In welchem der Leser, wenn er in das sechsunddreißigste Kapitel
zurückblicken will, einen im ehelichen Leben nicht selten
hervortretenden Kontrast beobachten wird.
Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte
nachdenklich und düster bald in den Kamin, in welchem kein Feuer
brannte, da es Sommer war, und der daher öde und trostlos genug aussah
und bald noch düsterer zu dem Leimzweige empor, der von der Decke
herabhing und von den ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt
wurde. Vielleicht erinnerten ihn die Tierchen an eine traurige
Begebenheit seines eigenen Lebens.
Auch fehlte es nicht an sonstigen Anzeichen, daß in seinen
Angelegenheiten eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte.
Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut? Er trug noch
Kniehosen und schwarze wollene Strümpfe -- doch es waren nicht die des
Kirchspieldieners. Der Rock war ein anderer. Der Hut ein gewöhnlicher,
bescheidener, runder. Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.
Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den mit ihnen
verknüpften materiellen Vorteilen, doch noch einen ganz besonderen Wert
und eine eigentümliche Würde durch das mit ihnen verknüpfte Kostüm
erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen
Ornat, ein Richter seine große Perücke, ein Kirchspieldiener seinen
dreieckigen Hut. Man nehme dem Richter seine Perücke, dem Bischof
seinen Ornat oder dem Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut, und was
sind sie? Weiter nichts mehr als Menschen -- bloße Menschen. Würde, und
bisweilen sogar Heiligkeit hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken
und Hüten ab, als viele Leute sich träumen lassen.
Mr. Bumble hatte Mrs. Corney geehelicht und war Armenhausverwalter. Ein
anderer Kirchspieldiener war zur Gewalt gelangt, und der dreieckige
Hut, der Tressenrock und der Stab waren auf ihn übergegangen.
«Morgen sind's zwei Monate!» sagte Mr. Bumble seufzend. «Es scheint ein
Jahrhundert zu sein.»
Mr. Bumble wollte vielleicht sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von
acht Wochen ein ganzes, glückliches Leben verlebt hätte -- allein der
Seufzer! Es lag gar viel in ihm.
«Ich verkaufte mich», fuhr Bumble fort, «für sechs Teelöffel, eine
Zuckerzange, einen Milchgießer, eine Stube voll alter Möbel und zwanzig
Pfund Geld -- nur gar zu billig, spottwohlfeil!»
«Wohlfeil!» tönte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. «Du wärst für jeden
Preis zu teuer gewesen, und der Himmel weiß, daß ich dich mehr als zu
teuer bezahlt habe.»
Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner liebenswürdigen
Ehehälfte, welche sein kurzes Selbstgespräch nur unvollkommen
verstanden und ihre erwähnte Bemerkung auf gut Glück hingeworfen hatte.
«Frau, sei so gut, mich anzusehen», sagte Bumble und dachte bei sich
selbst: «Wenn sie solch einen Blick aushält, so hält sie alles aus. Er
hat bei den Armen niemals seinen Zweck verfehlt, und verfehlt er ihn
bei ihr, so ist es mit meiner Macht und Gewalt vorbei.»
Er verfehlte seinen Zweck. Mrs. Bumble wurde keineswegs durch ihn
überwältigt, sondern erwiderte ihn durch einen äußerst verächtlichen,
und verband damit obendrein ein Gelächter, das zum wenigsten klang, als
wenn es ihr von Herzen käme.
Als Bumble die unerwarteten Töne vernahm, sah er zuerst ungläubig und
dann erstaunt aus, worauf er wieder in sein Brüten und Sinnen verfiel,
aus welchem ihn jedoch Mrs. Bumble erweckte. «Willst du den ganzen Tag
dasitzen und schnarchen?» fragte sie.
«Ich denke hier so lange sitzen zu bleiben, wie es mir beliebt»,
entgegnete er; «und obschon ich keineswegs schnarchte, so bin ich doch
gewillt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und ganz nach meinem
Gefallen zu schnarchen, zu niesen, zu lachen oder zu weinen, oder was
mir eben sonst behagt.»
