~Well did antiquity a God thee deem,
That over mortal minds hast so great might,
To order them, as best to thee doth seem,
And all their actions to direct aright etc.~
Von diesem Gedichte, von der Philosophie der Liebe und von meiner
jetzigen Lektüre werden meine nächsten Briefe handeln, wofern Sie mit
diesen Materien zufrieden sind. Lessings Dramaturgie werden Sie ohne
Zweifel schon gelesen haben. Außerdem müßten Sie nicht einen Augenblick
anstehen; nur müßten Sie suchen, die Stücke, die er beurtheilt, kurz
zuvor durchzulesen u. s. w.
Zwei und zwanzigster Brief.
Breßlau, den 14. Oktober.
Wie haben Sie es über Ihr freundschaftliches Herz bringen können, mich
heute ohne Briefe zu lassen, da Sie es empfinden mußten, daß ich eines
neuen Zeugnisses Ihrer Freundschaft jetzo am meisten bedürfte? Aber
es ist nun einmal beschlossen, daß ich diese Woche in nichts ruhig
werden soll. Weiter wäre nichts nöthig, um mich auf diese ganze Woche
unglücklich zu machen, als daß sich in dem Innersten meiner Seele ein
kleiner Argwohn erhübe, und mich überredete, Sie wären unwillig, oder
welches mir noch weit unerträglicher wäre, gleichgültig. -- Denn daß
Sie oder einer von Ihren lieben Theuern krank seyn sollten, daran kann
ich gar nicht einmal denken. -- Aber fürchten Sie nichts. Ich arbeite
aus allen Kräften, alle Art von Argwohn bey mir zu zerstören, oder
ihm zuvor zu kommen. Außerdem, daß er unsern Freund beleidigt, und
uns kränkt, ist er noch eine gewisse Folge eines schwachen Geistes.
Ich setze nämlich zum Voraus (und ich bilde mir ein, daß das nichts
ist, als was ausgemacht ist), daß es Stärke des Geistes sey, eine
einmal durch Gründe erlangte Ueberzeugung, auch ohne immer neue und
wiederholte Beweise, in ihrer ersten Zuverlässigkeit zu erhalten, und
sie gegen die Angriffe, die die bloße Einbildungskraft auf sie thut, in
Sicherheit zu stellen. So sehe ich manche Leute an der Religion, oder
an der fortdauernden Existenz unsrer Seele zweifeln, nicht weil sie die
Gründe niemals erkannt, oder falsch gefunden hätten, sondern weil sie
zu schwach sind, vergangene Betrachtungen sich wieder gegenwärtig zu
machen, und weil das Bild von einer gewissen Möglichkeit, daß die Sache
anders seyn könnte, über ehemals gemachte Schlüsse die Oberhand hat. --
Wie? -- werde ich also zu mir selbst sagen, wenn der Anfall von Argwohn
heftig und gefährlich ist -- sollte mich dieser Brief erst lehren,
daß sie meine Freundin ist? Oder wenn dieses auch ohne ihn schon
ausgemacht war, kann mir alsdenn sein Ausbleiben mehr rauben, als ich
durch seinen Empfang würde bekommen haben? Ich würde wissen, was sie
macht, wie sie meinen Brief aufgenommen, ob sie mir vergeben hat. Das
ist es also, was ich nicht weiß; und ob es gleich immer unangenehm
ist, sich solche Fragen nicht eher als in vier Tagen beantworten zu
können, so ist es doch immer nur ein kleiner Aufschub. -- Und endlich,
konnte nicht mein feindlicher Dämon ihr eben solche Hindernisse in den
Weg gelegt haben, als ich selbst hatte, da ich am Sonnabend schreiben
wollte? Würde ich wünschen, daß sie das Ausbleiben meines versprochenen
Briefes einer andern Ursache als der Unmöglichkeit zuschriebe, ihn zu
schreiben? -- Ich will Ihnen diese Hindernisse erzählen, zuerst um
mich zu zerstreuen, und mich also gegen einen Feind zu sichern, der
aller meiner Entschließungen ungeachtet mich leicht überfallen könnte,
wenn ich unverwandt den ersten Gegenstand ansähe; und zum andern, weil
sie beynahe den wichtigsten Theil meiner Geschichte auf diese Woche
ausmachen.
Eben da ich im Begriff war, mich zum Schreiben zu setzen, kommt der
Bediente vom Herrn von Klöber, und bittet mich, in einer halben Stunde
zu ihm zu kommen. Es war Vormittags nach zehn. Ich ziehe mich in aller
Geschwindigkeit an, und gehe. -- Hören Sie, sagte er, indem er mich
empfing, der Minister ist gestern Abends unvermuthet angekommen, und
ich soll Sie jetzo den Augenblick zu ihm führen. -- Diese Nachricht war
mir nicht ganz unerwartet; denn da der Minister nicht antwortete, so
wußte ich dieß keiner andern Ursache zuzuschreiben, als daß er selbst
bald von seinen Gütern, wo er sich aufhielt, herein kommen wollte.
Beynahe aber wäre es mir lieber gewesen, ihm zuerst durch Briefe
bekannt zu werden, weil ich weiß, daß eine natürliche Furchtsamkeit,
über die ich nicht Herr bin, mir bey dem ersten Besuche selbst von
Leuten, deren Stand weit unter dem eines Ministers von Schlesien ist,
nicht die völlige Gegenwart des Geistes läßt, ohne die man sich niemals
von einer vortheilhaften Seite zeigen kann. Ueberdieß ist der Anblick
von Hoheit für ein etwas edles Gemüth immer zu demüthigend, als daß
man mit der ganzen Freyheit und Freudigkeit des Geistes handeln könnte,
die allein unsern Reden und Handlungen Anmuth geben kann. Wir gingen
also hin. Die Abwesenheit des Ministers hatte die Geschäfte gehäuft;
wir waren nicht die einzigen, die auf einen Augenblick warteten, wo sie
ihn sprechen könnten. Endlich kam der Minister aus seinem Kabinet, und
ging auf uns zu. Herr von Klöber stellte mich ihm vor. Der Minister
that an mich nichts als die gewöhnlichen Fragen, wer meine Eltern
und meine Verwandten wären, wo ich studirt hätte, wie lange ich hier
wäre; lauter Fragen, die in jedem andern Munde wenig in Verlegenheit
setzen würden, und die doch in dem Munde eines Ministers auf gewisse
Weise niederschlagend seyn können. Ich beantwortete sie so kurz, als
ich konnte; -- aber das hätte ich nicht geglaubt, daß dieß alles seyn
würde; ich hielt sie nur für eine Einleitung zu einem Gespräche, das,
wie ich hoffte, der Hauptsache näher kommen, für den Minister wichtiger
und mir angenehmer seyn würde. Aber in diesem Augenblicke kehrte er
sich zu dem Bedienten, der im Zimmer stand. „Ist der Doktor noch bey
meiner Frau?“ -- „Ja, Ihre Excellenz!“ -- „Nun, so muß ich wohl noch
einen Augenblick zu ihr gehen; kommen Sie nur zu Tische. Sie auch, Herr
v. Klöber.“ -- Und damit war er fort. --
Wir kamen also gegen die in diesem Hause gewöhnliche Tischzeit, gegen
zwey Uhr wieder. Die ganze Gesellschaft, die auf diesen Tag eingeladen
war, versammelte sich nach und nach im Vorzimmer. Ich lernte bey dieser
Gelegenheit den Graf Dönhof, einen Kriegsrath, den geheimden Rath
Meinike und noch eine ganze Menge andrer kennen, die größtentheils
Männer von vielem Verstande sind. Der Minister erschien nicht eher als
um halb drey Uhr. So lange hatten ihn seine Geschäfte aufgehalten. --
In diesem Augenblicke setzten wir uns auch zu Tische. Die Gemahlin des
Ministers und seine noch unverheyrathetete Tochter waren die einzigen
Damen an der Tafel. Die Damen sprachen bloß französisch. Ueberhaupt
waren die Gespräche gleichgültig. Der Minister bestimmte selbst ihren
Gegenstand, und da sie größtentheils Begebenheiten betrafen, die ich
nicht wußte, so war es ganz natürlich, daß ich dabey stumm war.
Die Tafel dauerte bis 5 Uhr; und so wie der Minister aufstand, so ging
er auch ohne einen Augenblick zu warten, in sein Cabinet zurück, wo
ihn schon wieder eine ganze Menge Leute und Geschäfte erwarteten. Wir
unterhielten uns noch eine kleine Weile in dem Tafelzimmer. Herr von
Klöber sagte endlich, da er sahe, daß die Hoffnung, diesen Nachmittag
bey Sr. Excellenz vorzukommen, vergeblich wäre, daß wir uns beurlauben
wollten, und daß er dem Bedienten aufgetragen hätte, ihn zu rufen,
sobald der Minister nach ihm fragen würde. Von diesem Augenblicke an
nun weiß ich wieder nichts, und die ganze Sache ist noch nicht einen
Schritt weiter. Ich wünschte sie nur entschieden, nur auf irgend eine
Art entschieden zu sehn; denn die Ungewißheit ist unter allen das
schlimmste u. s. w.
Drey und zwanzigster Brief.
Den 28. Oktober.
Allemal, wenn ich mich niedersetze, an Sie zu schreiben, ist mein
Kopf von Gegenständen, die alle geschrieben seyn wollen, so voll, daß
ich über der Wahl endlich den größten Theil davon vergesse, oder mein
Brief und die Zeit schon zu Ende ist, wenn ich noch kaum über den
ersten Punkt heraus bin. Indem ich alsdann den Brief schließe, und
es empfinde, wie wenig ich Ihnen gesagt habe, und wie viel ich Ihnen
noch zu sagen hätte; so ärgere ich mich über den elenden Ersatz, den
ein kurzer kaum angefangener Brief für den Umgang mit einer solchen
Freundin, wie Sie sind, thun soll. Ich thue mit dem Kinde in Weisens
Liede den Wunsch:
O wenn ich doch ein Vogel wär,
So schnell und federleicht,
Der über Berg und Thäler hin
Im Augenblicke streicht!
Dann flög’ ich über Land und See,
Durchreiste jeden Ort,
Wär bald -- wo denn? Gewiß nirgends, oder doch nirgends öfter, als
bey Ihnen. Was für einen kleinen freundschaftlichen Schrecken würde
ich Ihnen nicht abjagen, wenn ich, ehe Sie sich es versähen, den
gegenüberstehenden Stuhl an Ihrem Fenster einnähme, indem Sie an
dem andern sitzen. Ich sehe schon zum Voraus, ich würde kein Wort
vorbringen können, ich würde stammeln, und wenn ich meine Stimme wieder
hätte, so würden es nur gebrochene Laute seyn, die ich vorbrächte. --
Weg, angenehme Schwärmerey, die geschwind genug meine Einbildungskraft
ganz anfüllen, und dann aus meinem Briefe alle wichtigere Gegenstände
verdrängen könnte! -- Nun habe ich mir in meinem Kopfe gewisse Punkte
geordnet, unter welche dieser Brief gebracht werden soll. Aber ich sage
sie Ihnen nicht zuvor, bis ich erst sehe, wie viel ich davon zu Stande
bringe. Sage ich jetzo nur wenig, so können Sie immer glauben, ich
habe nicht mehr schreiben wollen, da Sie sonst hätten denken müssen,
ich hätte nicht mehr schreiben können. Also zur Sache:
Zuerst fragen Sie mich in Ihrem vorletzten Briefe, ob ich Ihre Briefe
aufhebe? Die Frage würde fast eine kleine Beleidigung seyn, wenn
ich nicht, die Wahrheit zu sagen, ähnliche Beleidigungen auf meiner
Rechnung hätte. Meine Mutter ist die Depositaria davon, so wie von
Ihren Porträts. -- Also wollen Sie diese wirklich wieder haben? Ich bin
in der That so unverschämt gewesen, sie schon für ein halbes Geschenk
anzusehen. Unterdessen, wenn Sie über das Porträt Ihres Gemahls Herr
sind, so sind Sie es doch nicht über das Ihrige. Ich werde Ihnen das
erste zurück schicken, wenn Sie es so befehlen, aber ich werde dadurch
mein Recht auf das andere nur verstärkt glauben. Meine Mutter, die Sie
wahrhaftig liebt, würde an dem Schmerz Theil nehmen, den es mich kosten
würde, dieses kleine Stück von Ihnen selbst aus den Händen zu geben.
Indessen, wenn Sie darauf auch bestünden; so muß ich Ihnen nur sagen,
daß die Gelegenheiten, solche Sachen zu schicken, nicht so häufig sind;
und ich habe immer in meiner Macht, zu sagen, daß ich keine gehabt
habe. Sehen Sie eine andere kleine Beleidigung in Ihrem vorletzten
Briefe, die ich ungeahndet gelassen habe.
Aber nun auf Ihren jetzigen zu kommen, der so voll von Freundschaft
und gutem Herzen ist, und der mich würde zu Ihrem Freunde gemacht
haben, wenn ich es noch nicht wäre; so muß ich nur Ihre zu große
Demuth ein bischen schelten. Sage nur deiner Freundin, sagte meine
Mutter, indem sie Ihren Brief las: Eine Frau, die eine so edle Freude
an einer guten Handlung haben konnte, als die ist, die sie in ihrem
Briefe erzählt, kann vieler andern Vorzüge entbehren. Glauben Sie
nur, dieses Herz, welches Ihnen der Himmel gegeben hat, ist immer das
größte Geschenk, welches er einem Sterblichen machen kann. Ohne dieses
Herz ist der Verstand ein bloßes blendendes Licht ohne Wärme, und die
Schönheit eine unbedeutende Form. Aber dieses Herz kann der Schönheit
und selbst höherer Einsichten entbehren, und doch immer noch nicht
bloß liebenswürdig sondern verehrungswerth bleiben. Wenn aber diese
glückliche Verbindung zwischen Empfindung und Einsicht, zwischen dem
Kopf und dem Herzen vorhanden ist, die ich in meiner Freundin finde und
hochschätze, wenn der eine der Diener ist, die gutthätigen Absichten
des andern auszuführen: dann kann das Glück immer seine übrigen Güter
zurückhalten; die Natur hat ihm schon genug vorgearbeitet, um in jedem
Umstande, in jeder Verfassung, selbst unter den Beunruhigungen, die
eine Folge dieser Eigenschaften sind, die Person selbst glücklich, und
andre zu ihren Verehrern und Freunden zu machen. --
Um Sie nun in Ansehung meiner in Ruhe zu stellen, so muß ich Ihnen
sagen, daß, ob ich gleich noch keine Nachricht habe, ich doch die
Sache für entschieden halte, und auch recht zufrieden damit bin, daß
sie entschieden ist. -- Wenn man bey einer Reise in der Nacht lange
Zeit ohne seinen Weg zu sehen, fortgegangen ist, und nicht gewußt hat,
ob man nicht vielleicht in fremden und unwegsamen Wüsten herumirrt;
wenn dann auf einmal ein aufgehender heller Stern uns zeigt, daß wir,
ohne es zu wissen, noch immer auf dem rechten Wege sind, und von einer
unsichtbaren Hand geleitet, unvermerkt dem Ziele unsrer Bestimmung
näher kommen: dieser Freude ist diejenige gleich, die man fühlt,
wenn man mitten unter dem Zusammenlauf mannichfaliger und uns oft
unangenehmer Begebenheiten einen einzigen fortgehenden Plan erblickt,
der mitten unter diesen verschlungnen Irrgängen immer fortgesetzt
worden ist, und durch alle die Hindernisse, die uns beunruhigten, nicht
aufgehalten werden konnte.
