Warum soll ich meinen Lesern vorerzählen von den Thränen der schönen
_Rosalia_, die sie beim Abschiede ihrem lieben _Josselin_ und _Duur_
nachweinte? -- Warum soll ich die Küsse berechnen, die wechselseitig
gegeben und genommen wurden? --
Man reiste ab.
Fünftes Kapitel.
Zuerst ins Tollhaus!
Die Reise hatte für den Bürger des achtzehnten Jahrhunderts kein gemeines
Intresse, denn, wo _Josselin_ nichts, als alltägliche Dinge, erblickte,
fand _Duur_ bewundernswürdige Neuigkeiten. Jener mußte es sich daher oft
gefallen lassen, bei den unbedeutendsten Quisquilien, wie vor ausgemachten
Seltenheiten stehn zu bleiben.
_Florentin_ lebte ganz auf; er vergaß beinah seines eignen Leidens über den
Reichthum an Glückseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der ärmste
Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte;
er wünschte tausendmal, daß sein ehrwürdiger Oheim izt ihn unsichtbar
begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten möchte;
er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.
Von allen Seiten her lachte von den schönbepflanzten Weinbergen, von den
unermeßlichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flüssen ihm Freude
entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie
-- und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor
fünf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der
preussischen Monarchie sich regte.
Die Dörfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Städten. Auf den
Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Ländliche Einfalt
und städtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin
sie kamen, fanden sie, selbst in den Hütten der Armuth, einen großen Schatz
-- _Reinlichkeit_.
»Wie sich das alles so schön verändert hat!« tief _Duur_ in einer frohen
Ekstase seinem Gefährten zu: »um wie viel glücklicher ist doch, bei allen
ihren Mängeln, dennoch diese Nachwelt! -- Zu meiner Zeit hätt' ichs nicht
einmal wagen mögen, in die Hütten armer Landleute zu treten. Ich glaube,
die Gefängnisse sind izt Palläste gegen die meisten Dorfhütten des
achtzehnten Jahrhunderts.« --
»Nun wahrhaftig,« entgegnete _Josselin_: »schilderst Du doch das Vaterland
Deiner Zeit wie ein Kamschatka.«
»Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thäte? -- Denke Dir einen Haufen
unordentlich durch einander geworfner Hütten, als hätte sie ein Sturm
zusammengeführt und ein Wirbelwind geordnet -- diesen Haufen nannte man
sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajütte, mit Schmuz
austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein
niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzüge die Luft verpesten
konnten -- dazu Kinder und Eltern im Schmuz _erzogen_, mit Schmuz
_bekleidet_ -- und Du hast das anschauliche Bild von den meisten
Bauerwohnungen jener Zeit.«
»Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Palläste.«
»Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das
nützlichste Vieh der _Gutsherrschaft_. Er mußte für die Ueppigkeiten seines
Herrn im blutigen Schweiß seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts --
gar nichts davon, als einen kümmerlichen Unterhalt -- _Kartoffeln_, und
_Lumpen_.«
»Warum duldete es der Bauer?«
»Weil er _mußte_. Es kam freilich hin und wieder zu Aufständen und
Tumulten; die Sklaven rüttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung
von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, daß sie nie ihrer Tage
froh, und ihrer Arbeit Früchte mächtig wurden -- allein selten halfs. Die
Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gönner und einen Schein des
Rechts.«
»Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Märchen
aufbinden? einen _Schein des Rechts_ Menschen für sich, die ihre
Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdürftig dafür mit
Kartoffeln und Lumpen bezahlten?«
»Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte
Verträge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein,
ihr Land zu bauen. Dafür wollten sie eine Hütte, und soviel Acker geben,
daß man sich davon nähren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte
auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in
Ueberfluß und sein armer Unterthan mußte sich bei Wasser und Brodrinden
_quid iuris_ lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, daß er
doch _auch ein Mensch sey_. Ja, der Gutsbesitzer ließ sich wohl gar noch
einen _Menschenfreund_ und _Wohlthäter schelten_, wenn er bei schlechten
Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht --
_verhungerten_. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem
Vieh_,_ welches er füttern _mußte_, wenn er seine Felder in der Zukunft
damit bestellen wollte.«
»Das ist traurig!«
»Wenn nun so ein armer Schelm _vier_ saure Tage in der Woche für seinen
Herrn, und einen, oder zwei für sich gearbeitet hatte, so war der siebente
Tag -- Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und ließ sich von seinem oft
herzlich unwissenden Pfarrer etwas _über die Leiden der Gerechten in diesem
Jammerthal_, oder einige Geheimnisse der _Dogmatik_ vorpredigen. -- Du
kannst leicht denken, wie es da um die _Bildung des Geistes und des
Herzens_ der Bedauernswürdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und
schreiben.«
»Schändlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert
das _philosophische_ nennen können?«
»Scherz! es gab damals noch _Philosophen_, die sogar in Barbara und Ferio
bewiesen, daß es _höchst schädlich_ seyn würde, dem _größten Theil
derselben vernünftige Begriffe beizubringen_, behaupteten: der Landmann
müsse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste
wären das fruchtbarste Befördrungsmittel der ländlichen Industrie,
besonders da man dann und wann fände, daß _freie_ Bauern weit armer und
_lüderlicher_ wären, als die frohnenden.«
»Ich mag nichts weiter hören von der Barbarei Deiner Philosophen -- so was
kömmt mir in _bösen Träumen_ wieder vor!« rief Josselin bewegt: »so dank
ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend später in die Welt
warf.«
Mit solchen Gesprächen verkürzten sich unsre Pilger den Weg. _Josselin_
fühlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, _Florentin_ einen Grad
fröhlicher.
Sie kehrten unterwegs gewöhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche
im Durchschnitt Männer von Kenntniß und Erfahrung waren, die so viel Gehalt
besaßen, daß sie _ohne Nahrungssorgen_ gemächlich leben _und_ sich ihrem
wichtigen Amte _ganz_ widmen konnten.
Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, daß sie ihre
Catechismusschüler zu _Papageichristen_ bildeten, sich _magre_ Predigten
und _fette_ Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in träger
Muße ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die
Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenärzte ihrer Gemeinde, und ausserdem
die _leiblichen_ Aerzte derselben. Jeder Landprediger mußte Medicin
studirt, und so gründlich studirt haben, daß er im _Collegio medico_ der
Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren
Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. -- Statt der
_Septuaginta, Concordanz_ und _hebräischen Bibel_ fand man in ihren Zimmern
ein _Arzneischränkchen_, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande
gehalten ward.
Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in
welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte
war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm
jechlicher nahte. Mit welchem Gefühl mußte so ein Mann auf der Kanzel
stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des
Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!
»Ja, meine Herrn,« sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefühl seines
Werths zu unsern Abentheurern: »ich gesteh es gern, daß der Stand, in
welchem ich lebe, ein beneidenswürdiges Glück mit sich führt für jedes gute
Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rühmen, so täglich mit eignen
Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine
Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit
flieht, der Schöpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.«
»Ein schönes Loos!« rief _Florentin_: »vorzeiten wars nicht so. Da mußte
der Landgeistliche hebräisch und grichisch verstehn; man hätte ihn
ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen
wollte.«
»Das war _vorzeiten_! Gott seys gedankt, wir leben in einem _vernünftigern
Jahrhundert_, wo die Lehrer des Volks den _ersten_ Lehrern des
Christenthums ähnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten
seiner Apostel Leib- und Seelenärzte? -- So lange man in den Kirchen noch
_hölzerne Kelche_ besaß, hatte man noch _goldene Priester_; seitdem die
Christen sich _goldner Kelche_ freuten, hatten sie _hölzerne Priester_. --
Sehn Sie, es wäre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder über das
barbarische Alterthum emporschwingen wollten.«
Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Dörfern vertrauter zu
machen, besuchte _Florentin_ auch die glücklichen Landleute in ihren
Wohnungen. -- Ueberall ward er mit Höflichkeit und patriarchalischer
Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen
Blick: wer bist du? was willst du? -- Selbst der Aermste sezte ihm ein
reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.
»Gott! welch ein herrliches Volk ist das!« rief _Duur_ mehr, als einmal:
»und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefühllos stehn, -- auch nicht
einmal eine Spur von Freude äussern?«
»Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzückten spielen soll?«
entgegnete _Josselin_: »ists denn so was Wunderbares, daß der Bauer kein
_Vieh_, sondern ein _Mensch_ ist?«
Einigemal hatten unsre Pilger das Vergnügen, einem Bauernexamen
beizuwohnen, einer Sitte, welche _Josselinen_ selbst neu war, weil sie erst
auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingeführt war.
Jeder Bauer nämlich, welcher sich in einem Dorfe häuslich niederlassen,
oder sich verheurathen wollte, mußte sich vorher einer gewissen Prüfung
unterwerfen, die der _Prediger_ und der _Oberbauer_ des Dorfes führten. Er
mußte beweisen, daß er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein
guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.
Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den
Schulunterricht, theils durch das Lesen nützlicher Bücher, welche für den
Landmann geschrieben waren.
In den Schulen lehrten nun freilich keine _Invaliden_, keine _verlaufne
Schneidergesellen_, wie im _philosophischen_, _achtzehnten_ Jahrhundert,
sondern zu diesem Unterricht gebildete Männer. Ihre Schüler lernten nicht
nur lesen, schreiben, rechnen, Religions- und Sittenlehren, sondern auch
allerlei nützliche Haus- und Wirthschaftsregeln, und andre im gemeinen
Leben heilsame Dinge.
Dazu kam noch, daß jeder Hausvater für seine Familie einige vom Landesherrn
vorgeschriebne Bücher halten mußte, die deutlich und faßlich über allerlei
Gegenstände der Natur und des häuslichen Lebens, vom Benehmen bei Feuer-
und Wassergefahr, bei Gewittern, bei Kranken und Sterbenden, u. s. w.
handelten. Ohne diese Bücher konnte kein Bauer so wenig ein Hausvater, als
vordem ohne Bibel, Catechismus und Gesangbuch ein Christ werden.
»Schmäle, so viel Du willst,« sagte _Duur_: »meine Freude ist eben so
gränzenlos, als meine Verwunderung! Ich begreif es in Ewigkeit nicht, wie
man den Landmann zu einer solchen Stufe der Polizirung hinanbringen
konnte.«
Josselin. (lächelnd.) Das find ich nicht unbegreiflich. Kann man doch Bären
tanzen und Hunde exerziren lehren.
Duur. An der Fähigkeit des Bauern, ein Mensch zu _werden_, zweifle ich
nicht. Ich wundre mich nur über den Willen, -- daß man ihn zum Menschen zu
machen _gewollt_ habe.
Josselin. _Gewollt_? ich verstehe Dich nicht.
Duur. Das glaub' ich gern. Zu meiner Zeit hieß es noch: wozu hat der Bauer
die Bildung des Herzens und des Verstandes nöthig? -- das ist Ueberfluß. Es
ist genug, wenn er sein Feld bestellen und zur gehörigen Zeit seine Abgaben
entrichten kann. -- Ob so ein wirklich _unglückliches_ Wesen nicht eben so
gut Ansprüche auf die höhern Freuden der Menschheit, auf die Freuden des
Herzens und des Geistes, auf gewisse Bequemlichkeiten u. s. w. habe, als
der Stadtbewohner, darauf ward gar nicht einmal Rücksicht genommen. Kurz,
er war ein Bauer, ein _gebornes_ Lastvieh in der Welt.
Josselin. Das ist schändlich gedacht.
Duur. Glaube mir, daß ich ausgelacht geworden wäre, wenn ich im achtzehnten
Jahrhundert nur prophezeit und vorgeschlagen hätte, was izt Wirklichkeit
ist.
Josselin. Das sieht dem achtzehnten Jahrhundert ähnlich.
Duur. Freilich entdeck' ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der
Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bücher und dergleichen mehr
gewonnen sind.
Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten
und ihrer Finanzveränderungen, um Dir das Räthsel zu lösen. So viel aber
weiß ich, unsre Fürsten füttern an ihren Höfen keine Ceremonienmeister,
Hofmarschälle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure
Gehalt solcher unnützen Staatsfiguranten, und befördern damit die Cultur
ihrer Unterthanen.
Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du -- -- -- ach, verzeih, ich lebe ja im
dreiundzwanzigsten Jahrhundert! -- So ist wirklich also die Polizirung der
obern und niedern Glieder des Staatskörpers in gleichen Verhältnissen
gewachsen.
Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode älter, sollte sie
nicht auch klüger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt;
sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten
Politikern mit dem menschlichen Körper verglichen, aber sie umfaßten den
großen Sinn des schönen Vergleichs nicht. -- Wenn der Kopf alles Blut aus
dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhältniß
gewöhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Füße schwanken und versagen beim
besten Willen den Dienst -- ein Schlagfluß zerstört dann am Ende wohl die
ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt;
Bauer und Bürger tragen und erhalten den Körper; das cirkulirende Geld ist
das Blut. Das Haupt muß freilich _verhältnißmäßig_ immer das meiste Blut,
der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstört dieser aber die
Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum _allein an sich_, schmachtet der
erwerbende und ernährende Stand in Armuth: so verlieren die _Füße_ ihre
Kraft, und der Körper stürzt unter dem falschen Verhältniß ohnmächtig
nieder. -- Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus
der Politiker mit _blutiger Schrift_ das richtige Verhältniß der
_verzehrenden_ und _ernährenden_ Volksklasse bestimmt.
Duur. Es ist traurig, daß die Menschen keine andre Lehren lieben können,
als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von
der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.
Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen
gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den _Berloken_
derselben zu _glänzen_ und zu _spielen_, als sich nach ihrem _Weiser zu
richten_. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig
gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.
_Florentin_ seufzte tief auf.
Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin _Florentin_ für seine
Wißbegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.
»Zuerst ins Tollhaus!« rief _Josselin_: »damit Du Dich von Deinem Entzücken
über die Menschheit etwas erholest.«
Sechstes Kapitel.
Was ist der Mensch!
Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermüdungen der Reise etwas erholt
hatten, wanderten sie wirklich, _Josselins_ Vorschlag gemäß, den
Behausungen des Elendes zu.
Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhöhe lag, umgeben von hohen,
unübersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes
_die Jammerburg_ genannt wurde -- ein charakteristischer Name für das
Aeussre und Innre dieser Stätte.
Der Weg führte über eine schmale Zugbrücke zum Eingang durch die Ringmauer.
Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde _Genius der
Menschheit_, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem
die _Tugend_ und _Vernunft_ wachen, wieder anzünden zu wollen scheint. --
Darunter stand die goldne Inschrift: _Eingang zum Siechenhause des
menschlichen Verstandes_.
»Du darfst aber nicht glauben,« sagte _Josselin_: »daß hier nur der
Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch
Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glücklichen
Menschheit, ihre Sünden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer
Arbeit büßen müssen. -- Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen
und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.«
Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr
menschenfreundlicher Mann, führte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch
alle Zimmer der Unglücklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer
Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.
Am auffallendsten waren unserm _Duur_ zwei Erscheinungen, nämlich, das der
größte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der _Philosophen_
spielte, und daß die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten
verfallen waren, entweder _Schuster_ oder _Mediciner_ gewesen.
Unter den _philosophischen Narren_ zeichnete sich vorzüglich ein gewisses
Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und
träumte, und auch mit den größten Martern zu keiner nützlichen Arbeit
bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an
Kenntnissen, aber ohne Gefühl für Ehr und Schande, für Tugend und Laster --
und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus _Grundsätzen_.
Wenn er sich ja noch einer Beschäftigung unterzog, so war es die, zu
schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung
seines eignen Ichs zu nützen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schön
gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, daß
sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr.
Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des
Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und
ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.
Er bildete sich ein, daß er ein höheres Etwas, ein Lieblingswesen des
unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich
und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem
Zwecke führe das höchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn
zu der großen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er
behauptete, schon früher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern,
welchen wir Erde nennen; allein von dieser Präexistenz seines Ichs sey nur
eine dumpfe Ahndung in dem Gedächtniß heimgeblieben.
Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey -- nicht für das
höchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust
für sich, sondern -- für ihn erschaffen. Alle Gegenstände, ausser ihm,
wären nur Erscheinungen, und für ihn da, um seinen Verstand daran zu üben.
Diese vergänglichen Erscheinungen -- welche bei seinen Uebergang in eine
höhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer
Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nöthig sind -- wären ein Spiel der
Nothwendigkeit, nach dem Plan des höchsten Wesens, zu seiner Bildung; es
habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rühmen --
Tugend und Laster, Ehr' und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren
Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit
des Denkvermögens in ihm, gewönne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen
nicht wirklich geschehn, sondern gehörten mit zu dem Schein, zu den
Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern
Mittelwesen eingepflanzt wären, um sie ihm vorzuhalten. -- Der Zweck seines
Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein
sich, als mit Realitäten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe
das für ihn aufgeführte Schauspiel zu betrachten, und darüber weiter
nachzugrübeln. -- Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein
Wink, welchen ihm das höchste Wesen geben wolle über den Hintritt in eine
andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwärtigen Schauspiels,
sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er müßte
aber geduldig warten, bis ihn das große Weltwesen abrufen würde, mittelbar
oder unmittelbar. -- Die Schmerzen und Einschränkungen, die er in seiner
gegenwärtigen Lage zu erdulden habe, müßten mit in den großen, für ihn izt
noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst
begriffe er nicht, wie er dazu käme, noch wozu sie ihm nüzten. Die
Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurückzubringen,
seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er
dadurch Gelegenheit gewönne, noch mehr über die Täuschung und den Schein
der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu üben.
Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft
werden würde, wenn jeder einen ähnlichen Egoismus in sich nährte, so
antwortete er: die mir scheinbar ähnlichen Gestalten hängen so wenig von
ihrer, als meiner Willkühr ab; sie _müssen_ sich so bewegen, so handeln, so
zu wollen scheinen, als es dem Plan des höchsten Bildners entsprechend ist.
Sie _können_ folglich nichts, können auch nicht einmal _wollen_.
_Duur_ fragte ihn: »womit er sich denn bewiese, daß alles ausser ihm nur
Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des höchsten Urhebers
sey? -- und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?«
»Womit ichs verdient habe?« antwortete der Philosoph: »da müßtest Du nicht
_mich_, sondern das höchste Wesen fragen, wenn Du _könntest_. Ich bin ohne
Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu
schaffen und zu bilden. -- Womit ich beweise daß außer mir nur alles Spiel
und Schein sey? -- Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir
gegebnes, leitendes Gefühl, zweitens weil ich wirklich von der Außenwelt
auch durchaus _nichts anders weiß_, als daß sie eine Reihe vorübergehnder
Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil
keiner bewiesen.«
»Warum aber sollte das Urwesen sich nur _einen_ Liebling geschaffen haben,
warum nicht _mehrere_ glücklich machen wollen?«
»Warum sollte das Urwesen _mehrere_ Lieblinge sich erkoren, und nicht an
_einem_ sich begnügt haben?«
»Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem großen Ideal, welches der
menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen _muß_?«
»Freilich _muß_! -- Du _kannst_ nicht anders, als _so_ denken, wie Du
denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt?
Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkührlichen Plan
geschaut?« --
Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und
Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um über diese
Unterredung weiter zu speculiren.
_Duur_ konnte sich einer Verwundrung über die sonderbare Mischung von
_Scharfsinn_ und _Narrheit_ nicht erwehren.
»O,« rief _Josselin_ lächelnd: »wundre Dich nicht. Es giebt der
philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, daß nicht diese
Jammerburg, und wäre sie dreimal größer, sie beherbergen könnte, wenn sie
versammelt würden. Aber man läßt sie frei unter den Menschen umherwandern,
wohl gar von den _Cathedern_ predigen, weil sie zum Glück ihre Theorien
nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.«
»Sie haben recht,« sagte der _Aufseher_, indem er ein andres Gemach
eröffnete: »auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines
Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von
Hippo den Kopf verrückt haben. Er glaubt und, lehrt, daß Gott, ohne
Rücksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbürger zur
ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm
ers sich nicht übel, seinen einzigen Sohn tödtlich zu verwunden, weil
dieser das Gegentheil behauptet hatte.«
_Duur_ seufzte: »treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und
zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?«
»Weißt Du nicht, daß von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?«
entgegnete _Josselin_.
»O!« fuhr _dieser_ fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder
verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der
Seele schweben hatten: »wo bleibt _hier_ des Menschen schönste Hoffnung,
sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestät der menschlichen Natur?
-- Worin gründet sich diese Majestät, oder der Traum von ihr? -- gewißlich
leider in unsre Unwissenheit über uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie
das liebliche Lustschloß hinbauten, ohne den Boden zu prüfen! -- Elend und
gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber.
Wer dachte an uns in der fröhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo
nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenkützels lezter Zweck
war? -- _daß_ wir erschienen, war die Folge einer Tändelei, wozu ein
Gläschen Weins, Einsamkeit und Ohngefähr das Signal gaben.«
»Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen
und mühseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: _wozu waren
wir da?_ -- Wir kamen, ohne unsern Willen, und müssen davon, ohne daß wirs
wünschen. Wir haben im Leben kein Auge für den Tod; er wandelt uns immer
zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneigläsern; im
frohsten Tanze springt unsichtbar der Würger mit.«
»Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer
Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, daß von den Gegenden
jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzählten, schrieben und,
schwärmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus _Büchern_
kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns
zurück und rief: Land! Land!« --
»Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drüben das
Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht
zu dem Gemälde ihre schönsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet
mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns!« --
»Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen
Zeitpunkte, die Blüten und Früchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn,
wie der _gereifte Mann_ allmählig wieder zum _welken Greise_ abstirbt, und
mit dem _Körper_ zugleich der _Geist_? -- Wenn wir den Mann, welcher die
höchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen maß, die
Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir
ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von
seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder _kindisch mit seinen Windeln_
spielen? -- was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem,
der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das
Bild der Vergänglichkeit durchforscht!«
»Welch ein Bewandniß muß es mit unserm unsterblichen, zur ewigen
Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des
Hirnschädels seine Systeme zerrütten, sein Gedächtniß verwüsten, seine
Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrümmern kann? Tödte einen
Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz
anweiset, und Du tödtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen
zugleich! -- Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation
im Grabe von der Fäulniß verwüstet liegt, wird dann noch dem mörderischen
Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung ähnlich sieht? --
Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns _Kraft_ hieß? Wenn der
Baum, welcher einst lachende Früchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln
unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die _Kraft_
zum Blütetreiben und Fruchtbringen?«
»Ach, Duur, lieber Duur, _was ist der Mensch_?«
Siebentes Kapitel.
Das Fest der Menschheit.
Die Wandrer kamen in die Stadt zurück. Es war schon spät. Traurig und
verstimmt legten sie sich zu Bett. -- »Hier ist Wohlseyn!« rief _Duur_.
»Ja wohl,« entgegnete _Josselin_: »_Nichts_ haben, _nichts_ empfinden,
_nichts_ wissen, ist auch ein Reichthum, auch ein Glück!«
»Unser ewiger Reichthum im Grabe!« sezte _Florentin_ hinzu.
Unter dem lärmenden Schall der Trompeten und Pauken erwachten sie am andern
Morgen. Die Sonne war schon hoch herauf. Man brachte das Frühstück;
_Florentin_ und _Josselin_ warfen sich ins Fenster um sich am bunten
Getümmel der Menschen in den Straßen unten zu weiden.
»Es scheint heut ein wichtiger Tag dieser Stadt zu seyn!« sagte _Duur_,
indem er mit Verwundrung und Vergnügen die vielen fröhlichen Gesichter
zählte.
»Das Fest der Menschheit!« erwiederte mit lachender Miene der _Aufwärter_.
»Ein herrliches Volksfest!« intonirte _Josselin_: »Heut wollen wir wieder
selig seyn, und die düstre Jammerburg vergessen.«
»Wie so?«
»Es ist ein Tag der allgemeinen Freude, ein Festtag der Liebe, der
Barmherzigkeit und jeder gesellschaftlichen Tugend! Hurtig, wir wollen uns
ankleiden, und unsre Börsen füllen, um den Armen wohl zu thun.«
»Du bist ja einem Entzückten gleich.«
»Und Du einem Erstaunten. Es ist wahr, ich dachte nicht daran, daß Du ein
Kind des achtzehnten Jahrhunderts seyst; aber wer kann sich auch immer
daran erinnern? -- Ich muß Dir nun wohl erst eine umständliche Vorbereitung
geben, wenn Du den heutigen Tag recht schmecken sollst. Aber wahrhaftig,
ich bin grade izt zu den Vorbereitungen wenig aufgelegt.«
»Nur kurz und bündig den Inhalt und die Ursach des Festes!«
»Das ists eben, wovor ich mich fürchte; da muß ich Dir ja eine besondre
Rede über unsre Feste halten.«
»Nur Skizze!«
»Wahrhaftig, mehr sollst Du auch heut nicht von mir fodern dürfen. -- Also
_Ursach_ und _Inhalt_ des Fests? -- Ursachen kann ich Dir von dieser
Feierlichkeit nicht mehr und nicht weniger angeben, als von jeder andern.