«Von deinem Rechte!» höhnte Mrs. Bumble mit unsäglich verächtlicher
Miene.
«Ja, von meinem Rechte-1 Es ist das Recht des Mannes, nach seinem Willen
zu leben und zu befehlen.»
«Und was ist denn ins Kuckucks Namen das Recht der Frau?»
«Nach des Mannes Willen zu leben und zu gehorchen. Dein unglücklicher,
erster Mann hätte es dich lehren sollen; er wäre dann vielleicht noch
am Leben -- und ich wollte, daß er es wäre, der gute Mann!»
Mrs. Bumble erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war,
und daß es galt, sich der Herrschaft ein für allemal zu bemächtigen,
oder ihr für immer zu entsagen. Sie sank daher auf einen Stuhl nieder,
erklärte Mr. Bumble für einen Unmenschen mit einem Kieselherzen und
brach in einen Tränenstrom aus.
Allein Tränen waren es nicht, was zu Mr. Bumbles Herzen drang; es war
wasserdicht. Den Filzhüten gleich, welche gewaschen werden können und
durch Regen besser werden, wurden seine Nerven durch Tränenschauer
noch fester, die ihn als Zeichen der Schwäche und somit als
stillschweigende Anerkenntnisse seiner Obergewalt erfreuten und stolz
machten. Er blickte seine Hausfrau mit großer Zufriedenheit an und bat
und munterte sie auf alle Weise auf, nur immerzu zu weinen, und nach
besten Kräften, denn es sei äußerst gesund, wie die Ärzte versicherten.
«Es erweitert die Lungen, wäscht das Gesicht rein, schärft die Augen
und kühlt ein zu heißes Temperament ab», sagte er; «also weine ja nur
immerzu.» -- Nachdem er die scherzenden Worte gesprochen, griff er zu
seinem Hute, setzte ihn kecklich auf die eine Seite, wie ein Mann, der
seine Überlegenheit fühlt und auf geeignete Weise zeigen will, steckte
die Hände in die Taschen und setzte sich stolzierenden Schritts nach
der Tür in Bewegung.
Mrs. Bumble hatte einen Versuch mit den Tränen angestellt, weil sie
minder mühsam waren als ein Faustangriff; indes war sie vollkommen
bereit, eine Probe mit dem letzteren Verfahren zu machen, was Mr.
Bumble auch nicht lange verborgen blieb.
Die erste Kunde, welche er davon erhielt, bestand in einem dumpfen
Schalle, welcher die unmittelbare Folge hatte, daß sein Hut an das
äußerste Ende des Zimmers flog. Sobald durch dieses vorläufige Beginnen
sein Kopf entblößt war, packte ihn die erfahrene Dame mit der einen
Hand bei der Kehle und ließ mit der andern einen Hagel von Schlägen,
und zwar ebenso gewandt wie wirksam auf sein Haupt niederfallen.
Hierauf brachte sie ein wenig Abwechslung in ihr Vorgehen, indem
sie ihm das Gesicht zerkratzte und Hände voll Haare ausraufte, und
nachdem sie ihn nunmehr so nachdrücklich bestraft hatte, wie sie es
dem Vergehen nach für nötig erachtete, warf sie ihn über einen Stuhl,
der nicht zweckmäßiger hätte stehen können und forderte ihn auf, noch
einmal von seinen Rechten zu sprechen, wenn er es wagen wollte.
«Laß los!» rief er in befehlendem Tone, «und mach' sogleich, daß du
fortkommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas Desperates tue.» Er
stand mit den allerkläglichsten Mienen auf, sann darüber nach, was
wohl ganz desperat sein möchte, hob seinen Hut auf und blickte nach der
Tür.
«Gehst du bald?» fragte Mrs. Bumble.