Ich kann Ihnen nicht das ganze Räthsel erklären, wie ich zu dieser
Betrachtung komme. In der That aber glaube ich Ursache zu haben,
zufrieden zu seyn, wenn ich dem Minister mißfallen habe u. s. w.
Vier und zwanzigster Brief.
Den 11. November.
Lassen Sie uns immer einige unsrer Erwartungen fehlschlagen, der
Himmel versorgt uns dafür wieder mit Vergnügen, auf die wir weder
Anspruch noch Hoffnung hatten. So war der Brief, den ich gestern von
ihrem lieben Gemahl, so die zwey Briefe, die ich zu gleicher Zeit
von Herrn Weisen erhielt. Meiner Mutter und mir waren Ihre Briefe,
wenn nicht eben so unerwartet, doch gewiß eben so erwünscht. Alle
so voll von Freundschaft, Liebe, Zärtlichkeit, daß mein Herz in
unaussprechlichen Empfindungen überfloß, und wenn der Geist Kraft
genug hätte, diese Einschränkung des Raums und seine enge Wohnung zu
durchbrechen, wenn er, ohne seinen schweren Gefährten, den Körper,
mitzunehmen, mit ätherischer Leichtigkeit mit seinen Wünschen in
gleicher Geschwindigkeit sich bewegen könnte, so wäre Ihr Wunsch und
der meinige gestern erfüllt, ich hätte Sie alle, alle gesehn; auch ihn,
meinen guten und zu geschäftigen Freund, dem ich für den Brief, den er
an mich schreiben will, gern alle die erlasse, die er nicht geschrieben
hat. Ich danke es Ihnen recht sehr, liebster Freund (ich rede jetzt mit
Ihrem guten Manne), daß Sie für die Erhaltung meiner Freunde -- der
größten Glückseligkeit die ich kenne, -- oder welches eben so viel ist,
für meine Gewißheit, daß ich sie noch besitze, so viel Mühe und Sorge
über sich nehmen. --
Weise ist in der That einer von meinen schätzbarsten Freunden, und,
Dank sey es seinem gütigen Herzen, auch von meinen zärtlichsten. Ich
habe zwey lange Briefe von ihm bekommen, die beyde vortrefflich sind,
wenn sie nur nicht gar zu schmeichelhaft für mich wären. Meine Mutter,
die an meiner ganzen Correspondenz Theil nimmt, sorgt immer, meine
Freunde werden mich verderben. Und in der That, ich glaube beynah, ihre
Furcht ist nicht ganz ungegründet. -- Aber nun verderben oder nicht,
so werde ich doch nimmermehr zugeben, daß selbst die übertriebenen
Lobsprüche von Freunden mit Schmeicheleyen einerley wären. Wenn uns
die ersten in einen kleinen Irrthum über unsre Verdienste führen, so
sind sie zuerst selbst darin. Ihr Herz hat zuerst ihrem Verstande den
unschuldigen, und beynahe sagte ich, zur Freundschaft nothwendigen
Betrug gespielt; und hundertmal mehr können sie sagen, als wahr
ist, aber niemals ein Wort mehr als sie denken. Da fängt erst die
Schmeicheley an, wo der Ausdruck größer ist als die Gesinnung, und
unser Verstand den Werth des andern richtiger bestimmt, als unsre
Worte. --
Der eine Brief von Weisen war schon längst vorher geschrieben, und war
mit einem kleinen Geschenk von Büchern, das er mir bestimmte, einem
hiesigen Buchhändler übergeben worden, der eben erst gestern ankommen
mußte; der andre kam mit der Post, und den habe ich vielleicht zum
Theil Ihnen zu danken.
Darf ich Ihnen nun wohl noch erst sagen, daß gestern einer von meinen
angenehmsten Tagen gewesen ist, oder vielmehr Stunden, -- denn eine
von den größten Sonderheiten, ich weiß nicht ob der menschlichen
Natur oder der meinigen (leider vermischen sich diese beyde nur gar
zu oft in den Augen des Beobachters; aber genug, ich empfinde sie,
diese Sonderheit, und wie ich sie empfinde, so will ich sie Ihnen
ausdrücken; vielleicht entdecken wir wieder einen neuen Punkt, wo unsre
beyden Seelen an einander gränzen); und die seltsamste Wirkung des
Vergnügens ist gewiß Schwermuth; und demungeachtet ist es bey mir die
gewöhnlichste, wofern das Vergnügen nur mehr empfindlich als rauschend
ist. Wenn meine Seele nach der Befriedigung gewisser Begierden
geschmachtet hat, und sich diese ihr endlich mit einemmale anbietet;
so weigert sich die Seele gleichsam einen Augenblick, dieselbe
anzunehmen; sie entzieht sich dem Genusse eines Vergnügens, das sie
für zu schmeichelhaft hält, als daß sie sich gleich überzeugen könnte,
daß es für sie wirklich bestimmt ist, und das Herz verschließt sich
vor den Eindrücken, die es doch so sehnlich erwartete. Nach und nach,
wenn die erste Bestürzung vorüber ist, wenn sich die angenehmen Bilder
in der Einbildungskraft anhäufen, wenn die wiederholten, aber sanften
Schläge des Vergnügens diese muthwillige Unempfindlichkeit überwunden
haben, öffnet sich das Herz wieder; die Empfindungen strömen von allen
Seiten zu und erfüllen es; die Bewegungen werden lebhafter, das Gesicht
heitrer; unsre ganze Seele bekommt eine Art einer neuen Existenz, und
diese Empfindung von der Verdoppelung ihrer Kräfte verbindet sich noch
mit den Eindrücken des Vergnügens, um diesen glückseligen Zustand eine
Zeitlang zu erhalten.
Wer in diesen Augenblicken die Gabe zu gefallen, wenn sie auch ihm
sonst fehlt, nicht durch die Zauberkraft des Vergnügens erhält, der mag
es nur aufgeben, jemals zu gefallen. In der That ist ein von Vergnügen
durchdrungnes Herz schon an sich der angenehmste Gegenstand für den
Zuschauer; und außerdem hat der Mensch niemals mehr, als in diesen
Zeiten, seine eignen Talente zu seinem Gebote; seine Ideen werden
lebhafter, seine Einfälle gelingen, sein Witz verliert den Zwang und
die Steife; und alles, was er sagt, bekommt durch die harmonischen
Züge, mit denen sein Gesicht es bekräftigt, und durch eine gewisse
lebhafte und doch anständige Bewegung, mit dem es begleitet wird, mehr
Kraft und mehr Anmuth.
O wenn diese glücklichen Augenblicke fortdauern könnten! Ich habe von
der Macht des Vergnügens so große Ideen, daß ich glaube, es könnte
Trägheit in Feuer, und Dummheit in Witz verwandeln, wenn wir erst die
Kunst erfunden hätten, es dauernd zu machen. -- Aber so verzehrt sich
die Freude, wie eine Flamme, durch ihre eigne Stärke. -- Die Spannung
der Kräfte, ohne welche sie nicht entstehen würde, bereitet schon die
Erschlaffung vor, mit der zugleich die Schwermuth zurück kehrt; der
Genuß erfordert eine gewisse Anstrengung, die wir nicht gewahr werden,
weil sie angenehm ist, und die uns erst die darauf folgende Erschöpfung
entdeckt; und durch eine unausbleibliche Rückkehr, die ein Gesetz der
ganzen Natur ist, sinkt die Seele eben so tief unter ihre gewöhnliche
Höhe, als sie sich über dieselbe erhoben hatte.
Ich sehe, ich verliere mich in einer Art von Philosophie, die für
mich alle Mal gefährlich ist. Ich grüble vielleicht gar zu gern über
meine eignen Empfindungen, und oft verliert sich mir der Gegenstand
aus dem Gesichte, indem ich seine Wirkungen aufsuchen will. -- Was
ich eigentlich zu sagen vorhatte, ist dieß. Eine so große Anzahl von
Beweisen der Zärtlichkeit und Freundschaft der würdigsten Personen
hatten meiner Seele eine gewisse Selbstzufriedenheit gegeben, die nicht
Eitelkeit, -- aber doch höchst süß ist. Aber eben diese verlor sich mir
unter der Hand, als ich sie eben erst bemerkte. Auf sie folgte eine
gewisse Furcht, daß einmal eine Zeit kommen könnte, wo diese Freunde
von mir richtiger oder strenger urtheilten; eine Art von Kummer, wie
ich so vortheilhaften Meinungen und so günstigen Erwartungen, die sie
von mir hätten, ein Gnüge leisten könnte. -- Ich schien mir unter
einer Art von Verbindlichkeit zu erliegen, die mir ihre Gütigkeit
auferlegt hatte, und indem ich mein eignes nichtsbedeutendes Selbst
mit dem vergrößerten und geschmeichelten Bilde verglich, welches sie
als ähnlich mit mir annehmen; so wurde mir angst, daß ein solcher
Irrthum einmal vielleicht aufgehoben werden, und irgendwo ein solcher
unglücklicher Brunnen seyn möchte, wie ihn Ariost beschreibt, der,
wenn man ihn kostet, alle Verblendungen der Liebe heilt, und dem
bloßen kalten Verstande alle seine Freyheit zurück giebt, zu prüfen.
Dieser Wunsch, meinen Freunden zu zeigen, daß ich ihrer nicht unwürdig
sey, mit der Unmöglichkeit, die ich vor mir zu sehen glaubte, ihn zu
befriedigen, brachte eine Art von Aengstlichkeit in mich, die endlich,
ohne ihren Gegenstand zu wissen, nach etwas suchte, was mir fehlte, und
was sie doch nicht finden konnte.
Sehen Sie nun, würde eine andre Freundin, gegen die Schwachheiten
ihres Freundes weniger nachsichtig als Sie, eine solche Anatomie
seiner eignen Thorheiten ertragen; besonders wenn ich darüber das
vergesse, was Sie eigentlich von mir wissen wollten, und was ich auch
zu schreiben im Sinne hatte? -- Herr von Grischanowsky ist beynahe
alle Tage bey uns, wenigstens eine oder zwey Stunden. Meine Mutter ist
ihm seines wirklich guten Herzens wegen recht gut worden. In der That
habe ich in ihm noch weit edlere Gesinnungen entdeckt, als ich selbst
in Leipzig in ihm kannte. -- Aber sein Hofmeister -- ob er gelehrt
ist, das mag er selbst am besten wissen, -- aber daß er höchst grob,
unempfindlich gegen alle Höflichkeit, bäurisch stolz, und ohne alle
Annehmlichkeit im Umgange ist, das wissen wir leider alle, die wir ihn
in unsrer Gesellschaft gehabt haben. Jetzo bitte ich nur immer den
jungen Herrn ohne ihn u. s. w.
Fünf und zwanzigster Brief.
Den 18. November.
O wenn Sie wüßten, was mich Ihr Brief für einen traurigen Tag gekostet
hat, Sie würden ihn nicht geschrieben haben, oder Sie schrieben
heute einen zweyten, um ihn zu widerrufen! Aber gewiß, gewiß, Sie
werden keinen schreiben. -- Ich lese ihn wieder, Ihren Brief, und er
beunruhigt mich noch mehr. Ich sollte weniger zärtlich gegen Sie seyn,
-- ich sollte mich dem Brunnen des Ariosts nähern, +von dem einige
Freunde vielleicht schon getrunken haben+. Wer sind diese Freunde?
-- Setzen Sie einmal (um einen Satz, den ich nur in Absicht auf mich
wahr hielt, auf die Freundschaft überhaupt auszudehnen), setzen Sie,
daß eine Art von Uebertreibung dazu gehöre, um den Grad von Liebe
hervor zu bringen, ohne den die Freundschaft kalt und die Ehe in
kurzem beschwerlich ist; setzen Sie, daß unsre Einbildungskraft die
Vollkommenheiten unsers Lieblings vergrößern müsse, wenn sie das Herz
mit der gehörigen Stärke treffen sollen; setzen Sie dieß alles: so
behaupte ich doch, daß selbst diese Verblendung Größe des Geistes
voraus setze, und daß es Stärke des Geistes sey, sie zu erhalten.
Achten Sie also ja nicht meine Theorie für so gefährlich, daß sie den
Kaltsinn für eine natürliche Folge der Ueberlegung erklären sollte.
Wenn er eine beständige Eigenschaft unsers Herzens ist, so ist es
Kleinheit, und folgt er auf einen feurigen Anfang, so ist es Schwäche
der Seele. -- Sie hatten neulich eine Philosophie der Liebe von mir
verlangt. Hier sind einige kleine Züge davon, auf die mich diese
Betrachtungen natürlicher Weise leiten.
Man kann immer sicher vermuthen, daß in den Meinungen etwas Wahres
sey, die allgemein von den Menschen angenommen werden; und die in den
rohesten Zeiten zuerst. Die Wirkung der Natur, und die Gesinnungen,
die unmittelbar durch den Einfluß der Dinge um uns herum hervor
gebracht werden, erkennt man am besten in den Epoquen, wo wenig andre
Principien der menschlichen Gedanken vorhanden sind. Nun in diesen
Zeiten war Tapferkeit und Liebe die größte Tugend der Männer, und
Keuschheit, oder mit einem andern Worte, Beständigkeit und Treue das
einzige Verdienst der Frauen. Die Rittergeschichten, so ausschweifend
sie sind, vergnügen mich demungeachtet um dieser richtigen und mit der
Natur harmonirenden Grundsätze willen, die allenthalben durchblicken,
und ohne die selbst diese Ausschweifungen nicht Statt gehabt hätten. --
Wenn die Philosophie sich nun damit bemengt, den Grund dieser Gesinnung
zu erklären, so kann es seyn, sie geräth auf falsche Ursachen; der
Zusammenhang dieser Leidenschaft mit den wesentlichen Vollkommenheiten
des Menschen kann vielleicht durch eine ganz andre Kette gehen, als die
ich einsehe; -- aber sie thut demungeachtet ihr eigentliches Werk, sie
ist in ihrem Berufe. Denn wozu soll Philosophie, wenn sie nicht die
Meinungen und Neigungen, die die Seele einnehmen, ohne daß sie weiß,
woher sie sie hat, als Phänomene behandelt, deren Ursprung gefunden
werden soll? Meine Erklärung ist diese.
