Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma,
welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal:
»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte.
»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein
Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt
aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein
jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden
Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein
übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn
er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine
eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens
vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen
gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!«
Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie
endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt.
Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief
ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher
bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen.
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Fünftes Kapitel.
Lehrstunden.
Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit
Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt
worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden,
daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern
bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen
Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle
bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen
gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich
nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein
volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine
der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und
Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern.
So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden,
wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise
zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit.
Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben
des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im
Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu
entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben,
wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag,
und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es
versuchen zu lassen.
Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie
vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel
nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl
zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus,
und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig
und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.
In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave
und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen
Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und
auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das
Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange
die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und
auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar
leicht dem Gedächtnis ein.
Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die
Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch
keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme
zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen
und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald
zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich
sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende
ging, baten gar oft die Kinder:
»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.«
Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar
gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:
»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder
»Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich
weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt
ihrem Gesang.
Sechstes Kapitel.
Ein Tag bei Alma.
»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir
erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines
Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen
leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd:
»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn
wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte
bei dir genieren den ganzen Tag.«
»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich
noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit
trennten sich die Freundinnen.
Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von
der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte:
»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in
ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon.
Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen
wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre
mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer
breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der
Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen
eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche
zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst
Sorge tragen.
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Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen
und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf
den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube:
»Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?«
»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den
fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich
ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus.
Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne
ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos
hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen
Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich
darin aus.
Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und
der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige
große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem
wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den
Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen,
ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich
doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich
dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann
durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe
Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der
Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im
Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne
lustig in die Welt hinauswehte.
Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon
eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus
hervor und dem Gaste entgegen.
»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens
Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große
Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der
Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es
kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses
hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst
das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die
Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder
Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich
die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses
hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem
Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern
errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und
sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an
die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:
»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der
Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«
Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das
Zimmer.
»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,«
sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von
glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit
deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung
stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu
Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte
sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt,
Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine
kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das
Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem
wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall
auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke
ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken
vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher,
Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz,
was man sich nur denken kann.
Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber
sah ganz gleichgiltig aus und meinte:
»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der
Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.«
»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.
»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine
Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist
eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit
ihr fertig.«
Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie,
»wo ist sie denn?«
»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum
gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie
nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch
durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt
werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er
sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so
sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«
»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen
gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf
bestanden hat.«
Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in
einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes
köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles
mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben.
Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von
da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes
Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr
grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum
andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich
ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug
glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte
ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze
Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah,
in dem Heukasten.
»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie
hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über
das seltsame Betragen dabeistand.
»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen
lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall
und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein
kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe
Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen
behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem
Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche
aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der
Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe
ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so
stürmisch, wir könnten herausfallen.«
»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma
übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte
diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte
den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen.
So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie
die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung
machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen
aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden
erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über
Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten
hin die Räder und Kissen auseinander flogen.
Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen
Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche
eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall.
Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern.
»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte
sie.
Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas
zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich
selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem
abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage
nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat
schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht
waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.«
Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als
sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in
einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits
mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld
die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel
gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge
Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand
ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif
wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all
die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen
Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge
angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den
Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten
Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche
mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die
herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen
Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie
vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die
Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu,
daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma
wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen.
Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:
»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf
stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif.
»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu
Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.«
Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und
fragte:
»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?«
»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße
an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen
und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun
die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine
Hand zum Kuß reichte.
»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –
»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften
die Mädchen das Zimmer verlassen.
Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen:
»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall
verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?«
»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der
Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit
begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh
genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein
kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer
gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften
aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie
freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«
»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier
Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie
zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und
Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem
Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«
»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann
brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit
in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder
alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen
hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum
Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen
der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und
grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich:
»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern
Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und
winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu.
»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.
»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht
da ist, so kann es uns niemand verbieten.«
»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.«
»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße,
»du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich
eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte
aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren
Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg
sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und
gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte,
es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz
und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma
wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann,
ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom
Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie:
»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber
gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger
schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei
aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte
kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma
schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig
wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe.
Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger
Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit
kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte,
an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann
ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn,
bevor er sich selbst hinein schwang.
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»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er
aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff
und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden
Freundin am Boden.
»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche
Gesichtchen betrachtend.
»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß
so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung
nachfolgt.«
»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa
erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?«
»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu
meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich.
»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma
befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um
sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und
ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte
das alles im Augenblick vergessen.
Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte
Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme
gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich
damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu
bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und
behauptete, sich ganz wohl zu fühlen.
Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der
Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen
Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären
konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen
prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug,
und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend.
Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in
dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen
und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis
um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und
schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie
geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen
befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie
sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für
die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der
verunglückten Kahnpartie verraten.
»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?«
bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig
nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte
nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie
es doch.
Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre
Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen
Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes
Daheim und sprach leise vor sich hin:
»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir
tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«