«Ich gehe schon, ja doch», erwiderte er, sich rasch nach der Tür
zurückziehend; «ich beabsichtige keineswegs -- wirklich, ich gehe
schon, Liebe -- du bist aber auch so heftig, daß ich fürwahr --»
Mrs. Bumble bückte sich in diesem Augenblick, um den in Unordnung
geratenen Teppich wieder zurecht zu schieben, und ihr Eheherr schoß
hinaus, ohne daran zu denken, seine Rede zu vollenden, und ließ weiland
Mrs. Corney im ungestörten Besitz des Schlachtfeldes. -- Mr. Bumble
war der Überraschung erlegen und ohne Frage vollständig in die Flucht
geschlagen. Er hatte die entschiedenste Neigung zum Bramarbasieren,
nichts konnte ihm größere Freude gewähren, als Verübung kleiner
Tyrannei und Grausamkeit, und er war demnach, wie kaum gesagt zu werden
braucht, eine Memme. Hierdurch wird indes sein Charakter keineswegs
heruntergesetzt, da so viele Beamte, die in hoher Achtung stehen und
höchlich bewundert werden, die Opfer ähnlicher Schwächen sind. Wir
haben jene Bemerkung vielmehr zu seinen Gunsten gemacht, und um unsern
Lesern noch mehr zu Gemüt zu führen, wie trefflich sich Bumble zu einem
Beamten eignete.
Das Maß seiner Erniedrigung war indes noch nicht voll. Nachdem er einen
Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal daran gedacht
hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu streng wären, und daß
Männer, die von ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben dem
Kirchspiele aufbürdeten, von Rechts wegen ganz und gar nicht bestraft,
sondern vielmehr als verdiente Individuen und Märtyrer belohnt werden
sollten, kam er in ein Gemach, in welchem die Bewohnerinnen des
Armenhauses beschäftigt zu werden pflegten, das Kirchspielleinenzeug zu
waschen, und in welchem er lautes Sprechen hörte.
«Hm!» sagte er, seine ganze angeborene Würde annehmend; «zum wenigsten
sollen diese Weiber auch fernerhin meine Rechte achten. Holla -- Blitz
und Hagel! -- wie könnt ihr euch unterstehen, einen solchen Lärm zu
machen, verwünschtes Weibsvolk?»
Er öffnete mit diesen Worten die Tür, schritt hochfahrend und zornig
hinein, nahm jedoch unmittelbar darauf die demütigste Miene an, denn er
erblickte seine Hausehre. «Ich wußte nicht, daß du hier wärst, lieber
Schatz», sagte er.
«Wußtest nicht, daß ich hier war?» fuhr sie ihn an. «Was hast du denn
hier zu schaffen?»
«Ich dachte, sie sprächen zu viel, um ihre Arbeiten gehörig verrichten
zu können», erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Frauen an
einem Waschfasse hinblickend, die bewundernde Blicke ob der Demut des
Armenhausverwalters wechselten.
«Du dachtest, sie sprächen zu viel?» sagte Mrs. Bumble. «Was geht denn
dich das an?»
«Ei nun, lieber Schatz --»
«Ich frage noch einmal, was es dich angeht?»
«Es ist wahr, du hast hier zu befehlen, lieber Schatz; ich glaubte
aber, du wärest eben nicht bei der Hand.»
«Ich will dir was sagen, Bumble: wir brauchen dich hier nicht, du hast
hier nichts verloren und steckst deine Nase viel zu gern in Dinge,
die dich nichts angehen; machst dich bei jedermann lächerlich und zum
Narren und wirst ausgelacht, sobald du den Rücken wendest. Troll dich
-- willst du, oder willst du nicht?»
Bumble gewahrte mit folternden Gefühlen, wie die beiden alten
Wäscherinnen wahrhaft entzückt miteinander kicherten und zögerte
einen Augenblick. Mrs. Bumble, deren Geduld bei einem Aufschube nicht
Probe hielt, ergriff ein Gefäß mit Seifenwasser, näherte sich ihm und
wiederholte ihre Aufforderung, bei Strafe, im Falle des Ungehorsams,
seine stattliche Person überschüttet zu sehen.
