Holder. Das ist unnatürlich! --

Florentin. Meinst Du? -- O, ich war beinahe zufrieden, hatte das achtzehnte

Jahrhundert mit seinen Leiden und Freuden schon halb vergessen; mein Onkel,

mein _Rikchen_, mein _Badner_, _Louise_, _Adolph_, _Kanella_, -- alles hing

nur noch in verbleichten Farben vor meiner Seele. Ich glaubte die Wunden

meines Herzens schon zugeheilt; kein Gram nagte mehr an meiner Ruhe -- o,

mein Gott, und das alles hatt' ich mir nur vorgelogen. -- _Louise_ lebt

noch, und ich mit ihr in _einem_ Jahrhundert.

Holder. Dich betrügt ein Traumbild.

Florentin. Sprich lieber, es hatte mich betrogen, und daß ich so -- so,

davon _erwachen_ mußte! -- --

Idalla. (mitleidig.) Du bist unglücklich?

Florentin. Ja, liebe Idalla, ich bin sehr unglücklich.

Idalla. Armer Florentin!

Florentin. Ja wohl, _ärmer_ bin ich zu keiner Zeit gewesen!

Holder. Es bleibt mir alles ein Räthsel, ehe Du mir nicht umständlich Dein

Abentheuer im Walde erzählst.

Florentin. Ich wills erzählen -- vielleicht machts mich ruhiger. O, klaube

aus meiner Erzählung jedes Mögliche heraus, um mir nur zu beweisen, ich

habe _Louisen_ nicht _gesehn_. Hörst Du? -- Ach, ich liebe sie noch, ich

_muß_ sie lieben, trotz ihrer Untreue!

_Holder_ wußte nicht, was er glauben sollte, und sah seinem Freunde mit

einer unbeschreiblichen Verlegenheit ins Gesicht.

Achtes Kapitel.

Louisens Erscheinung.

Idalla zündete die Lampe an; sie und ihr Liebling nahmen den Schwärmer in

die Mitte, der endlich ihre Neugier stillte und seine Erzählung begann:

»Gestern verließ ich Euch; ich war etwas düster; Gott weiß, was ich dachte,

was ich empfand. -- Ich war noch keine Stunde umhergetrabt, als ich mich

mißvergnügt unter einem Baum niederwarf, und mich in die Tage der Vorwelt

heimträumte. -- Ist er nicht wunderbar zusammengesponnen der Traum meines

Lebens, dacht' ich.«

»Ich war ein Kind, und _war glücklich_. Ich blühte zum Jüngling auf, und

_hoffte_ auf einstige Seligkeiten! -- Ich wurde ein Mann, und -- _war

unglücklich_. Louise machte mich unglücklich, oder vielmehr ich mich

selber. Dem Tode nahe, wurd' ich errettet. Ich war der Verzweiflung nahe,

und die Hand der _schwarzen Brüder_ führte mich von dem Abgrunde hinweg,

über dessen Tiefen ich schwebte, Ich suchte Ruhe, suchte Zerstreuung, und

befreite _Kanella_ mit Lebensgefahr. Lorbeern erndtete ich, aber keine Ruhe

des Herzens. Meine Wünsche, meinen Lohn, welchen ich mir ersah, konnte mir

des schwarzen Bundes Allgewalt nicht verleihen. Das Schicksal kämpfte wider

mich mit eiserner Faust. Ich war elend, schmachtete nach einem _bessern

Leben_ -- die _schwarzen Brüder_ wollten mich belohnen und ertheilten wir

zum Geschenk -- ein andres Jahrhundert.« --

»Ich bin noch nicht glücklich, dacht' ich weiter. Und woher meine

Unzufriedenheit? wohinaus will dies unaufhörliche Sehnen? -- Ich wollte in

mein Innres hinunterschaun, und fand -- und fand die Phantasie mir

_Louisens_ Bildniß vorhaltend.« --

»Also dahin willst du? Unmöglichkeit ist dein Ziel? -- o, rief ich mir

selber zu, so unmöglich ist denn auch dein Glück hienieden! -- Verdammt sey

der Schlaftrunk, der mich um den Rest des Zeitalters plünderte, in welchem

noch eine _Louise_ wohnte. Verdammt sey die Stunde, in welcher ich den

ungeheuren Riesensprung in der Zeit wagte, welcher eine Ewigkeit zwischen

mir und _Louisen_ wälzte. -- So dacht ich. In dem Augenblick rauschte etwas

hinter mir auf; mein Pudel bellte -- dies erweckte mich. Ich sah mich um;

eine _Hündin_ sprang neben mir vorbei. -- Ich fuhr auf, verfolgte das

Thier, welches vielleicht noch von keinem Jäger verfolgt worden war, denn

es blieb oft stehn und neckte mich immer weiter.« --

»Du sollst mein werden! rief ich und dachte an _Louisen_: Du sollst mein

werden, denn uns scheidet noch nicht die unüberspringliche Kluft von

Jahrhunderten! -- ich verfolgte das Thier Stundenlang und erreichte es

nie!«

»Der Mittag mochte noch nicht vorüber sehn, als ich, von der fatalen Hündin

verführt, ziemlich entfernt von dieser Gegend, mich mit einemmale aus des

Waldes Dunkel in einen grünen, zirkelförmigen Platz stürzte, in dessen

Mitte zwei niedliche mit Wimpeln und Segeln versehne Kähne auf trocknem

Boden standen!«

»Ich blieb stehn. Ich wähnte in der Feenwelt zu wohnen. -- Die Hündin

entwischte, ich dachte nicht mehr an sie.«

»Nun, bei Gott!« sagte _Holder_: »läßt sich doch Deine Erzählung so

drolligt an, wie irgend ein Märchen aus _Gallands_ Tausend und einer Nacht.

