N. S.

Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn

Weisen einen Brief, -- einen sehr gütigen, freundschaftlichen

Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige

Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser

rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und

empfindliche Geist, dieser mein Freund -- ist todt. ~Peace to his

gentle shade!~

Fünfter Brief.

B***, den 9. und 10. Juni.

Niemals ist ein Brief mit einem so schmerzhaften Verlangen erwartet

worden, als ich gestern den Ihrigen erwartete. Selbst in dem Schoße

meiner Familie, und an der Seite der vortrefflichsten Mutter, empfinde

ich dem ungeachtet, daß mir noch ein Freund und eine Freundin fehlt,

um diesem Glück seine Vollständigkeit zu geben. Ich fühle es, daß mir

Ihr Umgang nothwendig geworden ist; und ohne die Gütigkeit, mit welcher

Sie mir Ihren Briefwechsel versprachen, und ohne die Beständigkeit,

mit welcher Sie dieses Versprechen ausführen, würde ich meine

hiesigen Freunde mit dem beständigen Anblick einer gewissen Unruhe

beleidigt haben, die sie vielleicht auf die Rechnung eines Mangels von

Zärtlichkeit geschrieben hätten. Aber jetzt setzt mich Ihre Gütigkeit

in den Stand, zwey der angenehmsten Beschäftigungen mit einander zu

verbinden, die Unterhaltung mit meiner Mutter und das Andenken an Sie.

Meine Mutter kannte Sie schon als eine sehr gütige Freundin von ihrem

Sohne, ehe ich noch Leipzig verließ. Aber nun kennt sie Sie als eine

vortreffliche Frau, als eine zärtliche Freundin, mit einem Worte, als

eine Person von einem solchen Geiste und einem solchen Herzen, als die

Liebe und die Freundschaft nöthig hat, wenn sie beschlossen hat, einen

glücklichen Ehemann und einen kleinen Kreis glücklicher Freunde zu

machen.

Was meynen Sie wohl? Ich zeige meiner Mutter alle Ihre Briefe. Sie

liest sie beynahe mit eben dem Feuer, mit welchem ich sie lese. Bey

gewissen Stellen füllen sich ihre Augen mit Thränen der Zärtlichkeit

und der Freude. So stark wirken diese gleichgestimmten Herzen auf

einander, selbst in der weitesten Entfernung. Glauben Sie wohl, daß

ich es hätte aushalten können, ein ganzes halbes Jahr zuzubringen,

ohne Jemand zu haben, mit dem ich mich von Ihnen unterreden könnte,

und in dessen Schoß ich zuweilen mein volles Herz ausleerte, wenn

Ihre Gütigkeit und die Sehnsucht nach Ihrem Umgange dasselbe mit

zu unruhigen und stürmischen Wünschen anfüllte? Und könnte wohl

diese Person Jemand anders als meine Mutter seyn? Sie, die an den

kleinsten Vergnügen ihres Sohnes Theil nimmt, sollte sie nicht in der

Glückseligkeit, die ihm der Himmel geschenkt hat, eine Freundin und

einen Freund zu besitzen, einen Theil derjenigen wieder finden, die sie

durch den Tod einer Tochter, die zugleich Freundin war, verloren hat?

Ja, gütigste Freundin, schon theilt meine Mutter alle die Empfindungen

mit mir, die mir die Bekanntschaft mit einer so edlen und zugleich

zärtlichen Seele eingeflößt hat, und die ich, wenn es möglich ist,

durch die Abwesenheit noch gestärkt und vermehrt finde. Unsere

Unterredungen beleben sich am meisten, wenn sie Sie zum Gegenstand

haben; und ohne daß wir es gewahr werden, kommen sie durch die

wunderbarsten Irrgänge immer wieder auf diese Lieblingsmaterie zurück.

So viel Gewalt hat das Herz über unsere Denkungskraft, daß die

leichtesten und schwächsten Verbindungen schon genug sind, Ideen in

die Seele wieder zurück zu bringen, die durch ein starkes Interesse an

uns gebunden sind. Lassen Sie sich dieses von +Home+ viel besser und

gründlicher sagen. Ich mag nicht philosophiren, ich will Ihnen bloß

sagen, was ich empfinde. --

Aber gütigste Freundin, wie haben Sie es übers Herz bringen können,

mir mit einem so versteckten, aber für mich doch sehr fühlbaren

Vorwurf wehe zu thun? -- Oder trauten Sie es der Feinheit meines

Gefühls nicht zu, daß ich den kleinen Ansatz von Empfindlichkeit

gewahr werden würde, der Ihnen die Worte eingab: „Ich suchte in der

Folge Ihres Briefes Trost, aber ich fand keinen. Sie, der Sie mit mir

einerley Gefühl haben, Sie empfinden den Unterschied wohl, der zwischen

der Verstorbenen und mir ist!“ Und noch dazu eine so ceremoniöse

Vorsichtigkeit, Ihren Namen nicht zuerst zu schreiben! Ein kleiner,

ganz kleiner Rest von Weiblichkeit! würde Onkel Selby sagen. Wie?

glauben Sie wohl, daß ich meine Cousine liebte, und die Eigenschaften

nicht von ganzem Herzen hochschätzte, die sie liebenswürdig machten?

daß ich ihren Verlust beweinen, und mich nicht zugleich über den Besitz

von Freunden erfreuen sollte, in denen ich ihren Geist und ihr Herz

wieder finde? Oder können Sie so ungerecht gegen sich selbst seyn,

diese größten Geschenke des Himmels in sich zu verkennen, und sich

unter Ihren eigenen Werth herabzusetzen? Liebste, gütigste Freundin,

lassen Sie sich niemals durch einen gewissen Unmuth die Erhabenheit der

Seele schwächen, die ohne Stolz, dennoch ihre eigene Vollkommenheit

fühlt, und indem sie die Stufe erkennt, auf welche die Güte des

Schöpfers sie gesetzt hat, dadurch nur noch mehr Muth bekommt, höhere

zu erreichen. --

Aber lieber will ich glauben, daß Sie nur darum diese Stelle in Ihren

Brief gesetzt haben, um mir die Gelegenheit, die ich so sehr wünsche,

zu geben, es Ihnen noch einmal zu sagen, wie hoch ich meine Freundin

schätze, und wie theuer sie meinem Herzen ist. Ich kann dieses, zu

meinem eigenen Vergnügen nicht oft genug wiederholen. Denn welche

Glückseligkeit ist der gleich, seinem Freunde zu sagen, daß man ihn

liebt, wenn es nicht die Glückseligkeit ist, zu hören, daß man von ihm

geliebt wird? Wenn ich also von meiner Cousine rede, so glauben Sie

nur, daß keine Ideen verwandter sind und einander leichter erwecken,

als der Gedanke an ein Gut, das man verloren, und der an ein anderes,

das uns der Himmel noch läßt; und daß der Abgang von so theueren

Freunden das Herz nur noch zärtlicher gegen diejenigen macht, die uns

noch übrig sind.

Ich glaube, ich habe Ihnen schon in Leipzig gesagt, daß ein Freund von

mir und von unserm Hause, ein junger angehender Dichter, der jetzt

in Halle studirt, ein Gedicht auf meine Muhme gemacht hat. Ich habe

es hier erst zu sehen bekommen. Weil viel gute Stellen darin sind,

obgleich manche gegen die übrigen matt, andere in der Verbindung,

in der sie stehen, nicht richtig und zusammen hängend genug, und

noch andere zu überhäuft und nur durch die Rechte der Poesie zu

entschuldigen sind, so will ich es Ihnen abschreiben. Aber schöner,

als das ganze Gedicht, ist meinem Urtheile nach ein Motto aus dem

Petrarch, welches er demselben vorgesetzt hat. Wo ich nicht irre, so

ist es eine der schönsten Stellen im ganzen Petrarch. Es ist aber zur

Anwendung auf die Person, die der Gegenstand dieses Gedichts ist,

nicht schicklich und angemessen genug, und überhaupt kann es nur im

Munde eines Liebhabers und eines solchen Liebhabers als Petrarch,

sein rechtes Verhältniß bekommen. Ich will es wagen, die Stelle zu

übersetzen, ob ich Sie gleich zu eben der Zeit bedauren werde, daß Sie

nicht das Original lesen können.

„Wer alles sehen will, was nur die Natur und der Himmel unter den

Menschen vermag, der komme, diese zu sehen. Aber er komme bald.

Denn der Tod raubt zuerst die besten, und läßt die schlechtern

stehen. Dieses in dem Reiche der Götter schon lang erwartete schöne

und sterbliche Geschöpf geht nur vorüber, und bleibt nicht. Wenn er

noch zu rechter Zeit kommt, so wird er jede Tugend, jede Schönheit,

jede erhabene Eigenschaft in einem Körper mit wunderbarer Mischung

vereinigt sehen. Aber wenn er zu lange zaudert, so wird er nur

kommen, um beständig zu weinen“[A].

