Josselin. (lächelnd.) Imada?
Florentin. Kannst Du in mein Herz sehen?
Josselin. Ruhig! ich habe Lust an Sympathien zu glauben, denn in der
vergangnen Nacht sagte _Imada_, als sie Dich verlassen hatte, zu ihrem
Oheim: _Vinzenz_ glaubte in Elysium zu seyn, und mir wars beinah auch so!
Florentin. (indem er Josselin feurig umarmt.) Josselin! Josselin! dann hin
nach Idallas Insel, um ein Götterleben und die Colonie der Glücklichen zu
beginnen, deren Patriarchen wir seyn wollen!
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Nur Einleitung.
Mit Schüchternheit und Sehnsucht erwartete _Duur_ die Ankunft der
Gesellschaft. Er zitterte, die schöne _Imada_ wieder zu sehn; noch mehr
aber vor seinen verwegnen Wünschen.
Die Stunde schlug; hoch wirbelten die Staubwolken daher vom Wege, welcher
sich aus dem Walde hervorzog; die nahen Bachbrücken dröhnten unterm Huf der
Rosse; man hielt still und die fröhliche Gesellschaft umringte in wengen
Augenblicken unsern Abentheurer.
Auch _Holder_ und _Imada_ waren da; _Imada_, deren Blick sich durch das
bunte Gewühl der Versammelten zu ihm herüberstahl. _Holder_, welcher seinen
Freund hier mit zärtlichem Enthusiasmus umarmte.
_Duur_ näherte sich _Gabonnens_ schöner Nichte; wie ein Gefühl von Schaam
und Verlangen preßte es ihm das Herz, röthete es seine Wangen. _Josselin_
hing an _Rosaliens_ Arm.
»So wollen wir die _Colonie der Glücklichen_ gründen!« rief _Josselin_
lächelnd seinem Freunde zu, indem sie in das Haus traten.
Seit Florentin sich in der neuen Welt umhertummelte, hatte er für Herz und
Geist nicht so anhaltende Schwelgerei gefunden. Es blühte alles um ihn her,
wie ein Paradies; alles wollte sich zu seiner Seligkeit vereinen. _Gobby's_
ernste Weisheit, verbunden mit der liebenswürdigsten Laune, _Silberots_
deutsche Biederkeit, _Holders_ stille Selbstzufriedenheit, _Josselins_
grell abwechselnde Melancholie und Frohsinn, _Rosaliens_ tändelnder
Muthwille, _Imada_'s Schüchternheit und Liebe bildeten den schönsten
Kontrast von Karakteren, in deren Gesellschaft man gern auf Erden den
Himmel vergessen hätte.
_Duur_ überzeugte sich bald, daß _Imada's_ Wünsche mit den seinigen in
geheimer Eintracht lebten, daß er unter allen Männern dieser Gesellschaft
der einzige sey, auf welchen _Imada's_ Augen mit entschiednem Wohlgefallen
ruhten; er hatte ihr seine Empfindungen auf mannigfache Weise kund gethan,
ohne _einmal_ das Wörtchen Liebe ihr zu nennen; erröthend hatte sie ihm bei
den auffallenderen Geständnissen die Hand gedrückt -- und doch wars ihm
immer, als fehle zu seiner vollendeten Seligkeit etwas; als mischte sich
ein fremdes Wesen zwischen ihm und _Imada_ mitten in ihren vertraulichsten
Unterhaltungen.
Seine Ahndung betrog ihn nicht. Er fühlte immer mehr, daß seine Besorgnisse
gegründet seyn mußten. Begierig spürte er allen Gelegenheiten nach, um sich
_Imada_ ganz zu entdecken und ihr ein offenherziges Geständniß über ihr
Herz zu entlocken.
Zehnmal des Tages fand er die Gelegenheit, aber niemals wagte er sie zu
benutzen. Schüchtern wich er von seinem Vorsatz zurück, wenn er seiner
Erfüllung am nächsten stand.
So verstrich ein Tag nach dem andern. Es wurden allmählig von allen Seiten
Anstalten zur Abreise getroffen. Florentin bemerkte dies und verlor seine
Heiterkeit.