-- Zulezt glaub ich gar, die Weltbegebenheiten laufen aus und repetiren

sich, wie ein Uhrwerk. -- Wir leben und weben wieder in den Tagen, die

_Wieland_ und _Ariost_ so schön besangen.«

»Das wird mir immer wahrscheinlicher!« sezte _Holder_ muthwillig hinzu,

indem er sich in _Idallens_ großen blauen Augen spiegelte, die ihn so

liebevoll anblickten.

»Erzähle Du weiter, armer Florentin!« sagte _Idalla_, und faltete ihre Hand

in _Holders_ Hand.

»Indem ich,« fuhr _Florentin_ erzählend fort: »versteinert dastand, und die

beiden prachtvoll ausgeschmückten Kähne mit der waldigten Wildniß zu paaren

suchte, flüsterten die Zweige eines nahen Wacholdergebüsches neben mir. Ich

wandte meine Augen dahin, und, o Gott, wie wurde mir, als ich -- _Louisen

vor mir stehn sah!_« --

»Sie bebte vor mir zurück -- ich vor ihr. Wir starrten uns lange an -- ich

fand sie schöner, als ich sie je gesehn hatte -- ich wollte sprechen,

wollte ihr Vorwürfe machen -- meine Lippen bewegten sich, aber die Worte

erstarben in ihrem Werben.« --

»Unwillkührlich fühlt' ich mich zu ihr hingezogen, zu ihr, die wie eine

Gottheit da vor mir stand. Ich wähnte ihren _Geist_ zu erblicken, sank zu

ihren Füßen nieder, umarmte die Kniee eines _irrdischen Weibes_, die Kniee

meiner _Louise_! -- Schreck, Hoffnung, Entzücken, alles umfing mich mit

gränzenloser Kraft; meine Vorstellungen wurden dunkel, die Welt verschmolz

vor meinen Sinnen in Nichts -- ich ward ohnmächtig!«

»Gott im Himmel!« rief die weichgeschaffne _Idalla_: »was ist das!«

»O, wär' ich so vernichtet, so ganz ausgestrichen geblieben aus der Liste

der Schöpfung, ich wäre vielleicht glücklicher! -- -- Aber ich erwachte --

wie -- von einem _Kusse_. Ich schlug die Augen auf. _Louise_ kniete neben

mir auf dem Erdboden, sie schien sich mit mir beschäftigt zu haben. -- Ihr

Auge sprach etwas, das -- ach, wer hat Worte dafür?« --

»Und plötzlich entstand ein Geräusch im Walde von Männerstimmen. Es drang

immer näher. _Louise_ drückte mir die Hand, sah mich noch einmal an, und

lief zum nächsten Kahn. Es liessen sich verschiedne Männer sehn, die sich

in die beiden Kähne vertheilten. Sie sprachen heftig unter einander, aber

ich verstand sie nicht. -- Plötzlich schwollen die Kähne von allen Seiten

auf, und vergrößerten sich in einigen Minuten ungeheuer; in eben den

Augenblicken stiegen sie in die Luft empor und mit Vogelschnelle schwammen

sie über den Wipfeln der höchsten Bäume hin -- und verschwanden meinem

Gesicht.«

»Noch immer lag ich auf dem Erdboden; meine Augen starrten auf den

Luftpunkt hin, in welchem mir _Louise_ entflog. -- Hier lag ich im dumpfen

Hinbrüten, ich empfand vieles und nichts, ich dachte an _Louisens_ lezten

Blick, an ihren lezten Händedruck; So übereilte mich der Abend, und ich

konnte mich nicht trennen von dem Orte, an welchem _Louise_ mir erschienen

war. Ich sah das Laub des Waldes, die Wolken des Himmels verrinnen ins

nächtliche Schwarz, allein ich blieb, wo ich war. Ein leichter Schlummer

erquickte mich; er war mir wohlthätig.«

»Ich erwachte eher, als die Sonne. Ich dachte an das Gestrige, und mir

wars, wie Rückerinnrung an einen Traum. _Louise_ kam nicht heim; vergebens

erwartete ich sie. Ich stand auf und begab mich, in düstre Melancholien

verloren, hieher zurück. -- Unterwegs ward ich des Mannes gewahr, der mich

um Gotteswillen bat, ihn im Walde zurechtzuweisen. Ich winkte ihm, mir

nachzufolgen. Er wollte mir mit seinem Gewäsche die Zeit vertreiben, ich

hörte nicht auf ihn.« --

»Versetze Dich im Geist in meine Lage, Holder, und zweifle noch, ob ich

unglücklich, ob ich wahnsinnig sey, wenn ich mich noch im achtzehnten

Jahrhundert zu befinden glaube. _Louise_ lebt ja noch!« --

»Desto besser!« entgegnete Holder: »so lebt Dir auch noch die Hoffnung,

wieder glücklich werden zu können, wenn denn _Louise_ einmal Deinen Himmel

enthält.«

Neuntes Kapitel.

Imada.

Das ganze Räthsel löste sich zum Theil am folgenden Tage, als die kleine

arkadische Familie beim Frühstück versammelt sas. --

Der _Fremde_ nemlich, welcher sich _Matthias_ nennen ließ, erzählte seinen

neugierigen Zuhörern auf _Holders_ Verlangen die Begebenheit, durch welche

er in das benachbarte Gehölz und zu _Florentin_ gekommen sey.

