganzen
unter das Wasser gesunken war, während der wankende und über den
finsteren Strom hinüberlehnende Rest nur auf eine günstige Gelegenheit
zu warten schien, dasselbe Schicksal zu teilen.
Vor diesem Gebäude stand das würdige Paar still, als eben das erste
Rollen des entfernten Donners vernehmbar wurde, und der Regen mit
Heftigkeit niederzustürzen anfing.
«Es muß hier irgendwo sein», sagte Bumble, auf einen Papierstreifen
blickend, den er in der Hand hielt.
«Wer da?» ertönte eine Stimme von oben.
Bumble blickte empor und sah jemanden aus dem zweiten Stockwerke
herunterschauen.
«Eine Minute Geduld,» rief die Stimme, «ich werde sogleich bei Ihnen
sein.»
«Ist das der Mann?» fragte Frau Bumble, und ihr Eheherr nickte bejahend.
«Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe,» fuhr die Dame fort, «und
sprich so wenig wie nur irgend möglich, denn du wirst uns sonst gleich
verraten.»
Mr. Bumble, der an dem Hause mit sehr bänglichen Blicken emporgeschaut
hatte, stand im Begriff, einige Zweifel auszusprechen, ob es überhaupt
rätlich sei, sich noch zu dieser Stunde auf das Abenteuer einzulassen,
als er durch Monks daran gehindert wurde, der eine kleine Tür öffnete,
vor welcher sie standen, und ihnen winkte hereinzutreten. «Geschwind!»
rief er ungeduldig, und mit dem Fuße stampfend. «Haltet mich hier nicht
auf!»
Frau Bumble, welche anfangs gezögert hatte, ging keck hinein, und ihr
Eheherr, der sich schämte oder fürchtete, zurückzubleiben, folgte ihr
nach, jedoch offenbar mit großer Unruhe und ohne jene Würde, die ihn
sonst stets vornehmlich zu charakterisieren pflegte.
«Was zum Teufel stehen Sie da draußen und ließen sich naß regnen?»
sagte Monks zu ihm, nachdem er die Tür wieder verriegelt hatte.
«Wir -- wir kühlten uns ein wenig ab», stotterte Bumble, furchtsam
umherblickend.
«Kühlten sich ein wenig ab!» entgegnete Monks. «Aller Regen, der jemals
vom Himmel herabfiel oder noch herabfallen soll, wird nicht so viel
höllisches Feuer auslöschen, wie ein Mann mit sich umhertragen kann.
Glauben Sie nicht, daß Sie sich so leicht abkühlen können.»
Mit diesen angenehmen Worten und mit einem finsteren, stieren Blick
wandte sich Monks zu Frau Bumble, die, obwohl sonst nicht so leicht
einzuschüchtern, dennoch die Augen vor ihm auf den Boden heften mußte.
«Ist dies die Frau?» fragte Monks.
«Hm! Ja!» antwortete Mr. Bumble, eingedenk der Warnung seiner Gattin.
«Sie glauben vielleicht, daß Frauen keine Geheimnisse verschweigen
können!» nahm Frau Bumble das Wort und blickte dabei Monks wieder
dreist und forschend an.
«Ich weiß, daß sie allezeit eins verschweigen, bis es an den Tag
gekommen ist», erwiderte Monks verächtlich.
«Und was ist das für ein Geheimnis?» fragte Frau Bumble in demselben
zuversichtlichen Tone.
«Der Verlust ihres guten Namens», sagte Monks; «und ebenso fürchte ich
nicht, daß eine Frau ihr Geheimnis ausschwatzt, wenn das Ausschwatzen
dahin führen kann, daß sie gehängt oder deportiert wird. Verstanden?»
«Nein», versetzte die Dame, sich ein wenig verfärbend.
«Freilich,» sagte Monks spöttisch, «wie könnten Sie mich auch
verstehen!» Er blickte die Eheleute halb höhnisch und halb grollend an,
winkte ihnen abermals, ihm nachzufolgen, eilte durch das große, jedoch
niedrige Zimmer voran und wollte eben eine steile Treppe oder vielmehr
Leiter hinaufsteigen, als der helle Glanz eines Blitzes durch die
Öffnung herabfuhr und ein Donnerschlag erfolgte, der das gebrechliche
Gebäude in seinem Grunde erschütterte.
«Hören Sie!» rief er, zurückschreckend aus. «Hören Sie, wie es prasselt
und rollt, als ob es durch tausend Höhlen widerhallte, wo sich die
Teufel davor verstecken. Fluch über den Lärm! Ich hasse ihn.»
