Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.
Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte
Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle
-- derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er
hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich
bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in
tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den
Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf
das rostige Gitter.
An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley
Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte
mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen,
wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über
Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen
ihn «anzukommen» sei. Charley Bates lachte ausgelassen, und Fagin
blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den
Baldowerer zu gewinnen.
«Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,» fiel Charley
ein, «und obendrein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne doppelte
Brille aufsetzen.»
Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem
Gleichmute an, und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis
mit Kreide auf den Tisch.
«Du bist grausam langweilig, Tommy», sagte der Baldowerer nach einer
Pause von mehreren Minuten. «Woran sollte er wohl denken, Fagin?»
«Wie kann ich's wissen?» antwortete der Jude. «Vielleicht an seinen
Verlust oder seinen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, woher er
gekommen ist erst soeben. Ha, ha, ha! Ist's das?»
«Falsch geraten», fuhr der Baldowerer fort. «Was meinst du, Charley?»
«Nun, ich meine,» erwiderte Master Bates grinsend, «daß er zuckersüß
gegen Betsy war. Schau, wie rot er wird! 's ist zum Totlachen -- Tommy
verliebt! O Fagin, Fagin, welch ein Hauptspaß!»
«Laß ihn zufrieden», sagte der Jude, Dawkins einen Wink gebend und
Bates einen mißbilligenden Stoß mit dem Blasebalg versetzend. «Betsy
ist 'ne schmucke Dirne. Mach dich immerhin an sie, Tom; mach dich
immerhin an sie 'ran!»
«Fagin,» nahm Chitling zornig das Wort, «das geht hier niemand was an.»
«O nein», erwiderte der Jude. «Laß Charley doch schwatzen und lachen;
er läßt's einmal nicht. Betsy ist 'ne artige Dirne. Tu, was sie dir
sagt, Tom, und du wirst machen dein Glück.»
«Ich tue, was sie mir sagt,» fuhr Tom fort, «und wäre nicht in die
Tretmühle gesteckt worden, hätt' ich ihren Rat nicht befolgt. Ihr habt
aber am Ende 'nen guten Rebbes dabei gemacht -- nicht wahr, Fagin?
Und was wollen sechs Wochen sagen? Es kommt doch einmal, früher oder
später, und im Winter ist's just am besten, wenn einem nicht daran
gelegen ist, so oft auszugehen -- he, Fagin?»
«Sehr richtig, mein Lieber», versetzte der Jude.
«Es wird dir gewiß gleich viel ausmachen, Tom, noch einmal in die Mühle
zu kommen,» fiel der Baldowerer, Fagin und Bates zublinzelnd, ein,
«wenn nur alles mit Betsy in Richtigkeit wäre.»
«Ja, das würd's -- seht!» erwiderte Tom noch erzürnter, «und ich möchte
doch wissen, wer mir's nachtäte, Fagin?»
«Das fällt ein keiner Seele», antwortete Fagin. «Ich weiß keinen außer
dir, der's würde tun.»
«Ich hätte ganz davonkommen können, hätt' ich mosern wollen -- he,
Fagin?» fuhr der halb blödsinnige Bursche, immer zorniger werdend,
fort. «Ich hätte nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, nicht wahr,
Fagin? Ich schwatzte aber nicht -- und was ist denn nun dabei zu
lachen?»
Fagin eilte, ihm zu versichern, daß niemand lache, nicht einmal Charley
Bates, der jedoch, als er den Mund öffnete, um auch seinerseits zu
erklären, daß alle ohne Ausnahme äußerst ernsthaft gestimmt wären, in
ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Tom Chitling sprang wütend auf,
um dem Frechen einen Schlag zu versetzen, allein Charley bückte sich
gewandt, und der Schlag traf den munteren alten Herrn dermaßen vor
die Brust, daß derselbe gegen die Wand taumelte, und daß ihm der Atem
verging.
«Still! ich hab' den Bimbam g'hört», rief der Baldowerer in diesem
Augenblick, nahm das Licht vom Tische, schlich leise die Treppe hinauf,
kehrte nach einer halben Minute zurück und flüsterte Fagin etwas in das
Ohr.
«Wie?» rief der Jude. «Allein?»
