Vertraute Briefe

an

eine Freundin.

Erster Brief.

Dienstags Nachmittags um 3 Uhr,

den 11. May, 1767.

Endlich bin ich wieder bey Ihnen, und vergesse in diesem Augenblicke

alle die Schwermuth, den Verdruß, und die Langeweile, die ich seit

unserer Trennung ausgestanden habe. Wir haben es uns hundert Mal

gesagt, daß die empfindlichen Herzen mehr zum Leiden als zur Freude

gemacht sind. Und wenn ich der Sympathie, die alle unsere Neigungen

einander so gleich gemacht hat, trauen darf, wenn meine Empfindungen

den Ihrigen ähnlich waren, so sind Sie diese drey Tage über nicht

glücklich gewesen. Zuerst eine mehr süße als unangenehme Schwermuth,

aber bald darauf eine finstere und traurige Melancholie, die alle

Ideen der Seele in ihre Farbe kleidete, und selbst der Hoffnung nicht

zuließ, sie zu trösten.

Ich finde, daß ich gemeiniglich in dem Augenblicke, wenn mir ein

Unglück widerfährt -- und unsere Trennung halte ich für eins -- mehr

bestürzt als traurig bin. Die Geschwindigkeit, mit welcher es mich

überrascht, benimmt mir die Fähigkeit darüber nachzudenken. Ich werde

einiger Maßen fühllos, ich erstarre. Aber wenn mein Gemüth wieder ruhig

genug ist, die Größe und die Folgen des Uebels zu überlegen; wenn es

sich die Scenen des Vergnügens wieder vorstellt, deren es jetzt beraubt

ist; wenn es von da sich zu den künftigen Aussichten wendet; dann wird

erst sein ganzes Gefühl rege, und alle seine Kräfte vereinigen sich

bloß dazu, es in der Traurigkeit zu unterhalten.

Ich bin Ihnen noch so nahe, und es scheint mir eine unermeßliche

Entfernung zu seyn. Und doch werde ich Ihnen in einem halben Jahre

nicht näher kommen, -- vielleicht niemals. Aber lassen Sie mich diese

unglückliche Furcht unterdrücken. Ich sehe Sie wieder.... Mein Herz

ist mir dafür Bürge, das der Himmel nicht umsonst mit dem Ihrigen so

sympathetisch gemacht hat. Selbst unter einem entfernten Himmelsstriche

würde ich Sie geliebt haben, ohne Sie zu kennen, -- eine Person,

die Ihnen ähnlich wäre, eine zweyte Wilhelmine. Und nun, da uns die

Vorsicht zusammen gebracht hat, da wir uns haben kennen lernen müssen,

da wir diesen geheimen Zug der Aehnlichkeit in uns entwickelt, unsere

Seelen gegen einander gehalten, und sie so ähnlich gefunden haben, als

zwey freundschaftliche Seelen seyn müssen; da wir überzeugt worden

sind, daß dieses höchste Geschenk der Gottheit, die Freundschaft,

für unsere Herzen gemacht ist: nun sollten wir einander auf immer

verlassen? um wieder in der Welt nach einer uns verwandten Seele zu

suchen und zu seufzen, und sie vielleicht nicht zu finden.

Sie sehen, ich schreibe stolz. Ich nenne mich keck Ihren Freund;

und zwar in der hohen Bedeutung, in welcher dieses Wort nur selten

gebraucht wird. Aber wen sollte auch Ihre Gütigkeit nicht stolz machen.

Mein Herz ist noch von derjenigen gerührt, die Sie mir den letzten

Tag erwiesen haben. Wie oft habe ich mir nicht die Auftritte dieses

Tages von meiner Einbildungskraft wieder vorspielen lassen! Und immer

verweilte ich mich bey dem Augenblicke, wo ich in einer Bestürzung,

die mich von meinen Bewegungen nicht mehr Herr seyn ließ, meinen Huth

suchte, und Sie mir das unerwartete Vergnügen ankündigten, daß ich noch

einen halben Tag länger bey Ihnen seyn könnte. Niemals hat man eine

freundschaftlichere Gefälligkeit zu einer gelegenern Zeit gethan, zu

einer so gelegenen Zeit, daß ich Ihnen die Grausamkeit vergebe, daß Sie

mich die Angst des Abschieds haben zwey Mal empfinden lassen.