Müde, sich mit den ewigen Zweifeln und Besorgnissen zu quälen, entschloß er
sich endlich, am lezten Abend vor der Abreise den entscheidenden Gang zu
wagen; er machte sich selber wegen seiner kindischen Zaghaftigkeit die
heftigsten Vorwürfe, und niemand hatte auch wichtigere Ursachen dazu, als
er, der in den Fehden und Irrgängen der Liebe kein Neuling war.
Zweites Kapitel.
Verzweiflung.
ES war ein prächtiger Abend; frisch duftete das Grün der Gebüsche und
Halmen rings umher; die Lerchen wirbelten ihr leztes Lied der
halbversunknen Sonne nach, und die Wipfel der Bäume strahlten in feuriger
Verklärung des Abendroths.
_Imada_ sas im Garten am Teiche.
Ein wildes Pflaumengebüsch, durchwachsen vom freundlichen Epheu, hatte sich
um und über dem schönen Weibe zu einer natürlichen Laube gebildet; zu Füßen
plätscherten die kleinen Wellen am Blumenufer, und spielten die Fische
sorglos ihr Spiel. -- Buchfinken und Meisen sangen von allen Zweigen herab;
Schmetterlinge verfolgten sich in weiten tändelnden Ringen umher, und im
tiefsten Dunkel eines alten Nußbaums girrte ein Turteltaubenpaar.
_Imada_ sas in sich selbst geschmiegt, tief in Betrachtungen verloren da,
die weissen Arme nachlässig auf den blumigten Rasen hingeworfen, die Augen
unverwandt auf die schimmernden Furchen des Wassers.
_Florentin_ sah sie -- kaum hundert Schritt stand er entfernt von ihr. Es
war ihm vor den Augen, wie ein prächtiges Sommerstück von _West_. Sein Odem
verengte sich; er hätte die schöne _Imada_, umgeben von allen Schönheiten
der ländlichen Natur, hinzeichnen mögen auf ein Blatt zum ewigen Andenken
dieser kostbaren Minute.
Er ging einige Schritte vor. Die Sonne verlor sich hinter dem Hügel;
_Imada_ schlug die Augen auf.
»Duur!« rief sie mit einer sanften Stimme, die Löwen und Tyger gebändigt
hätte.
_Duur_ stand dicht vor ihr.
»Wo schwärmen Sie umher, Schmetterling?« fragte _Imada_ und reichte ihm
lächelnd die Hand.
»Ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume und fand sie nicht.«
»Hat ein Schmetterling auch eine _Lieblingsblume_? -- mir ists, als nascht
der Luftprinz gern von _allen_.«
»Von _allen_, wenn er _naschen_ will; von _einer_, wenn er _geniessen_,
_schwelgen_ will.«
»Schmetterlinge können nur _naschen_.«
»Dann bin ich kein Schmetterling -- ich sehne mich nach einem _bleibenden_
Genuß.«
»Man sagt, dies sey nicht _Männerart_. -- Sie werden doch nun nicht
behaupten: dann bin ich kein Mann?«
»Wenn die Männer _Schmetterlingsnatur_ haben, so liegt die Schuld an den
Weibern und ihrer _Blumennatur_, die sich _jedem_ öffnet, und _keinen_
verstößt.«
»Wir sind das schwächere Geschlecht -- die armen Blumen _müssen_ ja wohl
geduldig jeden Räuber leiden.«
»_Das ist_ eben das Unglück der Männer!«
»Sie werden boshaft.«
»Gewiß nicht. Gestehen Sie nur ein, daß wir so wenig Aehnlichkeit mit den
Schmetterlingen, als die Damen mit den Blumen haben.«
»Das lezte gern, das erste nie.«