Jede unsrer Ideen ist nach einem gewissen Eindrucke gebildet, den die
Empfindung zuerst in unsrer Seele hervor gebracht hat. Diese Eindrücke
zergliedern, zusammen setzen, anders ordnen, als sie zuerst in die
Seele gekommen sind, das ist alles, was die Seele damit thun kann.
Ideen, deren Theile nicht ursprünglich sinnliche Eindrücke wären, sind
unmöglich. Der Umfang, die Lebhaftigkeit, kurz alle Vollkommenheiten
unsrer Ideen (und diese machen doch wohl den eigentlichen Vorzug des
denkenden Wesens aus) hängen von der Beschaffenheit dieser ersten
Impressionen ab. Sind die Gepräge, die die Gegenstände in unsrer Seele
abdrücken, richtig und vollständig, so werden ihre Kombinationen
ebenfalls richtig seyn, und der Kopf wird helle; sind sie tief und
stark, so werden ihre Kombinationen lebhaft und eindringend, und der
Geist wird schön. Die Kraft zu empfinden ist also die vornehmste
Fähigkeit der Seele, nach deren Größe sich die übrigen richten. Sie
verschafft die Materialien, aus welchen die übrigen bauen; sie bemahlt
zuerst die leere Fläche der Seele mit den Bildern, aus denen die
übrigen auf eben die Art neue machen, wie Apelles seine Venus aus den
schönsten Theilen der Mädchen von Gnidus zusammen setzte. Die Größe
der Seele besteht in der Fähigkeit, viele und große Eindrücke auf
einmal zu bekommen, und sie ohne Verwirrung zu erhalten. Die Stärke der
Seele, in der Fähigkeit, einmal empfangene Eindrücke nicht durch den
beständigen Zufluß von neuem verlöschen zu lassen, sondern sie gegen
das unaufhörliche Reiben neuer Ideen unverletzt zu erhalten. --
Sie sehen schon, wie nahe wir zu Ihrer Lieblings-Leidenschaft gekommen
sind. Eben dieselbe Lebhaftigkeit, dasselbe Feuer der Impression, durch
welche große Geister gebildet und große Unternehmungen vorbereitet
werden, bringt diese reizende Tochter, die Liebe, hervor, wenn
die Vollkommenheiten eines andern denkenden Wesens der Gegenstand
sind. Eben diese Dauer, dieses Anhalten der Impression, welche dem
Mathematiker die langwierigsten Untersuchungen zu Ende bringen
hilft, und die weitaussehendsten Entwürfe durch alle Hindernisse und
Schwierigkeiten verfolgt, bringt die Treue in der Freundschaft, und
die Beständigkeit in der Liebe hervor. Wenn sich nun noch mit der
Empfindung, welche Vollkommenheit und Schönheit erregen (und das ist
alles, was bey der Freundschaft nothwendig ist), noch diese süße
Wallung, dieses Gefühl von Lust verbindet, die das Eigenthum der Liebe
ist; wenn der Körper, sonst ein Störer unsrer geistigen Vergnügungen,
sie hier unterstützt, und seinem edlern Theile zu neuen Quellen von
Empfindungen verhilft: dann steigt vom Himmel diese ehrwürdige Göttin
herab, und knüpft zwey menschliche Wesen mit unauflöslichen Banden
an einander; dann weist sie jedem von ihnen als den vornehmsten
Gegenstand und die größte Uebung seiner Empfindungskraft, seinen
Geliebten an. Von ihm soll die Seele diese ewig dauernden Einflüsse
bekommen, die ein Beweis und eine Ausübung ihrer eignen Kraft sind.
Durch diese Gewohnheit gestärkt, und durch diese unaufhörliche
Uebung erhöht, soll seine Empfindung sich von da aus über das ganze
Gebiet von Vollkommenheit und Schönheit ausbreiten; sich nach jeder
Tugend, jeder Vortrefflichkeit ausstrecken, dieselbe umfassen, und
durch eine untergeordnete, aber eben so unveränderliche Liebe mit
sich verbinden. -- So wie die allgemeine Menschenliebe durch die
beständige, aber stufenweise Erweiterung der Familienliebe entsteht;
so wird in edlen Seelen die Tugend durch die Liebe geboren. Die in dem
Geliebten koncentrirte Empfindung entwickelt sich, und geht von einer
Vollkommenheit zur andern, die alle zusammen in dem Gegenstande der
Liebe durch ein dunkles Gefühl wahrgenommen wurden. Die Seele erlangt
die Macht, den äußern Dingen und dem Strome ihrer eignen Ideen zu
widerstehn; sie lernt, mitten unter den beständigen Revolutionen, die
der stets veränderte Eindruck der äußern Dinge in unsern Gesinnungen
hervor zu bringen sucht, die Ideen, die ihr wichtig sind, aufrecht zu
erhalten; und so lehrt die Liebe einen verständigen Geist denken, und
ist die Vorbereitung zur Tugend für das Herz u. s. w.
Sechs und zwanzigster Brief.
Den 21. November.
Noch ist die Sonne nicht über dem Haupte meiner schlafenden Freundin
aufgegangen. Aber ich, von der Freundschaft und der Begierde bey ihnen
Ihnen zu seyn aufgeweckt, empfinde ein weit süßer und höher Vergnügen,
als Sie selbst in den Armen des Schlafs. Unter dem Schirme dieser
stillen und ehrwürdigen Dunkelheit, die noch Ihr Schlafzimmer bedeckt,
kann ich ungestört den angenehmen Schwärmereyen nachhängen, die von
dem Gelärme und den Zerstreuungen des Tages verdrängt werden. Mich
dünkt, ich sehe Sie mit der Miene der Unschuld, und mit einem gewissen
sanften Lächeln, das durch fröhliche Träume hervor gebracht wird, an
der Seite Ihres lieben Gatten. Wenn Ihre tugendhafte Seele, für die
Ruhe und Glückseligkeit erschaffen, zuweilen durch die verdrießlichen
Zufälle des Tages aus sich selbst heraus gerissen, und mit einer
unruhigen Heftigkeit von Gegenstand zu Gegenstand umher getrieben wird,
so kehrt sie doch des Nachts wieder zu sich selbst und zu der Wohnung
der Zufriedenheit und der Ruhe zurück. Der Geist, der des Tages über
oft von seinem Gefährten, dem Körper, Befehle annehmen mußte, wird
nunmehro ganz wieder sein eigen, und bringt unter den Bildern, die
ihm vorher aufgedrungen wurden, jetzo nur die reinsten und schönsten
wieder hervor. O möchten Sie doch beym Erwachen diese muntre und
fröhliche Heiterkeit, diese Erhöhung Ihrer Kräfte, diese wiedererlangte
Leichtigkeit fühlen, die eines solchen Schlafs unausbleibliche
Frucht ist. O möchten doch meine Wünsche über Ihren heutigen Tag den
glücklichen Einfluß haben, daß dieses Licht, welches Sie jetzt zum
ersten Mal erblickt, keine andern, als die Scenen der Liebe, der
Tugend und der Freundschaft erleuchtete. Möchte der Himmel Ihnen heute
manchen Unglücklichen in den Weg führen, dem Sie beystehen, manchen
Rechtschaffenen, dessen Glück Sie befördern können! Möchte Ihre Seele,
wie die Fläche des Meeres an einem stillen Morgen, von keinem Sturme
bewegt, das Bild des Himmels in sich auffangen, und dem betrachtenden
Zuschauer, Ihrem Gemahl oder Ihrem Freunde, in gemildertem aber
unverfälschtem Glanze wieder zurück werfen. Nun gehe ich zu meiner
alten Materie fort.
Wenn die Metaphysik der Liebe, die in den Französischen Dichtern und
Schriftstellern so häufig ist, ein elender Ersatz für die wirklichen
Ergießungen der Empfindung ist, die wir in der Julie von Shakspeare
oder Rousseau finden; so wäre sie doch immer ein sehr wichtiges Stück
von Psychologie, wenn man nur mehr die Art, wie diese Leidenschaft
entsteht, und die Zusammenstimmung der verschiedenen Fähigkeiten der
Seele, die da seyn muß, wenn sie zu einem gewissen Grade gelangen soll,
erklärte, als alle die kleinen Symptome, die sich bey ihrer Gegenwart
äußern, und die doch so oft nur von der Galanterie erzeugt, und von der
wahren Empfindung, wie von einem zu heftigen Feuer, verzehrt werden.
-- Man kann schon daraus, daß diese Leidenschaft so selten ist, und
daß von tausenden, die sich mit einander verbinden, oft nur zwey von
dieser himmlischen Göttin einander zugeführt werden, -- schon daraus
kann man vermuthen, daß diese Eigenschaft, welche die Seele des Feuers
der Empfindung fähig macht, eine eben so seltne Gabe sey, als die,
welche den Verstand zur Hervorbringung neuer Ideen in den Stand setzt.
Die Geschichte macht gewissen großen Männern, deren Andenken sie
uns aufbehalten hat, eine Schwachheit aus ihrer Liebe. Aber gewiß,
diese Geschichtschreiber waren keine Philosophen; sie verstanden es
nicht, daß eben dieselbe Quelle die beyden Ströme der Empfindung und
der Einsicht ausgießt; daß die Fähigkeit zu großen Leidenschaften
die großen Männer hervor bringt; und daß Heinrich, wenn er in Nacht
und Nebel, in einem Bauerkittel verkleidet, sich mitten durch die
Postirungen und Wachen der Feinde zu seiner geliebten Estrées
schleicht; wenn in dem heftigesten Anfalle körperlicher Schmerzen diese
Emfindung dennoch bey ihm siegt, und er am Rande des Grabes seiner
Estrées noch schreiben konnte: ~Mon premier penser est à Dieu, et le
second à Vous~; eben dieselben Fähigkeiten des Geistes brauchte, durch
die er der große Feldherr und der vortreffliche König wurde.
Ich habe die Liebe neulich blos als eine Folge von Eindrücken
angesehen, deren Stärke und Dauer zeigt, wie sehr die Seele fähig ist,
lebende und bleibende Bilder der äußern Gegenstände zu empfangen. Aber
die Seele verhält sich nicht blos leidend; es sind nicht Wirkungen,
die nur auf sie geschehen, und denen sie nur nicht widerstehen darf.
Ihre eigne Kraft muß diese Eindrücke beleben, sie fest halten, sie
in diejenige Form bringen, in welcher sie ihren Einfluß noch immer
auf dieselbe fortsetzen, wenn sie gleich selbst ihre erste Stärke
verloren haben. Akenside macht in seinen ~Pleasures of Imagination~
eine vortreffliche Anmerkung, die für den Moralisten, und ich denke
auch für den Liebhaber, höchst wichtig ist. Gewisse unsrer Pflichten
und unsrer schönsten Neigungen beruhen auf einer Art von Illusion, die
nur durch eine starke und mächtige Einbildungskraft aufrecht erhalten
werden kann. Von der Art ist die Vaterlandsliebe. Der Begriff von
Societät ist viel zu allgemein und abstrakt, und die Bande, mit welchen
wir an diesen Haufen unbekannter und uns gleichgültiger Menschen
geknüpft sind, wären für uns viel zu schwach, um uns Gefahr und Tod für
diese leicht zu machen: wenn nicht die Einbildungskraft an die Stelle
dieser reellen Objekte, die zu groß und zu weit sind, als daß wir sie
mit unsrer Empfindung umfassen könnten, ein gewisses Phantom setze,
welches wir selbst ausschmücken, und unter dessen Bilde wir diese
unsichtbare Gottheit, das Vaterland, anbeten. So erhitzte sich der
Römer bey dem Anblicke seines Senats, des Kapitols oder irgend eines
andern öffentlichen Monuments, das himmelweit von dem wahren Vaterlande
entfernt war, und welches er doch dafür annahm, um seine Empfindung in
eine engere Sphäre zusammen zu drängen, und sie dadurch zu beleben.
Lassen Sie uns dieses auf die Liebe anwenden. Sie ist, wenn wir sie
zergliedern, das Resultat aus den vereinigten Wirkungen des Vergnügens
an Vortrefflichkeit, der Freundschaft und der sinnlichen Lust. Es
ist augenscheinlich, daß, wenn die Leidenschaft nur aus einer dieser
Quellen entsteht, sie mit derselben zugleich versiegt; und da alle
Arten von sinnlichem Vergnügen vermöge der Natur der Seele abnehmen, so
muß ein Feuer erkalten, welches blos durch sie angezündet war. -- Aber
es giebt eine andere Art von bessern Seelen, die nicht blos wie Silenen
lieben, und die die Venus, die aus dem Schaume des Meeres entstand, von
der himmlischen, die vom Olympus entspringt, und an dem Throne Jupiters
selbst ihren Sitz hat, unterscheiden; ihr Geist liebt in der That,
nicht blos ihr Körper; und demungeachtet werden diese rechtschaffnen
Liebhaber doch kalte Ehemänner. Die Gewohnheit übt über ihre Seelen
ihre gewöhnliche Gewalt aus, und weil ihre Leidenschaft blos durch
die Eindrücke auf sie hervor gebracht wurde, so verlischt sie, so wie
die Zeit ein Stück nach dem andern von diesen Eindrücken verwischt,
und sie zu der gewöhnlichen Stärke aller übrigen Begriffe in unsrer
Seele zurück bringt. Nur eine dritte Gattung von Seelen, die an die
Stelle ihres Freundes oder ihres Geliebten ein gewisses erhöhtes Ideal
setzen; die aus den Vollkommenheiten, die sie wirklich in ihm gewahr
werden, die sie aber noch verschönern, ein Ganzes zusammen setzen,
welches wirklich vollkommner ist, als der Gegenstand selbst; die in
sich selbst beständig eine neue Quelle von Empfindung finden, und in
der Beschauung des Bildes, was sie sich selbst geschaffen haben, und zu
dem ihnen das Original so zu sagen nur die ersten Striche gegeben hat,
sich mit neuem Feuer beleben: diese sind es allein, die der Liebe ihre
Schwingen ausreissen, und das Feuer, das sonst durch den Zufluß neuer
Materie unterhalten werden muß, durch ihr eignes ernähren.
