Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und d

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter

Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

[Illustration]

Schulmädelgeschichten

für Mädchen von 7–12 Jahren

erzählt von

Marie Beeg.

Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern.

Sechste Auflage.

Berlin W.

Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung.

Inhalt.

Seite

1. Kapitel: Der Geburtstag 1

2. Kapitel: Der erste Schultag 8

3. Kapitel: Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft 17

4. Kapitel: Die Handarbeitsstunde 23

5. Kapitel: Lehrstunden 28

6. Kapitel: Ein Tag bei Alma 30

7. Kapitel: Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer 42

8. Kapitel: Schlimme Freundschaft 72

9. Kapitel: Martha 79

10. Kapitel: Ein Brief Almas an Aennchen 92

11. Kapitel: Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch 100

12. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch 108

13. Kapitel: Marthas Hausgarten. Der arme Hansi 114

14. Kapitel: Wintervergnügen und Eisabenteuer 122

15. Kapitel: Klara 126

16. Kapitel: Musikstunden 129

17. Kapitel: Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr 134

18. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation 140

19. Kapitel: Das Kränzchen 144

20. Kapitel: Ein überraschender Besuch 150

21. Kapitel: Schluß 157

Erstes Kapitel.

Der Geburtstag.

Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie

mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte

sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher

Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein

wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da

tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf

die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken.

»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die

Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich

das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte

sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!«

Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden

sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl

alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine

große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten,

eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine

passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.

Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf,

sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief

noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten,

sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch

recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und

begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen

herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel,

der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt

darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett

herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann

wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar

Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich

angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen

mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das

wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann

durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die

Eltern und Geschwister versammelt waren.

Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb

und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die

große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken

vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und

es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und

schier erschrocken stehen.

Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die

Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß

eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein

Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren

Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der

verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene

und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten –

kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit

Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein

Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer

Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches

weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter

Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.

Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen

Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen«

schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze

Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher

angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in

welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines

Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu

sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche

und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet

fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit

thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort

ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!«

Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet,

dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre

beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen.

Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als

sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch

fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:

»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich

jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag

beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du

auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden

Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende

Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die

Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen

schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen

ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben

ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken

lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei

haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber

wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald

benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.«

»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die

Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte,

da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den

Boden und schluchzte und schrie:

»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!«

Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch

dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und

starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis

jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat

vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat:

»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht

gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr

schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf,

sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.«

Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte

es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen«

geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt,

das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als

ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das

wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so

schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie

sich schon so lange gefreut hatte.

So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen

Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand;

all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren,

vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und

jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute

bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am

Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch

schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken.

Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah

sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen

auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus

und fing von neuem an, bitterlich zu weinen.

»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig

sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor.

Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte:

»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.«

»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?«

»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus

Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr

Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst:

»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so

schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird.

Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein

Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann.

Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken

noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin

das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem

Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der

nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden,

so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten

und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das

wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter,

wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig

ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es

eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen

kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen,

Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und

ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt,

haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles

begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben

Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe.

Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen

gehören, mein Aennchen?«

»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches

aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen

dasaß.

»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute

den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf

nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf

dich.«

Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde!

Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum

Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen:

»Aennchen, Aennchen!«

»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern

entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine

allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz

angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich

kaum vor Freude und die Geschwister riefen:

»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.«

Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel

und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant

und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das

war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die

kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten

stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die

andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so

setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem

Vergnügen teilnehmen.

Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die

Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des

so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich

spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen

zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr:

»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so

unartig gewesen bin?«

Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort.

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Der erste Schultag.

Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht

schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein

sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn

doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.«

Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen

und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese

that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte:

»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt

werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus

deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein

besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die

schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt

hat?«

Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit

weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein

helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu,

war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine

Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne

putzen ließ.

Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst

Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam

sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken

nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach:

»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.«

Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen

Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie

Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause

hinaus.

Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben

und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto

mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein,

manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch

nicht lange begonnen.

Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein

Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele

Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der

Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob

es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da

stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf

die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und

sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert

hielt:

»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!«

Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so

sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so

freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand

in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke

entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren,

und fragte:

»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?«

In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die

Finger in die Höhe:

»Hier!«

Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden

Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie

allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das

Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich

vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine

sanfte Stimme flüsterte beruhigend:

»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.«

Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten

hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut

und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein

einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes

Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte

sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend:

»Wie heißt du?«

»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen

Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß

es nicht so schlimm ist.«

Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr

spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte

sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch:

»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein

ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.«

Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier

in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich

war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie

sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die

Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer

Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit

goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht

flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre

bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen

glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und

atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber:

»Wie heißt das Mädchen neben mir?«

Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du

nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.«

Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge

verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er

inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand.

Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte

er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf

mitsingen.«

Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern

gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen

Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma

jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine

Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht

mit. Aennchen sah sie verwundert an.

Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann

trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel

und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem

Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel

heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas

Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch

Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit

Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte!

Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein

kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich

Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer

von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage!

Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich

zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon

eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da.

»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt.

»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort.

Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch,

daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er

schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel

gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie,

Aennchen etwas mit Rat beizustehen.

