Florentin. Aber Kanella, und Frankreich, und Pohlen, und Preussen -- -- --

Die

schwarzen Brüder.

Eine abentheuerliche Geschichte

von

M. J. R.

Drittes und leztes Bändchen.

Leipzig und Frankfurt an der Oder,

bei Christian Ludw. Friedr. Apitz. 1795.

An

Wilhelm Burgheim.

_Lieber_,

Man las weiland so gern die wundervollen Märchen des Orients, und konnte

sich nicht müde hören an den Plaudereien der schwatzhaften _Scheherazade_.

-- _Aladins_ magische Lampe und seine ebentheuerliche Bewerbung um die

schöne Prinzessin _Badrulbudur_ entzückten mich, als Knaben, und, ich

läugne es nicht, behagen mir in mancher Stunde noch izt.

Statt des _orientalischen_ Märchens schrieb ich ein _deutsches_; statt der

Zauberer und Elfen, an deren Existenz in Deutschland der Glaube selten

geworden ist, erwählt' ich den geheimen Bund einer ausgebreiteten

Gesellschaft, und wo mir der Wunder noch nicht genug waren, schuf ich neue.

Ich schrieb dies Märchen in einer Periode meines Lebens, worin sich die

üppige Phantasie noch nicht vor dem Gesetz der Kunsttheorien beugt, sondern

_gern_, und darum _oft_, aus dem Lande des Wahrscheinlichen in die

Labyrinthe des Wunderbaren hinübereilt. Ich kannte kein Gesetz und keine

Sitte, sondern nur die Inspirationen meiner eigensinnigen Laune. Ich

schrieb, und gewiß mehr zu meinem, als anderer Vergnügen. Es sollte

Probearbeit seyn, meinen Pinsel zu prüfen, meiner Hand Festigkeit zu geben

in der poetischen Zeichnung, und mich in den Farbenmischungen zu üben.

Ueberzeugt von dem wenigen Werth dieser Arbeit, die schon vor mehrern

Jahren beendigt war, stand ich lange an, den Rest derselben herauszugeben.

Es geschieht izt, wiewohl die lesende Welt gewiß durch diese Gutwilligkeit

nichts gewinnt; es geschieht, theils um das schmeichelnde Verlangen meiner

Freunde und mancher Unbekannten zu erfüllen, theils um eine Gelegenheit zu

haben, öffentlich zu gestehn: daß das schönste Loos, welches ich diesem

Märchen wünsche, sey -- _Vergessenheit_! -- Ist dieses erfüllt: so wird mir

manche brennende Schaamröthe erspart seyn.

Nimm inzwischen, Du, mein Lieber, dieser Gemälde Schluß; lies und sinn,

lächle und denke, wenn hie und da sich ein bekanntes Schauspiel vor Deine

Seele hindrängt: es _war_ und _wird nicht wieder seyn_!

Nimm diese Gemälde, aber nicht, als ein Ganzes, mit den nothwendigen

Parthien kunstgerecht ausgesteuert, oder worin Licht und Schatten

sorgfältig nach der Regel abgemessen wären; sondern denke, daß sie nur, als

hingeworfne Linien, nie blinde Umrisse gelten können, an sich selbst ohne

Werth, nur reich an Spielräumen für eine geschäftige Phantasie.

Nimm und denke, manches dieser Bilder sey ein Leichenstein erstorbner

Freuden; ein kleines Monument grosser, seeligkeitsvoller Augenblicke, die

wir einst _unser_ nannten; ein trauriges _Mementomori_ für die Himmeltage,

welche für uns beide noch auf Erden, vielleicht in den paradiesischen

Thälern der Schweiz oder Italiens anbrechen dürften.

Hinfällig sind aber diese Monumente, wie die Freuden selber waren, auf

welche sie hindeuten. _Mancher_ wird sie betrachten, sie tadeln, sie loben

-- aber gewiß, _jeder_ wird sie vergessen. Nur Dich mögen sie in einer

einsamen Stunde oft erinnern an Deinen Freund, den

_Verfasser_

Inhalt

des dritten Bändchens.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel. Die Auferstehung. 1

Zweites Kapitel. Idalla's Hütte. 11

Drittes Kapitel. Ein halbes Jahr. 16

Viertes Kapitel. Die Erzählung. 20

Fünftes Kapitel. Die Verwandlung. 25

Sechstes Kapitel. Der Wechselgesang. 29

Siebentes Kapitel. Das Abentheuer im Walde. 37

Achtes Kapitel. Louisens Erscheinung. 42

Neuntes Kapitel. Imada. 49

Zehntes Kapitel. Der Winter. 56

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Auswanderung in die neue Welt. 60

Zweites Kapitel. Das Abentheuer am Schlagbaum. 65

Drittes Kapitel. Der Commendant. 68

Viertes Kapitel. Für keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts. 73