Ich bin jetzt auf dem Wege, zu zeigen, wie eben diese Kraft der
Imagination, ohne die niemals eine große oder dauerhafte Liebe gewesen
ist, große Männer und vortreffliche Thaten hervor bringt. -- Aber
dieses ist selbst für einen neuen Brief noch zu viel Materie, und man
ruft mich schon ein Mal über das andre u. s. w.
Sieben und zwanzigster Brief.
Ich habe heute einen so heftigen Schnupfen und Kopfschmerzen, daß
nichts in der Welt, als die Begierde, Ihnen auch die kleinste, und
wenn es nur eine minutenlange Unruhe wäre, zu ersparen, mich hätte
bewegen können, die Feder anzusetzen. Demungeachtet habe ich zwey so
liebe werthe Briefe von Ihnen vor mir, die ich beantworten sollte;
und die mir auch Stoff genug geben würden, wenn ich nicht heute zu
allem, als zu einem gänzlichen Müßiggange, unaufgelegt wäre. Wenn Sie
meine Briefe nicht verstehen, so ist es immer gewiß meine Schuld. Ich
bringe oft meine Gedanken zur Welt, ehe sie völlig ausgebildet sind;
und es ist natürlich, daß meine Freunde, wenn ich sie ihnen in diesem
Zustande übergebe, nicht recht wissen, was sie mit diesen ungeformten
Massen machen sollen. Thun Sie an diesen verunglückten Geschöpfen
die Barmherzigkeit, die Sokrates an ähnlichen Geburten seiner Freunde
that; wenn Sie sie nicht gleich bey der Entstehung haben retten können,
so geben Sie ihnen wenigstens, so wie sie da sind, die erträglichste
Figur, die sie machen können. Bilden Sie sie aus, erziehen Sie
sie; und wenn sie es werth sind, so vermählen Sie sie mit den weit
liebenswürdigern Kindern eines so sanften und zarten Herzens, und eines
so richtigen Verstandes, als der Ihrige ist.
Ich habe diese Materie noch nicht erschöpft. Ich habe mir die Liebe
blos in ihrer Entstehung vorgestellt. Sie sollen nun auch meine
Gedanken über ihre Wirkungen wissen. Ich sehe schon zum Voraus, daß ich
in Gefahr komme, meine Schwäche sehen zu lassen, indem ich vielleicht
mit meinen Beschreibungen bey Ihnen, die es empfinden, nicht schließen,
was Liebe ist, ungefähr in eben den Rang kommen werde, in welchem bey
uns Sehenden der blinde Philosoph steht, der sehr gründlich, wie er
dachte, die rothe Farbe durch den Schall einer Trompete erklärte. --
Ich sehe, ich fange an, meinen Kopfschmerz zu vergessen, indem ich mit
Ihnen rede. Wäre der Abgang der Post nicht so nahe, so glaube ich, ich
schriebe vier Seiten voll, ehe ich daran dächte, daß ich nur so viel
Zeilen schreiben wollte. Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer jetzigen
Lektüre u. s. w.
N. S. Romeo und Julie ist nun gedruckt. -- Aber Sie müssen das Stück
entweder schon gesehen haben, oder es noch sehen, ehe Sie es lesen.
Acht und zwanzigster Brief.
Den 9. December.
Ich bin jetzo etwas mehr beschäftigt, als sonst; und wenn ich also
jetzt etwas kürzere Briefe schreibe, so ist es doch gewiß wenigstens
mit dem Wunsche, Ihnen längere schreiben zu können.
Der Freundschaft, so wie der Tugend ist die nächtliche Stille heilig.
Ich ergötzte mich schon sonst an der Vorstellung, daß sich alsdann
vielleicht oft unsre Gedanken und Betrachtungen begegnen, und unsre
Wünsche vereinigt zum Himmel steigen; und jetzt sehe ich, daß ich
Ursache dazu hatte. Ja, liebe Freundin, die Tugend, diese himmlische
Göttin, breitet ihren Glanz auf alles aus, was sie umgiebt; sie
erleuchtet die Freundschaft, und sie erwärmt sie auch; sie verwandelt
die Liebe, die ein blos körperliches Bedürfniß ist, in die edelste
und erhabenste Leidenschaft, deren eine menschliche Seele fähig ist,
und verlängert sie, die sonst mit dem Genusse zugleich unterging, bis
an die letzten Gränzen unsrer Existenz. Durch sie wird die mütterliche
Zärtlichkeit das Glück des menschlichen Geschlechts, und der Grund,
worauf die Wohlfahrt und die Tugend seiner Glieder erbaut wird; sie
endlich macht alle unsre Vergnügungen heilig, und unsre Ergötzungen zu
so viel guten Werken.
Sie haben ohne Zweifel jetzo Romeo und Julie gelesen oder gesehen.
Wenn ich es eher bedacht hätte, so hätte ich meine ganze Philosophie
ersparen können. Dieses Stück ist der vortrefflichste Kommentar über
die Liebe. Alle Ausdrücke scheinen von dem Hauche dieser Leidenschaft
beseelt; und das heftigste Feuer brennt durch und durch, und greift
selbst die unempfindlichsten Herzen an. -- Aber sagen Sie mir,
wenn Sie es gelesen haben, warum ist die Rührung im dritten Akte
angenehmer, als die heftige Erschütterung im fünften? Ist es nicht,
daß dort Pflicht mit Liebe, Tugend mit Leidenschaft streitet? Die
vortrefflichste Seele ist zwischen der kindlichen und ehelichen
Zärtlichkeit getheilt. Man sieht sie kämpfen, und wenn endlich die
Liebe alle übrigen Empfindungen verschlingt, so ist sie uns doch schon
auf einer so vortrefflichen Seite bekannt, daß wir ihr ihren Entschluß
zum Heldenmuth anrechnen. Im fünften Akte wirkt blos die Situation,
wenig der Charakter. Die Begebenheit auch bey jeden andern Personen
würde eben so traurig seyn. Die beyden Verliebten zeigen nun nichts
mehr als Liebe, mit keiner andern Empfindung, mit keiner Tugend mehr
vermischt. So wie Fluthen des Meeres, wenn sie sich über ein Land
ergießen, die Mannigfaltigkeiten der Natur auf ein Mal verdecken,
und statt tausend verschiedner, ergötzender Gegenstände nur ihre
eigne traurige, allenthalben gleiche und einförmige Fläche dem Auge
darbieten: so löscht in diesen Augenblicken die Liebe jeden andern
Begriff, jedes Gefühl in der Seele aus. Der Begriff von Tugend, den
wir in die Liebe dieser Personen geheftet hatten, und der uns diese
Liebe noch weit schöner macht, verschwindet vollends, da sie sich zu
Ausschweifungen bringen lassen, die der Tugend so durchaus entgegen
sind. Die ganze Scene ist theatralisch vortrefflich. Der Selbstmord mag
nun entweder durch die heftigen Triebfedern, die in dem außerordentlich
Schrecklichen der Begebenheit dazu enthalten sind, bey uns entschuldigt
werden; oder er mag, wie Moses glaubt, gar nothwendig seyn, um uns von
der Größe der Leidenschaft, auf der doch unsre ganze Rührung beruht,
zu überzeugen. Ob ich gleich das letztre nicht recht glaube. Vergebens
wäre der Selbstmord, um uns zu rühren, wenn wir nicht schon zuvor für
die Person eingenommen, und von der Leidenschaft, die sie einnimmt,
ergriffen wären. Aber im Leben wenigstens würde uns ein solches
Schauspiel mehr Schaudern als Vergnügen erwecken. Lieber wünschte ich,
Julien wie Heloisen in einem Kloster zu sehen. Oft würde ich dieses
alsdann besuchen, um durch die dunkeln und einsamen Wohnungen die
durchdringenden aber doch süßen Klagen der Schwermuth, der Liebe und
der Sehnsucht zu hören. Gottseligkeit sollte mit der Liebe kämpfen; und
Julie würde eine Heilige werden. --
Einen Theil der Wirkungen der Liebe sehen Sie also in dem Stücke meines
Freundes zugleich mit ihren Symptomen. Freylich nur die schrecklichsten
und die traurigsten. Aber mich dünkt, sie sind doch sehr geschickt,
uns auf die erfreulichen zu führen. Wie schmerzlich sollte es mir
seyn, wenn hier meine Grundsätze von Ihren Empfindungen abwichen. Aber
doch muß ich sie sagen; die Freymüthigkeit, die in dem Gefolge der
Freundschaft ist, und ein gewisser Eifer, den ich in mir selbst fühle,
Ihnen auch alle meine Vorurtheile, so lange ich sie noch für wahr
halte, ohne Verstellung mitzutheilen, fordert es von mir.
Sie sehen, ich habe schon meine Meinung gesagt. Es giebt, wie ich
glaube, überhaupt bey jeder unsrer Neigungen eine doppelte Seite. Die
eine will blos genießen, sie sucht den Gegenstand nur auf, hält ihn
fest und ergötzt sich an ihm. Die andre bereitet sich den Genuß erst
vor, indem sie den Gegenstand verschönert, vollkommener, besser, und
wenn er dessen fähig ist, glücklicher macht. Diese schiebt den Genuß
auf, um ihn zu erhöhen. Die Leidenschaft hat eigentlich in dem ersten
Theile unsrer Neigung ihren Sitz. Hier gehört weniger Thätigkeit, nur
Empfindung dazu; man empfängt blos, fühlt und genießt. Die Vernunft
stört hier mit ihren Reflexionen die Heftigkeit der Begierde nicht;
sie wird sogar, wenn die Empfindung heftig wird, eine Zeit lang völlig
unthätig, -- alle Spannkräfte der Seele erschlaffen, sie sinkt in eine
bezaubernde, aber deswegen vielleicht oft gefährliche Schwärmerey.
-- So war die Liebe der Julie in Romeo größtentheils. Wenn sie von
dem andern Theile abgesondert ist, so geschieht das, dessen ich
oben gedachte. Der Grund der Seele, der sonst mit einer Reihe von
mannigfaltigen schönen und lieblichen Bildern bemahlt war, wird nun mit
einer einzigen einförmigen Farbe überzogen; die Einbildungskraft kennt
nunmehr keine andern Bilder, als die zu diesem Gegenstande gehören;
und der Verstand selbst entzieht sich einer jeden andern Reflexion,
als der, welche die Hitze ernähren oder vermehren kann. Hiervon, wenn
sich ein trauriges Geschick mit einer solchen Leidenschaft verbindet,
erwarte ich alle schrecklichen Folgen, die vom Anfange der Welt her so
oft die Begleiter der Liebe gewesen sind. Ein solches Feuer verzehrt
den Menschen, den es nur erwärmen sollte. -- Zum guten Glück sind
auch dazu nur große Seelen fähig. Aber ist es nicht traurig, daß eben
diese am leichtesten durch eine Leidenschaft überwältigt werden, die
jede andre Kraft, jede Fähigkeit ihrer Seele vernichtet; alle ihre
angebornen und erworbenen Vollkommenheiten verschlingt, oder doch für
nichts als für sie arbeiten läßt; der Tugend selbst nur die Gestalt der
Liebe läßt, und dieselbe zu Boden tritt, sobald sie sich ihr entgegen
setzt.
Gesetzt aber, daß das glücklichste Ende eine Liebe, die blos von
dieser Art ist, bekrönte. Geben Sie der Julie einen Romeo, der alle
Entzückungen der Liebe mit ihr theilt; versöhnen Sie ihre beyden
Familien mit einander, lassen Sie sie mit dem Beyfalle des Himmels und
ihrer Eltern Eheleute werden. Nehmen Sie der Zeit und dem beständigen
Umgange die Gewalt, die sie sonst über die meisten Herzen haben, die
Heftigkeit der Neigung zu mäßigen, und Feuer in Wärme zu verwandeln,
lassen Sie sie in unaufhörlichen Ergießungen ihrer ersten Liebe ihr
Leben zubringen. -- Glücklich können sie vielleicht dabey seyn, -- aber
nützliche brauchbare Leute gewiß nicht; sie sind alsdann für die Welt
verloren. Und wenn sie das erhabenste Genie und den größten Heldenmuth
hätten, so würden sie mit allen beyden nichts weiter ausrichten, als
die Flamme, die bey andern Menschen aus Mangel der Nahrung auslöscht,
unterhalten; sie würden immer empfinden und genießen, -- aber niemals
thun.
Doch nun wollen wir diese unvollständige Neigung ergänzen, wollen den
andern weniger eigennützigen Theil hinzusetzen. Wir sehen alsdann in
unserm Gemahle oder Freunde nicht mehr blos ein Gut, das wir genießen
sollen; sondern auch ein Eigenthum, das wir verbessern, erweitern und
vortrefflicher machen wollen. Er ist alsdann nicht mehr ein bloßer
Gegenstand unsers Gefühls, sondern auch unsrer Bemühungen. Dieser Theil
der Neigung muß nothwendig ruhiger und gelassener seyn, und bey nicht
sorgfältigen Beobachtern zuweilen den Schein der Kälte annehmen;
zuerst, weil nach der Natur der Seele jede Neigung, die unmittelbar
mit dem Genusse verknüpft ist, stärker seyn muß, als die, welche erst
durch eine Kette von vielen Gliedern mit dem Genusse zusammen hängt;
zum andern, weil wir alsdann von dem Gegenstande selbst mit unsern
Gedanken und unsern Betrachtungen eine Zeit lang abgehen, und sie auf
unsre Bemühungen, auf die Mittel, die wir zu unserm Zwecke wählen
wollen, und auf die Art und Weise, wie wir sie am geschicktesten
anwenden, richten müssen. Diese Neigung ist thätig, bringt alle Kräfte
der Seele in Bewegung, spannt alle ihre Triebfedern, erweckt alle ihre
Begriffe, und erhöht unsre natürliche Stärke bey jeder Handlung, durch
den neuen Endzweck, den wir bey derselben außer dem Unmittelbaren der
Handlung hinzusetzen. So kann der geschäftigste Mann, aus Liebe zu
seiner Gattin, alle die Arbeiten thun, die ihr seinen Umgang entziehen.
Weit von seiner Geliebten, kann der Jüngling sich unter einen Haufen
gezückter Schwerdter stürzen, oder den brausenden Wellen trotzen, indem
das Bild seiner Geliebten wie eine unsichtbare Göttin um ihn schwebt,
seinen Arm stärker, und seinen Muth unerschrockner macht. -- Dann
lassen Sie auf Mühseligkeit und Arbeiten, selbst auf die Entbehrung,
der man sich aus Liebe unterzogen, eine Stunde des Genusses folgen. --
Dann lächelt der Himmel selbst über ihre Freuden! u. s. w.