Man will dadurch Herz und Geist des Volks erfreun, den Umlauf des Geldes
rascher befördern, Gemeingeist und Brudersinn erwecken und was man nun von
solchen Gelegenheiten mehr anzugeben pflegt. -- Vor Zeiten wurden mehr
Kirchen- als Nationalfeste gefeiert; seit anderthalbhundert Jahren sind
mehr National- als Kirchenfeste. Vor Zeiten war fast jeder _Sonntag_ ein
christlicher _Festtag_, izt ist der Sonntag nur _Ruhetag_ und großer
Volksfeste haben wir in jedem Jahresviertel nur ein _einziges_.«
»Und die christlichen _Kirchenfeste_?«
»Sind beinah sammt und sonders secularisirt. Die Welt hat an ihnen nichts
verloren; gewiß aber mit ihrem Verlust gewonnen.«
»Das möcht' ich nicht behaupten. Die _Religion der Christen_ hat
_unstreitig_ durch die Aufhebung oder Secularisirung der Feste von ihrer
Autorität und Wirksamkeit vieles eingebüßt.« --
»Laß doch die _Religion_ einbüßen, wenn die _Menschheit_ nur Vortheile
erringt.«
»Ist eins ohne das andre _möglich_?«
»Gewiß; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! -- Wozu
wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den _edelsten_
Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, daß der hierarchische Sinn der
ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: daß man sie
einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten
Christenthums einen Enthusiasmus für die Religion selbst zu befördern.«
»Ich bin mit dem Zweck zufrieden.«
»Wurd' er _erreicht_? -- Selten war darunter ein Fest der Freude -- es
waren mehrentheils _Buß_- und _Bettage_, welche den durch tausend
Widerwärtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten
und zu erquicken für die folgenden Schicksale. Das alte Sündenregister ward
unaufhörlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der höllische
Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermüthige, düstre Schwärmerei war
gewöhnlich die ganze Frucht des Festes für den, welcher es mit ganzer
Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte.« --
»Aber wie viele begingen es so?«
»Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der
Reichere, oder sich aufgeklärt Dünkende, erinnerte sich nicht an den Sinn
des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit größerer
Lustbarkeiten. Man verpraßte den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch-
und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am
seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine
besondre Weise; neue Kleider mußten an diesem Tage figuriren, und ein Wein-
oder Brannteweinsrausch Leib und Gemüth erquicken. -- Was gewann dabei die
_Religion_, was die _Menschheit_?«
»Ich kann Dir nicht widersprechen.«
»So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen
_Gemeingeist_ zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen
_Städten_; ich will nicht von _Staaten_ sprechen. Man ließ die bequemste
Gelegenheit ungenüzt entschlüpfen, das schöne Band der Eintracht um die
Herzen der Bürger zu schlingen und für Tugend und Vaterland zu begeistern.
Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als _Brüder und
Schwestern_, näher zu führen; nie wurde ein Versuch gemacht, den
schneidenden Unterschied der Stände zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus
und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes,
trotz seiner Verderblichkeit für das gemeine Wesen, zu vernichten. Es
fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was _allein_ Nationen, so
wie einzelne Familien, _liebenswürdig_ macht, -- _Geselligkeit, Humanität_!
Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebührte ihnen
_rechtens_; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, träge Thiere,
unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hündischem Geiz nur das eigne
Intresse bewachend.«
Unter diesem Gespräch hatten sie sich beide angekleidet.
»Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen
belehren!« sagte _Josselin_ und führte seinen Freund hinaus auf die Straße,
wo alles von Fußgängern, Reutern und Wagen wimmelte.
_Florentin_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren beim nähern Anblick
dieses bunten Getümmels -- es war ihm die größte Maskerade, welche er je
erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.
Greise und Kinder, Männer und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche
tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die
Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles
erhielt dadurch einen glänzenden Anstrich von Wohlhabenheit und
Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel
Auffallendes.
Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die
sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade
ähnlich. Hier führte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmückte
Dame; dort führte ein junges, blühndes Mädchen einen alten, blinden Mann.
Drüben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem
jüdischen Lehrer; ein kraftvoller, schöner Jüngling stüzte dort einen
schwachen, halbgenesenen Kranken.
»Wo bin ich?« rief _Florentin_ lachend.
»Unter _Menschen_!« entgegnete _Josselin_.
»Wohin solls gehn?«
»Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Gärten. Allenthalben
wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses
schönen Tages unterwerfen: wir müssen uns trennen. Bekannte und Freunde
dürfen heut nicht beisammen bleiben, Familien dürfen nicht an
einanderhalten, sondern müssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den
Unbekannten nähern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude
verbreiten, wo sie können; die Armen freigebig bewirthen; Krüppel, Lahme
und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen.« --
»Träumst Du, oder träum' ich?«
»Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergnügen; wer ein reines Herz und
einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht
anders denn glücklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, läppischen
Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, daß
die Menschen, wie Brüder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben
Familie unter einander zu wohnen im Stande wären. Siehe hier ist der
allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des
Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo
der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thränen
vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum
natürliche Einfalt, Wegwerfung des künstlichen und natürlichen
Unterschiedes -- denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur
ist wieder _Natur_. -- Geh hin, und werde froh, indem Du andre fröhlich
machst. Heut Abend, oder morgen früh finden wir uns wieder zusammen.«
Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich _Josselin_, und ergriff die Hand
eines vorübergehnden Bürgers, welcher sich so freundlich mit ihm
unterhielt, als hätt' er einen alten Bekannten wiedergefunden.
_Florentin_ stand lange da, wie ein Träumer. »Mein Gott! mein Gott! welche
Menschen leben izt, welch' ein Jahrhundert ist dieses!« sprach er bei sich,
und zerdrückte mit den Augenwimpern eine Thräne, die sich unwillkührlich
hervordrängte: »O, mein Oheim, könntest du mit mir feiern das Fest der
Menschlichkeit und Menschheit!«
Indem er so vor sich hinstarrte, und sein Herz voll war von Rührung und
Seligkeit, fühlte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Achsel.
»So traurig?« fragte ein wohlgekleideter, ältlicher Mann, mit biedrer
Herzlichkeit.
»Nichts weniger, als das!« antwortete _Duur_: »ich sah mich nach einem
Gefährten um.«
»Kommen Sie mit mir.«
»Mit Vergnügen. Ich bin ein Fremdling in dieser Stadt; führen Sie mich,
wohin Sie wollen.«
Der Fremde lehnte sich freundlich an ihn, und so wanderten sie durch die
Stadt ins Freie hinaus, von Promenade zu Promenade, von Garten zu Garten,
wo sie allenthalben Geselligkeit und Freude fanden.
»Ich wundre mich,« sagte _Duur_: »daß alles in so guter Ordnung bei so
gemischter Gesellschaft bleibt.«
»Vielleicht eben daher, weil die Gesellschaft zu gemischt ist; es finden
keine Partheien, keine Faktionen statt. Der gemeine Mann mässigt sich und
verfeinert sich selbst im Umgang mit den Vornehmern und Gebildetern; man
erlaubt sich nicht so leicht auch nur die kleinsten Ausschweifungen, und
vielleicht eben darum, weil man, alles Zwanges los, keine grössere Freiheit
wünschen kann. -- Zur Vorsicht für die Ruhestöhrer sind freilich
allenthalben Wachen beordert, inzwischen hat man seit sechs Jahren keine
Beschäftigung für diese gefunden.« --
»Wird aber nicht mancher durch solche Gelegenheit zu einem übermässigen
Aufwand verführt?«
»Ein Narr wäre, wer sich verführen liesse. Der Reiche giebt, der Arme
empfängt. Jeder thut, so viel er kann, so weit seine Kräfte reichen. Der
stockende Kreislauf des Geldes erhält hier einen neuen Anstoß; selbst der
filzigste Kaufmann wird durch das allgemeine Beispiel der Humanität zur
Freigebigkeit gereizt; Geldkasten, welche, sonst immer verschlossen, ihr
goldnes Eingeweide sparten, öffnen sich an diesem Tage zur Wohlthätigkeit.«
In einem grossen, volkreichen Garten trennte sich im Getümmel der Fremde
von unserm Pilger, welcher bald wieder neue Bekanntschaften anspann, und in
der fröhlichen Gesellschaft von Männern und Frauenzimmern aus allen
Ständen, Altern und Religionen sein Mittagsbrod verzehrte. Er genoß dabei
das Vergnügen, einen armen Knaben, welcher in seiner Nähe war, auf eigne
Kosten, zu speisen und zu tränken.
Von Wein und Freude berauscht, durchschwärmten sich die zahllosen Tausende
izt wilder, welche hier allein das heilige Band der Menschheit und
Menschlichkeit umschlang. --
Der braune Abend sank herab. Musik brach aus allen Gebüschen hervor; Tänze,
um Mittag, beim hellen Sonnenlicht begonnen, wurden im Schimmer des Mondes,
der Lampen und Fackeln fortgesezt.
_Florentin_, allenthalben und nirgends, ward von einer reizenden Bacchantin
aus einem Cedernbüschchen entführt, worin er sich selbst überlassen, den
schönen Göttergang des Menschengeschlechts übersinnend, umher lustwandelte.
Zu nahe an ihre zaubrischen Wirbel gelockt, überließ er sich der
verführerischen Charybdis -- tanzend verweilte er hier bis gegen
Mitternacht. Dann entschlüpft er heimlich wieder um auszuruhn; aber seine
Führerin verließ ihn nicht; schmachtend hing sie an seinem Arm, schmachtend
sank sie neben ihm nieder auf das Rasenbänkchen einer matt erleuchteten
Laube.
Achtes Kapitel.
Ach!
Nahe vor der Laube erhob sich unter einer Anzahl mehrerer Statüen eine, als
einzig und vorzüglich über alle empor; beschirmt von dem gewaltigen Arm
einer alten Eiche, überflossen vom Licht des Mondes. -- _Duur_ hatte sie
schon, vor dem Eintritt in die Laube näher betrachtet, und die Gestalt
_Friedrichs des Einzigen_ erkannt.
Wovon sollt' er mit der ermüdeten Führerin plaudern im heimlichen Dunkel
der Laube?
»Sie heissen?« fragte das schwarzäugigte Mädchen, indem es die düstern
Haarlocken von Stirn und Nacken sich zurückwarf, und bei der Gelegenheit
einen weissen, sanft gerundeten Arm an den Strahl der Lampe sichtbarer
werden ließ.
»Duur!« Antwortete der Befragte, und drückte der Fragerin die Hand: -- »und
Sie?«
»Imada.«
»_Imada_? -- _Imada_?« fuhr _Florentin_ auf, als wenn vom klaren
wolkenlosen Himmel ein schwerer Blitz herabstürzte.
»Sie erschrecken mich!« sagte _Imada_: »warum springen Sie so auf?«
»Warum? -- ich -- ich liebe den Namen -- ich liebe alles, was ihn führt --
der Name hat etwas Magisches für mein Ohr und mein Herz.«
»Dann sind Sie sehr unglücklich. Wie viele Mädchen tragen den gefährlichen
Namen, wie viele Mädchen müssen Sie nicht lieben!«
»Ich hörte ihn nirgends und nirgends so oft, als in dieser Gegend, worin
ich ein Fremdling bin.«
»Ein Fremdling? -- So muß ich denn wohl natürlich fragen: wie Sie sich
diesen Tag über bei uns gefallen haben?« --
»Wie im Himmel.«
»Sind Sie denn schon mit dem Himmel so vertraut?«
»Seit ich bei Ihnen bin, kann ich ja sagen.«
»So haben Sie ein gnügsames Herz, wenn Sie vom Himmel nicht mehr erwarten,
als von meiner Gesellschaft.«
»Sie können die Grade meiner Seligkeit versteigern, können mich weit über
meine Erwartungen hinausführen.«
»Ich versteh Sie nicht. Wohin führen?«
»Wohin Gefühl und Einsamkeit in einer nächtlichen Laube führen _können_.«
Antwortete _Duur_ und sah dabei dem liebenswürdigen Mädchen tief ins Auge.
Ihre Hände verstrickten sich von beiden Seiten fester in einander, ihre
Blicke verloren sich in einander. -- Das Mädchen lächelte ihn unbefangen
an, und schüttelte den Kopf zu seinen Worten.
_Duur_ fand sich in einer kleinen Verlegenheit; er kannte seine Gegnerin zu
wenig, und zu wenig den Charakter der itzigen Zeitgenossinnen.
