«Nein.»
«Keine Nachricht von Barney?»
«Nein. Er wird sich auch nicht rühren, bis alles sicher ist. Verlaßt
Euch drauf, sie sind ihm auf der Spur, und wenn er sich blicken ließe,
würde er die ganze Geschichte verraten. 's ist alles ganz richtig mit
ihm: ich hätte sonst von ihm gehört. Laßt ihn nur zufrieden; ich stehe
dafür, daß er sich mit großer Klugheit benimmt.»
«Wird er nicht kommen heut' abend?»
«Meint Ihr Monks?» lautete des Wirtes zögernde Gegenfrage.
«Pst! Ja doch!»
«Ich hab' ihn schon erwartet, und wenn Ihr nur zehn Minuten verweilen
wollt --»
«Nein, nein», unterbrach ihn der Jude hastig, als ob es ihn beruhigt
hätte, zu hören, daß der Mann, nach welchem er gefragt, nicht anwesend
sei, so begierig er, wie es schien, gewesen war, ihn zu sehen. «Sagt
ihm, daß ich ihn gesucht hätte hier, und daß er noch heute abend müßte
kommen zu mir -- doch nein, sagt morgen. Da er einmal nicht hier ist,
wird's auch morgen noch sein Zeit genug.»
«Gut! Habt Ihr noch ein Anliegen?»
«Nein, gute Nacht!» erwiderte Fagin im Hinuntergehen.
«Holla!» rief ihm der Wirt flüsternd nach, «was dies für 'ne
Gelegenheit zu 'nem Geschäftchen sein würde! Ich hab' da den Phil
Barker drinnen so sternig[AK], daß ihn ein Kind brennen[AL] könnte.»
[AK] betrunken.
[AL] betrügen.
«Ah so! 's ist aber noch nicht für Phil Barker die Zeit», rief der Jude
ebenso leise zurück. «Phil hat noch zu tun etwas, bis wir können ihn
entbehren. Geht also wieder zu Eurer Gesellschaft, mein Lieber, und
sagt den Leuten, daß sie lustig möchten leben -- solange sie noch am
Leben sind. Ha, ha, ha!»
Der Wirt stimmte in das heisere Lachen des alten Mannes ein und kehrte
zu seinen Gästen zurück. Sobald der Jude allein war, wurden auch seine
Mienen wieder nachdenklich und besorgt. Nach einem kurzen Besinnen rief
er einen Mietskutscher an, befahl ihm, nach Bethnal Green zu fahren,
stieg einige tausend Schritte vor Sikes' Wohnung wieder aus und eilte
zu Fuß weiter.
«Jetzt wird sich's schon zeigen, mein Mädchen,» murmelte er vor sich
hin, als er an die Haustür klopfte; «führst du was Geheimes im Schilde,
so will ich's bald haben heraus, so listig du auch bist.»
Er schlich leise hinauf und trat, ohne anzuklopfen, in Nancys Zimmer.
Sie war allein und lag mit dem Kopfe, um den das Haar unordentlich
herumhing, auf dem Tische. «Sie hat getrunken», dachte er gleichgültig,
«oder ist vielleicht bloß unwirsch.»
Der alte Mann drückte die Tür wieder zu, während er diese Betrachtung
anstellte, und das dadurch hervorgebrachte Geräusch weckte sie aus
ihrem Schlummer oder Hinbrüten; sie begegnete ruhig seinen forschenden
Blicken, fragte, was es Neues gäbe, und er erzählte ihr, was er von
Toby Crackit vernommen hatte. Sie hörte ihm zu, legte, ohne ein Wort
zu sprechen, den Kopf wieder auf den Tisch, stieß dann das Licht
ungeduldig von sich und scharrte mit den Füßen; dies war jedoch alles.
Der Jude blickte unruhig umher, als ob er sich überzeugen wollte, daß
Sikes nicht insgeheim zurückgekehrt wäre. Befriedigt, wie es schien,
durch sein Umherspähen, hustete er ein paarmal und machte ebensoviele
Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen; allein das Mädchen beachtete ihn
nicht mehr, als wenn er eine Bildsäule gewesen wäre. Endlich nahm er
sich zusammen und sagte händereibend und im freundlichsten Tone: «Was
meinst du denn, liebes Kind, wo wohl sein mag Bill?»
Das Mädchen murmelte in kaum verständlichen Worten, sie könne es nicht
sagen, und es schien ihm, als ob sie leise schluchze.
