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JEDERMANN

DAS SPIEL VOM STERBEN DES REICHEN MANNES

ERNEUERT VON

HUGO von HOFMANNSTHAL

S. FISCHER, VERLAG, BERLIN

1911

Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.

Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag, Berlin W.,

Bülowstr. 90 zu erwerben.

Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.

DRAMATIS PERSONAE:

GOTT DER HERR

ERZENGEL MICHAEL

TOD

TEUFEL

JEDERMANN

JEDERMANNS MUTTER

JEDERMANNS GUTER GESELL

DER HAUSVOGT

DER KOCH

EIN ARMER NACHBAR

EIN SCHULDKNECHT

DES SCHULDKNECHTS WEIB

BUHLSCHAFT

DICKER VETTER

DÜNNER VETTER

ETLICHE JUNGE FRÄULEIN

ETLICHE VON JEDERMANNS TISCHGESELLEN

BÜTTEL

KNECHTE

SPIELLEUTE

BUBEN

MAMMON

WERKE

GLAUBE

MÖNCH

ENGEL

SPIELANSAGER

_tritt vor und sagt das Spiel an._

Jetzt habet allsamt Achtung Leut

Und hört was wir vorstellen heut!

Ist als ein geistlich Spiel bewandt

Vorladung Jedermanns ist es zubenannt.

Darin Euch wird gewiesen werden,

Wie unsere Tag und Werk auf Erden

Vergänglich sind und hinfällig gar.

Der Hergang ist recht schön und klar,

Der Stoff ist kostbar von dem Spiel

Dahinter aber liegt noch viel

Das müßt Ihr zu Gemüt führen

Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren.

GOTT DER HERR

(_wird sichtbar auf seinem Thron und spricht_):

Fürwahr mag länger das nit ertragen,

Daß alle Kreatur gegen mich

Ihr Herz verhärtet böslich,

Daß sie ohn einige Furcht vor mir

Schmählicher hinleben als das Getier.

Des geistlichen Auges sind sie erblindt

In Sünd ersoffen, das ist was sie sind,

Und kennen mich nit für ihren Gott,

Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein

Und was darüber, das ist ihr Spott,

Und wie ich sie mir anschau zur Stund

So han sie rein vergessen den Bund

Den ich mit ihnen aufgericht hab

Da ich am Holz mein Blut hingab.

Auf daß sie sollten das Leben erlangen

Bin ich am Marterholz gehangen.

Hab ihnen die Dörn aus dem Fuß getan

Und auf meinem Haupt sie getragen als Kron.

So viel ich vermocht, hab ich vollbracht

Und nun wird meiner schlecht geacht.

Darum will ich in rechter Eil

Gerichtstag halten über sie

Und Jedermann richten nach seinem Teil.

Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin.

TOD:

Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn,

Nach deinem Befehl werd ich botengehn.

GOTT:

Geh du zu Jedermann und zeig in meinem Namen ihm an

Er muß eine Pilgerschaft antreten

Mit dieser Stund und heutigem Tag

Der er sich nicht entziehen mag.

Und heiß ihn mitbringen sein Rechenbuch

Und daß er nicht Aufschub, noch Zögerung such.

TOD:

Herr, ich will die ganze Welt abrennen

Und sie heimsuchen Groß und Klein,

Die Gotts Gesetze nit erkennen

Und unter das Vieh gefallen sein.

Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen,

Den will ich mit einem Streich treffen,

Daß seine Augen brechen

Und er nit findt die Himmelspforten

Es sei denn, daß Almosen und Mildtätigkeit

Befreundt ihm wären und hilfsbereit.

JEDERMANN

(_tritt aus seinem Haus hervor, ein Knecht hinter ihm._)

JEDERMANN:

Spring du um meinen Hausvogt schnell,

Muß ihm aufgeben einen Befehl.

(_Der Knecht geht hinein._)

Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr,

Steht stattlich da, vornehm und reich,

Kommt in der Stadt kein andres gleich.

Hab drin köstlichen Hausrat die Meng,

Viele Truhen, viele Spind,

Dazu ein großes Hausgesind,

Einen schönen Schatz von gutem Geld

Und vor den Toren manch Stück Feld,

Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh,

Von denen ich Zins und Renten zieh,

Daß ich mir wahrlich machen mag,

So heut wie morgen fröhliche Tag.

(_Hausvogt tritt auf._)

JEDERMANN:

Vogt, bring einen Säckel Geldes straff,

Den hab ich vergessen in Gürtel zu tun,

Und merk, was ich dir noch anschaff:

Für morgen wird ein Frühmahl gericht,

Das muß bereit't sein aufs allerbest

Kommen Verwandte und fremde Gäst.

Der Tisch muß prächtig sein bestellt,

Schick her den Koch, du geh ums Geld.

(_Vogt geht hinein, Koch tritt sogleich auf._)

JEDERMANN:

Ein köstlich Frühmahl befehl ich an

Für morgen.

KOCH:

Ja, und soll ich dann

Einen jeden Gang bereiten frisch?

JEDERMANN:

Daß dich das Fieber rüttel, frisch!

Kein Überbleibsel auf meinen Tisch.

KOCH:

Es wär von gestern geblieben die Meng

Zumindest für zwei kalte Gäng.

JEDERMANN:

Du Esels-Koch bist so vermessen,

Soll ich eine Bettlermahlzeit essen?

(_Der Koch geht ab. Der Vogt ist herausgekommen mit einem Beutel.

Jedermann nimmt den Beutel._)

JEDERMANN:

Acht du auf meine Mägd und Knecht,

Gefallen mir allermaßen nit recht.

(_Der arme Nachbar wird in der Ferne sichtbar, nähert sich ängstlich.

Jedermanns Geselle kommt zugleich raschen Schrittes die Straße

hergegangen._)

JEDERMANN

(_zum Hausvogt_):

Dafür stehst du an der obersten Stell,

Daß du auf sie -- da kommt mein Gesell.

(_Hausvogt geht ins Haus._)

Hätt beinah müssen auf dich warten,

Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen

Und uns dort das Grundstück ansehen,

Obs tauglich ist für einen Lustgarten.

GESELL:

Hast Fortunati Säckel in der Hand,

Dann ist die Sach schon recht bewandt.

Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan,

Du hasts danach, drum steht dirs an.

ARMER NACHBAR:

Das ist des reichen Jedermann Haus.

Oh, Herr, dich bitt ich überaus

Wollest dich hilfreich meiner erbarmen,

Mildtätig beistehn einem Armen.

GESELL

(_zu Jedermann_):

Ja, wie gesprochen, wir müssen eilen,

Dürfen uns gar nit länger verweilen.

ARMER NACHBAR

(_hebt bittend die Hände_):

Oh, Jedermann, erbarm dich mein.

GESELL:

Kennst du leicht das Gesicht?

JEDERMANN:

Ich? Wer solls sein?

ARMER NACHBAR:

Oh, Jedermann, zu dir heb ich die Hand,

Hab auch einst bessre Tag gekannt.

War einst dein Nachbar, Haus bei Haus,

Dann hab ich müssen weichen draus.

JEDERMANN

(_gibt ihm eine Münze aus dem Gürtel_):

Schon gut!

ARMER NACHBAR

(_nimmts nicht_):

Das ist eine Gabe gering.

JEDERMANN:

Meinst du? Gottsblut! So reut mich doch das Ding.

ARMER NACHBAR

(_weist auf den Beutel_):

Davon mein nachbarlich Bruderteil,

So wär ich wieder gesund und heil.

JEDERMANN:

Davon?

ARMER NACHBAR:

Es ist an dem, ich knie vor dir,

Nur diesen Beutel teil mit mir.

JEDERMANN

(_lacht_):

Nur?

GESELL:

Selbig ist besessen alls!

Hättst tausend Bettler auf dem Hals.

Was tausend, hunderttausend gleich!

ARMER NACHBAR:

Bist allermaßen mächtig reich.

