Von den Bewohnern des Hauses, in welchem Oliver sich befand.
In einem artigen Zimmer -- dessen Mobilien freilich mehr nach
altmodischer Bequemlichkeit als nach moderner Eleganz aussahen --
saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstische. Mr. Giles
wartete im vollständigen schwarzen Anzuge auf. Er stand kerzengerade
in der Mitte zwischen dem Schenk- und Frühstückstische mit
zurückgeworfenem und fast unmerklich zur Seite geneigtem Kopfe, den
linken Fuß vorangestellt und mit der rechten Hand im Busen, während
die herunterhängende Linke einen Präsentierteller hielt, und sah aus,
als wenn er sich des angenehmen Bewußtseins seiner Verdienste und
Wichtigkeit freute.
Die eine der beiden Damen war betagt, allein die hohe Lehne ihres
Stuhles war nicht gerader als ihre Haltung. Ihr Anzug war ein Muster
von Sauberkeit und Genauigkeit, altmodisch, doch nicht ohne Spuren der
Einwirkung des Tagesgeschmacks. So saß sie stattlich da, die gefalteten
Hände auf dem Tische vor ihr, die Augen -- denen die Jahre nur wenig
von ihrem Glanze genommen -- aufmerksam auf die jüngere Dame geheftet,
die in der ersten zarten Blüte der Weiblichkeit stand, eine der
jungfräulichen Gestalten, von welchen wir ohne Sünde annehmen mögen,
daß Engel sie bewohnen, wenn der Allmächtige zur Ausführung seiner
Absichten jemals zuläßt, daß sich die Himmelsbewohner in Gestalten der
Sterblichen verkörpern dürfen.
Sie befand sich noch im siebzehnten Jahre, und ihre Figur war so leicht
und ätherisch, so zart und edel, so lieblich und schön, als wäre die
Erde ihre Wohnstätte nicht, als könnten die gröberen Wesen dieser Welt
keine zu ihr passende Mitgeschöpfe sein. Der Geist, der aus ihren
dunkelblauen Augen leuchtete und aus ihren edlen Zügen sprach, schien
ihrem Alter zuvorgeeilt und kaum von dieser Welt zu sein; und doch
verkündete der lebensvolle, freundlich-holde Ausdruck ihrer Mienen,
die tausend Lichter, die auf ihrem rosigen Antlitz spielten und keinen
Schatten auf ihm lagern ließen, ihr Lächeln -- ihr frohes, seliges
Lächeln -- die höchste Gesinnungsschöne, den reinsten Herzensadel, die
wärmste Liebe und Zärtlichkeit, die besten Gefühle und Eigenheiten der
menschlichen Natur. Ihr Lächeln, ihr heiteres, glückstrahlendes Lächeln
war für häuslichen Frieden, häusliches Glück geschaffen.
Sie war eifrig mit den kleinen Anordnungen zum Frühstück beschäftigt,
und als sie zufällig die Augen aufschlug, während die ältere Dame
sie anblickte, strich sie freundlich ihr einfach auf der Stirn
gescheiteltes Haar zurück, und aus ihren Blicken leuchtete eine solche
tief-innige Zärtlichkeit und natürlich-ungefälschte Liebenswürdigkeit
hervor, daß selige Geister gelächelt haben möchten, sie so zu schauen.
Die ältere Dame lächelte, doch ihr Herz war schwer, und sie trocknete
eine Zähre in dem freundlichen Auge ab.
«Brittles ist also schon seit einer Stunde fort?» fragte sie nach einem
kurzen Stillschweigen.
«Eine Stunde und zwölf Minuten, Ma'am», antwortete Giles, auf seine
silberne Uhr blickend, die er an einem schwarzen Bande herauszog.
«Er ist immer langsam», bemerkte die alte Dame.
«Er war von jeher ein langsamer Bursche, Ma'am», sagte Giles, und in
Anbetracht dessen, daß Brittles, beiläufig gesagt, einige dreißig Jahre
ein langsamer Bursche gewesen war, war es nicht eben wahrscheinlich,
daß er jemals ein hurtiger werden würde.
«Ich glaube, er wird eher schlimmer als besser», fuhr die alte Dame
fort.
«Es würde gar nicht zu entschuldigen sein, wenn er sich aufhielte, um
etwa mit anderen Knaben zu spielen», fiel die junge Dame lächelnd ein.
Mr. Giles überlegte offenbar, ob er sich mit Schicklichkeit auch ein
ehrerbietiges Lächeln erlauben dürfe, als ein Gig vorfuhr, ein dicker
Herr heraussprang, in das Haus hereinstürmte und so eilig in das Zimmer
hereinpolterte, daß er fast Mr. Giles und den Teetisch umgeworfen hätte.
«So etwas ist mir ja in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen!» rief
er aus. «Meine beste Mrs. Maylie -- daß sich der Himmel erbarme --
und obendrein in der Stille der Nacht -- es ist ganz unerhört, ganz
unerhört!» Er schüttelte bei diesen Beileidsbezeigungen beiden Damen
die Hände, nahm Platz und erkundigte sich nach ihrem Befinden. -- «'s
ist ein Wunder, daß der Schreck Sie nicht getötet -- auf der Stelle
getötet hat!» fuhr er fort. «In aller Welt, warum schickten Sie nicht
zu mir? Wahrhaftig, mein Bedienter hätte in einer Minute hier sein
sollen oder ich selbst und mein Assistent -- jedermann würde mit
Freuden herbeigeeilt sein. Es versteht sich ja ganz von selbst -- unter
solchen Umständen -- Himmel! -- und so unerwartet -- und in der Stille
der Nacht!»