«Und wo wohl mag sein der kleine Oliver?» fuhr er fort, die Augen
anstrengend, um etwas von ihrem Gesichte zu erspähen. «Das arme Kind --
denk nur, Nancy -- wie sie's haben lassen liegen in einem Graben!»
«Da ist ihm wohler als unter uns», sagte das Mädchen, plötzlich
aufblickend; «und wenn für Bill nichts Schlimmes daraus entsteht, so
will ich hoffen und wünschen, daß der Kleine tot im Graben liegt, und
daß seine jungen Gebeine darin verfaulen.»
Den Lippen des Juden entfloh ein Ausruf des Erstaunens.
«Ja, das hoff' und wünsch' ich», fuhr Nancy, seinen Blicken begegnend,
fort. «Ich freue mich, daß er mir aus den Augen, und zu wissen, daß
das Schlimmste vorüber ist. Ich *kann* ihn nicht um mich haben; ich
verabscheue mich selbst und euch alle, wenn ich ihn sehe.»
«Pah!» fiel der Jude verächtlich ein. «Du bist betrunken, Mädchen.»
«So -- betrunken!» höhnte Nancy. «Eure Schuld ist's freilich nicht,
wenn ich's nicht bin. Ich wäre niemals nüchtern, wenn's nach Eurem
Willen ginge, jetzt ausgenommen! -- Meine Laune scheint Euch nicht zu
behagen.»
«Nein, durchaus nicht!» sagte der Jude wütend.
«So ändert sie», fuhr das Mädchen mit Lachen fort.
«Sie ändern!» schrie der Jude, durch die unerwartete Hartnäckigkeit
des Mädchens und die Verdrießlichkeiten des Abends über alle Maßen
erbittert. «Ja, ich will sie ändern! Hör', was ich werde dir sagen,
du liederliches Weibsbild! Ich, der ich nur zu sprechen brauche sechs
Worte, und Sikes wird zugeschnürt die Kehle so gewiß, wie ich würde
ihn dämpfen, hätt' ich jetzt zwischen meinen Fingern seinen Stierhals.
Kommt er zurück, ohne mitzubringen den Knaben -- kommt er glücklich
davon und bringt mir nicht ihn, lebendig oder tot, Mädchen, so morde
deinen Bill selbst, wenn du willst, daß er entgehen soll dem Galgen,
und tu' es ja, sobald er den Fuß hier setzt hinein ins Zimmer; denn
merk', es wird sonst sein zu spät!»
«Was sagt Ihr da?» rief das Mädchen unwillkürlich aus.
«Was ich sage?» fuhr der Jude, vor Wut fast von Sinnen, fort. «Dies
sag' ich! Wenn das Kind ist wert viele hundert Pfund für mich, soll ich
verlieren, was mir zugewürfelt hat der Zufall, durch die Tollheiten
einer betrunkenen Bande, deren Leben in meiner Gewalt ist -- und indem
ich obenein gesellt bin mit 'nem eingefleischten Teufel, der nur
braucht zu wollen und hat die Macht, zu ... zu ...» --
Er keuchte atemlos, sprudelte vor Wut, bemühte sich vergebens, Worte
zu finden; plötzlich aber bezwang er seinen Zorn und nahm ein ganz
anderes Wesen an. Er sank zusammengekrümmt auf einen Stuhl nieder und
bebte vor Angst, geheimste Schurkereien selbst offenbart zu haben. Nach
einem kurzen Stillschweigen wagte er es, nach Nancy hinzublicken und
schien etwas ruhiger zu werden, als er sie wieder in derselben achtlos
gleichgültigen Stellung sah, in welcher er sie gefunden hatte.
«Nancy, liebes Kind,» krächzte er in seinem gewöhnlichen Tone, «hast du
gehört, was ich habe gesagt?»
«Laßt mich jetzt in Ruhe, Fagin», antwortete sie, den Kopf matt und
schläfrig emporrichtend. «Wenn es Bill diesmal nicht getan hat, so
wird er's ein andermal tun; er hat manch schönes Geschäft für Euch
ausgerichtet und wird Euch noch viele ausrichten, wenn er kann; kann
er's aber einmal nicht, so kann er's nicht. Und nun sprecht nicht mehr
davon.»
«Aber was anbelangt den Oliver, Kind?» sagte der Jude, indem er sich
unruhig die Hände rieb.