Teilst du den Beutel auf gleich und gleich,

Dir bleiben die Truhen voll im Haus,

Dir fließen Zins und Renten zu.

JEDERMANN:

Mann, wer heißt dich, mein Schrank und Truh,

Mein Zins und Rent in Mund nehmen?

GESELL:

Ich tät mich allerwegen schämen.

JEDERMANN:

Laß! -- Mann, da bist du in der Irr,

Wenn du meinst, ich könnt ohnweilen

Den Beutel Geld da mit dir teilen.

Das Geld ist gar nit länger mein,

Muß heut noch abgeliefert sein

Als Kaufschilling für einen Lustgarten.

Ich steh dem Verkäufer dafür im Wort,

Er will aufs Geld nit länger warten.

ARMER NACHBAR:

Wenn dieses Geld für den Garten ist,

So brauchts für dich nur einen Wink,

Für einen Beutel hast du zehn,

Heiß einen andern bringen flink,

Den teil mit mir, bist du ein Christ.

JEDERMANN:

Der nächste, brächt man ihn herbei,

Der Beutel, der wär auch nit frei.

Mein Geld muß für mich werken und laufen

Mit Tod und Teufel hart sich raufen,

Weit reisen und auf Zins ausliegen,

Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen.

Auch kosten mich meine Häuser gar viel,

Pferd halten, Hund und Hausgesind

Und was die andern Dinge sind,

Die alleweil zu der Sach gehören,

Lustgärten, Fischteich, Jagdgeheg,

Das braucht mehr Pfleg als ein klein Kind,

Muß stets daran gebessert sein,

Kost' alls viel Geld, muß noch viel Geld hinein.

»Ein reicher Mann« ist schnell gesagt,

Doch unsereins ist hart geplagt

Und allerwegen hergenommen,

Das ist dir nicht zu Sinn kommen!

Da läufts einher von weit und breit

Mit Anspruch und Bedürftigkeit

Tät unsereins nit der Schritte drei

Von hier bis an die nächste Wand

Ohn eine allzeit offne Hand.

Ist alls schon recht, muß nur dafür

Ein Fug und ein Gesetz auch walten

Und jeglich Teil daran sich halten.

Und achten gnau was ihm gebühr:

Dawider hast du dich verfehlt,

Wär all mein Geld und Gut gezählt

Und ausgeteilt auf jeglichen Christ,

Der Almosens bedürftig ist,

Es käm mein Seel nit mehr auf dich

Als dieser Schilling sicherlich,

Drum empfang ihn unverweil,

Ist dein gebührend richtig Teil.

(_Nachbar nimmt den Schilling und geht._)

GESELL:

Dem hast dus geben recht mit Fug,

Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug.

JEDERMANN:

Nun wollen wir gehen, es dustert schon.

(_Schuldknecht kommt, von zwei Bütteln geführt, hinter ihm sein Weib

und seine Kinder in Lumpen._)

GESELL:

Was ist das für einer Mutter Sohn,

Den sie da bringen hergeführt,

Die Arme kreuzweis aufgeschnürt?

Mich dünkt, das geht an ein Schuldturmwerfen,

Hätt sich auch mehr in acht nehmen derfen.

Jetzt muß er's bei Wasser und Brot bedenken

Oder sich an einen Nagel henken.

Ja, Mann, du hast halt ein Reimspiel trieben

Und Schulden auf Gulden, die reimen gar gut.

SCHULDKNECHT:

Hat mancher sein Schuldbuch nit in der Hut

Und ist drin vieles in Übel geschrieben.

JEDERMANN:

Auf wen geht das?

SCHULDKNECHT:

Auf den, der fragt allweil.

JEDERMANN:

Bins nit bewußt für meinen Teil,

Weiß nit, für wen du mich willst nehmen.

SCHULDKNECHT:

In deiner Haut wollt ich mich schämen.

JEDERMANN:

Gibst harte Wort mir ohn Gebühr,

Dir gehts nit wohl, was kann ich dafür?

SCHULDKNECHT:

Für harte Stöß sind sanft meine Wort.

JEDERMANN:

Wer stößt dich?

SCHULDKNECHT:

Du, an einen harten Ort.

JEDERMANN:

Ich kenn dich auch vom Ansehen nit.

SCHULDKNECHT:

Ist doch dein Fuß, der auf mich tritt.

JEDERMANN:

Das wär mir seltsam, daß ich so tät

Und nichts davon in Wissen hätt.

SCHULDKNECHT:

Dein Nam steht auf einem Schuldschein,

Der bringt mich in diesen Kerker hinein.

JEDERMANN:

Bei meinem Patron, was geht's mich an?

SCHULDKNECHT:

Bist doch der selbige Jedermann,

In dessen Namen und Antrag

Beschehn ist wider mich die Klag!

Daß ich in einen Turm werd bracht

Geschieht allein durch deine Vollmacht.

JEDERMANN

(_tritt hinter sich_):

Ich wasch in Unschuld meine Händ

Als einer, der diese Sach nit kennt.

SCHULDKNECHT:

Deine Helfers-Helfer und Werkzeug halt,

Die tun mir Leibes- und Lebensgewalt.

Der Hintermann bist du von der Sach,

Das bring dir zeitlich und ewig Schmach.

In Grund und Boden sollst dich schämen.

JEDERMANN:

Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen?

Nun hast du den gerechten Lohn.

Mein Geld weiß nit von dir noch mir

Und kennt kein Ansehen der Person.

Verstrichne Zeit, verfallner Tag,

Gegen die bring deine Klag.

SCHULDKNECHT:

Er höhnt und spottet meiner Not!

Da seht ihr einen reichen Mann.

Sein Herz weiß nichts von Gotts Gebot,

Hat tausend Schuldbrief in seinem Schrein

Und läßt uns Arme in Not und Pein.

SCHULDKNECHTS WEIB:

Kannst du dich nit erbarmen hier,

Zerreißen ein verflucht Papier,

Anstatt daß meinen Kindern da

Der Vater wird in Turm geschmissen,

Von dem dir nie kein Leid geschah!

Hast du kein Ehr und kein Gewissen,

Trägst du mit Ruh der Waisen Fluch

Und denkst nit an dein eigen Schuldbuch,

Das du mußt vor den Richter bringen,

Wenns kommt zu den vier letzten Dingen?

JEDERMANN:

Weib, du sprichst was du schlecht verstehst,

Es ist aus Bosheit nit gewest

Man hat sich voll und recht bedacht,

Eh man die scharfe Klag einbracht.

Geld ist wie eine andere War

Das sind Verträg und Rechte klar.

GESELL:

Wär schimpflich um die Welt bestellt

Wenns anders herging in der Welt.

SCHULDKNECHTS WEIB:

Geld ist ein Pfennig, den eins leiht

Dem Nächsten um Gottes Barmherzigkeit.

SCHULDKNECHT:

Geld ist nicht so wie andre War

Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen,

Wer seine Hand ausreckt darnach

Nimmt an der Seele Schaden und Schmach,

Davon er nimmer wird genesen.

Des Satans Fangnetz in der Welt

Hat keinen andern Nam als Geld.

JEDERMANN:

Du lästerst als ein rechter Narr,

Weiß nicht wozu ich hier verharr,

Gibst vor, du achtest das Geld gering

Und war dir schier ein göttlich Ding!

Nun möchtest ihm sein Ansehen rauben,

Bist wie der Fuchs mit sauern Trauben.

Doch wer so hinterm Rücken schmäht,

Der findt keinen Glauben für seine Red.

SCHULDKNECHT:

Aus meinen Leiden hab ich Gewinn

Daß ich vermag in meinem Sinn

Des Teufels Fallstrick zu erkennen

Und meine Seel vom Geld abtrennen.

GESELL:

Geld ist längst abgetrennt von dir

Drum hast dort im Turm Quartier.

