guten ** der Vorsicht und der Beschützung des Himmels, und trage es
diesem freundschaftlichen gütigen Mond auf, der eben jetzt über meinen
Gesichtskreis kommt, Sie mit seinen Strahlen zu begrüßen -- und Sie an
Ihren Freund zu erinnern, wenn Sie ihn unter bessern Freunden vergessen
sollten u. s. w.
Vierzehnter Brief.
Breßlau den 26. Aug.
Wenn der Brief in eben dem Augenblicke zu Ihnen kommen könnte, in
welchem ich ihn schreibe, wenn ich tausend Empfindungen mit einem Worte
ausdrücken, und die ganze Fülle meiner Seele ohne Zeichen, durch eine
Art von Inspiration der Ihrigen mittheilen könnte, dann, glaube ich,
würde die Ungeduld gestillt werden, mit welcher ich jetzt diesen Brief
anfange. Die Zeit, bis er zu Ihnen gelangt, scheint mir unermeßlich;
und ich wollte gern, daß Sie es diesen Augenblick wüßten, daß nur
der Zufall, nicht Ihr Freund an Ihrer Unruhe schuld gewesen ist; daß
er eben dieselbe Unruhe um der nämlichen Ursache willen ausgestanden
hat; und daß, so gern er jeden sorgenvollen Augenblick aus Ihrem Leben
austilgen wollte, ihm doch diese Ihre Bekümmerniß, mehr als jedes
andere Zeichen Ihrer Freundschaft schätzbar und theuer ist.
Ja in der That, l. F., das Schicksal hat sich recht bemühet, unsere
Seelen die letzte Woche mit einerley Gedanken und mit eben denselben
Bekümmernissen einzunehmen. Ihr Brief, (der, den ich in S**** schon vor
acht Tagen erhalten sollte) blieb aus, und ich fand ihn nicht eher, als
des Sonntags bey meiner Zurückkunft in B****. Ich weiß nicht, warum
Ihre Briefe gerade da am ehesten ausbleiben müssen, wenn ich sie am
meisten wünsche. Denken Sie nur, ich trug schon die ganze Woche vorher,
aus Ursachen, die ich mir so wenig erklären, als ihre Wirkung aufheben
kann, einen gewissen stillen mehr nagenden, als heftig beunruhigenden
Verdacht mit mir herum, Sie wären mir nicht mehr so gut, als vordem.
Sie wissen, Gründe richten sehr wenig gegen Empfindungen aus. Ich
erwartete also Ihren nächsten Brief, um meine Furcht und mein Mißtrauen
zu beschämen. Wir konnten den Tag, an welchem Ihre Briefe ankommen,
keinen Boten in die Stadt schicken, und diese Briefe (so dachte ich
damals) blieben also auf der Post bis den folgenden Tage liegen. Ein
sehr unangenehmer Verzug, der aber die Begierde und die Erwartung noch
mehr schärfte. Endlich hatten sich die Stunden bis zur Ankunft des
Boten langsam und traurig genug fortgeschlichen -- und nun kam er ohne
Briefe.
Stellen Sie sich selbst vor, was eine Fehlschlagung in einer solchen
Verfassung für Wirkungen auf ein Gemüth haben mußte, das dem Ihrigen
ähnlich ist. Sie schienen mir blos deswegen nicht geschrieben zu
haben, um mir zu sagen, daß ich Recht gehabt hätte mich zu fürchten.
Ich bildete mir ein, als hätten Sie in meiner Seele eine Unruhe lesen
können, und hätten deswegen geschwiegen, um ihren Grund zu bestätigen.
Ich hörte schon auf, mein eigner Freund zu seyn; denn gewiß, ich
würde mich selbst für ein nichtswürdiges Geschöpf ansehen, wenn Ihre
Freundschaft mir in meinen Augen keinen Werth mehr gäbe.
Die Seele kann in einem so unangenehmen Zustande nicht lange beharren.
Er ist, so wie Sie sagen, und so wie meine Erfahrung mich lehrt, ein
Stand der Unthätigkeit, der Philosophie unsers Freundes ungeachtet.
Sie wankt also eine Zeit lang zwischen Reflexion und Gefühl, zwischen
deutlichen Gründen und dunkeln Einbildungen hin und her; sucht eine
Menge Beweise, um das nicht zu glauben, was sie scheut, und stürzt sich
doch wieder, trotz aller Beweise, in ihre traurige Ueberzeugung zurück.
Dieses Mal siegte ich aber doch endlich! denn das war ich gewiß genug,
daß Ihre Freundschaft nicht so, wie der meisten Menschen ihre, ohne
besondere Ursache nur erkalten kann, blos deswegen, weil die nähern
sie immer umgebenden Gegenstände unaufhörlich einen Theil ihrer Wärme
rauben, und sie durch diese allmählige Ausdämpfung zuletzt bis zu der
ordentlichen Temperatur der Gleichgültigkeit zurückbringen. Aber das
wußte ich nicht, daß Sie mich Ihrer Freundschaft immer auf gleiche Art
würdig finden würden. Ich habe immer geglaubt, daß die Freundschaft,
so wie die Liebe, eine gewisse Art von Verblendung erfordere; nicht
eine solche, die die Gestalten verkehrt, sondern die, welche den guten
Eigenschaften allein Licht giebt, und die schlechten in Schatten setzt.
Wie wäre es nun, wenn Sie diese Verblendung gewahr geworden wären, --
wenn Sie anfingen, mich eben so zu sehn, wie mich alle übrige Menschen
sehn? -- Aber kurz, Sie hatten mir noch keine Veranlassung gegeben,
diese Veränderung zu glauben. Ich konnte selbst den Ursprung dieses
Gedankens in meiner Seele nicht ausfindig machen. Er erfüllte die Seele
so, wie manches falsche Gerücht die Stadt, ohne daß man sagen kann, wer
das Ding zuerst erzählt hat. Und konnten endlich Ihre Briefe nicht aus
tausend andern Ursachen zurückgehalten werden?
Aber dabey schmeichelte ich mir doch nicht, daß Sie wirklich
geschrieben hätten, und es blos Unrichtigkeit der Post wäre, die mir
Ihren Brief vorenthielte. Ich verließ S**** des Sonntags, nicht mit so
viel Widerstreben, als ich sonst gethan haben würde, wenn ich nicht
Ihre Briefe in der Stadt zu erwarten gehabt hätte. Ich fand sie, und in
denselben die zärtlichste, gütigste Freundin, die Sie immer waren, dazu
gemacht, das Leben nicht bloß Eines Mannes glücklich zu machen.
In der That bedurfte ich dieses Trostes, um nicht allen meinen Muth
unter der Menge unangenehmer Zufälle zu verlieren, die auf uns in der
Stadt warteten. Meine Mutter kam halb krank nach Hause. Ihr Bruder,
der, wie Sie wissen, im Bade gewesen ist, war kurz zuvor durch den
Banquerout eines der ansehnlichsten hiesigen Häuser, dem er einen
beträchtlichen Theil seines Vermögens anvertraut hatte, zurückgerufen
worden. Ein andrer unsrer Freunde, der brave T****, sah durch eben
diese Begebenheit eine Summe von 10000 Rthlr. auf vielleicht weit
weniger als die Hälfte heruntergesetzt; eine andre Freundin, die Mad.
P*** (eine von den wenigen Frauen, die Ihrer Bekanntschaft werth
wären), war gefährlich krank, und der Arzt hatte ihr erst vor kurzem
die Hoffnung zum Leben wiedergegeben. Meines Onkels jüngste Tochter war
es auch. Die allgemeinen Klagen vermischten sich mit der besondern Noth
unsrer Familie. Endlich bekam ich Gellerts Brief, und die Nachricht
von des Grafen Tode. Mit diesem verschwand alle Aussicht auf künftigen
Winter. Die nächsten Monate sogar hüllten sich wieder in Dunkel
und Finsterniß ein; -- und nirgends, nirgends sahe ich irgend einen
Schimmer eines Lichtes, der mich zu meiner Freundin wieder zurückführte.
An die Stelle dieser verschwundenen Hoffnung trat eine Furcht, die ich
schon überwunden zu haben glaubte. Während meines Aufenthalts in B***
ist der Prorektor des hiesigen ersten Gymnasiums wegberufen worden.
Meine Freunde dachten ganz natürlicher Weise an mich. Ich verzeihe
Ihnen den Wunsch, mich hier zu behalten; er entspringt aus einem so
gütigen Herzen, daß ich ihn gern mit meinem Wunsche bestätigen wollte,
wenn es auf weiter nichts als Vergnügen dabei ankäme. Man redete also
viel davon, man erforschte meine Gesinnungen, man ersann sich allerhand
Möglichkeiten. Alles das war gut, so lange die Sache noch in einer
gewissen Ferne blieb. Ich gestand, so oft die Rede davon war, meine
vollkommene Abneigung; und ich gab, wie ich denke, Gründe davon, um ihr
nicht den Schein des Eigensinns und des Vorurtheils zu geben. Man hörte
endlich, da die Wahl ins Lange gezogen wurde, auf davon zu reden.
Heftige Bestrebungen verzehren sich selbst, wenn sie nicht sogleich
thätig werden können. Ich erklärte mich ein Mal für alle Mal, daß ich
keinen Schritt der Sache entgegen thun würde. Eine ganz freywillige,
unveranlaßte Anbietung dieses Amtes würde alsdenn von mir nicht ohne
Ueberlegung verworfen werden.
Ich glaubte, daß ich gewiß sehen könnte, daß dies niemals geschehen
würde, da der hiesige Magistrat die Maxime hat, den ungestümsten
Bittern die Aemter am ersten zu geben, und da die Jahrbücher von
B*** noch kein Beyspiel von einem jungen Menschen haben, der, ohne
die niedern Stufen des Schuldienstes durchkrochen zu seyn, zu dieser
Würde erhoben worden wäre. Mitten unter diesen Sachen reiseten wir
aufs Land, mein Onkel ins Bad. Die Briefe Gellerts brachten uns alle
diese Gedanken aus dem Sinne, und Leipzig und Dreßden nahmen unsre
Aufmerksamkeit so sehr ein, daß wir nicht mehr wußten, ob es einen
Prorektor in B*** giebt. Ich kam wieder zurück mit der vollkommensten
Sicherheit, daß diese Stelle längst würde besetzt seyn, und daß
alles entschieden sey. Kein Mensch dachte wieder daran, bis Gellerts
Brief dem Laufe unsrer Vorhersehungen eine neue Richtung gab. Gestern
war ich mit meiner Mutter in einer großen und zu meinem Unglück sehr
vermischten Gesellschaft. Einer davon, ein Herr von P***, ein Mann, dem
große Reichthümer und viele Verbindungen eine Art von Ansehn geben,
dem es übrigens weder an Verstande, noch einem gewissen Grade von
Empfindung mangelt, zog mich gleich bei seinem Eintritte auf die Seite.
