Eine kritische Situation.
«Wer ist hier?» fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete
und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.
«Öffnen Sie die Tür», entgegnete ein Mann von draußen. «Es sind die
Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.»
Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer
vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel
gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so
ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.
«Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd
und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen
kurze Zeit unterstellen können?»
Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete,
schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem
Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem
Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach
dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres
Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker
Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes,
ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen.
Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein
abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.
«Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären», sagte
der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar
Handfesseln auf den Tisch legend. «Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein
Wörtchen allein mit Ihnen reden?»
Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden
Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. «Dies ist die
Dame des Hauses», sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie
zu.
Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz
zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und
veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in
guter Gesellschaft bewegt zu haben schien oder sich doch jedenfalls
nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem
umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines
Handstockes an den Mund.
«Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch
kommen, Sir», sagte Blathers. «Wie verhält es sich mit der Sache?»
Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und
mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit
äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr
pfiffig zu.
«Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,»
bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, «als
bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch
versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die -- denn
ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen
-- daß er von keinem Kaffer verübt ist -- was sagst du, Duff?»
Duff war derselben Meinung.
«Sie wollen sagen,» versetzte Losberne lächelnd, «der Einbruch sei von
keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?»
«Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?»
Losberne verneinte.
«Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im
Hause spricht?»
«O ganz und gar nichts», erwiderte der Doktor. «Der Haushofmeister
hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre
bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen -- 's ist
aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.»
«Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen»,
bemerkte Duff.
«Du hast ganz recht, Duff», sagte Blathers mit bekräftigendem
Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein Paar
Kastagnetten gewesen wären. «Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er
über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen
sein, Sir?»
«Natürlich, nein», sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick
zuwerfend. «Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und --
doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen
Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?»
«Allerdings,» erwiderte Blathers. «Wir nehmen zuerst die Stelle in
Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der
gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.»
Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in
Begleitung des Konstablers des Ortes, Brittles', Giles' und, mit einem
Worte, sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine
Gemach am Ende des Hausflurs und sahen aus dem Fenster, gingen darauf
hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen,
spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen
die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war
und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt
hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und
Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht;
beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander
beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur
in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs
wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff
hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der in Beziehung auf
Heimlichkeit und Feierlichkeit eine Konsultation berühmter Doktoren
über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.
Losberne ging unterdessen im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und
ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.
«Auf mein Wort,» sagte er, plötzlich stillstehend, «ich weiß kaum, was
hier zu tun ist.»
«Wenn den beiden Männern», versetzte Rose, «die Geschichte des
unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug,
ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.»
«Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame», wandte der Doktor
kopfschüttelnd ein. «Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren
Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei
jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein
weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt,
unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.»
«Sie schenken ihr doch Glauben?» fiel Rose hastig ein.
«Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht
ein großer Tor, weil ich es tue,» versetzte der Doktor; «allein
nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen
erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.»
«Warum aber nicht?» fragte Rose.
«Meine schöne Inquirentin,» erwiderte Losberne, «weil in ihr, wenn
man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände
vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem,
was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum
und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht
vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in
der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls
angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat, und aus dem Hause
des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht
angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern
nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen
und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade
in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was
seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte
Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht
absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen
könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?»
«Natürlich leuchtet es mir ein», erwiderte Rose, den Eifer des Doktors
belächelnd; «allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die
Schuld des armen Kindes erwiesen würde.»
«Nicht -- ei!» rief Losberne aus. «O, über die hellen, scharfen
Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur
die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die
sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!»
Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen
Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen
und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer
auf und ab zu gehen. «Je mehr ich darüber nachdenke,» fuhr er fort,
«desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den
beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin
überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden,
und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch
ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen,
von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn
aus dem Elende zu retten.»
«O bester Doktor, was ist da zu tun?» rief Rose aus. «Du lieber Himmel,
daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei
zu schicken!»
«Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre»,
fiel Mrs. Maylie ein.
«Ich weiß nur eins,» sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe
der Verzweiflung hinsetzend, «daß ich die Kerle mit göttlicher
Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein
guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich
starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er
für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen
seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht
glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!»
Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein
Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne
noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem
Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den
Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten
Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.
«Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehabt», bemerkte
Mrs. Maylie.
«Mag wohl sein, Ma'am», entgegnete Blathers; «sie konnte aber auch Hand
im Spiele gehabt haben.»
«Und eben weil kein Verdacht sie traf,» fiel Duff ein, «mußte um so
mehr danach geforscht werden.»
«Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist», fuhr Blathers
fort; «die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.»
«In Wahrheit sehr wackere Arbeit», bemerkte Duff leise.