JEDERMANN:

Nimm die Belehrung von mir an

Das war ein weiser und hoher Mann

Der uns das Geld ersonnen hat,

An niederen Tauschens und Kramens statt

Dadurch ist unsere ganze Welt

In ein höher Ansehen gestellt

Und jeder Mensch in seinem Bereich

Schier einer kleinen Gottheit gleich.

Daß er in seinem Machtbezirk

Gar viel hervorbring und bewirk.

Gar vieles zieht er sich herbei

Und ohn viel Aufsehen und Geschrei,

Beherrscht er abertausend Händ,

Ist allerwegen ein Regent.

Da ist kein Ding zu hoch noch fest,

Das sich um Geld nicht kaufen läßt.

Du kaufst das Land mitsamt dem Knecht

Ja, von des Kaisers verbrieftem Recht

Das alle Zeit unschätzbar ist

Und eingesetzt von Jesu Christ

Davon ist ein gerechtsam Teil

Für Geld halt allerwegen feil,

Darüber weiß ich keine Gewalt,

Vor der muß jeglicher sich neigen

Und muß die Reverenz bezeigen

Dem, was ich da in Händen halt.

SCHULDKNECHTS WEIB:

Du bist in Teufels Lob nit faul,

Wie zu der Predigt geht dein Maul.

Gibst da dem Mammonsbeutel Ehr,

Als obs das Tabernakel wär.

JEDERMANN:

Ich gebe Ehr, wem Ehr gebühr,

Und läster nicht wo ich die Macht verspür.

SCHULDKNECHT

(_indem ihn die Büttel fortschleppen_):

Was hilft dein Weinen, liebe Frau,

Der Mammon hat mich in der Klau.

Warum hab ich mich ihm ergeben,

Nun ists vorbei mit diesem Leben.

(_Sie führen ihn ab._)

SCHULDKNECHTS WEIB:

Kannst du das sehn und stehst wie Stein?

Wo bett ich heut die Kinder mein?

(_Geht ihm nach._)

JEDERMANN

(_zum Gesellen_):

Tu mirs zulieb, geh da hint nach

Und sieh im stillen zu der Sach.

Der Mann kommt in Turm, da mag nichts frommen,

Dem Weib gewähr ich ein Unterkommen

Und was sie nötig hat zum Leben

Zusamt den Kindern, das will ich ihr geben.

Mein Hausvogt soll mir darnach sehn

Und ihr freimachen eine Kammer

Doch will ich Plärrens ledig gehn

Ihre Not nicht wissen, noch Gejammer.

Das ist ein erzverdrießlich Sach

Man lebt geruhig vor sich hin

Hat wahrlich Böses nit im Sinn

Und wird am allerschönsten Tag

Hineingezogen und weiß nit wie

In Hader, Bitternis und Klag

Und aufgescheucht aus seiner Ruh.

Ich frag dich, wie komm ich dazu:

Was geht mich an dem Kerl sein Taglauf?

Er hats halt angelegt darauf,

Nun steckt er drin, schreit ach und weh

Das folgt halt wie aufs A das B.

Ein Häusel baun mit fremdem Geld,

Wer also haust, um den ists so bestellt.

Das ist seit Adams Zeit der Lauf,

Ist nit erst kürzlich kommen auf.

Zum Schluß aber tät ers in d' Schuh schieben,

Dem, so er Haufen Geldes schuldig blieben.

Dess Langmut und Geduld arg viel

Hat müssen herhalten zu dem Spiel

Der selbig erbarmungsvolle Mann

Der wär ihm gar ein Teufel dann.

Jetzt aber, daß ich es ehrlich sag,

Steht mir der Sinn nit mehr darnach,

Daß ich einen Lustgarten anschau,

Auch wird es duster schon und grau.

Tu mir die Lieb, mein guter Gesell,

Wenn du das andre besorgt hast schnell,

Trag den Kaufschilling da zurecht,

Weil die Versäumnis mir Ärgernis brächt.

Der Garten zusamt dem Lusthaus drein

Soll alls für meine Freundin sein

Auf einen Jahrtag ein Angebind.

GESELL:

Bei der ich dich doch heut Abend find?

Ich bring dir den Kaufbrief gleich dahin

Ausgefertigt nach deinem Sinn.

JEDERMANN:

Hab vielen Dank, du guter Gesell,

Mich drängts, daß ich dort hinkomm schnell

Ist doch der einzige Ort in der Welt,

Wo nichts mir meine Lust vergällt.

Ist recht ein paradiesisch Gut

Was ihre Lieb mir bereiten tut.

Darum hab ich im Willen dies Ding

Daß ich ein Angebind ihr bring,

Darin ich wie in einem Gleichnis und Spiegel

Ihr meine Dankbarkeit besiegel.

GESELL:

Wie willst das tun, in welcher Weis?

JEDERMANN:

Dazu richt ich den Garten mit Fleiß

Und stell inmitten ein Lusthaus hin,

Das bau ich recht nach meinem Sinn

Als einen offenen Altan

Mit schönen steinernen Säulen daran

Auch springende Wasser und erzene Bild

Die sollen nicht fehlen zur vollen Zier

Und dann ich die Anlag also führ,

Daß unter dem Morgen- und Abendwind

Ein Ruch von Blumen mancher Art

Daherstreich allezeit gelind

Von Lilien, Rosen und Nelken zart.

Auch führ ich jederseits Gäng und Bogen

Von Buschwerk alls so dicht gezogen,

Daß eines noch zu hellem Mittag

Sich Kühl und Frieden finden mag

Und einen ungequälten Ort,

Der von der Sonne niemals dorrt.

Desgleichen an einer verborgenen Stätte

Recht wie der Nymphe quillend Bette

Laß ich aus kühlem glatten Stein

Eine fließende Badstub errichtet sein.

GESELL:

Das wird ein köstlich Gärtlein, fürwahr,

Und seinesgleichen nit leicht zu finden.

JEDERMANN:

Das will ich meiner Liebsten einbinden

Und nehm sie dann an beide Händ

Und führ sie hinein, damit sie erkennt

In diesem Gärtlein köstlich und mild

Ihr eigen abgespiegelt Bild.

Die allzeit liebreich mich ergetzt

Mit Hitz und Schattenkühl mich letzt

Und einem verschlossenen Gärtlein gleich

Den Gärtner selig macht und reich.

GESELL:

Da seh ich deine Frau Mutter kommen,

Wird dir jetzt die Begegnung frommen?

JEDERMANN:

Drück mich nit gern vor ihr beiseit,

Hab aber wahrlich nit viel Zeit.

Geh du, bring mir zurecht die Ding,

Indessen ich meinen Gruß darbring.

JEDERMANNS MUTTER:

Bin froh, mein Sohn, daß ich dich seh

Geschieht mir so im Herzen weh

Daß über weltlich Geschäftigkeit

Dir bleibt für mich geringe Zeit.

JEDERMANN:

Die Abendluft ist übler Art

Und deine Gesundheit gebrechlich und zart,

Kann dich mit Sorgen nur hier sehn

Möchtest nit ins Haus eingehn?

JEDERMANNS MUTTER:

Gehst du dann mit und bleibst daheim?

JEDERMANN:

Für diesen Abend kanns nit wohl sein.

JEDERMANNS MUTTER:

So darfst dich nit verdrießen lassen,

Daß ich dich halt hier auf der Gassen.

JEDERMANN:

Ist mir gar sehr um deine Gesund

Vielleicht wir könnten zu anderer Stund --

JEDERMANNS MUTTER:

Um meine Gesundheit kein Sorg nit hab,

Ich steh mit einem Fuß im Grab.

Mir gehts nit um mein zeitlich Teil,

Doch dester mehr ums ewig Heil.

Verziehst du dein Gesicht, mein Sohn,

Wenn ich die Red anheb davon?

Und wird die Frag dich recht beschweren,

Wenn ich dich mahn, ob deine Seel

Zu Gott gekehrt ist, ihrem Herrn?

Trittst hinter dich vor Ungeduld

Und mehrest lieber Sündenschuld,

Als in dich gehen ohne Spott

Und recht betrachten deinen Gott?