Er nahm sichs vor, diese Gelegenheit zur Bereicherung seiner Erfahrung zu
benutzen, obwohl schüchtern; denn er wußte nicht, wer zulezt in der
gefährlichen Prüfung mehr verlieren könnte, er, oder das Mädchen.
Das Umhertreiben seiner Gedanken machte ihn ein Weilchen stumm. Gott weiß,
womit sich inzwischen des Mädchens Geist beschäftigte; es maß und musterte
den sonderbaren Fremdling, und schien doch dabei immer mehr, mit sich, als
mit ihm zu schaffen zu haben.
Beide wurden der unartigen Pause inne; beide hatten den Faden des Gesprächs
verloren; beide suchten ihn ängstlich auf und keiner wußte ihn zu finden.
»Wem mag die hohe Statue vorstellen sollen unter der Eiche?« sagte er,
indem er mit der Hand auf Friedrichs Bild hinauszeigte, und nicht bemerkte,
daß in eben dem Augenblick ein junger Mann und ein Mädchen, an die
Bildsäule gelehnt, sich schweigend umarmten.
»Wahrscheinlich einen weissen Raben;« antwortete _Imada_, und schlug die
Augen nieder.
»Einen weissen Raben?« entgegnete _Duur_.
»Nun ja, einen _guten_ König aus der barbarischen Vorwelt. Das Gute muß
damals, und besonders unter den Königen, äusserst selten gewesen seyn, daß
man es in steinernen Denkmahlen verewigte.«
»Ist die Gruppe darunter auch ein Bild der Barbarei?« lächelte _Duur_.
»Vielleicht!« antwortete verschämt das Mädchen.
»So wünscht' ich unaufhörlich unter Barbaren zu leben.«
»Dann würd' ich Ihren barbarischen Geschmack bemitleiden.«
»Bemitleiden?«
»Gehn Sie hin, Sie werden noch viele Weiber, viele Mädchen Ihres Sinnes
finden, die die öffentliche Tugend zum Toilettenstück machen, und sie
Abends, oder in der Einsamkeit wo der Putz lästig ist, mit dem übrigen
Schmuck ablegen.«
»Ich liebe die Damen nicht, welche die Schminkdose und die Tugend neben
einander liegen haben.«
»Sie scheinen sich izt auch zu schminken.«
»Gewiß nicht -- nie gern -- bei Ihnen am aller wenigsten.«
»Ich möchte den Versuch nicht machen, Ihnen die Schminke abzublasen!«
»Ich würde bei der Prüfung nicht verlieren.«
»Held!« antwortete das Mädchen mit ironischem Lächeln und klopfte ihm
schalkhaft auf die Wangen.
Sie schwiegen.
Aus den fernen Gebüschen herüber tönte lieblich die Musik durch die Nacht;
das Getümmel der Menschen ward leiser; nur hin und wieder schlich verloren
durch die einsamen Gänge ein liebendes Pärchen. Wie Sterne aus schwarzen
Wolken funkelten die Lampen in der Ferne aus Bäumen und hohen Gesträuchen.
»Die Tänze haben mich ermüdet!« seufzte _Imada_, und lehnte sich an den
Fröhlichen, der mit Sehnsucht und Schüchternheit seinen Arm um das Mädchen
warf. _Imada's_ Stirn berührte seine Wange. Er schwieg, und ward immer
unruhiger. Heiß glühten alle Adern in ihm auf, sein Odem flog schneller,
denn ach, die er im Arme hielt, war wirklich schön, und wurde schöner vor
seinen Augen in jeder Minute, und -- _Imada_ war ihr Name.
Draussen wards immer stiller und stiller -- hier und da erstarb die Musik
-- aber in ihm wards immer lauter, immer stürmischer.
»Sie wagen viel, schöne Imada!« stotterte er.
»Wagen? was wag ich?«
»Tanz, Wein und Gesang und leichtes Blut, Einsamkeit, halbe Ermüdung und
Nacht, welche gefährliche Feinde unsrer Tugend!«
»Wir haben von Wein, Tanz, Gesang und Einsamkeit nichts zu fürchten -- sie
sind keine Feinde der Tugend -- nur die _Männer_ sinds!« lispelte sie und
lächelte mit schelmischem Blick zu ihm hinauf.
»Das war bitter! dafür verdient dieser lose Mund die härteste Strafe!«
entgegnete _Duur_ und küßte des Mädchens Lippen. -- Sie küßte zurück -- wie
brennendes Feuer durchliefs ihm Adern und Nerven.
Man schwieg; wie konnte in so süßen Beschäftigungen der Mund zum Plaudern
gemißbraucht werden? _Duur_ ward ungestümer -- matten Widerstand leistete
die Müde. Man zankte flüsternd und versöhnte sich küssend.
»Eva's Töchter bleiben sich gleich durch alle Jahrhunderte!« dachte _Duur_,
und sank berauscht mit seinen Lippen auf ihren schönen Busen.
Plötzlich brach die -- _Unbesiegte_ in ein helles Gelächter aus: »Sie sind
geschminkt; geschminkt! ich hab' Ihnen abgeblasen Ihre Tugend!« rief sie
lachend, stand auf, entschlüpfte aus seinem Arm, aus der Hütte und
verschwand im Gebüsch.
Tiefbeschämt und erröthend verweilte _Duur_ einen Augenblick auf der Stelle
-- bald sammelte er sich wieder, flog der Fliehenden nach und rief ihren
Namen.
»Imada!«
Er sah sie nicht; statt ihrer erblickte er ein andres Frauenzimmer,
welches, aufmerksam durch sein Rufen sich zu ihm hindrehte. Im hellen
Mondenschein erkannt' er das Gesicht der Fremden -- sie war ihm sehr
bekannt -- sie war -- _Imada_, _Gabonnens_ Nichte!
»Ach!« rief _Florentin_, und blieb wie festgewurzelt stehn.
»Ach!« rief _Imada_, indem sie bei _Florentins_ Anblick einen Schritt
rücklings bebte.
Neuntes Kapitel.
Hoffnungen. -- Die Todtenfeier.
Solch' ein Wiederfinden, dem einen sowohl als dem andern unvermuthet und
überraschend, mußte sie Beide auf einige Augenblicke entgeistern.
Er näherte sich der schönen Erscheinung, begrüßte sie schüchtern und
erinnerte sich seines schändlichen Sündenfalls in der Laube. Er freute
sich, die »Theure, Liebe,« so bald, so unerwartet wiedergefunden zu haben
-- und doch war ihm die plötzliche Erscheinung so demüthigend in diesem
Augenblick, daß er vieles darum gegeben hätte, seinem Herzen die
unangenehme Empfindung zu sparen.
»Ich suche meinen Oheim,« sagte _Imada_, indem sie sich an seinen Arm
lehnte: »er befindet sich drüben, in jenem Lusthause. Wollen Sie mich
begleiten?«
_Duur_ gehorchte gern.
»Mein Oheim will sich einen ruhigen Winter in Mont-Rousseau bereiten;
deswegen hat er einige Reisen zu machen, auf welchen ich ihm Gesellschaft
leiste. Wir fahren in einer Stunde wieder ab. -- Wo haben Sie Ihren Freund
_Josselin_?«
»Er hat mich schon heut früh verlassen; Gott weiß, wo er umherschwärmen
mag.«
»Und Sie riefen meinen Namen? -- galt er mir, oder einem andern
Frauenzimmer?«
»Liebe Imada!«
»Sie waren so eilig -- so, ich weiß nicht wie? -- hatten Sie mich erkannt,
wußten Sie -- -- --«
»Nein -- ich wußte nichts -- ich vermuthete Ihre Nähe nicht -- -- -- ich
war im Begriff, eine Sünde wieder gut zu machen.«
»Eine Sünde?«
_Florentin_ wurde feuerroth; -- aber die Dunkelheit verhinderte _Imaden_,
es zu bemerken.
»Eine Sünde?« fragte sie nochmals.
_Florentin_ ward immer verlegener. Er wußte nicht, ob er bekennen oder
schweigen sollte. Er übersann die ganze Begebenheit mit seiner Tänzerin; es
lag izt viele Wahrscheinlichkeit darin, daß _Gabonnens_ Nichte selbst bei
dem verdrüßlichen Handel eine Rolle mitgespielt, wohl gar die _Imada_ in
der Laube instruirt habe, um ihn -- auf die Probe zu stellen.
Auf die Probe? sehr unwahrscheinlich, da _Gabonnens_ schöne Nichte schon
die versprochne Braut eines andern war. -- Aber wie wäre die unbekannte
Tänzerin darauf gekommen, sich in der Nähe eines kritischen Augenblicks
_Imada_ zu nennen? -- und dann, bei aller möglichen Nachgiebigkeit, zulezt
so rasch zu entfliehn, und ihn auf diese Weise der _eigentlichen_ Imada in
die Hände zu liefern? -- Beantworten ließ sich die Frage wohl; _Imada_ war
ein Vorname, welcher mehrern Frauenzimmern angehörte; -- und daß _Imada_
die Geliebte grade da stand, wohin die Unbekannte entfloh, konnte ja ein
Spiel des Zusalls seyn.
Um sich auf jeden Fall zu sichern, beschloß _Duur_ ein reuiges Geständniß
seiner Sünde abzulegen, und _Imada's_ Richterspruch abzuwarten. Er
beichtete also die ganze Begebenheit, und kleidete sie so behutsam, als
möglich, in seine Worte, daß die ganze Begebenheit zulezt den Schein
gewann, als sey er der Prüfende, die Unbekannte aber die Geprüfte gewesen.
»Man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen,« sagte _Imada_: »wer bürgt mir
dafür, daß Sie mich nicht auch in _Gobby's_ Garten auf die Probe stellten?«
--
Die Sache, welche anfangs von schweren Folgen zu seyn schien, wurde nun
vergessen; _Florentin_ fühlte sich wieder beglückt in der Nähe der _Louise_
des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Was hätt' er darum gegeben, so Arm
in Arm mit ihr durch das ganze Leben wandern zu können?
Er bat sie, nebst ihrem Oheim nur noch einige Tage in dieser Gegend zu
verweilen. _Imada_ gestand es gern, daß sie mit Vergnügen seinen Wunsch,
der zugleich der ihrige wäre, erfüllen möchte, wenn die Geschäfte des alten
_Grafen von Gabonne_ nicht jeden stündlichen Verzug unerlaubt machten.
Indem sie sich so dem Lusthause näherten, bemerkten sie, ohngefähr tausend
Schritt von sich, ein großes helles Feuer, von unzähligen Menschen umringt.
»Gewiß die lezte Feierlichkeit über einen Verstorbnen!« sagte schaudernd
_Imada_ und blieb stehn: »lassen Sie uns einen Augenblick von dieser
Todtenfeier einen Zuschauer abgeben.«
»Gern, sehr gern -- es ist ein Trauerfest für mein eignes Herz -- so werd'
ich nie wieder stehn dürfen in dieser Welt neben _Imada_. Ein
eifersüchtiges Auge Wird _sie_ bewachen, und _mich_ und meine Schritte
hüten, meine Blicke belauern, meine Worte auf Wagschaalen legen.«
_Imada_ lächelte ihn schalkhaft an; ihr leiser Händedruck, der feurige
Spruch ihres Auges ließ ihm alles Schöne dieses Lebens für sich sehn und
hoffen, -- »Nun« -- flüsterte sie: »den ersten September nicht zu
vergessen!« --
»Vergessen? -- so leicht vergißt man den Sterbetag seiner Freuden nicht.«
»Nennen Sie ihn nicht so. Ich hab es beschlossen; Sie sollen ihn vergnügt
feiern, und wenn sich die ganze Welt sich dawider auflehnte. Aber Sie
kommen doch gewiß mit _Josselin_!«
»Gewiß!«
»Dann will ich Sie dreimal mehr, als heut lieben, und -- -- -- doch ich
verspreche gern weniger, um doppelt mehr zu leisten.«
»Imada!« tief _Duur_ und schlang seinen Arm mit Entzücken um das holde
Weib: »wie dürft' ich in meinen frechsten Träumereien wohl bis da
hinausschwindeln!« --
Es erfolgte eine Pause.
Der Mond sank in ein düstres Meer von Wolken -- hin und wieder schimmerte
das zitternde Licht einer verglimmenden Lampe; in der Ferne das Todtenfeuer
-- sonst tiefe Dunkelheit um die beiden, deren Lippen schwiegen, deren
Seelen feierlich zu einander sprachen.
Vertraulicher durch Nacht, verheelte Lieb' und das goldne Ohngefähr,
welches, sonderbar genug, sie hier zusammenführte, schlossen sie sich
dichter an einander, und überliessen sie sich fessellos dem sanften Drange
ihrer Empfindungen.