Was konnte er tun? Er blickte trostlos umher, schlich nach der Tür,
und das Gekicher der Wäscherinnen verwandelte sich in ein schallendes
Gelächter. Mehr bedurfte es nicht. Er war in ihren Augen erniedrigt,
hatte Ehre und Ansehen sogar bei den Armen verloren, war von der Höhe
der Kirchspieldienerschaft zur tiefsten Tiefe des unter Weiberregiment
stehenden Ehemannes heruntergesunken. «Und das alles nach zwei
Monaten!» dachte Bumble. «Kaum vor zwei -- noch vor zwei kurzen Monaten
war ich mein eigener Herr und gebot über das ganze Armenhaus, und
jetzt!»
Es war zu viel. Er ohrfeigte den Knaben, der ihm das Tor öffnete (denn
er hatte mittlerweile das Portal erreicht) und trat zerstreut auf die
Straße.
Er ging eine Zeitlang auf und ab, bis sich die erste Heftigkeit seines
Kummers gelegt hatte. Sie ließ indes Durst zurück. Er schritt an vielen
Wirtshäusern vorüber und stand endlich vor einem in einem Nebengäßchen
befindlichen still, dessen Gaststube, wie er durch einen flüchtigen
Blick sich überzeugte, leer war. Nur ein einziger Mann saß darin. Es
fing eben an stark zu regnen, und dies bestimmte ihn. Er ging hinein
und forderte ein Glas Branntwein.
Der im Gastzimmer sitzende Mann war groß und schwärzlich und hatte
sich in einen weiten Mantel gehüllt. Er schien ein Fremder und
ziemlich weit gewandert zu sein, denn er sah ermüdet aus und hatte
staubige Stiefel an. Er blickte Bumble, als dieser eintrat, von der
Seite an, ließ sich aber zur Entgegnung seines Grußes kaum zu einem
Kopfnicken herab. Bumble besaß Würde genug für zwei, trank daher
sein Glas Branntwein mit Wasser stillschweigend, und nahm mit großer
Wichtigkeit ein Zeitungsblatt zur Hand. Wie es indes unter Umständen
dieser Art zu geschehen pflegt, er empfand eine starke Neigung, der
er nicht widerstehen konnte, von Zeit zu Zeit nach dem Unbekannten
verstohlen hinüberzublicken, worauf er stets die Augen etwas verwirrt
wieder niedersenkte, da der Unbekannte jedesmal dasselbe tat. Seine
Verwirrung wurde noch durch den auffallenden Ausdruck der Augen des
letzteren vergrößert, welche scharf und durchdringend waren, und aus
denen finstere, argwöhnische Blicke hervorschossen, wie Bumble sie noch
nie gesehen, und die seinen Mienen etwas höchst Abstoßendes gaben.
Als die Blicke beider einander auf diese Weise mehrmals begegnet waren,
brach endlich der Fremde das Stillschweigen.
«Sahen Sie nach mir,» hub er mit tiefer, rauher Stimme an, «als Sie in
das Fenster hereinblickten?»
«Nicht daß ich wüßte, sofern Sie nicht Mr--» Bumble unterbrach sich
hier selbst. Er wünschte den Namen des Fremden zu erfahren und hoffte,
daß derselbe sich nennen würde.
«Ah, Sie haben also nicht nach mir hereingeblickt,» sagte der
Unbekannte, spöttisch den Mund verziehend, «denn Sie würden sonst
meinen Namen kennen. Ich möchte Ihnen raten, nicht danach zu fragen.»
«Ich habe nichts Böses gegen Sie im Sinn, junger Mann», entgegnete
Bumble, sich in die Brust werfend.
«Und haben mir auch nichts Böses zugefügt», lautete die rasche Antwort.