Ich sollte Ihnen nun meine Reise beschreiben. Ich wollte sie Ihnen

beschreiben. Ich habe jede Kleinigkeit bemerkt, von der ich hoffte,

daß sie entweder einer kleinen Satyre fähig wäre, oder, durch Ihre

freundschaftliche Theilnehmung an allem was mich betrifft, Ihnen

wichtig seyn könnte. Ich hatte in meinen Gedanken eine ganz kleine

Sammlung von solchen Zügen, und schon dachte ich mit Eitelkeit an

die Reisebeschreibung, die ich daraus zusammensetzen wollte. Aber

dieses war noch in der ersten Zeit, wo der Einfluß Ihrer noch nicht

längst verlornen Gegenwart meiner Seele noch Muth und eine gewisse

Munterkeit erlaubte. Aber seit diesem Zeitpunkte sind alle jene Ideen

weggewischt worden. Der Schmerz hat sie alle so einförmig gemacht, daß

ich sie nicht ohne Mühe, und gewiß ohne Anmuth aus ihrer Dunkelheit

hervorziehen würde. Also will ich Ihnen nur kurz sagen, daß ich meine

Reisegesellschaft nicht genauer kennen gelernt habe, als wir sie im

Wirthshause schon kannten, ausgenommen, daß der Macedonier ein großer

Schläfer war, den ich herzlich beneidete, durch die ärgsten Stöße

niemals in seiner Ruhe gestört zu werden; daß der Herr Magister sehr

wenig sprach, und daß dieses Wenige alle Mal etwas kraftloses und

langweiliges war; daß mein Nachbar ein Kaufdiener, und noch ein vierter

ein Dreßdner war.

Ich selbst habe den Postwagen in W*** verlassen. In der That war

es beynahe eine Unbesonnenheit, die ich beging. Die Sache war so.

Der Postwagen war auf das erschrecklichste befrachtet. Eine Menge

Geldfässer und anderer schwerer Waren! Vier elende und abgetriebene

Pferde würden ihn mit Mühe und Noth bey dem besten Wege gezogen haben.

Aber dieser war entsetzlich. Aus einem Loch ins andere! Ich stieg drey

bis vier Mal ab. Ich ging zu Fuß. Aber so oft ich wieder aufstieg,

verschlechterte sich alle Mal der Weg. Das Gewicht des Wagens machte,

daß er bey jedem Abhange sehr stark schwankte; wir waren zwey Mal in

der größten Gefahr gewesen, umzuwerfen. Endlich bemächtigte sich die

Furcht meiner. Ich dachte an den schrecklichen Fall bey B***werda.

Ich fuhr beständig in Angst. Wir erreichten endlich W***. Einer von

der Gesellschaft, eben der Dreßdner, der eben so furchtsam wie ich

war, nahm hier Extrapost für sich bis H****burg. Ich entschloß mich,

ihm Gesellschaft zu leisten. In der That war es unüberlegt: denn ich

hatte mit genauer Noth so viel Geld bey mir, als nöthig war; und meinen

Koffer hatte ich auf der ordinären zurück gelassen.

Wir kamen um 9 Uhr nach H***burg. Ich fand keinen Menschen aus

G****dorf. Man erwartete mich erst Montags. Ich wußte also von neuem

nicht, wie ich nach G****dorf hinüber kommen sollte. Ich erwartete

erstlich die ordinäre Post, um meinen Koffer zu haben. Ich ganz

allein, in der Poststube, wo ein durch die jetzigen Meßexpeditionen

abgematteter Postschreiber auf einem Stuhle schlief, bey einem kleinen

einsamen Lämpchen, hatte alle mögliche Zeit zur Schwermuth. In der That

brachte ich die Stunden höchst traurig zu. Endlich kam mein Koffer.

Ich nahm noch einmal Extrapost nach G****dorf. Hier kam ich um 11 Uhr

an. Meine Freunde, oder vielmehr mein Freund, der eben zu Bette gehen

wollte, empfing mich liebreich.