Da doch von heut auf morgen leicht,

Eine Botschaft dich von ihm erreicht

Du sollest vor seinen Gerichtstuhl gehen

Und von deinem ganzen Erdenleben

Eine klare Rechnung vor ihm geben.

JEDERMANN:

Frau Mutter, spotten ist mir fern

Doch weiß ich, die Pfaffen drohen halt gern.

Das ist nun einmal ihr Sach in der Welt,

Ist abgesehen auf unser Geld,

Damit sies bringen auf ihre Seit,

Sie wissens zu fädeln gar gescheit.

Doch kränkts mich wie sie Alten und Kranken

In Kopf nichts bringen, als finstre Gedanken.

JEDERMANNS MUTTER:

Die Finsternis ist wo anders dicht,

Doch solche Gedanken sind hell und licht.

Wer recht in seinem Leben tut,

Den überkommt ein starker Mut

Und ihn erfreut des Todes Stund

Darin ihm Seligkeit wird kund.

Oh, wem die Stunde des Tods allweg

Recht wohl betrachtet am Herzen läg

Um den braucht einer Mutter Herz

Nit Sorgen tragen und üblen Schmerz.

JEDERMANN:

Wir sind gute Christen und hören Predig

Geben Almosen und sind ledig.

JEDERMANNS MUTTER:

Wie aber, wenn beim Posaunenschall

Du von deinen Reichtümern all

Ihm sollst eine klare Rechnung geben

Um ewigen Tod oder ewiges Leben?

Mein Sohn, es ist ein arg Ding zu sterben,

Doch ärger noch auf ewig verderben.

JEDERMANN:

Auf vierzig Jahre bin ich kaum alt,

Mich wird eins halt nit mit Gewalt

Von meinen irdischen Freuden schrecken.

JEDERMANNS MUTTER:

Willst du den Kopf in den Sand stecken

Und siehst den Tod nit, Jedermann,

Der mag allstund dich treten an?

JEDERMANN:

Bin jung im Herzen und wohl gesund

Und will mich freuen meine Stund,

Es wird die andere Zeit schon kommen,

Wo Buß und Einkehr mir wird frommen.

JEDERMANNS MUTTER:

Das Leben flieht wie Sand dahin,

Doch schwer umkehret sich der Sinn.

JEDERMANN:

Frau Mutter, mir ist das Reden leid,

Hab schon gesagt, hab heut nit Zeit.

JEDERMANNS MUTTER:

Mein lieber Sohn!

JEDERMANN:

Bin sonst allzeit

Gehorsam gern und dienstbereit.

JEDERMANNS MUTTER:

Meine Red ist dir verdrießlich sehr,

Das macht mich doppelt kummerschwer,

Mein guter Sohn, ich hab ein Ahnen,

Ich werd dich nimmer lang ermahnen.

Fall dir zur Last noch kurze Zeit,

Weil ich von hier mich bald abscheid.

Doch du bleibst dann allein dahint

Und bist mein unberaten Kind.

So sag ich dir halt nur ein Wort,

Das dich mit langer Red nit kränk,

Sei deines Herrn Gotts eingedenk.

Und auch seiner großen Gnadenspend,

Der sieben heiligen Sakrament.

Davon ein jegliches uns frommt

Und unserer Schwäch zu Hilfe kommt

Ein jegliches in besonderer Weis

Uns stärket auf dieser Lebensreis.

JEDERMANN:

Was soll --

JEDERMANNS MUTTER:

Du bist ein stattlicher Mann

Und Frauenlieb steht dir wohl an.

Und hat denn unser Erlöser nicht,

Der weiß, woran es uns gebricht,

Und alles auf dieser Erden kennt

Und alls zu unserem Segen wendt,

Ein Sakrament nit eingesetzt

Wodurch was also dich ergetzt

Verwandelt wird und kehret sich um

Aus Wollust in ein Heiligtum!

Willst stets in arger Zucht umtreiben

Und fremd die heilige Eh dir bleiben?

JEDERMANN:

Frau Mutter, die Red ist mir bekannt.

JEDERMANNS MUTTER:

Hat doch dein Herz nit umgewandt.

JEDERMANN:

Ist halt noch allweil die Zeit nit da.

JEDERMANNS MUTTER:

Und doch der Tod schon gar so nah.

JEDERMANN:

Ich sag nit ja, sag auch nit nein.

JEDERMANNS MUTTER:

So muß ich allweg in Ängsten sein.

JEDERMANN:

Auch morgen ist halt noch ein Tag.

JEDERMANNS MUTTER:

Wer weiß, wer den noch sehen mag.

JEDERMANN:

Macht euch nit unnütze Beschwerden,

Ihr seht mich sicher noch ehlich werden.

JEDERMANNS MUTTER:

Mein guter Sohn, für dieses Wort

Will ich dich segnen immerfort,

Sei viel bedankt, daß mir dein Mund

So schönen Vorsatz machet kund.

JEDERMANN:

Hab nit von heut noch morgen geredt.

JEDERMANNS MUTTER:

Wenn nur dein Wille dagegen nit steht.

Einer Mutter Herz ist wohl gestellt

Wo nur ein gutes Wörtlein hinfällt.

Dein Vorsatz ist noch klein und schwach,

Zielt doch auf eine heilige Sach

Und daß du so geantwort' hast,

Nimmt von der Brust mir schwere Last.

JEDERMANN:

Viel gute Nacht, Frau Mutter nun,

Ich wünsch, du mögest sänftlich ruhn.

JEDERMANNS MUTTER:

So will ich, mein lieber guter Sohn,

Und ist mir doch als ob ein Ton

Gar schön wie Flöten und Schalmein

In deine Worte tön herein!

An solchen Zeichen und Gesicht

Mirs dieser Tage nit gebricht.

Ich nehm sie als eine Vermahnung hin,

Daß bald ich eine Sterbende bin.

(_Geht._)

JEDERMANN:

Nun hör ich auch ein solch Getön,

Sollt also seltsam dies zugehen?

O, nein, das geschieht natürlicher Weis

Wie wohl ichs noch nit zu deuten weiß.

Nun aber gehts nit bloß ins Ohr,

Tritt auch den Augen was hervor. --

(_Buhlschaft kommt heran, von Spielleuten und Buben, die Windlichter

tragen, begleitet._)

JEDERMANN:

Das ist ja meine Buhle wert,

Nach der mein Herz schon hart begehrt.

Hat Spielleut mit eine ganze Schar

Und kommt mich abzuholen gar.

BUHLSCHAFT:

Wer alls lang auf sich warten läßt

Und ist der wertest aller Gäst,

Den muß man mit Zimbeln und Windlicht

Abholen und führen zu seiner Pflicht.

JEDERMANN:

Du schlägst die Lichter mit eigenem Schein,

Deine Red ist süßer als Schalmein,

Ist alls für mich zu dieser Stund

Wie Balsam für die offne Wund.

BUHLSCHAFT:

War mir doch, eh ich zu dir trat,

Als ob dir jemand nahe tat

Und wär dein helle Stirn und Wangen

Von einer Trübnis überhangen.

JEDERMANN:

Wie, gelt ich also viel vor dir,

Daß du solch Ding erspähst an mir?

So bin ich dir wahrhaftig dann

Kein ältlich, unbequemer Mann?

BUHLSCHAFT:

Mit dieser Red geschieht mir weh,

Dess' ich zu dir mich nit verseh.

Steh nit auf grüne Buben an,

Du bist mein Buhl und lieber Mann.

JEDERMANN:

Fühl mich wahrhaftig herzensjung

Und selber bubenhaft genung,

Und wenn ich alls kein Bub mehr bin,

So zärtlicher ist drum mein Sinn.

BUHLSCHAFT:

Ein Bub liebt frech und ohne Art,

Ein Mann ist großmütig und zart.

Hat milde Händ und steten Sinn,

Das zieht zu ihm die Frauen hin.