Fünftes Kapitel. Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert. 77

Sechstes Kapitel. Rosalia medisirt. 88

Siebentes Kapitel. Die Spazierfahrt. 92

Achtes Kapitel. Gobby. 102

Neuntes Kapitel. Der Kupferstich. 109

Zehntes Kapitel. Der Salomonismus. 114

Eilftes Kapitel. Josselin. 125

Zwölftes Kapitel. Brüderschaft. 129

Dreizehntes Kapitel. Erscheinungen. 137

Vierzehntes Kapitel. Traumwunder. 145

Funfzehntes Kapitel. Die schwarzen Brüder. 154

Sechzehntes Kapitel. Dialog. Aufklärungen. 164

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Nur Einleitung. 169

Zweites Kapitel. Verzweiflung. 172

Drittes Kapitel. Sie wandern alle in ihre Heimath. 184

Viertes Kapitel. Sie reisen zur Hochzeit. 187

Fünftes Kapitel. Zuerst ins Tollhaus. 190

Sechstes Kapitel. Was ist der Mensch! 204

Siebentes Kapitel. Das Fest der Menschheit. 215

Achtes Kapitel. Ach! 227

Neuntes Kapitel. Hoffnungen. -- Die Todtenfeier. 234

Zehntes Kapitel. Die Fußtapfen der schwarzen Brüder. 252

Eilftes Kapitel. Sie wandern weiter. 263

Zwölftes Kapitel. Die Heimath. 271

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Mont-Rousseau. 276

Zweites Kapitel. Das Willkommen. 279

Drittes Kapitel. Die Flucht. 286

Viertes Kapitel. Der Bräutigam erscheint. 295

Fünftes Kapitel. Epilog an die Leser. 299

Die schwarzen Brüder.

Erster Abschnitt.

Erstes Kapitel.

Die Auferstehung.

Wie das Gras auf dem Felde duftet und verdorret zu seiner Zeit: so

veraltern und verschwinden die Geschlechter der Menschen. Knaben spielen

mit den Hirnschädeln ihrer Ahnen, und nach hundert Jahren tanzt ein neues

Geschlecht über ihren Gräbern.

Mit rüstiger Schwinge stürmen Jahrhunderte an Jahrhunderten unserm Erdstern

vorbei. Wer hört ihr Sausen? wer mißt ihre Schnelle? Unter ihrem

zerstörenden Flügelschlage fallen Gebürge und Maulwurfshügel, Pyramiden und

Gräberkreuze; Strohhütten und Königsstädte vernichtet zusammen; die

schönsten Geburten der Natur zerstieben und der fruchtbare Schoos dieser

Allmutter gebiert aufs neue, um von neuem ihre Schöpfungen sterben zu sehn.

Dies ist der alte, einförmige Lauf der Dinge während des gegenwärtigen

Augenblicks und durch Jahrhunderte hinab und durch Jahrtausende.

Auch das achtzehnte Jahrhundert war nun hineingegangen in den stillen

Pallast der Vergangenheit; seines Gewandes Saum trof vom Blute der Edeln,

die für und wider Barbarei und Menschheitswürde fochten. _Eine_ Republik

war untergesunken eine _neue_ erstanden!

Vier bis fünf Secula folgten, und _waren_ gewesen; Könige und Kaiser hatten

regiert, Bettler gebettelt, Schriftsteller sich müde geschrieben, und

_Vergessenheit_ war ihr Loos; denn die Nachkommen lassen sich so wenig, als

ihre Vorfahren den schönen Wahn rauben, daß sie am besten regieren, betteln

und schreiben.

Aber auch nach einem halben Jahrtausend blühte noch ein herrlicher Morgen

auf; so herrlich ihn nur immer die Bürger des achtzehnten Jahrhunderts

sahn. Noch standen die Alpen, noch grünten die Fluren, noch dufteten die

Blumen, noch hörte man die Vöglein singen -- alles schien noch immer die

alte Welt zu seyn und doch schrieben die christlichen Calender schon das

Jahr 2222 nach unsers Herrn Geburt.

»O, mein Gott!« -- -- rief Florentin plötzlich in der Alpenhöhle aus; »ich

erwache -- zu früh!«

Es schwebte seinem Gedächtniß das Bild der lezten Scene in dieser Höhle aus

dem achtzehnten Jahrhundert, wie eine Geschichte von Gestern, vor; er

gedachte des Holderschen Gelübdes erst nach fünfhundert Jahren zu erwachen,

und fand zwischen izt und der Vergangenheit das ohngefähre Intermezzo einer

Nacht.

»Wahrscheinlich zur rechten Zeit!« entgegnete ihm eine Stimme. _Holder_ war

erwacht und lächelnd rieb er sich den Tod von den Wimpern.

»Wie Du mich getäuscht hast!« sagte _Florentin_ mit unzufriednem Tone.

»Getäuscht?« stammelte Holder, und tappte wie in einem dumpfen Traume um

sich: »_getäuscht_? -- _getäuscht_? Nein, nein, es ist überstanden: nein

das achtzehnte Jahrhundert ist vorüber -- wir haben lange -- lange hier

gelegen; das fühl' ich.«

»Eine Nacht!«

»_Eine_ Nacht freilich für uns, aber sie muß wenigstens, ich sage

_wenigstens_, die Dauer eines halben Jahrtausends gehabt haben.«

»Wollte Gott, mein Holder, dem wäre so. Wollte Gott, ich trät hinaus aus

dem Gebürg in eine neue Welt! -- o, die Schwärmerei gefällt mir, und noch

izt, da ich ihre Unmöglichkeiten, ihre Widersprüche lebendiger, als je,

erblicke.«

»Wie befindest Du Dich?«

»Matt, sehr matt, Freund, und Fieberfrost in allen Gebeinen.«

»Oheim! Oheim!« rief _Karlchen_.