-- Hören Sie, sagte er, wollen Sie Prorektor seyn? -- Die Frage war
sehr kurz, und die Antwort schien entscheidend seyn zu müssen. -- Ich
wiederholte ihm kurz das, was ich allen meinen Freunden schon längst
gesagt hatte. -- Ich war von Herzen froh, als ich endlich erfuhr,
seine Frage bedeutete nichts mehr, als jede andre Frage von der Art;
als ein Freund meines Onkels und meiner Mutter hatte er ihre Wünsche
vorhergesehn, und wollte es bloß erfahren, ob es auch die meinigen
wären.
Unser Gespräch war noch nicht zu Ende, da es von einem Schwarme andrer
Leute unterbrochen wurde. Ich hatte bey einem sehr vollen Tische
den langweiligsten elendesten Abend von der Welt. Ich dachte fast
an nichts, als an den Kontrast dieser Gesellschaft, und der kleinen
an Ihrem Tische, in der ich so viele Stunden unter dem heitersten
Vergnügen verlor. -- Nur einen einzigen solchen Abend, l. F., und ich
wäre auf einen Monat zufrieden u. s. w.
Funfzehnter Brief.
B***, den 9. Septbr.
Unerachtet mich meine Reise gehindert hat, an der besondern Lustbarkeit
dieses Tages Theil zu nehmen, so bin ich nichts desto weniger bey
Ihnen gewesen, so wie ich es alle Tage bin. Und vielleicht war es ein
gewisser geheimer Einfluß, den Ihre Seelen auf die meinige hatten, der
mich diesen Tag (es war der letzte, den ich in M*** zubrachte), beynahe
vergnügter machte, als ich die ganze übrige Zeit gewesen war. --
Eine Grille, die mir Schwedenborg, und sein Kommentator, M. Kant, in
den Kopf gesetzt hat, kann ich mir noch nicht ausreden. -- So geht
es; Sätze, die uns lieb sind, nimmt man gar zu leicht für Wahrheiten
an, und das Sicherste, was ein Philosoph thun kann, um uns von seinen
Hypothesen zu überzeugen, ist, daß er den Wunsch in uns erregt, daß
sie wahr wären. -- Aber zur Sache selbst.
Schwedenborg sagt, das Verhältniß, das die Geister gegen einander
haben, und welches ihren Ort ausmacht, ist von dem Orte, den ihre
Körper einnehmen, durchaus unterschieden. Die Geister machen zusammen
eine Welt für sich aus, und die Körper, die ihren Stand bestimmen,
in so fern sie durch Empfindungen denken, und ihre Begriffe aus dem
sinnlichen Gebiete herholen, schränken sie doch nicht im mindesten
ein, in so fern sie Geister sind. -- So ist es also möglich, daß zwey
Geister ganz dicht aneinander stoßen, deren Körper hundert Meilen weit
von einander entfernt sind. Zwischen beyden kann der vertrauteste
Umgang seyn, der aber niemals zum Bewußtseyn kommt, -- als bey
gewissen auserwählten Seelen, denen, wie Schwedenborg sehr deutlich
sich ausdrückt, das Innere geöffnet ist; -- oder bey außerordentlichen
Gelegenheiten, wo der hellere Glanz der Empfindungen, der sonst alle
andere Ideen auslöscht, so sehr verdunkelt wird mit sammt dem ganzen
Gefolge von Erinnerungen und Phantasien, daß jene geistigen Eindrücke
sich aus dem Grunde der Seele herausheben. Durch dieses Mittel will
Schwedenborg alle die wunderbaren Dinge gewußt haben, durch die er
in den Ruf des größten Narren und des größten Wahrsagers unsrer Zeit
gekommen ist. --
Aber kurz und gut, die Theorie gefällt mir, und ich dächte also, daß
sie wahr wäre. Meine Seele würde nichts so sehr wünschen, als um alle
die von ihr geliebten und mit ihr verwandten Seelen so nahe zu seyn,
daß sie die Einflüsse derselben empfangen, und auf sie wieder Eindrücke
machen könnte. Der Körper ist bisher zu der Erreichung dieses Wunsches
ein beschwerliches Hinderniß gewesen, jede Vereinigung forderte immer
eine vorhergegangene Trennung, und Freunde wiederzusehen und von
Freunden geschieden zu seyn, waren immer zwey unzertrennliche Sachen.
Aber nun, die Theorie Schwedenborgs einmal festgesetzt, wer hindert
mich, meine Seele an den Ort hinzubringen, wo es ihr am besten gefällt,
und um sie herum alle die Geister zu pflanzen, deren Gemeinschaft so
oft ihren Wunsch und ihre Sehnsucht erregt hat? Lassen Sie mich also 50
Meilen, und -- was sind diese? lassen Sie mich um halbe Erddiameter von
Ihnen entfernt seyn, -- und doch soll meine Seele von der Ihrigen nicht
um ein Haar breit weiter kommen. Denken Sie, wenn unsre sterblichen
Augen den himmlischen Anblick ertragen könnten, was es wäre, diese
Gesellschaft von Geistern bey einander zu sehn; erst die unsrigen, wie
sie unsichtbare Begriffe von einander annehmen und sich mittheilen,
Begriffe, die erst in künftigen Epoquen unsers Daseyns uns selbst
bekannt werden sollen; wie sie sich vielleicht einander aufklären,
reinigen, bessern, und ohne unser Wissen schon die Glückseligkeit
künftiger Zeitalter verbreiten; -- alsdann die Seelen unsrer liebsten
Freunde, Ihres Gemahls, meiner Mutter, unsers Reizes, -- und dann,
wenn irgendwo in der Welt eine Julie oder eine Schirley lebt, -- ein
reizendes Mädchen, deren Schönheit die Ankündigung von Verstand und
Unschuld ist, -- eine zärtliche Ehegattin, deren geschäftiger Fleiß,
-- so wie der Ihrige, -- den Abend eines mühsamen Tages ihrem Manne
und ihrem Freunde mit stiller und unschuldiger Fröhlichkeit krönt, --
eine ehrwürdige Mutter, der ein neues Geschlecht seine Tugend und seine
Glückseligkeit dankt, -- diese alle bey uns, unsre Vertrauten, schon
vorbereitet, uns künftig, wenn wir einander erkennen werden, zu lieben,
und das Vergnügen einer Gemeinschaft zu fühlen, die hier nur bloß unsre
Reflexion beschäftigte.
Sie sehen, ich bin in Gefahr, vielleicht ein eben so großer Schwärmer
zu werden, als Schwedenborg selbst. Und in der That ist ein Traum, der
uns vergnügt macht, hundert Mal besser, als eine Wahrheit, die uns
Kummer verursacht.
Ueber ihr Gedicht und noch mehr über dessen Mittheilung bin ich von
Herzen vergnügt gewesen. Die zwey letzten Strophen haben mir am meisten
gefallen, vielleicht weil Sie darin an mich denken. --
Ich hätte Ihnen noch so viel zu sagen, als auf diesem Blatte und
auf zehn andern nicht Raum hätte. Aber ich bin einmal schon des
Mißvergnügens gewohnt, meine Briefe da schließen zu müssen, wo sich
meine Unterredung mit Ihnen erst recht anfangen sollte. Die Ideen
drängen sich so in meinem Kopfe zusammen, sobald ich die Feder ansetze,
an Sie zu schreiben, daß sich endlich eine aus dem Haufen hervordrängt,
-- nicht die die vornehmste und wichtigste gewesen wäre, sondern die
sich am schnellsten der Seele und meiner Feder bemächtigen konnte. --
Aber das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß ich von Gellerten, seit dem
letzten, der mir des Grafen Tod ankündigte, keine Briefe habe, und daß
ich ohne Vorschläge von ihm, -- wenig Mittel sehe, diesen Winter mit
Ihnen zuzubringen u. s. w.
Sechzehnter Brief.
Lassen Sie mich Sie immer heute zu einer ungewöhnlichen Zeit
überfallen. Ungelegen kann es Ihnen doch nicht seyn (so zuversichtlich
hat mich schon Ihre Freundschaft gemacht). Mein Herz ist zu voll; und
ich weiß schon, eher wird es nicht ruhig, bis es sich ganz in das
Ihrige ausgegossen hat. Wie sehr empfinde ich heute das Glück, eine
Freundin zu haben, die meinen Schmerz gern mit mir theilt, und lieber
mit mir trauert, als allein fröhlich ist. Aber erschrecken Sie nur
nicht über diesen Anfang. Es ist nur Mitleiden, nicht eignes Unglück,
das diese unruhige Bewegung in mir hervorbringt -- aber Mitleiden, das
auf seinen höchsten Grad gestiegen ist, und beynahe zu eignem Gefühl
wird. --
Ich war gestern von meiner Reise den Augenblick angekommen, als man mir
sagte, meine Mutter wäre in dem Krankenzimmer einer Freundin, und sie
würde den Abend dort zubringen. -- Ich habe Ihnen schon mehrmals das
P***sche Haus genannt, als eine von den Familien, die mit der unsrigen
am genauesten verbunden ist und von mir am meisten hochgeschätzt
wird. In der That besteht sie beynahe aus lauter hochachtungswürdigen
Personen. Das Haupt der Familie, der alte Herr P***, ehemals ein sehr
angesehener Kaufmann, war noch außerdem, -- was selten Kaufleute sind
-- ein empfindlicher und zärtlicher Ehemann, ein dienstfertiger Freund,
ein gütiger Vater, und ein durch Erfahrung und vielfache Kenntnisse
angenehmer Gesellschafter. Seine Frau, unsre Anverwandte, -- die Krone
ihres Hauses, und beynahe auch des unsrigen, ist von der Natur und
durch ihren Fleiß recht dazu ausgerüstet, Glückliche zu erfreuen,
und die Unglücklichen zu trösten. Ein starker und beynahe männlicher
Verstand, der nur durch eine beständige Uebung, nicht durch Unterricht
ausgebildet ist; eine Gegenwart des Geistes, die selbst durch ihre
zarte Empfindsamkeit niemals geschwächt wird; ein gewisses Feuer und
eine Thätigkeit andern Dienste zu leisten, die die Schwierigkeiten
überwindet, wovor die andern nur erschrecken; ein freundschaftliches
Herz, das seine Befriedigung im Gutes thun findet, und eine gewisse
Art von Mangel fühlt, so bald es sich zu Niemandes Besten beschäftigen
soll; und dieses alles war zu ihrer glücklichen Zeit mit einer
beständigen Heiterkeit der Seele, und mit so viel Lebhaftigkeit
verbunden, daß sie gemeiniglich die Seele der Gesellschaft wurde, in
der sie sich befand.