»Wohlan, ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume -- und nun hab ich sie
gefunden -- nun bleib ich -- hier! (indem er ihre Hand an seine Lippen
drückt.) hier!«
»Ob wohl auch die Blume gewinnt, wenn der Schmetterling wirklich bei ihr
bleibt und an ihren Zweigen sein Wohnhaus zusammenspinnt? Was wird aus dem
schönen, kosenden Liebhaber? -- eine häßliche, giftige Raupe -- ich wollte
sagen, -- ein Ehemann.«
»Wer hat _nun_ Ursach, über _Bosheit_ zu klagen?«
»Ach wie _manche_ Blume hat schon mit Entsetzen die Verwandlung ihres
Liebhabers erlebt!«
»Imada! -- Bosheit um Bosheit, so wünsch' ich Ihnen nie einen treuen
Freund, einen treuen Liebhaber!«
»Der Wunsch kann leicht erfüllt werden; weil treue Freunde und treue
Liebhaber ohnedem zu den Seltenheiten unterm Monde gehören?«
»Salomonisiren Sie auch schon?«
»Nichts weniger, als dies. Und doch möchte manche Blume ihren
Favoritschmetterling gern aufnehmen und beherbergen, wenn sie gleich
voraussähe, daß er dereinst ihr Mörder werden würde, denn es soll ja süs
seyn, zu sterben von geliebter Hand -- aber wie, wenn sich nun ein
häßlicher Nachtvogel bei ihr einnistet, und sie wider ihren Willen seine
Beute wird?« --
»Wenn mir ein Nachtvogel meine Blume stehlen wollte, bei Gott, so
verwandelt' ich mich aus dem Schmetterling in eine Wespe.«
»Das war eine lächerliche Hyperbel! -- Kann der Schmetterling seine Natur
vertauschen? Sie würden traurig umherflattern und sich ein andres Blümchen
suchen.«
»Das könnt' ich nicht; bei Gott das könnt' ich nicht! -- Zum Beispiel --
liebe, theure Imada -- zum Beispiel -- Sie, _Sie_ wären meine
Lieblingsblume -- -- --?«
»So würden Sie ein fremdes Eigenthum verletzen.«
»Fremdes Eigenthum?« stammelte _Florentin_ und wurde todtenblas.
»Was fehlt Ihnen, Duur? Sie verwandeln die Farbe?« fragte _Imada_, und
schloß mit zärtlicher Bekümmerniß seine kalte Hand in die ihre: »Reden Sie
doch! was fehlt Ihnen?«
»O, fragen Sie mich nicht! -- Es fehlt mir alles! Imada -- liebe, einzige
Imada -- fremdes Eigenthum, _Sie_?«
»Bekümmert Sie _das so sehr_?«
»O mein Gott, wie sollts nicht! -- Imada, war das Ernst? -- Imada! Gehören
Sie schon einem andern an?«
»Ja.«
»Entsetzlich! -- dies Ja schlägt meine Hoffnungen auf immer zernichtet zu
Boden, und stößt mich aus dem Paradiese, wo ich schon so sicher zu wohnen
glaubte.«
Das Mädchen sah ihn lange und schweigend an; sah den Sturm seiner Seele
sich wiedermalen in dem düstern Spiel seiner Mienen und Blicke, sah wie er
so gern sich verstellen, wie seine Lippe so gern Entschuldigungen seines
sonderbaren Betragens hervorbringen wollte, aber nicht einen Laut ertönen
ließ. --
»Das ist entsetzlich!« rief er endlich mit beklemmter Brust, und seine
Augen funkelten feucht.
_Imada_ zitterte neben ihm. Unwillkührlich drückte sie seine Hand fester an
sich, unwillkührlich stürzte eine Thräne aus ihren schönen Augen über die
Wange herab.
