31. Kapitel.

Eine kritische Situation.

«Wer ist hier?» fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete

und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.

«Öffnen Sie die Tür», entgegnete ein Mann von draußen. «Es sind die

Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.»

Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer

vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel

gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so

ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.

«Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd

und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen

kurze Zeit unterstellen können?»

Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete,

schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem

Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem

Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach

dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres

Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker

Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes,

ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen.

Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein

abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.

«Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären», sagte

der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar

Handfesseln auf den Tisch legend. «Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein

Wörtchen allein mit Ihnen reden?»

Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden

Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. «Dies ist die

Dame des Hauses», sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie

zu.

Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz

zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und

veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in

guter Gesellschaft bewegt zu haben schien oder sich doch jedenfalls

nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem

umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines

Handstockes an den Mund.

«Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch

kommen, Sir», sagte Blathers. «Wie verhält es sich mit der Sache?»

Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und

mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit

äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr

pfiffig zu.

«Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,»

bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, «als

bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch

versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die -- denn

ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen

-- daß er von keinem Kaffer verübt ist -- was sagst du, Duff?»

Duff war derselben Meinung.

«Sie wollen sagen,» versetzte Losberne lächelnd, «der Einbruch sei von

keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?»

«Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?»

Losberne verneinte.

«Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im

Hause spricht?»

«O ganz und gar nichts», erwiderte der Doktor. «Der Haushofmeister

hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre

bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen -- 's ist

aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.»

«Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen»,

bemerkte Duff.

«Du hast ganz recht, Duff», sagte Blathers mit bekräftigendem

Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein Paar

Kastagnetten gewesen wären. «Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er

über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen

sein, Sir?»

«Natürlich, nein», sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick

zuwerfend. «Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und --

doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen

Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?»

«Allerdings,» erwiderte Blathers. «Wir nehmen zuerst die Stelle in

Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der

gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.»

Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in

Begleitung des Konstablers des Ortes, Brittles', Giles' und, mit einem

Worte, sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine

Gemach am Ende des Hausflurs und sahen aus dem Fenster, gingen darauf

hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen,

spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen

die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war

und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt

hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und

Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht;

beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander

beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur

in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs

wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff

hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der in Beziehung auf

Heimlichkeit und Feierlichkeit eine Konsultation berühmter Doktoren

über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.

Losberne ging unterdessen im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und

ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.

«Auf mein Wort,» sagte er, plötzlich stillstehend, «ich weiß kaum, was

hier zu tun ist.»

«Wenn den beiden Männern», versetzte Rose, «die Geschichte des

unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug,

ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.»

«Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame», wandte der Doktor

kopfschüttelnd ein. «Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren

Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei

jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein

weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt,

unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.»

«Sie schenken ihr doch Glauben?» fiel Rose hastig ein.

«Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht

ein großer Tor, weil ich es tue,» versetzte der Doktor; «allein

nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen

erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.»

«Warum aber nicht?» fragte Rose.

«Meine schöne Inquirentin,» erwiderte Losberne, «weil in ihr, wenn

man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände

vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem,

was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum

und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht

vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in

der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls

angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat, und aus dem Hause

des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht

angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern

nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen

und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade

in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was

seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte

Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht

absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen

könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?»

«Natürlich leuchtet es mir ein», erwiderte Rose, den Eifer des Doktors

belächelnd; «allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die

Schuld des armen Kindes erwiesen würde.»

«Nicht -- ei!» rief Losberne aus. «O, über die hellen, scharfen

Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur

die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die

sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!»

Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen

Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen

und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer

auf und ab zu gehen. «Je mehr ich darüber nachdenke,» fuhr er fort,

«desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den

beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin

überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden,

und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch

ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen,

von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn

aus dem Elende zu retten.»

«O bester Doktor, was ist da zu tun?» rief Rose aus. «Du lieber Himmel,

daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei

zu schicken!»

«Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre»,

fiel Mrs. Maylie ein.

«Ich weiß nur eins,» sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe

der Verzweiflung hinsetzend, «daß ich die Kerle mit göttlicher

Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein

guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich

starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er

für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen

seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht

glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!»

Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein

Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne

noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem

Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den

Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten

Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.

«Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehabt», bemerkte

Mrs. Maylie.

«Mag wohl sein, Ma'am», entgegnete Blathers; «sie konnte aber auch Hand

im Spiele gehabt haben.»

«Und eben weil kein Verdacht sie traf,» fiel Duff ein, «mußte um so

mehr danach geforscht werden.»

«Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist», fuhr Blathers

fort; «die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.»

«In Wahrheit sehr wackere Arbeit», bemerkte Duff leise.

«Der Einbrecher sind zwei gewesen,» berichtete Blathers weiter, «und

sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters

klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den

Burschen, den Sie im Hause haben.»

«Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs.

Maylie», sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein

neuer Gedanke aufgegangen wäre.

«Gewiß», fiel Rose eifrig ein. «Es steht Ihnen sogleich alles zu

Diensten, wenn Sie befehlen.»