»Mein Sohn!« schrie Florentin und raffte sich mühsam auf. Er wollte seinen

Karl umarmen, und fühlte schaudernd sein Gewand rein abgemodert vom Körper;

die Nägel ausgewachsen, wie Greifenklauen, und den langen Bart

hinunterfliessen bis zum Nabel.

Ein kalter Schauder belief ihn.

»Holder! lieber Holder!«

»Was ist Dir?«

»Verwandlung! -- Holder, wenn Du recht hättest! Beinah möcht' ich an Deine

Wunder glauben lernen.« --

»Laß uns aufbrechen. Jezt ist jede Minute unsers Lebens kostbar! --

Freilich, Bruder, haben wir nun eine kleine Ungemächlichkeit zu bestehn.

Wir werden ein ganzes Weilchen die Rolle des Rousseauschen Favoritmenschen

spielen, oder uns mit Feigenblättern bekleiden müssen, als weiland unsre

Stammeltern. Doch wenn die Genossen dieses Zeitalters noch mit eben der

Lüsternheit an Gold und Juwelen hangen; so haben wir nicht Ursach die

Zukunft zu fürchten; Hier steht ja noch das eiserne Kästlein, zerfressen

vom Rost.«

»Meinst Du, Holder, wir werden durch unsre Juwelen auch in dieser Welt die

Herzen der Menschen unterthan machen? -- Wie, wenn -- -- --«

»Närrchen! -- versezte Holder: -- so lange der Erdball von Menschenkindern

bewohnt wird, bleibt _Geld_ das große Losungswort; welches man unter allen

Zonen verstehe, der _Schlüssel_ zum Paradiese gesellschaftlicher Freuden,

die _Leiter_ zur Unsterblichkeit, der _Talisman_, mit welchem wir

Oberherrschaften erringen, das Centnergewicht in der Waagschale des

Verdienstes! -- _und Armuth_? ach, sie ist und bleibt die gefährlichste

Klippe, woran die ehrwürdigsten Bündnisse scheitern, sie ist das Schwerdt,

welches die Eisenbanden der Freundschaft, wie einen losen Zwirn

zerschneidet, ist der Riese, welcher die natürliche Freiheit und Gleichheit

der Menschen zerstöhrte und die alte Ordnung aus ihren Fugen schlug!«

So redeten sie noch manches unter einander. Endlich machten sie ernsthafte

Anstalten zum Aufbruch aus der Höhle. Mühsam erhoben sich die Männer des

achtzehnten Jahrhunderts; mühsam schlichen sie an den Felsenwänden in der

Finsterniß hin, und der holde Sohn Louisens taumelte wie ein Schlaftrunkner

zwischen ihnen.

Sie mußten öfters stille stehn; theils um auszuruhn, theils um nach und

nach ihr Auge an die beginnende Dämmerung zu gewöhnen.

»Siehe!« rief Holder in einer solchen Pause: »wenn unsre Seele unsterblich

ist, und diese Seele Bewußtsein und Gedächtnis und Empfindungsvermögen

behält, so wird es uns dann seyn, wie izt, wenn wir den Todeskampf

bestanden haben und einer neuen Welt entgegen reisen. -- Gestorben sind wir

vor fünfhundert Jahren, hinter uns liegt unser Grab, vor uns nun die neue

Welt mit ihren neuen Leiden und Freuden. Vielleicht erwartet uns eine Hölle

dort, vielleicht ein Elysium!«

»Vielleicht -- -- -- Elysium!« seufzte _Duur_!

»Verstorben sind für uns alle Freunde, alle Bekannte der ehmaligen Welt;

zerrissen sind alle seeligen und unseeligen Verhältnisse, worin Liebe,

Freundschaft, Ehrgeiz, Eitelkeit, Nervenkützel und Ohngefähr uns

versponnen; es hängt von uns ab, andre einzufädeln!«

»Und so werd' ich Louisen nicht wiedersehn? keine Spur von den Ruinen

meines väterlichen Schlosses mehr finden? -- Fünfhundert Jahre schlummerte

nun sanft die Asche meines Onkels, meiner guten Schwester? Ich werde nicht

mehr Rikchens Grab entdecken; von Louisens Schönheit nicht mehr reden und

Herzog Adolfs Lob nicht mehr singen hören?«

»Es ist nun alles vorüber, Florentin, _alles_. Du bist der Bürger einer

fremden Erde. Der Strom der Zeit, der über uns hinwegrauschte, hat allen

meinen Kummer fortgespült, aber Dir scheint er Deine Schwärmerei gelassen

zu haben.«

»Ich bin ruhig, Holder, sehr ruhig. Vielleicht geht in dieser neuen Welt

der Stern meines Glückes ungetrübter auf. Ich will Dir dann mit Thränen

danken.« --

»Nun vorwärts!«

»Glück zu!« murmelte _Florentin_ und zog seinen Sohn mit heimlichem Grauen

näher an sich.