»Meiner Kunst und Profession nach« sagte er: »bin ich eigentlich ein

Luftgondler. Mein Vater und Großvater, und deren Ahnen, so weit sie mir

bekannt sind, trieben dies Geschäft. Ich lebte dabei sehr gemächlich, bis

der unselige Krieg ausbrach, welcher izt einen Theil meines Vaterlandes

verwüstet. Wider meinen Willen ward ich bei der Armee als Luftgondler

angeworben. Ich mußte mich in mein Geschick ergeben, und konnt' es um so

leichter, da ich zu Hause weder Weib noch Kind zu ernähren hatte.«

»Eines Tags wurd' ich mit meiner Gondel zur Recognoscirung des feindlichen

Lagers commandirt. In meiner Barke befand sich der General nebst mehrern

Offizieren. Zwei Nebengondeln waren mit uns zur Beschützung. Es war ein

trüber, neblichter Morgen. Das Wetter kam uns zu Statten, um unvermerkt

aufsteigen, und beim fallenden Nebel das ganze Lager den Norder überschaun

zu können. Allein, wie erschraken wir, als wir in den höhern Revieren der

wolkigten Luft auf feindliche Segel stießen, die in gleicher Absicht dort

schwebten und an Zahl uns beiweiten überlegen waren. Wir hatten uns noch

kaum besonnen: so umzingelten sie uns, und der Luftscharmützel begann.« --

»Von allem, was Ihr da saget, versteh ich kein Wort, Herr Luftgondler!«

rief _Holder_ mit Lächeln des Erstaunens: »führt man denn izt _Kriege in

der Luft_, wie die Vögel?«

»Sie scheinen auf Ihrer Insel hier in einer glücklichen Unwissenheit zu

leben, mein Herr!« entgegnete der Luftschiffer: »eine Unwissenheit, die mir

ans Unbegreifliche gränzt, da Sie doch übrigens so viel Kenntnisse zu

verrathen scheinen.« --

»Wir leben hier« erwiederte _Holder_ mit lustiger Verlegenheit: »wir leben

hier zu Lande ohne Umgang mit andern Menschen, ohne Bücher, ohne Zeitungen.

Kurz und gut, ich glaubs Euch. Die Europäer bekriegen sich nicht nur auf

Erden, auf dem Wasser, sondern auch in der Luft.«

»Ich sagte vorhin,« fuhr der _Gondler_ fort: »daß wir von den Nordern

umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht

war zu groß. Zum Unglück hatten wir uns nicht einmal mit Lärmgeschütz

versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hörte man und wußte man von

nichts.«

»Erlaubet,« fiel _Holder_ ein: »unten _hörte_ man nichts? War man denn so

weit von der Erde entfernt, daß der Flintendonner unten nicht mehr hörbar

war?«

Der _Gondler_ lächelte: »Sie müssen wissen, mein Herr, daß zu geheimen

Expeditionen, Ueberfällen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen

mit stillem Pulver gefüllt werden. Der Schuß ist ohne Lärmen, und am Tage

kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wußte

man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers

nichts. -- Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf

sich in den Nothschirm, und stürzte auf gut Glück hinunter -- einige

Offiziere folgten. Wir übrigen ergaben uns.«

»Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerführer, dem _Grafen von

Gabonne_, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich -- allein ich

schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien

endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet --

_Preussens Adler_ ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der

Waffenstillstand war schon längst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein

Herr, der _Graf von Gabonne_, konnte es also vom Oberfeldherrn um so

leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte

diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.«

»Diese Beute war ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, von welchem ich

nicht mehr, als den Namen, _Imada_, weiß. Daß diese _Imada_ von bedeutender

Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem _Gabonne_ durch

einen seltsamen Zufall in die Hände gerathen seyn; man erzählte sich im

Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschloß, sein Liebchen in

Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerüstet und unsre

Fahrt ging anfangs nach der _Lombardei_; von da wieder, warum? ward mir

nicht gesagt, zurück nach _Mont-Rousseau_, an den Gränzen der fränkischen

Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen,

entschlüpft' ich meinen Feinden und entkam glücklich. Aber gewiß hätt' ich

meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk

der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher geführt hätte.«

_Florentin_, der diese Erzählung anhörte, sas unbeweglich da, wie ein

Marmorbild. -- »Nicht _Louise_ also wars, sondern eine unbekannte _Imada_!«

rief er, und sank _Holdern_ in die Arme.

Unaufhörlich schwebte ihm nun _Imada's_ und _Louisens_ Bildniß vor der

Seele. _Imada_ und _Louise_ waren eins; die Erscheinung trug nur einen

_doppelten Namen_.

Diese _Imada_ wich nicht an Reizen der _Louise des achtzehnten

Jahrhunderts_. Ihr Hervorschweben aus dem Gebüsch war das Hervorschweben

einer Göttin, den ätherischen Hallen der Oberwelt entschlüpft. Zwar ihren

Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren

Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht

über sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr

Händedruck?

»Sie ists wohl werth, solch eine Körperform, wie die _Louisens_ war,«

dachte der gute _Graf_ bei sich selber: »daß die Natur sie der Welt _mehr

als einmal_ vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.«

Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner

Empfindungen etwas abentheuerlich -- allein er lebte nun einmal in einer

Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein

Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.

Es ward beschlossen, die _Louise_ dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem

Winkel der Welt sie auch versteckt leben möchte. Es war ihm überdem noch

immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhöhle -- und räumte

er _Holdern_ viele Kunst ein: so glaubte er höchstens an den

widernatürlichen Schlaf _einger Jahre_, aber nicht einger Jahrhunderte.

Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewänder abmodern, und die

Schicksale der Welt ungehoffte _Veränderungen_ erleiden -- aber _Louise_

konnte auch noch leben! -- _konnte noch!_ und neugeboren fühlte sich _Duur_

bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wär er von

einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an

wüste, menschenlose Inseln warf, und er kämpfen mußte mit wüthenden

Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermeßlichen Ocean

auf ewig von seinen Geliebten. -- Es ward ihm dann wieder so wohl, so

heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er

schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs

Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. --

Ungern ließ er sich aus diesen Träumereien aufstören.

