erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche
sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In
kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen
überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde
hinzufegen.
Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und
schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört
und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer
Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich
her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl
geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier
in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht
verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn
die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie
mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem
Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der
Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann
plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle
Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren
keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern
vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden
verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem
Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines
wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die
kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners,
das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen
blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen
eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die
fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor
Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.
Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der
Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder
so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen
wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm
wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten
vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu
Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen
Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers
hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun
langsam rieselnd zu Boden sickerten.
Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus
ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des
Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und
nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem
Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle
beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr
ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine
lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger
verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne
hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette
schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die
Erde auszubreiten.
Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma
Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung,
auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine
blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene
Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem
Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein,
droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis
tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre
in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner
schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den
allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.
An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank
hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch
lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand
daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet,
eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als
seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein
kunstvolles silbernes Kruzifix herab.
Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum
und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten
sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig
Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie
vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet,
da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger
damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon
ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in
der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch
Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden,
die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager
erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie
entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland
hinüber. – –
Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen
haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit
goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das
Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen
Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar
nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang
sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis
vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete.
Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den
Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der
braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick
bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde
Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte
Stimme des fremden Mannes frug:
»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest
gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht
zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«
Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze
Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages
stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles
selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber
wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch
Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie
verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige
Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den
Kopf.
»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt
und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den
Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe
Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst
bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen
nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten
hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen
ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir
doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so
überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas
Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein;
meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«
Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und
zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann
ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann
frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da
hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt
und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:
»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt,
die uns das Frühstück besorgen soll.«
Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch
die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande,
wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine
Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis
hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen
wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von
kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.
»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche
Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und
rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?«
Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen
hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen
in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie
führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste
erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.
»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen
Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und
warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch,
was du kannst.«
Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült
hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der
Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum
Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die
Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich
in einem Husch zum Davonlaufen.
»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind
scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute
nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei
meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf
hinunter zeigen kannst.«
Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die
aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen
Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten
etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den
köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre
weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche
Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit
darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu
erzählen anfing.
»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir
in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst
wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an
dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten
und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen,
die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und
hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und
hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor
lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.«
»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen
in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach,
was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus
vorfand!«
»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der
Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich
benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist
es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe
macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein
Stückchen begleiten!«
So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege
voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann
zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den
gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen
von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß
er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause
und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe.
Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets
dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines
Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder
nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen
Kräften bei.
»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist
so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr
braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten
Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein
wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft:
»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger
Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!«
Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße
führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem
er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so
leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen
Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand,
dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und
drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so
rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen
zurief:
»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig
versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause
komme.«
Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein
freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem
Finger darauf hinwies:
»Seht, da bin ich zu Hause!«
Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit
gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte
Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken:
»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet
zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich
aber laufen, soviel ich kann.«
Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht
vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem
Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als
sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so
Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches
mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die
niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu
sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten
sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es
begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd
gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke
gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die
braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um
das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als
sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und
rief munter:
»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der
Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie
wird euch sicher willkommen heißen.«
Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und
rief ihr ins Ohr:
»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der
Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie
mit mir geschickt hat!«
»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit
dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen
wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der
Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.«
Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas
zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe
mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr
gerne geladen sein.«
Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum
von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem
Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein
Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei
große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf
den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch
gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr
Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und
rief:
»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die
Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn
diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«
Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf,
zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie
fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit
genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur
aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des
Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich
hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an
alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und
Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer
freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um
die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die
Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit
ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom
Tisch auf und rief:
»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem
Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird
dann schon weiter für euch sorgen.«
Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen
Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit
gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen
entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der
Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders
aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes
einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis
oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise
überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ
doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor
gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC
aufzusagen – _abcdefghiklmnop_, und die Stimme des Lehrers schallte oft
verweisend laut dazwischen.
Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man
schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen:
»Herr Lehrer, es klopft!«
»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr
habt nur wieder Dummheiten im Kopf.«
»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben
mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete
rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase,
auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt
war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen
rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne
flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte
Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern
äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange
Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst
in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin-
und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister
von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die
zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt
hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres
Fortkommen sorgen möge.
»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen
gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit
näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große
Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden.
»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies
wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die
Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur
zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit
der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und
bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der
Herr Lehrer sagte nur:
»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu
Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet
dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet
wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der
Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.«
So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank,
während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier
ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie
verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit
einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen
Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden
Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten
sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten
sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite
der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne –
die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen
hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in
der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke
Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen
wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so
sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und
die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu
unterstützen.
»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener
Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos
an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein,
Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute
flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte,
stotterte unsicher: »A– A– – A– –«
»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr
den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur
Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam«
schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle
Fälle noch einen Gedenkzettel geben.«