Ei Mann! Was denn! Sei du fröhlich Mann!

Nimm dich und fang nit Jammerns an!

Nur eins mußt dir gesagt sein lassen

Mich bringst einmal nit in die Gassen.

(_Er geht._)

JEDERMANN

(_zum dünnen Vetter_):

Mein Vetter willst nit mit mir gehn?

DÜNNER VETTER:

Hab jetzt, Gotts Tod, Krampf in den Zehen

Ist ein arg Übel, Jedermann

Das fällt mich unversehens an.

DICKER VETTER

(_bleibt nochmal stehen und spricht über die Schulter zurück_):

Uns wirst nit verführen, das laß nur sein

Doch hab ich ein schön gut Kind daheim

Die mächtig gern auf Reisen geht

Wenn die dir zu Gesichte steht,

Die geb ich dir in guter Art,

Leicht, daß sie mit dir geht auf deine Fahrt.

JEDERMANN:

Nein, zeig mir an, weß Sinnes du bist

Ob ich in meiner ärgsten Pein

Von dir soll dran gegeben sein,

Ob du willst mit mir gehn oder dahinten bleiben.

Das ist alles, was ich wissen muß.

DICKER VETTER:

Dahinten bleiben und ein'n schönen Gruß

Auf Wiedersehen ein andermal.

(_Sie gehen._)

JEDERMANN:

Ach Jesus, ist das aller Dinge End,

Versprochen haben sie mir gar viel,

Vom Halten lassen sie ihre Händ.

DÜNNER VETTER

(_wendet sich und tritt nochmals an Jedermann heran_):

Es ist nicht üblich in solcher Weis

Die Leut zu beschicken zu einer Reis

Dergleichen Anmutung ist nit zart

Und hat mir keine rechte Art.

Hast deiner leibeignen Knecht genug

Die magst dazu aufbieten mit Fug.

Aber die lieben Verwandten dein,

Sollten da zu wert dir sein.

(_Geht._)

JEDERMANN:

Leibeigene Knecht, was sollen mir die,

Wenn ich die mitnähm, das wär ein Ding,

Davon ich Hilfe hätt gering.

(_Er sieht sich um._)

Ist alls zu End das Freudenmahl

Und alle fort aus meinem Saal?

(_Er geht hinauf zu dem Tisch. Etliche, die dort noch saßen und

tranken, werden ihn gewahr, springen auf und flüchten. Der Tisch

versinkt._)

Bleibt mir keine andere Hilfe dann,

Bin ich denn ein verlorner Mann?

Und ganz alleinig auf der Welt,

Ist es schon so um mich bestellt,

Hat mich =Der= schon dazu gemacht,

Ganz nackend und ohn alle Macht,

Als läg ich schon in meinem Grab,

Wo ich doch mein warm Blut noch hab

Und Knecht mir noch gehorsam sein

Und Häuser viel und Schätze mein,

Auf! schlagt die Feuerglocken drein!

Ihr Knecht nit lungert in dem Haus

Kommt allesamt zu mir heraus.

(_Hausvogt mit etlichen Knechten kommen eilig._)

JEDERMANN:

Ich muß schnell eine Reise tun

Und das zu Fuß und nit zu Wagen,

Gesamte Knecht, die sollen mit

Und meine große Geldtruhen,

Die sollen sie herbeitragen.

Die Reis wird wie ein Kriegszug scharf

Daß ich der Schätze sehr bedarf.

HAUSVOGT:

Die schwere Truhn, die drinnen steht?

JEDERMANN:

Ja, eilig, ohne viel Gered.

(_Mehrere Knechte sammeln sich, ihrer acht bringen die schwere Truhe

getragen._)

Hab Euch berufen für eine Reis,

Daß jeder mir Gehorsam erweis.

Die Reis ist seltsam und recht weit

Und fordert zuverlässige Leut,

Daß sie in aller Still gescheh

Des ich zu Euch mich wohl verseh.

KNECHT:

Die Truhen, die ist marterschwer.

HAUSVOGT:

Ihr tut, was anbefiehlt der Herr.

JEDERMANN:

Nun, wollen wir die Reis angehen,

Ganz in der Still, heimlicher Weis.