Daß sich _Duur_ von nun an mit dem Luftgondler in öftere Plaudereien

vertiefte; daß _Imada-Louise_, _Gabonne_ und _Mont-Rousseau_ allein ihrer

Gespräche ewiger Text war; daß er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte

betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; daß ihm

_Idalla's_ schöne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wüstenhaftiger,

unerträglicher wurde -- alles dies läßt sich errathen. Ich darf davon

nichts erzählen.

Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er _Holders_ und _Idalla's_

zärtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum künftigen Frühling zu

verschieben und den Winter über in ihrer Gesellschaft zu bleiben.

Herr _Matthias, der Luftgondler_, fing an, sich in diesem schönen Cirkel zu

gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher

Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als daß er gar zu

gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit

der Insulaner verführte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen

als ein getreuer _Sancho_ zu begleiten, und, wo möglich, den _Badner_ des

achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.

Zehntes Kapitel.

Der Winter.

Es brach der Winter ein; die Silberflocken des Schnees gaukelten lustig um

die kleinen Scheiben der Hüttenfenster, und die blätterlosen Gesträuche und

Bäume strahlten im funkelnden Reif. Der See erstarrte im kalten Hauch des

Dezembers; das Wild brüllte durch den Forst und vor der Hütte schwärmten

vertraulich kleine Schaaren von Sperlingen und Meisen, _Idalla's_

Wohlthätigkeit in Versuchung zu führen.

_Duur_ wurde in seinem Innern ruhiger; er durchstreifte, mit seinem Pudel,

fleissig die Waldung und versorgte _Idalla's_ Heerd mit Wild. --

_Imada-Louise_ stand freilich noch immer in einsamen Stunden vor seinem

Geiste, umgeben mit aller Pracht, zu deren Erfindung eine schwärmerische

Phantasie fähig ist. Allein er betrachtete dies schöne Bild mit immer

kältern Blute, und überließ es dem gütigen Zufall, ob je noch seine

Lieblingswünsche erfüllt werden sollten.

Auch hatt' er sich allmählig für die Zukunft schon sein Plänchen entworfen,

einfach und nützlich. Er wollte mit dem Frühlinge auswandern in die Welt,

um die Verwandlungen der Welt zu studieren, seiner Neugier zu gnügen und zu

erfahren, ob der Favorittraum seines guten Oheims _von der glücklichen

Nachwelt_ realisirt wäre. -- Nebenbei wollt' er dann umhersuchen unter den

Töchtern des Landes -- _Imada-Louise_! um eine Theilnehmerin seiner Leiden

und Freuden mit sich in _Idalla's_ Insel zu führen, seinem Abgott, seinem

_Karlchen_, eine Mutter zu geben, und der lieben _Idalla_ eine

schwesterliche Gesellschaft.

Denn fest hatte ers beschlossen, sich nimmer wieder verwickeln zu lassen in

die quälenden Verhältnisse der großen Welt, sondern die Seligkeiten des

häuslichen Lebens und der Einsamkeit jenem leeren Geräusch vorzuziehn,

welches nur den Unwissenden entzücken, und die Thoren beschäftigen kann.

_Holder_ war von seiner Seite ebenfalls nicht müssig, sich den traurigen

Winter zu verschönern. Er nannte _Idalla_ Weib, _Idalla_ war glücklich

durch ihn und ahndete Mutterfreuden.

Jeder, vom ersten bis zum lezten in dieser kleinen Republik, sann,

wünschte, empfand nicht für _sich_, sondern nur _für die andern_. Jeder Tag

war ein kleines Fest. Man liebte und wurde geliebt. Man war erfinderisch in

neuen überraschenden Freuden für die übrigen, und sah den schönsten Theil

der Lust auf sich selbst wieder zurück strömen.

Und versammelte sich Abends die liebenswürdige Familie um das lodernde

Feuer des Camins; schien die Unterhaltung stocken zu wollen, und die

Fröhlichkeit zu schweigen: so rief _Holder_ zur Aufmerksamkeit, und

erzählte die seltsam verwickelten Begebenheiten seines frühern Lebens, die

ihn zu dem herrlichen Manne machten, der er war.

Dann schmiegte sich schauderndfroh _Idalla_ an den Arm ihres Gattens; dann

drückte _Duur_ sein schlummerndes Kind fester an seine Brust und _Matthias_

der Luftgondler starrte mit Verwundrung und Entsetzen den Mann an, welcher

als Jüngling Thaten vollendete, woneben seine Bataille in den Wolken wie

Kinderspielerei aussah.

Es thut mir viel zu leid, hier den Faden der Geschichte abzureissen und die

Begebenheiten des wilden, großen _Holders_ in einer Episode dürr zu

skizziren -- sie verdienen wohl, eigen behandelt zu werden.

Vielleicht erzähl ich sie meinen Lesern zu einer andern Zeit -- vielleicht

bald!

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel.

Auswanderung in die neue Welt.

So verlor sich der Winter unter Lust und Arbeit. Die Flocken des

leuchtenden Schnees zerschmolzen am milden Hauch des Aprils, und die

erwachenden Gesträuch' und Bäume trieben Knospen an Knospen und Blüten an

Blüten. Der Grund der Wiesen und Anhöhn und Thäler vertauschte das falbe,

veraltete Kleid mit einem duftigen Grün, und die Lerchen schwangen sich mit

süßem Wirbelton dem mildern Himmel entgegen.