Neun und zwanzigster Brief.
Meine Geschäfte sind kaum von der Erheblichkeit, daß man ihnen diesen
Namen geben kann. Demungeachtet füllen sie meine ganze Zeit aus,
besonders, da ich manchmal viele Tage durch Zerstreuungen verhindert
werde, daran zu denken. Außer dem, was ich zu meinem eigenen
Unterrichte vornehme, haben Gellert und Weise von mir einige Arbeiten
gefordert, die ich beschleunigen muß. Ich werde dazu die Zeit zu nutzen
suchen, da Herr von K****, der mich sonst jeden Tag einige Stunden
kostet, verreist ist. Fürchten Sie aber nichts für unsern Briefwechsel.
Die Freundschaft kennt ihre Rechte, und sie weiß sie gegen alle andre
Ansprüche und Forderungen zu vertheidigen. Ueberdieß ist ihre Sprache
kurz. Man versteht sie durch Sympathie. Sie erklärt nicht sowohl ihre
Empfindungen, sie macht nur den andern auf seine eignen aufmerksam;
und nur indem sie des Freundes Herz in Bewegung setzt, zeigt sie ihr
eignes. --
Aber warum lassen Sie Ihre Tage durch Träume beunruhigen? -- Oder warum
geben Sie einem Traume, der so vieler guter, glücklicher Auslegungen
fähig ist, gerade die, welche Sie kränken muß. Ich sehe in demselben
nichts, als Ihre eigne Zärtlichkeit, die selbst in den nächtlichen
Gemählden, die Ihnen Ihre Einbildungskraft vorstellt, der Freude des
Wiedersehens eine Gewalt über das Herz giebt, unter welchem dasselbe
erliegt. -- Ich bin als Freund verpflichtet auf Mittel zu denken, die
Ihnen diese öftern Unruhen, wenn es nicht möglich ist, ihnen zuvor zu
kommen, wenigstens mäßigen. Ist es nicht wahr, daß eine solche Unruhe
(ich rede nicht bloß von der letzten) unthätig und zur Verrichtung
eines jeden Geschäftes, selbst zu dem Genusse des Vergnügens unwillig
und unfähig macht? Und ist dieß wohl der Zustand, in dem wir oft seyn
sollen, in dem wir am meisten Gutes zu thun hoffen können? Vermehren
Sie den Grad, oder verlängern Sie diesen Zustand. Sie werden sehen, daß
er nach und nach den Gebrauch jeder unsrer Fähigkeiten aufheben und
uns zu einer Art von Schlaf bringen wird, der voll von fürchterlichen
Träumen ist, und uns eben so viel Zeit raubt, als der natürliche, ohne
uns dieselbe Erquickung zu geben? --
Demungeachtet fühlt die Seele eine gewisse Süßigkeit darin, um deren
willen sie sich dieser Unruhe überläßt, und sich selbst den Mitteln
entzieht, die sie aufheben könnten. Ich kenne diesen Zustand, aber
ich finde ihn allemal für mich schädlich, ob ich gleich nicht allemal
so glücklich bin, mich davon zu befreien. Wenn es aber gelingt,
so ist es niemals anders, als durch eine anhaltende und die Seele
sehr einnehmende Beschäftigung. Man muß gleich im Anfange, wenn man
die erste Anlage zu einer solchen Gemüths-Verfassung bemerkt, die
Aufmerksamkeit mit Gewalt von dem Gegenstande abziehen und auf etwas
richten, was im Stande ist, sie anzuheften und von der Rückkehr
abzuhalten. Ein andres Frauenzimmer würde vielleicht den Mangel solcher
Gegenstände vorwenden können; aber Sie nicht, liebe Freundin, die außer
den Geschäften einer Hausmutter auch noch alle die für sich haben,
die die Wissenschaften und die Lektüre verschaffen. Wählen Sie sich
also alsdann eines von den Büchern, die Sie am meisten lieben; oder
noch besser, arbeiten Sie selbst etwas. Sie werden sich zuerst zwingen
müssen. Die Seele wird mit Widerwillen sich von dem neuen Gegenstande
wegwenden. Aber nach und nach, wenn besonders der erste Anfang geglückt
ist, wird sich der Gegenstand der Seele bemächtigen; es wird eine neue
Leidenschaft rege; der Wunsch und die Hoffnung, die Sache, die man vor
hat, schön zu machen. Endlich arbeitet man aus Geschmack fort, da man
blos aus Ueberlegung angefangen hatte.
Ich freue mich auf Ihre Anmerkungen über die eheliche Liebe, und wenn
sie auch von meinen Grundsätzen abgiengen. Sie wissen nun schon,
wenn wir Philosophen einmal ein System im Kopfe haben, so muß sich
alles darnach richten, und entweder seine Form annehmen, oder es wird
verworfen. Nun nach diesem Systeme finde ich allerdings zwischen der
Liebe vor der Ehe, und in derselben, einen Unterschied. Nicht in
dem Feuer, noch in der Delikatesse derselben; aber in der Art, sie
auszudrücken. Ich nehme wieder meine Eintheilung zu Hülfe. Das was
in der Liebe blos Begierde ist, und zu seinem Endzwecke den Genuß
hat, herrscht nothwendig vor der Ehe. Das was in derselben Bestrebung
und Eifer ist, und zum Gegenstande mehr des Andern Glück, als unser
Vergnügen hat, sollte in der Ehe herrschen. Dem zu Folge muß nothwendig
die Leidenschaft des Liebhabers aufwallend und ungestüm seyn, denn sie
streckt sich erst nach einem Gute aus, welches sie erreichen will; die
Liebe des Ehemannes ruhig und thätig, denn sie arbeitet nun an der
Erhöhung und Verschönerung eines Gutes, das schon ihr Eigenthum ist.
Ohne diese Einschränkung ist die eheliche Liebe in Gefahr, tändelnd
zu werden, welches sie von ihrem wahren Zwecke beynahe eben so weit
abbringt, als die Kälte.
Ich sage Ihnen alle meine Gedanken, liebe Freundin, als einer Person,
die zu meiner größten Vertraulichkeit und zu einer Kenntniß meiner
innersten Gesinnungen ein Recht hat. Läutern Sie meine Grundsätze, und
arbeiten Sie selbst an der Verbesserung Ihres Freundes u. s. w.
Dreyßigster Brief.
Ihr Urtheil über den Romeo, und Ihr Wunsch wegen seines Schlusses
ist mit meiner Mutter ihrem vollkommen einerley. In der That ist der
letzte Auftritt mehr schrecklich als rührend, Julie mehr unsinnig
als schwärmerisch, und ihre Liebe mehr Raserey als Leidenschaft.
Ich bin begierig, auch von den beyden übrigen Stücken, die in eben
diesem Theile stehen, Ihr Urtheil zu wissen. Marmontels Erzählungen
lassen sich vielleicht um desto schwerer in Dramata verwandeln, je
ausgearbeiteter schon der Dialog ist. Man kann schwerlich verhindern,
daß der Leser nicht die neuen angesetzten Stücke von den alten
unterscheide; und man geht gar zu leicht aus einem Charakter heraus,
der nicht von Anfang an unser eigen ist. So geht es, dünkt mich, mit
der Corally ihrem, der in dem Stücke, die Freundschaft auf der Probe,
am meisten hervor sticht, und den er zuweilen verfehlt hat. -- Aber
ich höre, die Mademoisell Schulz verläßt das Theater. Versäumen Sie
doch ja nicht, Romeo zu sehen, ehe sie fortgeht. Sie macht diese Rolle
unnachahmlich schön; ich setze nur das Einzige an ihr aus, daß sie in
den Stellen, wo ohnedieß schon der zu weit getriebene Affekt beynahe
bis ins Widrige geht, noch einige Grade hinzu setzt.
Aber genug von dieser Materie, die ohnedieß schon erschöpft ist.
Ich hätte mehr Lust, meinen Streit mit Ihnen, als meine Kritik zu
verlängern. Sie wissen noch nicht, wie hartnäckig ich bin, wenn ich
mir einmal in den Kopf gesetzt habe, etwas zu behaupten. Ihr Brief hat
mir gefallen; und mit weniger Eigensinn, als ich habe, hätten mich
Ihre Gründe verblendet oder überzeugt. In der Verfassung, in welcher
ich bin, kann ich noch nicht sagen, welches von beyden. Denn wenn ich
sagte, daß ich ohne Eigensinn hätte müssen überzeugt werden, so wäre
dieß eben so viel, als gestünde ich zu, ich hätte Unrecht.
Sie wollen also zwischen dem Liebhaber und dem Ehemanne durchaus keinen
Unterschied zulassen; und ich bildete mir ein, ich hatte es recht
förmlich bewiesen, daß einer seyn müßte. So kann einem die Eigenliebe
verblenden! Vielleicht richte ich durch eine Allegorie aus, was meine
Metaphysik nicht vermochte. -- Wenn zuerst nach einer langen Dürre,
oder am Ende des Winters, Jupiter in einem fruchtbaren Regen in den
Schoos der mütterlichen Erde herab steigt: dann wird auf einmal die
ganze Gestalt der Natur geändert. Blumen und Gewächse von aller Art
bedecken die erst nackte Oberfläche; die Bäume schimmern von jungem
Grün, das nur noch wie zartes Moos auf die kahlen Aeste gestreut ist;
die todte Stille der Natur wird rege und lebendig; Luft und Erde
bekommen wieder Bewohner; der Wechsel ist eben so plötzlich, als schön.
-- Aber wenn nun diese erste Rückkehr der Natur zum Leben geschehen
ist, dann kann der ganze liebliche Sonnenschein, und die schönsten,
erfrischendsten Regen, durch die er unterbrochen wird, nicht gleich
große und gleich merkliche Veränderungen hervor bringen. Im Stillen,
ungesehen, wächst nunmehr durch eben die Kraft, die ihn zuerst hervor
brachte, der Halm zur Aehre, das Gras zur Staude, und die Blüthe zur
Frucht heran. Noch immer empfängt die Erde dieselben wohlthätigen und
kräftigen Einflüsse des Himmels; aber sie kann jetzt nicht mehr durch
sie eine ganz neue Schöpfung hervor bringen, sie kann nicht mehr die
ganze Gestalt der Natur umändern. -- Aber in ihrer geheimen Werkstatt
empfängt und nutzt sie noch auf eben die Art den himmlischen Segen,
sie verschließt ihn jetzt in sich, um ihn den Pflanzen ganz allein
mitzutheilen, die sie hervor gebracht hat, und um Korn, Obst, Wein auf
den stillern Herbst zu bereiten.
Sollten alle folgenden Eindrücke dem ersten gleich seyn? -- Das ist
wider die Natur der Seele. Sie selbst, Sie selbst, die die Natur mit
der zärtlichsten von weiblichen Seelen beglückt, Sie würden sich blos
selbst hintergehen, wenn Sie das als eine gemachte Erfahrung ansähen.
-- Soll die Leidenschaft niemals zum Grundsatze, zur Gesinnung werden?
-- Alsdann ist sie unnütz und gefährlich. Das stürmende Meer kann nur
Schiffbruch und Untergang verursachen, wenn es ohne Aufhören wüthet.
Aber wenn der heftige Sturm zu einer noch lebhaften aber ruhigern
Bewegung gemäßigt wird, dann bringt er das Schiff mit vollen Segeln in
den Hafen. -- Soll die Seele immer nur von einem einzigem Gegenstande
erfüllt seyn, wie es die Seele des Liebhabers ist? -- Dann verschlingt
und vernichtet dieser Gegenstand alle Kräfte derselben, er verbraucht
alle ihre Fähigkeiten, und läßt für alle ihre übrigen Pflichten und
Geschäfte nichts, als matte, unwillige und kraftlose Bestrebungen.
Aber wie muß die Liebe seyn, auf deren Flügeln der Geist erhoben, und
seiner Bestimmung und seinem Schöpfer näher gebracht wird? Die Seele,
deren ganze Neigungen und Fähigkeiten sich in einem einzigen würdigen
Gegenstande koncentrirt hat, muß sich von ihm aus auf alles, was gut,
schön und vortrefflich ist, verbreiten. Er muß das Band seyn, welches
die Seele an alle ihre Pflichten verknüpft, und sie mit Freuden an
die Sachen anzieht, die sie sonst aus andern Bewegungsgründen nur mit
Widerwillen, oder doch ohne Vergnügen würde gethan haben. Das Feuer der
Liebe muß sich in eine gleiche und fortdauernde Wärme verwandeln, die
jeder andern gutthätigen Neigung zum keimen hilft, jede tugendhafte
Handlung empor treibt, und jeden Widerstand aus dem Wege stößt. --
Noch ein Mal: der Liebhaber und die Geliebte wollen nichts, als sich
sehen, sich umarmen und sich genießen. Der Ehemann und seine Gattin
wollen sich und die Welt glücklich machen, und diesen Zwecken zu Ehren
entbehren sie jene Vergnügungen ohne Murren u. s. w.
Ein und dreyßigster Brief.
-- -- Ich bin außerordentlich vergnügt darüber, daß Sie meinen
Brief vollkommen nach den Gesinnungen erklärt haben, in denen ich
ihn geschrieben hatte. Sie haben mir eine große Probe abgelegt. Ich
fürchtete nicht, daß Sie über meine Freymüthigkeit böse werden würden;
aber ich erwartete doch eine kleine Empfindlichkeit über einen so
beherzten Widerspruch. Bey jedem andern Frauenzimmer, als bey einer
solchen Philosophin, wie Sie sind, wäre meine Erwartung ganz gewiß
eingetroffen. -- Diese Materie ist jetzo erschöpft, oder ich will sie
doch wenigstens dafür ansehen. Wenn Sie nur wahrhaftig glücklich sind,
so will ich es Ihnen verzeihen, wenn Sie es auch zum Theil durch ein
Vorurtheil wären. -- Ich habe diese Woche eine ganze Gesellschaft
von Leuten gesehen, die es noch durch ein weit handgreiflicheres
Vorurtheil sind, oder wenigstens vorgeben es zu seyn.