Ist diese Apostrophe nicht das rührendste Gemählde eines von Schmerz

ganz durchdrungenen Herzens? Aber nun zum Gedicht selbst. Sie sollen

nur die besten Strophen davon bekommen.

Also blühte rühmlich Doris Leben --

Rühmlich mußte sie es wieder geben;

Und das grosse Beyspiel im Erblassen

Noch der Erde zum Vermächtniß lassen;

Da ihr lieblich Auge brechen sollte,

Stürmend Feuer durch die Adern rollte,

Freunde sprachlos matte Hände rangen,

Und die Engel froh die Flügel schwangen,

Schaute sie des Todes letzten Schlägen

Voll Geduld und Majestät entgegen,

Ruhig, da die Trennung jetzt begonnte,

Weil sie nur die Hülle wechseln konnte.

Keusche Jungfraun, eilt ihr Grab zu ehren.

Pflanzt Zypressen, oft benetzt mit Zähren,

Und gelobet auf dem Staub der Schönen

Euren Wandel einst wie sie zu krönen.

Aus den Zweigen soll ein Hayn entsprießen,

Junge, leicht verführte Töchter müssen

Ihn besuchen, die Geschichte hören,

Und erröthend sittsam wiederkehren.

Jährlich sollen freundschaftliche Reyhen,

Wo sie schlummert, zarte Lilien streuen,

Und das Opfer mit gedämpften Saiten

Und wehmüthigem Gesang begleiten.

Nie, Geliebte, nie wirst du vergessen!

Deinen Nachruhm wird kein Ruhm ermessen.

Laß noch Einen für die Tugend brennen,

So wird er auch dich mit Ehrfurcht nennen.

Und sollt’ einst auf der undankbar’n Erden

Sie verkannt, gehaßt von allen werden;

Darf sie nur, um alle zu entzücken,

Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.

Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke

wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so

empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und

Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal

vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für

einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand

setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar

durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich

würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß

meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß

ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen

aufzulegen. --

Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr

unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück

bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. -- Aber meine

Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und

die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den

Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig

unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran

denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen

Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde,

die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von

Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird,

so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie

ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und

mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu

rächen.

Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet

ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder

Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die

Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte

der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die

Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde

umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich

unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den

Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu

wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir

zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein

Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen

mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder

vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener

zu machen. -- Alsdann -- Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere

Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem

Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und

gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche

Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch

diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.

Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.

Fußnote:

[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:

~Chi vuol veder quantunque può natura,

E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei,

Ch’è sola un Sol, non pur agli occhi miei,

Ma al mondo cieco, che virtù non cura;~

~E venga tosto, perchè morte fura

Prima i migliori, e lascia stare i rei;

Questa aspettata regno degli Dei

Cosa bella mortal passa, e non dura.~

~Vedrà s’arriva a tempo, ogni virtute,

Ogni bellezza, ogni real costume

Giunti in un corpo con mirabil tempre.

Allor dirà, che mie rime son mute.

L’ingegno offeso dal soverchio lume;

Ma se più tarda, avrà da pianger sempre.~

Sechster Brief.

B***, den -- Juli.

1767.

Wissen Sie auch wohl, daß ich Ihre Frage, ob wir noch einerley

Empfindungen mit einander hätten, für einen Vorwurf würde angesehen,

und daß mich dieser Vorwurf würde gekränkt haben, wenn ich nicht selbst

in den Beyspielen, die Sie dafür anführen, eine nette Bestätigung

dieser Gleichheit Ihrer Gesinnungen mit den meinigen, auf die ich so

stolz bin, gefunden hätte. Ich kann mir also unmöglich helfen. Ich muß

erst diese beyden Punkte erörtern, ehe ich ein Wort weiter schreiben

kann, gesetzt auch, daß Ihnen indeß der Brief vor Langerweile aus der

Hand fallen sollte.

Zuerst also meine Unzufriedenheit bey meiner Ankunft in B****. Sollte

ich Ihnen erst nöthig haben, die Quellen davon zu entdecken? Sie

sagen, ich hatte Freunde verlassen, die mich liebten, und ich kam zu

andern, die ich auch liebte. Haben Sie niemals diese angenehme Mischung

von Schmerz und Vergnügen, von Verlangen und von Befriedigung, von

Sehnsucht nach abwesenden Gütern, und von Genuß der gegenwärtigen

empfunden? Haben sich niemals mit den Thränen, die Sie über den Anblick

neuer Freunde vergossen, diejenigen vermischt, die Ihnen das Andenken

an die, von denen Sie sich losgerissen hatten, ablockte? Sie, die Sie

die menschliche Seele so gut kennen, da Sie Ihre eigene mit so vieler

Sorgfalt studirt haben, wissen Sie nicht, wie geschickt eine gewisse

Art von Freude ist, die traurigen Empfindungen, die eine Zeit lang in

der Seele geschlafen haben, wieder zu erwecken, und mit ihnen vermischt

einen gewissen Zustand der Ermattung hervorzubringen, wo die Seele, zu

denken und zu handeln unfähig, unter der Menge von dunkeln Ideen, die

sich in ihr zusammen drängen, erliegt. So empfand meine gute Mutter den

Verlust ihrer Tochter niemals mehr, als da sie ihren Sohn wieder sah,

und ich fühlte in den ersten Umarmungen meiner Mutter am meisten, wie

viel ich an Freunden verloren hatte, die in diesem Augenblicke mit mir

die Glückseligkeit einer wieder vereinigten Familie würden getheilt

haben.

Dieses waren die Regungen der ersten Augenblicke. Ihnen folgten andere

eben so traurige, aber weniger angenehme. Glauben Sie ja nicht, daß

die guten Leute immer glücklich sind. Wenn sie es wären, so bin ich

stolz genug zu sagen: unser Haus würde mehr als einen Glücklichen

einschließen. Aber wie weit, wie weit ist es davon entfernt, daß dieses

ganz wahr seyn sollte? Meine Mutter, durch die natürliche Zärtlichkeit

ihres Körpers, und durch die große Empfindlichkeit ihrer Seele, einer

Menge von Uebeln bloß gestellt, mit denen die Natur härtere und

fühllosere Menschen verschont hat; durch eine beynahe fortgehende Reihe

von Unglücksfällen in einer beständigen Uebung dieser Empfindlichkeit

unterhalten; durch eine sehr schwere und sorgenvolle Nahrung, die

sie seit dem Tode ihres Mannes ohne Gehülfen und Rathgeber besorgt,

abgemattet und entkräftet, von Krankheit und der Annäherung des Alters

bis zu dem äußersten Grade der Zärtlichkeit in ihren Nerven gebracht;

und in diesem Zeitpunkte ihrer besten Stütze beraubt, und fast mitten

unter ihrer Familie einsam und verlassen, -- sagen Sie mir, geliebte

Freundin, was würden Sie in meinen Umständen fühlen, wenn Sie, so wie

ich, sich außer Stande sähen, dieser Mutter zu helfen; wenn Sie ihr

sogar in der Zukunft keine Aussicht, wenigstens keine nahe Aussicht

anweisen könnten, durch die Sie ihre gegenwärtigen Umstände erträglich

machten? Sagen Sie mir, liebe Freundin, wo ist die Stelle, die für

mich zubereitet ist, und von der ich hoffen könnte, meiner Mutter die

ihrem gütigen Herzen so theuere Glückseligkeit zu verschaffen, in der

Gesellschaft ihres Sohnes ihre letzten Tage in Ruhe und Zufriedenheit

zuzubringen? Ich selbst in die Welt nur noch so hingeworfen, in die

Welt, die, dem Himmel sey es gedankt, nicht ganz leer von Freunden

für mich, aber vielleicht leer von Beförderern und dem, was man

darin Patronen nennt, ist; ich selbst noch von einem Orte zum andern

herumirrend, zwar nicht ganz ohne Endzweck, aber doch noch ohne große

Mittel, diesen Endzweck auszuführen; was kann ich für meine Mutter

thun, da ich für mich selbst nichts zu thun vermag?

Glauben Sie wohl, daß es mir unter diesen Umständen leicht wird, daran

zu denken, daß ich meine Mutter verlassen soll; sie so verlassen, ohne

ihr vorher zu sagen, nach was für einem Plane ich arbeiten werde, um

ihre Glückseligkeit mit der Erreichung meiner Wünsche zu vereinigen?

Und doch kann ich nicht anders; ich muß sie verlassen. Alles, sie

selbst ausgenommen, macht, daß ich diesen Augenblick beynahe wünsche.

