von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über
den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach
Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen,
denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit
gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis
sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.
[Illustration]
Siebentes Kapitel.
Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.
Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem
Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit
seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der
Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen
Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie
in der großen Prüfung gut bestanden hatte.
Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als
die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern
im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten
auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher
Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und
Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten.
An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen
und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen
würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich
gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage
des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war
sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem
ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder,
in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.
»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich
gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit
Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen,
wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«
Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte
plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort
auf des Herrn Kommissars Rede:
»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«
Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über
ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen,
daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran
gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr
Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter
und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen
dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen
Gelehrten getrunken wurde.
Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr
schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr
mit vorrücken durfte.
Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich;
er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn
Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den
Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.
Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt:
nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte,
mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen.
Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der
Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder,
ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren
Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen
die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die
Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.
Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle
des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern
sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist
leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als
eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer
Tagesausflug veranstaltet werden.
Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der
Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen;
als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.
Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte
den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles
Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so
lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen
anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges
Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für
solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber
klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf
durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide
zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es
gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie
alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer
zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt,
Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte
ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem
tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei
dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie
habe keine Lust, sich damit zu belasten.
Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die
Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und
ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät,
den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte
längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über
Stock und Stein davon.
Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen
Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch
Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren
schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte.
Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von
Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im
weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz
sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in
einem zierlichen Täschchen bei sich trug.
»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen
Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu
genommen – da werden wir wohl reichen!«
Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie
war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den
Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese
aber tröstete sie:
»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein
lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht
nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.«
»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten
miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück.
»Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in
einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir
ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!«
Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen
das schöne Wanderlied zu singen:
»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus –
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus –
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
– Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht –
Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert,
Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«
Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die
herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße
und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am
liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt
hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch
besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen
an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas
Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«
Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie
seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu
ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der
Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten,
bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man
es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine
Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber
kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude
an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend
vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu
glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden
träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen
gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen
und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber
nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus
nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.
Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber
tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr
durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann
euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte
von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner
Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er
mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang
herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll
von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz
vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen
Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben,
in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein
Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke
in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat
die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer
entgegen.
»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich
Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig
hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«
»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die
Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins
dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und
Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee.
So brauchen sie sich nur zu wählen.«
»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller
an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das
ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«
Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während
sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden
Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und
Aennchen kam und frug:
»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:
»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher
Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen
können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich
wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für
einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«
Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.
»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie
verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn
das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden
können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«
Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah
nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte
in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre
Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer
Miene befahl:
»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot –
ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«
Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und
danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen,
saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht
gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst
verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte,
und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem
Mahle.
Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich
bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure
Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den
letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale
furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an.
Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei
Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig
um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl,
welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er
freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und
er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht
wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit
den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.
[Illustration]
»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das
schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich
kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«
Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl
genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen
Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu
erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag
vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen
Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie
abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede
weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die
beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte
er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl
neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem
Walde antraten.
Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen
währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über
ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen
Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen
verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that,
daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch
aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern
gegangen waren.
»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen
ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die
Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß
Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten,
wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen
für so junge Fräuleins.«
»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus
der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte
sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen
der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch
herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon
glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie
gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen
sind.«
Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte
sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen
die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der
freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße
entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen
aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen
Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald
hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben
entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich
auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!
Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig
herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige
zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch
und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter
Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von
Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen
rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue
Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches
Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor
Entzücken.
Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem
erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja
zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten
dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden
Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar
reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen.
Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der
köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich
zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß
sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den
Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit
sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach
den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche
Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so
tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher
Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den
Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes
Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum
hindurchzuwinden vermochten.
Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion
Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre
nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche
die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten,
die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so
beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber
Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe
steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man
sich auf einer Anhöhe befand.
»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich
werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden
und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon
wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«
»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich
dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es
ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.«
»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte
Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.«
»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte
Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch
aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um
uns würde.«
Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und
dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen
atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß
sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten,
es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder
erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten.
Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie
es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor
ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters.
Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten
dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch
jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile
vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den
Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte
sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele
Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand
die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der
ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter
voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu
ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben
schossen tief am Boden hin.
Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle,
durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge,
aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle
entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden,
wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen,
selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt
und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf
zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben
und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen.
Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer
in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich
klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich
erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma
darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich
befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als
sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche
wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken!
Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der
fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher
See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen
Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen
Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war
so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen
begann:
»Auf die Höhen möcht ich steigen
In die freie Bergesluft
Und den Blick herniederneigen
In das Thal, erfüllt von Duft,
Auf die friedlich stillen Hütten,
Auf des Stromes Silberband,
Und dann rufen laut inmitten:
Schön bist du, mein Vaterland!«
»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich
dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche
pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie
unheimlich das aussieht.«