Herr P**** hatte von seiner erstern Ehe eine Tochter, die schon
ziemlich erwachsen war, als er sich mit unsrer Freundin vermählte, und
die einige Jahre darauf den Halbbruder ihrer Stiefmutter heyrathete.
Die Frau ***, so heißt diese würdige Frau, hatte von der Natur nicht so
viel vorzügliche Gaben, aber dafür eine gewisse Sanftmuth und Stille
in ihrem Charakter, eine tiefe und mehr durchdringende als lebhafte
Empfindlichkeit, und ein so kindliches, gutes, freundschaftliches Herz
bekommen, daß sie die vertrauteste Freundin und die ehrerbietigste
Tochter ihrer Eltern zugleich war. Ihre Seele war der Seele ihrer
neuen Mutter, oder vielmehr ihrer Schwester (denn so liebten sie sich,
und so ist ihr Betragen gegen einander noch bis auf den heutigen Tag)
nicht ähnlich, aber sie war dazu gemacht, dieselbe auszufüllen, und
mit ihr ein Ganzes auszumachen. Ihr Gemahl, der Frau P**** Bruder,
den sie schon vor drey Jahren durch eine grausame Krankheit verlor,
hatte vielleicht unter allen die wenigsten Talente, aber er besaß
ein so durchaus gutes Herz, er liebte seine Frau und seine Schwester
so innigst, und er räumte ihre Vorzüge über ihn so gern ein, daß man
ihm bloß um seiner Ehrlichkeit willen gut wurde. Und so wie er war,
wurde er auch wieder von seiner Frau, die sonst vielleicht zu einem
scheinbarern Glück Hoffnung gehabt hätte, so geliebt, als wenn er der
vollkommenste aller Männer gewesen wäre. Von diesem ihrem Manne hatte
sie zwey Kinder, einen Sohn und eine Tochter, deren Geburt nun erst
alle Hoffnungen des Großvaters und alle Wünsche der gesammten Familie
erfüllte.
Beyde Familien wohnten in Einem Hause, aßen an demselben Tische,
liebten sich alle unter einander mit einer Zärtlichkeit ohne Beyspiel,
und machten das Bild einer einträchtigen und glücklichen Familie aus.
Wenn die Geschäfte des Tages sie von einander entfernt hatten, so
kamen sie doch gewiß am Abend alle zusammen, ihre lieben Kleinen mit;
und dann genossen sie in einer beneidenswerthen Ruhe alle Freuden des
häuslichen Lebens, die einzige Glückseligkeit des Menschen, wenn anders
Menschen glücklich seyn können. Ihre äußern Umstände störten diesen
Genuß eben so wenig. Ihr Vermögen war weit mehr als hinlänglich, ihrer
Freunde waren viel; -- und wenn es, um ein Gut zu genießen, nothwendig
ist, daß andre wissen, daß wir es haben; so war die allgemeine
Hochachtung für sie eine Bestätigung ihrer Glückseligkeit und ihrer
Verdienste.
Und diese ganze Familie, dieser ganze kleine Kreis von tugendhaften
und glücklichen Freunden, liebe Freundin, ist jetzo nur noch
fähig, Mitleiden zu erregen; -- das ganze Gebäude ihrer häuslichen
Glückseligkeit ist durch eine Reihe auf einander folgender
Unglücksfälle zerstört; jede Wurzel des Vergnügens ausgerottet, und
fast hat selbst die Zukunft für sie nichts mehr als Schrecken. Der
Tod des Herrn B***, der vor drey Jahren zu eben der Zeit erfolgte,
als ich hier meine Mutter besuchte, war der Anfang und gleichsam
die Ankündigung davon. Dieser Tod war so schmerzhaft, und mit so
traurigen Umständen begleitet, daß er auf das Gemüth aller einen sehr
tiefen Eindruck machte -- auf das Gemüth seiner Gattin aber einen
immerwährenden. Diese schon von Natur furchtsame und schüchterne Frau
wurde durch den Verlust ihres Mannes beynahe zu Boden gedrückt. Nur die
Gesellschaft und die Zärtlichkeit ihrer Mutter, der Frau P****, und die
Sorgfalt für die Erziehung der beyden liebenswürdigen Kinder, in denen
sie die Liebe der Mutter und der Gattin vereinigte, nur diese hatten
sie bisher erhalten, und ihr nach und nach den Muth und die Freudigkeit
wiedergegeben, ohne die das Leben eine Last ist.
Eine andere glückliche Begebenheit schien die Freude wieder in dieses
Haus zurückführen zu wollen. Eine Tochter der Frau P****, von einer
erstern Ehe, ihrer Mutter bey weitem nicht gleich, aber doch auch ihrer
nicht ganz unwürdig, heyrathete den Hrn. Z****, der lange Zeit im Felde
Dienste geleistet hatte, ein Liebling der Vornehmsten der Armee und
selbst des Königs gewesen war, und die glücklichsten Aussichten vor
sich hatte. Ein Mann von vielem Verstande, von einer wahrhaft guten
Lebensart, und der, wenn er noch nicht die richtigsten Grundsätze
hatte, doch fähig war, sie anzunehmen. Er war damals ***, und wurde
bald darauf ****, welches eines der ansehnlichsten Aemter in unserm
Lande ist, und unmittelbar auf den geheimen Rath folgt. Dieser Mann
liebte seine Frau, ob sie gleich weder ihm an Gaben gleich, noch seinen
Erwartungen und Wünschen gemäß war. Aber vielleicht liebte er sie noch
mehr um ihrer Mutter als um ihrer selbst willen; und beynahe glaube
ich, daß noch bis auf diese Stunde die Hochachtung, die er für seine
Schwiegermutter hat, die Liebe gegen seine Frau erhält.
Diese Verbindung, die ihrer Familie ein neues so würdiges Glied gab,
wurde kurz darauf die Quelle mehr als eines Jahres voll Kummer
und Angst. Z**** empfand, nachdem er zur Ruhe kam, die Folgen der
Ermüdungen des Krieges. Er fiel in dem ersten Jahre seines Ehestandes
in eine gefährliche Gliederkrankheit, die ihn zuerst mit den
grausamsten Schmerzen angriff, und alle Augenblicke seinen Tod drohte,
bald darauf ihn des völligen Gebrauchs aller seiner Glieder beraubte,
und ihn ganz hülflos der unaufhörlichen Pflege und Wartung seiner
Freunde selbst in seinen kleinsten Bedürfnissen benöthigt machte.
Diese Krankheit ist endlich, nachdem sie sechs Vierteljahre das ganze
Haus in einer beständigen Abwechselung von Furcht und von Betrübniß
erhalten hat, durch eine sehr beschwerliche Kur, und durch den Gebrauch
mannigfaltiger Bäder gehoben worden. Sie wissen, daß er nur erst
neulich mit meinem Onkel im Bade gewesen ist. --
Aber dieses war noch nicht der einzige Kummer. -- Die unglücklichen
Umstände unsers Landes haben die Handlung des Herrn P*** sehr
geschwächt; -- aber noch würden sie ihnen wenig Schaden gethan
haben, wenn sie nicht auch zugleich den Kopf dieses würdigen Alten
geschwächt hätten. Dieser sonst so lebhafte und geschäftige Mann, der
die Thätigkeit selbst war, sich immer herzhaft entschloß und klug
ausführte, dieser versinkt in seinem Alter, von Kummer und Sorgen
niedergedrückt, in eine völlige Unempfindlichkeit. Seine Gemüthskräfte
erlöschen; seine Seele, die durch so viele und starke Eindrücke zu
heftig erschüttert worden, nimmt jetzo gar keine mehr an, oder alle
verlöschen augenblicklich auf dem Grunde, der schon völlig von den
vergangenen Ideen eingenommen ist. So ist er für seine Familie und
seine Freunde schon todt, ob er gleich sich noch unter ihnen bewegt;
und seine Gattin, die sonst von ihm Ansehn und Ehre erhielt, ist jetzo
kaum mit aller ihrer Klugheit und der zärtlichsten Sorgfalt vermögend,
ihn vor der Verachtung der Fremden, und selbst vor der Geringschätzung
seiner Freunde zu schützen. Denken Sie sich nun seine Tochter, die noch
immer dieselbe kindliche, ehrerbietige Zärtlichkeit für ihn hat, und
denken Sie, was es einem Herzen, wie das ihrige, kosten muß, ihn alle
seine schätzbaren Eigenschaften verlieren zu sehn. --
Noch war ein einziger Trost für dieses Haus übrig, aber ein sehr
großer, und der vielen Leiden das Gegengewicht halten konnte; -- der
Trost, zwey hoffnungsvolle und liebenswürdige Kinder in ihrem Schooße
aufwachsen zu sehen, die die Verdienste, und, wenn es möglich wäre, die
ehemalige Glückseligkeit ihrer Eltern erneuerten. -- Und nun liegt das
jüngste davon, ein Knabe von ungefähr acht Jahren, die unschuldigste,
sanftmüthigste, geduldigste Seele, das Bild und der Liebling seiner
Mutter -- und ringt mit dem Tode.