Schon dämmerte es durch die Felsengänge von der Oberwelt herunter; schon

athmeten die unterirrdischen Pilger eine andre Luftart; schon hörten sie

aus der Ferne das süße Zwitschern der Bergschwalben und das Herz

verdoppelte seine Schläge in allen.

Nach langem Tappen und Schleichen gewannen sie der Grotte Ausgang -- -- das

helle Tageslicht strömte ihnen entgegen -- -- -- entgegen scholl ihnen der

Vögel liebliche Melodei aus dem drei und zwanzigsten Jahrhundert; entgegen

ihnen der Eichenzweiche Lispeln im Morgenhauche. Schwelgend hing ihr Blick

am grünen Teppich des Erdbodens, schwelgend an den Gruppen der leichten

Gebüsche und Felsen, schimmernd in Aurorens Herrlichkeit -- -- -- Alles,

_alles_ war den Bürgern dieser Welt neu, und und alles, _alles so schön_!

»Elysium!« schrie _Florentin_, übermannt von unaussprechlicher Seeligkeit,

hintaumelnd in das hohe duftige Gras, und abküssend den Thau vom zitternden

Halme.

»Elysium!« jauchzte _Holder_ und sank auf seine Knieen, und der Mann

weinte, wie ein Kind, der sonst von keiner Thräne zu sagen wuste. Gefaltet

streckte er seine Hände gen Himmel; sein Blick, seine Miene, sein Seufzer,

seine Thräne war Gebet -- heisses, glühndes Gebet zum ewiglebenden,

ewigsorgenden Schöpfer des Schönen und Guten.

»_Elysium!_« rief der _Knabe_ und tauchte sich in das wogende Gras unter.

Er verstand das fremde Wort nicht, aber den Ton der Wonne darin.

Zweites Kapitel.

Idalla's Hütte.

Wer hätte es glauben sollen, daß der Herr von Sorbenburg jemals in

Gesellschaft seines Schwagers so nackt, als sie beide vor fünfhundert

Jahren den Händen der Mutter Natur entsprungen waren, am Alpengebürge

umherstreifen würden? Ein seltsamer Kontrast! Die ehmaligen feinen

gewandten Hofmänner zogen in ziemlich patriarchalischem Kostum umher, und

suchten Menschen; lagen bald an einer Quelle, sich zu baden, oder ihren

Durst zu löschen, bald unter einem Baum, um vor der Sonnenglut geschirmt,

von ihren Wanderungen auszuruhn, oder die aufgefundnen Wurzeln zu

verzehren; Inzwischen hatten sie Zeit genug, sich nach und nach des

entstellenden Bartes und der Greifenklauen zu entledigen, und wahrzunehmen,

daß ihre Gesichtszüge so wenig, als ihr ganzer Körper veraltet sei.

Ihre erste Sorge war Menschen zu entdecken. Es war ihnen nicht unbekannt,

daß am Fuße eines hohen Felsen, der _Kubbi_ hieß, ein Dörfchen gleichen

Namens gelegen war. Den Felsen fanden sie, aber das Dorf war verschwunden.

Neben einer kleinen Anhöhe entdeckten sie verwittertes hinter Dornenhecken

und Wacholdergesträuchen verborgnes Mauerwerk. Trostlos sezten sich die

beiden Abentheurer auf den Ruinen nieder, inzwischen der kleine _Karl_

umherjagte, einen Schmetterling zu fangen. Wie von einem guten Geist

geführt, entdeckte dieser von ohngefähr ein Bündel Matten, aus Bast

zusammengeflochten. Er schleppte es herbei; man trennte es und theilte sich

lachend in den Fund, der jezt die Stelle der seidnen Kleider ersetzen

mußte.

»Wahrhaftig,« sagte _Duur_: »die neue Welt ist gegen uns sehr geizig;

inzwischen bin ich doch froh, Spuren von Menschenhänden zu erblicken; denn

beinah glaubt ich, der ganze Erdball sei während unseres Schlafs entvölkert

und wir wankten noch allein auf dem ausgestorbnen Stern herum. Geduld, nun

können wir uns doch keuschen Augen präsentiren!«

Sie gingen zu der Stätte zurück, wo Karl das Bündelchen gefunden hatte,

vielleicht in der Hoffnung noch mehr zu finden. Wirklich überraschte sie

eine angenehme Erscheinung; nämlich ein halb verwischter Fußsteig schlich

über einer Wiese dem benachbarten Gehölz entgegen. Man beschloß ihn zu

verfolgen. Der Wald umfing sie mit seiner Kühlung und der Weg verlor sich.

Die Wandrer liessen sich nicht irren; sie trabten mit Muth und Glauben

weiter und fanden sich endlich am andern Tage an einem anmuthigen See, der

mitten im Walde sich ausdehnte und viele kleine Inseln bildete. --

Die größte von diesen Inseln zeigte ihnen ein hinter krausen Gebüschen

hervorragendes Hüttendach -- eine Entdeckung, welche sie alle vor Freude

wirbeln machte.

So jauchzten, so sprangen nicht die Entdecker _Amerikas_ auf _Colombs_

Schiffe durch einander, da nach der langen fürchterlichen Seefahrt vom

Mastbaume heruntergeschrien wurde: Land! Land! als hier unsre Abentheurer

jauchzten und tanzten.