Hier lebe ich nun nicht mit der düstern Melancholie, die durch die

Einsamkeit genährt wird, aber in einem gewissen Tiefsinn, den man mir

auch anmerkt. Ich habe kaum diesen Augenblick finden können. Man ruft

mich schon etliche Mal, und ich muß nothwendig den Brief endigen,

ob ich gleich nicht den hundertsten Theil von dem gesagt habe, was

ich Ihnen sagen wollte. Was für eine elende, unvollkommene Art der

Unterredung ist doch ein Brief! Gott segne Sie. Von ganzem Herzen

der Ihrige.

Zweyter Brief.

G***dorf, den 28. May,

1767.

Ich reise diesen Augenblick von hier nach H****burg. Dort erwarte ich

Hr. M.. und mit ihm -- das angenehmste, was ich in meinen gegenwärtigen

Umständen erhalten könnte, Ihre eigne Gegenwart ausgenommen.

Ich fange an, das Leben als eine lange und oft beschwerliche Reise

anzusehen, auf der wir von einem höhern Führer geleitet werden. Von

Zeit zu Zeit kommen einige angenehme Ruheplätze, wo wir uns nur erholen

sollen, und wo wir ganz und gar zu wohnen wünschen. Ihr Haus und ihre

Gesellschaft war einer von diesen. Ich fing schon an in demselben zu

vergessen, daß ich bloß zur Fortsetzung meiner Reise gestärkt werden

sollte. Es kommt der fürchterliche Befehl zum Aufbruche. Ich verlasse

in einer Art von Betäubung den angenehmen Aufenthalt. Endlich kommt

meine Empfindung wieder; aber nur um mich meinen Verlust fühlen zu

lassen. Lange, lange sehe ich mit einer zaudernden Sehnsucht nach dem

gewünschten Orte zurück, indeß ich mich immer mehr von ihm entferne.

Dort, dort, sage ich, ist meine Freundin, und ich reise nach der

entgegenstehenden Gegend. +Von einem unbefriedigten Verlangen zur

Schwermuth ist nur ein einziger Schritt.+ Endlich verlieren sich alle

diese schmerzhaften Ideen in dem Gedanken an meinen großen und gütigen

Anführer. Er ist zugleich der Führer meiner Freundin. In ihm, unserm

gemeinschaftlichen Vater, vereinigen sich wieder unsere Seelen, wenn

sie auch durch noch so weite Entfernungen von einander getrennt sind.

+So ist der Schmerz oft unser Lehrer; und eine menschliche Seele, die

niemals traurig gewesen wäre, müßte gewiß lasterhaft seyn.+

Die Pferde sind angespannt, alles ist fertig. Ich schreibe mitten unter

dem Geräusch. -- Ich bin unaufhörlich

der Ihrige.

Dritter Brief.

B***, den 3. Juni.

Fleuch, Brief, eile, so geschwind wie meine Gedanken, um es meiner

besten Freundin zu sagen, daß ich meine Reise überstanden, daß ich

meine Mutter wieder gesehen habe, und daß ich mich doch über beydes nur

halb so sehr freue, als wenn sie mit daran Theil nähme.

O meine gefühlvolle Freundin, was wäre das für eine Scene für Sie

gewesen, da ich meine Mutter wieder sah. Denken Sie nur. Sie wußte

nicht ein Wort davon, daß ich Sonntags kommen würde. Der Himmel hatte

sogar zu meinem Glück den Brief unrichtig gehen lassen, worin ich es

Ihr von G****dorf aus meldete. Sie war den Tag zuvor mit meinem alten

Lehrer (den Sie schon kennen und hochschätzen) dem Hrn. Ringeltauben,

vom Lande herein gekommen. Die Wiederkunft in die Stadt hatte

den Schmerz über den Verlust der liebenswürdigsten Tochter wieder

aufgeweckt. Meine Reise war ihr ein neuer Kummer. Eine Menge von andern

unangenehmen Umständen hatte ihr Gemüth für das Vergnügen verschlossen.

Sie stand am Fenster in einer bekümmerten und traurigen Stellung. Zu

eben der Zeit komme ich an. Ich steige bey einem fremden Hause ab. Ich

fliege mit einer gewissen Art von ängstlicher Eile über die Straßen.

Ich komme an das Haus meiner Mutter, ohne daß mich ein Mensch gewahr

wird, die Treppe hinauf, fort, fort, bis an das Zimmer meiner Mutter.