«Er muß das Schicksal der anderen teilen,» fiel Nancy hastig ein; «und
ich sag' es noch einmal, ich hoffe, daß er tot ist und vor Schaden und
vor Euch sicher ist -- das heißt, wenn Bill nichts Schlimmes begegnet;
und ist Toby gut davongekommen, so wird er's ohne Zweifel auch sein,
denn was der kann, kann Bill tausendmal.»
«Und was anbelangt das, was ich sagte, Kind?» sagte der Jude, sie
doppelt scharf in das Auge fassend.
«Ihr müßt's alles noch einmal wiederholen, wenn Ihr wollt, daß ich
etwas tun soll,» entgegnete Nancy, «und sagt mir es lieber morgen. Ihr
hattet mich auf 'nen Augenblick aufgestört, aber ich bin jetzt wieder
so müd' und dämlich wie vorher.»
Der Jude legte ihr noch mehrere andere Fragen in derselben Absicht
vor, um zu erfahren, ob sie die ihm in einem unbewachten Augenblicke
entschlüpften Andeutungen beachtet und verstanden hätte; allein sie
antwortete und hielt seine forschenden Blicke so unbefangen aus, daß er
seinen ersten Gedanken, daß sie zuviel getrunken, vollkommen bestätigt
zu sehen glaubte. Und Miß Nancy war allerdings nicht frei von der unter
Fagins Zöglingen gewöhnlichen Schwäche, der Neigung zum übermäßigen
Genuß geistiger Getränke, in der sie in ihren zarteren Jahren eher
bestärkt wurden, als daß man sie davon zurückgehalten hätte. Ihr
wüstes Aussehen und der das Gemach anfüllende starke Genevergeruch
dienten zum bekräftigenden Beweise der Richtigkeit der Annahme des
Juden; und als sie endlich zu weinen und gleich darauf wieder zu
lachen anfing und wiederholt rief: «Heisa, wer wollte den Kopf hängen
lassen!» so zweifelte er, der in Sachen dieser Art seinerzeit große
eigene Erfahrungen gemacht hatte, nicht mehr und freute sich höchlich
der Gewißheit, daß ihre Trunkenheit in der Tat schon einen hohen Grad
erreicht hatte.
Er empfand infolge dieser Entdeckung eine große Erleichterung und
entfernte sich sehr zufrieden, seinen doppelten Zweck erreicht zu
haben, dem Mädchen zu hinterbringen, was ihm von Toby mitgeteilt
worden war, und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Sikes nicht
zurückgekehrt wäre. Es war eine Stunde vor Mitternacht und bitterlich
kalt; er säumte daher nicht, seine Wohnung baldmöglichst zu erreichen.
Als er an der Ecke der Straße, in welcher sie lag, angelangt war und
schon in der Tasche nach dem Hausschlüssel suchte, trat plötzlich und
unhörbar ein Mann hinter ihn und flüsterte seinen Namen dicht an
seinem Ohre. Er wendete sich rasch um und sagte: «Ist das --»
«Ja, ich bin's», unterbrach ihn der Mann barsch. «Hab' hier seit zwei
Stunden aufgepaßt. Wo zum Teufel seid Ihr gewesen?»
«Beschäftigt mit Euren Angelegenheiten, mein Lieber», erwiderte der
Jude, ihn unruhig anblickend und einen langsameren Schritt annehmend.
«Den ganzen Abend beschäftigt mit Euren Angelegenheiten.»
«Ei, natürlich», sagte der andere höhnisch. «Was habt Ihr denn
ausgerichtet?»
«Nicht viel Gutes», antwortete Fagin.
«Ich will hoffen, nichts Schlimmes», fiel der Vermummte, stillstehend
und den Juden wild ansehend, ein.
Fagin schüttelte den Kopf und stand im Begriff, ihm eine Antwort zu
geben, als ihn der Vermummte unterbrach und sagte, er wolle lieber
drinnen im Hause anhören, was er würde hören müssen, denn er wäre halb
erfroren. Der Jude sah ihn mit einer Miene an, die offenbar genug
verkündete, daß er des Besuches zu einer so späten Stunde gar gern
überhoben wäre, und murmelte, daß er kein Feuer habe, und Ähnliches;
allein der unwillkommene Gast wiederholte seine Erklärung, mit ihm
gehen zu wollen, mit großer Bestimmtheit, und Fagin schloß die Haustür
auf und sagte ihm, er möge sie leise wieder verschließen, während er
selbst Licht holen wolle.