Die Beförderung, die mir meine Vaterstadt darbieten kann, ist, wie Sie

wissen, nur von einer einzigen Art. Glauben Sie nicht, daß mich der

Name und die gewöhnliche Verachtung eines Schulmannes abhalten würde,

in einen Stand zu treten, der, wenn er recht verwaltet wird, ehrwürdig

ist, und den die Vortheile und die Erleichterung, die ich meiner Mutter

dadurch verschaffe, mir auch sogar liebenswürdig machen würden. Aber

die Verrichtungen, die hier zuerst denen auferlegt sind, die in diesen

Stand treten, die Unwissenheit, und noch mehr der elende Geschmack,

der unter den meisten der hiesigen Schullehrer herrscht, und durch

sie ohne Zweifel die Studirenden ansteckt; der durchgängige Mangel an

guter Lebensart bey dieser ganzen Zunft Leuten, unter denen ich doch

genöthigt würde zu leben; der Mangel an Ermunterung und Hülfsmitteln

zur Vermehrung der Wissenschaften, die ich mehr schätze als alles;

endlich, was darf ich es erst sagen, die Entfernung von Freunden, die

mir theuer sind, um so viel theurer, weil ich sie nicht bloß der Natur

und Familienverbindungen zu danken habe; -- alles dieses, und was weiß

ich noch, was für hundert dunkel damit vermischte Vorstellungen mehr,

machen mir es ganz unmöglich, daran zu denken.

Nun gut also. Ich gehe von B****. Aber wohin? Nach L***zig? Ja

freilich ist dieß der Ort, der mich unter allen am meisten an sich

zieht. Aber was hälfe es, wenn ich vor mir selbst es verbärge. Es

ist nicht Hoffnung der Beförderung, sondern das Vergnügen, meine

Freunde wieder zu sehen, welches mir diese Stadt vor allen andern so

angenehm macht. Sie wissen selbst, und wenn Sie es nicht wissen, so

lassen Sie sich es den braven und rechtschaffenen Ebert sagen, was für

Geduld und Aufopferungen dazu gehören, sein Glück bey der Leipziger

Akademie zu erwarten. Und während der Zeit, daß ich diese vielleicht

fehl schlagende Probe machte, würde meine arme Mutter von Alter und

Sorgen verzehrt, von ihren noch übrigen Freunden vollends entblößt,

und stürbe, ehe sie die so lange gehoffte und so theuer errungene Ruhe

ihres Alters gekostet hätte. Lassen Sie mich also auf eine andere

Universität gehen, wo die Beförderung leichter und geschwinder ist.

Setzen Sie den besten möglichen Fall. Machen Sie mich in einigen Jahren

zum Professor in Halle, oder in irgend einem andern solchen Winkel der

Erde. Jetzt soll ich meine Mutter in ihrem Alter aus ihrem natürlichen

Boden in ein ganz fremdes Land verpflanzen, sie aus einer belebten und

volkreichen Stadt in einen todten und finstern Flecken führen, sie aus

dem Cirkel ihrer Freunde und ihrer Bekanntschaften, die sie von langer

Zeit her kennen, die sie alle hochschätzen, unter ganz fremde und für

sie noch gar nicht eingenommene Menschen bringen, -- oder mir mit einem

so groben Stolze schmeicheln, daß ich allein aller deren Stelle würde

ersetzen können. -- Ist dieses vielleicht nicht ein eben so schwerer

und trauriger Schritt für beyde? -- Und doch bey dem allen, was bleibt

mir übrig?

Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie

werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer

Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der

Meinigen bin. -- Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir

dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit

meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß

bey Personen, die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist

gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen

sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können.

Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen

in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen

Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind.

Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben.

Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der

längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....

Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll

von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also

nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme

ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl

errathen, was ich da erwarte?) --

Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der

Frau ihre Briefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias

sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des

Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie

haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der

Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden

haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls

aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich

des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre

weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.

Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner

Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr,

Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres

Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.

Siebenter Brief.

B***, den -- Juli

1767.

Wahrheiten, die uns sehr am Herzen liegen, können niemals zu oft

bewiesen werden. So ein sophistisches Ding ist dieses Herz, daß es sich

der Ueberzeugung von eben der Sache am meisten widersetzt, von der es

am meisten gewiß zu seyn wünscht. Ich, zum Beyspiel, bedarf keiner

neuen Proben mehr, um zu wissen, daß Sie meine Freundin sind. Und doch,

mit welchem Vergnügen habe ich diejenigen aufgenommen, die Sie mir

in Ihren letzten Briefen gegeben haben, gerade so, als wenn dieß die

ersten gewesen wären. Sie wissen, wie schwer sich Empfindungen durch

Beschreibungen deutlich machen lassen. Man kann nichts weiter thun,

als diejenigen, welche ähnliche gehabt haben, an ihr eigenes Gefühl

erinnern.

So stellen Sie sich also Ihren lieben Mann, meinen Freund, an dem

Abende eines sehr geschäftigen Tages vor. Er tritt zuerst mit einer

etwas tiefsinnigen und zerstreuten Miene in ihr Zimmer. Seine von

fremden Bildern ganz angefüllte Seele empfängt schon die geheimen

Einflüsse Ihrer Gegenwart, ohne sie noch zu fühlen; selbst die ersten

Liebkosungen verschwenden Sie an den Undankbaren vergeblich. Endlich

thut Ihr Anblick und Ihre Zärtlichkeit ihre gehörige Wirkung; und jetzt

schweben nur noch die Sorgen der Geschäfte auf der Oberfläche der

Seele, wie die Nebel an einem heitern Frühlingsmorgen auf dem Gipfel

der äußersten Berge. So gewinnt der Ehemann einen Schritt nach dem

andern über den Geschäftsmann -- bis er zuletzt nur ganz allein übrig

bleibt. Was Ihnen in diesem Augenblicke ein stillschweigender Kuß ist,

den er Ihnen aus vollem Herzen giebt, ein Druck seiner Hand, bey dem er

sie zugleich seine Wilhelmine nennt, sehen Sie, das waren für mich Ihre

Briefe. Versicherungen von Sachen, die wir lange wissen, die wir aber

gern vergessen, an denen wir sogar zweifeln, aus bloßem Muthwillen, um

sie uns noch einmal versichern zu lassen!

Ich glaube, Sie müssen es schon bemerkt haben, daß es eins von meinen

Steckenpferden ist, (hieraus können Sie schließen, daß ich den

Tristram Shandy lese) über alles, was in und mich herum vorgeht, zu

philosophiren, jede Begebenheit, wenn sie auch die natürlichste und

gewöhnlichste von der Welt ist, zu erklären und aus Gründen zu zeigen,

wie sie möglich gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, so war ich eben

im Begriffe, einen guten Ritt darauf zu thun. Denn, anstatt Ihnen mit

drey Worten zu sagen, liebe Freundin, Ihre Briefe waren mir herzlich

lieb, und dann gleich zur Beantwortung ihres Inhalts fortzugehen;

verwende ich eine und eine halbe Seite, um es zu beweisen, daß es

möglich gewesen ist, daß ich mich über Ihre Briefe habe freuen können.

Und doch, welcher Beweis wäre stärker gewesen, als die Aufmerksamkeit,

mit welcher ich alle Ihre gütigen Vorschläge erwogen habe.

Nach dem Wunsche, bey Ihnen zu seyn, ist keiner stärker als der, daß

Sie es zuweilen wünschen möchten, daß ich bey Ihnen wäre. Denken

Sie also, was es seyn muß, wenn Sie noch mehr thun, und nicht bloß

wünschen, sondern schon Anstalten machen, mich bey sich zu behalten.

Wenn es mir jemals schwer angekommen ist, Schwierigkeiten gegen den

Rath meiner Freunde zu machen, so ist es gegen einen solchen, der

die größten Wünsche meines Herzens vereiniget. Der Entwurf, den Sie

mir machen, der freylich der natürlichste und ohne Zweifel auch der

sicherste ist, ist dem ungeachtet viel zu weit aussehend, als daß

ich damit meine Mutter beruhigen könnte, die bey Ihrem Alter und

bey Ihrer Schwäche eine Glückseligkeit, auf die sie so viele Jahre

warten muß, für gar keine hält. Und wie kann sie hoffen, diesen

Zeitpunkt zu erleben, wenn die Zeit, die dazwischen ist, mit Sorgen

und Mißvergnügen angefüllt seyn sollte. Gesetzt aber, ich hätte das

Ziel erreicht, und meine Mutter wäre noch im Stande, eine so große

Veränderung vorzunehmen; was sind es nicht für neue Beschwerden, die

die Ausführung unsers Vermögens verursachen würde. -- Meine Mutter

hat bey allen Beschwerlichkeiten ihrer Nahrung doch auch den Vortheil

gehabt, daß sich ihr Vermögen besser verinteressirt hat, als durch

bloßes Ausleihen. Lassen Sie nun von einem nicht großen, aber doch

für einen ehrlichen Mann hinlänglichen Vermögen das abgehen, was der

Abzug kostet; setzen sie dazu die Verschiedenheit des Geldes und der

Preise der Dinge in beyden Ländern, und endlich rechnen Sie noch

die Schwierigkeiten, die mit der Errichtung einer neuen Haushaltung

verbunden sind; und Sie werden sehen, daß meine Mutter nicht die Hälfte

der Bequemlichkeiten würde haben können, zu denen sie hier gewohnt

ist. Denn daß meine eigene Einnahme einen beträchtlichen Zuschuß zu

unserer Oekonomie in wenig Jahren machen sollte, dazu sehe ich keine

andere, als sehr unsichere Hoffnungen. Sehen Sie, so partheiisch

ich für einen Entschluß bin, der mit meinen Neigungen so sehr

übereinstimmt, so kann ich es mir doch nicht verhehlen, daß dieses sehr

beträchtliche Schwierigkeiten sind; und was kann ich darauf antworten,

wenn meine Mutter sie mir entgegensetzt? -- Was anders, als daß die

Schwierigkeiten für mich, in B**** zu bleiben, noch größer sind, und

wenn sie sich auch alle auf eine einzige zurück bringen ließen, ich

meyne diese, daß ich zu dem Stande, der für mich der einzige ist, nicht

die geringste Neigung habe?