Ich eröffne die Thüre mit Zittern. In diesem Augenblicke sehe ich meine

Mutter mit ausgebreiteten Armen auf mich zufliegen. -- Mein Sohn, mein

allerliebster Sohn, du bist es! -- Ihre Thränen ersticken das übrige.

Ich war völlig sprachlos. Ich küßte alle, die in der Stube waren, ohne

ihnen ein Wort zu sagen. Ich ging, wie ein Mensch in der Irre, von

einem zum andern herum, ohne zu wissen, wer um mich war, und was in

mir selbst vorging. Endlich fingen die Thränen an zu fließen. Mein

Herz wurde leichter. Meiner Mutter ihres auch. Ein sanfter und stiller

Schmerz über die Abwesenheit einer Person, die ich bey einem solchen

Auftritte am liebsten würde gegenwärtig gesehen haben, vermischte

sich mit unserer Freude, und brachte eine gewisse stille, aber nicht

verdrießliche Schwermuth hervor, die unter allen Zuständen der Seele

vielleicht der angenehmste ist, und den sie am längsten aushalten kann.

O meine gütigste Freundin! Ich habe noch nicht alles gewußt, was ich

an meiner Cousine verloren habe. Die liebenswürdigste Gestalt, ein

richtiger und durchdringender Verstand, ein sicheres und feines Gefühl,

Adel und Hoheit in den Empfindungen, Unschuld und Tugend im Herzen;

das waren die Vorzüge, die jeder an ihr kannte, und jeder, der für

Vollkommenheiten von dieser Art Augen hat, hochschätzte. Aber sie war

für mich noch mehr. Sie war die einzige Freundin, der Trost und die

Stütze meiner Mutter, das Band unserer Familie, die Hoffnung und die

Belohnung eines Freundes, den ich verehre, und der in ihr sein Glück

würde gefunden haben. Denken Sie, was ich dabey fühlen muß, wenn man

mir noch die letzten Beweise ihrer Gewogenheit gegen mich erzählt,

ihren Wunsch, mich wieder zu sehen, ihre Freude bey der Hoffnung von

meiner nahen Zurückkunft. Ist denn alles, was gut und vortrefflich ist,

nur bestimmt, zu leiden und zu sterben?

Schon fange ich an, für Sie selbst zu fürchten. Eine so gute,

rechtschaffene Frau, eine so zärtliche Freundin, eine so verständige

Mutter, ist vielleicht nur ein Darlehn, kein Geschenk, das der Himmel

der Erde macht. Werden Sie ja wieder gesund, oder Sie machen mich ganz

melancholisch. Ich bin es ohnedieß schon halb; meine Mutter kränklich,

von Schmerz und Kummer verzehrt; mein Onkel seiner geliebtesten Tochter

beraubt; meine übrigen Freunde theils zerstreut, theils unglücklich:

ist das nicht mehr als genug, selbst ein hartes Herz zu beunruhigen? --

Sie sehen, ich habe Ihre Briefe erhalten. Einen durch Hrn. M.., den

andern gestern mit der Post. Sie sind die angenehmste unter meinen

Ergötzungen gewesen. Was meynen Sie wohl? Herr M.. gab mir ihn erst

in Stauchitz. Bis dahin sagte er nicht ein Wort, daß er einen Brief

von irgend einem Menschen hätte. Glauben Sie nicht, daß mich diese

fehlgeschlagene Hoffnung, einen Brief von Ihnen zu bekommen, den Weg

über sehr unruhig machte? Und doch fürchtete ich mich zu fragen, weil

ich den Zweifel für besser hielt, als einer unangenehmen Sache gewiß zu

seyn. Endlich wagte ich es, ihn ganz leise zu fragen, ob er von Niemand

Briefe hätte. Ja, sagte der Mensch ganz gelassen, ich habe einen von

***. Was ist doch der Mann für eine Schlafmütze, dachte ich. Geschwind,

geschwind her mit dem Briefe! Aber was ist denn das für eine Dame, die

an Sie so zeitig schreibt? -- Eine gute Frau, eine recht sehr gute

Frau! Aber geben Sie mir den Brief her. Nun denken Sie sich das übrige.

--

Den Augenblick kommt man, und sagt, daß die Post abgeht, und ich meine

Briefe würde hier behalten müssen. Ums Himmelswillen, mein lieber

Post-Sekretär, wenn ich Euch jemals eine solche Freundin, wie ich habe,

wünschen soll, so bestellt diesen Brief an die meinige!