»Was soll ichs Ihnen verheelen,« sagte _Florentin_ nach einer langen Pause
mit verhaltner Wehmuth: »was soll ichs Ihnen verheelen, Imada, daß ich --
Sie unaussprechlich liebgewonnen habe? warum soll ichs Ihnen nicht gestehn,
daß ich mir eine goldne Zukunft durch Ihre Gegenliebe vorschmeichelte? --
Ach, ja, Imada, Sie -- Sie waren mein lezter Wunsch in dieser Welt, weiter
hatt' ich keinen, dann hätt' ich ruhig Grab und Tod erwartet. -- Morgen
reisen Sie ab -- morgen will ich auch zurück von der Welt, und mich
flüchten in _Holders_ Einsiedelei -- -- -- O, Imada, was haben Sie aus mir
gemacht!«
»Lieber Duur -- beruhigen Sie sich. Ich hätte geglaubt, Sie wären mehr
_Mann_. Ich habe gehört, Sie sollen schon der Leiden so viel getragen
haben, -- wie, und Sie sind noch so schwach, so hinfällig?«
»Eben darum. Ich bin ein junger Baum, den alle Stürme, alle Ungewitter zu
ihrem schadenfrohen Spiel erwählt haben. Meine Blüte ist verwüstet; ich bin
zerrissen, zerschmettert; wie soll ich noch _stehn_ können, unter einem
neuen Sturm.«
»Was gäb' ich darum, Sie zu beruhigen!«
»Sie _können_ nichts geben; Sie _haben_ nichts, mir zu geben -- Sie sind
fremdes Eigenthum!«
»Würd' es zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen gestände, daß ich Ihnen
herzlich -- herzlich gut sey? -- Ihnen hold ward beim ersten Anblick, als
ich Sie im Walde traf?«
»Das ist ein matter Abendschein auf zerknickte Saaten, die ein schwarzes
Hagelwetter zu Boden schlug. Dies Abendlicht richtet die hingeworfnen
Saaten nicht wieder auf, sondern macht höchstens durch seine Erleuchtung
das Bild der Verwüstung noch lebhafter. -- Nein, Imada, lassen Sie mich! --
Es ist so gut! ich bin es schon gewohnt, daß immer meine theuersten Wünsche
vernichtet wurden auf eine schreckliche Weise.«
»Aber, so -- in dieser Stimmung lass' ich Sie nicht von mir! Sie müssen
wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an -- lächeln Sie einmal! -- Nein, so
mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hübsch. --
Weg mit den Falten hier!« --
»O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!«
»Warum lernten wir uns nicht früher kennen?«
»O warum mußten wir uns jemals kennen lernen?«
Ein neues Stillschweigen trat ein. _Imada_ schien mit Wehmuth und
heimlichem Vergnügen den Kummer des Unglücklichen in seinem Gesicht zu
studiren.
Mit heimlichen Vergnügen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zählt nicht mit
_Vergnügen_ auf dem gewonnenem Schlachtfelde die _Leichen seiner Feinde_,
sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen
Städte unter den wirksamen Feuerkugeln, -- und _doch_ mag ihm das Herz
bluten. -- Welches Mädchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die
verheerenden Siege, welches seine Schönheit erwirbt, selbst dann, wann es
die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, _gesiegt zu
haben_; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz
fodert nicht _mehr_ noch.
Ich sehe -- meine _Leserinnen_ -- Sie werden böse; ich lese den Wunsch in
Ihrer Seele, daß Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen möchten, die ich
izt schalt. -- Aber wahrhaftig, ich hätte diesen gelegentlichen Ausfall
nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wäre. -- Ein
Greis, der beinah siebzig Jahre zählt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne
Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet -- der _fürchtet_
sich nicht mehr vor schönen Augen, den _locken_ nicht mehr blühnde Wangen,
den führt kein stürmischer Busen _irre_. -- Welche Rache wollen Sie nun an
mir nehmen?
Es ist nicht artig, sagen die _Kunstrichter_, wenn ein Erzähler mitten im
Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist
eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die
eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine
bessre Richtung giebt.
Also still!
Unterdessen, daß wir hier mit einander schwazten, hatten _Florentin_ und
_Imada_ ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben,
weiß ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhören
wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten
Erdboden sitzen, sondern sie _stehn_ -- und das sonderbarste ist, sie stehn
so, wie ich ebenfalls in meinen jüngern Jahren oft gestanden _habe_, und
mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern
stehen _möchte_. -- Nämlich? -- Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge
gesenkt, Mund an Mund gepreßt -- das heißt mit einem Worte: _küssend_. --
Wie sie zu dieser wirklich unvermutheten Stellung in allmähligen
Uebergängen des Gesprächs gekommen seyn mögen, weiß ich selber nicht. An
alle dem sind unsre episodischen, unzeitigen Plappereien Schuld gewesen.
Künftig wollen wir uns besser in Acht nehmen.