(_Tod tritt in etlicher Entfernung hervor._)

ERSTER KNECHT:

Dort steht ein Teufel und winkt uns Halt.

HAUSVOGT:

Nein, ist der Tod grausamer Gstalt,

Er kommt auf uns zu mit Gewalt.

(_Knechte lassen die Truhen stehen und fliehen, Hausvogt

desgleichen._)

TOD:

Du Narr, bald ist die Stund vertan

Nimmst immer noch Vernunft nit an.

Weißt nit ein recht Geleit zu suchen,

Bald wirst verzweifeln und dir fluchen.

(_Verschwindet._)

JEDERMANN:

Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod,

Der Angstschweiß bricht mir aus vor Not

Kann der die Seel im Leib uns morden

Was ist denn gählings aus mir worden?

Hab immer doch in bösen Stunden

Mir irgend einen Trost ausgfunden.

War nie verlassen ganz und gar,

Nie kein erbärmlich armer Narr.

War immer wo doch noch ein Halt

Und habs gewendet mit Gewalt.

Sind all denn meine Kräft dahin,

Und alls verworren schon mein Sinn,

Daß mich kaum mehr besinnen kann,

Wer bin ich denn: der Jedermann,

Der reiche Jedermann allzeit.

Das ist mein Hand, das ist mein Kleid

Und was da steht auf diesem Platz,

Das ist mein Geld, das ist mein Schatz,

Durch den ich jederzeit mit Macht

Hab alles spielend vor mich bracht.

Nun wird mir wohl, daß ich den seh

Recht bei der Hand in meiner Näh.

Wenn ich bei dem verharren kann

Geht mich kein Graus und Ängsten an.

Weh aber, ich muß ja dorthin,

Das kommt mir jählings in den Sinn.

Der Bot war da, die Ladung ist beschehn

Nun heißt es auf und dorthin gehn.

(_Wirft sich auf die Truhe._)

Nit ohne dich, du mußt mit mir,

Laß dich um alles nit hinter mir.

Du mußt jetzt in ein andres Haus

Drum auf mit dir und schnell heraus.

(_Die Truhe springt auf, Mammon richtet sich auf. Groß._)

MAMMON:

Ei Jedermann, was ist mit dir?

Du bist ja grausamlich in Eil

Und bleich wie Kreiden all die Weil.

JEDERMANN:

Wer bist denn du?

MAMMON:

Kennst vom Gesicht mich nit

Und willst mich dorthin zerren mit?

Dein Reichtum bin ich halt, dein Geld,

Dein eins und alles auf der Welt.

JEDERMANN

(_sieht ihn an_):

Dein Antlitz dünkt mir nit so gut

Gibt mir nit rechten Freudenmut

Das ist gleichviel, du mußt mitgehen.

MAMMON:

Was solls, kann alls von hier geschehen,

Weißt wohl, was ich in Mächten hab,

Sag was dich drückt, dem helf ich ab.

JEDERMANN:

Die Sach ist anderster bewandt

Es ist von wo um mich gesandt.

MAMMON:

Von --

JEDERMANN

(_schlägt die Augen nieder_):

Ja, es war ein Bot bei mir.

MAMMON:

Ist es an dem, du mußt von hier?!

Ei was, na ja, gehab dich wohl

Ein Bot war da, daß er ihn hol

Dorthin, das ist ja schleunig kommen

Hab vordem nichts derart vernommen.

JEDERMANN:

Und du gehst mit, es ist an dem.

MAMMON:

Nit einen Schritt, bin hier bequem.

JEDERMANN:

Bist mein, mein Eigentum, mein Sach.

MAMMON:

Dein Eigen, ha, daß ich nit lach.

JEDERMANN:

Willst aufrebellen, du Verflucht! du Ding!

MAMMON

(_stößt ihn weg_):

Du, trau mir nit, dein Wut acht ich gering,

Wird umkehrt wohl beschaffen sein.

Ich steh gar groß, du zwergisch klein.

Du Kleiner wirst wohl sein der Knecht

Und dünkts dich, anders wärs gewesen,

Das war ein Trug und Narrenwesen.

JEDERMANN:

Hab dich gehabt zu meim Befehl.

