Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des

Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten,

daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das

Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie

nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen

vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon

eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und

als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«,

herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche

ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften.

Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar

der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von

den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend

es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen

Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften,

es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer

richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den

Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein

Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen!

Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre

Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das

Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer

zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder

zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da

sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber

im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß

die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle

liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als

möglich zu benehmen.

So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu

einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr

Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle

Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee

und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen

Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in

der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas

die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in

der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen

unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß

Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen;

in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug

den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige

Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter

allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so

Lustiges gebe?

»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade

erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten,

aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹

vorspielen.«

»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so

schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine

Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre

wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht

ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern

aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen

Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten.

Siebzehntes Kapitel.

Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr.

Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin

jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe.

Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu

unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir

uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem

Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und

dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war

noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als

dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg

über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns

alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten.

Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir

waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«

Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die

immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten

es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so

inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne

Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld

und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand

sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein

Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges

wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel

gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an

unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen

dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so

herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.

So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh«

näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die

Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara,

bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten

auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und

frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie

hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist,

ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun

ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie

jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß

Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir

alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara

voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie

nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und

dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen

fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern!

Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen,

was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge

Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von

Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch

acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt

leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich

mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s

lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle.

So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit

und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf

dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl

gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder

spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts

Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben

es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert

seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen,

welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine

ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke

beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es

hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben

nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend:

»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und

richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher

und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen,

mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das

wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem

Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:

»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?«

Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe

erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen

Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur

stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und

auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte

und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder,

die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine

Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein

sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen:

»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«

»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich

eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles

gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier;

mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause

berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir

schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein

Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich

nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden

wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir

hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß

du ihn auch kennen lernst?«

Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen

gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt

lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas

fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir

als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen,

aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino

wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch

ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und

zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und

Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen

runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr

glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer

Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte

nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig

stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:

»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm,

während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie

wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige

entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen

war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha

sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als

ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf

der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen;

als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes

Gesichtchen war von Thränen überflutet.

»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang

sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat

dringend:

»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?«

»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«

»Aber?« frug ich dazwischen.

»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –«

»Weil – – –?« drängte ich sie.

»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb

haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse

Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen

neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer,

hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen,

daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen

Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten

und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf

derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein

Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von

dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen

stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte.

Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns

lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange

zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns

drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete

sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und

die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm

spielten und ihre Possen treiben.

Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß

er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr

freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein

Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und

wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten.

Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder

vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit

uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in

die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem

passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte

zuletzt, wie sie sagte:

»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.«

Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine

Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste

Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich

Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so

recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt,

der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon

konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18

Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies

wunderte mich sehr.

[Illustration]

Achtzehntes Kapitel.

Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation.

Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben;

ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der

Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres

und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die

Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und

Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen

wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen

lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir

dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben

wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche

zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das

andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet;

wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer

Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn

sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir

andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann

gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die

richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat.

Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als

Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin

zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft

und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen

gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor

ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht

gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist

vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch

äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und

sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten

wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem

glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser

kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß

sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb

mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden

ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester

Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und

Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor

Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob

es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma

erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen

für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber

befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen

mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen,

wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine

halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster

Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute,

daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes

Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund

und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich

ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber

natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig

verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern

meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja

nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt

für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob

lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange

Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber.

Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind

alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt.

Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr

verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt

so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich

oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem

Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine

Extrabelobung.

Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei

Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche

den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte

Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den

Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann

der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen

sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen,

als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen

zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis

in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und

Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen

auf die, so ihn lieb haben!«

Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes

Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in

dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der

mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar

wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen

Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind

wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm

sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost

für mich!

Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara

und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes

Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen

betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens

Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte,

beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden.

Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren

Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich

dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu

bleiben bis in den Tod.«

[Illustration]

Neunzehntes Kapitel.

Das Kränzchen.

Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll

Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen

Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue

Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die

Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher

Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig

herauslugte.

»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma

halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf.

In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher

allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma

sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange

Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten –

das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern

und Neuigkeiten auszutauschen!

»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten

abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich

voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum.

Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und

Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte

über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die

dampfende Schokoladenkanne herbei.

»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen,

»Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute

weiß ich von keiner.«

»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma

geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß

welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre

in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und

ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich

war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte

Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur

gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen

könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen

Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen

raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz

der Kopf von dem vielen Denken.«

»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die

Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet

die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde

der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat

zuletzt darin bestand, daß sie meinte:

»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen

hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.«

»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in

die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das

Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück

selbstgebackenen Kuchens belohnen.«

»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst

uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen

nicht.«

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 10 / 11 段