und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in
einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und
Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne,
kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein
großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten
auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort
nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften
wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die
Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte
anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!«
Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein
Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen
entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte,
stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb
und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da
wurde auch dieses voll gelber Flecken.
Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und
nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte
es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und
waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren.
Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde
hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie
dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben
lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah
ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte:
»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr,
gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein
armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich
halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich
wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb
und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.«
»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und
auch Mama schien ganz gerührt.
Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das
Glas und rief:
»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz
darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von
uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist,
und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles
Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem
köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!«
Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte
ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz
zitterte, als ich stotternd begann:
»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber
Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber
Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr
weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße,
goldige Mama lebe hoch!«
Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache
sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser,
denn Willy rief ganz keck:
»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen:
»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht;
der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!«
Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie
rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht;
wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf
den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider
verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber
konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem
Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg
wieder angetreten werden mußte.
Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie
hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und
darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an
und hatte nur noch Zeit zu beten:
»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« –
Da fielen mir auch schon die Augen zu. – –
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Aus Marthas Tagebuch.
Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am
verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im
Gedächtnis bleiben wird.
Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als
an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern,
wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel
plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für
die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut
Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn
auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen
geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand
und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester
Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich
jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf
ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:
»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!«
daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter
setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während
ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden
Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.
Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu
Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so
wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer
sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text:
»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will
euch erquicken.«
Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle
die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen
wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt
und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen
glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen
behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig
vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie
unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen
Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost
bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen
hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens
geben.«
Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm,
wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand
und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling
zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste
weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst
teilnehmen.
Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen
kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen
aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner
kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine
ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich
sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte
Zeit einzuholen, nach Hause.
Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere
laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete
ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter
Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes
kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war
vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der
Hand; da rief Mutter:
»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen
ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit
seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr
am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«
»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand
entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an
und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß
ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte
mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte
gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache
nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink,
draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch
da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser
Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden
hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges
Nötige herbei.
So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich
gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es
freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so
spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei
unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch
mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die
fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so
auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr
nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war
unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir
später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen
müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da
that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine
Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte
sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt
hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«
»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da
habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt
bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der
langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den
fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben
in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei
Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften
geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis-
und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits
dadurch ein reicher Mann geworden.
»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.
»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den
Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen
gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen.
Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine
erbitterte Rothaut schlug.«
Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns
eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog.
Mutter schauderte und rief ängstlich:
»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf
und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten
Heimat zu verleben?«
»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier.
Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich
aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin
für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre
sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht
in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit
allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft
sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin
einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein
deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«
Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber
saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe
still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O
nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:
»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte
Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst
auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich
mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf
die Uhr und meinte:
»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich
dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter
von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen
bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor
ich abreise.«
»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen
nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm.
»Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich
kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen
vermöchte.«
»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel
kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische
Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter
hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll
suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch
ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand
drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:
[Illustration]
»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt
wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir
noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach,
bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich
wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat
man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«
»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner
armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog,
dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens
und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am
Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte
und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir
zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück
auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft
Schweres auferlegt, gern dankbar sein.
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel.
Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.
Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche
Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung
erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer
Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von
deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden
Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas
herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen
ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf
demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte
ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie
Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus
gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen
konnte.
Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach
ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen
und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die
Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als
diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein
Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen
mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an
besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun
konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben
Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte
hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche
darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen
und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens
Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen
hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt;
es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog,
Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter
ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie
aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war
wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben
über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen
Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare
Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies
alles hervorgebracht hatte.
Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha
in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des
schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben,
wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren
Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja
schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem
hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen
hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so
lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe
noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens
größtes Entzücken bildete.
Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von
ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot
ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie
ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich
und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich
nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein
aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten
Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während
der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die
hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen,
befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen
Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald
gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten
Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um
den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um
eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft
friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin
austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die
unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten,
und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha
beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches
Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da
vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur
Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen
kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand
desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das
kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen
Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach.
Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah
den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht
heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit
dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht
ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als
dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er
ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen
kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und
brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach
dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die
Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben
Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort
gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war
sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber
bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches
so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ.
Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die
Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte
sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten
aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen,
schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich
dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach
dem verunglückten Jungen sehen würden.
Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte
Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran,
das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen,
da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder
und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel
auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte
bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte
der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun
fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam,
als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude
klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür
und weidete sich an dem hübschen Schauspiel.
Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug
zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie
das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die
Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben.
Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und
Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen
machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit
gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.
Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall
und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus,
aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm
herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier
vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft
erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der
Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha
geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne
zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn
sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu
niedlich.