Er schwieg einige Augenblicke, entfernte plötzlich die Hände von seinem
Gesicht, und Mr. Bumble gewahrte zu seinem unaussprechlichen Schrecken,
daß es fast kreideweiß und ganz verzerrt war.
«Ich leide bisweilen an diesen Zufällen,» sagte Monks, die Bestürzung
des Armenhausverwalters bemerkend, «und dann und wann werden sie
durch den Donner hervorgerufen. Achten Sie nicht darauf; es ist für
diesmal vorüber.» Mit diesen Worten ging er voran, erklomm die Treppe,
verschloß hastig die Fensterläden des Gemaches, in welches er das
Ehepaar führte, und ließ eine an einer Leine und einer Rolle an einem
der Deckenbalken hängende Laterne herunter, die ein mattes Licht auf
einen alten Tisch und drei an denselben gestellte Stühle warf. Als sie
sich gesetzt hatten, sagte er: «Je eher wir zur Sache kommen, desto
besser ist's für uns alle. Weiß die Frau, worauf sich unser Geschäft
bezieht?»
Die Frage war an Mr. Bumble gerichtet, allein Mrs. Bumble nahm sogleich
das Wort und erklärte, daß sie mit dem Zwecke der Zusammenkunft
vollkommen bekannt sei.
«Er sagte, Sie wären bei der alten Hexe an dem Abend gewesen, da sie
starb, und sie hätte Ihnen etwas anvertraut --»
«Was die Mutter des Knaben betraf, den Sie nannten», unterbrach ihn
Frau Bumble. «Ja, Sir.»
«Die erste Frage», sagte Monks, «ist die, worin bestand ihre
Mitteilung?»
«Das ist die zweite Frage», bemerkte Frau Bumble mit großer Ruhe. «Die
erste ist die, was wohl der Preis des Geheimnisses sein mag?»
«Wer zum Teufel kann das sagen, ohne zu wissen, worin es besteht?»
lautete Monks' Gegenfrage.
«Ich bin überzeugt, niemand besser als Sie», antwortete Frau Bumble,
der es, wie ihr Gatte aus hinreichender Erfahrung bezeugen konnte,
keineswegs an Herzhaftigkeit gebrach.
«Hm!» sagte Monks bedeutsam und mit einem begierigen und lauernden
Blick; «handelt es sich denn um etwas Wertvolles?»
«Vielleicht -- o ja, vielleicht», antwortete Frau Bumble gelassen.
«Etwas, was man ihr abnahm», fuhr Monks eifrig fort; «etwas, was sie
trug -- etwas, was --»
«Sie tun am besten, wenn sie bieten», unterbrach ihn Frau Bumble. «Ich
habe schon gehört, um gewiß zu sein, daß Sie der Mann sind, für welchen
mein Geheimnis Wert hat.»
Mr. Bumble, den seine bessere Hälfte von dem Geheimnis noch nicht mehr
hatte wissen lassen, als er gleich zu Anfang gewußt, horchte diesem
Zwiegespräch mit vorgerecktem Halse und weit aufgerissenen Augen, die
er mit unverhohlenem Erstaunen bald auf seine Frau, bald auf Monks
heftete, und seine Spannung nahm womöglich noch zu, als der letztere
ernstlich nach der Summe fragte, welche für die Offenbarung des
Geheimnisses gefordert würde.
«Was ist es Ihnen wert?» fragte Frau Bumble ebenso kaltblütig wie
vorhin.
«Kann sein, daß es mir nichts oder daß es mir zwanzig Pfund wert ist»,
erwiderte Monks; «sprechen Sie und lassen Sie mich Ihre Forderung
wissen.»
«Legen Sie noch fünf Pfund zu; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in
Gold,» versetzte Frau Bumble, «und ich sage Ihnen alles, was ich weiß
-- doch eher nicht.»
«Fünfundzwanzig Pfund!» rief Monks, sich zurückbeugend, aus.
«Ich sprach so deutlich, wie ich konnte,» entgegnete Frau Bumble, «und
die Summe ist auch nicht bedeutend.»
«Die Summe nicht bedeutend für ein erbärmliches Geheimnis, das
vielleicht der Rede nicht wert ist, wenn Sie es offenbart haben!» rief
Monks ungeduldig aus; «ein Geheimnis, das seit zwölf Jahren oder länger
vergessen oder begraben gelegen hat!»