«Der Einbrecher sind zwei gewesen,» berichtete Blathers weiter, «und
sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters
klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den
Burschen, den Sie im Hause haben.»
«Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs.
Maylie», sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein
neuer Gedanke aufgegangen wäre.
«Gewiß», fiel Rose eifrig ein. «Es steht Ihnen sogleich alles zu
Diensten, wenn Sie befehlen.»
«Besten Dank, Miß», sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund
fahrend. «So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand
haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.»
«Was belieben Sie?» fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem
Eckschrank folgend.
«Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir», erwiderte
Blathers. «Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der
Branntwein läuft einem so warm übers Herz.»
Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor
schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.
«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge
emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher
Geschichten erlebt.»
«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.
«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er
wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»
«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir,
die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im
Spiele dabei gehabt als ich.»
«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch,
wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch
merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»
«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste
bei guter Laune zu erhalten.
«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein
würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed --»
«Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche[AN], Ma'am», bemerkte Duff.
[AN] Verräter, Angeber.
«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich
mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein
Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge
Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen
zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der
Zeit noch nicht zur Kabrusche[AO], und einst wurden ihm mitten in der
Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von
'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge
gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem
Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber
war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus
dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach.
Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den
Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf
einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das
Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage
ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das
allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt,
Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das
Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem
Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten
Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes
Beistand zu leisten. >Spyers<, sagte Chickweed, >ich habe ihn gestern
morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.< -- >Warum haben Sie ihn
nicht sogleich angehalten?< fragte Spyers. >Ich war so bestürzt, daß
Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen
können,< antwortete der arme Mensch; >wir werden ihn aber gewiß
attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er
wieder vorüber.< Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an
ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh',
aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich
anfing zu schreien: >Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!< Jem
Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem
Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du,
geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der
Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war
Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen
Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal
wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's
tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm
nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist
der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß
die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und
spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der
unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»
[AO] Gaunergenossenschaft.
«Was sagte denn Jem Spyers?» fragte der Doktor, der wieder in das
Zimmer zurückgekehrt war.
«Jem Spyers,» erwiderte der Erzähler, «sagte 'ne lange Zeit gar nichts
und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß
er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu
Chickweed und sagte: >Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den
Diebstahl begangen hat.< -- >Wirklich!< rief Chickweed aus; >o mein
bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen
kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie
heißt der Bösewicht?< -- >Guter Freund,< antwortete Spyers, ihm eine
Prise anbietend, >lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.<
Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück
Geld gemacht, und es würde auch niemand dahintergekommen sein, wenn er
nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fernzuhalten.»
«Ein seltsamer Fall», bemerkte der Doktor. «Wenn es Ihnen aber beliebt,
so können Sie jetzt hinaufgehen.»
Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer.
Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah
kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so
daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher,
ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich
befand oder was mit ihm vorgegangen war.
«Dies ist der Knabe,» sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit
großer Lebhaftigkeit, «der in einem Garten hier in der Nähe bei einer
kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen
Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und
den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich
festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten,
was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.»
Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer
Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von
Furcht und Verwirrung ausdrückten.
«Sie werden nicht leugnen wollen?» fügte Losberne, Oliver wieder
niederlegend, hinzu.
«Es geschah alles zum -- zum Besten, Sir!» antwortete Giles. «Ich hielt
ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich
bin wahrlich kein Unmensch, Sir.»
«Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?» fragte Blathers.
«Für den Gehilfen der Einbrecher», erwiderte Giles. «Sie -- sie hatten
einen Knaben bei sich.»
«Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?»
«Kann's wirklich nicht sagen -- könnt's nicht beschwören, daß er es
ist.»
«Was glauben Sie aber?»
«Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß
es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie
wissen, daß er es nicht sein kann.»
«Hat der Mann getrunken, Sir?» fragte Blathers den Doktor.
Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte,
die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer
Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und
Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein
solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus
nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit, und daß nur einige
seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht
wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles
gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der
Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.
Unter anderen scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob
Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol
untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, --
eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor
ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte.
Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der
schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet
zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch
das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten
sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den
Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am
anderen Morgen wiederzukommen.
Am anderen Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie
übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht
unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht
wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen
Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen
Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen
hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis
bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit
gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung
aller sonstigen Indizien, nicht als genügender Beweis gilt, daß der
oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der
Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so
klug zurück, wie sie hingereist waren.
Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende
Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes
Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls
er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem
sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen
nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung
aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der
Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der
erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen
Conkey Chickweed zuzuschreiben.
Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung
und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn
glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel
erhört werden -- und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört?
--, so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine
Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem
Innern belohnt wurden.