Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen

ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört

hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach

Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und

habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz

plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche

Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße

gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr

längst vergessen.

Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger

einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum

glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit

hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender

Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten

Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu

oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges

Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von

Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch

nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als

sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen

Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen

Kinderschrift geschrieben war:

Venedig.

_Mein liebes Aennchen!_

Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe,

weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei

meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm.

Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und

hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich

so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte.

Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern,

in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann

sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat

die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil

immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum

bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich

nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu

meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun

keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute

war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen;

sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich

lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich

fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz

verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand,

niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen

und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als

mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da

floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu

mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war.

Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß

dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig

anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und

krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem

großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige

Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin

fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses

und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der

Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder

allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in

französischen Romanen las.

Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas

eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen,

da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!«

rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre

hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich

um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern

tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem

Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer

herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich

wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten;

als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten

Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren

konnte.

Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze

Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten

wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe,

bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In

dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß

ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe

Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel

mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein

leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich

mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama

zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war,

meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre

ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur

noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.

Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung

hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im

Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den

Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster

emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe

lange Ohnmacht kam über mich. –

Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen

öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war.

Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit

einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände

in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog

ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:

»Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte

mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich

wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und

leise stammelte ich:

»Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein

inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung

gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter

weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz

für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt

gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie

lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um

mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause

geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre

erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe

sein Kind aus den Flammen rettete.

»Wo ist Mademoiselle?« frug ich.

»Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater

stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen

konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende

Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter

willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«

Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen

Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit

seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine

Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt,

das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute

erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige

Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar.

Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb

schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir:

»Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die

Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet,

darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer,

elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen

ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun

mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen

tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir,

Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.«

Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes

Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder

und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge

und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß

und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so

lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat

eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche

so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und

ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein

wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte

gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile

ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz

überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.

Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig

von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so

lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare

mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt.

– Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht,

die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den

Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum,

und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe

begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant

für uns sind.

Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher

einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag

und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer,

welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich

nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit

ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch

zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht

und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein

glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen

Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört

er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen

tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom

Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte

sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles

Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende

Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji

und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die

erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder

aufgedeckt.

Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen

dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem

Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen

hinabgeschaut.

Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige

Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche

wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste

sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander

verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man

über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in

denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß

es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser

zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der

Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche

steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine

unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und

sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen

und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?

Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen,

daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe

auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und

mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert,

sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende

dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit

du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund

des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie

finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich

habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht

herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr

wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns

wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu,

liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine

treue Freundin

_Alma von Stolzau_.

Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen

und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen.

Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie

erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre

Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben

großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die

goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber

sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher

nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen

Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen,

schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß

das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz

und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu

Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen.

Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu

beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten

hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur

sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich

auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie

anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von

ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und

anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was

um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte.

[Illustration]

Elftes Kapitel.

Tagebuchblätter.

Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings

angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes

war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft

zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles,

was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern

festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen

Einblick in einige dieser Blätter gestatten.

Aus Aennchens Tagebuch.

Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die

Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.

Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr

in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am

Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht,

er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht,

auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor

Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl

führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die

kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn

das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und

ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht.

Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa

befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten.

Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht

mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten

Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen

Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken

vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette

nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte.

Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte,

wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter,

darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte

er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder

nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der

ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine

Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen

ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem

rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah.

So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm,

welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer

lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein

ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen

Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und

auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns

auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht

davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für

den ganzen langen Tag aufsparen.

Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen

Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches

Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten

vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte

dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes

und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt

in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen

eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen

hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen

und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber

Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und

meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.«

Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt

aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette

freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar

nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein

passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir

sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen,

in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht

folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun

sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen

Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären

müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger

aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht:

»Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?«

Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war

wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen

haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen

Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen

rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das

schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine

Fahne lustig im Wind.

»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz

entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt.

»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald

oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen

Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen.

»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne

Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs

getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da

die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und

niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die

Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein,

es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand

zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das

Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst

zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist

denn die Hausfrau?«

Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder

umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der

Thür erwarteten, und riefen:

»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!«

»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um

unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag

dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren

darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen

Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen

zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.«

Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch

schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor

Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses

zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche,

nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin;

sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und

faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die

Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus

dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch

für das Mahl herzurichten.

Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser

neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz

war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die

Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und

Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen

zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen

eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle

hörten wir meckern.

»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche

zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen

sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen,

Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen

sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden.

»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine

Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte

anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung

gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune

Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer

Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher

Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in

dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges

Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat

herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und

ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert

habe.

»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich

erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!«

Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief

weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s

gesagt.«

»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz

verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie

die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im

Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer

Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten

uns nicht genug verwundern.

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 7 / 11 段