»Du naschest von verbotner Frucht!« lispelte _Imada_.
»Und sie ist so süß!« erwiederte _Duur_. Er stammelte ihr dass heiligste
und theuerste Wort jeder Sprache, das Wort: _Liebe_ vor, ungeachtet er sein
Unglück voraussah, wenn ein andrer dereinst _Imaden_ vor dem Altar an sich
fesseln würde. Aber eben der Gedanke an diesen möglichen Augenblick
erfüllte ihn mit Muth; er wollte einen _Raub_ begehn; er fühlte es
tröstlich für sein eignes Herz _Imada's_ Herz zu überwinden; --
»vielleicht,« dacht' er: »wenn ich sie abwendig mache von dem glücklichen
Gegner, und das Ohngefähr einst ihren Oheim sanfter gegen mich stimmt --
vielleicht giebt sie mir dann meine verwegensten Wünsche erfüllt zurück.«
_Imada_, viel zu schlau, nicht den glücklichen Moment zu benutzen in der
Gesellschaft eines Mannes, der in ihrem schönen Herzen schon eine Stelle
erobert hatte, ehe er seine Siege selber wußte, _Imada_ stammelte
»_Liebe_,« und verbarg ihr Angesicht schaamhaft an seine Brust.
»Können Sie denn wirklich ein Mädchen lieben, welches dem einstigen Gemahl
schon treulos wird, ehe einmal der Frühling der Ehe begonnen ist?«
»War der Frühling nicht von jeher dem Winter treulos? Sollen Sie allein die
Ausnahme machen? Sie sollen einen Mann lieben, der wie Sie mir selbst
sagten, an Gold und Jahren reich ist, aber von dessen Herz Sie nicht die
mindeste Kundschaft besässen, wie kann man da Ihrem Herzen verargen, wenn
es sich nach den goldnen Abwegen der Freiheit sehnt?«
»Duur! Duur! Sie sind ein Bösewicht, ein fürchterlicher Bösewicht, der
seine Beredtsamkeit nie mit besserm Glück, als bei den Weibern verwendet.
Duur ist das Recht? -- Was würden Sie sagen, wenn Sie sich ein Mädchen
gewählt hätten, um mit ihm das Erdenleben himmlisch hinzubringen; wenn Sie
wirklich von diesem Mädchen nicht gehaßt, sondern geschäzt, wenn auch noch
nicht geliebt, würden, und ein andrer käme und schwazte mit süßem Munde ihm
Herz und Liebe ab -- Duur, und Sie müßten eine Treulose zum Altar führen!«
»Imada!«
»Was würden Sie sagen, wenn die Gattin in Ihrem Arm entschlummerte, um von
einem Geliebtern zu träumen? wenn sie sich, beim heissesten Kusse, bei der
glühendsten Umarmung einen andern dächte? wenn sie in der Einsamkeit nach
einem Fremdling seufzte und ihre Thränen nicht Ihnen flössen? -- Und Sie
spürten die traurige Verrätherei, sahen sich um die Paradiese betrogen,
welche Ihnen die Liebe des Mädchens aufzuschliessen versprach.« --
»Imada -- ich fühl' es -- ich bekenne es.« --
»Duur, Duur, es ist grausam, es ist gottlos, einen Feuerbrand in die
friedliche Wohnung glücklicher Menschen zu werfen, und doch ihn nicht
löschen können und wollen. Aber es ist noch unendlich grausamer, ein Herz
um seinen Frieden zu betrügen, das stille Glück einer Ehe zu vergiften,
ohne dafür etwas wieder geben zu können. Niedergebrannte Städte können
endlich wieder erbaut werden, aber Hymens Rosenbande, einmal zerrissen,
können nie wieder so innig, als vorher, zusammen geflochten werden.«
_Duur_ war durch diese Rede bis in sein Innerstes erschüttert -- er drückte
wehmüthig _Imada's_ Hand.
»Ist wirklich Ihr einstiger Gatte zweimal und dreimal Ihnen an Jahren
überlegen?«
»Er ists.«
»Sind Sie gezwungen, sich mit ihm zu vermählen?«
»Ich bins. Noch mehr, ich hab' ihm meine Hand angetragen, selbst
angetragen, und _will_ sie ihn nicht wieder rauben.«
»Dann leben Sie wohl, Imada! -- dann verzeihn Sie, daß ich die Ruhe Ihres
Herzens anzugreifen wagte. -- Ach, ich bin zu entschuldigen, sehr zu
entschuldigen; Sie sollten meine Schicksale, und den wunderbaren Gang
derselben kennen, und Sie würden mir Ihr Mitleid nicht verweigern.«
»Nur Mitleid?« rief lachend _Imada_: »ich verweigre Ihnen ja meine _Liebe_
nicht.«
»Leben Sie wohl!« rief _Duur_, als sie ganz in der Nähe des Lusthauses sich
befanden: »Leben Sie wohl, Imada!«
_Imada_ wollte ihn festhalten; er aber drückte einen Kuß auf ihre Wangen
und entfloh.
Jezt war ihm durch das traumhafte Abentheuer alle Lust, alle Freude dieses
Tages wieder vergällt. Mismüthig schlich er vor sich hin, um Menschen zu
finden, in deren Gesellschaft er zur Stadt kommen konnte.
Er erreichte den flammenden Scheiterhaufen, um welchen Tausende versammelt
standen, und in ernster feierlicher Stille, bei den dumpfen Tönen einer
schönen Klagemusik, dem Spiel der Flammen zusahn.
Die Scene, so grell sie auch neben den heitern Bildern des vergangnen Tages
abstach, war izt seinem Herzen willkommen. Seine Seele schwelgte in den
traurigen Accorden der Musik. Er fand Beruhigung und Zerstreuung, ohne sie
zu suchen.
Je länger er über _Imada's_ Betragen nachsann, je verwickelter erschien ihm
der Charakter dieses Mädchens. _Imada_ lächelte, wo sie weinen sollte, und
ihre Klagen, ihre Vorwürfe, welche sie ihm hören ließ, waren immer in einem
Ton gesprochen, als triebe sie Scherz. -- Unwillkührlich verband sich mit
diesen Gedanken die Erinnerung an den Abschied auf _Gobbys_ Landhause, wo
ebenfalls das räthselhafte Lachen, die Stelle der Thränen ersetzen mußte.
Beinah hätt' er an die Verwandlung der menschlichen Natur und ihre Freuden-
und Schmerzäusserungen glauben mögen, um sich das Widersprechende in den
sonderbaren Erfahrungen aufzulösen.
Eben so viel Widersprechendes fand er auch in diesem Augenblick bei dem
gegenwärtigen Auftritt am Scheiterhaufen. Er sah in seiner Nachbarschaft
betrübte Gesichter, und wer bringt diese wohl zu einem Scheiterhaufen. Er
hörte Trauermusik, welche man sonst nur geliebten Verstorbnen, aber keinen
bestraften Missethätern brachte.
»Er ist doch nicht lebendig verbrannt?« sagte er zu seinem Nachbar, um ein
Gespräch anzuzetteln.
»_Lebendig_?« gegenfragte dieser, und schüttelte den Kopf und zuckte
mitleidig die Achsel: »wer wird denn Menschen lebendig verbrennen?«
_Florentin_ wollte weiter reden, aber der Befragte wandte sich unwillig von
ihm, und wollte nichts mehr hören. -- _Duur_ verließ die Stelle, und suchte
einen gefälligern Mann auf.
»Was hat der Verbrannte verbrochen?« fragte er einen andern, der ihm
freundlicher aussah.
»Verbrochen?« antwortete dieser und machte große Augen: »Bei Gott, es war
ein würdiger Mann, der Liebling unsrer Stadt, der Wohlthäter aller
Unglücklichen.«
»Ich bin hier ein Fremdling.«
»Das verrieth Ihre seltsame Frage.«
»Nun sagen Sie mir nur, warum läßt ihn denn die Obrigkeit nach seinem Tode
noch -- --«
»Nicht die Obrigkeit -- seine Erben erweisen sich den Liebesdienst.«
»Das ist sonderbar.«
»Ich find' es nicht.«
»Bei mir zu Lande pflegt man Missethäter nur auf den Scheiterhaufen zu
legen und sie in Asche zu verwandeln, um -- -- --«
»Wo sind Sie denn zu Hause?«
_Florentin_ gerieth in Verlegenheit und blieb die Antwort schuldig, indem
er sich davonschlich.
Ein glückliches Ohngefähr leitete ihn zu seinem Freunde _Josselin_, welcher
mitten unter den Zuschauern stand. Dieser gab ihm nun mit willigem Herzen
über alles eine befriedigende Aufklärung.
»Zu Deiner Zeit,« sagte er: »warf man nur die Leichname der gröbern
Verbrecher auf den Scheiterhaufen -- izt behält man diese Art der Auflösung
nur den Leichnamen reicher und würdiger Personen auf. Das Verbrennen der
Körper ist ein besondrer Zweig des tragischen Luxus. So verändern Schand'
und Ehre ihre willkührlichen Trachten und Beziehungen!« --
»Ich erstaune.«
»Warum? ich gestehe, mir selbst gefällt dieser Luxus, der, wie immer, seine
besondern Abstufungen hat. _Das Verbrennen auf_ _dem Scheiterhaufen_ ist
kostbar, und darum selten, unsre Verfahren haben, ihrem Egoismus zufolge,
uns Nachkommen herzlich schlecht mir Holz bedacht. Sie haben ganze Wälder
zerstört und in Aecker verwandelt, das Holz üppig vergeudet und selten an
Ersatz gedacht. Deswegen ist der Gebrauch des Brennholzes, besonders zu den
Werken des Luxus, nach den Landesgesetzen, sehr kostspielig. -- Auf eine
wohlfeilere und gewöhnlichere Weise werden daher die Leichname durch einen
chemischen Proceß in Staub verwandelt; nur die Armen werden noch unter die
Erde begraben, so auch Missethäter und Menschen, welche ihrer Familie nicht
theuer genug gewesen sind, um ihre Asche aufzubewahren.«
»Das ist nun freilich einerlei, _wie_ wie verwesen, ob im Grabe, oder in
der Flamme.«
»Nein, Freund, den hinterlassnen Freunden ist es nicht so ganz
gleichgültig. Ich muß bekennen, daß der heiligste Schatz für mich zwei
Urnen sind, welche den Staub meines Vaters und meiner Mutter umfassen. Ich
finde ein Glück darin, von diesen beiden Theuern noch die köstlichen
Ueberbleibsel zu besitzen, und zu wissen, daß ihre faulenden Cadaver nach
dem Tode nichts zur Verpestung der Luft beigetragen haben.«
»Wie? die Asche der Verstorbenen wird aufbewahrt?«
»Das wird sie; und ich wette hundert gegen eins, daß das Verbrennen der
Leichname in der physischen und moralischen Welt ungleich mehr Vortheile
bringt, als das Vergraben der Todten.« --
»Ich kanns zwar dunkel beahnden -- aber, Du thätest wohl daran, mir diese
Vortheile einleuchtender zu machen. Denn unter uns gesagt, es schaudert
mich, wenn ich daran denke, daß mein Leichnam -- --«
»Schaudert? pfui! was _ist schauderlicher und ekelhafter_, durch die
_Flamme_ in reine Theile aufgelöst zu werden und als Staub in Urnen
verwahrt zu ruhn -- oder, mit Fleisch und Blut unter der Erde zu _faulen_,
von schwelgenden Würmern durchwühlt zu werden, und nach funfzig Jahren
nackte Knochen und hohle Schädel für den Muthwillen der Kinder zu liefern,
die auf den Gräbern mit den Gebeinen ihrer gottseligen Ahnen zu spielen
gekommen sind? -- Antworte!«
»Freilich, es ist zulezt wohl einerlei, ob -- -- --«
»_Nicht_ einerlei! um Gotteswillen nicht. -- Nutzen, Nutzen! Dies ist die
ewiggeltende Foderung aller Lebendigen; auch die Todten müssen mehr noch
nützen, als mit ihrem Fette einen unbesäeten Strich Landes düngen. --
Keiner, der verbrannt oder chemisch aufgelöst seyn will, hat zu fürchten,
im Grabe lebendig, von einem Scheintode wieder zu erwachen -- schreckliche
Fälle, die man in der Vorwelt zu oft erlebt hat. Nach den Landesgesetzen
darf kein Leichnam, ohne Erlaubniß und vorherige Besichtigungen vom Land-
oder Stadtphysikus zur Auflösung abgeliefert werden. Ist er einmal
aufgelöst worden: so darf niemand das Wiedererwachen auch nur als eine
bloße Möglichkeit fürchten.«
»Es läßt sich hören.«
»Da ich einmal die Apologie meines Zeitalters übernommen habe, so höre mich
geduldig weiter an. Ehmals, in den Tagen des Aberglaubens und der
Bigotterie, ließ man die Todten in der Stadt, in den Kirchen und bei den
Kirchen, närrischer Hoffnungen, lächerlicher Meinungen willen beerdigen.