«'s ist hier so finster wie im Grabe», bemerkte der Besucher, ein paar
Schritte vorwärts tappend. «Macht geschwind, ich kann solche Dunkelheit
nicht leiden.»
«Verschließt die Tür», flüsterte Fagin unten auf dem Hausflur, und
während er sprach, wurde die Türe mit donnerndem Schalle zugeworfen.
«Das hab' ich nicht getan», sagte Fagins Peiniger, sich vorwärts
fühlend. «Der Wind schlug sie zu, oder sie schloß sich von selber.
Macht geschwind, daß Ihr Licht bekommt, oder ich stoße mir in diesem
verwünschten Loche den Kopf noch ein.»
Fagin schlich in die Küche hinunter und kehrte bald darauf mit einem
angezündeten Lichte und der Kunde zurück, daß Toby Crackit unten im
Hinter- und die Knaben im Vorderzimmer schliefen. Er winkte seinem
ungebetenen Gaste und führte ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer des
oberen Stockwerks.
«Wir können sagen hier die paar Worte, die wir haben zu sagen,» begann
er, als sie eingetreten waren, «und ich will das Licht setzen draußen
an die Treppe, denn in den Fensterläden sind Löcher, und wir lassen
niemals sehen die Nachbarn, daß wir Licht haben.»
Er stellte den Leuchter der Tür des Zimmers gegenüber, in welchem sich
nur ein gebrechlicher Sessel und hinter der Tür ein altes Sofa ohne
Überzeug befand, auf das sich der müde Fremde warf. Der Jude setzte
sich vor ihn in den Sessel. Da die Tür halb offen stand, so war es im
Zimmer nicht ganz finster, und das draußen stehende Licht warf einen
schwachen Schein auf die Wand gegenüber.
Sie flüsterten einige Zeit so leise miteinander, daß ein Horcher
von ihrer Unterredung nur etwa so viel hätte verstehen können, um
daraus zu entnehmen, daß sich Fagin gegen Beschuldigungen des Fremden
verteidigte, und daß sich dieser in einer sehr gereizten Stimmung
befand. Sie mochten etwa eine Viertelstunde geflüstert haben, als Monks
-- denn so hatte der Jude seinen Besucher mehrere Male genannt -- etwas
lauter sagte: «Ich wiederhol's Euch, es war schlecht ausgedacht. Warum
habt Ihr ihn nicht hier behalten bei den anderen und ohne weiteres 'nen
jämmerlichen Taschendieb aus ihm gemacht?»
«Hör' einer an!» rief der Jude achselzuckend aus.
«Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr's nicht gekonnt hättet, wenn Ihr
gewollt?» fragte Monks unwillig. «Habt Ihr's nicht bei hundert anderen
Knaben verstanden? Hättet Ihr höchstens zehn bis zwölf Monate Geduld
gehabt, so wär's Euch doch ein leichtes gewesen, zu machen, daß er
verurteilt und vielleicht auf Lebenszeit deportiert wurde.»
«Wem würde dabei gewesen sein gedient, mein Lieber?» fragte der Jude im
demütigsten Tone.
«Mir!»
«Aber mir nicht», fuhr Fagin fast noch unterwürfiger fort. «Wenn zwei
Leute sind beteiligt bei einem Geschäft, so ist's doch nur billig, daß
berücksichtigt wird der Vorteil beider.»
«Was weiter?»
«Ich sah, daß es nicht leicht war, ihn zu erziehen zum Geschäft; er
hatte nicht denselben Charakter wie andere Knaben.»
«Hol' ihn der Satan, nein! denn er wäre sonst schon längst ein
Spitzbube gewesen.»
«Ich hatte kein Mittel in Händen, ihn zu machen schlimmer», fuhr der
Jude, angstvoll Monks Mienen beobachtend, fort; «er hatte in nichts die
Hand drin; ich konnt' ihm mit gar nichts einjagen Furcht und Schrecken,
und wir arbeiten immer vergeblich, wenn das nicht angeht. Was konnt'
ich tun? Ihn ausschicken mit dem Baldowerer und Charley? Es geschah,
und wir hatten genug an dem einen Male, mein Bester; ich mußte zittern
für uns alle.»
«*Das* war meine Schuld nicht», bemerkte der finstere Monks.