JEDERMANN:

Wenn eins gemahnt wär an den Tod

Und hätt Melancholie und Not

Und säh auf deine Lieblichkeit,

Dem tät sein trübes Denken leid.

BUHLSCHAFT:

Das Wort allein macht mir schon bang,

Der Tod ist wie die böse Schlang,

Die unter Blumen liegt verdeckt,

Darf niemals werden aufgeweckt.

JEDERMANN:

Du Süße, schaff ich dir noch Sorgen?

Wir lassen sie unter Blumen verborgen

Und wissen nirgend nichts von Schlangen,

Als zweien, die gar hold umfangen.

BUHLSCHAFT:

Wie, wären die mir auch bekannt,

Wie werden diese denn genannt?

JEDERMANN:

Das sind die lieben Arme dein,

In diese sehn ich mich hinein.

(_Sie küßt ihn und setzt ihm einen bunten Blumenkranz auf, den ein Bub

darreicht._)

(_Ein Teil der Buben läuft hinauf, streuen Blumen und wohlriechende

Kräuter. Ein Tisch kommt aus dem Boden empor, reich gedeckt und mit

Lichtern. Jedermann und Buhlschaft treten jedes an eine Seite der

Treppe, die zum obern Gerüst emporführt. Die Gäste, zehn Junggesellen

und zehn Fräulein, kommen hinein von beiden Seiten tanzend und

singend._)

VORSÄNGER:

Ein Freund hat uns beschieden,

Er heißet Jedermann,

Der Mann ist guter Art,

Hat eine Freundin zart,

Drum blieb er ungemieden

Und hat er uns beschieden,

So treten wir heran.

ALLE:

Wohlauf antreten

In fröhlichem Tanz,

Schalmeien, Drommeten

Wir sein hier gebeten

Zu Fackeln und Glanz

Und kommen mit Tanz.

Wir waren mit Blicken

Nit zaghaft und bang,

Nun gehts an ein Drücken

Recht nah und gedrang,

Wir wollen uns verstricken

Und schlingen den Kranz,

So wollen wir vorrücken,

Das ehret den Tanz.

Ein jeder erwähle

Mit liebendem Sinn

Und keiner verhehle

Seiner Freuden Gewinn.

Wir wollen uns umstricken,

Das wärmet das Blut,

So wollen wir vorrücken

Mit fröhlichem Mut.

JEDERMANN:

Seid allesamt willkommen sehr,

Erweist mir heut die letzte Ehr.

EIN FRÄULEIN:

Daß ist ein sonderlicher Gruß.

DICKER VETTER:

Potz Maus, mein Vetter Jedermann,

Wie grüßt ihr uns, was ficht euch an?

BUHLSCHAFT:

Was ist dir, was schafft dir Verdruß?

JEDERMANN:

Ist unversehens zu Mund so kommen,

Ich heiß euch alle recht schön willkommen!

BUHLSCHAFT:

Nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz!

Ihr Buben, reicht Handwasser jetzt!

Was stehst du da und siehst so fremd?

(_Sie setzen sich._)

JEDERMANN:

Sie sitzen ja alle im Totenhemd!

BUHLSCHAFT:

Was ficht dich an, bist du mir krank?

JEDERMANN:

Haha! ein ungereimter Gedank!

Ich trink jetzt einen Becher Wein,

Der macht das Hirn von Dämpfen rein.

BUHLSCHAFT:

Sitz! red zu ihnen ein freundlich Wort!

JEDERMANN:

Ihr Leute, seid ihr auch recht am Ort?

Ihr sehet mächtig fremd mir aus.

(_Ein Schweigen._)

MAGERER VETTER:

Potz Velten, Vetter Jedermann,

Wollt Ihr uns wiedrum treiben fort?

DICKER VETTER:

Das schafft Ihr nicht so leicht, Potz Maus,

Dazu ist Euer Koch zu gut,

Auch geht der Wein recht warm ins Blut,

Freu mich, daß ich hier seßhaft bin.

JEDERMANN:

Jawohl ... nur bloß ... mir steht zu Sinn,

Wie ihr da seid hereingelaufen,

So könnte ich euch alle kaufen

Und wiederum verkaufen auch,

Daß es mir nit so nahe ging

Als eines Fingernagels Bruch.

EIN GAST:

Was soll uns dieser grobe Spruch?

EIN FRÄULEIN:

Was meint er nur mit diesem Ding?

DICKER VETTER:

Die Reden sind sonst nit sein Brauch.

BUHLSCHAFT:

Geht die Red gleicherweis auf mich?

(_Jedermann sieht sie an._)

EIN GAST:

Ist recht eines reichen Manns Red,

Gar überfrech und aufgebläht.

BUHLSCHAFT:

Dein Blick ist starr und fürchterlich,

Für was willst du mich strafen, sprich.

JEDERMANN:

Dich strafen, Süße, ist mir fern,

Lieb dich gleich meinem Augenstern,

Hab müssen denken von ungefähr

Wie deine Miene beschaffen wär,

Wenn dir auf eins zukäm die Kund,

Daß ich müßt sterben zu dieser Stund.

BUHLSCHAFT:

Um Christi Willen, was ficht dich an,

Mein Buhle traut, mein lieber Mann,

Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,

Dein bin ich heut und ewiglich.

JEDERMANN:

Wenn ich dann spräch: Bleibst du bei mir?

Willst dort bei mir sein so wie hier?

Willst mich geleiten nach der Stätte

Und teilen mein eiskaltes Bette?

Fielest ohnmächtig mir zu Füßen,

So hätte ich meine Frag zu büßen!

Wollt ich trotzdem des Wegs dich locken

Tät dir das Blut in Adern stocken,

Wäre mir gedoppelt Marterqual

Und Gall und Essig allzumal,

Wenn ich müßt sehen mit eigenen Augen

Wie deine süßen Schwür nit taugen

Und wie du lösest deine Händ

Aus meinen Händen gar am End

Und deinen Mund von meinem Mund

Abtrennest in der letzten Stund.

O weh.

(_Er seufzt._)

BUHLSCHAFT:

Ihr lieben Vettern und Leut,

Mein Liebster ist besonders heut,

Weiß nit, wes ich mich soll versehn,

Könnt ihr mit Rat mir nit beistehn?

(_Jedermann starrt vor sich und tut sich den Kranz aus dem Haar._)

Er sitzt nit fröhlich und gepaart

Und redt von Dingen aus der Art,

Hab nie zuvor ihn so gesehn,

Weiß nit was ihm mag sein beschehen!

MAGERER VETTER:

Potz Velten, Vetter Jedermann,

Habt Ihr leicht die Melancholie?

Wenn nit, was sonsten ficht Euch an?

DICKER VETTER:

Kenn das, sitzt hinterwärts der Stirn

Ist eine Trockenheit im Hirn

Ist mir von meinem Herrn Vater bekannt

Mit ihm wars öfter so bewandt.

Mußt brav eines trinken, mit Vergunst

Daß dir der Wein das Hirn aufdunst.

EIN FRÄULEIN:

Gehört ein Absud in den Wein

Von Nießwurz, Veilchen oder Hanf.

DICKER VETTER:

Hier Buben machet heiß den Wein

Daß er fast glühender aufdampf

Und tut ein Zimmet und Ingwer ein.

(_Sie machen hinten den Wein glühend auf einer Pfanne._)

EIN ANDERES FRÄULEIN:

Hab sagen hören es gibt einen Stein

Den trägt die Schwalbe in ihrem Bauch

Den haben die großen Ärzt im Brauch

Heißt Chelidonius.

MAGERER VETTER:

Nein Calcedon!

Hab öfter reden hören davon.

Ist mächtig gegen die Melancholie.

EIN DRITTES FRÄULEIN:

Ich mein, er müßt mit der Sympathie

Kuriert sein. Ist giftiger Hauch

Im Spiel hier oder böser Blick.

Wär mir mein Liebster also krank.

Ich täts probieren ohne Wank.