Vierter Brief.

B***, den 8. Juni.

Ungeachtet ich anfangs über die neue Einrichtung, die es Ihnen mit

meinem Posttage vorzunehmen beliebte, ein bischen murrete, so muß

ich Ihnen doch jetzt sagen, daß Sie es recht gut gemacht haben. Sie

kennen die Theorie des Vergnügens. Sie wissen, wie notwendig es sey,

seine Vergnügungen zu sparen, um sie recht zu genießen. Durch Ihre

gegenwärtige Einrichtung haben Sie zwischen dem Vergnügen, von Ihnen

Briefe zu bekommen, und dem beynahe eben so großen, Briefe an Sie zu

schreiben, fast gleiche Zwischenräume gesetzt, da sie sich vorher

unmittelbar auf einander drängten. Auf diese Art wird mir die Zeit von

einem Freytage zum andern kürzer, und zwischen beyden Unterredungen,

die ich mit Ihnen die Woche halte, bey deren einer ich Sprecher, und

bey der andern Hörer bin, ist doch auch Raum genug, um das Verlangen

nach einer neuen wieder recht lebhaft zu machen.

Wissen Sie, was mir das ärgste bey dieser Art von Umgang zu seyn

scheint? Dieses, daß ein Brief, den man (wenn unsere Freunde sehr gütig

sind) acht Tage erwartet hat, in eben so viel Minuten zu Ende gelesen

ist, und nach Verlauf dieser glücklichen acht Minuten, in denen man den

Brief lieset, schon wieder die neuen acht Tage angehen, in denen man

auf den folgenden wartet. Bey alle dem bin ich doch noch immer sehr

glücklich, daß Sie so gütig sind, und meinem Vergnügen alle Wochen

einen Theil Ihrer Zeit schenken. Ihre Briefe geben mir wieder in meinen

Augen einen gewissen Werth. Und dieses ist sehr nöthig, da ich mir hier

zuweilen in gewissen Gesellschaften recht einfältig vorkomme.

Ich habe mir vorgenommen, Ihnen heute viel von mir selbst

vorzuschwatzen. Nicht eben, daß ich mich für einen sehr guten

Gegenstand des Gesprächs hielte; aber ich habe heute nun einmal keinen

bessern, oder wenn ich ihn hätte, so wäre ich nicht dazu aufgelegt, ihn

zu nutzen. Ich muß mich also schon mit mir selbst begnügen. Ueberdieß

sind Sie selbst daran schuld, daß Sie mir die Eitelkeit in den Kopf

gesetzt haben, als wenn alles, was mich anginge, sehr wichtige Sachen

für Sie seyn müßten. Diese Einbildung mache ich mir also zum Vortheile

meiner Trägheit zu Nutze, und mache getrost meine Briefe zu einem

guten, ehrlichen Zeitungsblatte von mir selbst. Heute sollen Sie also

erfahren, wie ich meinen Tag hier gewöhnlicher Weise zubringe; obgleich

der Ausnahmen beynahe so viel sind, als der Fälle, die unter die Regel

gehören.

So wissen Sie denn, daß ich nicht bloß gewöhnlich, sondern beständig

sehr spät aufstehe. Dieses +spät+ aber müssen Sie weder früher noch

später annehmen, als acht Uhr des Morgens nach B***scher Uhr. Ich habe

schon lange die Ursachen dieser Begebenheit, die mit meinen Entwürfen

und Vorsätzen so wenig übereinstimmt, aufgesucht; ich bin aber noch

nicht weiter als bis auf die Dunkelheit der Alkove gekommen, in der

ich liege, und die der Sonne vor Mittag den Besuch nicht erlaubt.

Dieses ist ein sehr gutes Mittel die fernere Untersuchung wenigstens

aufzuschieben, die sich vermuthlich damit endigen würde, daß ich ein

wenig faul wäre.

Der erste Gedanke, wenn ich erwache, ist, nach einem kurzen Dank

für das Geschenk eines neuen Tages, der Gedanke an meine Freunde.