Sie müssen es diesem Briefe ansehen, daß er unter sehr vielen

Zerstreuungen geschrieben ist. Ich bin gar nicht mit ihm zufrieden.

Denn bey alle den Schwierigkeiten, die ich mache, wollte ich doch

nicht, daß Sie glaubten, ich hätte jetzt mehr Lust hier zu bleiben, als

ehemals. Ich komme mit Gottes Hülfe gewiß auf Michaelis nach Leipzig,

aber ob um beständig dort zu bleiben, das ist in den Händen der

Vorsehung. --

Ich reise morgen mit dem Herrn Oberforstmeister S**** und seiner

Gemahlin nach S***witz, wo mein ehmaliger Lehrer und Hofmeister Pfarrer

ist. Meine Mutter kommt auf den Freytag mit meinem Onkel und seiner

Tochter nach. Dieser geht alsdann mit dem Herrn Oberforstmeister weiter

ins Gebirge nach L***, um da die Brunnenkur zu brauchen. Wir übrigen

bleiben in S***witz, und werden dort in einer vortrefflichen Gegend

vier oder fünf Wochen in dem Hause meines Lehrers zubringen. Dieser

Aufenthalt könnte mir durch nichts in der Welt unangenehm gemacht

werden, als wenn Ihre Briefe nicht mehr so richtig einliefen, oder die

meinigen nicht zu rechter Zeit auf die Post gegeben würden; denn das

Dorf ist sechs Meilen von B****. Ich werde aber alles mögliche thun, um

beydes zu verhüten.

Diese Reise macht heute meinen Brief so kurz, und nöthigt mich, den an

meinen lieben M. Reiz ganz aufzuschieben. Es ist jetzt 12 Uhr in der

Nacht und morgen muß ich um 6 Uhr auf seyn. Leben Sie wohl!

Achter Brief.

Mittwochs des Morgens.

Ich wende noch die Augenblicke, die ich vor dem Antritte meiner Reise

übrig habe, dazu an, an Sie zu denken, und das, was ich gedacht

habe, niederzuschreiben. Ich weiß, daß sich Ihre freundschaftliche

Neubegierde nicht bloß damit beruhigen wird, zu wissen wo ich bin. Sie

werden auch wissen wollen, was ich da mache. --

Wenn ich mich nicht irre, so müssen Sie schon Herrn Ringeltauben, in

dessen Hause ich seyn werde, aus meinen Beschreibungen kennen. Ich

verehre ihn als meinen Lehrer; und ich liebe ihn als meinen Freund und

meinen Bruder. Hochachtung und Dankbarkeit sind gewiß die festesten

Bande, die die Natur hat, zwey nicht ganz unedle Seelen mit einander

zu verbinden. Sein Haus soll sehr bequem, und die Gegend vortrefflich

seyn. Meine Mutter, die das Land über alles, und den Herrn Ringeltauben

als ihren Sohn liebt, wird sich dort wieder erholen, und das wird auf

mich zurück wirken. Endlich werde ich Bücher genug haben, um die leeren

Stunden auszufüllen. Der Herr Oberforstmeister, mit dem ich reise, ist

lange im Kriege mit dem General Wobersnow in Leipzig gewesen. Er ist

ein Mann von sehr vielem Verstande, von einer großen Erfahrung, (da er

lange Zeit mit den Vornehmsten der Armee und einige Zeit auch mit dem

Könige selbst umgegangen ist;) und der Mann einer Frau, die beynahe

meine Gespielin gewesen ist. Der Weg heraus geht an der Oder, in

einer sehr angenehmen Gegend. Ihre Briefe dürfen Sie nicht anders als

bisher addressiren. Ich habe gemessene Ordre gestellt, sie mir gleich

nachzuschicken.

Erwarten Sie also ins künftige Briefe, die voll von ländlicher Unschuld

und Einfalt, aber auch voll von ländlichem Vergnügen sind.

Neunter Brief.

S***witz den -- Juli.

Es giebt gewisse Arten von Vergnügungen, die uns unempfindlich machen,

weil sie uns berauschen. Indem alsdann die gegenwärtige Empfindung die

ganze Seele ausfüllt, und ihre gesammten Fähigkeiten bloß in dem Genuß

erschöpft werden, so werden alle Erinnerungen, alle Reflexionen aus der

Seele verdrängt, und mit ihnen zugleich die feinern Vergnügungen, die

auf dieselben gegründet sind. In diesem Zustande ist die ganze Seele

Maschine, und sie bewegt sich ganz unwillkührlich nach der Richtung des

Stoßes, die ihr ein so heftiger äußerer Antrieb giebt.

Eine andere Art hingegen, die nur die Sinnen in so weit rührt, als es

nöthig ist, durch sie die Einbildungskraft rege zu machen, eröffnet

allen Arten von moralischen Empfindungen den Zugang. Sie macht das

Herz weich, und so zu sagen -- schmachtend. Die Vernunft ist dabey

heiter genug, alle verwandten Ideen herbeyzurufen, jede angenehme

Erinnerung mit der augenblicklichen Empfindung zu verbinden, und unter

die Ergötzungen des Auges und des Ohres die moralischen Vergnügungen

der Freundschaft und der Tugend zu mischen.

Unter diese letztere Gattung gehört diejenige Art von Vergnügen, die

ich jetzt genieße. Sie sind so still und so ruhig, wie die Fluren

des Abends, durch die ich gehe, und eben so heiter und rein, als das

blaue Gewölbe, das mich deckt. Alles das, was ich sehe, und was die

Quelle des Vergnügens ist, ist zugleich ein Stoff zu Betrachtungen,

die vielleicht noch ergötzender sind, als der sinnliche Eindruck

selbst. Wenn ich dann auf einer großen lachenden Wiese, die von alten

ehrwürdigen Eichen rings um eingeschlossen, und von dem schwankenden

Schatten derselben halb überstreut ist, die mildern Einflüsse der

Abendsonne genieße; dann versetze ich in diese Gegend alle meine

Freunde. Ich sammle in Gedanken diesen kleinen aber ehrwürdigen

Haufen von Leuten, die ich liebe und die mich wieder lieben, um mich

herum, alle durch gegenseitige Neigungen an einander gebunden, alle

von einerley Geiste beseelt, zu einerley Empfindungen aufgelegt, und

mit eben denselben Arbeiten des Wohlthuns und der Mildthätigkeit

beschäftigt. Dieses Spiel meiner Einbildungskraft treibe ich so lange

fort, bis ich ganz von den Gegenständen, die um mich sind, entfernt in

andern Welten und noch glücklichern Gegenden herumschwebe. Von diesem

Fluge ermüdet kehre ich wieder zu dem Orte und dem Stande zurück, in

welchem ich bin, und, Dank sey es meinem Geschick! ich habe bey dem

Ende meines Traumes noch nicht alles verloren. Meine Mutter, meine

Cousine, und mein Lehrer und Bruder, die um mich herum sind; Sie,

die erste meiner Freundinnen, und die übrige Reihe meiner männlichen

Freunde, die von mir entfernt, aber durch ihr Andenken, durch ihre

guten Wünsche, und durch ihr Theilnehmen an meinem Wohl, nahe um mich

sind, alle diese theuern Personen, die mir die gütige Vorsicht auf

dem Wege des Lebens aufstoßen ließ, um durch ihre Begleitung das Rauhe

und Unangenehme meiner Reise zu versüßen, alle diese sind wirklich

da, sie lieben mich, sie machen mich durch ihre eigenen Verdienste

hochachtungswürdig, und geben mir durch ihre Achtung den Werth, den ich

mir selbst niemals erwerben würde.

Ich habe ausfindig gemacht, (denn was für Mittel sucht man nicht

auf, wenn man gewisse Sachen nicht verändern kann, um wenigstens uns

eine andere Seite von ihnen zuzukehren?) daß die Abwesenheit in der

Freundschaft zu etwas nützlich ist. Sie ist das Maß ihrer Stärke. Ich

habe neulich im Plutarch gelesen, und wenn es nicht Plutarch gesagt

hätte, so hätten Sie mir es sagen können, daß der Beweis einer recht

heftigen Liebe nicht sowohl die Größe des Vergnügens sey, die einer in

des andern Gegenwart empfindet, als vielmehr die Größe des Schmerzes,

die ihnen die Trennung verursacht. Mich deucht, man kann eben dieses

von der Freundschaft sagen. Das Vergnügen des freundschaftlichen

Umganges ist, ruhig, gemäßigt, und beynahe mehr Heiterkeit als

Freude; das Verlangen aber, wenn man desselben entbehrt, ist heftig,

zuweilen gar stürmisch. Sie können glauben, daß ich diese Erfahrung

bloß von den Empfindungen abstrahire, die mir die Erinnerung an unsere

ehemaligen Vergnügungen erweckt. Ich weiß also zuverlässig, wie sehr

ich Ihr Freund bin, ich weiß, wie sehr Sie meine Freundin sind. Diese

Ueberzeugung ist mir sehr viel werth. Soll ich Ihnen erst sagen, daß

ich Sie nicht allein meyne, wenn ich von Ihnen rede?