«Solche Dinge halten sich gut und verdoppeln gleich gutem Weine häufig
ihren Wert durch die Zeit», bemerkte Frau Bumble mit der kalten
Entschlossenheit, die sie angenommen hatte; «und was das betrifft, daß
es begraben gewesen, so gibt es Leute, die, soviel wir wissen, noch
zwölftausend oder zwölf Millionen Jahre begraben liegen können und
endlich sonderbare Geschichten erzählen werden.»
«Wie aber, wenn ich für nichts zahle?» fragte Monks bedenklich zögernd.
«Sie können mir das Geld leicht wieder abnehmen», erwiderte die
Dame. «Ich bin ja nur eine Frau und allein und ohne Schutz in Ihrer
abgelegenen Wohnung.»
«Weder allein, meine Liebe, noch ohne Schutz», fiel Mr. Bumble mit
vor Angst bebender Stimme ein; «ich bin auch hier, meine Liebe. Und
außerdem,» fuhr er zähneklappernd fort, «und außerdem ist Mr. Monks zu
sehr Gentleman, um sich auch nur die mindeste Gewalttätigkeit gegen
Kirchspielpersonen zu erlauben. Mr. Monks weiß, daß ich nicht mehr in
der Blüte der Jahre und der Kraft stehe; allein er hat gehört -- hat
ohne Zweifel gehört, lieber Schatz, daß ich ein sehr entschlossener
Beamter und ungewöhnlich stark bin, wenn ich Veranlassung bekomme, mich
zusammenzunehmen. Ich brauche mich nur eben etwas zusammenzunehmen.»
Und als Mr. Bumble so sprach, machte er einen trübseligen Versuch, mit
trotziger Entschlossenheit nach seiner Laterne zu greifen, und zeigte
deutlich durch den in allen seinen Zügen sich malenden Schrecken, wie
es allerdings bei ihm nötig war, daß er sich ein wenig oder vielmehr
recht sehr zusammennehmen mußte, bevor er sich zu einer nur irgend
kriegerischen Demonstration herbeiließ, ausgenommen gegen Arme oder
andere wehrlose Personen.
«Du bist ein Narr,» entgegnete ihm seine Ehehälfte, «und kannst nichts
Besseres tun als den Mund halten.»
«Und ich werde ihm sogleich darauf schlagen, wenn er nicht leiser
spricht», sagte Monks zornig. «Er ist also Ihr Mann?»
«Er mein Mann!» kicherte Frau Bumble, der Frage ausweichend.
«Ich dachte es, als Sie beide hereinkamen», fuhr Monks fort, den
zornigen Blick gewahrend, den die Dame ihrem Eheherrn zuwarf. «Desto
besser; ich trage um so weniger Bedenken, mit Leuten zu unterhandeln,
wenn ich finde, daß sie von einem und demselben Willen beseelt sind.
Ich meine es ernstlich -- schauen Sie hier!»
Er zog einen Beutel aus der Tasche, zählte fünfundzwanzig Sovereigns
auf den Tisch und schob sie Frau Bumble hin.
«Nehmen Sie,» fuhr er fort, «und lassen Sie mich nun hören, was Sie zu
erzählen haben, sobald der verwünschte Donnerschlag vorüber ist, der,
ich fühl's, gerade über dem Hause loswettern wird.»
Sobald das Donnergeroll vorüber war, hob Monks das Gesicht vom Tische
empor und beugte sich zu Frau Bumble hinüber, um begierig zu hören, was
sie sagen würde. Auch das Ehepaar lehnte sich über den kleinen Tisch,
so daß die Köpfe von allen dreien sich berührten. Das auf sie gerade
herunterfallende matte Licht der hängenden Laterne ließ ihre Gesichter
noch bleicher und gespenstischer erscheinen, und sie sahen um so
unheimlicher aus, als rings umher die tiefste Finsternis sie umgab.
«Als die Frau, die wir die alte Sally nannten, starb,» hub Frau Bumble
flüsternd an, «war ich mit ihr allein.»
«War niemand dabei?» fragte Monks mit demselben hohlen Geflüster;
«keine Kranke oder Verrückte in einem anderen Bette? -- keine Seele,
welche hören, vielleicht verstehen konnte?»
«Wir waren ganz allein», versicherte Frau Bumble; «ich und sonst
niemand stand an ihrem Bette, als sie im Sterben lag. Sie sprach von
einer jungen Frauensperson, die einige Jahre zuvor einem Kinde das
Leben gegeben hätte, und zwar nicht bloß in demselben Zimmer, sondern
auch in demselben Bette, in welchem die Sterbende lag.»