»Das war ein Jahr!« rief _Holder_ an einem schönen Maitage: »Ein schönes,

einförmiges Jahr, ohne Sturm und Drang, und doch so üppig reich an stiller

Lust! -- Gewährt der Himmel mir eines Wunsches Erfüllung: so sey der Rest

meines Lebens dieser kleinen Vergangenheit gleich.«

»Ich will werden, wie Du« -- lächelte _Duur_: »darum will ich hinaus und

mir eine _Idalla_ suchen.«

»Und ich will auch nicht müssig bleiben während Deiner Entfernung,«

entgegnete _Holder_: »eine Hütte will ich Dir und Deiner _Idalla_

inzwischen bauen, und wenn Du heimkömmst sollst Du alles vollendet finden,

um ein patriarchalisches Leben zu führen.«

Die Anstalten und Zurüstungen zum Ausfluge in die neue Welt wurden gemacht;

_Florentin_ belud sich mit einem Theil der Juwelen und Steine des

achtzehnten Jahrhunderts; _Matthias_ der Luftgondler ließ sich von der

geschäftigen _Idalla_ den Renzel füllen mit Speis' und Trank; jeder nahm

seinen Wanderstab zur Hand und der treue Pudel sprang hoch und freundlich

an dem Grafen auf.

»Lebt wohl!« tief _Florentin_, und preßte _Holdern_ und _Idallen_ in einer

langen Umarmung an seine Brust und seine Augen funkelten von einer Thräne,

als er den weinenden _Karl_ zu sich empor hob.

_Holder_ geleitete die Wandrer bis zum jenseitigen Ufer des Sees, und

schied dann von ihnen mitWehmuth. _Idalla_ und _Karlchen_ standen am

Inselufer und riefen tausendmal Lebewohl und warfen tausend Küßchen

hinüber, bis die Theuren unter dem Laube der Gebüsche ihnen aus den Augen

verschwanden.

Der Graf kannte dies Revier meilenweit umher durch seine Jagden. Er

wanderte gen Nordost, wo er am ehsten Weg und Steg und Menschen zu finden

hoffte.

Gegen Abend trafen sie wirklich in der Wildniß eine Spur von befahrnem

Wege, und ohne Zögern ward die glückliche Entdeckung benuzt. Die Waldung

schien sich allmählig zu verdünnen; die Gegend wurde unebner, felsichter.

Auf dem Gipfel eins Berges hielten sie zulezt an, um auszuruhn, denn die

Nacht war schon eingebrochen.

_Matthias_ schnürte den Renzel auf und that sich gütlich; nur _Florentin_

konnte noch nicht rasten. Er kletterte von einem Fels zum andern in die

Höhe, um wo möglich noch eine frohe Entdeckung zu machen.

Allein die wilden Berg und Klippen

Stehn, wie ein Lanzenheer vor ihm gedrängt;

Kein Moos, kein Laub; nur daß an Felsenrippen

Noch hie und da ein ödes Strauchwerk hängt.

Geborstne Schlünde, schrofe Mauern,

Kühnhangende Stücke drohnde Last,

Untiefen den dem Tag gehaßt,

Des Stralen matt zurücke schauern. --

Dies war seine ganze Aussicht. Traurig schlich er zurück zum

Reisegefährten, der neben dem treuen Pudel und offnen Renzel in süßer Ruhe

schlief. Der Graf betrachtete Beide mit wohlgefälligem Lächeln, und warf

sich in ihre Mitte nieder.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen am folgenden Tage, als die kleine

Caravane schon ihre Straße weiter zog im Gebürge; allein mit ziemlich übeln

Humor, weil sie den Weg verloren hatte, der zu Menschen zu führen

versprach.

Eine Stunde mochten sie schon zurückgelegt haben, als sie den Gipfel eines

benachbarten Berges erstiegen hatten. Müd' und odemlos langten sie oben an

-- aber ihre Mühseligkeit wurd' ihnen überraschend vergolten, als sie den

Blick von der andern Seite des Gebürgs hinunterwarfen.

Ein junges Eden lag hier ausgegossen,

Vom Arm der Felsen eingeschlossen,

Die mit dem tiefsten Schwarz das helle Grün

Der Landschaft hoben. Her und hin

Sahn sie ein fliessend Silber unter Bäumen

Sich schlängeln; dort von schrofen Höhn

Kaskaden brausend niederschäumen,

Die unten sich in weiten Wirbeln drehn.

Um jeden Baum, um Strauch und Hügel,

Um jeden kleinen Blütenwald,

Weit über stiller Seen Spiegel,

Der dann und wann im Lüftchen wallt;

Tief über Blumenschwangern Gründen,

Sanft über hangende Gebüsch',

Die ihr Gebild in reinen Wellen finden,

Schwamm, allverklärend, lächelnd frisch

Aurorens Schleier ausgebreitet,

Von Glanz und Rosenlicht bereitet.

Doch reizender als alles war den Pilgern der Prospekt eines fernen

Dörfchens, welches im Hintergrunde aus dem Duft des Morgens hervorstieg.

»Frisch auf!« rief der _Graf_, in einer Art von Begeisterung, wie damals,

als er mit _Badner_ einst beim Sonnenuntergang auf dem Felsen an der Gränze

des deutschen Vaterlandes lag.

Der Pudel ging voran und zeigte den Weg. Gegen Abend war das Dorf erreicht.

-- Nun hatte _Duur_ überwunden. Er erkundigte sich nach dem Namen der

Gegend und der Herrschaft, kaufte dem Gutsbesitzer einen bequemen

Reisewagen nebst zwei prächtigen Wallachen ab und _Matthias_, der

Luftkutscher, machte von nun an den Fuhrmann auf Erden.

Zweites Kapitel.

Das Abentheuer am Schlagbaum.

»Wer sind Sie?« fragte ein wohlgekleideter Mann, der mit vieler

Bescheidenheit zum Wagen trat, als sie eben vor einer ansehnlichen Stadt

ankamen.

_Matthias_ hielt die Pferde an.

»Ich bin der Graf von Duur.«

_Florentin_ hatte kaum seinen Namen genannt, als sich der Examinator

ehrfurchtsvoll verbeugte, und eine Schildwacht den Schlagbaum niederzog,

auf welches Signal die ganze Thorwache heraus unter Gewehr trat.

