Was Oliver auf dem Wege zum Buchhändler begegnete.
Olivers Rückkehr wurde beiden Herren immer zweifelhafter, zu Grimwigs
Triumph und Brownlows tiefer Betrübnis. Ich hätte nun hier in meinem
Prosaepos die kostbarste Veranlassung, die Leser mit vielen weisen
Betrachtungen über die offenbare Unklugheit zu unterhalten, seinen
Mitmenschen Gutes zu erweisen ohne Aussicht auf irdischen Lohn,
oder vielmehr darüber, wie sehr es die Klugheit erfordere, in einem
besonders hoffnungslosen Falle einige Liebe und Menschenfreundlichkeit
an den Tag zu legen, und sodann dergleichen Schwachheiten für immer
abzulegen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Hält sich der, dem ihr
unter die Arme gegriffen, gut und dient ihm euer geleisteter Beistand
zum Wohlergehen, so erhebt er euch bis in den Himmel, ihr werdet
sehr geachtete Leute und gelangt in den Ruf, unendlich viel Gutes im
Verborgenen zu tun, wovon nur der zwanzigste Teil bekannt werde; zeigt
er sich als ein Undankbarer und Nichtswürdiger, so habt ihr euch in die
vortreffliche Stellung gebracht, daß man euch nachsagt, ihr hättet euch
höchst uneigennützig, mildtätig und dienstfertig erwiesen, wäret nur
durch erfahrenen Undank und Verrat menschenfeindlich geworden, und man
könne euch euer Gelübde nicht verdenken, nie wieder einem Menschenkinde
beizuspringen, um nicht durch abermalige Täuschungen verletzt
zu werden. Ich kenne eine Menge Personen, welche die angegebene
Klugheitsregel befolgt haben, und kann versichern, daß sie in der
allgemeinsten und natürlich verdientesten Achtung stehen.
Brownlow gehörte indes zu ihrer Zahl nicht, denn er blieb hartnäckig
dabei, Gutes zu tun um des Guten selbst und um der Herzensberuhigung
und Freude willen, die es ihm gewährte. Täuschungen raubten ihm sein
Vertrauen und seine Milde und seine Menschenfreundlichkeit nicht, und
Undankbarkeit von seiten einzelner führte ihn nicht zu dem Entschlusse,
sich dafür an der ganzen leidenden Menschheit zu rächen. Ich werde
daher die fraglichen vielen weisen Betrachtungen unangestellt lassen,
und sollte dieser Grund ungenügend erscheinen, so kann ich noch
hinzufügen, daß es obendrein gänzlich außer meiner ursprünglichen
Absicht liegt.
Im finsteren Gastzimmer einer kläglichen Winkelschenke, gelegen in der
schmutzigsten Gasse von Little Saffron Hill, saß bei einem Bierkruge
und Branntweinglase ein Mann, in welchem trotz des herrschenden
Halbdunkels kein irgend erfahrener Polizeiagent Bill Sikes verkannt
haben würde. Zu seinen Füßen lag sein weißer, rotäugiger Hund, und
sei es, daß Bill seine Zeit nicht besser anzuwenden wußte, oder daß
er seine üble Laune an irgendeinem Gegenstande auszulassen wünschte,
genug, er versetzte dem Tiere einen derben Fußtritt. Dem Hunde mißfiel
der offenbare Mutwille dieser Behandlung so sehr, daß er nach seines
Herrn Beinen schnappte, Bill ergriff wütend das Schüreisen und sein
Messer, als die Tür sich auftat und der Hund hinausschoß. Zu einem
Streite gehören dem Sprichworte gemäß zwei, und Bill setzte daher den
einmal begonnenen sogleich mit dem Eintretenden fort.
«Verdammter Jude, was trittst du zwischen mich und meinen Hund?» schrie
er ihm entgegen.
«Ich wußt's ja nicht, mein Lieber, wußt's ja nicht, daß Ihr wolltet dem
Hunde zu Leibe», erwiderte Fagin demütig.
«Spitzbube, hast du den Lärm nicht gehört?»
«So wahr mir Gott gnädig ist, nein, Bill, nicht 'nen einzigen Laut.»
«Ja freilich, du hörst nichts, gar nichts», entgegnete Sikes höhnisch;
«ebenso wie du selbst ein und aus schleichst, ohne daß man dich hört.
Ich wollte nur, daß du jetzt der Hund wärst.»
«Warum denn?» fragte Fagin mit einem gezwungenen Lächeln.
