Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi

war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson

geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer

von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der

wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und

possierlich war, gefiel er jedermann.

Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von

seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha

Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig,

zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und

trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich

ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben

in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch

wenigstens wieder Ruhe.

Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache

beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen

warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus,

denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben.

Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz;

da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend

ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und

Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war

ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem

Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um

durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner

Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod.

Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die

Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche

hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein

paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die

ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber

vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied

beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe,

denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art,

mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen

pflegen.

Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche

mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese

tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut

klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten

Schwarm der großen Vogelkörper. – –

Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner

kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und

Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen

konnte.

Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden

Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr

zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen.

Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den

armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen

durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den

er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine

Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen

kann, und darauf baute er seinen bösen Plan.

Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er

über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise

einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß

sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als

er gekommen war.

Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte,

ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief,

damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen

sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie

erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit

verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl

schon ein paar Stunden so gelegen haben.

Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen

unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel

Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war.

Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine

Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren

liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten

heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten

wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die

Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von

ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit

goldenen Buchstaben:

»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche

wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der

Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen

Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich

nicht.

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Wintervergnügen und Eisabenteuer.

Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die

ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der

Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben

wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern

einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich

nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach

Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß

genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die

Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz

flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem

Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar

nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden

freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das

Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie

recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft

stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang.

Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben

sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter:

»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn

ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere

alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken,

aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen.

Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite

Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird

wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht

so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und

euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.«

Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche

sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an

den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da

gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und

Fritz sagte entschlossen:

»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht

wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am

Ufer entlang?«

Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden

ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige

Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche

pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem

Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte

es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da

waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin

stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine

Haus hinein, die Frau zu besuchen.

Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von

Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten

Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause

und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen

Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten,

auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer

alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen

und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie

that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre

kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen,

wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da

stand Fritz rasch auf und rief:

»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein

wollen.«

»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin

erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah;

diese aber lachten fröhlich:

»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.«

Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden.

Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen

Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und

als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei

weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber

es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So

faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts,

aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter

ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht

ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem

der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch

merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache

erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten,

daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle,

auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen

begann.

»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz,

selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und

sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden

Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe,

da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie

nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da,

dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu

schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und

stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit,

daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und

winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle

Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten,

vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen

und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that

es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da

zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit

einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an

vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke

der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging

durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten

Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum

aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß

mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause

und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren

Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem

Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der

hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen

konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie

gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu

wollen.

[Illustration]

Fünfzehntes Kapitel.

Klara.

»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug

Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn

niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich

habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das

wahr?«

»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich

über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn

der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen

Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische

Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das

anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume,

welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es

ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen,

da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt –

ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme

greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!«

»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche

aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser

neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen?

Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe

genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein

Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem

Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin

weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles

herrlich zusammen?«

»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen,

dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der

Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der

vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei

jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten

Planes stimmen.

So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine

Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der

Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet

hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf

das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei

kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau

Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich

ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut

anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter,

deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die

dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig

danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt.

So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der

Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war,

vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand

gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim

und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als

Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen;

wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern

gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre;

auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften

Freundin.

Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze

Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha

konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen.

Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte

Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der

Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume

geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil

werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die

Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue

Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war,

kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie

im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig

und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten

Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen

durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts

gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach

seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den

Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen

verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende

Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte

sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr,

sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war

glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu

hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde.

[Illustration]

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel.

Musikstunden.

»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit

dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches

musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere

Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so

ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich

sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die

Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht

alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über

alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen

und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da

ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist,

einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden

den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und

strebsam zeigen.«

So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich

vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen

Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen

würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte

sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie

konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag

klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich

nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte

die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem

Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren

gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu

wollen.

Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule,

wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren

zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das

Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes

erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward.

Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in

einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie

mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens

Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem

andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch

ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere

Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus

nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der

Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu

erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar

keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es

waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und

ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen

sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl.

Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie

sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden.

Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht,

denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort

darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein

Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn

die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein,

spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder

mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten,

natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann

wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher

Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche

freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun

nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese

Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten

~c d e f g a h c~ darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung

der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel

nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler

Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber

in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige

der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt,

die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite,

und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie

gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und

Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies

war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen

Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte

sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier

zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und,

o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die

andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine

große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde

bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben,

ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen

dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu

setzen.

So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte

ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun

an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war

erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden

machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets

zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu

versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer

hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die

musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche

sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein

Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst

konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre

kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann

hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen

können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich

aufrichtig des Glückes ihrer Freundin.

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 9 / 11 段