Der Graf, welcher sich nicht einbildete, daß diese Achtungsbezeugungen

seinetwillen geschahn, würdigte sie kaum eines Blicks, sondern sah nur auf

den Examinator, welcher in ehrfurchtsvoller Stellung fragte:

»Aus Deutschland?«

»Allerdings.«

»In Diensten welches Fürsten?«

»Keines einzigen.«

»Oder gewesen?«

»Keines einzigen.«

Der Thorschreiber schüttelte den Kopf lächelnd und ging zum wachthabenden

Offizier.

»Ich muß gestehn, Matthias,« sagte der _Graf_: »daß die Thorschreiber

dieses Jahrhunderts in der Cultur richtige fünfhundert Jahre voraus haben

vor den Thorschreibern meiner Zeit. Vom Thorschreiber auf die Obern dieser

Stadt, und von dieser Stadt auf das ganze Reich zu schliessen, muß

unterdessen eine gewaltige Revolution der Sitten vorgegangen seyn.«

»Ei!« rief _Matthias_: »und ich muß gestehn, daß ich mir nicht geträumt

habe, einen _Grafen von Duur_ zu fahren!«

Der Offizier kam an den Wagen. »Mein Herr, Sie geben sich für einen Grafen

aus, ohne weder in Diensten zu seyn, noch gewesen zu seyn. Erlauben Sie,

wie hängt das zusammen? Womit legitimiren Sie sich?«

Florentin ward bestürzt.

»Sie verzeihn,« fuhr der _Offizier_ fort: »der Krieg im Lande hat das

strengste Examen nothwendig gemacht. Also?« --

»Ich kann doch unmöglich meine Diplomen bei mir führen, oder meinen

Stammbaum.«

»_Stammbaum?_ Was wollen Sie damit sagen?«

»Um Ihnen meine Herkunft zu beweisen.«

»_Herkunft?_ reden Sie deutlicher. Was intressirt uns Ihr Stammbaum und

Ihre Herkunft?«

_Duur_ fand sich in einer häßlichen Verlegenheit; er sah leicht ein, daß

hier ein Mißverständniß herrsche, nur wußte er nicht, auf welcher Seite.

Der Thorschreiber blinzelte den Offizier seitwärts an, mit einem

bedeutenden Blick, der so viel sagen sollte, als: bei dem Herrn ists nicht

richtig im Kopf, oder im Herzen.

»Sie wollen wissen, _woher_ ich _Graf_ sey?«

»Richtig, und _durch wen_?«

»Durch wen? ei durch meine _Geburt_. Mein Vater und Großvater waren im

Grafenstand.«

»Sie sind doch aus Deutschland?«

»Ganz gewiß.«

»Mein Herr, _Grafen werden hier zu Lande nicht geboren_.« --

»Nicht _geboren_?« stotterte _Duur_ verwirrt.

Der Offizier lachte laut auf, winkte einem Soldaten, und befahl diesem, den

Wagen zu folgen. »Mögen Sie seyn, wer Sie wollen, so muß ich Sie dem

_Commendanten_ melden. Wo treten Sie ab?«

»Im ersten besten Gasthof.«

»Zur _goldnen Hoffnung_!« tief der Offizier und _Matthias_ fuhr bin zur

goldnen Hoffnung, wo der Soldat den Grafen bewachte.

Drittes Kapitel.

Der Commendant.

_Duur_ war etwas ärgerlich über den Empfang in der Welt des drei und

zwanzigsten Jahrhunderts. Er ward sich fremd mitten im Vaterlande, und

schien sich in seinen eignen Augen, wie ein unwissender Knabe.

»Wein her?« rief er. Ein niedliches, gefälliges Mädchen brachte Wein.

»Befehlen Sie mehr?« fragte die Zofe mit einem lockenden Lächeln.

»_Matthias_ soll zu mir aufs Zimmer kommen.«

Das Mädchen ging. _Matthias_ kam.

»Aber Matthias -- -- --« seufzte _Duur_ mit einem tragischen Lächeln.

»Aber mein Herr« seufzte der _Luftgondler_: »ich bitte Sie, besinnen Sie

sich doch, was haben Sie dort alles am Schlagbaum gesprochen? -- Beinah

möcht' ich Ihnen Ihren Spas glauben, daß Sie fünfhundert Jahre geschlafen

haben.«

»Ich sehe nur nicht ein, was ich _Böses_ gesprochen?«

»He, he, he! Sie sagten zum Beispiel, Sie wären ein Graf von Geburt -- wie

in aller Welt kann man denn _gräflich_, oder auch nur _edel geboren_

werden? Besinnen Sie sich doch! Freilich, vor alten Zeiten, da die Menschen

noch kindisch genug waren, sich einzubilden, daß die Sünden erblich wären,

glaubte man auch noch, die _Tugend_ wäre so erblich, wie ein Geldkasten.

Damals wurden noch die edeln Leute _geboren_! he, he, he! aber izt ist man

kein Kind mehr.«

»Die Geburt von adlichen Eltern adelt also nicht mehr?«

»Sie wollen mich zum Besten haben. Verstellen Sie sich doch nicht. Ein

Schulknabe kann ja das berechnen.«

»So, so!« murmelte _Florentin_ und ahndete, daß es in dieser Welt um seinen

Adel gethan sey.

Die Bouteille war noch nicht leer, als er zum _Commendanten_ gerufen wurde.

Er ging und fand einen liebenswürdigen Greis, dessen sanfte Miene ihm alles

Liebe voraus versprach.

»Setzen Sie sich, mein Freund;« sagte der gute _Commendant_, indem er ihm

einen Stuhl zuschob.

»Gnädiger Herr, Sie müssen verzeihn -- -- --«

Der _alte Herr_ lächelte, und winkte mit der Hand und dem Schütteln des

Kopfs zum Stillschweigen.