«Weil die Regierung, die das Leben solcher Halunken schützt, wie du
einer bist, und die nicht halb so viel Mut haben wie die schlechtesten
Hunde, jedermann erlaubt, seinen Hund abzuschlachten, wenn's ihm
beliebt -- darum!» erwiderte Sikes, sein Messer mit einem sehr
bedeutungsvollen Blicke wieder einsteckend.
Der Jude rieb sich die Hände, setzte sich an den Tisch und zwang sich,
über die Spaßhaftigkeit seines Freundes zu lachen, jedoch war ihm
offenbar dabei nicht besonders wohl zumute.
«Grinse nur, ja grinse nur», sagte Sikes, ihn mit verächtlichem Trotze
anblickend; «über mich sollst du doch nicht lachen, es müßte denn unter
der Nachtmütze sein am Galgen. Ich habe die Hand oben, Fagin, und will
verdammt sein, wenn ich dir den Daumen nicht auf'm Auge halte. Baumele
ich, baumelst du auch; also hüte dich vor mir und trag' hübsch Sorge
für mich.»
«Schon gut, mein Lieber», fiel der Jude ein; «ich weiß das alles;
Gewinn und Gefahr ist gemeinschaftlich bei uns.»
«Hm!» murrte Sikes, als wenn er dächte, der Gewinn möchte wohl zumeist
auf des Juden Seite sein. «Was hast du mir denn aber zu sagen?»
«'s ist alles in den Schmelztiegel gewandert und glücklich wieder
heraus -- da ist Euer Anteil. Ihr erhaltet eigentlich mehr, als Ihr
solltet, mein Lieber; doch da ich weiß, daß Ihr mir schon mal wieder
sein werdet gefällig, und --»
«Haltet ein mit dem Schwätzen», unterbrach ihn Sikes ungeduldig. «Wo
ist's? Her damit!»
«Ja, ja doch, Bill; gönnt mir nur Zeit. Da ist's», versetzte Fagin,
zog ein altes, baumwollenes Taschentuch hervor, knöpfte einen Knoten
auf und reichte Sikes ein Päckchen, der es öffnete und die Goldstücke
hastig zu zählen anfing.
«Ist das alles?» fragte Sikes.
«Ja, alles.»
«Hast du auch das Päckchen nicht aufgemacht auf dem Wege und ein paar
Stück verschluckt? Stell dich nur nicht beleidigt -- hast's ja schon
oft getan. Greif an den Bimbam.»
Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber
nicht weniger abstoßend und spitzbübisch aussah. Sikes wies stumm nach
dem leeren Kruge hin. Jener verstand den Wink und ging wieder hinaus,
jedoch nicht, ohne Fagin vorher einen Blick zugeworfen zu haben, den
dieser durch ein kaum bemerkbares Kopfschütteln beantwortete. Sikes
hatte sich zufällig gebückt; hätte er den Blick des einen und das
Kopfschütteln des anderen Juden gewahrt, so möchte er der Meinung
gewesen sein, daß ihm diese Pantomimen nichts Gutes bedeuteten.
«Ist niemand hier, Barney?» fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.
«Bloß Miß Nancy.»
«Schick sie herein!» sagte Sikes.
Barney blickte Fagin fragend an, ging und kehrte gleich darauf mit
Nancy zurück.
«Du bist auf der Spur, Nancy, nicht wahr, mein Engel?» fragte Bill und
reichte ihr ein gefülltes Glas.
«Ja, Bill», erwiderte die junge Dame, nachdem sie das Glas geleert
hatte; «hab' aber Mühe genug gehabt. Er ist krank gewesen und --»
Nancy bemerkte ein Augenzwinkern Fagins, das eine Warnung vor
übergroßer Mitteilsamkeit zu bedeuten schien. Sie brach ab und fing
an von anderen Gegenständen zu reden. Nach zehn Minuten bekam Fagin
einen Husten, worauf Nancy erklärte, daß es Zeit sei, zu gehen. Sikes
sagte, daß er sie eine Strecke begleiten wolle, da er denselben Weg
habe. Sie entfernten sich daher miteinander. Der Hund folgte in einiger
Entfernung. Fagin sah Sikes durch das Fenster nach, schüttelte die
geballte Faust hinter ihm, murmelte eine grimmige Verwünschung, setzte
sich mit einem schauerlichen Grinsen wieder an den Tisch und war bald
darauf in die Lektüre des Londoner Polizeiblattes vertieft.