MAMMON:

Und ich regiert in deiner Seel.

JEDERMANN:

Warst mir zu Diensten in Haus und Gassen.

MAMMON:

Ja, dich am Schnürl tanzen lassen.

JEDERMANN:

Warst mein leibeigner Knecht und Sklav.

MAMMON:

Nein, du mein Hampelmann recht brav.

JEDERMANN:

Hab dich allein gedurft anrühren.

MAMMON:

Und ich alleinig dich nasführen.

Du Laff, du ungebrannter Narr,

Erznarr du, Jedermann sieh zu

Ich bleib dahier und wo bleibst du?

Was ich in dich hab eingelegt

Darnach hast du dich halt geregt.

Das war ein Pracht und ein Ansehen

Ein Hoffart und ein Aufblähen

Und ein verflucht wollüstig Rasen,

War alls durch mich ihm eingeblasen,

Und was ihn itzt noch aufrecht hält

Daß er nit platt an' Boden fällt

Und alle Viere von sich reckt

Und hält ihn noch emporgestreckt

Das ist allein sein Geld und Gut

Da hier springt all dein Lebensmut.

(_Hebt eine Handvoll Geld aus der Truhe und läßt es wieder fallen._)

Fällt aber in die Truhen zurück

Und damit ist zu End dein Glück.

Bald werden dir die Sinn vergehen

Und mich wirst nimmer wiedersehen.

War dir geliehen für irdische Täg

Und geh nit mit auf deinen Weg,

Geh nit, bleib hier, laß dich allein

Ganz bloß und nackt in Not und Pein.

Ist alls um nichts dein Handausrecken

Und hilft kein Knirschen und Zähnebläcken,

Fährst in die Gruben nackt und bloß,

So wie du kamst aus Mutter Schoß.

(_Bückt sich, die Truhe springt zu._)

(_Jedermann ohne Sprache, eine lange Stille._)

(_Werke wird sichtbar, einer Kranken gleich, auf einem elenden Lager

gebettet, richtet sich halb auf und ruft mit schwacher Stimme_):

WERKE:

Jedermann!

(_Jedermann hört nicht._)

WERKE:

Jedermann, hörst mich nicht?

JEDERMANN

(_vor sich_):

Ist als wenn eins gerufen hätt,

Die Stimme war schwach und doch recht klar,

Hilf Gott, daß es nit meine Mutter war.

Ist gar ein alt, gebrechlich Weib,

Möcht, daß der Anblick erspart ihr bleib.

O nur so viel erbarm dich mein,

Laß das nit meine Mutter sein!

WERKE:

Jedermann!

JEDERMANN:

Seis wer da will, hab itzt nit Muß

Für irdisch Händel und Verdruß.

WERKE:

Hörst mich nit, Jedermann?

JEDERMANN:

Ist ein krank Weib,

Was kümmerts mich, soll sehen wo sie bleib.

WERKE:

Mein Jedermann, ich gehör zu dir,

Um deinetwillen lieg ich hier.

JEDERMANN:

Wie soll denn das bewendet sein?

WERKE

(_richtet sich halb auf_):

Sieh, ich bin all die Werke dein.

JEDERMANN:

Ich will kein Spott, ich sterb allweg.

WERKE:

Komm doch zu mir den kleinen Weg.

(_Sinkt zurück._)

JEDERMANN:

Das wird mit Willen nit geschehen,

Meine Werke will ich jetzt nit sehen.

Ist nit der Anblick, nach dem mich verlangt.

WERKE:

Bin schmählich schwach, muß liegen hier,

Wär ichs imstand, ich lief zu dir.

JEDERMANN:

Brauch nit ein fremd Gebrest dahier,

Liegt Angst und Marter gnug auf mir.

WERKE:

Mich brauchst, der Weg ist schreckbar weit,

Bist annoch ohne ein Geleit.

JEDERMANN:

Des Weges muß ich jetzt allein --

WERKE:

Nein, ich will mit, denn ich bin dein.

JEDERMANN (_sieht hin._)

WERKE:

Auf mir liegt viel Gebrest und Last

Indem du mein gedacht nit hast.