»Eine Hütte! eine Hütte! -- Glück zu! -- wir haben überwunden!« so schrieen

sie durch einander und fielen sich um den Hals, küßten sich und hüpften her

und hin, und bemerkten nicht, daß ein allerliebstes, junges, weibliches

Geschöpf ihren Sprüngen mit Wohlgefallen zusah.

_Holder_ gewahrte der schönsten unter allen schönen Erscheinungen in der

neuen Welt zuerst.

»Bruder!« rief er und zeigte auf das Mädchen, welches wie eine Nympfe

dieses Hains, in idealischer Pracht des alten Roms, mit freien lockigten

Haar vor ihnen stand, zur Hälfte hinter einem wilden blühenden Rosenbusch

versteckt.

»Elysium!« rief _Florentin_, und näherte sich mit bittender Geberde dem

Mädchen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts.

Ach, und das Mädchen verstand ihn nicht. Sie sprach, und was sie sprach,

war gewiß der Mühe werth, es zu hören, aber keiner verstand sie.

Eine neue und keine geringe Verlegenheit! Die Pilger machten Blicke, Mienen

und Hände zur Zunge, und es gelang. Tiefen Mitleides voll trat die junge

Schöne näher, beantlizte sie schweigend, küßte den Knaben, und führte die

Fremdlinge durch einige Gebüsche an das Ufer des Sees, wo in einer Bucht

ein Kähnchen angebunden lag. --

Sie stiegen ein. Die niedliche Schifferin stieß vom Ufer ab. Hin tanzte der

Kahn freiwillig über die silbernen Spitzen der krausen Wellen und nach

einigen Minuten nahm sie alle das wildbewachsne Ufer der kleinen Insel auf.

Ausser einem Pudel und einem schwarzen Kater schien die Insel und die Hütte

kein geselliges Wesen zu umfassen. Aber doch brachte die gefällige Wirthin

ihren entzückten Gästen männliche Kleider. -- _Florentin_ und sein Gefährte

benuzten die Güte der wohlthätigen Insulanerin, und vertauschten ihre

patriarchalische Tracht mit Matrosenkleidern.

Daß die Wandrer nicht sobald das liebliche Eiland und die schöne Bewohnerin

desselben verliessen, darf ich wohl nicht sagen. Und weil die Sprache der

Insulanerin eine entfernte Aehnlichkeit mit der deutschen des achtzehnten

Jahrhunderts besaß: so wurd' es ihnen leicht sie zu lernen, und bald

konnten sie ihrer Freundin sagen: »Ich heisse _Florentin von Duur_!« --

»ich heisse _Ludwig Holder_!« -- »ich _Karlchen_!«

»Und ich bin _Idalla_!« entgegnete die freundliche Wirthin.

Drittes Kapitel.

Ein halbes Jahr.

Ein halbes Jahr verstrich den Kindern des achtzehnten Jahrhunderts in

dieser romantischen Insel, wie ein halber Frühtraum.

_Idalla_ eine andre _Calypso_ wuste durch den Zauber ihrer Unschuld und

Schönheit mächtiger zu fesseln, als weiland ihre Vorgängerin den Sohn des

schlauen _Odysseus_.

»Ist es möglich!« -- rufen die Leserinnen: »also darum schliefen sie ein

halbes Jahrtausend auf harter Streu, um im drei und zwanzigsten Jahrhundert

bei einem hübschen Mädchen zu tändeln, ohne sich um die neue Welt zu

bekümmern. Das glaube, wer da will. Hätten sie am Ende des achtzehnten

Jahrhunderts nur die schlechteste deutsche Provinzialzeitung mitgehalten:

so würden sie den Augenblick nach Paris gewandert seyn, um zu sehn, wohin

die Franzosen mit ihrer Revolution gekommen wären. Wenigstens hätten sie

eine alte Chronik, oder dergleichen nachschlagen können, um zu erfahren,

wie weit es dem alliirten Europa gelang, die Neufranken von ihrem

Revolutionsräuschchen nüchtern zu machen. Es ist nicht möglich!«

Nun, warum nicht. _Holder_, _Florentin_, _Karlchen_, _Idalla_, der Pudel

und der schwarze Kater lebten in einer so beneidenswürdigen Harmonie

beisammen, daß unsre Abentheurer nicht selten in den verzeihlichen Wahn

versanken, das wundersame Getränk in der Alpenhöhle habe sie in die

elysischen Gefilde gesandt, statt in das drei und zwanzigste Seculum.

Zwar war das Leben auf dieser Zauberinsel so einfach, jeder Tag in seinen

Begebenheiten dem andern so ähnlich, daß, so wie sich Tag und Nacht, sich

auch die täglichen Begebenheiten der Inselbewohner wiederholten. Aber dies

Einerlei war nie ermüdend, denn es war nie das _Einerlei der Empfindungen_.

Goß die Morgensonne ihre Purpurstrahlen über die Hütte, Eichen, Gebüsche,

Blumen, und Halme der Insel aus: so enthüpfte frohlockend jeder seinem

Gemache. Zärtlich war die Umarmung, als wäre eine Trennung durch die Nacht,

die Trennung durch ein Jahr gewesen. _Karlchen_ umklammerte jeden; jedem

bellte der Pudel seinen »guten Morgen« zu: der ernsthafte Kater wandelte

gnurrend vom Schoos des einen zum Schoos des andern und wedelte mit dem

Schwanze und schmeichelte.