Späterhin, als mit der fortschreitenden Kultur sich auch die Nasen zu
verfeinern schienen, quartirte man die Todten ausser der Stadt, wo mans der
Laune des Windes überließ, die pestilenzialischen Ausdünstungen der Aeser
nach Süden oder Norden zu führen. Jezt, da die Sitte der chemischen
Auflösung so allgemein geworden, und wirklich wohlfeiler ist, als das
ehmalige Beerdigen mit unnützem Sang und Klang, izt, sag ich, da der
gemeinste Mann seinen Erben so viel Scheidemünze hinterläßt, um ihn dafür
veraschen zu lassen, izt hat man von der giftigen Athmosphäre der Leichname
nichts zu befürchten. Noch mehr -- -- --«
»Vergiß Dich nicht; Du erwähntest auch gewisser moralischen Vortheile. Ich
bin sehr neugierig, sie zu kennen; denn ich fürchte grade, vom Verbrennen
zum Beispiel, das Gegentheil.«
»Unmoralische Erfolge?«
»Natürlich. Denn wenn sich die bravsten Bürger als Leichname verbrennen
lassen: so ist der Scheiterhaufen für die Missethäter weder Strafe noch
Schande.«
»Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, daß man in unsern Tagen
noch lebendige Menschen »von Gottes- und Rechtswegen« verbrenne? Aus der
Barbarei sind wir endlich heraus. -- Und überdem, war der Scheiterhaufen
wohl noch für den _todten_ Verbrecher eine _Strafe_, oder für ihn eine
_Schande_? -- Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der
Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zufälligen, moralischen Nutzen
stiften könne.«
»Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich führe dies Beispiel an, weil es
mir das rührendste und ehrwürdigste ist. Kann nach dem Tode eines
zärtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein köstlicheres Denkmal von ihm
übrig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen
Bezirk einst ein wohlthätiger menschenfreundlicher Geist wohnte?«
»Wir haben Erfahrungen, daß der Anblick der väterlichen Asche verführte
Jünglinge von ihren Irrwegen zurückgebracht habe; wir haben Erfahrungen,
daß manches Mädchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer
Mutter und das Bild der Vergänglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen
necessitirte. -- Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen
bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige
Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen
beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jünglinge
und Mädchen eilen?«
»Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes überzeugt, werden in den
_Gerichtshöfen_ die Todtenurnen auch beim _Eide_ gebraucht. Der Sohn muß
über der Asche seines Vaters schwören, der Bruder über der Asche seiner
Schwester, die Gattin über den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u.
s. f. -- Der muß ein verstockter, arger Bösewicht seyn, welcher ohne Gefühl
die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht!« --
Zehntes Kapitel.
Die Fußtapfen der schwarzen Brüder.
Wie konnte _Florentin_ müde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen
unter den Bürgern dieses Jahrhunderts? -- Schon einmal, nun von einem
günstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und
drückte gefällig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes
begegnete. -- Ihm wars, als wandelt' er auf einer neuen Erde, als wölbte
sich über ihn ein neuer Himmel.
Unter allem was er sah und hörte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr,
als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einfluß
religiöser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf
die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte
und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschloß er auch hier,
einen unermüdeten Forscher abzugeben. --
»Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln?« -- fragte er eines
Tages seinen Freund und Gefährten.
»Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;«
antwortete dieser: »Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem
Deinigen. Er wird verehrt!«
»Es gab eine Zeit, da der Stand der Prediger in denjenigen Provinzen,
welche sich der Aufklärung rühmten, immer tiefer und tiefer in der
öffentlichen Achtung sank. Wer für einen Wizling gelten wollte, mußte
gewisse Waidsprüche und Anekdoten über Pfaffen auftischen können.« --
»Wie?« rief _Josselin_ erstaunt: »in Euerm Zeitalter, da die römischen
Fürsten sich noch Christi Statthalter nannten und als geistliche Regenten
angesehn seyn wollten, in Euerm Zeitalter, da -- -- --«
»Halt! Du sprachst von Römerfürsten -- meinst Du -- --«
»Die sonst Päbste hiessen.«
»Ist es möglich?«
»Was ich Dir sage. Die Römer haben ihre Oberherrn aus eben dem Grunde
secularisirt, aus welchem das Volk Gottes weiland die Theokratie in eine
Monarchie verwandelte. Das Licht der Wahrheit brannte längst auch in den
Klosterzellen Italiens, wenn gleich versteckt; eine starke politische
Erschüttrung brachte dies Licht zur öffentlichen Erscheinung. Vor ohngefähr
neunzig Jahren war das falsche Verhältniß des Reichthunis bis aufs
äusserste getrieben; der Bürger war ärmer, als weiland ein Leibeigner, Adel
und Geistlichkeit besaßen alles. Hier durfte nun kein neuer _Cola di
Rienzo_ wider die _Colonna's_ auferstehn -- es erstand das ganze Volk und
die Revolution war begonnen und vollendet. Eine Folge der Begebenheit,
welche den witzigen Köpfen vielen Spas machte, war die Secularisirung der
Pabstheit.«
»Das ist mehr, als ich erwartete.«
»Ich hoffte, Du würdest sagen: _weniger_.«
»Und die christliche Religion?«
»Dauert ewig fort. Freilich giebt es noch immer _Partheien_ und _Sekten_
ohne Zahl, denn dies liegt einmal in der Natur des Menschen und seiner
Religion, aber man kennt keine Ketzer mehr.«
»Herrlich!«
»Die herrschende oder die zahlreichste Kirchparthei ist anizt die, welche
sich ohne Zusatz _die christliche_ nennt. Wir haben übrigens noch
Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und andre kleine Sekten, welche aber
sämmtlich im Aussterben begriffen sind.«
»Führe mich in eine _christliche_ Kirche.«
Sie gingen. -- Es war Sonntag, und öffentliche Versammlung zum
Gottesdienste.
Voll stiller Neugier trat _Duur_ in den Tempel der Christen, welche weder
Lutheraner noch Calvinisten, weder Catholiken noch Socinianer, weder
Orthodoxe noch Dissenters seyn wollten, welche, wie _Josselin_ sagte, sich
von allen übrigen Sekten schelten und verdammen liessen, ohne wieder zu
schelten und zu verdammen.
Ihr Tempel war einfach, ungeziert, rein, ohne Spielwerk für Aug' und
Phantasie, ohne dämmernde Tiefen und gothische Winkel -- ein Symbol ihres
Glaubens.
Ein kurzer, rührender Gesang ging der Predigt voran; die Predigt selbst
beschäftigte sich mit der Entwickelung einer Christenpflicht, und deutete
besonderes auf die verschiednen Abwege, welche sich die Menschen bei
Erfüllung dieser Pflicht so gern zu erlauben pflegen. --
Man sah, man hörte, daß der Prediger vor einem Auditorium des drei und
zwanzigsten Jahrhunderte stand. Eine scharfsinnige Absonderung und
Verbindung der Vorstellungen und Theile der Rede; ein schönes Gewand von
Seiten der Einbildungskraft über das Ganze; studirtes Mienenspiel,
schwesterliche Harmonie unter Tönen und Geberden -- alles verrieth die hohe
Stufe der Polizirung, von welcher den Bürgern der Vorwelt kaum eine
Möglichkeit im Traume anschwebte.
»Hier wirst Du nicht viel Neues erblickt haben; unser Gottesdienst ist ohne
Aufwand, ohne Ceremoniel, einfach und belehrend!« sagte _Josselin_.
»Eben dies ist das Neue.«
»Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schöne Feier des
Abendmahls sind allein noch üblich.«
»Desto ehrenvoller für Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Unterstützung
der sinnlichen Menschheit, ein Leitband für die noch schwache Vernunft,
nothwendig in der Kindheit, überflüssig und wohl belästigend im reifern
Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gängelbandes nicht mehr
bedürftig, aber für die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es
durchaus nothwendig. -- Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhörern
mehr auf, als daß ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom
öffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre sämmtliche
Abwesenheit ein Zufall?«
»Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal
eine Preisfrage über die Ursachen am Verfall des öffentlichen
Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten
auch darin überein, daß ein zu früher, gezwungner Besuch der Kirche in den
Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schädliche Gleichgültigkeit
gegen den öffentlichen Gottesdienst erzeuge. -- Seit dieser Zeit wurden die
Kinder allmählig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.«
»Das gefällt mit nicht ganz. Ich fürchte, daß auch _diese_ Sitte die Liebe
und Achtung für den Gottesdienst schwäche.«
»Gewiß nicht. Die Erfahrung überzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und
Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von der
öffentlichen Gottesverehrung, und flössen dadurch ihren Zöglingen eine
gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen,
endlich in das Allerheiligste eintreten zu dürfen, theils durch einen
gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte näher zu seyn, vergrößert
wird. -- Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genuß des
Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem öffentlichen
Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thränen seiner Eltern,
eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge,
welche einstimmig singt und betet, einmüthig höret und lernet, wird ihm
dieser Tag einer der rührendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er
erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen
Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die
Versammlung eingeweiht werden. Er prägt seinen Kindern nachmals eben
dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und
Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.«
»Ich selbst« fuhr _Josselin_ fort: »bin jenes heiligen Tages noch immer
nicht ohne Rührung eingedenk; unauslöschlich währen jene Eindrücke in mir
fort, welche damals das _Ungewöhnliche_ erzeugte. -- Und wie läßt es sich
auch wohl denken, daß Kinder, welche gequält von heimlicher Langeweile,
vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden
Gefährten, Achtung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst erhalten
sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen
und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen
über diesen leztern Punkt zu machen.«
_Duur_ wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die
_Erfahrung_ Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit
brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.
»Die Religion,« sezte _Duur_ hinzu: »ist wirklich für das menschliche
Gemüth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkränze nur jemals für die
Sinnlichkeit seyn und werden können. Der heisse Trieb zum Leben, das
unvergängliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich
fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche quälende Verhältniß, in
welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie
gerächten Thränen der Unschuld, die ungestraften, glänzenden Triumpfe der
Bosheit, -- alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit,
Ewigkeit, Vergeltung, -- zur Umarmung einer Religion.«
»Und doch, was hat nicht oft den schönen Namen tragen müssen? der Pfaffen
schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hieß oft Jahrhunderte hinab
Religion. -- Wie viele tausend glückliche Erdensöhne bluteten ihr Leben aus
für ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht für die
Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?«
_Josselin_ hörte ihm lächelnd zu: »Wie, Mann des philosophischen
Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?«
»Nein und Ja!« antwortete _Florentin_: »Wenn selbst in protestantischen
Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der
Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew'ge Kerker, Scheiterhaufen und
dergleichen eingeführt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterniß
zurückgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der
Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind -- -- --«
»Wie kannst Du dieses fürchten?« fiel _Josselin_ ihm ins Wort: »Der Gang
der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausführung von
Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans,
den eine höhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue
Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe
widerstämmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas
lauter.«
»Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist
hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschränkt, was nach
der Disposition und Stärke oder Schwäche seines Geistes ihm das beste
scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt
gelernt, daß über Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und
daß der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht über das
unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.«
»Allein ich sollte glauben, die Christen würden doch gewisse Lehren unter
sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.«
»Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich,
unbeschreiblich ist, das höchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich
nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen
Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft;
in ihm leben, weben und sind wir.«
»Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu führen, sandt' er
Lehrer, welche unter glücklichen Verhältnissen von ihm und unsern Pflichten
predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. -- Nur
was _er_ lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf _ihn_, als ihren
Führer, sie glauben _seinen_ Worten nur. Was andre _von ihm_ zu andern,
unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das
entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhältnisse liehen. --
Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte
Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein
Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.«
»Auch hier ein großer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren
Menschenwürde!«
»Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll -- werden kann.
Im Ganzen fühlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher
und getröstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, daß kein blutiger
Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern
unter uns mehr gilt. -- Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwärmer,
Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus.
Es kränkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus
verführt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am
Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet,
fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurück.«
_Josselin_ schwieg. _Duur_ pries die Menschen dieser Tage glücklich, und
jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.
Eilftes Kapitel.
Sie wandern weiter.