Der Doktor schien besonders durch den Umstand ganz außer sich geraten
zu sein, daß der Einbruch unerwartet und zu nächtlicher Zeit versucht
worden war, als wenn es die feststehende Gewohnheit der im Fache des
Einbrechens arbeitenden Gentlemen wäre, ihre Geschäfte um Mittag
abzumachen und ihr Erscheinen ein paar Tage vorher durch die Briefpost
anzukündigen.
«Und Sie, Miß Rose», sagte der Doktor zu der jungen Dame; «ich --»
«Ich befinde mich vortrefflich», unterbrach sie ihn; «aber oben liegt
ein Verwundeter, und die Tante wünscht, daß Sie ihn besuchen.»
«Ah, ich entsinne mich», versetzte der Doktor. «Wie ich höre, haben Sie
ihm die Wunde beigebracht, Giles.»
Mr. Giles, der in einem Fieber von Aufregung die Tassen geordnet hatte,
errötete sehr stark und erwiderte, daß er die Ehre habe.
«Die Ehre?» sagte der Doktor. «Doch mag sein, daß es ebenso ehrenvoll
ist, einen Dieb in einem Waschhause, wie einen Gegner auf zwölf
Schritte weit zu treffen. Bilden Sie sich ein, er hätte in die Luft
geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.»
Mr. Giles, der in dieser scherzhaften Behandlung der Sache einen
ungerechten Versuch erblickte, seinen Ruhm zu verkleinern, erwiderte
ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zukäme, ein Urteil darüber
auszusprechen, allein er lebe doch des Glaubens, daß die Sache für den
Getroffenen kein Spaß gewesen sei.
«Beim Himmel, das ist wahr!» sagte der Doktor. «Wo ist er? Führen Sie
mich zu ihm. Ich werde bald wieder bei Ihnen sein, Mrs. Maylie. Das
ist das kleine Fenster, durch das er eingestiegen ist? Es ist kaum zu
glauben.»
Er folgte, fortwährend sprechend, Mr. Giles die Treppe hinauf, und
während er hinaufgeht, sei dem Leser gesagt, daß Mr. Losberne, der
auf zehn Meilen im Umkreise unter dem Namen des «Doktors» bekannte
Wundarzt, mehr infolge eines heiteren Temperaments als guten Lebens
beleibt geworden und ein so gutherziger und biederer, nebenher auch
wunderlicher alter Junggeselle war, daß man in einem fünfmal größeren
Umkreise kaum seinesgleichen finden dürfte.
Der Doktor blieb weit länger fort, als es die Damen vermutet hatten. Es
wurde ein langer, flacher Kasten aus dem Gig geholt, häufig geklingelt,
die Dienerschaft lief treppauf, treppab; mit einem Worte, es mußte
wohl etwas Wichtiges vorgehen. Endlich trat er mit einer äußerst
geheimnisvollen Miene wieder herein, verschloß die Tür sorgfältig und
sagte, während er mit dem Rücken an sie gelehnt stehenblieb, als wenn
er verhindern wollte, daß jemand hereinkäme: «Mrs. Maylie, dies ist ein
ganz wunderbarer Fall.»
«Ich will doch hoffen, daß der Patient sich nicht in Gefahr befindet?»
fragte die alte Dame.
«Es würde den Umständen nach nicht zu verwundern sein,» erwiderte
Losberne, «obwohl ich es nicht glaube. Haben Sie den Dieb gesehen?»
«Nein.»
«Auch sich ihn nicht beschreiben lassen?»
«Nein.»
«Bitt' um Vergebung, Ma'am», fiel Giles ein; «ich wollte Ihnen eben
eine Beschreibung von ihm geben, als Doktor Losberne erschien.»
Die Sache verhielt sich indes so, daß sich Mr. Giles nicht hatte
überwinden können, das Geständnis zu machen, daß er nur einen Knaben
getroffen habe. Er hatte wegen seines mutvollen Benehmens so große
Lobsprüche erhalten, daß er nicht umhin gekonnt, die Aufhellung der
Sache noch ein paar entzückende Minuten aufzuschieben, um noch ein
Weilchen in dem süßen Bewußtsein des Ruhmes einer unerschütterlichen
Herzhaftigkeit zu schwelgen.
«Rose wünschte den Mann zu sehen,» sagte Mrs. Maylie, «allein ich
wollte nichts davon hören.»
«Hm!» sagte der Doktor. «Er sieht aber nicht eben sehr fürchterlich
aus. Möchten Sie ihn auch nicht in meiner Gegenwart sehen?»
«Warum nicht, wenn Sie es für notwendig halten?» erwiderte die alte
Dame.
«Ich muß es für notwendig erklären oder bin doch jedenfalls überzeugt,
daß Sie es gar sehr bedauern würden, es nicht getan zu haben, wenn Sie
ihn später zu sehen bekämen. Er ist vollkommen ruhig, und wir haben
auch in allen Beziehungen für ihn gesorgt. Erlauben Sie mir Ihren Arm,
Miß Rose. Auf meine Ehre, Sie brauchen nicht im mindesten Furcht zu
hegen.»