»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief

Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen

emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch

vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem

ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig

geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch

brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar

keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu

unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute

den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt,

ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann

endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger

Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die

Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding

begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich

ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in

den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war

der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr

seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.«

»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in

die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber

Papa haben, wenn er das erfährt.«

»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden

Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und

spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter

behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe

mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich

sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch

fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir

ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den

Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing,

für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst

werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N.

geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«

»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in

die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir

allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke,

das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es

mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in

ein Institut zu kommen.«

»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich

werde ich euch entbehren!«

»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du

deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?«

»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens

brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu

trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich

eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir

vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der

Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort

kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später

zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im

zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe

ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches

Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der

Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute

Stütze werden.«

»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie

dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes

Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten;

dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend:

»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«

»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort.

»Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle

als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts

strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr

glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster

Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig

die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht.

Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an

welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt,

und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst

heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch

zeigen?«

Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte:

»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert,

daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen

beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist

die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir

rasch beginnen.«

Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn

in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren

und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die

Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!«

Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber

nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden

andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen.

Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr

von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er

führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und

vertraut schien.

»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und

zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief:

»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?«

»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau

freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden

Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir

mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«

»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das

Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama

habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das

ist zu viel, zu viel des Glücks!«

Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem

Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos

dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging.

»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die

Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme

Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen.

»Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die

fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?«

»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen

vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte

Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:

»Weiß es denn Mütterchen schon?«

»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch

hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung

hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.«

»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen,

in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut

sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während

die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten.

[Illustration]

Zwanzigstes Kapitel.

Ein überraschender Besuch.

Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen

bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren

Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an

der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.«

Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal

bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber

ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und

heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen

Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit

allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten

Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines

der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von

Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem

fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen

auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob

man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in

fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte

sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,«

wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe

beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend

an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen.

Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so

bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der

sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige

Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in

Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien

sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der

Mutter Schutz sucht.

[Illustration]

Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft

der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken

halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft

damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob

es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und

welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der

Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man

in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße

entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen

Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es

wohl da unten zu schauen gebe.

Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um

eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür

des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach

einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten

es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An

der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts

Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen

Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit

Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner

einem kleinen Herrenhütchen bestand.

Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben

ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und

schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes

Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor

mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche

die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das

aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die

fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und

kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines

Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch

letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim

Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem

kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der

übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer

Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung

der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die

Thür des Hauses trat.

»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich

habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor

Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –:

»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten

die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«

Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her

und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren

Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen.

Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an,

dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:

»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?«

»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem

Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier

in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,«

ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem

Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.«

»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein

Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge

Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der

Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«

Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte

aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es

sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger

Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen

neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha

hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des

Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und

mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an

ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre

Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer

frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie

auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich

trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie

hinüber nach Deutschland zu begleiten.

»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg

bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte,

während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot.

»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes

bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe

verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies

junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten.

»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der

armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante,

indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb

zerstreut ein.

»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem

freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits

meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in

der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit

Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich

aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«

»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein

sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht

daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen

Schutz!«

»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,«

erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben

können!«

»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft.

»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre

Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt

zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche

besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen

Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter

zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun

und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines

eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die

gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun

anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau

ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.«

»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin

ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich

kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem

mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde

haben, dich so allein zu wissen.«

»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge

Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit

umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die

Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben

hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa

ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für

heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen

muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und

verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.«

»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte

Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen,

durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt,

daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit

stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an

ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze

Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen

beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der

Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren

Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch

Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie

hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle,

herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.

Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür,

alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit

zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr

hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten

lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen,

daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.

»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen

von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede

Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete

Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«

»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet,

aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so

beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie

lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas

Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange

Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Schluß.

Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der

Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt,

welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren

Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte

sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden,

eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara

am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden

sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte

Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher

beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem

halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um

der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun,

ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit

einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum

zweitenmale.

In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.

»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer

wieder.

»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt,

»ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in

Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.«

»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners

dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach

ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu,

ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum

drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra,

nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde

und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen

Lebensziel entgegen.

Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren

waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten.

[Illustration]

Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange

Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge

gekürzt.

Korrekturen:

S. 132: son → schon

und gutem Ausdruck {schon} eine Anzahl

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 11 / 11 段