Ohn dich könnt ich mich flink bewegen

Lief dir zu Seit auf allen Wegen.

JEDERMANN

(_geht zu ihr_):

O Werke mein, mit mir stehts schlecht.

Ist mir gar sehr um guten Rat

Und das mir eines Hilfe brächt!

WERKE

(_richtet sich mühselig an ihren Krücken auf_):

Jedermann, ich hab wohl vernommen

Du bist entboten zu deinem Erlöser,

Vor ein höchst Gericht zu kommen!

Willst du nit gehen verloren, Mann,

Tritt nit allein die Wanderung an,

Das sag ich dir!

JEDERMANN:

Willst du mit mir?

WERKE:

Ob ich mit dir den Weg will gehn?

Fragst du mich das, mein Jedermann?

JEDERMANN

(_sieht ihr in die Augen_):

Wie du mich sehnlich siehest an

Ist mir, als hätt in meinem Leben,

Nit Freund, noch Liebste, nit Weib noch Mann

Mir keinen solchen Blick gegeben!

WERKE:

O Jedermann, daß du so später Stund,

Dich kehrest zu meinem Aug' und Mund!

JEDERMANN:

Hast ein Gesicht verhärmt und bleich

Und dünkt mich doch an Schönheit reich.

Mir ist, je mehr ich dich anseh

So mehr wird mir im Herzen weh,

Und sänftlich auch, vermischter Weis,

Daß ich mich nit zu nehmen weiß.

Mir ist, könnt deiner Augen Schein

Durch meine Augen dringen ein,

Ein großes Heil und Segen dann

Geschäh an einem armen Mann.

Doch weiß ich, dies ist nun versäumt

Und jetzt ist alls nur wie geträumt!

WERKE:

Hättest erkannt in deinem Sinn,

Daß ich nit völlig häßlich bin,

Wärest bei mir verblieben viel

Und fern der Welt und bösem Spiel!

Komm näher, meine Stimm ist leis --:

Bei Armen wärest eingegangen

Recht als ihr Bruder, heiliger Weis,

Und göttlich Leid und irdischen Schmerz

Die hättest zu lieben angefangen

Und aufgegangen wäre dein Herz.

Und ich, wie ich gebrechlich bin,

Ich wär, verklärt vor deinem Sinn,

Dir worden ein göttliches Gefäß,

Ein Kelch der überströmenden Gnaden

Dazu deine Lippen waren geladen.

JEDERMANN:

Und dich hab ich mögen erkennen nicht!

War so verblendet mein Gesicht!

O weh, was sind wir für Wesen dann

Wenn solches uns geschehen kann!

WERKE:

Ich war ein Kelch der vor dir stand,

Gefüllt vom Himmel bis an den Rand,

Von Irdischem war darin kein Ding,

Drum schien ich deinen Augen gering.

JEDERMANN:

O könnt ich sie ausreißen beid

Mir wär im Dunklen nit so bang

Als da sie mich zu bittrem Leid

Falsch han geführt mein Leben lang!

WERKE:

O weh, nun müssen die Lippen dein,

Auf ewig ungetränket sein!

Hast wollen dich tränken an der Welt,

Da ward der Kelch dir weggestellt!

JEDERMANN:

Des fühl ich ein wütendes Dürsten schon

Durch alle meine Adern rinnen

Und Raserei in allen Sinnen!

Da hab ich meines Lebens Lohn!

WERKE:

Das ist die bitter brennend Reu

Das sind deine ungelittenen Leiden!

O könnten dein Herz sie schaffen neu,

Wie selig wäre das uns Beiden!

JEDERMANN

(_wirft sich auf den Boden_):

So wollt ich ganz zernichtet sein,

Wie an dem ganzen Wesen mein

Nit eine Fiber jetzt nit schreit

Vor tiefer Reu und wildem Leid!

Zurück! und kann nit! Noch einmal!

Und kommt nit wieder! Graus und Qual!

Hie wird kein zweites Mal gelebt!

Nun weiß die aufgerissne Brust,

Als sie es nie zuvor gewußt,

Was dieses Wort bedeuten mag:

Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag!

WERKE

(_auf ihren Knien_):

Mag diese Reu, so brennend groß,

Mich nit vom Boden winden los,

Weh, mag ich nit auf Füßen stehn!