Ich habe Ihnen bisher nur meine Empfindungen erzählt. Jetzt sollen Sie

noch etwas von meiner Geschichte wissen. Ich habe Ihre Briefe noch

nicht. -- Ich meyne die, die Sie vergangene Woche geschrieben haben,

und die verwichenen Freytag in B*** angekommen seyn müssen. Sagen Sie

mir, ist es nicht mir recht zum Possen, daß die Post nach B***, die die

Briefe von B**** hierher bringt, gerade eine Stunde eher des Freytags

abgehen muß, als die Ihrigen ankommen? und dann geht keine wieder

eher, als auf den Dienstag. Ich bekomme sie also erst Mittwochs. --

Diese Sache ist gar nicht zu ändern; ich muß also nur aufhören, daran

zu denken.

Meine Reise ist sehr glücklich und bequem gewesen. Der Herr *** ist ein

durch seinen Verstand und Erfahrung angenehmer Gesellschafter. Seine

Frau ist es etwas weniger; und da ein großer Theil ihres Werths in dem

Range und dem Stande ihres Mannes liegt, so schlägt sie denselben auch

ein bißchen zu hoch an. Aber das thut nichts. Gegen mich, als einen

alten Freund und Verwandten, ist sie immer sehr gütig.

Die zwey Tage, die bis zu meiner Mutter Ankunft verflossen,

recognoscirten wir, ich und mein lieber Bruder, die Gegend. Sie

können sie nicht leicht schöner jemals gesehen haben. Wir liegen sehr

nahe an der Oder, an deren Ufer überhaupt die schönsten Gegenden von

Schlesien sind. Dunkle, ehrfurchtsvolle Hayne, angenehme Wiesen, die

fruchtbarsten Felder, alle Theile einer bezaubernden Landgegend

wechseln mit einander ab. An dem einen Orte gehen wir auf einem

erhabenen Damm, (denn deren müssen hier sehr viele der Gewalt des

Stroms im Frühjahr entgegengesetzt werden), von dem man auf beyde

Seiten die Aussicht auf die angrenzenden Wiesen und den dabey gelegenen

Wald hat. Der Damm selbst ist mit Eichen besetzt, die ihre hohen

Wipfel einander zuwehen. An einem andern Orte ist ein weitläuftiger

Thiergarten, von drey Stunden in der Rundung, wo man den angenehmsten

Schatten, die erfrischendste Kühle, und den erfreuenden Anblick von

munteren, freyen und glücklichen Geschöpfen zugleich genießt. An einem

dritten Orte ist ein dicker beynahe unwegsamer Wald, wo selbst die

mittägliche Sonne keinen Zugang findet, und wo die melancholische

Stille nur durch das Rauschen der Aeste, oder das entfernte Girren der

Turteltaube, oder das Geräusch eines sich mitten im Walde durch die

Aeste durcharbeitenden Hirsches unterbrochen wird.

Hier stellen Sie sich also mich, an meiner Seite meine Mutter, meine

Schwester (denn so habe ich meines Onkels Töchter immer betrachtet,

und so habe ich sie geliebt) und meinen Freund vor. Da der Herr ****,

seine Frau, und mein Onkel, in das Bad gegangen sind, so herrschen wir

hier ganz allein. Wir stehen nicht eben sogar früh auf. Wir trinken

gemeinschaftlich unsern Thee. Wir verdienen unsere Mittagsmahlzeit

durch einen recht guten Spaziergang, von dem wir zuweilen unterwegs

unter einer hohen Eiche ausruhen. Die heißen Stunden sind zur Lektüre

und zur Arbeit bestimmt. Der Abend ist ganz zu ländlichen Vergnügungen.

Wir schlafen ruhig und vergnügt, weil keine unsere Ergötzungen etwas

anders als das Verlangen zurück läßt, sie zu wiederholen.

Ich lese meiner Mutter zuweilen auf einer Rasenbank, die eine große

Haselstaude beschattet, aus den Gedichten des +Gisecke+ vor. O diesen

Mann müssen Sie lesen. Er ist der Dichter der Freundschaft und der

ehelichen Liebe. Wer kann also ihn besser richten? und wessen Beyfall

würde ihn mehr belohnen? Er ist nicht immer stark, aber er ist immer

gut. Leben Sie tausend Mal wohl u. s. w.

Zehnter Brief.

S***witz den 27. Juli.

Ob ich gleich befürchten muß, daß meine Briefe Sie nicht in Leipzig

treffen, so kann ich es doch nicht über mich erhalten, keine zu

schreiben. Einen Brief an Sie schreiben, ist wenigstens halb so viel,

als einen von Ihnen bekommen. Ich glaube, ich habe Ihnen das schon

einmal gesagt. Aber das thut nichts. Ich fürchte es nicht, mich in

einer Sache zu wiederholen, die auf einerley Art empfunden auch

nur auf einerley Art ausgedrückt werden kann. Ich habe überhaupt

gemerkt, daß wahre Empfindungen sich zwar richtiger, aber niemals so

mannigfaltig ausdrücken lassen, als diejenigen, welche Geschöpfe der

Einbildungskraft sind. Der schöne Geist und das empfindliche Herz sind

deßwegen nicht immer beysammen, und zu gefallen und zu rühren, sind

zwey sehr verschiedene und oft einander entgegenstehende Sachen.

Sie sind also in Dreßden. Denn ich bin so glücklich gewesen, Ihren

ersten Brief Mittwochs, und den andern unmittelbar darauf Freytags

zu bekommen. Ich weiß nicht, warum mir diese Reise gar nicht recht

war. Sie schienen nicht mir näher zu kommen, sondern sich von mir

zu entfernen. Endlich bin ich auf die Ursache gekommen; wenigstens

das Wahrscheinliche fürs Gewisse zu nehmen. Ich fürchtete, unser

Briefwechsel würde gestört werden. Ueberdieß, glaube ich, weiß

ich Sie gern zu Hause, weil ich mir den Ort, wo Sie sind, und die

Beschäftigungen, die Sie da vornehmen, besser vorzustellen weiß. Das

Bild ist lebhafter, weil es mehr bestimmt ist. In Dreßden können Sie

da und da und da seyn. Aber wo Sie wirklich sind, und was Sie wirklich

machen, das kann ich mir zu keiner einzigen Stunde des Tages mit

Gewißheit denken. Ich befinde mich in einem fremden Ort, wo ich meine

Freundin bey jedem Schritt, den sie sich von mir entfernt, verliere,

und sie kaum mit der größten Mühe des Abends im Gasthofe wieder finde.

Endlich, (denn Sie müssen wissen, ich suche mein Herz zu studiren,

besonders wenn ich irgend eine ungewöhnliche Bewegung darin merke,

und das nicht mehr bloß um meinet, sondern auch um Ihretwillen;)

endlich also überfiel mich die bey einer wirklichen Freundschaft so

natürliche Eifersucht. Ich weiß die eigentliche Absicht Ihrer Reise

nicht. Aber das konnte ich mir doch vorstellen, daß Sie dort neue

Verbindungen errichten würden, oder durch schon gemachte Verbindungen

dazu wären veranlasset worden. Könnten eine Menge von neuen Eindrücken

nicht die alten verdunkeln, wenn sie auch nicht im Stande wären, sie

auszulöschen? Sie werden allenthalben, wo Sie hinkommen, und wo man

noch Geist und Herz genug hat, um es an andern gewahr zu werden,

Freunde finden. Ich müßte sehr verblendet, und mehr eitel als

ehrgeitzig seyn, wenn ich mich überreden sollte, daß mich nicht viele

dieser Freunde an allen Arten von Vorzügen übertreffen sollten. Und

ist es nicht in der Natur, dachte ich, daß man das bessere dem weniger

guten vorzieht?

Dieser Gedanke würde mich niedergeschlagen haben (und doch bin ich

sonst großmüthig genug, mich wie Phocion, oder wer es sonst war, zu

freuen, daß es so viel bessere Menschen giebt als ich) aber jetzt

würde mich dieser Gedanke niedergeschlagen haben, wenn mir nicht noch

ein Vorzug von mir eingefallen wäre, den ich willens bin, dem größten

Theil Ihrer Freunde, oder lieber (denn was soll ich heucheln?) allen

Ihren Freunden streitig zu machen. Ich liebe und schätze Sie so hoch,

-- als es Ihr Bruder thun könnte. Erlauben Sie mir immer, daß ich mir

einen Ehrennamen beylege, zu dem Sie mir selbst das Herz gegeben haben.

