Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut

aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der

Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel

und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter,

welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider

auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister

den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz

erschöpft innehalten mußte.

»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer

Junge und sprang von seiner Bank auf.

»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende

mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’

der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen

geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres

Aergernis entstehe.«

Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke

zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen

das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer

kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die

Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die

fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:

»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die

sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.«

Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man

hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander

und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas

ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach:

»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer

bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.«

Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr

Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren.

Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt

auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt

auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern

schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte

zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien,

Nachricht zu geben.

Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz

atemlos zurückgelaufen:

»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt,

den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der

kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich

versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand

gedrückt.

»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen

in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen

im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte

die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.

Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen

gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere

Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die

Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide

hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen

Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen

hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen

von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden,

nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese

längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so

brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses

Gewissen.

»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten

sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da

fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll

Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon

die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger

Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und

soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem

Perron.

»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat

wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte

sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden

und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen

gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß

du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch

ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche

Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal

seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn

von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen

war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte.

So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger

schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten,

aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts

durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man

ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die

ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien.

Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und

Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte,

und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes

Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der

kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch

schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel

ein Briefchen zusammen zu schreiben.«

Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja

selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi

und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die

kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige

nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes

Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte

Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die

fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.

Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch

gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und

Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja

schon ganz gesprungen gewesen.

Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen

ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben

und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit

verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute

doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete:

»Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir

bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht,

wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich

immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei

und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut

aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl,

das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der

Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein

tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was

ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn

der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für

die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben.

Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große

Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da

steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du

darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s

dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen

gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin

aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön

erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote

Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und

alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie

eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und

die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück

und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und

Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie

hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht

so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies

doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß

mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’

aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen

so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der

Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch

wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen

und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen

Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat

mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler

Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen

und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und

Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude

herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er

sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben

wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal

besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel

das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete

daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und

dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief

schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht

übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel

mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt

nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt

und ich grüße.

Eure _Resi_.

Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß

aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe

Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben.

* * * * *

Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz

zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – –

* * * * *

So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und Aennchen mit

großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang mit all

seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit ihr liebstes Gesprächsthema,

denn alles, was sie da erlebt hatten, entschwand ihrem Gedächtnis nicht

wieder und noch gar oft weilten sie im Geiste bei dem lieben alten

Einsiedel und der braunen Resi in der kleinen Hütte.

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Schlimme Freundschaft.

Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich

daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom

Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie

beiseite und flüsterte ihr ins Ohr:

»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige

Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.«

Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah

Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in

beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn

es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche

sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit,

ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal

zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn

nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die

Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich

unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen

aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die

andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule;

nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter

deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu

Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im

Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als

Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot.

Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald

der verschwindenden Sarah nach.

Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch

und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener

Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von

welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres

Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen

Eselskopf bemalt war.

»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch

unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!«

»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine

solche Demütigung von Herzen.«

»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief

Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es

thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die

Sache erleichtert habe.«

»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma

verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst

du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!«

Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig

erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die

Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte

Beleidigung. So rief sie dann erregt:

»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du

weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.«

»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt

wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt,

und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben.

Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen

ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an

die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine

ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz

und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte.

Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der

ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft

erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden

stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im

Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle

zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte,

ein Zeichen gab und sprach:

»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter

kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch

einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der

Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder

am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die

Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei

und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos

in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst

entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen

Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder

anzugeben, was sie darüber weiß!«

Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über

alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte

diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über

flammend rot wurde.

»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden

Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah,

nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du

unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und

dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende

selbst verübt?«

»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die

Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges

Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr:

»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt

du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute

nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah

beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?«

Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie

gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen:

»Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma

versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren

Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll:

»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht

– ich kann es nicht sagen!«

»Wenn ich es aber von dir fordere, so _mußt_ du es gestehen!« rief Herr

Müller, ernstlich böse und entschieden aus.

Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang;

sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So

unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch

nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin,

welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und

einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern

auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit

bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach

dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes

Geständnis abgelegt habe.

Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann,

von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich

wenig vernahm.

Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause

antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach

freundlich ernst:

»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid

giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine

Verzeihung angedeihen lassen.«

Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an,

schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst

hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen,

still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten

Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren,

verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das

Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig

die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund

die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher

Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und

streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie

die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah:

»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch

nicht ganz geschlossen werden!«

Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen

mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein

sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals

gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über

die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher

gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der

Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit

erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in

dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert

erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange

Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte

Landkarte an der Wand.

Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre

liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter

Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten,

wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam?

So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie

eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf,

aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin,

sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine

unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach:

»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?«

Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die

Eingetretene an:

»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«

Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:

»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben

mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn

gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit

dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur

widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich

bei dir bleibe?«

Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten

Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen

ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über

welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend

rief:

»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten

und wie habe ich es um dich verdient?«

Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen

Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei:

»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich

auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach

Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist,

und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder

gut.«

»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den

Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen.

»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die

meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du

wolltest sie nur nicht verklatschen.«

»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die

Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun

sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch

versprochen hatte, es nicht zu thun?«

»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte

Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch

selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß

du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht

mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt

soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.«

»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief

gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir

noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen

muß!«

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Martha.

Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag

mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha,

wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang

berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und

geschluchzt, daß es ganz elend geworden war.

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 5 / 11 段