Der Baldowerer nickte und gab Charley Bates einen freundschaftlichen
Wink, er täte besser daran, seine Heiterkeit etwas zu zügeln. Dann
blickte er wieder den Juden an und erwartete dessen Anweisungen.
Der alte Mann biß sich auf seine gelben Finger und sann einige
Augenblicke nach. Sein Gesicht arbeitete währenddessen heftig, als sei
er erschrocken und fürchte, das Schlimmste zu erfahren. Endlich erhob
er den Kopf und fragte: «Wo ist er?»
Der Baldowerer deutete nach oben und machte Miene, das Zimmer zu
verlassen.
«Ja,» sagte der Jude als Antwort auf diese stumme Frage, «bring ihn
herunter. Pst, still, Charley und Tom, still, still!»
Die Angeredeten gehorchten sofort. Sie gaben keinen Laut von sich, als
der Baldowerer, das Licht in der Hand, die Treppe herabkam und ihm
dicht auf den Fersen ein Mann folgte, der, nachdem er sich hastig im
Zimmer umgeblickt hatte, ein großes Tuch abwarf, das bisher den unteren
Teil seines Gesichts verdeckte, so daß die hageren, ungewaschenen und
unrasierten Züge des blonden Toby zum Vorschein kamen. Er begrüßte
Fagin, der ihn ängstlich fragend ansah, und erklärte sogleich, von
Geschäften nicht eher reden zu können, als bis er gegessen und
getrunken hätte. Der Jude befahl Dawkins, aufzutragen, was vorhanden
wäre; es geschah, und Toby machte sich begierig darüber her, ohne die
mindeste Neigung zu zeigen, das Gespräch zu beginnen und der Ungeduld
und Herzensangst des Juden ein Ende zu machen, der auf und ab laufend
mit seinen Blicken jeden Bissen zählte und verwünschte, den Toby zum
Munde führte. Toby lächelte, während er speiste, selbstgefällig und
schmunzelnd wie immer, und der Jude hätte vor Ingrimm vergehen mögen.
Endlich hub er an: «Vor allen Dingen, Fagin --»
«Ja, ja doch -- vor allen Dingen --»
«Vor allen Dingen, Fagin, wie steht's mit Bill?»
«Wie -- mit Bill!» kreischte der Jude, vom Stuhle aufspringend, denn er
hatte sich hörbegierig dicht neben Toby gesetzt.
«Zum Geier -- Ihr wollt doch nicht sagen --» fuhr Crackit erblassend
fort.
«Was soll ich nicht wollen sagen?» schrie der Jude, wütend mit den
Füßen stampfend. «Wo sind sie? -- Sikes und der Knabe -- wo sind sie?
-- wo sind sie geblieben? -- wo sind sie versteckt? -- warum sind sie
nicht hier?»
«Der Einbruch mißglückte», erwiderte Toby mit unsicherer Stimme.
«Ich weiß es», sagte der Jude, ein Zeitungsblatt aus der Tasche nehmend
und es Toby vorhaltend. «Was weiter?»
«Es wurde geschossen und der Knabe getroffen. Wir machten uns mit ihm
davon -- rannten und setzten über Hecken und Gräben, als wenn der
Teufel selbst hinter uns wäre. Wir wurden verfolgt -- Gott verdamm'
mich, die ganze Umgegend war lebendig, und wir hatten die Hunde auf den
Fersen.»
«Aber der Knabe, der Knabe!» keuchte Fagin.
«Bill trug ihn auf dem Rücken; wir hielten an mit Laufen, um ihn
zwischen uns zu nehmen; er ließ den Kopf hängen und war steif und
kalt. Sie waren dicht hinter uns, und da galt's, jeder sich selbst der
Nächste, wenn er nicht der erste am Galgen sein wollte. Wir rissen
aus, der eine hier, der andere da hin, und ließen den Burschen in 'nem
Graben liegen -- ob tot oder lebendig, ich kann's nicht sagen. Das ist
alles, was ich von ihm weiß.»
Der Jude stieß einen gellenden Schrei aus, fuhr mit den Händen in das
Haar und stürzte aus dem Zimmer und zum Hause hinaus.