Holder. Du wirst doch nicht Knall und Fall in diesem Augenblick -- -- --

Florentin. Wenigstens ein Schmalthier!

Sechstes Kapitel.

Der Wechselgesang.

»Der späte Abend kömmt, aber Florentin nicht!« lispelte die kleine

_Idalla_, indem sie im Mondenschein stand vor _Holder_. Sie schlug ihr

grosses Auge traurig nieder zur Erde; ein loser Abendwind wehte die Locken

ihres braunen Haars vom Scheitel und Nacken zum Angesicht vor, als wollt'

er ein Thränchen verstecken, welches im Begriff war, dem schönen Auge zu

entfallen.

»Vielleicht hat er sich verirrt.« Entgegnete _Holder_ und sein Auge

verirrte sich unwillkührlich in _Idalla's_ Reize und in die Nacht der

Zukunft. Wie ein Engel der Unschuld stand die kleine Liebenswürdige vor

ihm; sie war um so verführerischer, je weniger sie es wußte, daß sie es

sey. --

Er ergriff ihre Hand -- er küßte sie. _Idalla_ sah lächelnd und

schwermüthig zu dem Fremdling auf, mit einem Blick, so reich an Liebe, so

reich an Zweifeln.

»Er wird und verlassen.« Seufzte sie, und ihr Auge sezte hinzu: »auch Du

mich bald!«

»Das glaub' ich nicht!« antwortete _Holder_: »wer wollte Dich verlassen?«

sagte sein Auge und ein Kuß auf ihre blühnde Wange.

Als sie zurückkam, war er verschwunden; Tiefer hinein in einzelnes Gebüsch

hatt' er sich verloren, dem Ufer des umschilften Sees näher. Hier saß er

und rauschte er mit leichtem Finger über die Saiten seiner Laute, und sank

mit seinem Geist hinunter in dass stille Grab der fernen Vergangenheit.

Hier waren _Rikchen_ und ihr trauter Oheim in der Sorbenburg die Gespielen

seiner Seele. Er gedachte mit leiser Wehmuth jener elysischen Zeiten, da

sie noch sein waren auf Erden, und der Tod ihren Himmel zerstöhrt hatte.

Er griff stärker in die Saiten, und sang wie sein Herz ihm diktirte:

Ergieß Dich in die Adern, süsse Schwermuth

Dränge mein Herz, bis das Auge thränt,

Und eine Zähr auf blasser Wange

Im Mondenschein zittert!

Der Abend ward stiller. Kein Lüftchen säuselte durch der Bäume schlummernde

Zweige; das Ufer des Sees drüben hauchte sanft über die Wellen den

sterbenden Ton der Stimm' und Saiten zurück.

_Idalla_ horchte vor der Hütte. _Holder_ hatte sie das Spiel der Laute, die

Natur aber sie Empfindung und Gesang gelehrt. Kaum herrschte die alte

Stille, so hub sie an, in Begleitung der Saitenakkorde:

_Freud'_ und _Ruhe_ sind Geschwister,

Sie nennen dich Mutter, Natur!

Sie flüstern im hangenden Maibusch,

Sie wohnen im Busen

Des duftenden Veilchenthals;

Sie tanzen vertraulich auf deinen

Zitternden Wellen, o See!

Holder. Weinend gedenk' ich deiner,

Heilige Vergangenheit!

Weinend gedenk' ich eurer,

Heilige Minuten der Freundschaft,

Heilge Momente der Liebe. -- --

Entblätterte Rosen

Blühen nicht wieder, --

Und ihrem Grabe entsteiget

Nicht die gestorbene Freude.

Idalla. Im weichen Arm der Ruhe

Schläft die Vergangenheit;

Am Arm der Freude tanzet

Die junge Gegenwart!

Und Ruh und Freude wohnen

In deinem Schoos, Natur!

Holder. Und euer Staub,

Und eure Gräber

Sind längst verweht,

Ihr, meines Lebens Engel,

Verwandte meines Herzens!

Ach, euer Geist

Durchwandert fremde Sterne.

Und denkt nicht mehr

Des Weinenden im Staube.

Idalla. Was Grab sonst war

Wird eine Freudengrotte;

Wo sonst die Freude schwärmte

Ist nun der Ruhe Schlummerbett.

Was hier verblüht,

Blüht herrlich drüben auf.

Denn Freud' und Ruhe

Sind zärtliche Geschwister.

Holder. (indem er sich Idallen nähert.)

Laß uns, so lange sie uns lächelt,

Die Freude küssen,

Und dann ermüdet sinken

In ihrer Schwester Arm!