DIE ZWEITE:

Was tätst probieren?

DIE DRITTE:

Ist geheim!

Darf in gemeinem Mund nit sein

Verliert sonst seine verborgne Kraft.

DIE ZWEITE:

Von wo hast du die Wissenschaft?

DIE DRITTE:

Habs halt einmal und gebs nit preis.

Sags aber ihr ins Ohren leis.

(_Steht auf, flüstert Buhlschaft ins Ohr. Gleichzeitig reden mehrere

unten am Tisch das Folgende._)

EIN GAST:

Wenn eins halt allzeit lebt zu gut

Das schafft ihm ein verdicktes Blut,

Einen armen und beschwerten Mann

Käm die Melancholie nit an.

EIN FRÄULEIN:

Was heißen sie denn die Spielleut nit

Anheben mit Blasen und Geigenstreichen

Davor muß immer der Trübsinn weichen.

EIN ANDERES FRÄULEIN:

Wir wollen anheben zu singen was

Davon schon öfter einer genaß.

EIN GAST:

Darf aber ein züchtig Lied nur sein.

EIN ANDERER:

Sie singt nit anders als zart und fein.

DER EINE GAST:

Kennt Ihr das Lied, das anhebt so?

»In süßen Freuden geht die Zeit«

Davon so dünkt mich müßt einer zur Stund

Wenn er es anhört, werden gesund.

DAS EINE FRÄULEIN:

Nein lasset doch, sind wir denn Pfaffen?

Was soll ein geistlich Lied uns schaffen?

GAST:

Ist nie und nimmer kein Pfaffenlied

Der Türmer singts wenn die Sonn aufzieht.

DAS EINE FRÄULEIN:

Ich weiß ein anderes singen wir das.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

Ei was?

DER EINE GAST

(_indem er sie küßt_):

Ei was, wenns regnet ist's naß.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

»Floret silva undique«

»Um meinen Gesellen ist mir weh.«

DER EINE GAST

(_spottet ihr nach_):

»Floret silva undique«

»Um ihren Gesellen ist ihr weh«.

DAS GLEICHE FRÄULEIN:

»Er ist geritten von hinnen«

»O weh, wer soll mich minnen!«

EIN ANDERER GAST

(_fällt ein_):

»Steht auch der Wald voll grünen Schoß«

»Wohin doch ist mein Traugenoß«.

(_Jedermann hat indes den Becher Glühwein ausgetrunken und sieht mit

fröhlicher Miene umher._)

JEDERMANN:

Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst,

Mir ist nit just recht wohl gewest

Ein Trunk hat mich gemacht gesund

Nun grüß ich erst meine Tafelrund.

War mir als läg was auf der Brust,

Nun hab ich doppelt Lebenslust

Bin froh daß wir beisammen sein

Ist mir ein rechter Freudenwein.

Schwillt mir das Herz so übervoll

Weiß gar nit wie ichs sagen soll

Sind köstlich Ding doch auf der Welt

Ist herrlich gar um uns bestellt.

Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert

Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt.

Kommt Wein dazu und Saitenspiel

So ist's schon über Maßen viel.

Ich hab Euch recht lieb, Ihr lieben Gäst

Ich bitt Euch nützt die Stund aufs Best.

Laßt Eure Kehl nit untätig sein

Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein.

Verschränket Eure Stimmen aufs Best

Und haltet sänftlich die Liebste fest.

Genützt sei eine schöne Stund

Mit Hand und Aug und Herz und Mund!

Ja laßt Euch nit lang gebeten sein

Und singt uns eins, lieber Vetter mein.

DER DICKE VETTER:

Mein dünner Vetter, o weh o weh

Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.

(_Sie singen lachend._)

DER DÜNNE VETTER

(_singt_):

O weh o weh Frau Minne mir ist weh

Frau Minne!

Greif her wie sehr ich brinne

O weh!

Ein kalter kalter Schnee

Er müßt vor Glut zerrinnen

Darin das Herz erstickt!

Wollt helfen mir Frau Minnen,

Des wär ich hoch beglückt.

(_Alle singen mit. Man hört darein ein dumpfes Glockenläuten.

Jedermann stößt sein Glas von sich._)

JEDERMANN:

Was ist das für ein Glockenläuten!

Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten

Der Schall ist laut und todesbang

Schafft mir im Herzen Qual und Drang.

Was läuten Glocken zu dieser Zeit?

EIN GAST:

Ist nichts zu hören weit und breit.

EIN ANDERER:

Hat einer läuten hören Glocken?

EIN FRÄULEIN:

Was Glocken, was wird von Glocken geredt?

EIN ANDERER:

Wär eins zu früh zur Morgenmett!

BUHLSCHAFT:

Ich bitt Euch laßt das Singen nit stocken.

EIN GAST:

Hat einer von Euch was läuten hören?

EIN ANDERER

(_lachend_):

Nit läuten meiner Seel noch schlagen.

BUHLSCHAFT:

Laßt Euch im Singen doch nit stören.

JEDERMANN:

Ich bitt Euch hat alls nichts zu sagen

Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.

DICKER VETTER:

Kommt alls von einem trägen Blut.

Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.

JEDERMANN:

Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein.

(_Er setzt sich wieder, Buhlschaft schmiegt sich an ihn. Die am untern

Ende des Tisches singen._)

»Floret silva undique«

(_und so fort als Kanon._)

(_Indes sie singen kommt Jedermanns guter Gesell und nimmt den leeren

Platz am Tische ein. Indem der Gesang leiser wird, hört man viele

Stimmen rufen_):

STIMMEN:

Jedermann! Jedermann! Jedermann!

(_Jedermann springt angstvoll auf._)

JEDERMANN:

Mein Gott wer ruft da so nach mir?

Von wo werd ich gerufen so?

Des werd ich im Leben nimmer froh.

GESELL:

Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.

BUHLSCHAFT:

Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.

JEDERMANN:

Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an

Wer ruft so gräßlich »Jedermann«?

DÜNNER VETTER:

Hat müssen grad ins Ohr dir dringen

Ein Widerhall von ihrem Singen.

JEDERMANN:

Nein, nein! in fürchterlicher Weis

Und laut und mächtiglich, nit leis

So: Jedermann! und Jedermann!

Doch anderster als ich es schaffen kann.

Gar fremd und doch bekannt zugleich

Aus welchem höllischen Bereich

Hats müssen also nach mir schreien

Des kann ich mich nimmer getrösten, nein!

Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an

Wie streng sie rufen »Jedermann«!

(_Man hört das gleiche Rufen wie vordem._)

BUHLSCHAFT:

Ich hör keinen Laut.

DER DICKE VETTER:

Ich hör keinen Schall.

DER DÜNNE VETTER:

Auch nit einen leisen Widerhall.

(_Gesell tritt zu Jedermann._)

GESELL:

Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus,

Soll ich geleiten dich nach Haus?

JEDERMANN:

Wie ich auf Euch die Augen heft

So kommen mir zurück die Kräft

Ich mein, es könnt ein solches Schrein

Kein zweitesmal sich hier anheben.

Tut mir recht wohl der Lichterschein.

Sitz nieder mein Gesell hierneben

Und mögen alle lieben Gäst

Zulangen und sich ergetzen aufs Best.

Will morgen zu gelegner Zeit

Mit einem Arzten Beratung pflegen

Daß solche Zufäll aller wegen

Er wohlbedacht mir hält hintan.

BUHLSCHAFT:

Mußt mirs versprechen, lieber Mann!

Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn

Sollt ich dich öftern also sehn.

(_Sie essen alle weiter und sind zärtlich miteinander. Jedermann hebt

sich angstvoll._)

JEDERMANN:

Nun aber sag um Gott, mein Lieb,

Was brennen die Lichter also trüb?

Und wer kommt hinter mir heran?

Auf Erden schreitet so kein Mann.

(_Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf._)

TOD:

Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?

Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

JEDERMANN:

Was fragst um das zu dieser Stund?