Bey seinem Bette fand ich meine Mutter. Ich bin niemals von einem
Anblicke so gerührt, so durchdrungen worden. Die Krankheit des Kindes
ist die allerschmerzhafteste und grausamste, glaube ich, die ich jemals
gesehn habe: die allerentsetzlichsten Kopfschmerzen, die, wie der Arzt
muthmaßt, aus einer Beschädigung des Gehirns entstehen, und schon vier
Tage und Nächte ohne den geringsten Nachlaß fortdauern. Sie pressen
dem armen liebenswürdigen Knaben, der alles, alles sonst mit der
größesten Gelassenheit erträgt, und selbst jetzo die schmerzhaftesten
Operationen ohne Murren mit sich vornehmen läßt, ein Geschrey aus, das
mir bis in das Innerste der Seele geht. -- O Gott, wer muß der Unmensch
seyn, der die Stimme des Schmerzes ertragen kann, wenn er selbst der
Urheber davon ist! -- Mein Herz wird davon zerrissen! -- Und dann in
dem Augenblicke einer kleinen Linderung ihn mit einer ängstlichen
Zärtlichkeit nach seiner Mutter rufen zu hören, diese vor seinem
Bette knien zu sehen, und dann ihn, wie er seine kleinen Arme um sie
herumschlingt, sie fest an sich drückt, und dann mit einer gewissen
dringenden Heftigkeit sie seiner Liebe versichert, -- dann mitten unter
diesen Liebkosungen, von dem Schmerz überwunden, auf einmal in das
kläglichste Geschrey ausbricht, und das zu ganzen Nächten fortsetzt
-- Gott, kaum kann ich den Gedanken davon ertragen. -- Heute ist der
Schmerz schon Herr über sein Bewußtseyn, und er kennt nicht mehr seine
Mutter. --
Liebste Freundin, werden Sie mir es wohl vergeben, daß ich Sie mit so
traurigen Gegenständen unterhalte? Aber mir wird meine Noth leichter,
wenn ich denke, Sie wissen sie und nehmen daran Theil.
N. S. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen erhielt ich auch einen sehr
freundschaftlichen Brief von Herrn Weise. Eine kleine Anekdote, die er
mir von Meinhardten erzählt, kann ich Ihnen unmöglich verschweigen.
Bey seiner Abreise von Leipzig fragte ihn der Post-Commissar Gellert:
Ob er nicht einige günstige Aussichten hätte? O ja, sagte er, die
glücklichste Aussicht von der Welt -- die Aussicht auf mein Grab.
Siebenzehnter Brief.
Den 16. September.
Der Kleine, dessen Leiden ich Ihnen schilderte, hat sich gebessert. Er
ist keines menschlichen Leidens mehr fähig. -- Für den tugendhaften
Mann und für den Christen ist der Tod wenig; aber für den Menschen ist
der Schmerz immer etwas sehr Großes. Neulich war mein ganzes Mitleid
für das Kind selbst, jetzo ist es nur noch für seine Mutter. Ich will
Ihnen nicht ihren Schmerz beschreiben, um nicht den Ihrigen rege zu
machen. Sie wissen, was es heißt, Mutter seyn. -- Aber einen andern
Verlust muß ich Ihnen erzählen, der nicht so schmerzhaft, -- aber
doch für uns empfindlich ist; noch dazu einen Verlust, der die ganze
Begierde, zu Ihnen zu kommen, bey mir wieder rege macht, da er mir die
vortrefflichste Gelegenheit dazu verschafft hätte. Denken Sie nur,
ich hätte in Gesellschaft eines Tralles zu Ihnen kommen können, ich
hätte Sie gesehn, Sie hätten einen unsrer besten Freunde gesehn, die
Hochachtung, die ich für meine Freundin habe, hätte sich noch eines
rechtschaffenen Herzens bemeistert, und -- Aber hören Sie erst die
Geschichte.
Tralles als einen Arzt kennen Sie, glaube ich. Aber das müssen Sie
noch wissen, daß er beynahe der würdigste Gelehrte und der beste
Gesellschafter in B**** ist. Diese Titel werden Sie, denke ich, noch
nicht so aufmerksam machen, (welche Eigenliebe!) als wenn ich Ihnen
sage, daß er der älteste Freund unsers Hauses, daß er fast der einzige
recht vertraute Freund meines Onkels ist, -- daß seine erste Frau die
beste und die einzige Freundin war, die meiner Mutter ihr ganzes Herz
besessen hat. Dieser Mann, der neulich nach Warschau als Leibarzt
kommen sollte, und es aus Liebe zu seinen Freunden ausschlug, hat jetzt
einen andern Antrag, der just in einer so unglücklichen Epoque kommen
muß, da sich B**** bey ihm durch einen ansehnlichen Verlust, den er
durch die Betrügerey eines Freundes leidet, verhaßt gemacht hat, daß
er fast geneigt ist, ihn anzunehmen. Die Fürstin von Gotha verlangt
ihn zu ihrem Beystande bey ihrer jetzigen schwachen Gesundheit, --
und wünscht ihn als Leibarzt zu behalten. Er kam eben von einer Reise
wieder, als er einen Brief von dem Gothaischen Hofe fand, wo man ihn
unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen, die man einem Menschen geben
kann, einladet, noch diesen Herbst nach Gotha zu kommen, seine Familie
mitzubringen, -- und den Winter dort zu bleiben. Es sollte alsdann von
seiner Wahl und von dem Grade von Zufriedenheit abhängen, den er mit
dem dasigen Aufenthalte, und der Art von Aufnahme, die er erhalten
hätte, haben würde, ob er nach Breßlau zurückkehren oder bey ihnen
sein Leben beschließen würde. Denn er ist schon sechszig Jahr. -- Er
ist nun entschlossen, die Reise zu thun, ob er gleich ihren Erfolg
noch nicht vorhersieht. Seine jetzige Frau wird ihn mit ihrem kleinen
Sohne begleiten. Von zwey Töchtern aus der ersten Ehe ist die eine
verheyrathet, und kann also ihrem Vater nicht folgen, die andre will
zum Beystand ihrer Schwester zurückbleiben.
Dieser D. Tralles nun reist auf den Sonnabend ab, -- und reist
über Leipzig. -- Was würde ich nicht darum gegeben haben, so einen
Gesellschafter zu finden; und wie sehr gütig war nicht seine
Anerbietung. -- Wenn ich mitführe, sagte er, so wollte er wechselsweise
auf dem Kutschersitze fahren, wenn er keinen andern Platz hätte.
Demungeachtet bleibe ich hier, -- verliere einen Freund, den ich noch
hatte, und komme zu denen nicht, die ich entbehrte. --
Ich sinne schon die ganze Zeit, seitdem ich diese Reise weiß, auf
Mittel, den D. Tralles Ihnen oder Ihrem lieben Gatten vorzustellen.
Ich schmeichle mir, Sie würden einen Mann nicht ungern sehen, der
erst vor wenig Tagen aus unserm Hause kommt, der uns alle kennt, der
unser Freund ist, -- und der es verdient, auch der Ihrige zu seyn.
Aber ich gestehe es, ich begreife noch nicht, wie die Sache zu machen
ist. Er bleibt nur einen halben Tag und über Nacht in Leipzig. -- Er
will Gellerten besuchen, an den ich heute schreibe, und bey dem ich
ihn anmelde. -- Er ist ein Anverwandter von ***. Man erwartet ihn in
diesem Hause, und man wird ihn ohne Zweifel dahin ziehn. -- Wo mir
recht ist, so ist diese ***sche Familie nicht eben im Besitz einer sehr
großen Achtung. Ich kenne sie nur vom Parterre aus; aber von da sah
mir die Tochter sehr einfältig und eitel -- ihre Mutter stolz und ein
bischen verbuhlt aus. -- Zum Glück hat Tralles eine Gabe, die uns allen
beyden fehlt, -- sich die Narren ganz gut gefallen zu lassen. Er wird
aus der Gesellschaft der vernünftigsten Leute in die Versammlung der
Thoren übergehn, ohne von seiner guten Laune etwas einzubüßen.
Im Vorbeygehen, -- Sie hätten meine Fehler nicht besser treffen können;
-- fast eben dieselben, die mir meine Mutter so oft vorwirft. Sie
gesteht mir, daß sie noch so ziemlich mit mir zufrieden ist, wenn ich
bey ihr oder bey gewissen Personen bin (und das sind noch dazu sehr
wenig), die mir gefallen; aber daß ich der unerträglichste Mensch
wäre unter einer Gesellschaft, die mir mißfiele. In der That verliere
ich unter Leuten von einer gewissen Art nicht bloß meine Lustigkeit,
sondern auch meinen gesunden Verstand; ich denke nicht mehr, ich
vegetire nur. -- Aber wieder zu unserm Tralles zurück!
Nach dem Plane seiner Reise, den er erst gestern Abend in einer
Gesellschaft entwarf, bey der ich gegenwärtig war, wird er erst auf den
Sonnabend über acht Tage in Leipzig ankommen. Seine Frau und sein Kind
nöthigen ihn, langsamer zu gehen. Bis dahin kann ich Ihnen also noch
einmal schreiben. -- Aber nun meine eigne Rückreise zu Ihnen! --
Meine Mutter mag es Ihnen sagen, ob es mir leicht wird, diese
aufzuschieben. In der That sehne ich mich zuweilen nach einer
einzigen Viertelstunde, die ich mit Ihnen zubringen könnte, -- mit
einer solchen Ungeduld, die im Stande wäre, mich zu Ihnen zu führen,
wenn unsre Begierden uns Kräfte gäben. -- Aber meine Mutter wünscht
meine Gegenwart; sie hält sie zu ihrer Gesundheit auf diesen Winter
für nothwendig; sie thut alles, was sie kann, und sie würde noch
mehr thun, um den Winter hindurch von einer andern Seite meinem
Studiren gewisse Beförderungen zu verschaffen, die ich von der einen
verliere. -- Mein Freund hat seine Gedanken recht aus meiner Seele
herausgenommen, -- eben dieselben Vorstellungen, fast mit eben den
Worten, mit welchen ich sie schon manchmal meiner Mutter gemacht habe.