_Idalla_ eilte ihm entgegen: »Du hast das Lied mich gelehrt, Holder, und so

straf' ich Dich mit Deiner eignen Lehre. Hättest Du Dich nicht bald bekehrt

und _mein_ Lied gesungen: so hätt' ich Dir die Laute genommen.«

»Aber Deine Augen sind ja feucht, Idalla. Hast Du geweint?« fragte

_Holder_.

»Beinah.«

»Warum denn?«

»Warum? Dich machte die Vergangenheit, mich die Zukunft traurig. Ach,

Holder, wenn ich Dir die Vergangenheit vergessen machen könnte, und Du

_Idallen_ in Schutz nähmest für die Zukunft! -- Ich hab so allerlei bei mir

gedacht -- meine Brüder haben mich verlassen, dem guten _Florentin_

gefällts bei mir nicht mehr, und, dacht' ich dann, wenn _Holder_ mich -- --

--«

»Was denn?« fragt' er zärtlich.

»Mich nicht mehr -- -- -- ach, lieber Holder!« sagte sie stockend und

schlug ihren Arm um seinen Nacken.

»Würde mich Idalla gern verlieren?«

»Ich antworte Dir nicht.«

»Gute Idalla!« seufzte er, und starrte ihr ins freundlich-traurige Auge.

»Was willst Du?« lispelte sie unruhig, und ihr Busen erhob sich. Der Mond

brach in diesem Augenblick durch ein falbes Gewölk und überströmte die

unbefangne Engelsmiene dieser kleinen Heiligin mit einem verklärenden

Glanz. _Holdern_ ward, als wär er verzaubert in eine wunderbare Feenwelt;

als wandelt er neben einer Ueberirrdischen. Das feierliche Schweigen

allgemein umher; nur dann und wann ein melancholisches Aufmurmeln der

fernen Wellen; das magische Helldunkel der Landschaft, der grelle Wechsel

und Contrast des tiefsten Schattens und hellsten Silberlichts -- alles

wirkte sonderbar auf sein empfindsames Herz.

»Holder, lieber Holder!« sagte endlich nach einer langen Pause die schöne

Insulanerin, und wußte nicht, oder sehnte sich nicht, mehr zu fragen. Aber

unwillkürlich entschlüpfen ihren Lippen die Worte: »Ich mögte wohl etwas

wissen von Dir.«

»Und was denn?«

»Ob ich -- ob Du -- ob Du meines Vaters Grab weißt?«

»Eine seltsame Frage. Nein ich weiß es nicht.«

»Hier, hier unter uns, am jungen Eichbaum hier.«

»Laß ihn ruhn!«

»O, wenn er doch noch lebte, wenn er Dich doch auch sähe, wenn -- -- -- er

würde Dir gewiß auch recht herzlich gut seyn.«

»Idalla ist mit also _herzlich_ gut?«

»O, Holder, so hätte ich Dich nicht fragen mögen. Wenn ich nur alles,

_alles_ Dir _so sagen_ könnte. Wenn ich nur -- -- o, Du verstehst Idallen

niemals!«

»Ich versteh Idalla's Sprache _dennoch_!«

»Aber ist Dir denn auch so zu Muth bei Idallen, wie Idallen bei Dir?«

»Eben so, und ewig so.«

»_Ewig_ so? das ist ein kleines Wörtchen mit unermeßlichem Sinn. Ach, dann

könntest Du auch Idallen nie verlassen, denn Idalla kann Dich nicht

verlassen.«

»Ich will es nie.«

»Holder! Holder!« schluchzte sie und warf sich an sein Herz und weinte

heiße Thränen.

»Und Idalla weint?«

»Ach, Idalla muß weinen, denn sie ist Holdern zu gut!« rief sie, und

klettete sich fest an ihn, und es war ihr, als ständ' ihr Vater ihr zur

Seiten und segnete sie.

_Holder_ sank an _Idallens_ Busen. »Ich glaub' eine Seelenwanderung,« rief

er mit nassen Augen: »ich höre _Rikchens_ Stimme; aus dir spricht wieder

meiner _Friedrike_ Geist zu mir!«

Er schwieg. Die Eichen summsten im Winde. Die abendliche Natur feierte

mitempfindend das Fest der schönen Seelen. _Rikchens_ Geist schien auf

einer Wolke niedersinkend, ihrem _Holder_ Beifall zu lächeln.

Siebentes Kapitel.

Das Abentheuer im Walde.

Erst am Abend des folgenden Tages kam _Duur_ von seiner Jagd heim.

Aengstlich und bekümmert hatten _Holder_ und _Idalla_ den ganzen Tag

vergebens seine Zurückkunft gehofft.