Und ihm die Stund zur Seiten gehn!

(_Sie sinkt an den Boden._)

Bin ich so elend schwach und krank!

JEDERMANN:

Für jedes Ding kommt halt der Dank!

Werke, um alles! laß mich nit im Stich!

Bin sonst verloren sicherlich!

Hilf du mir, Rechenschaft zu geben

Vor dem, der ist Herr über Tod und Leben

Und König in der Ewigkeit,

Sonst bin ich verloren für alle Zeit!

WERKE:

O Jedermann!

JEDERMANN:

Laß mich nit ohne Rat!

WERKE:

Ich hab eine Schwester, Glaube genannt,

Wenn die wollt sich erbitten lassen,

Daß sie mit dir zög deine Straßen

Und trät mit dir vor Gotts Gericht!

JEDERMANN:

Ruf die um alls! die Zeit entfliecht!

WERKE:

Mag sein, sie kehrt von dir sich ab,

Dann mußt du ungetröst ins Grab.

Wirst du recht mit ihr reden können

Wird sie dir ihre Hilf vergönnen.

JEDERMANN:

Wenn einer keine Zungen hätt,

Die Angst und Not macht ihn beredt!

GLAUBE (_kommt gegangen._)

WERKE:

War nit von Nöten laut Geschrei,

Ich fühl, die Schwester kommt herbei!

Lieb Schwester, der Mann ist schwer in Not.

Willst ihm beistehn bei seinem Tod?

Mir fehlt die Kraft, bin allzuschwach,

Kann nit vertreten seine Sach.

(_Sinkt hin._)

GLAUBE

(_zu Jedermann_):

Hast mich dein Leben lang verlacht

Und Gottes Wort für nichts geacht,

Geht nun in deiner Todesstund

Ein ander Red' aus deinem Mund?

JEDERMANN:

Ich glaub -- ich glaub --

GLAUBE:

Die Red' ist arm!

JEDERMANN:

O, daß sich meiner Gott erbarm!

Ich glaub die zwölf Artikel mit Fleiß

Die ich von Kindschulzeiten weiß:

Was sie vorstellen ganz und gar,

Nehm ich für heilig hin und wahr.

GLAUBE:

Das ist des Glaubens ein ärmlich Teil.

Baut dir hinüber keine Brück.

Weißt du nit besseres unverweil?

JEDERMANN:

Ich glaub -- an Gottes Langmut

Wenn einer bei Zeiten Buß tut.

Aber ich bin in Sünden zu weit

Dahin reicht keine Barmherzigkeit.

GLAUBE

(_tut einen Schritt auf ihn zu_):

Bist ganz in Wollust denn ertrunken

In Lastern völlig gar versunken,

Daß dir nit auf die Lippen kommt

Was ewig deiner Seelen frommt?

(_Neigt sich zu ihm._)

JEDERMANN:

Ich glaub --

GLAUBE:

Glaubst du an Jesu Christ

Der von dem Vater kommen ist,

Ein Mensch und unsersgleichen worden

Von einem irdischen Weibe geboren,

Und hat in Marterqual sein Leben

Um deinetwillen hingegeben

Und ist erstanden von dem Tod,

Daß du versöhnet seist mit Gott?

JEDERMANN:

Ja! Ich glaub: Solches hat er vollbracht,

Des Vaters Zorn zunicht gemacht

Der Menschheit ewig Heil erworben

Und ist dafür am Kreuz verstorben.

Doch weiß ich, solches kommt zugut,

Nur dem der heilig ist und gut:

Durch gute Werk und Frommheit eben

Erkauft er sich ein ewig Leben.

Da sieh, so stehts um meine Werk:

Von Sünden hab ich einen Berg

So überschwer auf mich geladen,

Daß mich Gott gar nit kann begnaden,

Als er der Höchstgerechte ist.

GLAUBE:

Bist du ein solcher Zweifelchrist

Und weißt nit Gotts Barmherzigkeit?

JEDERMANN:

Gott straft erschrecklich!

GLAUBE:

Gott verzeiht!

Ohn Maßen!