Bekümmerts dich? wer bist? was solls?

TOD:

Von deines Schöpfers Majestät

Bin ich nach dir ausgesandt

Und das in Eil: drum steh ich da.

JEDERMANN:

Wie, ausgesandt nach mir?

(_Greift nach seinem Herzen._)

Dem möchte wohl so sein. Ei ja.

TOD:

Denn ob du ihm gibst wenig Ehr

In der himmlischen Sphär denkt er dein

In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.

JEDERMANN

(_die Augen gesenkt tritt hinter sich_):

Was will mein Gott von mir?

TOD:

Das will ich dich weisen.

Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

JEDERMANN:

Ganz und gar bin ich unbereit

Für solch ein Rechnung legen.

Müßt ich das tun, da käm ich in Not

Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

TOD:

Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann

Tret jeglichen an und verschone keinen.

(_Es flüchten viele._)

JEDERMANN:

Was? keine Frist willst du mir geben

Und überfällst eins ungewarnt

Gar mitten drin im besten Leben

Gotts Blut! das ist kein ehrlich Spiel

Damit erwirbst dir Ruhm nit viel

Denn daß ichs nur sag, bin nit bereit,

Mein Schuldbuch auch ist nit so weit

Hätt ich für mich so zehn, zwölf Jahr

Ich wollt es in der Ordnung han

Daß keine Furcht mich gienget an

Das wollt ich so steh Gott mir bei.

Drum aus Gotts Gnaden laß mich hier

Daß ich das Ding zur Ordnung führ.

TOD:

Hie hilft kein Weinen und kein Beten

Die Reis mußt alsbald antreten.

JEDERMANN:

O Gott der Gnaden auf himmlischen Thron

Erbarm dich meiner schweren Not

Wird mir zum Gefährten für diesen Weg

Kein anderer als du bestellt?

Soll ich aus dieser Erdenwelt

Hinaus, und kein Geleite haben?

Und war doch hier niemals allein,

Mußt allerwegen gesellig sein.

TOD:

Nun ist Geselligkeit am End

Ring nit vergebner Weis die Händ

Schleun dich, jetzt gehts vor Gottes Thron

Dort empfängest deinen Lohn.

Wie, hat dich Narren wollen bedünken

Das Erdengut und dies dein Leben

Wäre dir alles zu Eigen gegeben?

JEDERMANN:

So war ich vermeinend, wahrhaftig und ja.

TOD:

Nichts da, war alls dir nur geliehen.

Bist du dahin erbts einen andern

Und über eine Weil schlägt dem seine Stund

Und er muß alles hier lassen und wandern.

Ich komm halt schnell.

JEDERMANN:

Nur einen Tag!

Nur diese Nacht bis Sonnaufgehn

Das ich mit Reu mög in mich gehn

Und hören auf des Priesters Lehr

Und bessern mich nach deinem Begehr.

TOD:

Dergleichen wird von mir nit erbeten,

Wo ich einen Mann tu antreten

Den schlag ich auf sein Herz mit Macht

Wird vorher kein Anzeig beigebracht.

JEDERMANN:

O weh! Nun ist wohl Weinens Zeit!

TOD:

Mit Weinen wird nur Zeit vertan.

JEDERMANN:

Weh über mich was heb ich an

Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit

Mir zu gewinnen ein Geleit.

Daß ich nicht mutterkindallein

Vor meinem Richter müßte sein.

TOD:

Meinst du, daß solches dir gewinnst?

Ich sag sie weigern dir den Dienst.

JEDERMANN:

Nur nit allein vor das Gericht!

Nur Redens und Ratens ein Stündlein Zeit

Um Christi Gotts Barmherzigkeit!

TOD:

Meinshalb, ich tret dir aus dem Gesicht,

Nur merk vertu nit diese Frist

Und nütz sie klüglich als ein Christ.

(_Geht hinauf, wird unsichtbar._)

JEDERMANN

(_tritt zu seinem Gesellen_):

Mein guter Gesell, du weißts --

GESELL:

Ich weiß.

War nit fünf Schritt weit, Jedermann!

Wie dich der Tod hat treten an!

Und hab Euch reden hören alls

Schlägt mir das Herz bis an den Hals!

Ein froher Mann und kerngesund

Das warst du bis zu dieser Stund

Nun kommt mich schier das Weinen an

Wenn ich dich anschau, Jedermann.

JEDERMANN:

Hab vielen Dank, mein guter Gesell.

GESELL:

Was dir noch Not tut, sag du schnell.

JEDERMANN:

Du bist mir wahrhaft ein guter Freund

Dich hab ich allzeit treu befunden.

GESELL:

Und sollst mich finden zu allen Stunden.

Denn glaub du mir, ging deine Reis

Geradewegs hinab zur Höll

Hie fändest du den Gefährten zur Stell.

JEDERMANN:

Gott steh mir bei du lieber Mann

Daß ichs um dich verdienen kann.

GESELL:

Ist von Verdienen nit die Sprach,

Wär mir die allergrößte Schmach

Wollt ichs mit dem Mund mich unterwinden

Und sollt man in Taten mich lässig finden.

JEDERMANN:

Mein Freund!

GESELL:

Sprich frei, tu auf den Mund

Muß alls mir werden offenbart

Ich steh bei dir bis zur letzten Stund

Recht nach guter Gesellen Art.

(_Jedermann will den Mund auftun._)

GESELL:

Dein Jammer geht mir mächtig nah

Soll alles was aufs Herz dir druckt

Von diesem ganzen Erdenwesen

Von mir getreulich sein verwesen.

Sag, ist dir von etlichen Leids getan?

Sie sollen ihre Strafen han,

Von meiner Hand mit scharfem Eisen

Und müßt ich darüber ins Gras beißen!

JEDERMANN:

Ist nit um dies mir, bei Gotts Blut!

GESELL:

Es geht dir um dein Geld und Gut

Das schafft dir große Sorgenlast,

Daß keine Leibeserben hast.

JEDERMANN:

Nein, Lieber, nein!

GESELL:

Braucht nit viel Wort

Bei mir ist dein Vertraun am Ort

Der Kaufbrief da ist wohl verwahrt

Dir ist um deine Freundin zart

Daß deines Reichtums auf sie komm

Soviel als ihr auf immer fromm.

JEDERMANN:

Nein, Lieber Guter hör mich an.

GESELL:

Spar dir die Reden Jedermann

Bist ohne viel von mir verstanden.

JEDERMANN:

Ach! ganz was anders schafft mir Qual

Viel näheres, mein guter Gesell!

GESELL:

Heraus damit, laß hören schnelle

Merk Freundes Mund tröst allemal.

JEDERMANN:

Ja du mein Freund!

GESELL:

Willst mich nit weisen?

Könnt sein dir blieb sonst nit die Zeit.

JEDERMANN:

O weh, das wär mir bitter leid.

GESELL:

Sag deine Sach! Frisch Jedermann.

Wo bliebe unsre Freundschaft dann?

JEDERMANN:

Wenn ich dir tät mein Herz aufschließen

Und du, du kehrtest den Rücken mir

Und ließest dich meine Red verdrießen

Des hätte ich wohl zehnfach Gram und Weh!

GESELL:

Herr, wie ich zu Euch gesprochen eh

So will ich tun.

JEDERMANN:

So dank dir Gott.

Mir ist befohlen mich fortzuheben

Der Weg ist weit und voll Beschwer

Und was dann kommt, noch weit mehr,

Denn ich soll eine Rechnung geben

Von meinem Reichtum und all meinem Leben

Vor meinem Schöpfer und höchsten Richter!

Drum also komm mit mein guter Gesell

Wie dus versprochen hast zur Stell.

GESELL:

Ei ja, das ist schon eine Sach

Versprechen und brechen, daß wär mir Schmach

Daran nur denken macht mir heiß.

JEDERMANN:

O du!

GESELL:

Doch sollt ich antreten die Reis

Da heißt es sich beraten und gut.