«Besten Dank, Miß», sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund

fahrend. «So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand

haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.»

«Was belieben Sie?» fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem

Eckschrank folgend.

«Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir», erwiderte

Blathers. «Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der

Branntwein läuft einem so warm übers Herz.»

Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor

schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.

«Ah, meine Damen,» fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge

emporhaltend, fort, «ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher

Geschichten erlebt.»

«Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers», fiel Duff ein.

«Ja, ja», sagte Blathers; «der war diesem allerdings ähnlich genug. Er

wurde von dem Conkey Chickweed begangen.»

«Das hast du immer behauptet», entgegnete Duff; «aber ich sage dir,

die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im

Spiele dabei gehabt als ich.»

«Ei was,» sagte Blathers, «ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch,

wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch

merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.»

«Erzählen Sie doch», nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste

bei guter Laune zu erhalten.

«Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein

würde, Miß», begann Blathers. «Nämlich der Conkey Chickweed --»

«Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche[AN], Ma'am», bemerkte Duff.

[AN] Verräter, Angeber.

«Das wird die Dame ja wohl wissen», bemerkte Blathers. «Unterbrich

mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein

Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge

Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen

zuzuschauen, was man nirgends besser sehen konnte. Er gehörte zu der

Zeit noch nicht zur Kabrusche[AO], und einst wurden ihm mitten in der

Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von

'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge

gestohlen, der sich unter dem Bett versteckt gehabt hatte und mit dem

Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber

war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus

dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach.

Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den

Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf

einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das

Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage

ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das

allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt,

Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das

Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem

Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten

Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes

Beistand zu leisten. >Spyers<, sagte Chickweed, >ich habe ihn gestern

morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.< -- >Warum haben Sie ihn

nicht sogleich angehalten?< fragte Spyers. >Ich war so bestürzt, daß

Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen

können,< antwortete der arme Mensch; >wir werden ihn aber gewiß

attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er

wieder vorüber.< Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an

ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh',

aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich

anfing zu schreien: >Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!< Jem

Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem

Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du, was kannst du,

geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der

Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am anderen Morgen war

Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen

Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich mal

wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's

tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm

nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist

der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß

die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und

spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der

unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.»

[AO] Gaunergenossenschaft.

«Was sagte denn Jem Spyers?» fragte der Doktor, der wieder in das

Zimmer zurückgekehrt war.

«Jem Spyers,» erwiderte der Erzähler, «sagte 'ne lange Zeit gar nichts

und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß

er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu

Chickweed und sagte: >Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den

Diebstahl begangen hat.< -- >Wirklich!< rief Chickweed aus; >o mein

bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen

kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie

heißt der Bösewicht?< -- >Guter Freund,< antwortete Spyers, ihm eine

Prise anbietend, >lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.<

Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück

Geld gemacht, und es würde auch niemand dahintergekommen sein, wenn er

nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fernzuhalten.»

«Ein seltsamer Fall», bemerkte der Doktor. «Wenn es Ihnen aber beliebt,

so können Sie jetzt hinaufgehen.»

Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer.

Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah

kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so

daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher,

ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich

befand oder was mit ihm vorgegangen war.

«Dies ist der Knabe,» sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit

großer Lebhaftigkeit, «der in einem Garten hier in der Nähe bei einer

kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen

Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und

den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich

festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten,

was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.»

Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer

Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von

Furcht und Verwirrung ausdrückten.

«Sie werden nicht leugnen wollen?» fügte Losberne, Oliver wieder

niederlegend, hinzu.

«Es geschah alles zum -- zum Besten, Sir!» antwortete Giles. «Ich hielt

ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich

bin wahrlich kein Unmensch, Sir.»

«Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?» fragte Blathers.

«Für den Gehilfen der Einbrecher», erwiderte Giles. «Sie -- sie hatten

einen Knaben bei sich.»

«Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?»

«Kann's wirklich nicht sagen -- könnt's nicht beschwören, daß er es

ist.»

«Was glauben Sie aber?»

«Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß

es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie

wissen, daß er es nicht sein kann.»

«Hat der Mann getrunken, Sir?» fragte Blathers den Doktor.

Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte,

die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer

Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und

Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein

solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus

nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit, und daß nur einige

seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht

wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles

gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der

Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.

Unter anderen scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob

Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol

untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, --

eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor

ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte.

Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der

schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet

zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch

das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten

sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den

Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am

anderen Morgen wiederzukommen.

Am anderen Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie

übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht

unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht

wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen

Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen

Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen

hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis

bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit

gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung

aller sonstigen Indizien, nicht als genügender Beweis gilt, daß der

oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der

Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so

klug zurück, wie sie hingereist waren.

Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende

Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes

Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls

er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem

sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen

nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung

aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der

Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der

erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen

Conkey Chickweed zuzuschreiben.

Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung

und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn

glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel

erhört werden -- und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört?

--, so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine

Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem

Innern belohnt wurden.

Oliver Twist(#56586) · 第 39 / 67 题