Der erste September näherte sich immer mehr; unsre Pilger fingen an, öftrer
an Mont-Rousseau zu denken, _Josselin_ mit Vergnügen, _Duur_ mit heimlichen
Grauen.
Zwar hatte _Duur_ von der neuen Welt nur immer noch sehr wenig gesehn und
erfahren; aber was er gesehn und gehört, machte ihn nur noch lüsterner auf
das Uebrige.
»Begnüge Dich mit diesem,« rief dann _Josselin_ oft: »ehe Du mehr siehest
und Du zu Reue Ursachen erhältst, in diesem Zeitalter zu leben. -- Komm
nach Mont-Rousseau, da wohnt für uns der Himmel.«
»Für mich nicht!« seufzte _Duur_.
»Kannst Du der Zukunft ins Herz sehn? Damit Du inzwischen doch noch einen
Deiner Wünsche stillest, so wollen wir die Gegenden aufsuchen, in welchen
weiland die Sorbenburg stand, und wo Du so glücklich Deine Kinderjahre
vertändelt hast.«
»Das Grab meinen Oheims! -- Das Grab meines Rikchens!« rief _Duur_ und die
Abreise war beschlossen.
Sie zogen von dannen, durch Dorf und Stadt, und allenthalben erblickte der
Sohn des achtzehnten Jahrhunderts den schönsten Kontrast zwischen dieser
Zeit und der Vergangenheit.
»Hier laß uns ausruhn!« rief eines Tages _Josselin_, und warf sich am Fuße
eines grünen Hügels nieder, auf dessen Rücken alt und baufällig Galgen und
Rad standen.
»Hier? -- die Aussicht ist nicht intressant.«
»Sehr!«
»Galgen und Rad über uns.«
»Eben deswegen. Weißt Du was das Merkwürdigste von jenem Gerüste ist? --
betrachte es genau.«
_Duur_ sah hinauf, aber er erblickte überall nichts, was seinen Blick
fesseln konnte.
»Was denkst Du Dir dabei?« fragte _Josselin_.
»Wahrhaftig wenig!«
»Es ist, was Du siehest, eine Reliquie der Vorwelt, der _lezte Galgen in
Deutschland_ und das _lezte Rad_!«
»Da ists der Mühe werth noch einmal hinaufzusehn. -- Aber wie? Sind die
Todesstrafen durchgängig aufgehoben?«
»Die Todesstrafen nicht, aber diese Arten der Todesstrafen.«
»Damit ist wenig gewonnen.«
»Immer genug für die Menschlichkeit; Muß es nicht ein abscheulicher,
empörender Anblick gewesen seyn, wenn man verwesende Knochen und faules
Menschenfleisch auf solchen Gerüsten, umringt von hungrigen Raben und
Krähen, erblickte? -- Es ist wirklich ein redender Beweis von Rohheit und
Barbarei, wo solch ein grausames Schauspiel noch Beifall finden konnte.«
»Gefallen hatte gewiß niemand daran.«
»Desto schlimmer. Der Tod war für den Verbrecher genug, und _hart_ genug.
Ob sein Leichnam nachher von den Vögeln des Himmels beschmaußt, zum Ekel
und Entsetzen aller Vorübergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen
ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns _Ehrensäulen_
und _Schandpfähle_ gleich theuer. -- Dies weiß jeder, auch jeder Bösewicht
wußte es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz
zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, daß, so wie ehmals in Italien,
wo die Statthalter Christi unaufhörlich fulminirten, die meisten
Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten
Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewöhnlichsten waren.«
»Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.«
»Und ich möchte sagen: die meiste. Ein Volk muß noch sehr verwildert seyn,
wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und
Galgen respektiren. Je seltner überhaupt die Todesstrafe in einem Lande
wird, jemehr kann man darauf rechnen, daß der Geist der Nation veredelter
und die Gesetzgebung vernünftiger geworden seh. Wenn endlich die
Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der
Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst _hinzulenken_ statt es
nur von Lastern _abzuhalten_, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten
und herrlichsten Lorbeer gepflückt.«
»Ich verstehe Dich nicht ganz.«
»Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthümlich
gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklären und Dir bei
dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das _philosophische_
Jahrhundert hinter uns zurückgelassen haben.«
»Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Großes darauf ein, daß die _Foltern_
abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit,
fand es übrigens gar nicht anstössig, an den öffentlichen Landstrassen
stinkende Menschenkörper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht
anstössig, wenn Kindermörderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres
Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern
entweder in betäubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sündigten,
kurz und bündig vom Leben zum Tode gebracht wurden.«
»Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur
der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glücke der
menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen müßte. Die härteste Strafe
ist eine _ewige Beraubung der Freiheit_; sie ist _härter_, als der _Tod_
selbst; eben darum _schrecklicher_, als er. Der Feind des öffentlichen
Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art
wieder zu vergüten.«
»Der Tod ist für manchen Bösewicht ein wünschenswerthes Gut; besonders wenn
er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur
Schädelstätt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von
den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes
minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche
Strafe des Sünders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem
gemeinen Wesen wenig Heil.«
»Man begnügte sich in Deinem Zeitalter überhaupt nur die negativen Zwecke
der Staatsverbindungen zu erfüllen; man dachte nicht daran, ein
_glückliches_, sondern nur ein _ruhiges_, _gesichertes_ Volk, nicht
_aufgeklärte Bürger_, sondern nur _keine Wilden_; nicht _Edle_ und
_Tugendhafte_, sondern nur _keine Bösewichte_ zu haben.«
»Die Gesetzbücher Deiner Zeit prangen daher gewöhnlich mit Galgen und Rad,
Schwerd und Scheiterhaufen; sie _drohen_ überall, verheissen aber
nirgends.«
»In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die _öffentlichen
Strafen_ für den _Uebertreter_, sondern auch die _öffentlichen Belohnungen_
für den _Erfüller_. Unsre Bürger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend
_gelockt_, als vom Verbrechen _zurückgeschreckt_. Und es kömmt darauf an,
in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe
ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schönvergeltende Palme weht?«
_Duur_ starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses
Jahrhunderts an.
»Ich schwöre Dirs!« rief er: »ich schwöre Dirs, Josselin, so weit strebte
die Kühnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwöre Dirs, daß
_solch ein großer Gedanke_ durch die Seele der wenigsten gegangen ist --
daß man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Möglichkeit verzweifelte, ob
ein Staat jemals zu solch einer idealischen Höhe der Cultur gehoben werden
könne. -- Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, für
welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche
Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener
Haufe wilder Thiere, welcher nur _gezähmt_ werden sollte, aber nicht
_beglückt_.«
»Du bist schon wieder hoch entzückt, und doch seh ich überall keine
durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzücken, nicht unter
wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthräne, wenn die
Menschen endlich _sich selber ähnlicher_ werden, oder geworden sind?«
»Diese Vorwürfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit,
was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete
in ihrer _Knechtschaft_, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und
gedenke ihrer izt, wo sie _wahrhaftig frei_ ist, selbst in den
souverainesten Monarchien! -- Ich müßte ohne Gefühl seyn, wenn ich hier
kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des _guten Bürgers_, des
ausgezeichneten Biedermanns dachte man _selten_ -- zum Gefängniß und zum
Schaffot schickte man _öfters_; die Obern fragten nicht nach der Tugend und
Aufklärung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen
Abgaben nur. Die Hirten schüzten ihre Heerden und führten sie nur darum auf
gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu können. Die genaue
Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwärmereien, und izt?
-- -- --«
»Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft
empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne
Zuckerplätzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in
der Erziehung. Aber _Männer_ sind wir noch nicht, die die Tugend lieben,
nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um
ihres eignen Werths, den sie für die Vernunft besizt.«
»O, Josselin, es ist noch eine große Frage: ob wir Menschen in dieser Welt
jemals mehr werden können, denn _gute Kinder_; ob wir jemals in dieser
Schule _männlichen Geist_ empfahen können?«
Zwölftes Kapitel.
Die Heimath.
»Wo nun?« fragte _Josselin_ nach einigen Tagen, als sie die Gegenden
erreicht hatten, wohin _Florentin_ seufzte, da wo er die Tage seiner
Kindheit einst so glücklich verlebte.
»Ich kenne diese Gegend nicht mehr;« antwortete _Florentin_: »Aber nun
hinauf auf diesen Hügel, den ein kleiner Fichtenwald bedeckt. Einst stand
dieser Wald nicht, sondern auf dem Gipfel ragte einsam ein einziger Baum
nur empor. -- Das ist nun so alles anders worden, und ich kenne meine
Heimath nicht wieder.«
Sie klimmten den Hügel hinan. Wehmuthsvoll stand der Sohn der Vorwelt da,
im Strahl der Abendsonne, und sah hinab auf die veränderte Bühne seiner
Kinderzeiten. Er stand da, sprachlos und unbeweglich; große Thränen perlten
ihm über die Wangen.
»Hier ists!« rief er: »hier ists! -- ich erkenne diesen Hügel, diese
Landschaft wieder an matten Aehnlichkeiten mit der Vergangenheit; auch der
Greis behält ja noch manchen Zug von dem Kindheitsalter, wenn er gleich
schärfer und fester worden. Dies ist der Hügel, ich kenne ihn, wo ich mit
Rikchen oft gesessen, und mich der schönen Aussicht freute; hier lasen wir
so gern unsern _Geßner_, unsern _Ossian_ und wiegte uns ein in schöne
Träume unser _Wieland_. -- Hier unten ist der kleine Bach, auf welchem ich
so manche Flotte von Papier und Eichenrinde seegeln ließ und scheitern sah.
-- Ach alles, alles ist nun anders worden! Wo ist das Dorf geblieben, wo
das väterliche Schloß von Ulmen umringt? -- Dort drüben ist die Stätte, und
-- sie ist leer!« --
Sie stiegen schweigend den Hügel von der andern Seit' hinab; sie wandelten
am krummen Bach entlang; sie sahn umher und suchten noch die Spuren der
Vergangenheit, und fanden endlich hinter wuchernden Gesträuchen einige
Ruinen vom ehemaligen _Duurschen_ Schlosse, izt fast der Erde gleich.
_Florentin_ konnte izt sich nicht ermannen; er weinte wie ein Kind, und
stürzte nieder und küßte das kalte Gestein, die lezten Reste der
väterlichen Burg.
»Mein Oheim! -- o mein Rikchen!« schluchzte er: »so ists vorüber, alles nun
vorüber! -- Eure Asche ist verweht, verweset euer Name im Gedächtniß der
Lebendigen, verwittert eure Wohnung. Ach, und ihr waret doch so gut, -- so
gut! wir waren alle einst so glücklich!«
_Josselin_ wurde durch seines Freundes bittre Wehmuth zum Mitgefühl
gestimmt: -- »die Welt ist ein Theater nur; ein jeder Akt hat andre
Decorationen, andre Spieler, und das Vergangene läßt keine Spur; -- Wir
spielen noch und gehen ab, und wissen nicht, warum wir spielen mußten? --
Was haben wir zulezt von unserm Seyn gerettet? Unsterblichkeit des Namens?
-- Das ist noch weniger, als der Schatten unsers Ichs. Fürwahr der Nachruhm
ists nicht werth, daß man ihm für _Jahrtausende_ auch _eine_ einzige
Lebenslust nur opferte.«
»Hier steh ich nun zum leztenmal!« rief _Duur_: »ach wär' es auch die lezte
Thräne, die ich dir nachweinte, heilige Vergangenheit! -- Auch ich werde
bald meine Rolle auf diesem Theater zu Ende gespielt haben; bald wird mein
Vorhang fallen -- o Gott! o Gott! was bin ich dann gewesen? wofür hab' ich
die tausend Thränen dann geweint? wofür so viele Leiden, so manchen
namenlosen Schmerz getragen?« --
Die Sonne sank unter. In ihrem röthlichen Wiederschein glänzten noch die
Wipfel der Gebüsche, aus welchem die Finsterniß der Nacht hervorschlich.
»Jezt hin zur neuen Heimath, Florentin!« sagte _Josselin_ nach einem langen
Stillschweigen: »hin auf _Idalla's_ schöner Insel, wo in sel'gem Frieden
wir unser Leben schliessen wollen. Sey doch der Zweck unsers Hierseyns auf
Erden, welcher er wolle; mag jenseits des Grabes die abgestorbne Blume
unsers Ichs von neuem aufblühn, oder mit Saat und Wurzel auf ewig verwesen,
so wollen wir uns nicht muthlos machen lassen; Leben wollen wir, als würde
jenseits nichts mehr seyn; und sterben, als hätten wir das Beste noch von
drüben zu erwarten.«
Sie brachen auf, und verliessen traurig die Ruinen des Duurschen Schlosses.