Wie heiter lachte ihm _Holder_ nun entgegen; wie freundlich drückt' ihm

_Idalla_ die Hand! Er kam aber nicht _allein_, sondern ein fremder Mann mit

ihm.

_Florentin_ war finster. Er warf die Flinte in einen Winkel nieder und bat

für den Fremdling um Speis' und Trank und Nachtlager.

Gastfreundlich trug die liebe Wirthin ihr Bestes auf. _Florentin_ warf sich

in einen Sessel, und lachte bald und knirschte bald mit den Zähnen.

_Holder_ lehnte sich ihm gegenüber an die Wand, und betrachtete das

seltsame Mienenspiel seines Freundes mit Verwunderung.

Alles schwieg. _Holder_ wollte doch ein Gespräch anknüpfen, und fragte, um

etwas zu fragen, den Fremden: »was giebts neues in der Welt?«

»Neues?« entgegnete der Gast: »Das Neuste wäre nun wohl, daß der deutsche

Kaiser in der vorgen Woche zu Berlin gestorben ist.«

»Wie? sind Preußen und Oesterreich so gute Freunde und Nachbarn?«

»Ich verstehe Sie nicht?«

»Ihr sagtet, der Kaiser sey in Berlin gestorben.«

»Freilich -- in der Residenz.«

»In der Residenz? residiren die Kaiser in der preußischen Residenz?« fragte

Holder und sah den Gast mit verdächtigem Lächeln an.

»Nun ja, wo denn anders? Ach, Sie scherzen -- ja, ja, ich besinne mich. Vor

dreihundert Jahren sollen sie noch in Wien gewohnt haben. Ich weiß das noch

von der Schule her, wenn wir das dürre Namenregister der deutschen Kaiser

auswendig lernen mußten.«

_Holdern_ schoß bei diesen Worten das Blut ins Gesicht -- er erinnerte sich

der Alpen, und das, woran er unterweilen selbst noch zu zweifeln gewohnt

war, bestätigte sich ihm immer mehr und auf neue Art zur sonderbaren

Gewißheit.

Aber _Florentin_ saß da, starr und unbeweglich, sah und hörte nicht. Sein

räthselhaftes Betragen ward mit jedem Augenblick auffallender.

Es war ein langweiliger Abend. Der _Fremde_ sehnte sich endlich zur Ruhe.

_Idalla_ wies ihm sein Lager.

»Was fehlt Dir, Florentin?« fragte _Holder_ endlich in einem herzlichen

Tone, indem er die Hand des Sonderlings ergriff: »Du bist

niedergeschlagen!«

»Laß mich!«

»Nein, ich kann unmöglich länger ein verlegner Zuschauer deines Mißmuths

seyn. Erkläre Dich. Sey offenherzig. Was hast Du vor?«

_Florentin_ antwortete nicht, sondern ein tiefer Seufzer drängte sich aus

seiner Brust auf. _Holder_ schüttelte den Kopf. _Idalla_ warf den Arm um

ihren Liebling, und sah, das Haupt traulich an seine Achsel gelehnt, der

ungewohnten Szene zu.

»Bruder!« rief _Florentin_ endlich, stand auf und ergriff _Holders_ Hand

mit Ungestüm: »Hast Du mich betrogen? -- Bei dem ewigen Gott, bei unsrer

Freundschaft, bei der Asche meiner Schwester, die Du einst so sehr

liebtest, bei allem was dir theuer war und noch ist, sei beschworen: hast

Du mich betrogen?«

Holder. (kalt.) Ich Dich betrogen?

Florentin. (mit glühndem Gesicht.) Hast Du mich betrogen?

Holder. Ich verstehe Dich nicht.

Florentin. Triebst Du Gaukelei mit mir in der _Alpenhöhle_? wirkte Dein

Schlaftrunk auf fünf Jahrhunderte oder fünf Tage?

Holder. Wie kömmst Du erst jezt auf die Frage?

Florentin. (wilder.) Antworte mir! es liegt mir alles daran -- mein Leben,

meine Seligkeit; antworte!

Holder. Nach meinem Willen auf fünf Jahrhunderte.

Florentin. So hintergehn mich Verstand und Sinne. Denn, Holder, -- Holder!

ich, habe sie gesehn!

Holder. Wen hast Du gesehn?

Florentin. O, daß Du so fragen kannst; ich habe _Louisen_, -- _Louisen_,

_Adolphs_ Schwester -- gesehn! Wir leben noch im achtzehnten Jahrhundert!

Ich habe sie gesehn!

Holder. (verwirrt.) Du die Prinzessin?

Florentin. Eben die, welche mich an _Adolphs_ Hofe liebte, eben die, welche

ich im Garten von Dosa gesehn!

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3 · 第 2 / 17 题