Ich liebe Ihren Mann, ich liebe Ihre kleine Wilhelmine, ich liebe Ihre

Freunde; selbst ehe ich sie noch kenne, empfehlen sie sich mir schon

durch diesen Namen mehr als durch alle Lobsprüche. Ich brenne vor

Begierde, an dem Glück und an dem Vergnügen einer solchen würdigen

Familie zu arbeiten; selbst meiner Freundschaft wünschte ich den Segen,

daß sie ein neues Band der ehelichen Liebe zwischen Ihnen beyden wäre,

auf die sich Ihre ganze Glückseligkeit gründet. Ich wünschte mir

einen größern Verstand, um Sie durch meinen Rath zu der glücklichsten

Mutter der vollkommensten Tochter zu machen; und mehr Tugend und mehr

Herrschaft über meine Leidenschaften, um Sie auf eben dem Wege, durch

welchen ich gegangen wäre, zu der Ruhe und der Heiterkeit der Seele

zu führen, die wir uns beyde so sehr wünschen, und die so oft durch

geringe Veranlassungen unterbrochen wird. Ich bin jetzt nahe dabey,

Ihre Frage zu beantworten, und nicht bloß Ihre, sondern auch meine

eigene.

Der heutige Tag, sagte ich manchmal zu mir selbst, ist vollkommen dem

gestrigen ähnlich. Alle Umstände sind dieselben. Nicht ein einziges von

meinen Gütern ist mir genommen. Nicht ein Wunsch ist heute von seiner

Befriedigung weiter zurück gesetzt, als er es gestern war. Und doch

war ich gestern vergnügt, und heute bin ich traurig und mißvergnügt.

Ich habe diese Betrachtung erst vor wenig Tagen wiederholt, wo mein

Zustand des Gemüths dem Ihrigen vollkommen ähnlich war; ob ich Sie

gleich warnen muß zu glauben, daß eine gewisse Munterkeit im Ausdrucke

ein richtiges Maß für den Grad des Vergnügens sey, den ich zu der

Zeit genieße. Man kützelt sich zuweilen um zu lachen, eben indem man

Schmerzen empfindet. Ich bin heute recht vergnügt, aber es würde die

unnatürlichste Sache von der Welt für mich seyn, Lachen zu erregen.

Also zu unsrer Untersuchung zurück! Sie wissen, daß die stärksten

Triebfedern unsrer Seele im Dunkeln liegen. Die Wirkung wird um desto

schwächer, je sichtbarer die Ursache ist. Das Deutliche reducirt sich

immer auf wenige Begriffe, die bald überzählt sind, und deren Summe

niemals etwas so großes ausmachen kann, daß man davor erschrecken

sollte. Alles das kommt uns nur unermeßlich vor, dessen Grenzen

wir nicht kennen. Sehen Sie, eben so entsteht unser Unmuth, wie an

dem heitern Himmel sich ein kleiner schwarzer Punkt erst in eine

kleine Wolke ausbreitet, dann sich immer mit den benachbarten Dünsten

vermischt und endlich den ganzen Horizont ringsum verdüstert. So lassen

Sie also in diese fröhliche Seele, deren ganze Saiten von dem Vergnügen

ausgespannt sind, jeden Eindruck anzunehmen und zu verdoppeln,

lassen Sie in dieselbe ein einziges Wort eines Geliebten fallen,

eines Ehegatten, oder eines Freundes, das dem Grade der erwarteten

Zärtlichkeit nicht entspricht; eine kleine Ungeschicklichkeit, die

wir selbst begehen, und die in uns die Erinnerung unsrer übrigen

Schwachheiten wieder erweckt; eine kleine Schwierigkeit bey der

Ausführung irgend einer unsrer Absichten, selbst die Empfindung einer

kleinen Unordnung im Körper. Auf einmal kommen die Vorstellungen von

alle dem Unangenehmen, was in unserm ganzen Zustande ist, zu Hauf. Das

Vergnügen hatte sie, so wie die Sonne den Nebel, nicht vernichtet,

sondern nur aus einander getrieben. Gegenwärtiges, Vergangenes,

Zukünftiges, alles drängt sich in unsere enge Seele zusammen, und macht

darin ein solches Chaos, und so eine wilde Vermischung, daß aller unser

Verstand, und wenn wir auch der Stoische Weise wären, nicht zureicht,

es aus einander zu setzen. Alle Uebel werden in diesem Augenblicke

unendlich, unaufhörlich, unvermeidlich. Altes verliert sein Maß und

seine Grenze, weil es beständig mit etwas anderm vermischt ist, das wir

davon nicht scheiden können oder wollen. Wenn man einmal so glücklich

ist, so weit zu kommen, sich sein ganzes Unglück nach einander

herzuerzählen; oder wenn man genöthiget wäre, es in diesem Augenblicke

einem andern zu sagen, so würde man sich wundern, wie Sachen, die,

wenn man sie sagt, so wenig betragen, doch, wenn man sie bloß dunkel

fühlt, einen so großen Eindruck machen und so viel Verwüstung anrichten

können. Ergänzen Sie diese Gedanken durch Ihre eigene Erfahrung. --

Aber sagen Sie mir auch dazu, was ich nicht thun kann, wie man es

anstellen muß, um dieser Unruhe -- ich will nicht sagen, ganz los zu

werden, denn das möchte ich nicht einmal; wenn man die Empfindlichkeit

von seinem eigenen Uebel wegnimmt, so verliert man auch die gegen

die Uebel anderer, -- aber sie doch zu mäßigen. Bloß moralische

Vorschriften sind vergebens. Der Verstand geht seinen Weg, und die

Einbildungskraft den ihrigen. Es müssen Uebungen, ordentliche Uebungen

seyn. -- Aber das ist eine Materie, wozu ich Ihren Verstand brauche. --

Ich schriebe gerne mehr, aber Sie möchten alsdann wirklich anfangen,

kürzere Briefe zu wünschen, und dann sehe ich schon zum Voraus,

würde ich trotz aller meiner Philosophie in eben den Unmuth und die

Unzufriedenheit verfallen, die ich beschreibe. Leben Sie wohl u. s. w.

Eilfter Brief.

S***witz den 4. Aug.

Ich wußte wohl, daß ich die Reise nach Dreßden nicht umsonst fürchtete.

Ich habe keine Briefe von Ihnen, und das zu einer Zeit, wo ich sie am

allermeisten nöthig gehabt hätte, um mir Muth und Entschlossenheit

dadurch zu geben. Sie sind also noch nicht aus Dreßden zurück gewesen,

oder Sie waren von der Reise zu müde, oder -- diese unglückliche

Sucht Ursachen zu allem zu finden, macht daß wir jede gewöhnliche

Begebenheit durch unsere Auslegung zur Qual für uns machen. Denn daß

Sie noch meine Freundin sind, daß Sie es noch eben so sehr sind, als

da ich Sie das letzte Mal in Borsdorf Thränen vergießen sah, (ein sehr

kostbares Denkmal Ihrer Freundschaft!) das lasse ich mir selbst meine

melancholische Einbildungskraft in ihren finstersten Stunden nicht

ausreden. Aber warum konnte mein Freund Reitz nicht schreiben, daß Sie

noch nicht gekommen wären? Gewiß, ich würde in ähnlichem Falle diese

Aufmerksamkeit für ihn gehabt haben. --

Mit mir sind unterdessen manche Veränderungen vorgegangen; -- nicht

eben mit meinen Umständen, aber mit meinen Aussichten. Ich stehe seit

einigen Tagen alles Unangenehme der Unentschlossenheit und des Zweifels

aus. -- Gellert hat mir seit drey Posttagen drey Mal geschrieben. --

Sie wissen, daß, als ich noch in Leipzig war, ein Hofmeister für des

Graf F.. ältesten Sohn gesucht wurde. Gellert hielt mich dazu für

tüchtig. Ich selbst hatte Lust. Globig aber hatte dazu schon Jemand

erwählt, der aus Göttingen angekommen war. Dieser wurde vom Grafen

nicht angenommen. Nach ihm wurde M. Kraft, (eben der, dem ich in

meiner Abwesenheit meine Stube eingeräumt hatte) vorgeschlagen und

angenommen. Dieser geht nach Petersburg als Astronom. Gellert war

so aufmerksam, diese Gelegenheit sogleich zu ergreifen, und mich an

Globigen mit aller seiner gütigen Partheylichkeit zu empfehlen. Vor

acht Tagen erhalte ich einen Brief von Gellert, in welchem einer vom

Präsidenten an ihn eingeschlossen ist. Er meldet ihm, daß der von ihm

empfohlene Mensch wäre angenommen worden, oder auf Michaelis angenommen

werden könnte. Der Graf verlangte dabey einen Plan zu dem Unterrichte

seines Sohnes, der 15 Jahr alt, von guten Talenten, und nicht ohne

Wissenschaften seyn soll.