»Gute Nacht; mein Oheim! gute Nacht, Rikchen! gute Nacht, du liebe, theure
Heimath meiner Jugend!« rief weinend _Florentin_.
Ein Westwind säuselte durch die dunkeln Gesträuche; ein leiser Schauer
umwallte die Wandrer; im Flüstern des Windes wars, als lispelten die
Geister der Entschlummerten ihm ein stilles Lebewohl nach.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Mont-Rousseau.
»So sey es denn! Ich bin des Wanderns müde. Die Reise war der Mühe werth;
die kleine Mühe ist mir herrlich belohnt. -- Ich bins zufrieden, Josselin,
laß uns eilen nach Mont-Rousseau. Der erste September liegt nahe vor der
Thür; Du sehnest Dich nach Deiner _Rosalia_, und ich mich endlich nach
Ruhe!« --
Herzlich stimmte _Josselin_ in den Willen seines Reisegefährten; sie
kehrten um, und zogen graden Wegs nach Mont-Rousseau.
»Die wengen bittern Stunden dort werd' ich ja auch noch überleben, und dann
weg von der Welt, aus welcher ich nichts mitnahm, als ein blutendes Herz,
auf ewig in den Schoos der Einsamkeit!«
_Josselin_ lachte bei diesen Seufzern seines Freundes. _Duur_ sah ihn
verlegen an; das Lachen war ihm räthselhaft, so räthselhaft wie einst beim
Abschiede von _Gobby_.
Er konnte länger nicht seine Verwundrung verheelen. Er bat den Lacher um
Aufschluß; aber statt dessen erhielt er eine Menge Worte mit unbedeutendem
Sinn.
In der nächsten Stadt ward zur mehrern Bequemlichkeit ein Reisewagen
angeschafft, und nun gings ohne Rast dem Ziel entgegen.
Glücklich trafen sie am lezten Tage des Augusts an dem erwünschten Orte
ein, Schon war es gegen Abend, als ihnen die Kuppeln und Söller eines
prächtigen Schlosses, hinter hohen Eichbäumen halb versteckt,
entgegenfunkelten.
Sie stiegen ab vom Wagen, als sie eben aus einem kleinen Birkenwalde
hervortraten. Der Wagen blieb zurück; sie wanderten zu Fuß voran, um ihre
Freunde unverhofft zu überfallen, allein sie hatten sich verrechnet. --
Kaum waren sie einige Schritte vorwärts geeilt, als ein Pistolenschuß in
ihrer Nähe fiel. Auf diesen Schuß folgten mehrere. Dies Signal machte bald
die hohe Kastanienallee, die sie zu durchwandern hatten, lebendig von
allerlei Spaziergängern.
»Wir sind verrathen!« sagte _Josselin_: »der Lärmen gilt uns!«
_Duur_ schwieg. Eine sonderbare Empfindung bemächtigte sich seiner -- es
waren Schmerz und Vergnügen, welche mit jedem Schlage des Pulses in ihm
abwechselten. -- Er sollte wiedersehn, zum leztenmale wiedersehn die Holde,
welche er über alles liebte, und deren Miene, Blicke, Sprache, Kuß und
Händedruck ihm Gegenliebe verheissen hatte; er sollte sie wiedersehn, an
welcher sein ganzes Seyn, die ganze Seligkeit seiner Erdentage hing -- um
sie auf immer wieder zu verlieren.
Er ging, und jeder Schritt ward ihm ein Schritt zum unaussprechlichen
Unglück. Er blieb stehn, schwankte wieder vor, blieb abermals stehn,
inzwischen _Josselin_ ihm schon weit vorausgeeilt war, und sich in einer
jauchzenden Versammlung, in unaufhörlichen Umarmungen, von Brust zu Brust,
von Mund zu Mund stürzte.
»Ach, es ist peinlich, dazustehn, wie ein Verwiesener aus dem Lande der
Freude, und arm an aller Lust unter Glücklichen zu wohnen!« seufzte er: »es
ist peinlich, unter den Frohen mitzulächeln, inzwischen das Herz blutet und
die Augen ihre Thränen mühsam verbergen müssen.«
Er schlenderte langsam weiter. Schon hörte er näher und lauter das Geräusch
der Kommenden, ihr Frohlocken, ihr lustiges Geschwätz, ihr
Entgegenjauchzen. -- Er rieb sich hurtig von den Wimpern eine Thräne, und
eilte ihnen mit verstellter Lust zu.
Zweites Kapitel.
Das Willkommen.
»Willkommen!« rief der ehrwürdige _Graf von Gabonne_ indem er unserm
Betrübten entgegenwankte, und ihn mit Jünglingskraft an seine Brust
drückte. »Fast verzweifelten wir an Ihrer Heimkunft; aber -- so ists recht!
-- nun ist die Reihe an uns, Ihre Liebe zu vergelten. Was Wetter -- mir
ists, als hätten Sie eine Thräne in den Augen. -- Was will der ungebetne
Gast in diesen Wohnungen der Freude? Weg mit ihm, wenn Freude nicht seine
Mutter heißt!«
»Gewiß heißt Freude seine Mutter -- ich bin ja wieder unter den Meinigen;
ich sehe ja meine Lieblinge in der Welt alle wieder beisammen, und Sie an
der Spitze derselben!«
»Seyn Sie uns gegrüßt, Wandersmann!« jauchzte der wackre Commendant
_Silberot_, und schüttelte _Florentinem_ herzlich die Hand: »haben Sie sich
endlich müde geschwärmt? -- Nach der Arbeit ist die Ruhe süß! -- Ich will
nun auch ruhn, von meiner Arbeit. Mein Haar ist weiß worden; meine Kräfte
erlahmen. -- Wie gefällt Ihnen hier die Gegend?«
»Sie ist romantisch!« antwortete _Florentin_.
»O, da sollten Sie sie nur erst näher kennen lernen. Ein irrdisches
Paradies blüht hier. Da sind Wälder, Felsen, Thäler, Seen, Wiesen, Bäche in
einer prächtigen Mischung durcheinander geworfen, daß es eine Lust ist,
anzuschaun; und nun, wissen Sie was neues? Hier werd' ich mir eine Hütte
baun, und mich ansiedeln, und wohnen darin mein Lebelang. Commendant bin
ich nicht mehr!«
»Ich wünsche Glück!« lächelte _Duur_.
»Ihm nicht allein!« unterbrach ihn der sanfte _Gobby_. »Mein Wohnhaus lehnt
sich dicht an meines _Silberots_ Hütte. Ich wohne mit ihm hier, bis er mit
meiner Asche eine Urne füllt. Willkommen indessen, Herr Revolutionair,
haben Sie nicht auch Kanella besucht, um die Eitelkeit des menschlichen
Dichtens und Trachtens zu bejammern?«
»Nein, nimmermehr wär ich dahin gegangen! Es ist ja nichts mehr daran
gelegen, ob die Staaten einen Freiheitshut, oder eine Fürstenkrone im Wapen
führen; die Bürger dieser Welt sind von den Tändeleien längst
zurückgekommen, und ich mit ihnen!« sagte _Florentin_, und schloß den
liebenswürdigen Greis in seinen Arm.
Indem er ihn küßte, hatten sich die Damen allmählig rings umher versammelt.
Eine derselben hielt ihm die Augen zu. Errathen sollt' er ihren Namen, er
rieth her und hin und errieth ihren Namen nicht. -- Sie ließ los.
»Ach, Gott, Idalla! Idalla!« rief _Florentin_ mit lebhafter Freude, und
drückte das liebe Weib an sein Herz, als wär es seine Schwester.
»Endlich hat man Dich wieder, Du lieber Irrgeist, endlich!« stammelte
Idalla, voll herzlicher Rührung, und ein helles, schönes Thränenpaar
funkelte in ihren Augen.
»Sieh mich nur an, Du Irrgeist, und sage mir, wie hast Du so lange fern
leben können von Deinem _Karlchen_, von _Holder_ und _mir_. Ach, tausendmal
haben wir Dein gedacht an jedem Tage, und tausendmal heim Dich gewünscht zu
unsrer Insel! Und Du bist nicht gekommen.«
»Nun bleib ich ewig bei Dir; nun will ich Dich nicht wieder verlassen, bis
der Tod einen von uns abruft.« Antwortete _Duur_ und sank ihr von neuem in
die Arme.
_Karlchen_ umklammerte izt seinen Leib, und rief »Vater! Vater!« ihm zu.
»O das ist der Seligkeit zu viel auf einmal!« jauchzte _Duur_, und hob den
lieblichen Knaben zu sich empor und hielt ihn Minutenlang und konnte sich
an ihm nicht satt sehn, satt küssen, satt freuen.
»Aber mich wirst Du doch nicht ganz übersehn und vergessen wollen?« tönte
eine andre Stimme seitwärts. _Holder_, der alte treue Reisegefährte durch
Leben und Tod, _Holder_ eilte ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen.
--
»Nein!« rief _Duur_: »wie sollt' ich Dich übersehen, Dich meinen Genius in
zweien Welten, meinen ältesten und zärtlichsten Freund! -- O Holder,
Holder, wieviel hab' ich Dir zu erzählen; die Wunder dieses Zeitalters sind
es werth, daß man ihrentwillen fünf Jahrhunderte verschläft; sie müssen
selbst gesehn und erfahren werden, denn in der besten Beschreibung
verlieren sie an Glanz, und bleiben dennoch unglaublich.«
»Desto besser, daß Du mein Referent seyn wirst, denn Dir glaub' ich mehr,
als zehn beeidigten Zeugen.«
»Auch, Bruder, auch Rikchens, _Deines Rikchens Grab_, -- auch meines
theuern Oheims Burg und Grab, den Schauplatz meiner Jugendspiele habe ich
aufgesucht; und in seiner wilden Verwandlung kaum wieder entdeckt. Das alte
Duursche Schloß ist izt ein kleiner Hügel verwitterten Gesteins vom
Fundament; die Gräber, ihre Spuren, sind verweht.«
»Dies wäre grade noch für mich das Sehenswürdigste gewesen.«
Indem sie sprachen, und die drei biedern Greise, _Gabonne_, _Gobby_,
_Silberot_ sich in das trauliche Geschwätz mischten, erschien _Idalla_
seitwärts, an ihrem schwesterlichen Arm gelehnt, verschämt und selig --
_Imada_.
_Duur_ erblaßte, als er seine Augen aufschlug und sie erkannte; ein
brennendes Roth flog dann wieder über die Leichenfarbe seines Angesichts;
er konnte kaum sich nur ermannen, kaum einge Höflichkeiten stammeln, kaum
einen Kuß mit starren Lippen auf ihre Hand pressen.
Da stand sie nun vor ihm, die ihn allein zum Gott auf dieser Welt hätte
machen können, und welche nicht die Seine werden _konnte_, und _wollte_;
stand vor ihm, angethan mit allen Liebreiz, welche Jugend und
Harmlosigkeit, Kunst und Natur verschwenden können; stand vor ihm, bebend
und schweigend und erröthend, und sah ihn an mit einem Blick, der so
unaussprechlich mild und verführerisch war und doch nicht das verheissen
durfte, was _Florentinen_ allein nur glücklich machen konnte.
Eingedenk der lezten, sonderbaren Unterredung in der Nacht, beim Schimmer
des Todtenfeuers, wagte ers auch nicht, nur mit einem einzigen Blick, die
quälenden Empfindungen verrathen zu geben, welche in seinem Innern tobten.
»Und so kalt?« fragte _Gabonne_, der lächelnd ihnen beiden zur Seite stand:
»Pflückt Rosen, so lange Ihr _dürfet_! -- hurtig, ich weiß, daß Ihr im
Leben das Küssen nicht verschworen habt, gebt Euch Küsse, eh' der Bräutigam
kommt und dem Spiel ein Ende macht.«
Er schloß beide in seine Arme. Erröthend näherten sie sich einander unter
dem sanften Zwange; ihre Lippen hingen unauflöslich in einem entseelenden
Kusse zusammen.
»Es verdrießt mich doch, daß die Dinge solch' einen Gang nahmen!« brummte
der _silberlockigte Gabonne_ halb freundlich, halb böse: »würdet Ihr beiden
Leutchen nicht das beneidenswürdigste Ehepaar auf Erden geworden seyn, wenn
-- -- -- Doch, vergangene Dinge sind nicht zu ändern. Aber lieb wär mirs
doch gewesen, wenn Ihr Beide so eins geworden wäret!«
_Florentin_ warf einen schwermüthigen Blick auf den plaudernden Alten.
_Imada_ lächelte. _Duur_ seufzte.