Nun ging _Florentin_, die Flinte über die Schulter geworfen, auf die Jagd;

der Pudel begleitete ihn. -- _Holder_ verbesserte den Bau der Hütte,

drechselte nützliche Maschinen zusammen, sah zuweilen nach -- -- --

_Idalla_, welche im Garten entweder, oder am Heerde in Gesellschaft ihres

Katers geschäftig war, oder das Hühnervolk fütterte, oder ihre Ziegen und

Schafe auf grasreiche Plätze trieb.

Unter solcher Arkadischen Lebensart schmolzen Minuten, Stunden und Tage

hinweg.

Am Abend lagerte sich, nach vollendetem Tagewerk, die glückliche Familie

unter den großen Nußbaum neben der einsiedlerischen Hütte, dann mußten wohl

_Holder_, oder _Florentin_ ihre Schicksale erzählen und die gute _Idalla_

glaubte ihnen alles gern, nur der fünfhundertjährige Schlaf machte sie

ungläubig.

»Aber Du, schöne _Idalla_,« fragte dann _Holder_ und _Florentin_: »wie bist

Du so unglücklich oder glücklich gewesen, Dich in diese Einsamkeit

verschlagen zu sehn? Du hast uns noch nie davon erzählt.« --

»Noch nie?« entgegnete sie: »o, das sollt Ihr leicht erfahren. -- Ich

erzähle gern. Aber es wird Euch ermüden.«

»Ermüden? _Idalla_, Du uns ermüden?« sprach _Holder_ in einem

zärtlichstrafenden Ton.

»Nein, nein, es war mein Scherz!« erwiederte sie und sah ihm ins Auge, als

fürchtete sie, er zürne. Sie rückte ihm näher, ergriff seine Hand, und

lehnte sich an ihn.

»Hier will ich erzählen,« sagte sie: »hier will ich erzählen. Aber

aufmerksam müßt Ihr seyn!«

Sie warens alle. _Holder_ fühlte sich nie glücklicher, als in diesen

Augenblicken, wo _Idalla_, die fromme, unschuldige _Idalla_, in seinem Arm

wohnend, plauderte. _Florentin_ saß dem glücklichen Paar gegenüber, in

seinem Arme den kleinen _Karl_, seiner Louise Sohn. Zu seinen Füßen lag der

treue Pudel, und um die Reihe voll zu machen, hatte sich der ehrsame Kater

eingefunden, der gesellschaftlich Platz nahm und mit verschlossenen Augen

schnurrte.

Viertes Kapitel.

Die Erzählung.