JEDERMANN:

Schlug den Pharao,

Schlug Sodom und Gomora, schlug,

Schlug!

GLAUBE:

Nein, gab hin den eignen Sohn

In Erdenqual vom Strahlenthron,

Daß als ein Mensch er werd geboren

Und keiner ginge mehr verloren,

Nit einer, nit der letzte, nein,

Er finde denn das ewige Leben.

»Um der Sünder willen bin ich kommen,

Der Gsund bedarf keines Arztes dann«

Die Red ist aus dem Munde kommen,

Der keine Lügen reden kann.

Glaubst du daran in diesem Leben,

So ist dir deine Sünd vergeben

Und ist gestillet Gottes Zorn.

JEDERMANN:

O, deine Worte sind gelind,

Mir ist, als wär ich neugeboren.

Ich glaube: So lang ich atme auf Erden,

Mag ich durch Christum gerettet werden.

GLAUBE:

Es ist an dem, nun geh hinein,

Von deinen Sünden wasch dich rein.

JEDERMANN:

Wo wär ein solcher heiliger Quell,

Daß ich zu ihm mich hintrüg schnell?

(_Mönch wird oben sichtbar._)

GLAUBE:

Ein guter Helfer wartet dein,

Bei ihm wird deine Seele rein.

Kehr wieder in einem weißen Gewand,

Dann ziehest hin an meiner Hand

Und mitzugehen deine Werk

Gewinnen mächtig Kraft und Stärk.

JEDERMANN

(_auf den Knien_):

O ewiger Gott! O göttliches Gesicht!

O rechter Weg! O himmlisches Licht!

Hier schrei ich zu dir in letzter Stund,

Ein Klageruf geht aus meinem Mund.

O mein Erlöser, den Schöpfer erbitt,

Daß er beim Ende mir gnädig sei,

Wenn der höllische Feind sich drängt herbei,

Und der Tod mir grausam die Kehle zuschnürt,

Daß er meine Seel dann hinaufführt.

Und, Heiland, mach durch deine Fürbitt,

Daß ich zu seiner Rechten hintritt,

In seine Glorie mit ihm zu gehn.

Laß dir dies mein Gebet anstehn,

Um willen, daß du am Kreuz bist gestorben

Und hast all unsre Seelen erworben.

(_Er liegt im tiefen Gebet auf seinem Angesicht. Die Orgel tönt

stärker. Indessen geht unten, im Dunklen, Jedermanns Mutter querüber,

als wie auf dem Weg zur Frühmette, vor ihr ein Knecht der die Leuchte

trägt._)

KNECHT:

Was bleibt ihr stehen, Frau, zur Stund?

Wie ist euch? seid ihr nit gesund?

Wollt ihr leicht heim in euer Bett

Statt nächtlings zu der Morgenmett?

JEDERMANNS MUTTER:

Sind wir denn so verspät't alsdann

Und hebt sich schon die Frühmett an?

Ich hör ein also herrlich Klingen

Als täten alle Engel singen!

KNECHT:

Verspätet sind wir keinerweis,

Auch hör ich nichts, nit laut noch leis.

JEDERMANNS MUTTER:

Ich hörs und weiß im Herzen mein

Das sind die himmlischen Schalmein.

So singen sie vor Gottes Thron:

Das geht auf meinen lieben Sohn.

Ich spür zu dieser nächtigen Stund

Ist seine Seele worden gesund.

Er ist versöhnet Gott dem Herrn

Des sterb ich freudiglich und gern.

Erhört ist meine große Bitt,

Und weiß daß ich einmal hintritt

Vor Gottes meines Schöpfers Thron

Und find dort meinen lieben Sohn.

Bald lässest deine Dienerin

In deinen Frieden fahren hin.

Amen.

KNECHT:

Wollt ihr nit kommen, Frau?

Die Zeit vergeht, es wird schon grau.

(_Sie gehen vorbei._)

GLAUBE:

Jedermann, so sei Gott mit dir,

Als, wie ich dich nun und hier,

In deines Erlösers Hand befehl,

So sei deine Rechenschaft ohn Fehl.