Wie glücklich, denke ich alsdann, bin ich, daß ich wieder in einer

Welt erwache, in der so manches edle, vortreffliche Herz an meinem

Leben und an meiner Wohlfahrt Theil nimmt! Ich überzähle alsdann

mit aller der Begierde, mit der ein reicher Geitziger am frühen

Morgen seine Summen wieder überzählt, die Anzahl dieser Freunde. Ich

bin nicht mißvergnügt, daß ich sie so klein finde. +Das Herz liebt

desto stärker, je mehr es konzentrirt ist.+ Dieser stille Genuß der

Glückseligkeit, Freunde zu haben, bereitet mich zu einer andern vor;

-- zu der, ihnen Gutes zu wünschen. Wie rührt und wie erhebt mich in

diesem Augenblicke ein Gedanke an den Herrn und den Vater, den ich mit

allen meinen Freunden gemein habe. Er ist bey ihnen, so wie bey mir

gegenwärtig; er regiert ihr Leben, so wie das meinige; er sorgt für

ihre Glückseligkeit mit alle dem Eifer, mit dem ich dafür sorgen würde,

wenn ich die Macht dazu hätte. Durch diese Erinnerung scheinen sich mir

die weitesten Entfernungen zu verengern. Ich vereinige mich mit meinen

Freunden. Bürger einer und derselben großen Republik, in einerley

gemeinschaftlichen Plan von allgemeiner Glückseligkeit verflochten,

von einerley Gesetzen regiert und von gleichen Hoffnungen belebt, sind

unsere Geister unter einem beständigen, gemeinschaftlichen Einfluß eben

derselben Güte! --

Ich muß mich mit Gewalt von diesen Betrachtungen losreissen. Das

Vergnügen macht geschwätzig. Und doch sind Worte so wenig fähig,

Vergnügungen von der Art zu beschreiben, daß man nothwendig entweder

einem Herzen, das sie niemals empfunden hat, verdrießlich, oder einem

solchen, das sie kennt, matt und kraftlos vorkommen muß. Auf diese

geheimen Ergötzungen folgt eine andere, an der meine liebe Mutter, und

meine Cousine, die beständig bey ihr ist, Theil nimmt. Wir trinken

gemeinschaftlich auf einem kleinen Altan, den wir haben, und der mit

Grünem besetzt ist, Thee. Sie wissen schon, was ich Ihnen sonst von dem

Vergnügen der Theestunde vorgeschwatzt habe; und in der That bleibt es

noch immer eine der schönsten Stunden des ganzen Tages. Sie können es

auch daraus schließen, daß wir sie fast niemals vor zehn Uhr endigen.

Ich habe mich hier zum Lekteur meiner ganzen Familie aufgeworfen, und

man hört mich noch so ziemlich gern. Ich lese also diesem Amte zu

Folge auch manchmal beym Thee ein Stück vor. Das gewöhnlichste aber

ist, daß wir bloß sprechen; sehr oft von Leipzig, noch weit öfter

von Ihnen; das können Sie denken. Um zehn Uhr gehe ich herunter, und

diese beyden Stunden bis zu Mittage lasse ich mir ungern rauben. Mein

Geist wird ohne eine tägliche Nahrung trocken und leer. Er ist keine

immerbrennende Flamme, die durch ihre eigene Kraft in die Höhe steigt.

Er ist wie das in Stein eingeschlossene Feuer, das nur von Zeit zu Zeit

Funken giebt, und auch diese müssen erst heraus geschlagen werden. Ich

lese also in diesen zwey Stunden, oder ich schreibe. Das was ich lese,

und was ich davon denke, das sollen Sie alles nach und nach erfahren. --

Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe

sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der

beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet

verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu

kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die

Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr

mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen,

eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen

einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes

und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes

Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter,

als die Klagen, von denen meine Ohren hier gar nicht ausruhen. Denn

alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen

Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt

Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir

Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne

welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden,

an unserm Tische sitzen sehen! --

Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde

den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen,

nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten,

wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen

sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, --

um meinen Traum zu vernichten. --

Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen

Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich

heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und

noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der sie beynahe aus ihrem

Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir

heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine

Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. --

Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie

wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den

Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey

Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben,

daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen,

wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist

ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir

fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander

Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann

und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen

Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal

zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.

Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist

mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer

kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl.

Ich bin --

Christian Garve's Vertraute Briefe an eine Freundin · 第 4 / 7 题