«Fürwahr!» sagte Monks mit bebender Lippe und über seine Schulter
blickend. «Teufel! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können!»
«Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten», fuhr Frau
Bumble, nachlässig nach ihrem Manne hindeutend, fort; «und die alte
Sally hat seine Mutter bestohlen.»
«Bei ihren Lebzeiten?» fragte Monks.
«Nein, als sie gestorben war», erwiderte Frau Bumble mit einigem
Schaudern. «Sie bestahl die Leiche, nachdem dieselbe eine solche
geworden war, und was sie nahm, war eben das, was die sterbende Mutter
in ihren letzten Atemzügen sie gebeten hatte, um des Kindes willen
aufzubewahren.»
«Verkaufte sie es?» fiel Monks in der größten Spannung ein; «hat sie es
verkauft? -- Wo? -- Wann? -- An wen? -- Vor wie langer Zeit?»
«Als sie mir mit großer Mühe gesagt hatte, was sie getan, sank sie
zurück und starb.»
«Und sagte weiter nichts mehr?» rief Monks mit einer Stimme, die nur
um so wütender ertönte, je gewaltsamer er sie zu dämpfen suchte. «Es
ist eine Lüge! Ich werde mich nicht hinter das Licht führen lassen. Sie
sagte mehr -- ich morde Sie beide, wenn ich nicht erfahre, was es war!»
«Sie sagte kein Sterbenswörtchen mehr,» entgegnete Frau Bumble, allem
Anscheine nach durch Monks' Heftigkeit nicht im mindesten erschreckt,
was ihr Mann augenscheinlich in einem desto höheren Grade war; «sie
faßte aber krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid, und ich fand,
als sie tot war, und als ich ihre Hand mit Gewalt losmachte, einen
schmutzigen Papierstreifen darin.»
«Was enthielt er?» unterbrach Monks, sich vorbeugend.
«Nichts; es war ein Schein von einem Pfandleiher.»
«Worüber?»
«Das werde ich Ihnen seinerzeit schon sagen. Ich muß glauben, sie hatte
das Geschmeide, über dessen Empfang der Papierstreifen ausgestellt
war, einige Zeit aufbewahrt, um größeren Gewinn daraus zu ziehen, es
sodann verpfändet und dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um
es wieder einlösen zu können, wenn es etwa zu einer Entdeckung führen
sollte. Dies war jedoch nicht geschehen, und sie starb mit dem Scheine
in der Hand, der nach einigen Tagen verfallen sein würde, und ich löste
das Pfand ein, weil ich glaubte, dereinst noch einmal Nutzen daraus
ziehen zu können.»
«Wo haben Sie es?» fragte Monks hastig.
«Hier ist es», erwiderte Frau Bumble und warf eilig, als wenn sie
froh wäre, sich davon zu befreien, ein kleines ledernes Beutelchen
auf den Tisch; Monks bemächtigte sich desselben begierig und öffnete
es mit zitternden Händen. Es enthielt ein kleines goldenes Medaillon,
in welchem sich zwei Haarlocken und ein einfacher goldener Trauring
befanden.
«Auf der Innenseite ist der Name Agnes zu lesen», sagte Frau Bumble.
«Für den Zunamen ist ein Raum offen gelassen, und dann folgt das Datum
von einem Tage in dem Jahre vor der Geburt des Kindes, das ich in
Erfahrung gebracht habe.»
«Und das ist alles?» fragte Monks nach einer genauen und eifrigen
Untersuchung des kleinen Beutels.
«Ja,» antwortete Frau Bumble, und ihr Eheherr atmete lang und tief,
als wenn er sich freute, daß alles vorüber wäre, ohne daß Monks die
fünfundzwanzig Pfund zurückforderte. Er faßte jetzt so viel Mut, um
endlich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Anfange der Unterredung an
über die Stirn und Wangen hinabgeträufelt war.
«Ich weiß nichts von der Geschichte außer dem, was ich mutmaßen kann,»
nahm seine Frau nach einem kurzen Stillschweigen wieder das Wort, «und
begehre auch nichts zu wissen, denn es ist sicherer. Darf ich Ihnen
aber ein paar Fragen vorlegen?»
«Das können Sie», sagte Monks mit einiger Verwunderung; «ob ich aber
antworte oder nicht, ist eine andere Frage.»
