In welchem eine geheimnisvolle Person auftritt und viel von der
Erzählung Untrennbares geschieht.
Der alte Mann hatte die Straßenecke erreicht, bevor er anfing, sich von
dem Schrecken wieder zu erholen, den ihm Tobys Mitteilungen eingejagt
hatten. Er eilte soviel wie möglich durch Nebenstraßen und Gassen,
fast sinnlos immer vorwärts, so daß er beinahe von einem Mietswagen
überfahren worden wäre, und langte endlich auf Snow-Hill an, wo er
seine Schritte noch beschleunigte, bis er in eine lange und enge Gasse
eingebogen war. Jetzt schien er sich auf seinem Terrain zu fühlen und
freier zu atmen, denn er lief nicht mehr, sondern verfiel in seinen
gewöhnlichen, halb trippelnden, halb schlürfenden Gang.
Nicht weit von der Stelle, wo Snow-Hill und Holborn-Hill
zusammenstoßen, öffnet sich rechter Hand, wenn man aus der City
kommt, eine nach Saffron-Hill führende enge und erbärmliche Straße
-- Field-Lane -- mit zahllosen schmutzigen Läden, in welchen die
Taschentücher feilgeboten werden, welche die Ladenbesitzer von den
Taschendieben erhandelt haben. Die Straße hat ihren eigenen Barbier,
ihr Kaffeehaus, ihre Bierstube und ihre Garküche. Sie bildet eine
eigene Handelskolonie, ist der Stapelplatz für tausenderlei Artikel,
die Industriefrüchte der kleineren Diebe, und wird am frühen Morgen
und in der Abenddämmerung von schweigsamen Handelsleuten besucht,
die in finsteren Hinterzimmern ihre Geschäfte abmachen und auf so
absonderliche Art gehen, wie sie kommen.
In Field-Lane lenkte der Jude ein. Er war den Bewohnern sehr wohl
bekannt, von denen einer nach dem andern dem Vorübergehenden
vertraulich zunickte. Er erwiderte ihre Begrüßungen auf dieselbe Weise,
hielt sich indes nirgends auf, bis er den Ausgang der Straße erreicht
hatte, wo er einen Handelsmann von sehr kleiner Statur anredete, der in
seinem Laden saß und behaglich seine Pfeife rauchte. Er fragte ihn, wie
er sich befände.
«Vortrefflich! Aber in aller Welt, Mr. Fagin, wie, bekommt man Euch
einmal wieder zu sehen?» erwiderte das Männchen.
«Die Nachbarschaft hier war zu heiß ein wenig, Lively!» sagte Fagin,
die Augenbrauen emporziehend und die Hände über der Brust kreuzend.
«Hm! ich habe wohl schon ein paarmal darüber klagen hören; sie kühlt
sich indes bald wieder ab -- findet Ihr das nicht auch?»
Fagin nickte, wies nach Saffron-Hill und fragte, ob dort zu Abend
jemand wäre.
«In den Krüppeln?» fragte der kleine Handelsmann.
Der Jude bejahte.
«Wartet mal», fuhr der Handelsmann nachsinnend fort. «Ja, es ist ein
halbes Dutzend hineingegangen, soviel ich gesehen habe. Ich glaube aber
nicht, daß Euer Freund dort ist.»
«Ist Sikes nicht da?» fragte Fagin mit der Miene getäuschter Erwartung.
«Nein», erwiderte der Kleine, mit einem unsagbar schlauen Ausdruck den
Kopf schüttelnd. «Habt Ihr nichts zu handeln heute?»
«Heute nicht», erwiderte der Jude im Fortgehen.
«Geht Ihr in die Krüppel, Fagin?» rief ihm der kleine Handelsmann nach.
«Ich will mitgehen und 'nen Tropfen mit Euch trinken.»
Fagin winkte ihm mit der Hand, ihm bedeutend, daß er allein zu bleiben
wünsche, und die Krüppel wurden somit für dieses Mal der Ehre des
Besuchs Mr. Livelys beraubt, zumal der kleine Mann nicht leicht von
seinem Geschäft abkommen konnte. Während er sich erhoben hatte, war
der Jude verschwunden, und nachdem Mr. Lively sich vergebens auf die
Zehen gestellt hatte, um ihn nochmals zu Gesicht zu bekommen, mußte er
sich notgedrungen wieder auf seinen Stuhl setzen und nahm nach einem
bedenklichen und mißtrauischen Kopfschütteln seine Pfeife wieder zur
Hand.
Die Krüppel waren das Gasthaus, in welchem Sikes und sein Hund bereits
figuriert haben. Fagin gab einem Manne am Schenktische nur ein stummes
Zeichen und ging geradeswegs die Treppe hinauf, öffnete eine Tür, trat
sacht hinein und blickte ängstlich suchend und die Augen mit der Hand
beschattend, umher.
Das Zimmer war durch zwei Gasflammen erleuchtet, man hatte aber die
Fensterläden verschlossen und die Vorhänge dicht zugezogen. Die
Decke war geschwärzt, damit ihre Farbe unter dem Qualm der Lampen
nicht litte, und der ganze Raum dergestalt mit Tabaksrauch angefüllt,
daß Fagin anfangs kaum einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte.
Allmählich erkannte er jedoch die zahlreiche Gesellschaft, deren
Anwesenheit ihm zuerst nur durch verworrenen Lärm kund geworden war.
Oben an der Tafel saß mit einem Präsidentenhammer der Wirt, ein
plumper, vierschrötiger Mann, der, als ein munteres Lied gesungen
wurde, sich gänzlich der allgemeinen Heiterkeit hinzugeben schien,
die Augen und Ohren aber -- und zwar sehr scharfe Augen und Ohren
-- offen und überall hatte. Ihm gegenüber an einem verstimmten
Fortepiano saß ein Musiker mit bläulicher Nase und Zahnschmerzen
halber verbundener Wange. Die Sänger ließen sich ihre Gläser noch
weit besser als die ihnen gespendeten Lobsprüche behagen, und die
Gesichter ihrer Bewunderer drückten fast jedes Laster in jeglicher
Abstufung aus und waren unwiderstehlich anziehend, weil grenzenlos
abstoßend. Man sah überall die mannigfachsten und wahrhaftesten
Bilder der Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit, und die --
sämtlich noch mehr oder minder jugendlichen -- Frauenzimmer trugen die
abschreckendsten Spuren der Ausschweifung an sich, während in ihrem
wüsten Aussehen keine Spur edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war, so
daß sie die schwärzeste und betrübendste Schattenpartie des Gemäldes
bildeten.
Fagin ließ sich jedoch durch Gedanken solcher Art nicht von fern
beunruhigen. Seine Blicke schweiften gespannt von einem Gesicht zum
andern, schienen aber vergebens zu suchen. Er winkte endlich unbemerkt
dem vorsitzenden Wirte, und schlich so sacht wieder hinaus, wie er
hineingeschlichen war.
«Was wünscht Ihr von mir, Mr. Fagin?» fragte der Wirt leise, sobald er
beim Juden draußen an der Treppe stand. «Wollt Ihr Euch nicht zu uns
setzen? Die ganze Gesellschaft würde sich sehr freuen.»