26. Kapitel.

In welchem eine geheimnisvolle Person auftritt und viel von der

Erzählung Untrennbares geschieht.

Der alte Mann hatte die Straßenecke erreicht, bevor er anfing, sich von

dem Schrecken wieder zu erholen, den ihm Tobys Mitteilungen eingejagt

hatten. Er eilte soviel wie möglich durch Nebenstraßen und Gassen,

fast sinnlos immer vorwärts, so daß er beinahe von einem Mietswagen

überfahren worden wäre, und langte endlich auf Snow-Hill an, wo er

seine Schritte noch beschleunigte, bis er in eine lange und enge Gasse

eingebogen war. Jetzt schien er sich auf seinem Terrain zu fühlen und

freier zu atmen, denn er lief nicht mehr, sondern verfiel in seinen

gewöhnlichen, halb trippelnden, halb schlürfenden Gang.

Nicht weit von der Stelle, wo Snow-Hill und Holborn-Hill

zusammenstoßen, öffnet sich rechter Hand, wenn man aus der City

kommt, eine nach Saffron-Hill führende enge und erbärmliche Straße

-- Field-Lane -- mit zahllosen schmutzigen Läden, in welchen die

Taschentücher feilgeboten werden, welche die Ladenbesitzer von den

Taschendieben erhandelt haben. Die Straße hat ihren eigenen Barbier,

ihr Kaffeehaus, ihre Bierstube und ihre Garküche. Sie bildet eine

eigene Handelskolonie, ist der Stapelplatz für tausenderlei Artikel,

die Industriefrüchte der kleineren Diebe, und wird am frühen Morgen

und in der Abenddämmerung von schweigsamen Handelsleuten besucht,

die in finsteren Hinterzimmern ihre Geschäfte abmachen und auf so

absonderliche Art gehen, wie sie kommen.

In Field-Lane lenkte der Jude ein. Er war den Bewohnern sehr wohl

bekannt, von denen einer nach dem andern dem Vorübergehenden

vertraulich zunickte. Er erwiderte ihre Begrüßungen auf dieselbe Weise,

hielt sich indes nirgends auf, bis er den Ausgang der Straße erreicht

hatte, wo er einen Handelsmann von sehr kleiner Statur anredete, der in

seinem Laden saß und behaglich seine Pfeife rauchte. Er fragte ihn, wie

er sich befände.

«Vortrefflich! Aber in aller Welt, Mr. Fagin, wie, bekommt man Euch

einmal wieder zu sehen?» erwiderte das Männchen.

«Die Nachbarschaft hier war zu heiß ein wenig, Lively!» sagte Fagin,

die Augenbrauen emporziehend und die Hände über der Brust kreuzend.

«Hm! ich habe wohl schon ein paarmal darüber klagen hören; sie kühlt

sich indes bald wieder ab -- findet Ihr das nicht auch?»

Fagin nickte, wies nach Saffron-Hill und fragte, ob dort zu Abend

jemand wäre.

«In den Krüppeln?» fragte der kleine Handelsmann.

Der Jude bejahte.

«Wartet mal», fuhr der Handelsmann nachsinnend fort. «Ja, es ist ein

halbes Dutzend hineingegangen, soviel ich gesehen habe. Ich glaube aber

nicht, daß Euer Freund dort ist.»

«Ist Sikes nicht da?» fragte Fagin mit der Miene getäuschter Erwartung.

«Nein», erwiderte der Kleine, mit einem unsagbar schlauen Ausdruck den

Kopf schüttelnd. «Habt Ihr nichts zu handeln heute?»

«Heute nicht», erwiderte der Jude im Fortgehen.

«Geht Ihr in die Krüppel, Fagin?» rief ihm der kleine Handelsmann nach.

«Ich will mitgehen und 'nen Tropfen mit Euch trinken.»

Fagin winkte ihm mit der Hand, ihm bedeutend, daß er allein zu bleiben

wünsche, und die Krüppel wurden somit für dieses Mal der Ehre des

Besuchs Mr. Livelys beraubt, zumal der kleine Mann nicht leicht von

seinem Geschäft abkommen konnte. Während er sich erhoben hatte, war

der Jude verschwunden, und nachdem Mr. Lively sich vergebens auf die

Zehen gestellt hatte, um ihn nochmals zu Gesicht zu bekommen, mußte er

sich notgedrungen wieder auf seinen Stuhl setzen und nahm nach einem

bedenklichen und mißtrauischen Kopfschütteln seine Pfeife wieder zur

Hand.

Die Krüppel waren das Gasthaus, in welchem Sikes und sein Hund bereits

figuriert haben. Fagin gab einem Manne am Schenktische nur ein stummes

Zeichen und ging geradeswegs die Treppe hinauf, öffnete eine Tür, trat

sacht hinein und blickte ängstlich suchend und die Augen mit der Hand

beschattend, umher.

Das Zimmer war durch zwei Gasflammen erleuchtet, man hatte aber die

Fensterläden verschlossen und die Vorhänge dicht zugezogen. Die

Decke war geschwärzt, damit ihre Farbe unter dem Qualm der Lampen

nicht litte, und der ganze Raum dergestalt mit Tabaksrauch angefüllt,

daß Fagin anfangs kaum einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte.

Allmählich erkannte er jedoch die zahlreiche Gesellschaft, deren

Anwesenheit ihm zuerst nur durch verworrenen Lärm kund geworden war.

Oben an der Tafel saß mit einem Präsidentenhammer der Wirt, ein

plumper, vierschrötiger Mann, der, als ein munteres Lied gesungen

wurde, sich gänzlich der allgemeinen Heiterkeit hinzugeben schien,

die Augen und Ohren aber -- und zwar sehr scharfe Augen und Ohren

-- offen und überall hatte. Ihm gegenüber an einem verstimmten

Fortepiano saß ein Musiker mit bläulicher Nase und Zahnschmerzen

halber verbundener Wange. Die Sänger ließen sich ihre Gläser noch

weit besser als die ihnen gespendeten Lobsprüche behagen, und die

Gesichter ihrer Bewunderer drückten fast jedes Laster in jeglicher

Abstufung aus und waren unwiderstehlich anziehend, weil grenzenlos

abstoßend. Man sah überall die mannigfachsten und wahrhaftesten

Bilder der Verschmitztheit, Brutalität und Trunkenheit, und die --

sämtlich noch mehr oder minder jugendlichen -- Frauenzimmer trugen die

abschreckendsten Spuren der Ausschweifung an sich, während in ihrem

wüsten Aussehen keine Spur edler Weiblichkeit mehr zu entdecken war, so

daß sie die schwärzeste und betrübendste Schattenpartie des Gemäldes

bildeten.

Fagin ließ sich jedoch durch Gedanken solcher Art nicht von fern

beunruhigen. Seine Blicke schweiften gespannt von einem Gesicht zum

andern, schienen aber vergebens zu suchen. Er winkte endlich unbemerkt

dem vorsitzenden Wirte, und schlich so sacht wieder hinaus, wie er

hineingeschlichen war.

«Was wünscht Ihr von mir, Mr. Fagin?» fragte der Wirt leise, sobald er

beim Juden draußen an der Treppe stand. «Wollt Ihr Euch nicht zu uns

setzen? Die ganze Gesellschaft würde sich sehr freuen.»

Oliver Twist(#56586) · 第 33 / 67 题