Kaum hatte ich diesen Brief beantwortet, ihm für seine Güte gedankt,

und ihm meinen Entschluß und die Einwilligung meiner Mutter gemeldet,

so kommt von ihm ein zweyter. Ich erwartete nichts Geringeres, als den

Tod des Grafen; denn er ist sehr krank gewesen. Aber es war noch ein

zweyter Vorschlag. Sie kennen die Frau von I., eine K..sche Tochter,

und ihre zwey Söhne, von denen der älteste lahm ist. M. Hahn war bisher

ihr Hofmeister. Dieser kommt nach Hamburg, und die Frau Obersten

sucht einen neuen. Der junge Herr soll bald in die Collegia gehen,

und der jüngste soll bloß der Aufsicht, nicht aber dem Unterricht des

Hofmeisters anvertraut werden. Das Gehalt ist 150 Thaler. Wenn diese

Stelle außer Leipzig läge, so hätte ich sie geradezu ausgeschlagen.

Aber meine Freunde wieder zu sehen, Sie wieder zu sehen, Gellerten --

alle, alle wieder zu sehen, bey Ihnen zu leben, -- das ist mehr als man

braucht, um eine noch seltsamere Frau, als die Frau von J. ist, und

einen noch beschränkteren Eleven, als ich mir ihren Sohn vorstelle,

ertragen zu lernen.

Sagen Sie mir, was hätten Sie mir gerathen, Sie und Ihr lieber Mann,

wenn ich bey Ihnen gewesen wäre? Ich will Ihnen sagen, was ich gethan

habe. Ich habe die Entscheidung Gellerten überlassen; ich habe ihm die

Bewegungsgründe und die Schwierigkeiten auf beyden Seiten vorgestellt.

Wenn alles gleich wäre, so würde ich ohne Streit F..s Haus dem J..schen

vorziehen, von dem ich weder mehr Ansehen, noch mehr Umgang mit der

großen Welt, noch mehr Glück aufs künftige zu erwarten habe. In beyden

Fällen komme ich doch erst nach Leipzig, und sehe Sie wieder. --

Ich schriebe gern noch mehr, aber um mich selbst zu verläugnen, und um

Sie von meinen langen Briefen ausruhen zu lassen, sage ich kein Wort

mehr, als daß ich u. s. w.

Zwölfter Brief.

Ein treuer, freundschaftlicher Rath kommt niemals zu spät, wenn er auch

gleich eine geschehene Wahl nicht mehr ändern kann. Sie wissen, ich

schrieb Gellerten, an eben dem Tage, da ich Ihnen die Nachricht davon

gab. Es würde mir schwer werden, eine Entscheidung, die ich ihm einmal

übergeben habe, wieder zurück zu nehmen. Ich bin in der That vollkommen

Ihrer Meynung, daß es immer gefährlich ist, dem Urtheile eines andern

(und wäre dieser andere auch der weiseste und rechtschaffenste Mann)

eine Entscheidung zu überlassen, bey der er, wenn es möglich wäre,

sich in uns verwandeln müßte, wenn er richtig urtheilen sollte. Dem

ungeachtet glaube ich, daß ich es nach den Umständen, in welchen ich

war, so machen mußte. Diese Erinnerung wird mich trösten, der Ausgang

der Sache mag seyn, welcher er will. Um mich aber auch bey Ihnen zu

rechtfertigen, so sollen Sie diese Umstände wissen.

Sie kennen die Schwierigkeit, (oder wenigstens können Sie sich sie

vorstellen), die es einen Menschen kostet, dessen Glück oder Unglück

nicht ihn allein trifft, sondern sich auf Personen ausbreitet, die

ihm theurer als sein eigen Leben sind, was es diesen Menschen, sage

ich, kostet, einen Entschluß zu fassen, von welchem diese Personen

glauben, daß er für sein künftiges Schicksal so wichtig ist. Wenn

man das Unglück hat, Niemand in der Welt anzugehören und eine mit

dem übrigen menschlichen Geschlecht nicht zusammenhängende Insel

auszumachen, so hat man entweder Muth oder Unbesonnenheit genug,

geschwind zu entscheiden. Neigung, und die auf eine gewisse Seite

gerichtete Einbildungskraft geben der Wahl bald den Ausschlag. Wenn man

aber so wie ich, als Sohn, als Verwandter, als Freund, in Verbindungen

steht, die an unser Wohl das Wohl anderer verknüpfen, so wird ein

Entschluß schon weit schwerer, für dessen Erfolg man so vielen Personen

Rechenschaft zu geben hat.

Setzen Sie nun noch, daß die Sache so sehr ungewiß ist, wie die

meinige, und daß so viel andere, von uns ganz unabhängige Begebenheiten

zusammen kommen, und uns helfen müssen, wenn sie nicht fehl schlagen

soll: wer kann alsdann kühn genug seyn, für den Ausgang zu stehen,

besonders wenn man durch unglückliche Beyspiele geschreckt ist. Man

glaubt in diesen Fällen sehr leicht, daß das, wozu sich eine besondere

Gelegenheit anbietet, mehr als ein Ruf der göttlichen Vorsehung

angesehen werden kann, als das, wozu nichts als unser Entschluß etwas

beygetragen hat. Vielleicht ist dieses zuweilen Vorurtheil. Aber

scheint es uns alsdann nicht Wahrheit, wenn die Unternehmung mißlingt?

Nach Leipzig ohne Ruf und Veranlassung zu gehen, und auf gut Glück

Vorlesungen anzufangen, wie viel Stimmen glauben Sie wohl, daß ich hier

dafür würde gefunden haben? Noch dazu da Leipzig außer unsers Herrn

Ländern liegt, wo, wenn gegen die Regeln der Wahrscheinlichkeit alles

aufs glücklichste fällt, am Ende doch immer die Schwierigkeit übrig

bleibt, die die Versetzung einer ganzen Familie und ihres Vermögens

in einen entfernten Ort mit sich führet. Was blieb mir also bey dem

Wunsch und beynahe bey dem Bedürfniß, das ich hatte, nach Sachsen

zurückzukommen, was blieb mir anders übrig, als eine Art von Beruf

zu wünschen, die mir mehr und stärkere Ursachen verschaffte, mein

Vaterland wieder zu verlassen, als meine bloße Neigung seyn konnte.

Dieses war die erste Ursache, warum ich eine Hofmeisterstelle wünschte,

zu der mich sonst nicht Noth noch eine sehr große Lust, Hofmeister zu

seyn, antrieb. Diesen Gesichtspunkt einmal festgesetzt, erschien mir

die Sache auch von andern Seiten vortheilhaft, so wie gemeiniglich,

wenn unsere Neigung festgesetzt ist, unser Verstand die Mühe über

sich nimmt, sie durch Gründe zu rechtfertigen, die doch nichts dazu

beygetragen hatten, sie hervorzubringen. Ich fand als Hofmeister

eines jungen Herrn von Stande meine Lust, die Welt, und wenn es seyn

könnte, die große Welt etwas kennen zu lernen, befriedigt; ich sah

in der Ferne die Aussicht zu Reisen. Endlich glaubte ich, daß, wenn

sich durch diesen Weg die Schwierigkeiten des akademischen Lebens,

besonders in Leipzig, etwas erleichtert hätten, wenn es dadurch für

mich wahrscheinlicher geworden wäre glücklich zu seyn, als es für

jeden andern ist, der mit eben so viel Zuversicht, wie ich, seine

Vorlesungen anschlägt: daß, sage ich, ich alsdann meine Verwandten und

Freunde durch stärkere Gründe würde bewegen können, einen beständigen

Aufenthalt in Leipzig genehm zu halten. Dieses sind die Ursachen, warum

ich es für nothwendig gehalten habe, unter einem von beyden Vorschlägen

wählen zu müssen.

Wenn sich keine solche Gelegenheiten angeboten, oder wenn ich sie

ausgeschlagen hätte; wissen Sie, was für ein Entwurf an dessen Stelle

getreten wäre? Ich würde diesen Winter in B**** geblieben seyn. (Und

würde ich wohl diese Bitte meiner Mutter haben abschlagen können, wenn

ich ihr weiter nichts, als bloß die Begierde lieber anderswo als bey

ihr zu seyn, zum Bewegungsgrunde hätte vorzulegen gewußt?) Man würde

während der Zeit Versuche auf mich gethan haben, meinen Aufenthalt in

meinem Vaterlande beständig zu machen. Wenn ich gegen alle Vorschläge

hartnäckig genug ausgehalten hätte, so würde ich endlich künftige

Ostern nach Halle gegangen seyn, und zu lesen angefangen haben. Ich

weiß, daß dieß doch vielleicht das Ende der Sache seyn wird. Aber

genug, ich bin zufrieden, wenn es nur jetzt nicht geschieht, und wenn

ich noch zuvor das Ziel von Geschicklichkeit und Wissenschaft an einem

dazu weit bequemern Orte erreiche, ohne welches ich mich selbst für

einen unwürdigen Lehrer der Akademie halten würde. --

Was nun die Wahl unter beyden betrifft, so war die Zeit zur Ueberlegung

kurz; meine Neigung durch die Vortheile der Nation des Ministers, und

durch die Vortheile des Orts bey der andern getheilt; meine Mutter

höchst unschlüssig, furchtsam, mich den Schwierigkeiten und Gefahren

bloß zu stellen, die sie im Dienste der Großen für mich zu finden

glaubte, und doch auch ungewiß, ob die Vortheile diese Gefahren nicht

überwiegen; ich selbst nicht vermögend genug, sie von allen Umständen,

die die J..sche Condition heruntersetzen, zu unterrichten, und nicht

dreist genug, mir alle die Talente zuzuschreiben, die des Grafen seine

zu erfordern schien. Was konnte ich thun, um mich und sie zugleich

zu beruhigen, als die Entscheidung einem Manne auftragen, der beyde

Stellen besser kennen muß, wie ich. --

Noch ist von ihm keine Antwort da. Wenn er für die J..sche entscheidet,

so bestehe ich durchaus auf der Bedingung, Collegia lesen zu dürfen.