«Freilich; nein, o nein, mein Lieber, und ich mache Euch auch keinen
Vorwurf deshalb; denn wär's nicht geschehen, so wären Eure Blicke
vielleicht nicht gefallen auf den Knaben, und wir hätten vielleicht
niemals gemacht die Entdeckung, daß er es war, den Ihr suchtet. Nun
gut; ich bracht' ihn wieder in meine Gewalt durch die Nancy, und jetzt
fängt sie an und wirft sich auf zu seiner Freundin.»
«Schnürt ihr die Kehle zu!» sagte Monks ungeduldig.
«Geht jetzt eben nicht an, mein Lieber,» versetzte Fagin lächelnd; «und
außerdem machen wir in dergleichen keine Geschäfte, sonst wär mir's
schon lieb, wenn es geschähe über kurz oder lang. Monks, ich kenne
diese Dirne, sobald anfängt der Knabe verhärtet zu werden, wird sie
sich nicht kümmern um ihn mehr, als um 'nen Holzblock. Ihr wollt, daß
er werden soll ein Dieb; ist er noch am Leben, so kann ich ihn jetzt
dazu machen; und wenn -- wenn -- 's ist freilich nicht wahrscheinlich
-- aber wenn sich das Schlimmste hat ereignet, und er ist tot --»
«Wenn er's ist, so ist's meine Schuld nicht!» unterbrach ihn Monks mit
bestürzter Miene und mit bebender Hand den Juden beim Arme fassend.
«Merkt wohl, Fagin! ich habe keine Hand dabei im Spiel gehabt. Ich
hab's Euch von Anfang an gesagt, alles -- nur nicht, daß er sterben
sollte. Ich mag kein Blut vergießen -- es kommt stets heraus und
peinigt einen außerdem! Ist er totgeschossen, so kann ich nichts dafür;
hört Ihr, Fagin? -- Was -- ist der Teufel in dieser verwünschten
Spelunke los? -- was war das?»
«Was -- in aller Welt?» schrie der Jude, Monks mit beiden Armen
umfassend, als derselbe plötzlich im höchsten Schrecken emporsprang.
«Was -- wo?»
«Dort!» erwiderte der bebende Monks, nach der Wand gegenüber
hinzeigend. «Der Schatten -- ich sah den Schatten eines Frauenzimmers
in 'nem Mantel und Hut, wie 'nen Hauch an dem Täfelwerk dahingleiten.»
Der Jude ließ ihn los, und beide stürzten aus dem Zimmer hinaus.
Das vom Zugwinde flackernde Licht, das an der Stelle stand, wo es
Fagin hingestellt hatte, zeigte ihnen nur die leere Treppe und
ihre erbleichten Gesichter. Sie horchten mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit, allein die tiefste Stille herrschte im ganzen Hause.
«'s ist nichts gewesen als Eure Einbildung», sagte der Jude, das Licht
aufhebend und zu Monks sich wendend.
«Ich will darauf schwören, daß ich's wirklich sah», versetzte Monks,
fortwährend heftig zitternd. «Es beugte sich vor, als ich's erblickte,
und verschwand, als ich zu Euch davon zu sprechen anfing.»
Der Jude warf ihm einen verächtlichen Blick zu, forderte ihn auf, ihm
zu folgen, wenn es ihm beliebe, und ging voran die Treppe hinauf. Sie
schauten in alle Gemächer hinein, begaben sich wieder hinunter auf den
Hausflur, in die Keller, durchsuchten jeden Winkel, allein vergebens.
Es war im ganzen Hause öde und still wie der Tod.
«Was meint Ihr nun, mein Guter?» sagte der Jude, als sie wieder auf dem
Hausflur standen. «'s ist im Hause kein lebendiges Wesen außer uns und
Toby Crackit und den Knaben, und die sind wohl verwahrt. Schaut!»
Er nahm zwei Schlüssel aus der Tasche und fügte hinzu, daß er, als
er zuerst hinuntergegangen, Toby, Dawkins und Charley eingeschlossen
habe, um jede Störung des Gesprächs unmöglich zu machen. Monks
wurde wankend in seinem Glauben und erklärte endlich, daß ihm seine
erhitzte Einbildungskraft einen Streich gespielt haben müsse, wollte
die Unterredung jedoch für diesmal nicht fortsetzen, erinnerte sich
plötzlich, daß ein Uhr vorüber sei, und das liebenswürdige Freundespaar
trennte sich.