Bücher, Muße, Lehrer, das würde ich hier vielleicht alles haben, --
aber Freunde, die mich aufmuntern, die mich in einer beständigen
Bewegung erhalten, deren Seele, mit der meinigen gleich gestimmt, jeder
von ihren Gedanken entspräche, und ihnen gleichsam zur Geburt hülfe --
die fehlen mir durchaus.
Meine Mutter sehnt sich bald so sehr nach Ihnen, als ich selbst.
Ihr Brief hatte sie ganz aufgeheitert. O Freundschaft und kindliche
Liebe, deinen geheiligten Banden sey meine ganze Seele gewidmet! -- --
Aber was wäre die Freundschaft ohne Tugend, und was die Tugend ohne
Aufopferungen? u. s. w.
Achtzehnter Brief.
Den 23. September.
Ich werde heute einen langen Brief schreiben, das sehe ich voraus.
Ich habe wenig Zeit dazu, ich werde ihn also geschwind und schlecht
schreiben. Sie werden ihn also nicht lesen können, und ich werde ihn
umsonst geschrieben haben. Aber das schadet nichts. Für die Mühe, die
es mich kostet, einen Brief an Sie zu schreiben, bin ich schon belohnt,
wenn er geschrieben ist. Meine Seele, die sich jeden Tag mit Ihnen,
-- und mit Niemanden lieber beschäftigt, -- heftet sich doch niemals
so ganz, so lange, so ununterbrochen auf meine Freundin, als während
dem ich an sie schreibe. Allen fremden Gedanken, jedem unwillkommenen
Besuche ist in dieser Zeit der Zutritt versagt -- und ich bin so völlig
mit meiner ganzen Seele bey Ihnen, als ich es war, wenn ich des Abends
an Ihrem Fenster (wenn der Mond und die Nachtigall Ihres Nachbars die
ruhige Heiterkeit und die harmonischen, aber simpeln Bewegungen unsrer
Seele abbildeten) der Freundschaft genoß, -- und einen Augenblick
lang, in dem ich die Sorge für die Zukunft und selbst den Wunsch nach
derselben vergaß, sagen konnte: +Nun bin ich glücklich!+
Wenn es Ihnen ganz gleichgültig wäre, daß ich nicht nach Leipzig komme,
-- so wüßte ich nicht, was mir schwerer seyn würde, als der Winter hier
in Breßlau. Die Freundschaft ist, wie ich sehe, auch grausam. Sie will
das Recht, den Freund vergnügt und glücklich zu machen, so ganz allein,
so ausschließungsweise haben, daß er beynahe darüber murrt, wenn er es
ohne sie seyn könnte. Ich habe es immer den Dichtern übel genommen,
wenn sie ihre Verliebten so eigennützig machen, daß sie ihre Geliebte
mit weniger Schmerz sterben, als in den Armen eines Andern leben und
glücklich seyn sehen. -- Aber ich merke nun schon, daß unsre edelsten
Neigungen immer so eigennützig seyn müssen. Die Liebe ist eine
Leidenschaft. Die Freundschaft ist nur eine Gesinnung. Ihre Wirkungen
sind nur in den Graden unterschieden, -- in ihrer Natur eben dieselben.
-- Wenn es einen Menschen gäbe, der Ihnen meine Stelle so vollkommen
ersetzte (verzeihen Sie mir einen Stolz, den Sie mich gelehrt haben),
daß Sie, ohne Wunsch nach meiner Zurückkunft, mich an jedem Orte der
Welt gleich gern sähen: diesem Menschen würde ich nicht gut seyn
können. -- Ich vermehre nun in meinen Gedanken diese Empfindung bis zu
der Stärke, die der Leidenschaft der Liebe proportionirt ist, und ich
sehe es ein, daß der Dichter das menschliche Herz besser versteht, als
der Philosoph; -- und daß, so göttlich Plato auch seyn mag, Shakspeare
doch mehr von der Liebe weiß, als er. Sie haben doch wohl Romeo und
Juillet gesehn? Nun wohl! Glauben Sie nicht, daß Juillet ihren Romeo
lieber vernichtet, als untreu sehen würde? -- Aber davon genug, und
vielleicht schon zu viel, wenn ich es mit dem vergleiche, was ich noch
zu sagen habe.
Tralles, unser guter Tralles, ist mit seiner Frau und seinem Kinde am
Sonnabend fort. -- Aber er hat keinen Brief an Sie mit. Zuerst, weil es
hier sogar gefährlich ist, einem Reisenden andre als offne Briefe, oder
solche, die er öffnen kann, mitzugeben. Ein neues Edikt setzt auf diese
Vervortheilung der Posten mehr als 100 Rthlr. Strafe. Zum zweyten, weil
ich meine Absicht, Sie und den D. Tralles zusammen zu bringen, doch
nicht würde erreicht haben. Er hätte Ihnen den Brief zugeschickt, oder
seine Frau hätte Ihnen Visite gemacht, -- oder Ihr lieber Gatte wäre zu
dem D. Tralles gegangen. -- Kurz, ich sehe nicht, wie Sie eigentlich
mit ihm in Bekanntschaft gekommen wären. Endlich will er nur über Nacht
in Leipzig bleiben. Ich glaube, es wird nichts daraus werden, dem
ungeachtet wollte er doch, -- und nach diesem Entschlusse nahm er hier
seine Maßregeln. Nun hat er Verwandte in Leipzig, wie Sie schon wissen.
Gellert, dem er von vielen Seiten empfohlen ist, wird ihn aufhalten. --
Ludwig ist sein alter Schulfreund und sein Korrespondent. Die Zeit wird
also selbst für seine alten Bekanntschaften zu kurz seyn. -- Und doch
wollte ich -- ich weiß nicht wie viel dafür geben, wenn Sie ihn sähen,
oder Ihr lieber Mann, -- oder wenn er Sie sähe. -- Er wird im blauen
Engel wohnen. -- Schon dachte ich, ob Sie ihn vielleicht über eine
wirkliche oder erdichtete Krankheit von sich oder Ihrem Kinde zu Rathe
ziehen wollten; dieses würde immer für ihn schmeichelhaft, aber doch
ein bischen seltsam seyn. Dann dachte ich wieder, ob Ihr Mann nicht den
Tag zu Gellerten gehn könnte. -- Alles das dachte ich, und doch bin ich
noch nicht auf das gekommen, was mir gefällt und genug thut. -- Der
einzige Trost ist, -- er will auf dem Rückwege (denn zurückkommen wird
er gewiß) länger in Leipzig verweilen, -- und alsdenn bin ich entweder
schon bey Ihnen, oder ich schreibe durch Sie an Tralles. --
Von Kaufleuten, die nach Leipzig gingen (Kaufleute meine ich, nicht
Krämer), weiß ich keinen, als Herrn ****, und der geht noch dazu mit
seiner Frau. Sie sind beyde -- eben nicht Freunde -- aber Bekannte von
uns. Und die Frau ist noch dazu, -- oder war wenigstens als Jungfer
-- eines unsrer schönsten Gesichter. Der Mann ist wohlhabend, und hat
den besten Garten um B***. Für die Meisten ist dies Verdienst genug,
seine Bekanntschaft sehr angelegentlich zu suchen. Für Sie und mich ist
es wenig. Ueberdieß geht er schon morgen ab. Mein Brief also, den ich
heute abschicke, kommt eher an, als er, -- und was brauche ich erst
auf Gelegenheiten zu warten, an Sie zu schreiben, so lange die Posten
richtig gehen?
Sie verlangen von mir mein Tagebuch? -- Nichts in der Welt wünschte ich
mehr, als daß Sie alle meine Handlungen wüßten, meine ganze Aufführung
unter jeden Umständen, bey jeglicher Veranlassung sähen, -- daß Sie die
Aufseherin meines Herzens seyn könnten, und durch Ihren gütigen Beyfall
das Wahre und das Gute bestätigten, -- und durch Ihren liebreichen
Tadel meine Vorurtheile und meine Schwachheiten besiegen hülfen. --
Aber wie kann eine kurze, unvollständige, trockne, oft Ihnen vielleicht
langweilige Erzählung diese Absichten erreichen? -- Dem ungeachtet
sollen Sie so viel wissen, als ich zu sagen vermag. Keinen treuern
Geschichtschreiber sollten Sie je gesehen haben, als ich es von mir
selbst seyn wollte. Nur vergeßlicher, mangelhafter....
Ich weiß nun selbst nicht mehr, was ich mir noch alles für Schimpfnamen
geben wollte. Man rufte mich ab, -- und nun, in den zwey Minuten, die
mir noch übrig sind, habe ich was bessers zu thun, als auf mich zu
schelten.
Meine Lebensart also zuerst, -- wäre noch so ziemlich, wenn ich weniger
faul, weniger zu einer anhaltenden Arbeit ungeschickt, weniger unruhig,
und wegen meiner künftigen Aussichten ein bischen scharfsichtiger
wäre. Ich stehe spät auf, -- ob ich mir es gleich am Abende alle
Mal vornehme, früh aufzustehn. -- Die Theestunde bleibt immer noch
die goldne Stunde des Tages. Ich, meine Mutter und meine Muhme,
ein jedes durch den Schlaf erfrischt, und durch keine Arbeit noch
entkräftet, bringt seine erste noch nicht vernutzte Munterkeit in die
Gesellschaft. Während des Thees lese ich vor. Neulich hatten wir den
Hausvater und den natürlichen Sohn, -- jetzo ist es der Hypochondrist.
Der Schriftsteller wird bewundert, -- und der Vorleser bekommt auch
etwas von dem Dank, oder nimmt sich wenigstens selbst seinen Theil
davon, ohne erst daran erinnert zu werden.