Ich bin mit einer großen Gesellschaft von Frauenzimmern in einem
Nonnenkloster gewesen, und zwar bey denen, die barmherzige Schwestern
heißen, und sich mit der Wartung armer Kranken beschäftigen. Ein
wirklich verehrungswürdiger Orden, der großen und beschwerlichen
Dienste wegen, die seine Mitglieder der Gesellschaft leisten. Sie
sind dabey arm; und da die Anzahl reicher Katholiken bey uns in B***
immer mehr abnimmt, und die eignen Kapitalien des Klosters nicht nur
an sich klein, sondern auch jetzt ohne Nutzen für sie sind, weil sie
bey einem Hause ausgeliehen stehen, das im Begriff ist, banquerout
zu machen (ehemals einem Besitzer von 500000 Thalern), so müssen die
21 geistlichen Jungfrauen, aus denen das Kloster besteht, sich auf
das äußerste einschränken, weil sie nicht nur sich, sondern auch ihre
Kranken zu ernähren haben, und noch dazu Aerzte und Arzeneyen bezahlen
müssen. Meine Mutter und verschiedene unsrer Bekannten, die ihnen
deswegen von Zeit zu Zeit eine kleine Beysteuer schicken, werden in dem
Kloster als große Wohlthäter angesehen. So sehr ist die Dürftigkeit
auch für kleine Erleichterungen empfindlich.
Wir wurden also sehr wohl aufgenommen. Wir tranken in der Apotheke,
wohin auch Mannspersonen kommen dürfen, in Gesellschaft der artigsten
und vernünftigsten Schwestern, Kaffee. Die Frauenzimmer wurden hierauf
im ganzen Kloster, ich nur in der Kirche und im Krankenzimmer, herum
geführt. -- Sie können nicht glauben, wie sehr mich diese Leute für
sich interessirt haben. -- Es giebt Personen von den besten Familien,
von gutem Verstande und von einer wirklichen Schönheit darunter.
Besonders ist die würdige Mutter eine höchst vernünftige, gesetzte und
von dem klösterlichen Wesen ziemlich freye Person. Ausser ihr zieht
ein Fräulein Mucius, eine ehemalige Bekannte einer Dame aus unsrer
Gesellschaft, die auch deswegen von der Superiorin die Erlaubniß
erhielt, bey uns zu bleiben, die Augen auf sich. Ungeachtet sie schon
16 Jahre im Kloster ist, so hat sie doch noch alle Züge von Schönheit.
Ein feuriges und schönes Auge, das durch die Kopfbinde ihres Habits
halb verdeckt, und auf eine gewisse Weise schmachtend und zugleich
einnehmend gemacht wird; -- in ihrem Betragen eine gewisse stille und
ruhige Zufriedenheit mit ihrem Zustande, die man bey den glücklichsten
Personen so selten antrifft; eine Stimme, die sehr angenehm und sanft
ist; -- und wenn man sich dieses noch junge Frauenzimmer denkt (deren
Vater ein reicher und vornehmer Mann ist), in einem sehr schlechten
Kleide (ob es sie gleich nicht verstellt), allen Bequemlichkeiten
des Lebens und der Gesellschaft entzogen, zum strengsten Gehorsam
verpflichtet, und oft mit den niedrigsten, beschwerlichsten und
ekelhaftesten Dienstleistungen der Kranken beschäftigt: so muß man
Hochachtung und Mitleid für sie zugleich haben u. s. w.
Zwey und dreyßigster Brief.
Den 9. Januar 1768.
Für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre freundschaftliche Sorgfalt, mir
Vergnügen zu machen, und es mir an dem Tage[B] zu machen, wo ich durch
tausend andre angenehme Eindrücke mehr als gewöhnlich vorbereitet
bin es zu genießen; dafür danke ich Ihnen aufs verbindlichste. Meine
Mutter hat Ihren Willen sehr genau befolgt. Ich erfuhr Dienstags
nichts davon, daß Briefe angekommen wären, und ich dachte also gewiß,
Sie wollten Ihren Posttag verlegen, und würden von nun an Donnerstags
schreiben. Diese Vermuthung machte, daß ich selbst nicht schrieb, und
dabey blieb ich also ganz ruhig, bis des Donnerstags Morgens, indem
wir alle beysammen waren, meine Mutter, die sich einen Augenblick
entfernt hatte, mit einer sehr feyerlichen Miene, einem großen
Kuchen in der Hand, auf dem Ihr Brief lag, und einem noch größern
Glückwünschungs-Komplimente, das sie, wie sie sagte, von Ihnen
auszurichten hätte, zurück kam. Die Sache war mir so unerwartet, daß
sie mir Anfangs ein Räthsel zu seyn schien. Ich öffnete endlich Ihren
Brief, die Schwierigkeiten wurden durch meine Mutter gehoben, und meine
erste Ueberraschung endigte sich mit einer stillen und angenehmen
Fröhlichkeit.
So viel war auch nöthig, wenn ich an einem Tage heiter seyn sollte, wo
ich mich von einem heftigen Schnupfen, oder wovon es sonst war, so übel
befand, daß ich eine ernsthafte Krankheit hätte befürchten können. Ich
schob deswegen eine kleine Solennität, die auf diesen Tag bestimmt war,
bis auf den folgenden auf. Gestern also habe ich mir das Vegnügen, ein
Koncert bey mir zu machen, zum zweyten Male erlaubt. Meine Mitspieler
waren noch besser, als das erste Mal. Die Gesellschaft war, außer
meines Onkels Familie, der Hauptmann R*** mit seiner Frau; er ein sehr
geschickter und verständiger Mann, jetzo der Ober-Bau-Inspektor von
B****; sie, eine Sachsin von Geburt, aus Chemnitz, das beste Herz und
die liebreichste, zärtlichste Ehegattin; endlich eine gewisse Fräulein
von W****, ein Frauenzimmer von sehr guter Erziehung und Lebensart,
und von vielem Verstande. Ihr Bruder, bey dem sie lebt, steht in
eben dem Posten, wie mein Onkel, ist ein angenehmer und allenthalben
willkommener Gesellschafter, und verdient um desto mehr Hochachtung,
weil er sich aus einem Stande der Dürftigkeit, in dem er und seine
Schwester, ihres Standes ungeachtet, ihre Jugend zugebracht haben,
durch seine Geschicklichkeit, seinen Fleiß und seine gute Wirthschaft
hat wissen heraus zu ziehen, und sich also die bequeme und artige
Weise, mit der er jetzo lebt, ganz allein schuldig ist. So viel von
unsrer Gesellschaft.
Unter der Musik nahmen sich die Sachen von einem gewissen Schobert,
dem, der in Paris an Champignons gestorben ist, sehr vorzüglich aus.
Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich mit Ihnen schon davon geredet
habe; aber gesetzt, das wäre auch geschehen, so kann ich es, zum Dank
für das Vergnügen, was mir des Mannes Arbeit gemacht hat, nicht oft
genug wiederholen, daß es die schönsten Sachen sind, die jemals aufs
Klavier sind gesetzt worden; insbesondre die Duetts, Trios und Koncerte
von ihm. Man kann nichts Neueres und zugleich Schöneres hören. Alle
Ideen des ganzen Stücks sind original, und zuweilen so außerordentlich
frappirend, daß sie den unverständigsten Zuhörer treffen müssen. Sie
erfordern aber viel Uebung. Er selbst (denn wenn eine Nachricht wahr
ist, die hier herum geht, so habe ich den Schobert selbst hier auf
meiner Stube mehr als ein Mal vor langen Zeiten spielen hören, er ist
sogar einen halben Monat, oder so etwas, mein Lehrmeister gewesen),
er selbst also, vorausgesetzt, daß es dieser ist, hat die allergrößte
Flüchtigkeit der Hände, die ich jemals gesehen habe. Er setzt also
seine Stücke so, wie sie für seine eignen Finger am besten sind. Aber
sie thun eine unbeschreibliche Wirkung, wenn sie auch nur mittelmäßig
vorgetragen werden. Seine Stücke sind selten, und ich würde sie ohne
die Gütigkeit eines Freundes niemals zu Gesichte bekommen haben.
So brachten wir also den gestrigen Tag ziemlich vergnügt zu.
Demungeachtet befinde ich mich heute noch nicht ganz wohl. Ich schreibe
deswegen auch nicht so viel, als ich mir vorgenommen hatte. Meine
Mutter wird durch andre Hindernisse in einem ähnlichen Vergnügen
gestört. Ihre Nahrung erfordert um diese Zeit viele Rechnungen, die
sehr beschwerlich sind, und für jede andre Frau beynahe unmöglich
wären. Aber sie verrichtet das alles mit einer Genauigkeit und
Akkuratesse, deren ich gar nicht fähig wäre. Sie wird überdieß von
einem Flusse im Ohre beschwert, und hört deswegen schlecht.
Ich erinnere mich, daß Sie vor langer Zeit einen Plan zur Erziehung
Ihrer Wilhelmine verlangten. -- Zu einem solchen Plane habe ich weder
Geschicklichkeit noch Geduld genug. Aber zerstreute Anmerkungen,
wenn Sie die haben wollen, wenn Sie sich die Mühe geben wollen, sie
so gut zu verbinden, als sie selbst es werden zulassen, wenn Sie mir
versprechen, die Lücken durch ihre eignen Bemerkungen auszufüllen, die
sollen Sie von mir bekommen. Flößen Sie Ihrer Wilhelmine, wenn Sie
können, etwas von Freundschaft gegen einen Menschen ein, den Sie selbst
mit so vieler beehren. Lassen Sie sie wissen, daß ich eher für sie gute
Wünsche gethan habe, als sie selbst etwas wünschen konnte u. s. w.
Fußnote:
[B] Garvens Geburtstag fällt auf den siebenten Januar.
Drey und dreyßigster Brief.
Das ist wirklich eine Feyer meines Geburtstages, auf die ich mir etwas
zu gute thue. Wenn ein Freund an mich denkt, und diese Erinnerung ihm
Vergnügen macht; wenn er mir so viel Einfluß auf sein Herz zugesteht,
daß ich es zuweilen ruhiger, freudiger, mit sich und mit andern
zufriedener machen kann, das ist die größte Befriedigung, die meine
Liebe und meine Eitelkeit verlangt. Sie, liebe Freundin, verstehen
die Kunst, sich zu vergnügen, schon recht gut. Ihre Hoffnungen darauf
werden Ihnen weit seltner fehlschlagen, wenn Sie es, so wie Sie es
gethan haben, ohne viele Vorbereitungen bey sich selbst suchen.
Aber wenn Sie nur die Kunst, sich zu quälen, nicht zuweilen eben so gut
verstünden. O, liebe Freundin, beynahe liegt noch das ganze Jahr mit
allen seinen Tagen und Stunden vor Ihnen. Es scheint nun noch völlig
in Ihrer Gewalt zu seyn, was Sie daraus machen wollen. Aber eilen Sie,
eilen Sie, jede, schon die gegenwärtige Minute für die Glückseligkeit
aufzuwenden. Das Vergnügen und die Tugend sind nicht blos als Wirkung
und Ursache, sondern als zwey verschwisterte Eigenschaften der Seele
mit einander verwandt, die gemeiniglich nicht ohne einander zu finden
sind. -- Die Unzufriedenheit und das Mißvergnügen ist immer unthätig
oder in Verwirrung; das Vergnügen ist zugleich ruhig und wirksam.
Die Aufmerksamkeit der Seele ist dann jedes Mal bey dem Gegenstande
zusammen, den sie vor hat, und ihre Kraft ist also ungetheilt, das,
was sie thut, aufs beste zu thun. Das Vergnügen ist für die Seele,
was die Gesundheit für den Körper ist; es macht sie zu allen ihren
Verrichtungen aufgelegter und geschickter.
Das alles ist nun recht schön und vortrefflich. Aber die Frage ist,
was für eine Art von Diät muß man der Seele vorschreiben, um sie bey
diesem Wohlbefinden zu erhalten? Eine Regel dazu ist uralt, aber sie
ist wahr: man soll mit seinen Wünschen sich in der Natur der Dinge
einschränken, und nichts begehren, was diese nicht zuläßt. Ich weiß
nicht, ob ich Ihnen deutlich genug werde sagen können, was ich denke.
Aber das weiß ich, in meinem Leben und in dem Leben meiner Freunde
sehe ich den größten Theil ihres Verdrusses aus betrogenen Wünschen
und Erwartungen entstehen, die nur deswegen betrogen wurden, weil sie
selbst auf einen Irrthum gegründet waren. Sie z. B. (um meiner Absicht
näher zu kommen) haben bey einem eingezogenen und ruhigen Leben, bey
einem gutgearteten und rechtschaffenen Herzen, bey einem wohlgebildeten
Geiste, und bey dem Genusse der vornehmsten Bequemlichkeiten des
Lebens, wenig andre Ursachen, unzufrieden zu seyn, als die Besorgnisse,
daß Sie von Personen, deren Liebe Sie über alles schätzen, nicht genug
geliebt, nicht genug hochgeachtet werden. Da diese Leidenschaft, in der
That unter den übrigen die edelste, bey Ihnen die stärkste ist, so muß
auch natürlicher Weise aus dieser Quelle die meiste Unzufriedenheit bey
Ihnen entstehen.
Aber wenn Sie doch nun mit mir ruhig untersuchten, welches wohl
zuweilen die Merkmale sind, aus denen Sie diesen Mangel der
Zärtlichkeit schließen. Ohne Zweifel sind es Unterlassungen von
Handlungen, die Sie als die unausbleiblichen Wirkungen einer solchen
Neigung ansehen. -- Aber wie? sind sie dieses auch wirklich? Ist der
Schluß von diesen Aeußerungen auf die Sache selbst unfehlbar, und
können sie umgekehrt nicht ausbleiben, ohne die Gesinnung selbst
zweifelhaft zu machen? Sie werden dieses selbst nicht denken, --
wie würde es Ihnen sonst möglich seyn, wieder ruhig zu werden? Aber
gehen Sie in Ihrer Untersuchung noch einen Schritt weiter. Ist es
der Natur der Dinge und des Menschen nach möglich, daß sich die
stärkste, die eingewurzeltste, die mit dem Wesen der Seele selbst
verwebte Leidenschaft (ich will Ihnen zu gefallen es so nennen) immer
durch einerley Beweise zu erkennen giebt? Um davon nur ein frappantes
Beyspiel anzuführen, ob es gleich nicht vollkommen auf den Fall paßt:
ist es möglich, oder wenn es möglich wäre, würde es anständig seyn,
daß sich die Zuneigung eines Greises auf eben die Art und durch eben
die kleinen Beweise zu erkennen gäbe, wie die Zuneigung eines jungen
Menschen? Hier ist der Unterschied handgreiflich, und die ganze Welt
kommt überein, den einen alten Gecken zu nennen, der selbst rechtmäßige
Neigungen auf eine zu seinem Alter und seinen Umständen unschickliche
Art an den Tag legt. Aber kann es nicht im menschlichen Leben eben
solche andre Unterschiede geben, die nicht eben so in die Augen fallen,
aber doch eben so wirklich sind? -- Und sollte es also nicht eine
Forderung unmöglicher Dinge seyn, wenn man, allen diesen Unterschieden
zuwider, von demselben Menschen unter den verschiedensten Umständen
doch immer einerley Zeichen seiner Liebe verlangte? -- Ich gebe es zu,
daß Ihr lieber Gatte Sie jetzo so liebt, wie damals, da er Bräutigam
war. -- Aber wenn Sie verlangten, daß er Sie davon alle Augenblicke
aufs neue mit aller der Eilfertigkeit und dem Empressement versichern
sollte, als wenn er es Ihnen zum ersten Male sagte; wenn Sie eine
beständige Wiederholung aller der kleinen Zeichen der Zärtlichkeit
forderten, die bey einem Liebhaber oft nur den Mangel an Gelegenheit
zu größern Proben ersetzen: so forderten Sie etwas, was der Natur der
Dinge, und wo nicht dieser, doch gewiß Ihrer Ruhe und der Ruhe Ihres
Mannes zuwider wäre.