Es trat wiederum Stillschweigen ein, das der Fremde nach einiger
Zeit zum zweitenmal unterbrach. «Ich sollte meinen, daß ich Sie
schon gesehen hätte. Sie waren zu der Zeit anders gekleidet, und ich
begegnete Ihnen nur auf der Straße, erkenne Sie aber wieder. Waren Sie
nicht Kirchspieldiener hier im Orte?»
Bumble bejahte nicht ohne einige Verwunderung.
«Was sind Sie denn jetzt?»
«Armenhausverwalter», erwiderte Bumble langsam und mit nachdrücklicher
Betonung, um den Unbekannten zu verhindern, einen Ton ungebührlicher
Vertraulichkeit anzunehmen. «Armenhausverwalter, junger Mann!»
«Sie werden sich doch ohne Zweifel noch ebensogut auf Ihren Vorteil
verstehen wie sonst?» fuhr der Unbekannte, ihn scharf anblickend,
fort, denn Bumble sah ihn nicht wenig erstaunt an. «Tragen Sie kein
Bedenken, mir offen zu antworten; Sie sehen ja, daß ich Sie genau genug
kenne.»
«Ein verheirateter Mann», versetzte Bumble, die Augen mit der Hand
beschattend und den Unbekannten in offenbarer Verlegenheit von
Kopf bis zu den Füßen betrachtend, «ist nicht abgeneigter als ein
alleinstehender, auf eine ehrliche Weise ein Stück Geld zu verdienen.
Die Kirchspielbeamten werden nicht so reichlich besoldet, daß sie eine
kleine Nebeneinnahme von der Hand weisen dürften, wenn sie sich ihnen
auf eine anständige und schickliche Weise darbietet.»
Der Unbekannte lächelte, nickte mit dem Kopfe, als wenn er sagen
wollte, daß er sich in seinem Manne nicht geirrt hätte, und klingelte.
Der Wirt erschien, er reichte ihm Bumbles leeres Glas und befahl ihm,
es mit starkem und heißem Getränk wieder zu füllen.
«Sie lieben es doch so?» sagte er.
«Nicht zu stark», erwiderte Bumble mit einem Zartgefühl ausdrückenden
Husten.
«Sie wissen schon, was das sagen will», rief der Unbekannte in
trockenem Tone dem Wirt nach, der lächelnd verschwand und kurz darauf
mit einem dampfenden Glase zurückkehrte, das Bumble das Wasser in die
Augen trieb.
«Hören Sie mich nun an», sagte der Unbekannte, sobald sie wieder allein
waren. «Ich bin heute hierher gekommen, um Sie aufzusuchen, und als
ich eben daran dachte, wie ich Sie treffen sollte, trieb Sie mir einer
der Zufälle in den Weg, durch die der Teufel bisweilen seine Freunde
zusammenführt. Ich muß eine Erkundigung bei Ihnen einziehen, und
verlange Ihre Mühe, so gering sie sein mag, nicht umsonst. Stecken Sie
das als Handgeld ein.»
Er legte ein paar Goldstücke vor ihn auf den Tisch, und nachdem Bumble
dieselben sorgfältig geprüft hatte, ob sie auch nicht falsch wären,
und sie vergnügt in die Tasche gesteckt hatte, fuhr der Fremde fort:
«Denken Sie einmal zurück -- ja an den Winter vor zwölf Jahren.»
«Das ist eine lange Zeit», sagte Bumble. «Aber schon gut. Ich denke an
den Winter.»
«Schauplatz das Armenhaus.»
«Gut.»
«Zeit die Nacht.»
«Ja, ja.»
«Ort das elende Loch, in welchem liederliche Weibsbilder Kindern das
ihnen selbst oft versagte Leben geben, Kindern, die das Kirchspiel
aufzuziehen hat, und wo sie sterbend ihre Schande verstecken.»
«Sie meinen das Wöchnerinnenzimmer», sagte Bumble.
«Ja. In ihm wurde ein Knabe geboren.»
«Viele, viele Knaben», erwiderte Bumble mit kläglichem Kopfschütteln.