Der übrige Morgen wäre nun dazu, etwas zu arbeiten, -- wenn ich jetzt
oft zum Arbeiten aufgelegt wäre. Wenn ich es bin, so arbeite ich
jetzo für Herrn Weisen, in seiner Bibliothek. Essen und Kaffee ist
wieder die gesellschaftliche Stunde. Ich spiele auf dem Klaviere,
ich liege im Fenster, ich schwatze, ich höre, ich lese vor, eins ums
andre, manchmal alles zugleich, zuweilen nichts von allem. Zwey oder
drey Stunden sind auf die Art leicht hinweg geschwärmt. Sonntags sind
öfter Freunde bey uns, als andre Tage. Den vergangenen machte ich
eine neue Bekanntschaft. Der junge Herr v. **** besuchte mich mit
seinem Schwager, dem H*** ***. Der erste war von seiner Familie zum
Kaufmann bestimmt, von seinen Neigungen zum Studiren; und seine Talente
sind wenigstens nicht wider diese Neigung. Er hat großes Geld, --
schafft sich also eine prächtige Bibliothek, liest viel, hat prächtige
Instrumente und Musikalien, spielt gut auf dem Flügel, und macht seine
Person, die von Natur nicht sonderlich einnehmend ist, durch seine Mühe
und durch seinen Fleiß wenigstens hochachtungswürdig. --
Ordentlicher Weise gehe ich des Abends von fünf Uhr an spatzieren. --
Ganz allein; und welche Gesellschaft könnte mir auch angenehmer seyn,
als die, die ich mir alsdann aus allen vier Gegenden der Welt zusammen
hole? Shakspeare sagt: Die Welt ist nur eine Werkeltagswelt, wo alle
Sachen, gar nicht so, wie wir wünschen, und wie wir es einrichten
würden, sondern ihren gewöhnlichen alltäglichen Lauf kommen, sie mögen
nun dadurch unsern Wünschen in die Queere kommen, oder nicht. -- Um
also diesem Mangel abzuhelfen, schaffe ich mir alsdann auf meine Hand
eine andre, eine Feyertagswelt. In dieser Welt ist Ihr Mann kein
Advokat mehr, seine Arbeiten unterhalten ihn nur, aber sie nehmen ihn
nicht ganz ein, -- er lebt für den Staat nützlich, aber doch immer für
seine Gattin mehr, als für seine Klienten, -- in dieser Welt sind Ihre
Stunden alle heiter, alle voll Hoffnung, daß die künftige Stunde die
gegenwärtige an Glückseligkeit noch übertreffen werde. In dieser Welt
schreibt mein guter Reiz keine Register mehr; endlich in dieser bin ich
bey Ihnen, -- ich bin Ihr Bruder; meine Mutter ist Ihre Mutter, wir
machen alle nur eine Familie aus.
Aber nun muß ich Sie nur schon wieder sicher zu unsrer Welt
zurückbringen. -- Denken Sie nur, ein ganz neuer Auftritt. Heute früh,
eben in dem Augenblicke, da ich Ihren Brief schreiben will, schreibt
der Kriegsrath von Klöber, der ehemalige Hofmeister des ersten Sohns
vom Minister ****, mir einen französischen Brief. -- Der jüngste Sohn
des Ministers soll jetzo nach Halle gehn. -- Er schlägt mir vor,
ich sollte die Stelle als Hofmeister bey ihm annehmen. Zweyhundert
Thaler Gehalt; ein Engagement auf zwey Jahre; Hoffnung zu Reisen,
und die Versicherung befördert zu werden. -- Was meinen Sie, daß ich
gethan habe? Ich mußte noch denselben Morgen antworten. Die Sache war
dringend. Ich schicke Ihnen meine Antwort mit. Leben Sie wohl u. s. w.
Neunzehnter Brief.
Den 30. September.
Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, hatten Sie meinen Brief noch nicht
empfangen oder noch nicht gelesen, als Sie den Ihrigen schrieben. In
der That habe ich es mir schon vorgeworfen, daß meine Briefe immer so
lang und so übel geschrieben sind. Ich würde es Ihnen für übel halten,
wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, sie bis ans Ende zu entziffern.
Um es Ihnen also etwas leichter zu machen, und Ihnen doch dabey nicht
ganz unbekannt zu werden, werde ich Ihnen von nun an nichts als
Geschichte schreiben. Bringt der Himmel uns wieder zusammen, so werden
wir Zeit genug haben, Betrachtungen anzustellen. --
Wenn Sie also nun jetzo meinen vorigen Brief gelesen hätten, so wüßten
Sie, daß es noch nicht so ganz gewiß ist, ob ich in Breßlau diesen
Winter bleibe. Herr v. Klöber, bey dem ich gestern wieder gewesen
bin, schreibt heute noch ein Mal an den Minister; und die Antwort,
die wir künftigen Sonntag, erwarten, wird die Sache entscheiden.
-- Klöber hatte, wie er mir sagte, nicht sowohl zur Absicht, mir
selbst diese Hofmeisterstelle vorzuschlagen, als durch mich Jemanden
kennen zu lernen, der dazu tüchtig wäre. -- Er vermuthete, daß ich
schon andre gewissere Aussichten hätte, und daß ich das Reisen zu
einer nothwendigen Bedingung machen würde, das doch bey dem Sohne
des Ministers noch ungewiß wäre. -- Ich sagte ihm, daß der Entschluß
zu meiner künftigen Lebensart ziemlich fest, aber der Weg, den ich
dazu wählen wollte, noch gar nicht so bestimmt wäre; daß meine größte
Sorge sey, der Charakter des jungen Herrn oder seine Denkungsart könne
vielleicht nicht genug mit der meinigen übereinstimmen, um die Art von
Freundschaft und Vertraulichkeit zu errichten, die zu einer glücklichen
Ausführung meines Geschäfts unumgänglich wäre; daß endlich mir der
Aufenthalt auf einer Akademie noch weit lieber seyn würde, wenn ich
während desselben schon Vorbereitungen und Uebungen auf meine künftige
Lebensart anstellen könnte. Bey allen diesen meinen Antworten müssen
Sie daran denken, daß ich es mit dem Minister von *** zu thun hatte,
dessen Gewogenheit mir in jeder Verfassung von Gewicht seyn würde. --
Ich will Ihnen nicht erst sagen, was mir Klöber antwortete. Er war
außerordentlich gütig in der Beurtheilung meiner Fähigkeit zu einem
solchen Posten, -- er erzählte mir sein eigen Beispiel, -- endlich
versprach er, noch ein Mal an den Minister zu schreiben, und das, was
ich wünschte, ihm vorzutragen. --
Wenn Sie diesen v. Klöber kennten, so würden sie einen rechtschaffenen
Mann, einen Mann von Grundsätzen, von Geschmack und von einer großen
Belesenheit an ihm finden. Er ist sehr lange gereiset. Er spricht alle
drey moderne Sprachen gut. Er kennt die Litteratur von jeder; aber für
die Engländer ist er enthusiastisch. Sie sollten ihn von Shakspeare
reden hören!
Aber was machen Sie denn, beste beste Freundin? warum lassen Sie mir
denn nichts von diesen Ihren Geschäften, von Ihren häuslichen Unruhen,
von Ihren Bekümmernissen, von Ihren Vergnügen wissen? Warum wollen Sie
mir denn so ganz fremd werden? -- Warum mit mir eine so allgemeine
Sprache, die dem Kompliment so ähnlich sieht? Sie sagen mir wohl, daß
Sie mir noch gut seyn, -- aber bald möchte ich daran zweifeln, da Sie
mich so wenig Ihres Vertrauens würdigen. -- Wie wohl, ich bin heute
ohne dieß unruhig. Vielleicht giebt mein Gesicht den Gegenständen die
finstre Farbe, in der sie mir erscheinen. Ich habe endlich eine lange,
verdrießliche Arbeit geendigt. Ich schicke heute ein ganzes Packt an
Herrn Weisen. Von Gellerten habe ich Briefe, die mich ermahnen, hier zu
bleiben. -- Haben Sie nichts von Tralles gesehen? -- Leben Sie wohl u.
s. w.
Zwanzigster Brief.
Recht! liebe Freundin, von den Eindrücken am Morgen hängt das Vergnügen
oder der Verdruß des ganzen Tages ab. Ich folge Ihren Regeln und ahme
Ihrem Beispiele nach, -- und der erste meiner Gedanken ist heute für
Sie. Warum kann ich doch den Gang dieses Briefes nicht beschleunigen,
oder warum habe ich Ihnen nicht eher geschrieben, um Ihnen geschwind
genug zu sagen, wie richtig Sie gemuthmaßt haben. Ja, ja, tausend Mal
hat es mich gereuet, daß ich diesen Brief geschrieben hatte. Nicht,
als wenn es nicht einerley Empfindungen der Freundschaft wären, die
mir ihn damals eingaben, und die jetzt machen, daß er mich reut.
Aber diese Empfindungen hatten sich den Tag so wunderlich mit einer
Menge verdrießlicher Vorstellungen vermischt, daß Sie selbst diese
Gestalt annahmen und unter einer so fremden Miene beynahe unkenntlich
wurden. -- Ich hasse argwöhnische Freunde; ihre Zärtlichkeit besteht
bloß in dem Verdrusse, den sie leiden oder den sie verursachen.
Aber dem ungeachtet -- eine gewisse Art von Besorgniß begleitet die
Zärtlichkeit, und es kann Gelegenheiten geben, wo sie wirklich in
Argwohn ausbricht. -- So fürchtet Niemand die Verachtung mehr, als der
die Hochachtung wünscht, und der beständige Verdacht, gering geschätzt
zu werden, ist ein sicheres Zeichen des Stolzes.
„Ja, dachte ich, sie ist wohl noch meine Freundin, aber nicht mehr
so zärtlich, so feurig, als ehemals; sie nimmt nicht mehr an meinen
Angelegenheiten Theil; sie läßt mich nichts mehr von den ihrigen
wissen. -- Wer weiß, sind nicht diese gütigen Gesinnungen, von denen
sie mich versichert, ein bloßer zurückgebliebener Schimmer von
dem Feuer ehemaliger Empfindungen? Und warum, thörichter Mensch,
warum sollte sie dich auch mit dem hohen Grade von Freundschaft
lieben? Welche Verdienste hast du um sie, was für Dienste hast du
ihr geleistet, was für Beweise von deiner Freundschaft ihr gegeben?