Sehen Sie, das ist der Inhalt meiner ehemaligen Theorie, und gewiß
meine Absicht ist Ihre Glückseligkeit. Also verlange ich keine
Abnahme der Liebe, keine Kälte, sondern nur in ihrem Ausdrucke mehr
Ernsthaftigkeit und weniger Spielwerk. -- Wenn die Leidenschaft vor der
Heyrath blos Leidenschaft ist, sagen Sie, so wird sie niemals Gesinnung
werden. Vollkommen richtig! wenn Vorurtheil und sinnliche Lust die Wahl
anstellen. Aber lassen Sie die Leidenschaft des Liebhabers auf alle
Vollkommenheiten des Geistes und Herzens gegründet seyn: so wäre doch
dieß die einzige Sache in der ganzen Natur, wo die erste Bekanntschaft
mit einem gewissen Gut und der fortgesetzte Genuß desselben vollkommen
einerley Wirkungen hätte. -- Wie? wenn Mann und Frau sich nicht
wie Liebhaber und Geliebte gegen einander betragen, wenn sie die
vertrautesten, die zärtlichsten Freunde von einander werden, so sollten
sie sich keine Gefälligkeiten mehr thun können, so sollten sie sich
einander blos nicht beleidigen? Und das wäre doch Freundschaft? -- Ich
verstehe Sie nicht, liebe Freundin. -- Sie sagen, wenn Sie alle diese
Dinge (diese +kleinen+ Zärtlichkeiten, Bemühungen und Opfer) wegnehmen,
so hat die Ehe keinen wesentlichen Reiz mehr. Wie? so sollte die Ehe,
die ehrwürdigste und heiligste Verbindung, ihren Reiz verlieren, wenn
sich die beyden Eheleute nicht alle Augenblicke sagten, daß sie sich
lieben; wenn sie sich nicht die Hände drückten; wenn nicht eins dem
andern nachsähe, so oft es auf zwey Minuten von ihm geht; wenn es ihm
nicht entgegen käme; wenn es ihm nicht auf der Stelle und mit aller
geflissentlichen Aufmerksamkeit jede Liebkosung erwiederte, die ihm von
dem andern gemacht worden?
Ich sehe, da ich dieses noch ein Mal durchlese, nur die vertrauteste
Freundschaft kann die Freymüthigkeit entschuldigen, mit der ich Ihnen
geschrieben habe. Aber ich müßte Sie nicht so sehr lieben, wenn ich Sie
nicht von Vorurtheilen frey zu machen suchte, die sonst das Elend Ihres
Lebens seyn könnten u. s. w.
Vier und dreyßigster Brief.
Den 24. Januar.
Ihr letzter Brief ist schön, und das Gedicht, was Sie mir abgeschrieben
haben, recht vortrefflich. Es ist gewiß eine Ihrer besten Arbeiten von
dieser Art. Ihr Herz ist bey dem Gegenstande gewesen, und das Herz
führt immer den Verstand und das Genie sehr glücklich.
Aber warum gehen Sie nicht nach Halle, wenn Sie schon in Crellwitz
sind? Ich wünschte doch, daß Sie einen Ort, wo ich zwey Jahre sehr
übel zugebracht habe, und wo ich vielleicht noch viele andre, aber
besser, werde zubringen müssen, kennten. Der erste Anblick ist widrig,
das gebe ich zu; aber das ist doch eben so ausgemacht, daß das Auge
die prächtigsten Häuser und die elendesten Leimhütten gleich gut
gewohnt wird, und daß alsdann der Verdruß über die Häßlichkeit, und das
Vergnügen an der Schönheit, beynahe zu einer gleichen Empfindung der
Gleichgültigkeit herunter gestimmt werden. O besetzen Sie die Hütten
mit Freunden, die ich liebe und die ich verehre, und sie werden mir
schöner vorkommen als Palläste. Doch auch diese habe ich in Halle noch
nicht. Unterdessen kenne ich doch Leute, die vielleicht aufgelegt dazu
wären es zu werden.
Auf oder nach Ostern, den Tag weiß ich nicht, komme ich mit Gottes
Hülfe nach Leipzig. Ein Brief von Gellert, voll von Gütigkeit und
Freundschaft, hat mich erst vor fünf Tagen dazu eingeladen. Dieser
Mann ist wahrhaftig mein Freund. -- Ist mir nun ein kleiner Stolz
nicht zu verzeihen? -- Ich bringe hier meinen Winter sehr vergnügt zu.
Am Freytage war ich in dem Hause eines Hrn. v. P***, dessen Fräulein
Tochter, eine sehr gute und sehr angenehme Freundin von meiner Mutter
und von uns allen, ein kleines Koncert machte. Sie spielt sehr gut auf
dem Flügel. Ich spielte einige Sachen von Schobert τῷ πάνυ; lassen Sie
sich Reizen dieses erklären. Wir waren bis um 11 Uhr recht vergnügt. --
Gestern kam wieder eine kleine Wolke. -- Aber kurz ich bin vergnügt,
und bin u. s. w.
Fünf und dreyßigster Brief.
So schmeichelhaft es mir ist, daß Sie meine Ankunft wünschen, und so
angenehm mir also auch die Hoffnung ist, solche Freunde wieder zu
sehen; so muß ich doch sagen, daß mich die Vorstellung des Abschieds
erschreckt. Eine Menge alter, und einige neue Freunde, die ich hier
besitze, machen mir meinen Aufenthalt sehr angenehm, und die Trennung
fürchterlich. Vor allem aber ist es meine Mutter, die mir bange
macht. Ich hinterlasse sie zwar unter einer Menge von Personen, die
sie hochachten; aber doch kaum bey einer einzigen, die ihre vertraute
Freundin wäre; und selbst vor dieser würde doch ihre mütterliche
Zärtlichkeit meiner Gesellschaft noch einen Vorzug geben. Die Umstände
unsers Landes und die häuslichen, die davon abhängen, werden immer
trauriger; und es ist schwer zu bestimmen, wo dieser Fortgang vom
Bösen zum Schlimmern still stehen wird. Meine Mutter empfindet dieses
bey einem ziemlich weitläufigen Hauswesen, das ganz allein von ihrer
Sorgfalt in Ordnung gehalten werden muß, weit mehr, als ein jedes andre
Frauenzimmer. Ueberdieß ist sie oft kränklich, und braucht von einer
andern Seite eine kleine Aufmunterung, wenn die Schwachheit ihres
Körpers und ihre Umstände sie niederschlagen. Ich bedaure also beynahe
zuweilen, daß ich meinen Plan nicht so angelegt habe, daß ich zwischen
dem praktischen und dem akademischen Leben hätte wählen können. Meine
Freunde hier würden für mich viel gethan haben. Nach meiner jetzigen
Aussicht kann ihre Liebe mein Leben nur angenehmer, nicht mein
Fortkommen leichter machen. -- Doch ich will alle diese unangenehmen
Ideen mit freudigern abwechseln lassen.
Ich habe diese Woche ein sehr empfindliches Vergnügen gehabt; das
Vergnügen, ein neues Verdienst kennen zu lernen. An unsern D. Tralles
war aus Lausanne von dem berühmten Tissot eine gewisse Frau von
Wyllamons empfohlen worden, die hier durch, nach Polen, in das Haus
des Fürsten Czartorinsky als Hofdame ging. Der Herr Tralles bat mich
und einige Andre beyde Mal zu sich, als er sie bey sich hatte. Wenig
Frauenzimmer habe ich in meinem Leben gesehen, die mich durch die Größe
ihres Geistes, die Richtigkeit und die Tiefe ihres Raisonnements,
die Genauigkeit und Schönheit des Ausdrucks, und eine gewisse
unbeschreibliche Annehmlichkeit, mit der sie dieß alles begleitete, so
beym ersten Besuche für sich eingenommen hätten. Sie war weder sehr
jung, noch sehr schön, aber die Anmuth selbst. Augen, welche redeten,
und deren Bewegungen alles, was sie sagte, unterstützten; ihre ganze
Aktion war damit übereinstimmend; und ohne die geringste Achtsamkeit
auf sich selbst zu zeigen, that sie doch alle Mal das, was die
strengste Aufmerksamkeit hätte fordern können. Sie redete Französisch
und Englisch gleich gut, das erste in einem Grade von Vortrefflichkeit,
der auch bey Franzosen selten seyn mag; ihre Ausdrücke waren alle
Mal edel, gewählt, beynahe philosophisch richtig, und doch so frey
und so ungezwungen, als es zum Gespräche nothwendig ist. -- Ich habe
wenig Stunden angenehmer zugebracht, als die, welche ich mit ihr in
Gesellschaft war. Sie hatte viel gelesen, und urtheilte darüber nicht
blos richtig, sondern auch fein. -- Jedermann wurde von ihr bezaubert.
Alles das schreibe ich Ihnen, weil ein genossenes Vergnügen seinem
Freunde mittheilen ein zweytes Vergnügen ist u. s. w.
Sechs und dreyßigster Brief.
Den 24. Februar.
Auf der empfindlichsten Seite hätte mein Brief Sie angegriffen?
Wahrhaftig, das war nicht die Absicht seines Schreibers. Selbst nicht
einmal die kleine Bosheit, die doch noch so gut mit der Freundschaft
bestehen kann, eine Art von Eifersucht zu erregen, um sich von neuem
von der Liebe des Andern zu versichern. Meine Absicht war noch weit
einfältiger und mein Bewegungsgrund noch weit unschuldiger. Ich glaubte
nicht, daß ich an der Frau von Wyllamons Vollkommenheiten lobte, die
Ihnen fehlten. Ich dachte blos, Ihnen ein Vergnügen durch die Erzählung
des meinigen zu machen. Sie wissen, die Eindrücke, die das Gute oder
das Böse von Personen oder Sachen auf uns macht, stehen nicht in unsrer
Gewalt. Die, welche die Frau von Wyllamons gemacht hatte, waren alle
für sie günstig. Ich schrieb diese in der Einfalt meines Herzens
nieder, um sie in Ihnen, wenn ich könnte, auf eine schwächere Art zu
erregen (Sie sagen selbst, Eindrücke von der Art sind angenehm). Ich
glaubte dabey um desto weniger Behutsamkeit zu bedürfen, je ähnlicher
diese Empfindungen denjenigen waren, die Ihre erste Bekanntschaft
bey mir erregte. Sie konnten es wahrscheinlicher Weise nicht einmal
wünschen, daß ich die Vorzüge, auf die sich zuerst meine Freundschaft
und meine Hochachtung für sie gründete, bey einer andern verkennen
oder gering schätzen sollte. -- Aber deswegen sind diese Frau und Sie
nicht auf gleichem Fuße mit mir. Die erste ist eine bloße Bekannte, die
ich ihrer Talente wegen hochschätzen muß, deren Herz ich noch nicht
kenne, und von der ich bisher nichts als Vergnügen und Höflichkeiten
erhalten habe. Sie sind meine Freundin, deren Herz ich geprüft habe,
von deren Freundschaft ich gewiß bin, und deren Einsichten mir nicht
blos zu dem flüchtigen Vergnügen eines Abends, sondern zu dem Glücke
meines Lebens gereichen. Ihr heutiger Brief selbst ist voll von den
freundschaftlichen Gesinnungen, die Ihr Herz von andern Herzen so sehr
unterscheiden.
Lassen Sie sich also die neuen Freunde nicht beunruhigen. Sie würden
auch die Ihrigen werden, wenn Sie sie kennten. Wollten Sie wohl
Jemanden zu Ihrem Freunde haben, den die ganze übrige Welt verschmähte?
Und würden Sie sich nicht Ihrer Neigung schämen müssen, wenn der
Gegenstand derselben unfähig wäre, irgend einem Andern eine ähnliche
Neigung einzuflößen? -- Ich kenne den Werth alter Freunde, und ich
empfinde den Vorzug, den eine bestätigte Liebe vor einer blos flüchtig
bezeigten Gefälligkeit haben muß. Alles also, was ich noch ins Künftige
von dem Vergnügen sagen werde, was mir meine hiesigen Freunde machen,
-- sehen Sie es niemals anders, als wie eine Aufforderung an Sie an,
an diesem Vergnügen Theil zu nehmen, und wie ein stillschweigendes
Versprechen, daß ich eben dieses Vergnügen, wenn es noch mit einer
mehr gründlichen, wesentlichen Glückseligkeit verbunden ist, noch weit
stärker empfinden werde.
Meine Mutter -- wissen Sie das? -- ist auch eifersüchtig. Sie wollen
nicht, daß ich mich vor meinem Abschiede fürchten soll? Wie kann ich
das, wenn es nicht blos um meine eigne Glückseligkeit zu thun ist,
sondern auch um meiner Mutter ihre? Sie müßten mich nicht für fähig
halten, ein guter Freund zu seyn, wenn ich ein schlechter Sohn seyn
könnte. Und wäre ich das nicht, wenn ich eine solche Mutter, wie die
meinige, gern verlassen könnte? u. s. w.
Sieben und dreyßigster Brief.
Den 19. März.
Wenn ich jetzt nicht mehr als gewöhnlich beschäftigt wäre, und wenn
ich nicht den Zeitpunkt immer näher kommen sähe, in dem ich Sie wieder
sehen soll: so würde ich mir es selbst nicht vergeben, daß ich Sie
zuweilen auf meine Briefe einen Posttag länger warten lasse, als es
unserm ersten Vertrage gemäß ist. Ich könnte zwar sagen, es wäre Rache.