WERKE

(_hat ihre Krücken von sich geworfen und tritt zu ihnen._)

GLAUBE:

Nun faß dir einen fröhlichen Mut

Nun kommen deine Werke gut

Sind ledig all ihrer Beschwer

Und treten starken Schrittes einher.

WERKE:

Jedermann, ich bins, deine Freundin,

Ich segne dich in meinem Sinn,

Du hast mich geschaffen von Schmerzen frei,

Nun geh ich mit dir, wohin es auch sei.

JEDERMANN:

O, meine Werke, wie ich eure Stimme hör,

Muß ich vor Freuden weinen sehr.

GLAUBE:

Nun sollst du weinen und trauern nimmermehr,

Nein, freuen dich und fassen einen frohen Mut,

Gott sieht dich von seinem Thron recht gut!

JEDERMANN:

Dann ich nit Zögerung noch Aufschub such.

Ihr Freunde ich mein wir gehen selbdritt,

Von euch will ich mich scheiden nit.

(_Er geht hinauf und folgt dem Mönche nach._)

WERKE und GLAUBE

(_verharren betend._)

TEUFEL

(_kommt angesprungen, schreit und winkt von weitem_):

Halt Jedermann! Aufhalten Jedermann!

Aufhalten! He! Hieher Gesell!

Ich komm dich holen, bin zur Stell!

He Jedermann, er ist hinein!

Muß taub auf beiden Ohren sein!

Was geht er denn in dieses Haus?

Da hol ihn dieser und jener heraus!

Ich warte derweilen an der Tür,

Faß ihn, und meines Wegs ihn führ.

Kann sein, er läßt mich warten lang,

Mag er, ist mir um ihn nit bang.

Ist mir verfallen mit Haut und Haar

Und sicher wie lang schon keiner war.

GLAUBE:

Halt da!

TEUFEL

(_hat nichts gehört_):

Muß hier vorbei.

GLAUBE:

Hie nit!

TEUFEL:

Ganz unbedingt, hab dort zu tun.

GLAUBE:

Hie ist kein Weg für deinesgleichen.

TEUFEL:

Ein zänkisch Weib. Ich kann ausweichen.

(_Will rings herum._)

GLAUBE

(_tritt ihm aufs neu in seinen Weg und sagt_):

Hie ist kein Weg!

TEUFEL:

Ich hab zu warten dort an der Tür

In Amtsgeschäften, damit ich einen

Der dort herauskommt dann mit mir

Eines gewissen Weges führ.

GLAUBE:

Ich führe Zwiesprach nit mit dir.

TEUFEL:

Ich auch nit, geh halt da vorbei.

WERKE:

Hie ist kein Weg für dich.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

Geschrei!

Gespiel! Belästigung!

WERKE

(_tritt ihm aufs neue in den Weg_):

Kein Weg!

TEUFEL:

Kein Weg! Kein Weg! Ist hier kein Weg?

Kein Boden? Nichts worauf mein Fuß

Mag stehen, hüpfen, springen! Nein?

Hier wird sogleich ein Weg mir sein!

(_Will durch mit Gewalt._)

GLAUBE

(_hinzutretend_):

Willst dus mit deinen Fäusten richten

Und stören unser fromm Gebet?

Sieh, wer zu unsrer Hilf dasteht!

ENGEL (_treten oben hervor._)

TEUFEL:

Sind die Gesellen auch im Spiel

Und wissen bessres nit zu schaffen

Als hier zu lümmeln und zu gaffen

So abends spät, wie morgens früh,

Wenn andre Leut mit saurer Müh

Nachgehen ihren Amtsgeschäften

Mit schuldigem Eifer und besten Kräften!

WERKE und GLAUBE

(_achten seiner nicht und beten mit gefalteten Händen._)

TEUFEL

(_setzt sich auf den Boden_):

Ich frage, sind hier Zweifel im Spiel,

Ist hier ein Handel in der Schweb,

Nichts davon, nichts, so wahr ich leb.

Sitzt einer hier unter euch allen,

Der ins Gesicht mir tät bestreiten,

Daß dieser Mensch mir ist verfallen!