JEDERMANN:

Was? sprachest doch auf jeglicher Straßen

Wolltest nicht lebend noch tot mich verlassen,

Und wär es geraden Wegs zur Höll.

GESELL:

Richtig, so war meine Red, Hand aufs Herz!

Aber die Wahrheit zu vermelden

Ist jetzo nicht Zeit für dergleichen Scherz.

Ist fast bereits ernsthaft die Sachlag.

Und dann, wenn wir die Reis wollten antreten

Wann kämen wir wiederum hierher?

Ei, gib doch Antwort.

JEDERMANN:

Nimmermehr.

Nimmermehr bis an den jüngsten Tag.

GESELL:

Dann bei Gotts Tod bleib ich hintan

Wenn in dem Sinn die Meldung beschah,

Dann stehts, daß ich die Reis nit tu.

JEDERMANN:

Nit tust?

GESELL:

Nein, alsdann bleib ich am Ort.

Ich sag dir, wie mir ist zu Sinn

Du weißt, daß ich freimütig bin.

Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu

Um keiner lebenden Seel fürwahr

Auch nit um meines Herrn Vaters Lieb

Gott schenk ihm ansonsten die ewige Ruh.

JEDERMANN:

Um Gott! Hast mir was anders versprochen!

GESELL:

Weiß wohl. Und ist recht in Treuen beschehn

Und so du wolltest was anders begehn

Mit Frauen was Gutes in Kumpanei

Oder was es sonsten sei

Solltest an deiner Seiten mich sehn

So lange Gott läßt einen hellen Tag sein

Und auch des Nachts bei Fackelschein.

Das sag ich in Treuen!

(_Schickt sich an zu gehen._)

JEDERMANN:

O deiner bedarf ich jetzt gar sehr

Jetzt heißt es: Gesell gedenke mein.

GESELL:

Ob wir Genossen waren, ob nit

Hinfort tu ich mit dir keinen Schritt.

JEDERMANN:

So bitt ich dich, nimm soviel auf dich

Um Christi Gotts Barmherzigkeit

Und gib mir tröstliches Geleit

Bis vor die Stadt.

GESELL

(_reißt sich los_):

Ich tu dirs nit,

Setz einen Fuß nit vor den andern

Nit um ein neues Feierkleid

Ließest du dir ein wenig Zeit,

So wollt ich dich nit allein lassen stehn

Nun aber kann ich nit harren bei dir.

(_Über die Schulter zurück._)

So geb dir Gott eine schleunige Fahrt

Dahin recht sänftlich in guter Art

Muß eilends jetzt meines Weges gehn.

JEDERMANN

(_einen Schritt ihm nach_):

Wohin Gesell? Willst mich verlassen ganz und gar?

GESELL:

Wohl, wohl. Gott nehm deiner Seelen wahr.

JEDERMANN:

Leb wohl, mein Freund, um dich wird mir mein Herz arg schwer,

Leb immer wohl, dich seh ich nun auch nimmermehr.

GESELL:

Leb wohl, auch Jedermann, leb wohl am End, gib mir die Hand,

Ja, Scheiden tut recht weh, das hab ich jetzt erkannt.

(_Er geht._)

JEDERMANN:

O weh, wohin soll ich nun um Hilf in der Welt.

War mein Gesell, solang ich fröhlich war

Nun trägt er wenig Leid um mich ganz unverstellt.

Hab eh und immer was reden hören

Das ging mir aber gar nit nah

Bis heute, da mir das geschah.

Es hieß: So lang einer im Glück ist

Der hat Freunde die Menge,

Doch wenn ihm das Glück den Rücken kehrt,

Dann verläuft sich das Gedränge.

O weh, so siehet das nun aus

Schnürt mir die Kehl vor Angst und Graus.

(_Er wird die Vettern gewahr, die noch beiseite stehen, und sein

Gesicht hellt sich auf._)

Da stehen meine Blutsfreunde ja,

Vielliebe Vettern bleibt mir nah.

Ihr seid wahrhaftig recht am Ort,

Weiß auf der Welt kein schöner Wort

Als dieses: Art läßt nicht von Art,

Das wird von Euch heut recht gewahrt,

Da ihr in dieser schweren Stund

Mein Beiständ seid mit Hand und Mund.

DICKER VETTER:

Geruhig Blut, mein Vetter Jedermann,

Nur ruhig Blut, das ist alls, was ich sagen kann.

JEDERMANN:

Ihr lasset mich auch nit --

DICKER VETTER:

Nur ruhig Blut

Ist gar von Lassen nit die Sprach,

In Stich euch lassen, das wär uns Schmach.

DÜNNER VETTER:

Euch widerfahr so Liebes wie Leides,

Mit euch zu teilen begehren wir beides.

DICKER VETTER:

Ja, wie gesagt -- -- ei freilich ja!

Ihr seht wir stehn euch treulich nah.

JEDERMANN:

O vielen Dank, ihr Blutsfreunde mein.

DICKER VETTER:

Da wir doch Anverwandte sein!

JEDERMANN:

Ihr habt gesehn, es kam ein Bot,

Der kam auf hohen Königs Gebot.

DICKER VETTER:

Ja, -- -- ich weiß, Vetter Jedermann -- --

Die Sach ist eben so bewandt,

Daß ich in der nichts machen kann.

JEDERMANN:

Er hieß einer Fahrt mich unterwinden.

DICKER VETTER:

Ja, wie gesagt --

JEDERMANN:

Von dieser Fahrt -- --

DICKER VETTER:

Nun, wie gesprochen, Art läßt nicht von Art!

JEDERMANN:

Von dieser Fahrt, das weiß ich wohl,

Werd ich nimmer zurücke finden.

DICKER VETTER:

Ei nimmer! Ja, wo halt nichts ist,

Da hat der Kaiser 's Recht verloren!

JEDERMANN:

Mein Vetter, hörtet ihr, was ich sprach?

DICKER VETTER:

Ihr redet nit zu tauben Ohren.

DÜNNER VETTER:

Ei, nein, wahrhaftig nit, Gotts Not.

JEDERMANN:

Ich werd da nimmer zurücke finden.

DICKER VETTER:

Habt ihr auch richtig verstanden den Bot?

JEDERMANN:

Ich ihn?

DICKER VETTER:

Die Red und den Verstand

Habt ihr das richtig wohl gefaßt?

JEDERMANN:

Ob ich? --

DICKER VETTER:

Das war schon, daß ich sag --

Ein recht ein ungebetner Gast.

Hm, Vetter.

DÜNNER VETTER:

Ja, ich mein, Gott seis geklagt --

DICKER VETTER:

So meint ihr auch wie ich? Ja, wie gesagt

Ja, Gott befohlen, Vetter Jedermann,

Da habt ihr alles, was ich sagen kann.

JEDERMANN:

Ihr Vettern, bleibet, hört mich an!

DÜNNER VETTER:

Hast du vielleicht noch ein Begehr?

Sprich kühnlich, Vetter Jedermann.

JEDERMANN:

Ich muß dort eine Rechnung legen

Und hab einen Feind, der allerwegen

Mir will in meinen Weg treten

O hört mich an! mit großer Stärken.

DICKER VETTER:

Was denn für Rechnung, sagt doch an.

JEDERMANN:

Von all meinen irdischen Werken:

Wie ich meine Tag hab hinbracht

Und was ich Arges hab getan

Die Jahr all bei Tag und Nacht

Drum seid um Christi willen gebeten

Und helft mir meine Sach vertreten.

DÜNNER VETTER:

Was, dorthin? Geht es euch auf das!

Nein, Jedermann, da geh ich nit

Kannst mich nit zum Geleiter kriegen!

Wollt lieber in einm finstern Gelaß

Bei Wasser und Brot zehn Jahre liegen.

JEDERMANN:

Oh, daß ich nit geboren wär

Nun werd ich fröhlich nimmermehr,

Wenn ihr mich da verlasset dann.

DICKER VETTER:

Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes · 第 1 / 3 段