«Hol' der Teufel die junge Höllenbrut!» rief der Unbekannte ungeduldig
aus. «Ich spreche von einem, 'nem zierlich und bläßlich aussehenden
Wichte, der bei einem Leichenbestatter in die Lehre getan wurde (ich
wollte, daß er selbst längst zu Grabe getragen wäre!) und später
fortlief, wie man glaubte, nach London.»
«Sie meinen Oliver -- den Oliver Twist? Ich erinnere mich seiner
natürlich sehr wohl. Wir hatten keinen eigensinnigeren kleinen
Schlingel im Hause --»
«Ich brauche nichts von ihm zu hören, habe genug von ihm gehört -- wo
ist die alte Hexe, die seine Mutter entband?»
«Das ist nicht leicht zu sagen. Wo sie sich jetzt aufhält, da gibt's
nichts zu tun für Hebammen; sie wird also wohl außer Dienst sein.»
«Was wollen Sie damit sagen?» fragte der Unbekannte finster.
«Daß sie im vergangenen Winter gestorben ist.»
Der Unbekannte sah ihn eine Zeitlang scharf an, sein Blick wurde
darauf zerstreut, und er schien in Gedanken versunken zu sein. Es war
zweifelhaft, ob ihm die erhaltene Kunde erfreulich oder unwillkommen
war, endlich aber schien er freier aufzuatmen, bemerkte, es käme wenig
darauf an, und stand auf, um sich zu entfernen.
Bumble besaß hinreichenden Scharfsinn, um sogleich zu gewahren, daß
sich ihm eine Gelegenheit eröffnet habe, Gewinn aus einem Geheimnisse
seiner besseren Hälfte zu ziehen. Er erinnerte sich des Todes der alten
Sally sehr wohl; war sie doch an dem Abend gestorben, an welchem er
Mrs. Corney seinen Antrag gemacht hatte; und obgleich ihm von Frau
Bumble noch immer nicht anvertraut worden war, was die Sterbende ihr
allein gebeichtet, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß
es sich auf etwas bezogen, das sich bei oder nach der Entbindung der
Mutter Oliver Twists ereignet hatte. Er sagte dem Unbekannten daher mit
geheimnisvoller Miene, daß die Alte, nach welcher er sich erkundigt,
kurz vor ihrem Tode eine andere Frau habe zu sich rufen lassen und
derselben Mitteilungen gemacht habe, die, wie er nicht ohne Grund
glaube, Licht in die Sache bringen könnten, um welche es sich handle.
«Wo kann ich die Frau sprechen?» fragte der Unbekannte, offenbar
überrascht, denn er ließ durchblicken, daß er lebhafte Befürchtungen
hegte, worin dieselben auch bestehen mochten.
«Nur durch meine Vermittlung», erwiderte Bumble.
«Wann?» fragte der Unbekannte in großer Aufregung weiter.
«Morgen.»
«Abends um neun Uhr», sagte der Unbekannte und schrieb mit etwas
zitternder Hand die Adresse eines abgelegenen Hauses auf. «Bringen
Sie sie abends um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen,
insgeheim, denn es ist Ihr Vorteil.»
Er ging darauf mit Bumble zur Tür, bezahlte den Wirt, bemerkte, daß sie
sich hier trennen müßten, schärfte dem Armenhausverwalter noch einmal
Pünktlichkeit ein und ging. Bumble sah auf die Adresse; sie hatte
keinen Namen. Er folgte daher dem Unbekannten nach, um ihn darum zu
befragen und berührte seinen Arm.
«Was soll das?» fuhr ihn der Unbekannte, sich rasch umdrehend, an.
«Warum folgen Sie mir nach?»
«Ich muß doch wissen, nach wem ich zu fragen habe», sagte Bumble; «darf
ich nicht um Ihren Namen bitten?»
«Monks!» erwiderte der Unbekannte und entfernte sich mit eiligen
Schritten.