Ein prächtig Schwelger und Weinzecher,

Ein Buhl, Verführer, und Ehebrecher,

Ungläubig als ein finstrer Heide,

In Wort und Taten frech vermessen

Und seines Gottes so vergessen

Wie nicht das Tier auf seiner Weide,

Witwen und Waisen Gutsverprasser,

Ein Unterdrücker, Neider, Hasser!

(_Er springt auf._)

Mir fehlen, ihn zu malen, die Wort!

Und diesen will man mir verwehren,

Daß ich ihm auf die Kappen geh

Ihm jählings das Genick umdreh,

Ihm zuschrei: Duck dich, Fleisch, und stirb!

Und seine Seel für uns erwirb.

Verharrt ihr drauf mit kaltem Blut

Und bangt euch nit vor meiner Wut

Und Zähn gefletscht und Fäust geballt?

Und, daß Recht und Gerechtigkeit

Gewappnet stehen auf meiner Seit?

GLAUBE:

Auf deiner Seiten steht nit viel

Hast schon verloren in dem Spiel

Gott hat geworfen in die Schal,

Sein Opfertod und Marterqual

Und Jedermannes Schuldigkeit

Vorausbezahlt in Ewigkeit.

TEUFEL:

Seit wann? seit wo? wie geht das zu?

Geschiehet das in einem Nu?

Wenn eins sein Leben brav sich regt

Und nur auf uns sein Tun anlegt,

Recht weislich, fest und wohlbedacht

Recht Stein auf Stein und Tag auf Nacht

Wird solch ein wohlbeständig Ding

In einem Augenzwinkern neu?

Schmeißt ihr das um mit einem Wink?

GLAUBE:

Ja solches wirkt die tiefe Reu,

Die hat eine lohende Feuerskraft,

Da sie von Grund die Seel umschafft.

TEUFEL:

Ha! Weiberred und Gaukelei!

Wasch mir den Pelz und mach ihn nit naß!

Ein Wischiwasch! Salbaderei!

Zum Speien ich dergleichen haß!

Beweis! Gib eine einzig Red,

Die vor Gericht zu Recht besteht!

GLAUBE:

Vor dem Gericht, vor das er tritt,

Bestehen deine Rechte nit,

Die sind auf Schein und Trug gestellt

Auf Hie und Nun und diese Welt,

Die ist gefangen in der Zeit

Und bleibt in solchen Schranken stocken,

Wo aber tönet diese Glocken,

(_Man hört von innen das Sterbeglöcklein, Glaube und Werke fallen auf

die Knie._)

Hat angehoben Ewigkeit.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

Ich geb es auf, ich kehr mich um,

Ich laß ihn, füttert ihn euch aus,

Mich ekelts hier, ich geh nach Haus.

GLAUBE und WERKE (_haben sich erhoben._)

TEUFEL:

Ein schöner Fall, ganz sonnenklar

Und in der Suppe doch ein Haar!

Tret arglos her, vergnügt im Sinn

Und mein, zu melden mich als Erben.

Ja Vetter, ja, da liegen die Scherben!

»Hie ist kein Weg, hie ist kein Weg!«

Ah! Weiber! Fastensupp und Schläg,

Das ist wie ich sie halten tät!

Ein Anspruch der zurecht besteht

Vor Türken, Mohren und Chinesen,

Ff! Da ist Anspruch und Recht gewesen!

Bläst mir ihn weg! »Hie führt kein Weg!«

Ich wollt, daß er im Feuer läg.

Und kommt in einem weißen Hemd

Erzheuchlerisch und ganz verschämt.

Die Welt ist dumm, gemein und schlecht

Und geht Gewalt allzeit vor Recht,

Ist einer redlich treu und klug,

Ihn meistern Arglist und Betrug.

(_Geht ab._)

JEDERMANN

(_tritt oben hervor in einem weißen langen Hemde, einen Pilgerstab in

der Hand, sein Angesicht ist totenbleich aber verklärt, er geht auf

die Beiden zu._)

WERKE:

Fühl ich nit kommen Jedermann?

Er ist es, ja, und tritt herbei,

Mir ahnte wohl, daß er es sei.

Er hat seinem Herrn getan genug

Des fühl ich an meinen Gliedern all,

Die Kraft zu einem hohen Flug!

JEDERMANN:

Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes · 第 2 / 3 段