25. Kapitel.

Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.

Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte

Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle

-- derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er

hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich

bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in

tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den

Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf

das rostige Gitter.

An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley

Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte

mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen,

wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über

Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen

ihn «anzukommen» sei. Charley Bates lachte ausgelassen, und Fagin

blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den

Baldowerer zu gewinnen.

«Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,» fiel Charley

ein, «und obendrein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne doppelte

Brille aufsetzen.»

Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem

Gleichmute an, und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis

mit Kreide auf den Tisch.

«Du bist grausam langweilig, Tommy», sagte der Baldowerer nach einer

Pause von mehreren Minuten. «Woran sollte er wohl denken, Fagin?»

«Wie kann ich's wissen?» antwortete der Jude. «Vielleicht an seinen

Verlust oder seinen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, woher er

gekommen ist erst soeben. Ha, ha, ha! Ist's das?»

«Falsch geraten», fuhr der Baldowerer fort. «Was meinst du, Charley?»

«Nun, ich meine,» erwiderte Master Bates grinsend, «daß er zuckersüß

gegen Betsy war. Schau, wie rot er wird! 's ist zum Totlachen -- Tommy

verliebt! O Fagin, Fagin, welch ein Hauptspaß!»

«Laß ihn zufrieden», sagte der Jude, Dawkins einen Wink gebend und

Bates einen mißbilligenden Stoß mit dem Blasebalg versetzend. «Betsy

ist 'ne schmucke Dirne. Mach dich immerhin an sie, Tom; mach dich

immerhin an sie 'ran!»

«Fagin,» nahm Chitling zornig das Wort, «das geht hier niemand was an.»

«O nein», erwiderte der Jude. «Laß Charley doch schwatzen und lachen;

er läßt's einmal nicht. Betsy ist 'ne artige Dirne. Tu, was sie dir

sagt, Tom, und du wirst machen dein Glück.»

«Ich tue, was sie mir sagt,» fuhr Tom fort, «und wäre nicht in die

Tretmühle gesteckt worden, hätt' ich ihren Rat nicht befolgt. Ihr habt

aber am Ende 'nen guten Rebbes dabei gemacht -- nicht wahr, Fagin?

Und was wollen sechs Wochen sagen? Es kommt doch einmal, früher oder

später, und im Winter ist's just am besten, wenn einem nicht daran

gelegen ist, so oft auszugehen -- he, Fagin?»

«Sehr richtig, mein Lieber», versetzte der Jude.

«Es wird dir gewiß gleich viel ausmachen, Tom, noch einmal in die Mühle

zu kommen,» fiel der Baldowerer, Fagin und Bates zublinzelnd, ein,

«wenn nur alles mit Betsy in Richtigkeit wäre.»

«Ja, das würd's -- seht!» erwiderte Tom noch erzürnter, «und ich möchte

doch wissen, wer mir's nachtäte, Fagin?»

«Das fällt ein keiner Seele», antwortete Fagin. «Ich weiß keinen außer

dir, der's würde tun.»

«Ich hätte ganz davonkommen können, hätt' ich mosern wollen -- he,

Fagin?» fuhr der halb blödsinnige Bursche, immer zorniger werdend,

fort. «Ich hätte nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, nicht wahr,

Fagin? Ich schwatzte aber nicht -- und was ist denn nun dabei zu

lachen?»

Fagin eilte, ihm zu versichern, daß niemand lache, nicht einmal Charley

Bates, der jedoch, als er den Mund öffnete, um auch seinerseits zu

erklären, daß alle ohne Ausnahme äußerst ernsthaft gestimmt wären, in

ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Tom Chitling sprang wütend auf,

um dem Frechen einen Schlag zu versetzen, allein Charley bückte sich

gewandt, und der Schlag traf den munteren alten Herrn dermaßen vor

die Brust, daß derselbe gegen die Wand taumelte, und daß ihm der Atem

verging.

«Still! ich hab' den Bimbam g'hört», rief der Baldowerer in diesem

Augenblick, nahm das Licht vom Tische, schlich leise die Treppe hinauf,

kehrte nach einer halben Minute zurück und flüsterte Fagin etwas in das

Ohr.

«Wie?» rief der Jude. «Allein?»

