»Und nun ists gewiß?« sagte _Imada_, indem sie den _Traurigfrohen_ sanft
zurückdrängte.
»Gewiß! ich komme zu Ihnen nach Mont-Rousseau, und zwar zu Ihrem
Vermählungsfeste, und wenn mich der Schmerz beim Anblick des Glücklichen
tödten sollte. -- Ich _komme_!«
»Das soll mir die reinste, entscheidendste Probe Ihrer Freundschaft seyn.
-- Mein Vermählungstag ist der _erste September_!«
»Gott, so bald?«
»Schon wieder der alte Ton? -- Mit einem Worte, Sie kommen. Dann wird doch
der unglückselige Tag _eine_ Freude für mich haben, und die ist -- Sie zu
sehn. O, Duur, lieber Duur -- ich hätte Sie nicht so sehr liebgewinnen
müssen, wenn meine einstige Ehe nur halbleidlich für mich seyn sollte -- --
-- Duur, Sie lieben mich, ich Sie --, Freundschaft ist oft zur Liebe
ausgeartet, lassen Sie bei uns izt die Liebe zur _Freundschaft_ werden.«
»Freundschaft ist der schönsten Lebenslust erster Sprösling; der Sprösling
treibt unter glücklichen Verhältnissen weiter auf, wird _Blume_, heißt
_Liebe_. -- Unsre Liebe in Freundschaft verwandeln, heißt der Blume ihre
Krone abschlagen, und sie dem Sprösling ähnlich machen -- ach sie wird nie
_Sprösling_ werden, sondern bleibt der _traurige Stumpf_ -- einer
zerstörten Blume.«
»Und auch dann noch dem, _der sie kennet_, lieb und theuer!«
»Wie ein Schattenriß von verstorbnen Freunden!«
»Still davon -- wir sehn uns wieder!«
»Wir sehn uns wieder!« rief _Duur_ mit Wehmuth und sank an _Imada's_ Herz.
Es war dunkler und kühler geworden. Man vermißte die _Beiden_ schon längst
in der Gesellschaft. -- Es ließ sich ein Räuspern in der Nähe hören.
»Man sucht uns auf!« lispelte _Imada_; und indem sie dies sagte, trat ihr
Oheim, der _Graf von Gabonne_ -- ein alter, freundlicher Krieger mit
narbenvoller Stirn und schneeweissem Haupte -- aus dem Gebüsch am Teich
hervor.
_Imada_ flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; sie warf sich an seinen
Hals; ihre ganze Bewegung schien dem bestürzten _Duur_ Ausbruch eines
verhaltnen Entzückens, ihre Stimme ein seliges Jauchzen zu seyn.
Er rieb sich die Stirn -- diese Verwandlung hatt' er nicht erwartet; eine
solche Freude verrieth mehr, als Liebe für den Oheim, oder Vergnügen an
seinem Hieherkommen.
»Weiber! wer ergründet Euer Herz, wer studirt Eure Laune aus, wer die
Falten Eures Charakters? Niemand in der Welt, auch der erfahrenste
Menschenkenner nicht -- und Ihr selbst? -- am _allerwenigsten_!« -- rief
_Duur_ mit eingem Unwillen.
Drittes Kapitel.
Sie wandern alle in ihre Heimath.
»Leb wohl! und folg mir bald!« rief _Holder_, indem er seinen Bruder noch
einmal in die Arme schloß und an sein redliches Herz drückte.
»Leb wohl! tausend Küsse Deiner _Idalla_, und meinem _Karl_, die in der
Einsamkeit Dir entgegen seufzen. Leb wohl! Ich folge Dir bald!« entgegnete
_Florentin_, dems weh und bang ums Herz ward, ungeachtet die Scheidung
nicht auf ewig gelten sollte.
_Holder_ umarmte izt den ehrwürdigen _Grafen von Gabonne_ -- und Beide,
statt einige Rührung bei ihrer Trennung zu empfinden, und zu äussern, da
sie sich doch einander so theuer geworden waren, Beide, sag ich, brachen
statt in Thränen, -- in ein lautes schallendes Gelächter, aus.
_Florentin_ machte ein paar große Augen. -- Aber die Herrn liessen sich
nicht stöhren, sondern lachten so herzlich und so anhaltend fort, daß die
ganze Versammlung bald darauf mit einstimmte und _Florentin_, der auf keine
Weise errathen konnte, warum sich das Zwergfell dieser scheidenden Freunde
so unwillkührlich erschütterte, geneigt ward, selbst mit zu lachen.
Er erkundigte sich endlich, mit sehr verzeihlicher Neugier, nach dem Grund
dieser unerwarteten Erscheinung, aber statt aller Antwort -- lachte man. --
Lachend stieg _Holder_ in die für ihn bereitete Luftgondel; lachend empfahl
er sich nochmals und in einigen Minuten war er in der Luft ihren Blicken
entführt.
Weinend stand _Imada_ an eine Mauer gelehnt -- eben sie, die vor wenigen
Augenblicken selbst an dem Gelächter ihren grossen Antheil nahm.