»Ihr wißt doch, wie es jezt Krieg und Kriegesgeschrei ist im ganzen

deutschen Lande?« hub die süßstimmigte _Idalla_ an: »Nun, und da sich das

traurige Unwesen anspann, sagte mein Vater -- doch Ihr werdet nicht wissen,

wer mein Vater gewesen? Er war der reichste Mann im ganzen Dorfe Eldern,

und war ein sanfter, lieber, seelenguter Mann. -- Das Dorf Eldern haben die

Nordmänner abgebrannt, dort ist alles Wüstenei -- ach und glaubt es, mein

Vater würde bettelarm geworden seyn, hätte er nicht zur glücklichsten

Stunde die Flucht ergriffen.«

»Kinder, sagte er zu uns -- denn ich hatte noch zwei Brüder -- Kinder, die

Deutschen sind schlaffe, entnervte, mark- und saftlose Geschöpfe -- die

Nordmänner kommen mit eisernen Gliedern und schlagen die Deutschen, und ehe

wirs erwarten, dringen sie bis zu uns vor. Ja, vor alten Zeiten, vor vielen

hundert Jahren -- da wars anders! Da lebte ein gewisser König -- nun, wie

heißt er denn, der Vater wußte ihn zu nennen -- und dieser soll die

Deutschen zu Helden gemacht haben -- soll -- o, was soll er nicht alles

gethan haben! -- Drum, Kinder, fuhr der Vater fort, laßt uns von hinnen

ziehn, gebt acht, die Deutschen werden unterliegen!«

»Der Vater hatte Recht. Wir flüchteten. Ich war damals noch ein Kind. Wie,

das weiß ich nicht, kamen wir endlich auf diese Insel her, und sicher

lebten wir vor jedem Ueberfall. Aber« --

»Aber mein armer Vater wurde endlich so schwach, so matt, daß ich ihn

führen mußte. O, hättet Ihr ihn nur gesehn, Ihr hättet ihn wahrlich lieb

gewonnen. -- Einen solchen ehrlichen sanften Blick und die zarten Falten,

die von den Winkelspitzen seiner Augen ausliefen und bei jedem Lächeln

sichtbarer wurden, einen solchen Mund, der noch nie Ursach gehabt hatte,

begangne Sünden zu bekennen -- ach, solchen Mann habt Ihr gewiß noch nicht

gesehn. -- Es war ein heisser Mittag. -- Vater, fragt' ich ihn, willst du

nicht draussen ruhn in dem kühlen Schatten des hohen Eichbaums? -- Ich

will, gab er zur Antwort, und hurtig führt ich ihn hieher, sezte mich neben

ihn nieder und hielt sein Haupt in meinem Schoos -- Idalla, sagte er, Gott

lohne Dirs, im bessern Leben sehn wir uns wieder. -- Da sehn wir uns

wieder! entgegnete ich, und schluchzte.«

»Der Vater schlief. Ich ward still wie eine Maus, hörte auf zu weinen,

athmete nur kaum, um den holden Greis nicht zu erwecken.«

»Es rückte der Abend heran. Meine Brüder erschienen mit ihm, sahen mich und

den Vater und lachten, lachten ob meiner Einfalt, denn der Vater schlief

den Schlaf des Todes. -- O, meine Brüder, wie sie so grausam waren! Sie

lachten ein lautes, schallendes Gelächter -- indeß ich mich weinend über

den Leichnam meines lieben Vaters hinbog. -- Der Mond ging auf, aber sehr

blaß, als hätte er auch geweint. -- So viel Sterne am Himmel blinkten, so

viel Thränen weint' ich in dieser Nacht, und meine unbarmherzigen Brüder

gruben eine tiefe Gruft. -- Und der Morgen erwachte, aber mein Vater,

nicht, da weinte ich noch mehr. Und die Brüder rissen mir den alten Mann,

ach, denkt doch, rissen ihn mir aus dem Schoos -- und stürzten ihn hinunter

in die Gruft. -- Ich lag auf den Knien vor den harten Männern, und bat für

den armen lieben Vater, aber sie verstießen mich. -- Ich wollte mich

hineinwerfen zum Vater in die Gruft, doch man zerrte mich bei den Haaren

zurück. -- O weh, wie hatt' ich so grausame Brüder!«

»Gutes Kind!« rief Holder bewegt, und drückte die unschuldige Erzählerin an

sich.

»Aber« fuhr _Idalla_ fort: »aber ich härmte mich endlich nicht mehr so

sehr. Ich wurde wieder munter und sprang umher. -- Da kamen meine Brüder zu

mir und sagten: es wird uns das Leben hier unerträglich. Folg' uns in die

weite Welt hinein, oder wir gehn allein. -- Geht allein! sagt' ich, denn

unser Vater prieß sich glücklich hier zu wohnen -- ich bleibe hier.«

»Sie verließen mich. -- Ich habe sie nicht wieder gesehn. Draußen ist Krieg

und Kriegsgeschrei, Gott steh ihnen bei! -- und ich -- ach ich war

zufrieden in meiner Einsamkeit, die wilden Brüder thaten mir nicht mehr

weh. -- Ich fing mir meine Fische, fütterte meine Ziegen, plauderte mit

meinem Pudel, badete mich in schönen Stunden, und in einer derselben -- nun

das wißt ihr ja!«

»Ich sah Euch, und glaubte, Ihr wäret meine Brüder. Ich war bestürzt und

froh. -- Ihr sahet meine Hütte, zeigtet auf sie. Ha, dacht ich, sie haben

gewiß nichts sich zu bedecken, gieb ihnen die Kleider deiner Brüder. Und

nun führt ich Euch hieher, und gab Euch die Kleider, und das war meine

Geschichte. Mehr weiß ich nicht. -- Seid Ihrs zufrieden?«

Holder küßte ihre Stirne.

Solche Scenen hatte Florentin, hatte Holder noch nie gekannt; wären ihnen

izt Königskronen für die Insel der schönen Idalla geboten; sie hättest

keinen Tausch gewagt. -- Auch weiter hinaus in die Welt wagte sich keiner

von ihnen; wie ein Paar Schiffbrüchige, die so eben den schäumenden Wirbeln

des Oceans entwischt sind, angespült daliegen auf einer freundlichen

Uferklippe, und sich dankbar und froh fest anschmiegen an diese, und nicht

weiter forschen und fragen, ob dahinter blühnde Fluren wohnen: so

_Florentin_ und _Holder_.

Zufrieden mit dem Leben, zufrieden nur noch _dazusein_, sehnten sie sich

nach keinem Futter für ihre Neugier.

_Holder_ war gar nicht mehr der ernste, düstre Mann, sondern das wahre

Muster einer feinen Jovialität. Die fünf Jahrhunderte hatten keine Spur

ihrer Gewesenheit auf seinem Antlitz hinterlassen; mit frischer,

bräunlicher Wange, hellem, brennenden Auge, hoher, lachender Stirn, webte

er in voller, männlicher Schöne, und keine Krankheit, keine Leidenschaft

blies die Schminke der Gesundheit von seiner Wange ab. Bei alle dem hatte

er jenen interessanten, merkwürdigen Zug der Mienen verloren, welcher

Männer- und Weiberherzen magnetisch an sich zog, welchen _Rikchen_ einst

verführerisch fand, und dessen Gewalt auch -- Idalla eingestand, ohne sich

dessen bewußt zu seyn.

Fünftes Kapitel.

Die Verwandlung.