»Wofür halten Sie mich, lieber Freund, daß Sie mich wie einen _Fürsten des

Landes_ anreden? Ich bin ja nur Commendant dieser Stadt. -- Allein der

wachthabende _Offizier_ hat mir schon von Ihrem sonderbaren Betragen

Nachricht gegeben. Gestehn Sie offenherzig. Sie kommen entweder aus der

_Krim_, oder aus _Portugal_; denn ich kann Sie weder für blödsinnig noch

boshaft nehmen.«

_Duurs_ Bestürzung wurde immer größer. Er unterstand sich kein Wort von

seinem langen Schlaf zu erzählen, um nicht für vollkommen verrückt gehalten

zu werden. Und doch sah er auf der andern Seite keinen einzigen Weg, um

sich aus den immer neu anwachsenden Verlegenheiten zu erretten.

»Sie schweigen?«

»Gnädger Herr -- --«

»Still! ich bitte Sie! erholen Sie sich. Ich bin, wie gesagt, nur

_Commendant_.«

»Herr Commendant -- --«

»Nun?«

»Wie ich endlich wohl einsehe aus allen den seltsamen Verhältnissen, worin

ich durch mein Betragen verstrickt werde: so hab' ich von meinem Vater die

albernste Erziehung erhalten. Ich bin in allen meinen Kenntnissen und

Handlungen noch um ein paar Jahrhundert zurück.«

»Wer ist Ihr Vater.«

»Er lebte mit mir, ausser eingen Bedienten, abgesondert von der Welt auf

seinem Landschlosse an den Alpen, studierte die ältere Geschichte und erzog

mich so, als wär' ich ein Bürger des achtzehnten Jahrhunderts. So brachte

er mir von allen Dingen die absurdesten, schiefsten Vorstellungen bei, bis

die Ausschweifungen seines kranken Verstandes sichtbarer wurden. Er starb

unter den Händen der Aerzte und ich wurde von meiner Familie auf Reisen

geschickt, um mich selbst auszubilden.«

_Duur_ gab sich alle Mühe, seine Nothlüge noch mehr auszuschmücken und

wahrscheinlicher zu machen. Der _alte Commendant_ zweifelte so lange, bis

ihn der Inquisit offenbare Beweise von der speciellsten Kenntniß des

achtzehnten Jahrhunderts lieferte.

»Nun muß ichs endlich glauben, was Sie mir da sagten; aber ich gestehe

auch, daß dies der wunderlichste Fall sey, der mir in meinem Leben

vorgekommen ist. Seyn Sie ruhig, Sie sind frei. Aller hüten Sie sich in

Zukunft, von Ihrer Grafenwürde zu reden.«

Der _Ex-Graf_ gratulirte sich im Stillen, diesmal so entschlüpft zu seyn.

Er unterhielt sich mit dem humanen _Commendanten_ noch einige Zeit, und

dieser, der den gewizten Bürger des achtzehnten Jahrhunderts Geschmack

abzugewinnen schien, nöthigte ihn, zum Abendessen zu bleiben. _Duur_

schlugs nicht ab.

Viertes Kapitel.

Für keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts.

Der _Commendant_ führte seinen Gast in ein größeres Zimmer, worin sich

mehrere Damen, größtentheils Verwandtinnen des alten Herrn, befanden.

_Florentin Duur_ wurde ihnen vorgestellt, und von allen mit zuvorkommender

Liebe aufgenommen. Es dauerte nicht lange: so hatte er sich in diesem

Cirkel orientirt. Jeder und jede gewann den Abentheurer lieb; an

Unterhaltung konnt' es nicht mangeln.

An der Seite stand ein prächtiges _Euphon_, dessen Aussenseite in allem

einem Claviere glich. _Duur_ vermuthete auch nichts anders darin und

darunter. Er mußte sich setzen und spielen, weil er das _Können_ schon

gestanden hatte.

Aber welche Töne entzückten hier sein Ohr -- er war ausser sich. Nie hatte

er die Möglichkeit eines solchen sanftdurchdringenden Klanges gekannt; er

phantasirte leicht und wirbelte durch Moll und Dur, und sein Geist lebte in

einer andern Region.

»O welch ein Jahrhundert!« seufzte er leise bei sich, und ahndete eine

Reihe von Seligkeiten, welche ihm bevorstanden bei der nähern Erkenntniß

des großen Fortschrittes der Menschheit.

Die Damen umringten ihn lächelnd und beobachteten nur den schwärmerischen

Blick des liebenswürdigen Gastes.

Zuweilen berührte sein Auge sie, und der Anblick dieses schönen Halbzirkels

erhöhte die Grade seiner angenehmen, unerklärlichen Empfindungen. Hier sah

er keine _Buffanten_, _Trompeusen_, _Cü de Paris_, und künstliche

_Pendüles_ -- sondern Einfalt und Natur, wiewohl die anwesenden Schönen

gallamässig kostbar gekleidet waren.

Ein einfarbiges, leichtes Uebergewand floß hinab bis zu den Füßen, unterm

Busen zusammengeschlossen von einem gestickten Gürtel. -- Keine

Schnürbrust, keine Poschen gaben dem Körper ein steifes, gedrechseltes,

eckigtes Aeußere -- sondern die ganze schöne, weiche Bildung den Weibes

stand unverrathen da. Ein Schleier verhüllte mit tausend Falten des Busens

Heiligthum, von keinen fischbeinernen Stützen und Drathbügeln aufgebläht.

Das Haupt trug keinen sinnlosen Tok, kein gothisches Gebäude von

Haarwulsten und Locken oder Flor und Spitzen, Drathskelets und

Straussenfedern; sondern das Haar lief ungepudert in natürlichen Locken um

Nacken und Hals. Die jüngern Damen schmückten ihr Haupt mit einer

schimmernden Tiara, die ältern verhüllten es mit einem weissen Schleier.