Oliver befand sich unterdes auf dem Wege zum Buchhändler, ohne zu
ahnen, daß er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er geriet in eine
Nebengasse unweit Clerkenwell, bemerkte seinen Irrtum erst, als er sie
bereits über die Hälfte durchwandert hatte, und hielt es für das beste,
um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte,
auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts und dachte
an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen
Dick daran teilnehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: «O
mein lieber kleiner Bruder!» aus seinen Träumereien aufgeschreckt
wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines jungen
Mädchens.
«Lassen Sie mich los!» rief Oliver, sich sträubend. «Wer sind Sie? Was
halten Sie mich an?»
Die einzige Antwort darauf war ein Schwall lauter Klagen von seiten des
jungen Mädchens, das einen kleinen Korb und einen Hausschlüssel in der
Hand hatte.
«O gütiger Himmel!» rief das Mädchen aus. «Endlich hab' ich dich
gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab' ich um deinetwillen
ausgestanden! Gott sei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!»
Das junge Frauenzimmer brach in eine Tränenflut aus und schien so
heftige Krämpfe zu bekommen, daß ein paar mitleidige Frauen einen
dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, daß er zu
einem Doktor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr
große Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien,
erwiderte, daß seine Meinung nicht dahin ginge.
«Nein, nein, laßt mich nur», rief jetzt auch das junge Mädchen; «ich
fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh sogleich mit
mir, mein böser kleiner Liebling.»
«Was gibt's denn?» fragte eine der umstehenden Frauen.
«Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die
sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner
und Landstreicher begeben, daß seine Mutter fast vor Kummer gestorben
wäre.»
«O du kleiner Taugenichts! -- Mach, daß du nach Hause kommst, du
ungeratener Bengel!» riefen die Weiber.
«Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!» rief Oliver in großer Angst.
«Ich habe weder Schwester noch Eltern. Ich bin eine Waise und wohne in
Pentonville.»
«Ach du gütiger Himmel, wie trotzig er schon geworden ist!» schluchzte
das junge Mädchen.
«Ei, Nancy!» rief Oliver, der jetzt erst ihr Gesicht sah, im höchsten
Erstaunen aus.
«Sie sehen, er kennt mich», sagte Nancy. «Helfen Sie mir ihn nach Hause
bringen, liebe Leute; seine Eltern und wir alle sterben sonst noch vor
Kummer über ihn.»
«Zu allen Teufeln, was ist das hier?» schrie ein aus einem Bierladen
hervorstürzender Mann. «Oliver, Satansbrut, komm augenblicklich mit
nach Hause zu deiner armen Mutter. Sofort kommst du mit!»
«Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht, Hilfe, Hilfe!» rief
Oliver, indem er sich unter dem festen Griff des Mannes verzweifelt
wand.
«Hilfe!» polterte Sikes. «Ich will dir gleich helfen. Was sind das für
Bücher? -- Ohne Zweifel gestohlen -- her damit!»
Er entriß ihm das Päckchen und versetzte ihm damit einen heftigen
Schlag auf den Kopf.
«So ist's recht; das wird ihn schon wieder zur Besinnung bringen!»
riefen die Weiber.
«Sollt's auch meinen», rief der Mann, gab Oliver noch ein paar Schläge
auf den Kopf und packte ihn beim Kragen. «Komm, du kleiner Taugenichts!
Hier, Tyras, paß auf ihn auf! Paß auf!»
Noch geschwächt von seiner Krankheit, betäubt durch die Schläge und
das Überraschende des ganzen Vorganges, in Schrecken gesetzt durch
das Knurren des Hundes und die Brutalität des baumstarken Mannes, und
überwältigt durch den Beifall, den die Umstehenden seinen Angreifern
gaben -- was konnte das geängstete Kind tun? Es war dunkel geworden,
die Gasse sah an sich selbst schon verdächtig aus, Hilfe war nirgends
zu erblicken, Widerstand nutzlos. Ohne recht zu wissen, wie ihm
geschah, fühlte sich Oliver durch ein Labyrinth von engen Straßen
geschleppt, und sein jeweiliges Rufen verhallte um so mehr, da er so
schnell fortgerissen wurde, daß er keinen Augenblick zu Atem kommen
konnte; doch würde es auch von niemand beachtet worden sein.
* * * * *
Die Gaslampen waren angezündet; Frau Bedwin erwartete mit herzpochender
Ungeduld, daß die Haustür sich auftun sollte; die Magd war zwanzigmal
die Straße hinuntergelaufen, um nach Oliver auszusehen; die beiden
alten Herren saßen beharrlich im Dunkeln neben der zwischen ihnen
liegenden Uhr.