_Idalla_ schlich hinter dem Garten im Mondenschein umher und dachte und

nannte -- _Ludwig Holdern_. Und _Holder_ schlich an der Hütte diesseits des

Gartens, und dachte -- an wen? -- an _Rikchen_ und _Idalla_.

»Nein, Florentin, nein!« rief er: »ich verlasse diese Insel und diese

_Idalla_ nicht! -- Und hinge der Weltlauf dieses Jahrhunderts in einem

Spiegel vor mir, ich höbe meine Augen nicht zum Spiegel auf. Ruhe der

Seelen ist ein Kleinod, welches mit keiner Monarchie bezahlt, mit aller

Stubenweisheit nicht erphilosophirt werden kann. Ich habe dies Kleinod

gefunden und vertausch es nicht für die Befriedigung meiner Neugier.«

»Zwar mißfällt mir dies idealische Schäferleben nicht,« entgegnete dann

gewöhnlich _Florentin_: »Aber, Holder, dies Jahrhundert zu betrachten, und

seinen Kontrast mit dem unsern -- dies wär' eine Seligkeit mehr. Ich gehöre

nun einmal schon zu den Alltagsmenschen, die das Leben bloß aus Neugier

lieben.«

Holder. Ach, glaube mir, es werden die Menschen dieses Zeitalters um nichts

besser, um nichts glücklicher seyn, als ihre Brüder in der Vorwelt. Die

Weltordnung wird keine Revolutionen erleben; das Wesen bleibt, wenn gleich

das Kleid veraltet; die Dinge verlieren nichts, sondern wechseln nur Farb'

und Namen. Ist dies Jahrhundert reich an Philosophen: so ists gewiß auch

reich an gediegnen Narren; erblickst du starkes Licht, so fehlt gewiß auch

der grelle Schatten nicht.

Florentin. So hätten wir unsern Schlaf ersparen können.

Holder. Nein, er war nothwendig zu unsrer Ruhe. Siehe, izt schwimmt die

Vergangenheit nur in nebelhaften Gestalten vor mir, wie ein halbvergeßner

Traum. Alle meine Wunden sind geheilt; ich fühle in mir nichts, als

Anlagen, glücklich zu werden. Weg nun mit der Welt, weg mit ihrer

Herrlichkeit, ihren Lorbeerkronen; sie lockt mich nicht mehr, denn ich

kenne sie.

Florentin. (mit Verwunderung.) Holder, bist du es wirklich?

Holder. Ich habe gelebt; habe gerungen, gearbeitet, gelacht und geblutet

und der ganze Schatz welchen ich mir endlich eroberte, ist nur ein kleines,

goldnes Sprüchlein: Glücklich zu seyn ist unser großer Beruf: _suche dein

Heil nicht auf den Schlachtfeldern als Held_, denn die Lorbeern, welche du

dort pflückest, wurden begossen mit Thränen und Blut, und höchstens die

feile Fama der Zeitungen, höchstens ein gewässertes Band -- ist dein Lohn.

_Suche dein Glück nicht neben den Thronen;_ dort gedeiht die zarte Pflanze

des ächten Glücks nicht; zwar lockt der Sonnenstrahl der Fürstengunst das

Pflänzchen schnell hervor aus dem Boden, aber es verwelkt auch eben so

leicht an diesem heißen Strahl; _Suche deinen Himmel nicht in dem

buhlerischen Blick der Weiber;_ deine Nerven werden stumpfer und dein

Himmel wird trübe. _Berechne deine Seligkeit nicht nach der Summe deiner

Goldstücken;_ wer den Schlüssel zum Thor der Freuden hat, versteht darum

noch nicht das Zauberschloß zu öffnen, sondern friert oft zeitlebens an der

Schwelle von außen. -- Losgekettet von der sogenannten großen Welt, wo der

Zufall über das Verdienst, die Narrheit über die Vernunft, der Geldbeutel

über die Tugend, die Mode über die Wahrheit siegt, eben so fern vom Mangel,

als vom Ueberfluß, in unverdorbner Gesundheit des Leibes und der Seele

leben, nicht von _tausenden_ bewundert, aber von _einem_ freundlichen

Herzen recht heiß geliebet werden, -- Bruder, dies ist Erdenseligkeit!

Florentin. Ich widerspreche dir nicht.

Holder. Topp, folge mir! Glaube mir, daß alle Erfahrungen, welche wir über

dieses Zeitalter einsammeln werden, mehr unsre glückliche Laune tödten, als

nähren werden. Ich mag von der Iztwelt grade nicht mehr und nicht weniger

wissen, als mir das Ohngefähr davon zu Ohren bringt. -- Wenn mich ja einmal

der Dämon Neugier zu sehr foltert, ei nun, so wird sich ja wohl ein

historisches Compendium auftreiben lassen, worin die Genealogien, Rathen

und Thaten der Könige, Kaiser, Fürsten, Republiken, Helden, Narren,

Scribler und Queerköpfe erzählt sind. Damit will ich mich gern begnügen. --

Florentin. Aber Kanella, und Frankreich, und Pohlen, und Preussen -- -- --

Holder. (lächelnd.) Und Dänemark, Otaheite, die ottomanische Pforte,

Abessynien, China, Rußland und Spanien!

Florentin. Wo ist meine Flinte und mein Pudel?

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3 · 第 1 / 17 题