Aber ich finde nichts davon in meinem Herzen; und wenn Sie mir auch
noch seltnere und noch kürzere Briefe schrieben, so würde mich doch
mein eignes Vergnügen nöthigen, an Sie zu schreiben. Es ist also nicht
Vorsatz, sondern Unvermögen, wenn ich mir dieses Vergnügen zuweilen
versage. Ein Unvermögen, welches (erlauben Sie mir, das zu sagen) ich
bey Ihnen nicht voraus setzen kann, da Sie mir selbst versichern, daß
Ihr Umgang eingeschränkter als jemals ist, und Ihre Geschäfte sich
doch nicht häufen können.
Aber um Ihnen eine Probe von meiner Uneigennützigkeit zu geben: so
muß ich Ihnen gestehen, daß, wenn ich gleich zuweilen dadurch eines
Theils Ihres Andenkens, ja sogar Ihres persönlichen oder schriftlichen
Umganges (nur nicht Ihrer Freundschaft) beraubt seyn sollte; ich Ihnen
doch einen etwas ausgebreitetern Umgang wünschte, und zwar vornehmlich
unter Ihrem eignen Geschlechte. --
„Unter meinem eignen Geschlechte? Wie können Sie mir etwas wünschen,
wovon ich Ihnen so oft gesagt habe, daß ich es nicht zu meiner
Glückseligkeit rechnen würde, wenn ich es hätte?“
Aber wollten Sie mir wohl noch einmal die Ursachen wiederholen, warum
Sie es nicht darunter rechnen?
„Was habe ich nöthig, Ihnen das erst zu sagen? Sollten Sie nicht
wissen, wie leer der Umgang mit den mehresten Frauenzimmern ist; wie
wenig sich mit --“
ihnen anfangen läßt, wollen Sie sagen. Zum Unglück wahr genug!
Aber warum wollen Sie nicht daran arbeiten helfen, daß ihr Umgang
lehrreicher werde, daß sich mehr mit ihnen anfangen lasse? Was würde
aus dem niedrigern Theile unsers Geschlechts, oder des menschlichen
Geschlechts überhaupt werden, wenn sich der edlere Theil demselben
entziehen wollte, und ihm mit seinem Umgange zugleich die Mittel
benähme, ihm ähnlich zu werden?
„Aber ich habe nicht eben den Beruf, und auch nicht das Vermögen, eine
Verbesserin zu seyn. -- Ueberdieß, wozu bedarf ich den Umgang? Ich habe
meinen Gatten, den liebe ich; und die Stunden, die er nicht bey mir
ist, sind gut genug mit der Erwartung von ihm ausgefüllt; wenn noch ein
kleines unbefriedigtes Verlangen in meinem Herzen übrig wäre, so würde
die Freundschaft von zwey oder drey Freunden meines Mannes es doch ganz
ausfüllen. Und endlich --“
Und was endlich?
„Sie wissen, ich liebe meinen Mann über alles -- ich wünsche, daß er
mich über alles liebt --“
Und was denn also --?
„Ich würde es nicht leiden können, wenn eine meiner Freundinnen ihm
eben so gut gefiele, daß ich nicht mehr gewiß genug seyn könnte, daß
seine Frau ihm noch besser gefiele.“
Mich dünkt, Sie würden (wenn Sie mir meine Freymüthigkeit vergeben
wollen) diesen Bewegungsgrund nicht zuletzt angeführt haben, wenn Sie
den stärksten hätten zuerst anführen wollen.
„Gut! lassen Sie es seyn, daß es der stärkste ist. Ja, ich bin
eifersüchtig; und man kann gar nicht lieben, ohne eifersüchtig zu seyn.
-- Ich kann sogar keine Freundschaft für echt halten, die ihren Freund
so ruhig mit Vielen theilen kann. Hüten Sie sich, daß nicht Ihr Rath,
meinen Umgang zu erweitern, mich argwohnen läßt, daß Sie ihn nicht mehr
so eifrig für sich selbst wünschen.“
Das können Sie im Ernste nicht denken; -- noch viel weniger, wenn Sie
meine Gründe hören.
„Und diese Gründe?“
Nur noch einen Augenblick Geduld! Sagen Sie mir, haben Sie nicht
gehört, daß die Natur mit jeder Neigung, die sie uns giebt, oder mit
jedem Vergnügen, das Sie uns genießen läßt, eine andre Absicht habe,
als dieß Vergnügen selbst?
„Ums Himmels willen! so weit müssen Sie ausholen? Sie werden doch
nimmermehr die halbe Metaphysik abschreiben müssen, um mich zu bewegen,
daß ich ein halb Dutzend Karkassen in meiner Stube zusammen bringe.“
Nun gut also, wenn ich Sie nicht mit der Ueberzeugung überraschen kann,
so will ich sehen, ob ich mit offenbarer Gewalt gewinne. -- Sie sind
eine Ehegattin, aber auch zugleich ein Frauenzimmer und eine Mutter.
„Ja, eine Mutter! Und eben deswegen, weil ich diesen süßen, ehrwürdigen
Namen trage, brauche ich weniger als jemals eine Gesellschaft, die mir
blos die Zeit vertreiben soll. Meine Wilhelmine und mein Mann werden
mir bald die Stelle der ganzen Welt ersetzen. Aber ein Frauenzimmer
auch, sagten Sie, wäre ich; was soll das zur Sache?“
Als Frauenzimmer müssen Sie nothwendig die allervertrauteste
Freundschaft, die möglich ist, nur mit einem Frauenzimmer haben können.
„Und die Ursache davon?“
O hätten Sie nur erst diese Ihnen verwandte Seele unter Ihrem eignen
Geschlechte gefunden; kennten Sie nur erst das Frauenzimmer, das würdig
wäre, Ihre Freundin zu seyn: dann würden Sie mir die Frage selbst
beantworten. O wie glücklich würde ich seyn! Ihre Vertraute würde auch
meine Freundin seyn. -- Sie kennen Julie und Claire; Clarissa und Howe.
Sagen Sie mir, wäre es möglich, daß eine von beyden an die Stelle ihrer
Freundin einen Freund gesetzt hätte, ohne daß doch das Wesen ihrer
Freundschaft zerstört worden wäre?
„Wie? also giebts gar keine Freundschaft unter den beyden
Geschlechtern? Also sind Sie nicht mehr mein Freund?“
Nicht so hitzig, liebste Freundin! Ich denke nicht, daß ich unsre
Freundschaft herunter setze, wenn ich sage, daß es noch eine höhere
giebt, -- aber keine höhere, wenn die Wahl wieder auf eine Mannsperson
fällt. -- Wenn ich aber einem Frauenzimmer den Vorrang gebe, so denke
ich, ich bin blos großmüthig, nicht kaltsinnig.
„Gut! Eine Freundin ließ ich mir gefallen, eine ganz vertraute
Freundin, wenn ich sie hätte. Aber wozu der Umgang mit Vielen?“
Um diese Eine darunter zu finden. Muß man nicht erst wählen können, ehe
man sich entschließt?
„Und dann -- als Mutter, sagten Sie auch, müßte ich mit Frauenzimmern
Umgang haben. -- Eine beständige Zerstreuung ist wohl also ein gutes
Mittel, seine mütterliche Pflicht zu erfüllen?“
Nein, die größte Hinderniß, glaube ich. Aber nicht aller Umgang ist
eine Zerstreuung, die schädlich wäre.
„Aber sagen Sie mir doch den Nutzen, den mein Kind davon haben könnte.“
Ich muß Ihnen gestehen, ich bilde mir ein, zur Erziehung eines jungen
Frauenzimmers ist der Umgang mit Personen ihres Alters und ihres
Geschlechts nicht blos nützlich, sondern nothwendig. -- Es wird sonst
nicht Frauenzimmer genug; es verliert etwas von dem Charakter, und
also auch von den Annehmlichkeiten seines Geschlechts; es nähert sich
dem unsrigen, ohne doch dadurch mehr zu gefallen. Wie kann aber eine
Mutter ihrer Tochter eine Gesellschaft von ihrem Alter und Geschlecht
verschaffen, wenn sie selbst keine hat?
„Meine Tochter soll in meiner Gesellschaft lieber seyn, als in der
Gesellschaft der ganzen übrigen Welt. Mein Umgang muß ihr, wenn ich
anders es verstehe, eine Mutter zu seyn, den sehr leicht ersetzen, den
ich ihr nicht werde schaffen können. Und ich hoffe, mein und meiner
Freunde Unterricht wird sie alles das lehren, was Sie sie aus dem
Umgange wollten lernen lassen.“
O liebste Freundin, wer wollte wohl daran zweifeln, daß Sie nicht
die beste Mutter seyn würden, der Sie kennt? Ich wollte auch Ihrer
Tochter keinen andern Lehrer zugestehen, als Sie. Aber um seine Sitten
zu bilden; um den Menschen mit einer gewissen Dreistigkeit unter die
Augen sehen zu können; um von allen seinen guten Eigenschaften in
der Welt Gebrauch machen zu können, deren man sich in seinem Kabinet
bewußt ist: dazu gehört, daß man die Menschen bey Zeiten kennen lerne;
daß man viele Muster vor sich habe; daß man weiß, was für ein Grad
von Vollkommenheit in der Welt gemeiniglich angetroffen und gefordert
werde; und daß man -- soll ich es sagen? -- das Zutrauen auf sich
selbst durch die öftern Beweise von den Schwachheiten Andrer vermehre.
„Also sehe ich wohl, meine Wilhelmine wird eine Herumläuferin werden
müssen, wenn sie Ihnen gefallen soll.“
Nicht so ganz und gar. Sie verstehen mich besser, liebste Freundin, als
Sie mir es gestehen wollen. -- Müßte ich nicht entweder Sie hochachten,
oder sehr eigennützig seyn, wenn ich nicht einer Person, der ich
Verdienste zuschreibe, so vielen Einfluß auf Andre, eine so große
Sphäre ihrer Wirksamkeit, als möglich ist, wünschen sollte?
Da haben Sie eine kleine Probe von einem der Gedanken-Gespräche, mit
denen ich meine Entfernung von Ihnen zu vergessen suche. Wenn es Ihnen
nicht ganz mißfällt, so will ich mich öfter unterstehen, Ihnen die
Unterredungen zu erzählen, die ich ohne Ihr Wissen und Willen mit Ihnen
gehalten habe.
Gellerts Bild habe ich durch Hubern sechs Mal bekommen, und unter meine
guten Freunde ausgetheilt. Danken Sie dem Herrn Bause dafür, wenn Sie
ihn sehen. Er wird unser zweyter Wille werden. Und nun möchte ich doch
wissen, ob Herr M. Reiz noch unter den Lebendigen ist. Ich glaube,
daß ich meine Freunde öfterer aus meinem Grabe, wenn ich gestorben
wäre, besuchen würde, als er aus seinem Kabinet es thut. -- Lesen Sie
doch: +Vergleichung des Zustandes und der Kräfte der Menschen mit dem
Zustande und den Kräften der Thiere+ u. s. w.
Acht und dreyßigster Brief.
Ich bin in der That über das Ausbleiben Ihrer Briefe ein wenig unruhig
gewesen. Das kann Ihnen M. Reiz aus dem Briefe sagen, den ich an ihn
beygelegt habe. In einer solchen Verfassung war es wirklich grausam, --
doch Ihr Brief selbst ist so voll von Freundschaft und Güte, daß ich
nicht mehr daran denken kann, wie sauer ich mir ihn verdient habe.
Gellert hat den Ausspruch gethan. Ich weiß, Sie werden es selbst
billigen, daß ich ihm diese Entscheidung übertragen, oder daß er so
entschieden hat, sobald Sie sich in meine Verfassung setzen. Stellen
Sie sich einen Menschen vor, der nach zwey verschiedenen Gegenden
zugleich getrieben wird. Vor sich sieht er ein Ziel, welches er gern
erreichen möchte, und nach welchem zu laufen er von alten Athleten,
die seine Stärke oder Geschwindigkeit besser als er selbst zu kennen
glauben, aufgemuntert wird. Schon ist seine Seele, schon sind seine
Muskeln in einer Bewegung, die er noch seinen Füßen nicht hat geben
können; er steht zitternd und unruhig, und erwartet das Zeichen des
Aufbruchs. An beyden Seiten der Schranken sieht er Freunde, die ihm
zurufen, ihn aufmuntern, und ihm auf alle Fälle ihre Glückwünsche oder
ihr Mitleid versprechen. Auf der entgegengesetzten Seite sieht man
Mutter, Onkel, alle natürlichen Freunde des jungen Kämpfers, mit einem
ganzen Kreise von erworbenen Freunden, die sich immer weiter und weiter
von der Laufbahn entfernen, und ihm zurufen, zu ihnen zu kommen, und
noch für immer, oder für eine Weile, mit ihnen zu gehen. Der junge
Mensch ist unentschlossen, verwirrt, ängstlich. Unterdessen geht
die Zeit immer fort. Der Augenblick, wo das Zeichen zum Lauf gegeben
werden soll, nähert sich; seine Freunde entfernen sich immer weiter
und vermehren ihre Zurufungen. Was kann natürlicher Weise der junge
Mensch thun? Nachdem er eine Zeit lang beydes zu vereinigen gesucht,
bald sich nach dem Ziele ausgestreckt, bald seine Freunde zurück zu
halten gesucht hat; und durch entgegengesetzte Bewegungen, die einander
wechselsweise aufheben, in eine Art von Unthätigkeit und Leblosigkeit
gekommen ist; wird er nicht alsdann einen alten Kämpfer, besonders
den, der ihn zuerst ermuntert hat, sich in die Schranken zu stellen,
fragen, wie lange noch Zeit zum Aufbruche sey, und wie weit er noch die
Seinigen begleiten könne? -- Und werden die gütigen Freunde, die ihn an
den Schranken erwarten, wohl unwillig seyn, wenn er diesem Ausspruche
folgt, und sich aus einer solchen Verlegenheit reißt?
Meine Allegorie ist viel zu lang, denn sie hat mir zwey Drittheile
von dem Platze genommen, den ich noch zu ganz andern Sachen bestimmt
hatte. -- Wenn ich nicht jetzo über meiner Disputation arbeitete, so
würde mich nichts hindern, den zweiten und den dritten Bogen zu nehmen.
Aber jetzo muß ich wirklich ein Wirthschafter mit meiner Zeit seyn.
In drey Wochen, so viel ich jetzo voraus sehe, denke ich abzureisen.
Erfreuen Sie mich unterdessen oft mit Ihren Briefen, und machen Sie
mir, oder bestätigen Sie mir vielmehr die Hoffnung, daß ich Sie nicht
nur so freundschaftlich, so zärtlich, wie Sie immer gewesen sind,
sondern auch gesund, munter und fröhlich antreffen werde u. s. w.