30. Kapitel.

Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.

Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß

die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden

würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine

andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die

Treppe hinauf.

«Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken», sagte er, als sie

vor der Tür des Patienten standen. «Er hat sich seit vielen Tagen den

Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein

Gurgelabschneider aus.»

Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück,

und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den

sie zu sehen erwartet hatten -- einen vor Schmerz und Erschöpfung

eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust,

und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes, wallendes

Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im

Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren,

beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf

welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.

Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese

Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum

von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie

entfernte Töne einer lieblichen Melodie oder das Rauschen des Wassers

an einem heimlichen Plätzchen oder der Duft einer Blume oder selbst

das Aussprechen eines teuren Namens bisweilen plötzlich unbestimmte

Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche

wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen

Erinnerung eines längst vergangenen glücklichen Daseins emporzutauchen

scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder

zurückzurufen.

«Ich bin fast außer mir vor Verwunderung», flüsterte die alte Dame.

«Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebes- und Räuberzögling

sein.»

«Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf»,

versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ,

«und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.»

«Aber doch nicht bei solcher Jugend», fiel Rose ein.

«Meine teure Miß,» entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln,

«das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten

und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft

seine auserwählten Opfer.»

«O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich

freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?» wandte Rose

lebhaft ein.

Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr

möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit

der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.

«Aber selbst, wenn er ruchlos gewesen wäre,» fuhr Rose fort, «so

bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle

Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat, und

wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder

Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum

Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe

Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird,

das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein

würde. Oh, so gewiß Sie mich liebhaben und wissen, daß ich bei Ihrer

Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie

aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie

dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät

ist.»

«Mein liebes Kind,» sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an

die Brust drückend, «glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines

Hauptes krümmen lassen wollen?»

«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose

mit Lebhaftigkeit aus.

«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort,

«meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit

erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des

Knaben tun, Sir?»

«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie

mich nachdenken.»

Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im

Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen

Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am.

-- Ja -- ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn

Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den

großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener

Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es

bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür

belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts

dawider?»

«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein»,

antwortete Mrs. Maylie.

«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.

«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen

lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter

zu, als es unumgänglich notwendig ist.»

«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute

zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß

Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen

insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr

Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie

sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden,

und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein

möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen

benutzen zu können.»

«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose

errötend.

«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend.

«Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die

Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne

Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem

breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines

Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß

wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung -- daß ich

ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen

nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten

Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch

verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung -- zum

wenigsten von meiner Seite -- überlassen wird.»

«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.

«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»

«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist

unmöglich.»

«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund

vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»

Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in

großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.

Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe

gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten,

denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im

festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige

Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend

wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr

krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes,

allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt,

daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als -- was sonst

geschehen sein würde -- darauf zu bestehen, daß er sich bis zum

folgenden Morgen ruhig verhalten solle.

Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze

Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung,

innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend

schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und

Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in

dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht

und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es

jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir --

während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen -- nur mit einem

einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten,

die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto

gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf

unsere Häupter herabzusenden -- wenn wir im Geist nur einen Augenblick

hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und

zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine

menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen

machen kann!

Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und

Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand

eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.

Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich

geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen,

verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich

darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und

Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem

Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner

geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den

ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der

Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe,

großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr

reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der

Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der

vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine

Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der

Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.

«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.

«Schönen Dank, Sir», sagte Mr. Giles. «Misses befahlen mir, ein wenig

Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eignen kleinen Zimmer zu eng

war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen

Anteil hier.»

Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr

Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit

einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie

ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht

verlassen würde.

«Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?» fragte Giles.

«Nicht eben gar zu gut», erwiderte der Doktor. «Ich fürchte, Giles, daß

Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.»

«Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben

werde», sagte Giles zitternd. «Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn

es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben

das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.»

«Das ist nicht der Kernpunkt der Sache», fuhr der Doktor geheimnisvoll

fort. «Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?»

«Ja, Sir, ich sollte meinen», stotterte der sehr blaß gewordene

Haushofmeister.

«Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch -- haben Sie auch ein

Gewissen, Brittles?»

«Barmherziger Himmel, Sir -- wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich

auch eins.»

«Dann sagt mir beide -- alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen

nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe

ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus

mit der Sprache! Sagt an, sagt an!»

Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt

bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone,

daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer

Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. -- «Achten Sie

auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler», sprach der Doktor

weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; «es kann

früher oder später viel darauf ankommen.»

Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte, und

griff zu seinem Stabe.

«Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der

Person», fuhr der Doktor fort.

«Sie haben vollkommen recht, Sir», sagte der Konstabler unter heftigem

Husten, denn er hatte rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die

unrechte Kehle gekommen war.

«Es wird in das Haus eingebrochen,» sagte der Doktor, «und zwei Leute

sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten

im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und

Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil

er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an

ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und

schwören, daß er an dem Einbruch teilgenommen habe. Die Frage ist nun

die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt

erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber

versetzen? Und nun noch einmal,» donnerte der Doktor, während der

Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah,

«seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium

die Identität des Knaben zu beschwören?»

Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an;

der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts

von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der

Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute

mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich

darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.

«Es sind die Polizeimänner aus London», rief Brittles, sich sehr

erleichtert fühlend, aus.

«In aller Welt, wie kommen denn die hierher?» fragte der Doktor,

seinerseits erschreckend.

«Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,» antwortete

Brittles, «und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.»

«Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener

Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!» sagte der

Doktor im Hinauseilen.

Oliver Twist(#56586) · 第 38 / 67 题