Nein, nein! sie kann nicht ohne Ursache lieben; die Natur will, daß
Empfindungen, die auf einer bloßen Verblendung beruhten, mit ihr
zugleich aufhören. Die Einbildung schmückt zuweilen einen Gegenstand
weit über seinen Werth aus, und leiht ihm alle die schönen glänzenden
Farben, durch die er uns gefällt; -- aber dieser Schmuck fällt ab,
die Farben verlöschen und der Verstand kommt zuletzt und zerstört
die ganze Bezauberung. Ja! Abwesenheit und neue Eindrücke haben ihre
Wirkung gethan, -- und vielleicht, was ich, was sie selbst noch für
Zärtlichkeit hält, ist nichts als die Erinnerung, daß sie ehemals
zärtlich gegen mich gewesen ist.“
Stellen Sie sich nun meine Seele vor, die durch finstre Irrgänge von
melancholischen Betrachtungen bis auf diesen Punkt gekommen war,
und dann bewundern Sie die Gelassenheit, mit der ich meinen letzten
Brief schrieb. -- Die Seele bleibt nicht lange in einem Zustande des
Mißvergnügens, den sie sich selbst verursacht hat. Die Einbildungskraft
nimmt bald wieder einen andern Weg; die Vernunft kehrt sich die
lichtere Seite des Gegenstandes zu, -- und dann wundert man sich über
die feste Gewißheit, mit der man vor wenig Augenblicken Sachen glaubte,
die man jetzt für unmöglich hält.
„Nein, -- so fing meine Seele an, sich wieder zu erheben -- nein, die
Freundschaft kann in einer edlen Seele niemals ohne Grund entstehen;
-- und wenn sie einmal die Vernunft gebilligt hat -- kann sie alsdann
in derselben erlöschen? Diese falsche Demuth, mit der du dich selbst
erniedrigst, würde das Urtheil und die Wahl deiner Freundin verunehren.
Ja, du hast Verdienste um sie: die Begierde, ihr alle mögliche Dienste
zu leisten; ein Herz, welches sich fähig fühlt, um ihretwillen große
Schwierigkeiten zu überwinden; ein Gefühl, welches mit dem ihrigen
übereinstimmend und darauf gerichtet ist, sie, und wenn es möglich
ist, mit ihr gemeinschaftlich alle Menschen glücklich zu machen; --
dieß sind die einzigen Verdienste, die die Freundschaft verlangt, und
mit denen sie sich beruhigt. -- Und nun, dieses festgesetzt, warum
sollte dich ein Brief beunruhigen, der an sich voll von Gütigkeit,
-- nur deswegen dir nicht genug thut, weil er deinen Erwartungen
nicht entspricht? Du erwartetest von ihr Rath, Beyfall, Ermunterung;
du erhieltest dafür nur Versicherungen ihrer Freundschaft und ihres
Wunsches, dich wieder zu sehn. Würden diese dich nicht in einer jeden
andern Gemüthsverfassung, nur nicht in der, in welcher du warst,
zufrieden gestellt haben? -- Und du hast ihr einen Brief schreiben
können, der, wenn sie wirklich das wäre, was du argwöhnst, sie unwillig
machen; und wenn sie das ist, was du wünschest, sie kränken muß.“ --
Wie hätte ich in diesem Augenblicke den mit Vergnügen empfangen, der
mir diesen Brief wieder gebracht hätte! -- Sehen Sie, so bin ich
gestraft worden, noch ehe Sie es wünschen konnten, daß ich gestraft
würde. -- Aber da ich nicht das Ganze rechtfertigen kann, so muß
ich wenigstens einen Theil entschuldigen, -- wenigstens den Theil,
wo ich wünschte, mehr von Ihren Umständen zu wissen. -- In der That
ist das, was ich dabey dachte, was ich mir noch jetzo dabey denke,
nur dunkel, und es wird mir schwer, es auszudrücken, -- aber doch
empfinde ich, daß es etwas Wirkliches ist. -- Sehen Sie, mitten
unter diesen angenehmen Kreis von Vergnügen und Beschäftigungen,
die Ihre unschuldigen Tage ausfüllen, stehlen sich nicht oft kleine
Gelegenheiten und Ursachen zur Bekümmerniß, zur Sorge, zur Betrübniß,
zur Freude, zur Hoffnung? Kleine vorübergehende Wolken, die unsern
Himmel auf eine kurze Zeit verfinstern; unvorhergesehene kleine
Stürme, die uns von dem ordentlichen Laufe unsers Lebens auf einige
Augenblicke verschlagen; -- dann wieder auf einmal ein lächelndes,
schönes Ufer, eine unerwartete Aussicht, die die Krümmung des Stroms,
auf dem wir fuhren, uns verborgen gehalten hatte. -- So sehe ich Sie
vielleicht den einen Tag, bey einer kleinen Blässe, die Sie auf dem
Gesichte Ihrer Wilhelmine bemerken, oder bey einer kleinen Verminderung
ihrer gewöhnlichen Munterkeit, -- in eine ganze Reihe von sorgsamen
und traurigen Betrachtungen gerathen, die selbst die Vergnügungen
dieses Tages mit einem gewissen Nebel überziehn; und dann schweben
dunkle Bilder, wie die eines schwermüthigen Traums, auf dem Grunde
der Seele. Den andern empfing Sie vielleicht Ihre liebe Tochter mit
einem freudigen Lächeln, vielleicht erwiederte sie auf eine mehr als
gewöhnliche Art Ihre mütterliche Zärtlichkeit, und zeigte Ihnen von
fern die Belohnungen Ihrer Sorgfalt, in den süßen Ergießungen einer
kindlichen Dankbarkeit; vielleicht blickten durch ihre Bewegungen
oder durch ihre noch unartikulirte Sprache die ersten Strahlen der
aufgehenden Vernunft; -- und dieser Eindruck stimmte die Seele für
diesen Tag zu lauter angenehmen Bewegungen; -- dann wieder eine
zärtlichere Liebkosung von Ihrem Gemahl; ein unerwartetes Merkmal von
der Hochachtung eines Freundes; -- eine auffallende und mit Ihren Ideen
recht übereinstimmende Betrachtung eines Ihrer Schriftsteller; eine
glücklich ausgeführte Arbeit, -- ein vollbrachtes Werk des Wohlthuns
und der Menschenliebe: -- auf der andern Seite eine kaltsinnigere oder
eine zerstreutere Miene auf dem Gesichte Ihres Mannes; eine kleine
Uneinigkeit in Ihren Meinungen; selbst das Mißvergnügen über eine
Handlung, die man wünschte ändern zu können, weil sie unsern Absichten
und unserm Plane nicht vollkommen gemäß gewesen ist; -- alles das
ist es, was ich oft von Ihnen zu wissen wünschte, -- und wobey sich
mein ganzes Herz bewegen würde, wenn ich es von Ihnen hörte. -- O
Freundschaft, wenn deine geheiligten Bande zwey tugendhafte Seelen so
mit einander verbinden, daß alle Empfindungen und Gedanken der einen
in die andre übergehen, -- dann verdoppeln sich ihre Kräfte, Gutes zu
thun; ihre tugendhaften Regungen werden zu Entschlüssen; ihre Fehler
werden ihre Lehrer; und jede fliegt mit der zusammengesetzten Kraft
und Geschwindigkeit von beyden ihrem großen Ziele zu. Mein Herz ist zu
voll. Ich kann nicht mehr schreiben. --
Ich habe Zeit gehabt, mich von meinem Enthusiasmus wieder zu erholen.
Die älteste Tochter des D. Tralles ist den Augenblick bey uns gewesen,
und hat einen Brief von ihm aus Leipzig gebracht. Er hat bey O...
gewohnt. Professor Gellert hat ihn mit einer ungemeinen Freundschaft
aufgenommen; er hat ihm selbst wieder in dem O...schen Hause die
Gegenvisite gemacht. D. Ludwig hat seinen alten Freund erkannt, -- und
alle haben sich um die Wette bestrebt, ihm seinen kurzen Aufenthalt
angenehm zu machen. Er ist mit Leipzig und seinen Einwohnern so wohl
zufrieden, daß er ihnen beynahe auf unsre Unkosten Lobsprüche macht,
und sie ehrt, indem er seine Breßlauischen Freunde herunter setzt. Mir
ist bey dieser Begebenheit vorzüglich lieb, daß er mit der Aufnahme
Gellerts vergnügt gewesen ist. Ich habe dadurch ein kleines Verdienst
um Tralles, und einen Beweis von der Gewogenheit Gellerts.
Aber daß ich von Klöber noch keine Antwort habe, daß ich noch immer in
derselben Ungewißheit bin, in der ich meinen letzten Brief schrieb;
daß ich gestern, da nach Klöbers Vermuthung die entscheidende Antwort
vom Minister (der auf seinen Gütern ist) kommen sollte, gar nichts,
weder von ihm noch dem Minister, gehört habe: alles das ist mir höchst
verdrießlich, und bringt meine Seele in eine gewisse ungeduldige
Bewegung, die sie zu wenig Sachen geschickt läßt. -- Ich erhalte aber
vielleicht noch diese Woche die Antwort -- und dann will ich -- nicht
zur Strafe -- sondern zum Ersatz der unruhigen Stunden, die mich
Ihr und mein neulicher Brief gekostet hat, Ihnen auf den Sonnabend
schreiben. Alsdann sollen Sie zugleich etwas von meiner jetzigen
Lektüre hören. Denken Sie nur, ich lese die ~Fairy Queen~ von Spencer,
einem Dichter, ohne den Milton vielleicht nicht gewesen seyn würde.
-- Ich habe nicht geglaubt, ihn in Breßlau zu bekommen; aber es sind
einige sehr vollständige Englische Bibliotheken hier. Leben Sie wohl
u. s. w.
Ein und zwanzigster Brief.
Den 4. Oktober.
So wenig steht es oft in unsrer Gewalt, unsre Wünsche, oder auch unsre
Versprechen zu erfüllen! Dieses kurzsichtige Ding, die Seele, macht
immer Entwürfe, ohne die Hindernisse eher zu bemerken, bis sie von
ihnen gestört wird; dann springt sie plötzlich auf, sieht um sich herum
nach Hülfsmitteln, findet keine, und überläßt sich endlich einem trägen
und unthätigen Mißvergnügen. Ungefähr dieß ist die Geschichte des
Briefes, den ich an Sie schreiben wollte, und den ich nicht geschrieben
habe.
