Commendant. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebster bester Schatz,
die gesunde Vernunft giebts ja an die Hand, daß wir alle, groß und klein,
arm und reich, wie wir da sind -- allzumal als elende Krüppelchen in die
Welt treten! -- Freilich auf die grausamen, finstern, barbarischen Zeiten
der _Vorwelt_ müssen wir nicht sehn, denn damals wußte die liebe Menschheit
noch blutwenig von der _Vernunft_; ja, die Menschen sind damals so toll
gewesen und haben die Vernunft verschrien, wie wir heutiges Tages die
_Verrücktheit_. -- Nun freilich, da gings denn unter den Sterblichen nicht
viel besser, als unter den wilden Thieren; wer die schärfsten Zähne und
derbsten Fäuste besas, der hatte das Recht immer zur Seite.
Duur. Sie sprechen von den Ritterzeiten.
Commendant. Nun ja. Damals gabs _Freie_ und _Sklaven_; pfui, Blut und Galle
möchte man speien, wenn man daran denkt, daß der Mensch vorzeiten ein
_Thier_ war! -- Die Freien bildeten sich ein, sie wären bessere Menschen,
wie die armen Unterjochten, und nannten sich _Edle_. Die Könige und Fürsten
machten diese Leute zu ihren Freunden, Räthen und Unterbefehlshabern. Das
konnte man den _Fürsten_ gar nicht verargen, denn der gemeine Mann, der
sogenannte _Unedle_, war abgeschnitten von aller guten Erziehung und
Bildung. -- Als aber endlich die Aufklärung allmählig zum _Durchbruch_ kam,
fingen auch die Unedeln an sich in Künsten und Wissenschaften hervorzuthun,
und im Durchschnitt genommen waren am Ende die Bürgerlichen reicher,
klüger, gelehrter als die Edeln, noch mehr, sie waren auch biederer, als
diese. Trotz dem allen behauptete sich dass alte barbarische Herkommen noch
lange. Die Edelleute erhielten sich, trotz ihres auffallenden
_Minderwerths_, oben an, und hatten den spashaften Einfall, den sie auch
männiglich verfochten: daß sie mit mehrern Rechten geboren würden, als die
Unedeln. -- Nun fragte man freilich: Wie könnt ihr denn, ohne Verdienst,
blos durch Geburt, mehr Rechte haben, als andre ehrliche Menschen, eure
Brüder? Aber darauf hörte man nicht. -- Kurz, man behielt die barbarische,
vernunftwidrige Grille der Vorwelt bei.
Duur. Im achtzehnten Jahrhundert?
Commendant. Im _achtzehnten_ und _neunzehnten_.
Duur. Verzeihn Sie, Herr Commendant, daß ich das achtzehnte im Schutz
nehme. Schon damals beschnitt man die alten Vorrechte des Erbadels sehr,
und der Bürgerliche genoß, wenn er Verdienste besaß, mit dem Adlichen
gleiche Achtung, nur mit dem Unterschiede, wie Sie selbst schon bemerkt
haben, daß der Adliche die höchsten Würden und Aemter des Staats allein
besezte.
Commendant. Sie sind diesmal ein nachgiebiger Advokat von der
Lieblingsperiode Ihres Vaters. Eben dies, daß man zu der Zeit schon einsah,
die Natur oder Gottheit habe _einen_ Menschen mit so vielen Anrechten
ausgestattet, als den _andern_; daß man einsah, des _Vaters_ Genie erbe
nicht auf die _Kinder_, macht jene Zeit noch _lächerlicher_. Dem besten
Kopf und dem besten Herzen, nicht dem besten Stammbaum gehören die ersten
Posten des Reichs. -- Unter uns gesagt, liebster Mann, ich war in meinem
Leben immer ein elender Wortfechter, aber bei _diesem_ Streit würd' ich
siegen, wenn ich Ihre Einwürfe auch gar nicht widerlegte.
Duur. Sie meinen, die Sache spräche für sich.
Commendant. Meinen Sie anders? -- Apropos, lebte nicht der alte
_Balladendichter Bürger_ so ungefähr in jenen Zeiten? Wie mirs deuchtet, so
ums neunzehnte oder zwanzigste Seculum.
Duur. Ich bitt' um Verzeihung, im _achtzehnten_ schon.
Commendant. Er schrieb eine Ballade: _des Pfarrers Tochter von Taubenhain_.
Ein sogenannter Edelmann verführt und verläßt um seines Standes willen ein
Mädchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher
aufs Rad geflochten wird. -- Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch
Räder hätten, würde der Kerl und nicht das Mädchen aufs Rad geflochten
seyn. -- Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche
Szenen und Verhältnisse?
Duur. (stockend) Sehr viel.