«Was ihrer drei macht», bemerkte Mr. Bumble, ein wenig
Scherzhaft-Witziges einschaltend.
«War es das, was Sie von mir zu bekommen erwarteten?» fragte die Dame.
«Ja», erwiderte Monks. «Die zweite Frage?» --
«Was denken Sie damit zu tun -- kann es gegen mich gebraucht werden?»
«Niemals,» sagte Monks, «und auch nicht gegen mich. Sehen Sie hier;
aber bewegen Sie sich keinen Schritt vorwärts, oder Ihr Leben ist
keinen Strohhalm wert!» Er schob bei diesen Worten plötzlich den Tisch
zur Seite und öffnete eine große Falltür dicht vor den Füßen Mr.
Bumbles, der sich in größter Hast mehrere Schritte zurückzog. «Schauen
Sie hinunter», sagte Monks, die Laterne in die Öffnung hinablassend;
«fürchten Sie nichts. Ich hätte Sie ganz unbemerkt hinunter spedieren
können, als Sie darüber saßen, wenn es meine Absicht gewesen wäre.»
Frau Bumble trat ermutigt an die Öffnung, und sogar ihr Eheherr
wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das vom Regen
angeschwollene trübe Wasser rauschte unten so gewaltig, daß sich alle
anderen Töne in seinem Geräusche verloren. Es war an der Stelle vormals
eine Wassermühle gewesen, und das Pfahlwerk und die sonstigen Überreste
derselben hielten das Wasser nur auf, um seinen Andrang und das Brausen
noch zu verstärken.
«Wenn man hier eine Leiche hinunterwürfe, wo würde sie morgen früh
sein?» fragte Monks, die Laterne in dem finsteren Schlunde hin und her
schwingend.
«Zwölf Meilen weit unten im Strome und obendrein in Stücke gerissen»,
erwiderte Bumble, bei dem bloßen Gedanken zurückbebend.
Monks nahm den kleinen Beutel, band ihn fest an ein daliegendes
bleiernes Gewicht und warf ihn in das Wasser hinunter; man hörte,
wie er hineinfiel, alle drei sahen einander an und schienen freier
aufzuatmen. Monks verschloß die Falltür wieder.
«So!» sagte er. «Wenn die See ihre Toten jemals zurückgibt, wie Bücher
sagen, daß sie es werde -- so wird sie doch ihr Gold und Silber samt
jenem Plunder für sich behalten. Wir haben einander nichts mehr zu
sagen und können unserem angenehmen Zusammensein ein Ende machen.»
«Allerdings, allerdings», bemerkte Mr. Bumble mit großem Eifer.
«Sie werden doch aber reinen Mund halten?» fragte Monks mit einem
drohenden Blick. «Für Ihre Frau bin ich nicht besorgt.»
«Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann», antwortete Bumble,
sich unter fortwährenden, unendlich höflichen Verbeugungen der Leiter
nähernd. «Um jedermanns willen, und Sie wissen, auch um meinetwillen,
Mr. Monks.»
«Ich freue mich um Ihretwillen, Sie so sprechen zu hören», entgegnete
Monks. «Zünden Sie Ihre Laterne an, und machen Sie sich davon, so
schnell Sie können.»
Diese Aufforderung kam sehr zur rechten Zeit, denn Mr. Bumble würde,
wenn er sich noch einmal verbeugt und dann noch einen einzigen Schritt
zurückgetan hätte, unfehlbar hinuntergestürzt sein. Er zündete seine
Laterne an, stieg schweigend hinab, und seine Frau folgte ihm. Monks
folgte zuletzt, nachdem er einige Augenblicke gehorcht hatte, ob sich
auch keine anderen Laute vernehmen ließen, als die des Wasser- und
Regengeräusches. Sie gingen langsam und vorsichtig durch das Zimmer
im Erdgeschoß, denn Monks erschrak über jeden Schatten, und Bumble
hielt seine Laterne einen Fuß über dem Boden und blickte fortwährend
angstvoll nach versteckten Falltüren umher. Monks öffnete ihnen leise
die Tür, und das Ehepaar trat in die Finsternis hinaus, nachdem es von
seinem geheimnisvollen Bekannten durch ein Kopfnicken Abschied genommen
hatte.
Sobald der Armenhausverwalter und seine Gattin fort waren, rief Monks,
der einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Alleinsein zu hegen
schien, einen Knaben, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, befahl
ihm, mit der Laterne voranzugehen, und kehrte in das Gemach zurück, das
er soeben verlassen hatte.