Danken Sie es meiner Bescheidenheit, daß ich Ihnen die Erzählung
aller der kleinen Störungen und Geschäfte erspare, die jede für sich
nichtswürdig, doch zusammen genommen zum Herrn meiner ganzen Zeit
wurden. Ich werde mich nun hüten, Ihnen so bald wieder einen Brief
außer den gewöhnlichen zu versprechen. Denn nichts ist verdrießlicher,
als eine erregte Erwartung nicht befriedigen. Aber ich werde desto
aufmerksamer seyn, die Augenblicke ausfindig zu machen, wo ich, ohne
mich vorher angemeldet zu haben, bey meiner Freundin einen unerwarteten
Besuch machen kann.
Nun kommt Ihr Brief. -- O Sie haben also auf den meinigen gewartet!
Jetzt komme ich mir nicht bloß unglücklich, sondern strafbar vor. Ich
weiß, wie mir es seyn würde, hätten Sie mir ein ähnliches Versprechen
gethan, ohne es zu halten. Lassen Sie mich geschwind von dieser
unangenehmen Erinnerung wegeilen. Der Himmel wird schon heiter, der Weg
gut und die Luft kalt, um Pferd und Postillion hurtig zu machen, und
meinen Brief so geschwind als möglich zu Ihnen zu bringen.
Außerdem muß ich Ihnen sagen, daß ich jetzo nicht bloß ruhiger, sondern
auch vergnügter bin, als seit einigen Wochen. Vorgestern erhielt ich
einen Brief von Klöber. Die Sache mag wohl ungefähr so seyn, wie ich
vermuthete. Unterdessen weiß Klöber so wenig davon, als ich. So viel
hat er nur durch die dritte Hand gehört, daß in dem Plane des jungen
Herrn Veränderungen gemacht wären, daß er nach Frankfurt an der Oder
gehen sollte, wo ihn schon sein Gouverneur erwartete. Dieser Brief
bestätigt mein Urtheil über das Herz des Herrn von Klöber, denn in
Ansehung seines Verstandes ist es ohnedieß schon ausgemacht. Mich
dünkt, dieser Mann ist zu einer wahren Freundschaft gemacht. Er ist mit
den Großen umgegangen, ohne ihre Denkungsart anzunehmen, und ehrt die
Rechte der Menschlichkeit mehr, als alle die Unterscheidungen, die der
Stolz oder die Sklaverey eingeführt haben. Er liebt die Engländer, und
sein Charakter nähert sich wirklich dem ihrigen. Ich bin zufrieden, daß
ich jetzo einen würdigen Mann mehr kenne, und seine Freundschaft ist
für mich eine größere Akquisition, als eines Ministers Gnade. --
-- Das ist also die Ursache meiner Zufriedenheit. Aber das ist doch
noch nicht Vergnügen. -- So wissen Sie denn also, daß der Himmel will,
Sie sollen in die meisten meiner Vergnügen einen gewissen stillen aber
wirksamen Einfluß haben. Eine gewisse Beziehung auf Sie macht eine
Sache angenehm, die mir sonst gleichgültig wäre, und vermehrt den Werth
einer andern. --
Vor zwey Tagen tritt Herr von Grischanowsky, ein Russischer Kavalier,
der, mit einem Griechischen Popen zum Hofmeister, in Leipzig studirte,
in mein Zimmer. Sie müssen ihn ohne Zweifel wenigstens vom Fenster aus
gekannt haben. Ich bin zuweilen mit ihm in Gesellschaft gewesen; und
da mir Ebert seine Lernbegierde und seinen Fleiß rühmte, und an ihm
selbst mir seine natürliche Offenherzigkeit gefiel, so war mir sein
Umgang nicht ganz unangenehm, ob gleich zu einem guten Gesellschafter
sein Kopf noch zu leer und seine Zunge zu ungebildet ist. -- Diesen
ruft nun sein Vater, Gouverneur der Russischen Ukräne, zurück. Er reist
hier durch, und wird sich acht Tage hier aufhalten. Ein Bekannter
also, der vor wenig Tagen erst aus Leipzig kommt, der mit Ihnen auf
derselben Straße gewohnt hat, der Sie vielleicht gesehen hat, ohne Sie
zu kennen; der außerdem ein Schüler und ein Freund meines guten Eberts
ist; ein solcher Mensch, wenn er nur halb so gut wäre, wie der Herr von
Grischanowsky, muß mir ohne Zweifel sehr willkommen seyn. Er brachte
mir außerdem noch einen Brief von Ebert, worin dieser mich bittet,
seinem Freunde den Aufenthalt hier, so viel ich könnte, angenehm zu
machen. Ich habe nun nach meiner Art Anstalten dazu gemacht. Heute
Nachmittag kommt er zu mir, und da er die Flöte recht hübsch spielt,
so werden wir zusammen ein kleines Duett machen. Nach drey Uhr führe
ich ihn auf die beste unsrer Bibliotheken, und morgen zu Mittag ist
meine Mutter auf mein Verlangen so gütig gewesen, und hat eine kleine
Gesellschaft zum Essen gebeten, die sich ungefähr zur Gesellschaft des
jungen Herrn und seines Hofmeisters schicken wird. Zum Glück ist unter
meinen Verwandten ein Mann, der ehemals in Russischen Diensten als
Officier gestanden hat, der bis zu den äußersten Gränzen des Russischen
Reichs gegen China, den Nordpol und die Türkey gekommen ist, der
selbst Russisch spricht, und eine große Kenntniß von diesem Reiche und
seinen Einwohnern, und also natürlicher Weise (weil wir doch das, was
wir uns die Mühe gegeben haben, zu untersuchen, auch unfehlbar lieben)
auch viel Neigung für sie hat. Er ist jetzo Bau-Direktor von unsrer
Stadt, ein Mann von einer vollkommenen Kenntniß seiner Wissenschaft,
von einer sehr guten Einsicht in die Mathematik, und von einer
ausgebreiteten Erfahrung. Diesen werde ich zur Gesellschaft des jungen
Herrn bestimmen.
Für den Popen ist ein hiesiger Geistlicher, Herr ***, der ein recht
guter Gesellschafter seyn würde, wenn er seinen Kanzelton ablegen
könnte. Wenigstens hat er doch Neubegierde genug, sich von einem
Fremden recht viel erzählen zu lassen; -- und das ist immer schon ein
großes Verdienst. -- Den Nachmittag wollen wir alsdann, wenn das Wetter
günstig ist, in einem Garten zubringen, und dann des Abends wieder ein
kleines Koncert machen.
Kleinigkeiten von der Art würde ich sonst an keinen andern Menschen
schreiben. Aber weil wir doch in so viel Stücken ähnlich denken,
so werden wir vielleicht auch noch darin übereinstimmen, daß diese
kleinen Umstände uns am meisten in den Stand setzen, bey unserm Freunde
gegenwärtig zu seyn; und das ist immer für ein Herz, wie das unsrige,
wichtig.
Noch ist ein andrer von meinen Bekannten aus Leipzig, und noch dazu
mein Landsmann, obgleich aus dem entferntesten Winkel von Schlesien,
Herr von P****, angekommen. Er hat nach mir gefragt, und hat mich noch
nicht gefunden. Auch ich muß ihn sprechen, um alle Gelegenheit zu
nutzen, mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Diese Besuche nehmen
mir einen großen Theil meiner Zeit weg, ob ich gleich außerdem nicht so
viel davon übrig habe. Von zehn bis zwölf habe ich meine Vorlesungen
mit dem Herrn v. K*** angefangen. Eine Stunde ist für die Philosophie,
die zweyte für die Römer und Griechen. Ich werde Ihnen künftig einmal
meinen Plan schreiben, nach dem ich das Studium der Philosophie
einrichten würde, wenn ich ganz Herr von der Einrichtung der Erziehung
eines jungen Menschen wäre. --
Jetzo muß ich auf Ihren Brief kommen. Daß Weise an mich gedacht und
von mir vortheilhaft gesprochen hat, ist mir lieb. Aber daß er nicht
schreibt, ist mir unbegreiflich. Ich habe ihm vor ungefähr 5 Wochen
einige Beyträge, die er selbst in vielen Briefen so gütig war, von
mir zu verlangen, geschickt. Ich habe ihm nach der Zeit noch ein Mal
geschrieben, nachdem ich seine Lieder durchgelesen hatte. Auch dieser
Brief ist schon wieder vierzehn Tage fort, und noch auf keinen eine
Antwort. In dieser Ungewißheit hat mich Ihre kurze Nachricht wirklich
getröstet; besonders da unser Reiz, den ich bat, noch an dem Tage zu
Weisen zu gehn, und mir von ihm Nachricht zu geben, Hindernisse muß
gefunden haben, meine Bitte zu erfüllen. Sagen Sie es doch unserm
Freunde im Vertrauen, daß der Entwurf unsrer Geschäfte nicht richtig
gemacht ist, wenn gar keine Lücken für unsre Freunde darin sind.
Sie nur, meine geliebte Freundin, Sie allein ersetzen mir den Verlust,
den mir die Arbeitsamkeit oder die Zerstreuung meiner übrigen
Freunde verursacht. Dank sey es der Liebe, die durch Ihre heftigen
Erschütterungen Ihrer Seele zuerst die Weiche, die Empfindlichkeit
und die schnelle Beweglichkeit gegeben hat, die sie jetzt so sehr zur
Freundschaft fähig macht.
Sie wollen, ich soll über die Liebe philosophiren. Ich wüßte nicht
leicht einen Gegenstand, der reicher und zugleich einnehmender wäre.
Aber heute sollen Sie anstatt meiner Philosophie nur Einen Vers
aus dem ältesten Englischen Dichter, dem Spencer, bekommen, der es
werth ist, daß Sie ihn kennen lernen. Sein Werk ist eine Ariostische
Epopee; noch unordentlicher, wenn es seyn kann. Aber einzelne
Stellen sind ausnehmend schön. Sein Werk besteht aus sieben Büchern,
wovon jedes eine gewisse Tugend unter einer Reihe von allegorischen
Rittergeschichten vorstellt. So fängt er das dritte Buch an, welches
die Keuschheit zum Gegenstande hat:
~Most sacred fire, that burnest mightily
In living breasts, ykindled first above,
Amongst th’ eternal spheres, and lamping sky,
And thence pour’d into men, which men call Love;
Not that same, which doth base affections move
In brutish minds, and filthy lust inflame;
But that sweet fit, that doth true beauty love,
And chooseth vertue for his dearest dame,
Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.~