So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht

hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde:

»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!«

Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten

laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der

andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen

und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit

fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen

Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies-

und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun

die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten.

Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie

kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich

trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft

zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen

Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die

kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen.

»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu.

»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und

rücksichtslos ab.

Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen

Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen

in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber

Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt

vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen

wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von

ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete

Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied,

wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten,

sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in

die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht

einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor

Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an.

Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht

wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein

Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu

tadeln und zu rügen.

Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese

verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge

Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich

nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen

und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß

die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein

Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war

schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß

der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und

Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.

Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim

Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch

flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde

wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm

und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein

reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte

Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und

dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.

»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann

schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp.

Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig

vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so

stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine

bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte

freundlich:

»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«

»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher

nicht denselben Weg.«

»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und

ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn

meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit

gemietet.«

»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?«

fragte Aennchen überrascht.

»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,«

war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine

Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken

Schwester Gesellschaft leisten.«

»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.

Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas.

»Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue

eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«

Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige

Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale

Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden

die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und

leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen.

Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze

Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie

ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu

erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren

Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte,

da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein

Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen.

Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte

keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht

einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder

zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese

Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden

durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing

sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so

lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater

mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:

»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen

lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?«

Aennchen murmelte »Ja.«

»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig

ist!«

So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte

sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die

aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei

und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu

regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten

genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle

so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel

bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel

und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter

nach dem Garten.

Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf.

Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit

den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt

etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit

entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig

kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen,

dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer

großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten,

und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein

Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte,

es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte

hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als

vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit

Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten.

Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:

»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine

beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute

Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die

Vorstellung.«

Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und

jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen

alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren

hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die

verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann

im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.

Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam,

zankte Lisette tüchtig und sagte:

»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang.

Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich

konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel

zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und

blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und

schlief fröhlich ein.

Drittes Kapitel.

Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft.

Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie

verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im

Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis

alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und

anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus

dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und

weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu

sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren

Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.

Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn

als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun

Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude

hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert

um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz

zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng

entgegen und faßte sie bei der Hand:

»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten

eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man

pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der

Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung

vorbringen muß?«

»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen

verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.

»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.

»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen

heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so

öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune

wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ,

schlüpfte sie auf ihren Platz.

Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen,

Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit

ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte

Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen,

daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue

Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:

»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s

sieht!«

Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte

sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges

i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines

Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre

Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?

»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende

gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.

»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten

vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,«

ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen

kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«

»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn

nicht gut verwahrt?«

»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich

alles liegen und sprang davon.«

»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst,

»denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets

ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß

sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat.

Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von

dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen

können.«

Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen

Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen

würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!

In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem

Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder

Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.

Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich

aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust,

ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit

sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie

einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche

Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher

nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.

»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten

mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause

brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«

»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser

gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein

Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen.

Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«

Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich

tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann

sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer

schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen

Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie

auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden

Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele

eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.

Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da

erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige,

welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen

und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte

hämisch:

»Wie eine Gauklerin!«

Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen

stürzte sie auf die Sprecherin zu:

»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich

zurück!«

Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen

Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden

auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke

die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber

folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und

ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin

murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«

Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich

mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend

zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute

den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt

hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da

sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit

ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr

das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne

zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und

mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales

Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte

sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn:

Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!

Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame

Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der

Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut

gefiel Aennchen das schöne Lied:

»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«

Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen

Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als

»treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die

kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit

diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen

hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis

zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe

ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und

wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!

Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich

des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende

unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die

Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst

aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste,

was man begehen könnte!«

So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe

hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein

liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus

gebracht?«

Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der

Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen

gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber

das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir

nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr

der Mutter und flüsterte:

»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«

Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie

gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem

Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn

begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann

es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei

deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine

verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen;

freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun

nichts werden.«

Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen

Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat.

Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel

der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz,

der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung

fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben

sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging

ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie

heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise:

»Hab ich Unrecht heut gethan,

Sieh es, lieber Gott nicht an –

Mache Du durch Christi Blut

Gnädig allen Schaden gut.«

Viertes Kapitel.

Die Handarbeitsstunde.

Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde

bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen

Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der

Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz

führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren,

welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen

schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes

Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus

wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und

zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit

innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle

»Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie

sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein

gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour,

den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar

immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde

austeilte.

Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so

heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern

leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn

sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde

fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz

zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht

wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer

anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten

eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich

zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich

in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf

stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster.

Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle

Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.«

Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren

über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich

ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie

sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß,

es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen

Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch

niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte

diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst

das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam

richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick

errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:

»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der

Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen,

weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt

sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht

interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu

hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie

du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen

Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was

ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und

eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit.

Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen

nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald

wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der

Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen

Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich

über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle

eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete,

das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.

Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines

Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte

– das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre

Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer

zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine

vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß

man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und

Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts

mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem

Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand

dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter

und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen

und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie

wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl

mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren

feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der

Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten.

Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit

ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt

und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde,

da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst

daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte,

da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der

Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend

und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit

glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über

sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden

und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das

Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der

Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte,

ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er

den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich

imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war

gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein

unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der

liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum

glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt

ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte

das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es

gewesen.«

Schulmädelgeschichten: für Mädchen von 7-12 Jahren · 第 1 / 11 段