Ohne das wird nichts daraus; das versichere ich Sie heilig. Und nun,

l. F., verlassen Sie mich nicht mit Ihrer Liebe, Ihrem Rathe und mit

Ihrem Beystande. In unserer Freundschaft finde ich einen Trost, der mir

jede Schwierigkeiten leichter überwinden, und jeden Kummer ertragen

hilft u. s. w.

Dreyzehnter Brief.

S***witz den 12. Aug.

Wenn Sie noch mehr solche schöne Briefe, und solche angenehme

Erzählungen nach S**** schreiben, so werden alle meine Freunde anfangen

auf mich neidisch zu werden. Wenn Sie nur sehen sollten, mit was für

Begierde hier Jedermann Ihre Briefe erwartet, mit wie viel Ungeduld

wir uns nach dem Bothen umsehen, der sie uns bringen soll, und wie

wenig einer dem andern Zeit lassen will, sie durchzulesen. Sie können

glauben, daß ich mir nicht wenig darauf zu Gute thue, daß an mich die

Briefe zuerst kommen, und daß ich nicht nur dieses Vergnügen zuerst

genieße, sondern es auch alsdann in meiner Macht habe, Gefälligkeiten

damit auszutheilen.

In der That, ich würde meine hiesigen Freunde nicht so hoch schätzen,

wenn sie das Glück, eine solche Freundin zu besitzen, nicht für

beneidenswerth hielten. Meine Mutter insbesondere, die jeder Beweis

von der Rechtschaffenheit ihres Sohnes mehr als alles erfreut --

(und welcher Beweis könnte stärker seyn, als der, daß er von solchen

Freunden ihrer Gewogenheit werth gefunden wird?) meine Mutter ist so

sehr von ihren Briefen eingenommen, daß ein Posttag ohne Briefe ihr

beynahe schon eben so viel Unruhe macht, als mir selbst. Darf ich es

Ihnen wohl erst sagen, daß uns der letzte diese Unruhe gemacht hat?

Denn in der That hatten wir Herz genug, drey Tage nach dem Empfang

Ihres letzten Briefes schon wieder einen neuen zu erwarten.

Ich habe immer geglaubt, man müsse den Menschen aus den Gegenständen

seines Vergnügens kennen lernen. Ich habe Leute gesehen, die in ihren

Geschäften vernünftig genug schienen, und die sich doch nach geendigter

Arbeit in der elendesten Gesellschaft und durch die abgeschmacktesten

Zeitvertreibe erholen konnten. Diese Leute könnte ich nimmermehr zu

meinen Freunden machen. Wenn ich aber Jemand, so wie meine Freundin,

sich an dem Anblick einer tugendhaften und glücklichen Familie erfreuen

sehe; wer durch den Anblick einer zärtlichen und sorgfältigen Mutter,

eines gütigen Herrn, liebreicher und gutgearteter Bedienten, kurz eines

solchen Hauses, wie Sie mir das Gärtnersche beschreiben, gerührt wird,

für dessen Güte bin ich Bürge, und ohne ihn zu kennen, öffnet sich

schon mein Herz gegen ihn zu sympathetischen Empfindungen.

Wie gern möchte ich der Rektor von Königsbrück in dem Augenblick

gewesen seyn, da Sie ihn in seinem Hause überraschten. Ich habe

mich schon oft darüber gefreuet, daß das Schicksal einige unserer

Begebenheiten eben so ähnlich gemacht hat, als es unsere Empfindungen

sind. Ich weiß, Sie sagten mir einmal, daß Sie von allen Ihren Lehrern

wären außerordentlich geliebt worden. Der Besuch in Königsbrück hat

mich wieder an dieses Gespräch erinnert. Mein gütiges Schicksal hat

mir eben so nachsehende, oder eben so liebreiche Lehrer gegeben. Alle

sind meine Freunde gewesen, und haben mich mit einer vorzüglichen

Gewogenheit beschenkt. Sie wissen, daß ich jetzt sogar in dem Hause

meines Lehrers wohne, der aber noch weit mehr mein Freund ist. --

Von diesem glücklichen Montage, wo Sie vergnügt waren, weil Sie andere

vergnügt machten, habe ich Sie mit Freuden wieder zurück an die

Stelle begleitet, wo Sie sonst oft von einem andern mehr ungestümen

Freunde überfallen wurden, der bey Ihnen alle Mal seine Ruhe und seine

Heiterkeit wieder fand, wenn er beydes durch seine eigene Schwäche,

oder durch unglückliche Nachrichten von seinen Freunden, verloren

hatte.

Die Beschäftigungen der Ehegattin, der Hausfrau, der Mutter haben mir

immer die edelsten geschienen, die ein menschliches Geschöpf einnehmen

könnten. Sie sind mir aber jetzt noch viel mehr werth, da ich weiß, daß

es die Beschäftigungen meiner Freundin sind. Ich stelle sie mir hundert

Mal des Tages in jedem dieser Geschäfte vor, und entwerfe mir von ihrem

ganzen Leben den schönsten und vortrefflichsten Plan. Von einer Stufe

der weiblichen Vollkommenheit zur andern führe ich Ihre Wilhelmine

bis zu dem Augenblicke, wo Sie sie einem glücklichen und tugendhaften

Manne zuführen, für den Ihre Sorgfalt sie zubereitet hatte. Indeß, daß

Sie in dieser Ihrer Erstgebohrnen schon alle Freuden und Belohnungen

einer Mutter fühlen, theilen sich noch andere Kleinere in die Sorge und

die Arbeiten einer Mutter. So erblicke ich Sie endlich am Ende Ihrer

Laufbahn, unter der Gestalt einer ehrwürdigen Shirley, das Haupt und

die Krone einer ganzen sich immer mehr ausbreitenden Familie, die durch

Dankbarkeit, durch Hochachtung, durch Liebe, durch alles, was die Natur

zärtliches hat, an Sie gebunden ist. Wenn denn von einem Winkel der

Erde, wo Ihr Freund die Erfüllung seiner Wünsche nur aus der Ferne,

aber doch mit der lebhaftesten Bewegung seines schon matt gewordenen

Herzens hört, wenn er sich aus diesem Winkel einmal hervorbegiebt, um

noch seinen letzten Tagen die Glückseligkeit zu geben, seine Freundin

glücklich zu sehen, und sich unter den Haufen ihrer Kinder mischt --

und ihre Hand mit den Thränen der Freude und Zärtlichkeit benetzt; --

welchen Monarchen würde ich alsdann beneiden?

Sie werden sagen, ich machte Schimären. Aber lassen Sie mich sie immer

machen; sie sind oft viel angenehmer als die Wirklichkeiten. Und

glücklich müssen Sie doch seyn mit den Gesinnungen und dem Herzen,

welches Sie haben; Sie mögen es nun werden, auf was für eine Art Sie

wollen. Und ich muß an Ihrer Glückseligkeit Theil nehmen, als Ihr

Freund -- oder als Ihr Schutzgeist. Denn auch bis dahin führt mich

oft meine Einbildungskraft, wenn sie in der gehörigen Mischung von

Melancholie und Vergnügen ist. Ich prophezeihe mir ein kurzes Leben,

und ich bin sehr damit zufrieden. Ich wäre es noch mehr, wenn ich nur

noch zuvor etwas Gutes gethan, und eine Spur von meinem Daseyn zurück

gelassen hätte. In allen Fällen werde ich doch nicht glauben, umsonst

gelebt zu haben, wenn ich auch nur einen Menschen zurück lasse, den ich

besser oder glücklicher gemacht habe. --

Ich habe von Gellerten noch keine Antwort. Unterdessen habe ich ihm den

Aufsatz geschickt. Wie gern hätte ich zuvor unsern gemeinschaftlichen

Freund zu Rathe gezogen. Ich verwahre die Kopie für ihn, um sein

Urtheil noch hintennach zu erfahren. --

Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin · 第 5 / 7 题