Schluchzend wankte sie _Florentinen_ entgegen, schweigend küßte sie ihn,
verhüllte sich das Gesicht, und nahm in einer andern Montgolfiere ihren
Platz.
_Florentin_ verbiß seinen Schmerz.
»Am ersten September sind Sie doch bei uns?« fragte sie mit einem
wehmüthigen Lächeln.
»Gewiß!« antwortete bebend _Duur_.
»Das _müssen_ Sie,« rief der alte _Graf von Gabonne_, indem er _Florentins_
Hand schüttelte: »das _müssen_ Sie mir _feierlich_ noch einmal vor dieser
ganzen lieben Gesellschaft angeloben. Es soll Ihr Schade nicht seyn; ich
will alles dran wenden, Sie vollkommen vergnügt zu machen!«
»Ich werde erscheinen -- gewiß erscheinen!« antwortete _Duur_ mit
stockender Stimme.
»Verlassen Sie sich auf mich!« rief _Josselin_ dazwischen: »ich bürge für
ihn; er trifft mit mir zugleich bei Ihnen ein!«
Der Bund ward mit Küssen und Händedrücken wechselseitig bestätigt -- der
alte Graf sezte sich zu seiner reizenden Nichte -- die Gondel flog auf und
ruderte langsam und majestätisch durch die Luft hin, wie ein Schwan in den
Wellen.
So riß sich einer nach dem andern von _Gobby_ los. Der _Commendant_ und
_Rosalia_ mit ihrer Freundin, _Josselin_ und _Duur_ waren in einigen
Stunden wieder in der alten Heimath.
»Wie behagte Ihnen die kleine Spazierfahrt?« fragte der biedre _Commendant_
den träumenden _Duur_.
»Sie war reicher an Intresse, als das ganze Leben manches Menschen!«
erwiederte der Träumer, nicht um seine Meinung, sondern um eine Antwort zu
geben.
Viertes Kapitel.
Sie reisen zur Hochzeit.
_Duur_ war niedergeschlagen und so mißvergnügt, nach seiner Heimkunft, daß
er keine kleine Lust hatte, sich in den Salomonismus einweihen zu lassen.
Er verließ ungern sein Zimmer; floh alle Gesellschaften, so sehr es
thunlich war; nachtwandelte in seinem Zimmer, träumte, schwärmte, seufzte,
klagte und zankte mit dem Schicksal, wie es seit dem achtzehnten
Jahrhundert noch immer die Sitte der unglücklichen Liebhaber war.
_Josselin_ hingegen schien seinen Trübsinn zu verlieren und seinen Vorsatz
ausführen zu wollen, in Zukunft sich ganz dem schönen Spiel der
Sinnlichkeit zu überlassen. -- _Rosalia_ war ein reizendes Mädchen; das
wußte _Josselin_, er wußte auch noch mehr, daß er -- von ihr geliebt wurde.
Es dauerte nicht lange: so kam es zwischen ihm und ihr zu umständlichen
Erklärungen; der alte brave _Silberot_ hatte gegen diese Erklärungen keine
Sylbe einzuwenden, und -- eh mans sich versah, hieß _Josselin_ des braven
_Commendanten_ Schwiegersohn.
_Florentin_ wünschte seinem Freunde Glück -- mit schwerem, traurigen Herzen
wünschte er Glück, freuen konnt' er sich nicht.
»Damit die Lust vollkommen werde,« sagte der brave _Commendant_: »so soll
die Vermählung ebenfalls am ersten September, und zwar auf dem Gute des
Grafen von _Gabonne_ vollzogen werden. _Rosalia_ und _Imada_ sind
Freundinnen; -- das giebt ein Doppelfest, eine Doppelhochzeit.«
_Josselin_ und _Rosalia_ nickten freundlich und schweigend mit dem Kopf.
»Damit aber,« sezte _Josselin_ hinzu, indem er _Florentinens_ Hand faßte:
»unser lieber Freund dort heitrer sey, als ers bei uns izt ist; so werd'
ich mit ihm zu Fuß nach Mont-Rousseau reisen, kreuz und quer durch
Deutschland. -- Das vertreibt die hypochondrischen Grillen. Vielleicht
finden wir unterwegs ein niedliches Mädchen, das sich nicht schämen darf,
neben _Rosalia_ und _Imada_ vor dem Altar zu stehn, das nehmen wir mit uns,
wenn _Florentin_ will -- und die Triple-Allianz ist da. Zum ersten
September treffen wir gewiß in Mont-Rousseau ein.«
_Rosalia_ wollte freilich bei diesem Vorschlage etwas böse seyn -- aber
dann fiel ihr Blick auf den schwermüthigen _Duur_, und sie wars zufrieden.
_Florentin_ hatte _Josselinen_ selbst gebeten, mit ihm eine solche
Wanderung zu unternehmen, weil er doch, vor seinem Rückzuge nach _Holders_
Einsiedelei, die Genossen des dreiundzwanzigsten Jahrhundertes noch ein
wenig näher kennen zu lernen wünschte.