Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.
Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß
die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden
würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine
andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die
Treppe hinauf.
«Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken», sagte er, als sie
vor der Tür des Patienten standen. «Er hat sich seit vielen Tagen den
Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein
Gurgelabschneider aus.»
Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück,
und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den
sie zu sehen erwartet hatten -- einen vor Schmerz und Erschöpfung
eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust,
und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes, wallendes
Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im
Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren,
beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf
welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.
Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese
Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum
von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie
entfernte Töne einer lieblichen Melodie oder das Rauschen des Wassers
an einem heimlichen Plätzchen oder der Duft einer Blume oder selbst
das Aussprechen eines teuren Namens bisweilen plötzlich unbestimmte
Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche
wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen
Erinnerung eines längst vergangenen glücklichen Daseins emporzutauchen
scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder
zurückzurufen.
«Ich bin fast außer mir vor Verwunderung», flüsterte die alte Dame.
«Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebes- und Räuberzögling
sein.»
«Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf»,
versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ,
«und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.»
«Aber doch nicht bei solcher Jugend», fiel Rose ein.
«Meine teure Miß,» entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln,
«das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten
und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft
seine auserwählten Opfer.»
«O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich
freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?» wandte Rose
lebhaft ein.
Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr
möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit
der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.
«Aber selbst, wenn er ruchlos gewesen wäre,» fuhr Rose fort, «so
bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle
Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat, und
wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder
Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum
Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe
Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird,
das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein
würde. Oh, so gewiß Sie mich liebhaben und wissen, daß ich bei Ihrer
Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie
aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie
dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät
ist.»
«Mein liebes Kind,» sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an
die Brust drückend, «glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines
Hauptes krümmen lassen wollen?»
«O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!» rief Rose
mit Lebhaftigkeit aus.
«Nein, sicherlich nicht,» fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort,
«meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit
erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des
Knaben tun, Sir?»
«Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,» erwiderte der Doktor, «lassen Sie
mich nachdenken.»
Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im
Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen
Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: «Ich hab's, Ma'am.
-- Ja -- ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn
Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den
großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener
Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es
bei ihm auf tausenderleiweise wieder gutmachen und ihn obendrein dafür
belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts
dawider?»
«Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein»,
antwortete Mrs. Maylie.
«Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel», versicherte Losberne.
«Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht», sagte Rose, durch Tränen
lächelnd; «aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter
zu, als es unumgänglich notwendig ist.»
«Sie scheinen zu glauben,» entgegnete der Doktor, «daß alle Welt heute
zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß
Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts willen
insgeheim hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr
Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie
sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden,
und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein
möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen
benutzen zu können.»
«Sie sind ein ebenso großer Knabe wie unser guter Brittles», sagte Rose
errötend.
«Dazu gehört eben nicht viel», versetzte der Doktor herzlich lachend.
«Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die
Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne
Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem
breitmäuligen Konstabler unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines
Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfe, so denke ich doch, daß
wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung -- daß ich
ihn in Ihrer Gegenwart examiniere, und daß er, wenn wir seinen Aussagen
nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten
Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch
verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung -- zum
wenigsten von meiner Seite -- überlassen wird.»
«Nein, Tante, nein!» flehte Rose.
«Ja, Tante, ja!» sagte der Doktor. «Sind wir einig?»
«Er kann nicht im Laster verhärtet sein», sagte Rose; «es ist
unmöglich.»
«Desto besser», entgegnete Losberne; «dann ist um so mehr Grund
vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.»
Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in
großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.
Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe
gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten,
denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im
festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige
Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend
wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr
krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlustes,
allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt,
daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als -- was sonst
geschehen sein würde -- darauf zu bestehen, daß er sich bis zum
folgenden Morgen ruhig verhalten solle.
Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze
Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung,
innezuhalten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend
schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und
Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in
dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. Oh, wieviel weniger Unrecht
und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es
jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir --
während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen -- nur mit einem
einzigen Gedanken an die finster drohenden Anklagen gegen uns dächten,
die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto
gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf
unsere Häupter herabzusenden -- wenn wir im Geist nur einen Augenblick
hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und
zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine
menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen
machen kann!
Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und
Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand
eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.
Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich
geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen,
verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich
darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und
Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem
Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner
geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den
ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der
Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großem Kopfe,
großem Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr
reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der
Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der
vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine
Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekrug in der
Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.
«Bleibt sitzen», sagte der Doktor mit einer Handbewegung.
«Schönen Dank, Sir», sagte Mr. Giles. «Misses befahlen mir, ein wenig
Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eignen kleinen Zimmer zu eng
war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen
Anteil hier.»
Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr
Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit
einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie
ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht
verlassen würde.
«Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?» fragte Giles.
«Nicht eben gar zu gut», erwiderte der Doktor. «Ich fürchte, Giles, daß
Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.»
«Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben
werde», sagte Giles zitternd. «Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn
es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben
das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.»
«Das ist nicht der Kernpunkt der Sache», fuhr der Doktor geheimnisvoll
fort. «Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?»
«Ja, Sir, ich sollte meinen», stotterte der sehr blaß gewordene
Haushofmeister.
«Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch -- haben Sie auch ein
Gewissen, Brittles?»
«Barmherziger Himmel, Sir -- wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich
auch eins.»
«Dann sagt mir beide -- alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen
nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe
ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus
mit der Sprache! Sagt an, sagt an!»
Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt
bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone,
daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer
Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. -- «Achten Sie
auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler», sprach der Doktor
weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; «es kann
früher oder später viel darauf ankommen.»
Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte, und
griff zu seinem Stabe.
«Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der
Person», fuhr der Doktor fort.
«Sie haben vollkommen recht, Sir», sagte der Konstabler unter heftigem
Husten, denn er hatte rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die
unrechte Kehle gekommen war.
«Es wird in das Haus eingebrochen,» sagte der Doktor, «und zwei Leute
sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten
im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und
Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil
er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an
ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und
schwören, daß er an dem Einbruch teilgenommen habe. Die Frage ist nun
die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt
erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber
versetzen? Und nun noch einmal,» donnerte der Doktor, während der
Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah,
«seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium
die Identität des Knaben zu beschwören?»
Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an;
der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts
von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der
Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute
mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich
darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.
«Es sind die Polizeimänner aus London», rief Brittles, sich sehr
erleichtert fühlend, aus.
«In aller Welt, wie kommen denn die hierher?» fragte der Doktor,
seinerseits erschreckend.
«Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,» antwortete
Brittles, «und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.»
«Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener
Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!» sagte der
Doktor im Hinauseilen.