Der Baldowerer nickte und gab Charley Bates einen freundschaftlichen

Wink, er täte besser daran, seine Heiterkeit etwas zu zügeln. Dann

blickte er wieder den Juden an und erwartete dessen Anweisungen.

Der alte Mann biß sich auf seine gelben Finger und sann einige

Augenblicke nach. Sein Gesicht arbeitete währenddessen heftig, als sei

er erschrocken und fürchte, das Schlimmste zu erfahren. Endlich erhob

er den Kopf und fragte: «Wo ist er?»

Der Baldowerer deutete nach oben und machte Miene, das Zimmer zu

verlassen.

«Ja,» sagte der Jude als Antwort auf diese stumme Frage, «bring ihn

herunter. Pst, still, Charley und Tom, still, still!»

Die Angeredeten gehorchten sofort. Sie gaben keinen Laut von sich, als

der Baldowerer, das Licht in der Hand, die Treppe herabkam und ihm

dicht auf den Fersen ein Mann folgte, der, nachdem er sich hastig im

Zimmer umgeblickt hatte, ein großes Tuch abwarf, das bisher den unteren

Teil seines Gesichts verdeckte, so daß die hageren, ungewaschenen und

unrasierten Züge des blonden Toby zum Vorschein kamen. Er begrüßte

Fagin, der ihn ängstlich fragend ansah, und erklärte sogleich, von

Geschäften nicht eher reden zu können, als bis er gegessen und

getrunken hätte. Der Jude befahl Dawkins, aufzutragen, was vorhanden

wäre; es geschah, und Toby machte sich begierig darüber her, ohne die

mindeste Neigung zu zeigen, das Gespräch zu beginnen und der Ungeduld

und Herzensangst des Juden ein Ende zu machen, der auf und ab laufend

mit seinen Blicken jeden Bissen zählte und verwünschte, den Toby zum

Munde führte. Toby lächelte, während er speiste, selbstgefällig und

schmunzelnd wie immer, und der Jude hätte vor Ingrimm vergehen mögen.

Endlich hub er an: «Vor allen Dingen, Fagin --»

«Ja, ja doch -- vor allen Dingen --»

«Vor allen Dingen, Fagin, wie steht's mit Bill?»

«Wie -- mit Bill!» kreischte der Jude, vom Stuhle aufspringend, denn er

hatte sich hörbegierig dicht neben Toby gesetzt.

«Zum Geier -- Ihr wollt doch nicht sagen --» fuhr Crackit erblassend

fort.

«Was soll ich nicht wollen sagen?» schrie der Jude, wütend mit den

Füßen stampfend. «Wo sind sie? -- Sikes und der Knabe -- wo sind sie?

-- wo sind sie geblieben? -- wo sind sie versteckt? -- warum sind sie

nicht hier?»

«Der Einbruch mißglückte», erwiderte Toby mit unsicherer Stimme.

«Ich weiß es», sagte der Jude, ein Zeitungsblatt aus der Tasche nehmend

und es Toby vorhaltend. «Was weiter?»

«Es wurde geschossen und der Knabe getroffen. Wir machten uns mit ihm

davon -- rannten und setzten über Hecken und Gräben, als wenn der

Teufel selbst hinter uns wäre. Wir wurden verfolgt -- Gott verdamm'

mich, die ganze Umgegend war lebendig, und wir hatten die Hunde auf den

Fersen.»

«Aber der Knabe, der Knabe!» keuchte Fagin.

«Bill trug ihn auf dem Rücken; wir hielten an mit Laufen, um ihn

zwischen uns zu nehmen; er ließ den Kopf hängen und war steif und

kalt. Sie waren dicht hinter uns, und da galt's, jeder sich selbst der

Nächste, wenn er nicht der erste am Galgen sein wollte. Wir rissen

aus, der eine hier, der andere da hin, und ließen den Burschen in 'nem

Graben liegen -- ob tot oder lebendig, ich kann's nicht sagen. Das ist

alles, was ich von ihm weiß.»

Der Jude stieß einen gellenden Schrei aus, fuhr mit den Händen in das

Haar und stürzte aus dem Zimmer und zum Hause hinaus.

Oliver Twist(#56586) · 第 32 / 67 题