Er war die Tracht der griechischen Grazien.

_Duur_ sas noch immer am Euphon, und sein Ohr konnte sich nicht sättigen im

Genuß dieser süßen Tone. Er spielte einige Symphonien von _Reichard_ und

_Rolle_ und _Graun_, und erndtete dafür den verbindlichsten Dank ein. Was

ihn am meisten freute, war, daß die Namen jener Tonkünstler den Genossinnen

des drei und zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbekannt waren. Die reizende

Tochter des Commendanten nannte ihm sogar die Namen eines _Händel_ und

_Bach_ mit einer gewissen Begeisterung, wie man sie nur für Lieblinge

fühlt. Noch mehr, sie spielte ihm selbst Theile von den Arbeiten dieser

Meister mit vieler Geschicklichkeit vor.

»Ist Ihnen auch _Dittersdorf_, _Martin_, _Salieri_ bekannt?« fragte _Duur_

nach einem Weilchen.

Die Spielerin schüttelte den Kopf. Die Namen waren ihr fremd.

»Aber was halten Sie von unsern neuem Komponisten, denn alle, die wir

bisher kritisirten, gehören zu den uralten Vätern in der Musik. Es ist

wahr, man muß erstaunen, wie weit es jene Patriarchen der Tonkunst schon im

achtzehnten Jahrhundert brachten -- allein, man kann doch auch nicht

läugnen, daß ihre Manieren gewaltig altfränkisch und ängstlich sind,

wiewohl unsre jungen Künstler ihre Werke noch immer studieren müssen.«

»Das wollen wir auf ein andermal verschieben!« rief lächelnd der

_Commendant_, welcher sich an der Verwunderung seines Gastes weidete: »Jezt

zu Tische, ehe die Suppe erkaltet. Ueberhaupt, Rosalia, muß ich Dich im

voraus daran erinnern, daß Du unserm Gaste keine Fragen über die Produkte

unsers Zeitalters vorlegst, denn er ist nur im achtzehnten Jahrhundert, und

wahrhaftig sonst nirgends zu Hause.«

_Duur_ ward feuerroth. _Rosalia_ lächelte ihn an, und ihr Lächeln machte

alles wieder gut. Sie sezte sich am Tische neben ihn, und noch hatte

_Florentin_ in diesem Jahrhundert keinen fröhlichern Abend für seinen Geist

gehabt, als diesen.

Es war schon Dämmerung. Der _Commendant_ sah sich allenthalben um,

klingelte endlich und -- eine krystallene Sonne sank aus der Mitte der

Zimmerdecke, um den ganzen Saal mit Tageshelle zu überströmen.

Unser Pilger fühlte sich bei allen diesen zauberhaften Erscheinungen recht

wohl. Er hätte bei jeder Kleinigkeit fragen mögen, wie ein Kind: »wie ist

das? wie heißt dies? wodurch entspringt jenes?« -- Aber eine Empfindung der

Schaam und Furcht, dieser Gesellschaft, und besonders der gefälligen

_Rosalia_ lächerlich zu werden, fesselte seine Zunge und ließ ihm die beste

Belehrung vom gewognen Zufall erwarten.

Fünftes Kapitel.

Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert.

Nach aufgehobner Tafel zog der brave _Commendant_ (dessen Namen ich nicht

länger verschweigen will) _Silberot_ den Mann des achtzehnten Jahrhunderts

zu sich auf einen elastischen Divan.

Die Damen, deren Geist durch Wein und geselligen Scherz zur Freude gestimmt

war, spielten, plauderten und tändelten unter einander; eine von ihnen

behauptete immer den Sitz am Euphon; nur _Rosalia_ entwischte öfter ihren

Freundinnen und dem Euphon, um dem sonderbaren Fremdling etwas näher zu

kommen.

Der alte Commendant verwickelte sich aber bald mit seinem Gaste in ein

neues Gespräch, wozu besonders _Florentins_ Abentheuer am Schlagbaum den

meisten Anlas gab.

»Zwar bin ich kein Gelehrter,« sagte er: »aber ich habe doch sonst gern,

besonders in meinen jüngern Jahren, von alten Geschichten gelesen, und

besonders von einem preussischen König _Friedrich_, den seine Zeitgenossen

den _Einzigen_ nannten. Wahrhaftig, der Mann war zu _früh_ in die Welt

gekommen. Man muß erstaunen, nicht sowohl über das, was er gethan _hat_,

sondern was er, wenn er in einem polizirtern Zeitalter gelebt hätte, gewiß

gethan haben würde, und was sein ganzes Wesen auch ahnden ließ. Fürwahr!

dieser Einzige hat den Beinahmen des _Großen_ in den Annalen der

Weltgeschichte theuer gemacht, da man ihn vorher an _jedem

Menschenschlächter_ und _bigotten Narren_ zu verschwenden gewohnt war.«

Duur. Sie haben recht. Aber Sie sagten, er sey zu früh geboren worden. Ich

möchte behaupten: grade zur _rechten Zeit_.

Commendant. Nun ja. _Christus_ und _Luther_ kamen auch zur rechten Zeit,

wenn sie gleich unter blinden Barbaren leben mußten. Das _Licht_ brennt

dann immer zur rechten Zeit, wenns _dunkel_ umher ist. Ich gebs zu.

Duur. Halten Sie denn das Zeitalter jenes preussischen Königs für so

_dunkel_?

Commendant. Für _hell_ wenigstens nicht. Sie haben heut an unserm Thore

sich selbst den Beweis geliefert, als Sie von Ihrer -- nehmen Sie's mir

nicht übel, wenn ich lache, denn der Spas war einzig in seiner Art! -- als

Sie von Ihrer _adlichen_ Geburt sprachen, ha, ha, ha!

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3 · 第 3 / 17 题