Commendant. Gabs wirklich _edle Leute_, die einem armen Mädchen alles --
alles nahmen, um Ruhe, Ehr' und Liebe der Menschen brachten, und dann
satanisch genug waren, sich hinter ihren _Stammbaum_ zu verstecken?
Duur. O viel! viel!
Commendant. Viel? -- nun mein Gott, so dank ich Dir, daß ich nicht geboren
ward unter den Barbaren, die _edel_ genannt wurden, und _schändlich_ sich
wälzten in Lastern, deren Geburt _Adel_, deren Leben _Unadel_ war. Hätt'
ich damals gelebt -- beim Himmel, ich hätte Mordthaten begehn müssen! --
Duur. Und izt?
Commendant. O, ich möchte den Bösewicht sehn, der ein Mädchen entehren, und
dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er -- _edler_ wäre, als
die Unglückliche! -- Doch lassen Sie sich erzählen, wie's späterhin ward.
Duur. Ich bin sehr begierig.
Commendant. Der Bürger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel
sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich
war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet -- weit später in
Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten
Jahrhundert, denn die Könige und Fürsten adelten in solcher Menge, und so
ohne Unterschied, daß es zulezt eine Ehre war -- _unadlich zu seyn_. Ich
erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, daß die
Könige sogar ihren Köchen und Leibschustern, wegen einer _guten Suppe_,
oder eines _schönen Stiefelschnitts_, die erblichen, unnatürlichen
Vorrechte verliehen haben.
Duur. Ich erstaune.
Commendant. Aber so mußt' es kommen, wenn die Deutschen ihre Thorheit
endlich einsehn sollten. Man konnte sich zulezt vor allen Edelleuten nicht
mehr retten. Man hatte nicht mehr Aemter genug für sie. Die Aermern
bequemten sich zu äusserst bürgerlichen Handthierungen; verdienstvolle
Bürger betraten, ohne Adel, die erhabensten Ehrenstufen im Militair- und
Civilwesen, und da man endlich bemerkte, wie sich das Land dabei sehr wohl
befand, so -- -- --
Duur. Und das ging ohne Gährungen und Revolten ab?
Commendant. Ohne Geräusch. Freilich, die Edelleute schrien wohl dagegen und
prophezeihten, daß mit ihrem Untergang _alle Monarchien einstürzen würden_,
aber dies war eben so lächerlich, als da die Mönche in den uralten
katholischen Zeiten, bei Schmälerung ihrer Rechte, schrien: die Welt würde
untergehn und der Antichrist sich von seinen Ketten losrütteln und die Erde
verwüsten.
Duur. Sonderdar!
Commendant. Nein, sagen Sie lieber, sehr natürlich. _Dännemark_ machte
endlich den Anfang zur Reformation des Adels. Der _Erbadel_ ward
durchgängig aufgehoben, und statt dessen der _Verdienstadel_ eingeführt. --
Das deutsche Reich, um allen Verwirrungen abzuhelfen, bequemte sich endlich
auch zu dieser Reforme.
Duur. Also giebts noch einen Adel?
Commendant. Freilich. Machen Sie sich um das Vaterland durch eine große
That, durch Lebensrettung des Monarchen, durch Erhebung und sichtbare
Vermehrung der Wissenschaft und Kunst, durch wohlthätige, große
Erfindungen, die der Menschheit willkommen sind, um den Staat, um die
Menschheit verdient: so werden Sie in die Reihe _der Edeln des Volks_
versezt; ganz Deutschland wird Sie schätzen, und im Ein- und Auslande
erhalten Sie Freundschaft und Ehrenbezeugungen, als wären Sie der Sohn
eines Fürsten.
Duur. (mit Rührung) Ich erstaune.
Commendant. Der Adel ist daher selten, und jeder strebt nach ihm -- aber
Kinder erben ihn nicht vom Vater, so wenig, als sein Verdienst, wodurch er
ihn gewann. Sollte auch nun ja einmal bei Ertheilung des Adels menschlich
verfahren werden, so hat dies doch für die Nachwelt keinen Schaden. Es
giebt izt unadliche Feldherrn und adliche Künstler. Zudem würde man den,
der seinen Adel erschlichen hätte, leicht und auffallend bemerken, da
erwiesen werden müßte, daß er allgemein bekannte, öffentliche Verdienste
errungen habe; auf _geheime Verdienste bei den Königen_ wird nicht
reflektirt.
Duur. _Wer_ erhebt denn aber in den Adelstand?
Commendant. Ich sehe, Sie sind in allen ziemlich unwissend -- verzeihn Sie
mir diese Bemerkung, denn Sie sind mir das auffallendste Räthsel, was ich
kenne. -- Das Land und der allgemeine Ruf schlägt den Candidaten vor; das
Collegium der Edeln wählt und der Landesherr bestätigt. --